ALF an der Urne. Landtagswahl in Meusebach.


Am Tag, an dem jeder vierte Thüringer einen Faschisten wählt, fahren wir nach Meusebach. Meusebach ist eines jener kleinsten Dörfer des Landes, das wir schon mehrmals besucht haben. Meusebach hat 92 Einwohner, 78 sind wahlberechtigt, am Ende des Tages werden 69 von ihnen gewählt haben.

Das kleine Dorf liegt etwa zwanzig Kilometer südlich von Jena, eingebettet in einem Tal. Neben einem schmalen Bach schlängelt sich die Dorfstraße, die nach der Wendeschleife in einen Wald übergeht. Hier stehen keine großen Höfe, sondern Häuschen, nicht wenige davon Fachwerk. Aus einer alten Scheune haben die Dorfbewohner selbst ein Gemeindehaus gebaut, die Spatzenjägerhalle. Wo sie sonst Fasching, Weihnachten, Dorffest feiern, ist heute das Wahllokal.

Zwischen Theke und DJ-Pult sind drei lange Tische aufgebaut. Dahinter sitzen die Wahlhelfer; eine Lehrerin gehört dazu, der ehemalige Brandwart, der zwei Tage zuvor an diesem Ort seinen Ausstand feierte, einer, der bei einem Autozulieferer arbeitet, eine, die bei einem optischen Betrieb angestellt ist.

Auf der Wahlurne klebt ein ALF-Sticker, der vor vielen Jahren Hanuta beigelegt war. »Was halten Sie als Außenstehender von Intelligenz« steht darauf. Vor den beiden Wahlkabinen hängen Vorhänge mit einem Blümchen-Muster, jemand sagt einmal, das seien alte Dederonschürzen. Mehrmals wird der Scherz gemacht: Ob du die rechte oder linke Kabine nimmst, zeigt, wie du wählst.

Vormittags bringt eine Frau aus dem Dorf den Wahlhelfern Kaffee vorbei, nachmittags eine andere Kaffee und Baumkuchen. Mit fast jedem, der das Wahllokal betritt, wird ein Plausch gehalten; über Aktuelles im Dorf gesprochen, kleine Frotzeleien, Erkundigungen. Kinder kommen mit, sie pusten Luftballons oder schauen auf den ausgelegte Musterstimmzettel und fragen, ob ihr Name darauf stehe, man sie wählen könne.

Ein wichtiges Thema ist die Halloweenfeier am kommenden Mittwoch. Einer der Jungen will T-Shirts mit Kunstblut bespritzen und im Wald aufhängen, um die Mädchen zu erschrecken. Dazu soll über eine Bluetoothbox das Lachen des ES-Clowns laufen. Die Männer überlegen, wie viele Bratwürste es braucht, die Frauen, wie viel Teig für das Stockbrot. Sie sprechen über den Bauwagen, den sie für die Kinder des Dorfes neben das Gemeindehaus stellen wollen, damit diese ihren eigenen Rückzugsort haben. Bald ist Faschingsauftakt, in Katalogen mit Kostümen wird geblättert.

Über die AfD wird in der Halle nicht gesprochen. Dort ist es untersagt, politische Äußerungen zu machen, sie können beeinflussen. Vor der Halle beziehen dagegen einige Stellung. Sie sind wütend, ihre Haltung ist klar. Sie können nicht verstehen, weshalb die Menschen hier, ihre Nachbarn, sich für die AfD entscheiden. Mit den Befürwortern sprechen wir an diesem Tag nicht. Hier ergreifen sie nicht das Wort, sie geben nur ihre Stimme ab.

Die Schichten der Wahlhelfer sind geteilt; die ersten haben von acht bis eins Dienst, die anderen von eins bis sechs. Ab achtzehn Uhr zählen alle gemeinsam aus. Nach eins sind die meisten Stimmen schon abgegeben – viel wird nicht mehr passieren. Es heißt warten. Langsam verstreichen die Minuten. Alles wäre einfacher zu haben, jeder und jede hätte etwas zu tun: mit den Kindern was unternehmen, im Garten arbeiten, Holz aus dem Forst holen. Alle bleiben, alle machen weiter.

Zu jeder Wahl werden etwa siebzig Stimmen abgegeben und dafür heißt es jedes Mal acht Stunden ausharren. Das Wort Demokratie fällt nur einmal an diesem Tag, beim Anstoßen mit trockenem Sekt, »Auf die Demokratie«, es ist ironisch gemeint. Doch da ist keine Ironie. Da sind acht Stunden in einem Wahllokal in einem Ort mit neunzig Einwohnern.

Gegen fünf kommt jemand vorbei. Er baut sich vor den Wahlhelfern auf und sagt: »Die wichtigste Stimme immer kurz vor dem Ende.« Wie zufällig kramt er aus der Hosentasche ein Foto von Erich Honecker. »Das ist mein Mann«, sagt er, »wenn ich könnte, würde ich den wählen.« Er verschwindet in der rechten Kabine. Als er den gefalteten Stimmzettel in die Urne geworfen hat, machen ihn die Wahlhelfer auf die Winterzeit aufmerksam. Er ist irritiert, grummelt, davon habe er nichts gewusst. Noch einmal packt er das Honeckerfoto aus, verlässt dann die Spatzenjägerhalle.

Als das reale achtzehn Uhr näher rückt, treffen nach und nach Dorfbewohner im Gemeindehaus ein. Es sind jene, die beim Organisieren oft dabei sein, bei den Zusammentreffen, beim Schmieden von Plänen. Sie holen sich Bier und nehmen in einigem Abstand zu den Wahlhelfern Platz. Worte fallen wenig, alle wissen, heute Abend geht es um etwas.

Nach sechs beginnt die Auszählung. Die Siegel der Urne werden gebrochen, die Stimmzettel auf den Tisch gekippt. Die Schriftführerin gibt die nächsten Schritte vor, die Wahlhelfer führen sie aus: Stimmzettel in Zehnerhaufen, um die notierte Zahl der Stimmabgaben mit der tatsächlichen zu vergleichen. Danach Ordnen in zwei Stapeln; einmal identische Erst/Zweitstimme, einmal unterschiedliche Präferenzen. Den größeren ersten Stapel anschließend nach Parteien ordnen, zusammenrechnen, diese Zahl ins Formular schreiben. Vom anderen Stapel erst die Kandidaten-, dann die Parteienstimme zählen und zusammenrechnen.

Auch wenn es von außen einfach scheint – man muss doch nur Stimmen abgeben und dann zusammenzählen – ist es in der Umsetzung wesentlich komplizierter. Es braucht einen Raum, es braucht Menschen, die vor dem Wahltag geschult werden, am Wahltag selbst viele Stunden aufbringen, es braucht das genaue Ausfüllen vieler Formulare und es braucht Mitarbeit, Mitdenken, damit am Ende einige Prozentzahlen im zugehörigen Amt gemeldet werden können.

18:36 Uhr geschieht das. Dann stehen die Ergebnisse fest. Größtenteils schweigend haben alle im Raum die Geschehnisse verfolgt. Hin und wieder ein Raunen. Allmählich setzt Gemurmel ein. Die Linken liegen knapp über dem Landesdurchschnitt, die AfD fünf Prozent darunter, die CDU ist bei den Erststimmen gleichauf den Linken. Zwei Stimmen und damit drei Prozent gab es für die Gesundheitsforschung, eine Partei, die Geld aus der Armee in die Altengesundheit umverteilen will.

Wie es im Land ausgegangen ist, erfahren wir erst zur nächsten vollen Stunde. In Meusebach gibt es keinen Mobilfunkempfang, das Radio spielt hauptsächlich Musik und vermeldet immer dann Ergebnisse, wenn wir es leise gedreht haben. Gegen neunzehn Uhr endlich die Zahlen, die gedämpfte Stimmung wird noch ruhiger. Eine zweite Runde Bier wandert. Viel diskutiert wird nicht; im Grund hat man die Zahlen geahnt, man weiß auch, wen sie in Ämter bringen, welche Gedanken. Alle wirken erschöpft und müde.

Die Anwesenden schrauben die Wahlkabinen auseinander und tragen sie weg. Sie räumen Tische zusammen, packen die Stimmzettel in einen Karton, der bis 22.00 Uhr im Amt sein muss. Dann löschen sie das Licht. Die Spatzenjägerhalle wird dunkel. Meusebach hat gewählt. Am Mittwoch treffen sie sich wieder, dann zu Halloween.