Die Zukunft Deutschlands entscheidet sich in Gerstengrund


Ende Februar fahren wir zurück nach Gerstengrund. Im Gemeindehaus sind die Tische schon gedeckt. Neben Gebäcktellern steht dort »AfD«-Bier, zehn Kästen bekam das Dorf im Herbst 2019 von der »Die Partei« geschenkt, weil Gerstengrund die einzige Gemeinde war, in der die AfD zur Landtagswald keine einzige Stimme erhielt.

Gerstengrund liegt in der Rhön, am Ende des Kohlbachtals, nur eine Straße führt hinein, keine hinaus. Zu Zeiten der Gegenreformation flüchteten Katholiken hierher und blieben dort. Zu DDR-Zeiten befand sich Gestengrund unmittelbar an der innerdeutschen Grenze und durfte nur mit Genehmigung betreten werden. Der Glaube hier ist besonders stark und die Abneigung gegen den Kommunismus besonders groß. Bei der letzten Wahl erhielt die CDU 82,9% der Stimmen. Es hat auch Zeiten gegeben, in denen die CDU bei hundert Prozent lag. Sehr viel mehr Zuspruch für die CDU wird man deutschlandweit nicht finden. Und deshalb ist es wichtig zu schauen, wie Gerstengrund nach den Ereignissen der letzten Wochen über die Zukunft darüber denkt.

In den letzten Wochen ist etwas Erstaunliches geschehen: in konservativen Kreisen wurde öffentlich und über die üblichen Standardversicherungen hinaus über die Gefahr des Rechtsextremismus gesprochen. Die AfD wurde als rechtsextrem bezeichnet, nach den Ereignissen von Erfurt einer Zusammenarbeit mit der AfD, die davor mehrfach erwogen wurde, eine deutliche Absage erteilt. Dazu wurde erstmals in der breiten Öffentlichkeit über die »Hufeisen-Theorie« diskutiert und damit das falsche Narrativ – linksextrem ist gleichermaßen gefährlich wie rechtsextrem – in Frage gestellt. Selbst jemand wie Friedrich Merz bezog in seiner Aschermittwochrede in Apolda deutlich Stellung.

Warum das so wichtig ist? Eine Studie untersuchte, wann demokratische Systeme ins Autoritäre gleiten. Es liegt nicht daran, wie sich Linke verhalten, sondern wie Konservative entscheiden. Grenzen sie sich klar ab von rechtsautoritären Parteien oder versuchen sie mit diesen zu verhandeln, vielleicht zu kopieren? Im letzten Fall steigt die Wahrscheinlichkeit drastisch an, dass Demokratien kippen.

Die Vorgänge von Erfurt zwingen die CDU in eine Diskussion, die spätestens seit 2015 hätte geführt werden müssen: Wie verhalten sich Konservative zur rechtsextremen AfD? In der Partei gibt es verschiedene, sich zum Teil widersprechende Standpunkte, oft auch nach Ost/West getrennt. Doch war diese Frage in der Partei wesentlich unbedeutender als die Frage: Wie verhält man sich zu Links bzw. der Linkspartei. Nun findet eine Auseinandersetzung statt. Auch wenn die öffentliche Meinung der letzten Wochen eine klare Richtung vorgibt, hat der Diskurs in der Partei und innerhalb der Wählerschaft gerade erst begonnen. Die Entscheidung über den neuen Vorsitzenden wird diesen Diskurs bestimmen, auch die Geschehnisse der nächsten Monate.

Zurück zu Gerstengrund: Wer konservativ ist (Glaube, Familie, Stabilität seien die drei wichtigsten Werte hier, wird uns an diesem Abend gesagt), was hat der für Möglichkeiten, konservativ zu wählen? Bleibt er bei der CDU, die sich in der MP-Wahl blamiert gemacht hat? Wählt er rechtsextrem, (neo)liberal, inwieweit ist eine Öffnung nach links denkbar?

Gerstengrund hat bisher eine klare Ansage gemacht. Konservativ ist nicht rechtsextrem. Als wir das an dem Abend ansprechen, gibt es keine Reaktion. Man will kein Schulterklopfen dafür. Auch bei mehrmaligen Nachfragen bleiben Antworten aus. Darüber will man nicht reden. Nur einmal öffnet sich die Tür ein klein wenig: FDP sei gerade nicht vorstellbar, wenn, dann Grün vielleicht. Tatsächlich sprechen wir an diesem Abend mehrmals über Umweltschutz, Massentierhaltung und Fleischkonsum, grüne Themen. Aber es bleibt eine einzelne Meinungsäußerung.

In den umliegenden Orten, kleinen Städten gibt es auf kommunaler Ebene Zusammenarbeiten mit der AfD. Menschen, die parteilos waren, kandidierten für die AfD, wurden gewählt, entscheiden heute auf kleiner Ebene über die lokale Politik mit. Am Ende des Kohlbachtals ist das noch nicht so. Ob auch bei der nächsten 82.9% für die CDU stimmen, ob sich die Stimmen anders verteilen, wohin sie wandern, wofür sich der Konservative entscheidet, das wird entscheiden, in welche Richtung das Land geht. In Gerstengrund ebenso wie im Rest der Republik.

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