Coronamonate. April.

30. April | Handgemenge

Draußen heute eine selbstbewusste Aggression ausgewählter Mitmenschen. Selbstbewusstes Nichttragen von Schutzmasken in schutzmaskenpflichtigen Bereichen in Verbindung mit triumphierenden Blicken zu den Schutzmaskentragenden. Selbstbewusstes Drängen von Einkaufswagen gegen Einkaufswagen in Verbindung mit asozialem Kassenschlangenverhalten. Selbstbewusstes Draufzufahren auf grüne Fußgängerampeln. Auf ein Niesen ein herzhaftes »Corona« entgegnen. Vermutlich, weil alle ahnen, dass der letzte Tag dieses Monats nichts zum Abschluss bringen wird, dass die Handgemenge zunehmen werden.

Ansonsten: Selbstbewusst fordert die deutsche Autoindustrie vierstellige Kaufprämien ein und hält den Verzicht auf Dividendenausschüttungen für eine »schlechte Idee«. Das Gesundheitsministerium stellt die Einführung von Corona-Immunitätsausweise in Aussicht. Laut einer Studie der Charité ist die Viruslast bei Kindern und Erwachsenen gleich hoch. Die Bundesagentur für Arbeit meldet zehn Millionen Kurzarbeitende, dreißig Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmerinnen.

Beim Besuch einer Klinik trägt US-Vizepräsident Mike Pence als einziger keine Atemschutzmaske. Aufgrund des Sicherheitsabstandsgebots verwandelt sich ein Stripclub in Oregon in einen Drive-In-Stripclub. Herausgeberinnen wissenschaftlicher Zeitschriften vermelden, dass Einreichungen von Männern in den vergangenen Wochen um 50 Prozent gestiegen sind, während Wissenschaftlerinnen kaum noch Texte vorlegen.

Weil nicht sicher ist, wann die Kinos wieder öffnen, dürfen die Oscars im nächsten Jahr auch an nur gestreamte Filme verliehen werden. Die französische Liga wird abgebrochen, einige Vereine liebäugeln damit, einige Spiele trotzdem im Ausland, in Deutschland auszutragen.

Auf der Titelseite der Financial Times erscheint die Meldung, dass Nook, der Waschbär-Banker in dem in Coronazeiten zu besonderer Popularität gelangtem Computerspiel Animal Crossing die Zinsen gekürzt hat und die Spieler somit gezwungen sind, mit Rüben und Taranteln zu spekulieren.

29. April | Der Virologe als Feindbild

Ich sehe den Virologen. Er sitzt in einer Talkshow. Er spricht mit der Sprecherin einer Nachrichtensendung. Er gibt einer Zeitung ein Interview. Ich höre seine Stimme im Podcast.

Der Virologe (ich schreibe in der männlichen Form, weil ich Virologinnen kaum sehe) ist meine kürzeste Verbindung zum Virus. Er ist am nächsten dran am Virus. Weil ich nichts über ein Virus weiß, übersetzt er sein Wissen so, dass ich verstehen kann. Es ist eine Art Paradoxon. Als Forscher sollte er forschen. Doch wenn er nicht erklärt, bleibt sein Wissen ohne Folge. Also erklärt er. Und während er erklärt, kann er nicht forschen.

Der Virologe ist ein Überbringer schlechter Nachrichten. Er erklärt, wie das Virus zerstört. Er erklärt, wie sich das Virus verbreitet. Er erklärt exponentielles Wachstum. Er erklärt, weshalb Kinder genauso Überträger sind wie Erwachsene. Er erklärt, was es braucht für einen Impfstoff.

Der gute Virologe ist Wissenschaftler. Bis er eindeutig sein kann, vergeht Zeit. Er liest Studien (gut gemachte und schlechte) und schlussfolgert, er testet und entdeckt und entdeckt nicht, er probiert Thesen aus und verwirft, er nähert sich, interpretiert Zahlen und erstellt Modelle, rechnet durch und extrapoliert. Er widerruft und bessert nach, legt nach und ergänzt. Auf vieles kann er heute keine unumstößliche Antwort geben, nur die aktuellen Erkenntnisse in den Raum stellen, sie können das Gegenteil voneinander sein.

Viele halten diese Uneindeutigkeit nicht aus. Sie erwarten, dass er sich breitbeinig hinstellt und einen Satz sagt, der alles für immer erklärt und der klare Handlungsanweisungen enthält. Sie erwarten, dass er die vielen Leerstellen seines Wissens selbstbewusst ignoriert, sie erwarten von ihm die Wahrheit und das jetzt. Wenn der Virologe ein guter Wissenschaftler ist, wird zu diesen Leerstellen stehen, er wird sie zum Zentrum seiner Aussagen machen, er wird sich nicht breitbeinig in die Talkshows setzen, er wird nicht vorgeben, zu wissen, was noch nicht gewusst werden kann.

Der Virologe wird beschimpft. Politiker beschimpfen ihn, Philosophen, Theaterregisseure, die Frau auf der Straße. Sie nennen ihn Meinungsänderer, Teil einer Expertokratie, von einer Unterwerfung unter Dekrete von Virologieprofessoren sprechen sie, sagen, sie können sich nicht auf ihn verlassen, was der macht eigentlich den ganzen Tag, warum weiß er das nicht. Dem Virologen wird gedroht, mit Mord wird ihm gedroht, ihm, seiner Familie, der ganzen Zunft. Hasserfüllt sind die Botschaften an ihn, er wird zum Symbol für alles, was falsch läuft, was als falsch empfunden wird.

Jeder sucht sich seinen eigenen Virologen, dem, dem man sein Vertrauen schenken kann. Viele wählen für dieses Vertrauen Menschen, die keine Virologen sind, keine Epidemiologen, keine Wissenschaftler. Sie suchen Wissenschaftler, die nicht wissenschaftlich arbeiten, sie suchen Antworten bei youtubechannels, die ihnen der Onkel der Bekannten der Nachbarin bei WhatsApp empfohlen hat, weil dort gesagt werde, was sonst nicht mehr gesagt werden dürfe.

Es gibt viel Wissen, noch mehr Halbwissen, noch mehr absichtlich produziertes Unwissen. Für jedes Weltbild gibt es eine Quelle, jede Theorie den entsprechenden Professor, für jede Mutmaßung einen Experten, der die eigene Annahme bestätigt. Es gibt viel mehr Ken Jebsens als Virologen, viel mehr Facebookkommentare als Papers, viel mehr privat gerauntes »Ich habe gehört, dass« als Studien. Der Wirtschaftsverband hat seinen Virologen, der DFB einen, Armin Laschet hat einen, alle haben einen.

Der Virologe sitzt in der Talkshow, er spricht in Interviews und veröffentlicht. Während er erklärt, wird er zum Feindbild.

Ansonsten: Die Forschungsorganisationen Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft veröffentlichen ein gemeinsam verfasstes Papier, das Strategien zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie enthält. Ein Grund ist auch, dass es so einen Standpunkt definiert, den die wichtigsten wissenschaftlichen Institutionen gemeinsam tragen, dass sich so sagen lässt: Das ist nicht die Ansicht einzelner Wissenschaftler, das ist die Ansicht der Wissenschaft.

28. April | Das Virus als Marke

Wäre das Virus eine Marke, wäre sein Branding: »nur gefährlich für sehr alte Vorerkrankte, Tod durch Lungenentzündung, Symptom trockener Husten«.

Das Branding hat in den ersten Tagen des Virus in Deutschland stattgefunden, auf Grundlage des damals bestehenden Wissens. Diese kurze Information ist, was abgerufen wird, wenn an SARS-CoV-2 gedacht. Anhand dieser Einschätzung leitet sich oft das eigene Verhalten zur Pandemie ab, u.a. bei mir.

Möglicherweise wäre ein Rebranding angebracht. Oder zumindest festzuhalten, dass alles doch nicht so klar und eindeutig ist und knapp vier Monate nach der Identifizierung des Virus erstaunlich wenig bekannt darüber ist; bezüglich der so unterschiedlich ein- und nicht eintretenden Symptome, bezüglich der betroffenen Organe (weit mehr als nur die Lunge), weshalb es Todesfälle bei jungen Nichtvorerkrankten gibt, lauter Informationen, die das Gegenteil der ersten Informationen darstellen.

Vielleicht würde diese Neubewertung des vermeintlich sicheren Wissens über den Virus die persönliche und öffentliche Reaktion darauf beeinflussen, vielleicht auch in privat geführten Diskussionen helfen.

Die umstrittene Zahl des Reproduktionsfaktors (umstritten, weil sie aufgrund fehlender Daten nur geschätzt werden kann), die Zahl, von der gesagt wird, dass sie unter 1 liegen müsse, damit die Ausbreitung unter Kontrolle gehalten werden kann, liegt laut Robert-Koch-Institut am Montag bei 1. Für Dienstag wird die Zahl mit 0,9 angegeben.

Ansonsten: In Spanien dürfen nach mehreren Wochen Shutdown wieder die Kinder mit einer Begleitperson die Wohnung verlassen. Im chinesischen Yangzheng tragen Grundschüler 1-Meter-Abstand-Hüte. Die finnische Regierungschefin gibt eine Pressekonferenz nur für Kinder, auf der sieben bis zwölfjährige Kinder die Fragen zum Thema Corona stellen. In Großbritannien steigen die Anrufe beim Frauennotruf wegen häuslicher Gewalt um 49%.

In Amerika gibt es über eine Million Infizierte und knapp 60000 Tote. In Deutschland besteht nun bundesweite Maskenpflicht im Einzelhandel. Boris Palmer sagt in einem Interview: »Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären« und entschuldigt sich aufgrund der zahlreichen Kritik wenige Stunden später für seine Aussage. Frank Castorf sagt: »Ich möchte mir von Frau Merkel nicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss. Das beleidigt meine bürgerliche Erziehung.«

27. April | Systemschaf im Schallhaus

Heute ein nicht-coronabezogener Dreh im Schallhaus auf der Anlage von Schloss Heidecksburg in der schönen Residenzstadt Rudolstadt. Wobei es momentan keine nicht-coronabezogenen Dreharbeiten geben kann. Das Schallhaus wird restauriert, Anfang Mai sollte mit großem Gartenfest gefeiert werden. Da ein Fest nicht möglich ist, soll nun ein kurzer Film zumindest den Interessierten das Schallhaus zeigen, d.h. ohne Corona würden auch keine Dreharbeiten stattfinden. Und weil es Corona gibt, finden die Dreharbeiten anders statt als sonst; Mundschutz (dem dann doch erstaunlich wenige am Drehort Folge leisten) und Sicherheitsabstand.

Ein Streichquartett sitzt fast zwei Meter voneinander getrennt und spielt die Greatest Hits von Mozart. Die Musikerinnen sagen, dass dies ihre erste gemeinsame Probe seid März sei, sie seien sehr froh, wieder zusammenspielen zu können. Momentan würden sie zuhause vorbereiten, gemeinsames Proben würde das aber nicht ersetzen. Neben Radio und Zeitung ist das Fernsehen da, es berichtet über die Dreharbeiten, weil Dreharbeiten in Coronazeiten berichtenswert sind, wieder so ein Paradoxon, weil es für diesen Bericht über Dreharbeiten ja Dreharbeiten bräuchte und darüber könnte auch berichtet werden, Dreharbeiten über Dreharbeiten über Dreharbeiten über Dreharbeiten über Dreharbeiten in Coronazeiten, ein ewiger Spiegel.

Wenn man aus dem Schallhaus tritt, das über eine besondere Akustik verfügt, dank derer man über mehrere Stockwerke hinweg ausgezeichnet hören kann, liegen auf der Wiese vor dem Pavillon Menschen auf Decken, sie umarmen sich zur Begrüßung, sie teilen Wasserflaschen, man nimmt das so hin, Ende April, ein Tag, nach dem Armin Laschet bei Anne Will saß.

Ein Nachsatz zum gestrigen Eintrag, dem Transkript eines Videos über die Hygienedemonstration. Kurzzeitig hatte ich überlegt, dem eine Erklärung beizustellen; zu schreiben, dass von etwa tausend Demonstranten nur eine Handvoll gefragt wurde und von den Aussagen wieder gewählt wurde, um einen Eindruck herzustellen, dass mein Transkript auch nicht vollständig ist etc., damit der Vorwurf möglich wäre, Video und Text wären nicht ausgewogen und dass in der Verkürzung die vorgebrachten Argumente sinnentstellt worden sind. Dann strich ich diese Passage, weil der Text das darstellt, was er darstellen soll.

Trotzdem glaube ich, dass ein solcher Zusammenschnitt über den eigentlichen Inhalt hinaus etwas erzählt, auch etwas darüber sagt, was sich im Vergleich zu März verändert hat und gerade im Verändern begriffen ist, gewissermaßen ein Blick in den Mai hinein.

Es geht um eine Entweder/Oder-Sichtweise auf die Situation: Wenn ich Corona ernst nehme, bin ich ein Opfer des Systems, ein Schaf, das der Herde folgt und nicht zu eigenen Gedanken fähig ist.Umgekehrt funktioniert das auch. Ich merke das an mir selbst. In Gesprächen höre ich mit gespitzten Ohren auf Bemerkungen wie: »Die Grippewelle von 2018 hat ähnliche Todeszahlen verursacht«, »Die wirtschaftlichen Folgen werden viel verheerenden sein als die gesundheitlichen«, »Die Tests für Fußballspieler würden nur 0,4% der Kapazitäten in Anspruch nehmen«, »Weil Corona ständig in den Nachrichten ist, ist das auch so ein großes Thema« etc., lauter Aussagen, über die sich diskutieren lässt, denen ich aber beim Hören schon einen grundsätzlichen Zweifel an der Gefährlichkeit des Virus unterstelle, quasi ein Leugnen, ein Opfern von Menschenleben, damit die Dividende des Volkswagen an die Aktionäre wie vorgesehen ausgezahlt werden kann.

Es ist dieses fatale Schlittern in dieses »Wenn du nicht meiner Meinung bist, bist du gegen mich«, eine Diskussionskultur wie den 2010er Jahren. Das Video, das Transkript dazu ordnet sich da ein. Es bestätigt ein Bild: Die Hygienedemonstranten sind … [Synonym für fehlgeleitet, Narren]. Ihre Aussagen lassen diesen Schluss zu, es gehört dazu zu wissen, dass es Menschen gibt, die so denken, offensichtlich mindestens tausend, nimmt man das Schallhaus Internet dazu, wesentlich mehr.

Der Rückschluss aus den Bildern lautet nicht: Jede, die sich kritisch über die beschlossenen Maßnahmen äußert, läuft geistig schon auf einer Hygienedemonstration mit. Umgekehrt erwarte ich, dass, wenn ich die Lockerungen der Maßnahmen als zu voreilig und wenig durchdacht kritisierte, ich nicht in den Verdacht eines Systemschafs gerate. Es gehört dazu zu fragen: Wieso kommt mein Gegenüber zu seinem Annahmen? Nur so ist ein Gespräch möglich und Bedarf an Gesprächen wird es in den nächsten Wochen großen geben.

Ansonsten: Kim Jong-un bleibt weiter verschwunden.

26. April | Jeder fragt sich

So funktionieren Auschwitz und andere Konzentrationslager. Diese Virusgeschichte ist eine geplante New-World-Order-Sache, um Europa, die Welt und Deutschland zu zerstören und zu versklaven und die Freiheit komplett zu berauben. Ja, ich denke, dass gar nichts eingedämmert werden muss, dass es ein Virus ist, wie es schon welche vorher gab. Was haben wir in Deutschland für Tote? 3000? Das ist alles unverhältnismäßig.

Corona sehe ich gar nicht als Feind, sondern als Freund. Wir haben jetzt eigentlich schöne Zeiten erlebt, oder? Wo kommt der Virus her? Es gibt Vermutungen, dass sie aus einem Labor in Wuhan gekommen sind, weil die Chinesen ja alles essen, durch diese Lebensgewohnheiten und diese Unhygienischkeiten übertragen wurden, keine Frage.

Ich bin der Meinung, dass wir hier zu treuen, dummen Arbeitssklaven gemacht werden sollen. Es geht doch nicht mehr um rechts/links. Es geht nicht mehr wie in der DDR, im Kaiserreich, bei Hitler, dass wir »schön«, »ja« und »amen« sagen und dann werden wir irgendwie belohnt. Ob wir den Kopf in den Sand stecken, ob wir rebellisch sind oder nicht, wir werden alle einen Kopf kürzer gemacht. Die Bonzen, die da oben sitzen, ob sie nun Bill Gates oder sonst wie heißen, denen stinkt es schon lange, dass wir auf diesem Planeten herumlaufen.

Jeder fragt sich: Was hat die Regierung davon, die Wirtschaft komplett vor die Wand zu fahren? Ich vermute, dass es irgendwie mit der Neuen Weltordnung zu tun hat. Die BRD ist immer noch besetzt, sage ich ihnen so, wie es ist. Wie konnten sich die Massen unter Hitler nur so dumm manipulieren lassen? Die Corona-Trottel von heute geben uns die Antwort. Politiker heben alle Grundrechte auf, Angriff auf freie Bürger. Kinder und Senioren in die Isolation, Kontaktverbote für Freunde und Familie. Müller will Tegel zu KZ mit Gaskammern machen. Besuchsverbote für Alten- und Pflegeheime, keine Pflege und Versorgung für Betroffene. Freiheit für freie Bürger!

Aus: Hygienedemo, Berlin April 2020

25. April | Wie Wasser

Heute geht der Filmbeitrag für die Coronarolle online. Vor drei Wochen sind wir ins Dorf gefahren, verbrachten zwei Tage dort. Drei Wochen. Das fühlt sich an wie eine Ewigkeit, würde ich schreiben, wenn ich wüsste, wie sich eine Ewigkeit anfühlt.

Bei den Aufnahmen schien mir, als wären wir unmittelbar im Augenblick, mitgerissen von der Wucht der auseinanderfallenden Gegenwart, die selbst in solch einem stillen und abgeschiedenen Dorf bröckelte. Den Film zu sehen, auch eingereiht zwischen den anderen neunzehn Beiträgen der Rolle, macht ihn trotz aller Gegenwärtigkeit zu einem historischen Dokument. Der Film erzählt etwas, das selbst jetzt schon Geschichte ist. Alle Getroffenen sind weitergegangen, die infizierte und deshalb unter Quarantäne gestellte Familie nimmt längst wieder am Alltag teil.

Der Film, wie auch die anderen Beiträge, ordnet ein, er zurrt etwas fest, was noch im Fluss ist. Er versucht, Wasser zu halten. Das ist kein unmögliches Unterfangen (Damm, Eis), aber eines, das nur unter besonderen Umständen gelingt. Und von dem klar ist, dass dieses Festhalten nur zeitweise erfolgreich sein wird; Eis schmilzt, ein Damm bricht. Diese zwei Tage im Dorfe, die trotz aller mit Sorgfalt gesuchten Momente sind zufällig, sie geben vor, für ein Ganzes zu stehen, sie tun es, einen Augenblick lang tun sie es.

Heute lese ich in einem Interview mit einer Bildhauerin und einer Bildenden Künstlerin den Satz: »Es ist die Frage, ob es dann noch die bisherige Form des Kunstmarkts geben kann, wenn es durch eine digitalisierte Kunst keine Begrenzung von Zeit und Ort mehr gibt.« Vor einigen Tagen eine Zoomkonferenz, in der wir über die Möglichkeit literarischer Veranstaltungen sprechen, angesichts der Situation, dass auf unbestimmte Zeit keine kulturellen Veranstaltungen im öffentlichen Raum stattfinden dürfen.

Auf der Suche nach Auswegen aus diesem Paradoxon landet das Gespräch bei abgefilmten Lesungen. Dabei sagt jemand etwas, das mir, trotz aller Offensichtlichkeit, bisher nicht bewusst war: Gefilmte Lesungen bedeutet, dass es jede Lesung nur einmal braucht. Anders als bei Lesungen, bei denen der Autor reist und jeden Abend zwar das Gleiche tut, aber vor anderen Leuten, genügt es heute, einmal das Gleiche zu tun und für alle abrufbar zu stellen. Der Augenblick steht für alles, er braucht keine Kopie. Der Kunst kann das Vermeiden der Wiederholung helfen, dem Monetären nicht.

Ansonsten: Engste Berater warnen den amerikanischen Präsidenten vor weiteren Pressekonferenzen, da diese mehr Schaden als Nutzen bringen würden. Nach dem Trinken eines Aquariumreinigers, dessen Namen dem des von Donald Trump als Coronamedizin empfohlenen Malariamittels Hydroxychloroquin ähnelt, stirbt ein amerikanischer Ruheständler. Nils Petersen, Stürmer bei SC Freiburg, bestätigt, dass Spieler regelmäßig auch ohne Infektionsverdacht auf das Coronavirus getestet werden. Ohne Kenntnis des Gesundheitsamts entsteht in Berlin die erste private Corona-Teststelle, die ab nächster Woche Tests für sechzig Euro anbieten wird.

Nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität sind mittlerweile mehr als 200.000 Menschen an Covid-19 gestorben. Mit einer mit Krankenhauspersonal eingesungenen Neuaufnahme von »You’ll never walk alone« steht der neunundneunzigjährige Tom Moorean der Spitze der britischen Singlecharts. An der Spitze der deutschen Albumcharts stehen Frei.Wild mit ihrem »Corona Quarantäne Tape«.

24. April | Fensterrentner

Seit zwei Monaten schreibe ich über die Coronamonate. Am Abend überlege ich, was ich tagsüber wahrgenommen habe und wofür es Worte benötigt. Das, was mich umgibt, ist gleichförmiger geworden, es erscheint läppisch, davon zu erzählen. Die Schritt-für-Schritt eingetretenen Veränderungen sind mittlerweile schon in der Sekunde nach dem Erwachen präsent, sie sind zur Normalität geronnenes Extrem. Sie müssen nicht mehr beschrieben werden.

Die Beobachtungen und Erfahrungen sind gemacht. Die Reaktionen darauf sind, was mich beschäftigt. Das Verändern ist abgeschlossen, nun geht es um das Gestalten des Veränderten, der Kampf um die Deutungshoheit. Es ist ermüdend, weil die gleichen Muster, die für einige Wochen ausgesetzt schienen, wieder übernehmen: die #s, Empörungen, geteilten Texte, das Anspringen auf geringste Reize, das Ignorieren eines vernünftigen Maßes. Ich spreche von Kommunikation, weil es das ist, was denen, die nicht mehr Handelnde sind, geblieben ist, wir sind in der Mehrzahl.

Darüber zu sprechen und nicht über das, was mich unmittelbar umgibt, macht mich zu einem Fensterrentner. Ich habe ein Kissen auf die Fensterbank gelegt und bette meinen Oberkörper auf dieses Kissen, hänge mich so selbstbewusst hinaus in die Welt, ohne Teil von ihr zu sein und kommentiere Ereignisse, die ich nicht greifen kann. Meine Stimme schnappt wie alle Stimmen in dieser Position über. Ich kommentiere die ferne Welt, weil die nahe Welt verschwunden ist. All die anderen Fensterrentner nicken bejahend oder heben ihre Mistgabeln, es ist ein ewiger Echoraum hier in unserer Straße, die endlos ist und ins Nichts führt.

Und als dieser Fensterrentner nehme ich an den amerikanischen Pressekonferenzen teil, höre, wie der Präsident empfiehlt, sich Desinfektionsmittel zu spritzen.

Wie alle bin ich fassungslos und amüsiert zugleich. Ich lese irgendwo, dass dies die erste Krise der letzten hundert Jahren wäre, in der die Welt nicht nach amerikanischem »Leadership« giert. Jede weitere Pressekonferenz bestätigt diesen Satz.

Aber jede weitere Pressekonferenz schaue ich dennoch und jedes Mal schmunzle ich, die Show ist gut, sie ringt mir ein Lächeln ab – fassungslos zwar, aber immerhin – und genau dies ist der Zweck dieser Konferenzen. Und jedes Mal sage ich mir, beim nächsten Mal nicht, dann nicht mehr. Aber es geht nicht, es geht einfach nicht.

Ansonsten: Der britische Desinfektionshersteller Reckitt Benckiser spricht sich in einer Mitteilung nachdrücklich dagegen aus, die von ihm hergestellten Desinfektionsmittel im Menschen anzuwenden. In Österreich wird ein Änderungsvorschlag des Epidemiegesetzes ins Parlament eingebracht; das Gesetz würde dann den Ausschluss bestimmter Personengruppen von Veranstaltungen erlauben.

Das deutsche Kanzleramt übt Druck auf Apple aus, damit der Konzern für die geplante Coronaapp den Datenschutz-Standard aufweicht. Laut aktueller Zahlen zur Übersterblichkeit sterben in den teilnehmenden Ländern derzeit wöchentlich etwa sechzehntausend Menschen mehr als sonst zu dieser Jahreszeit.

Weil aufgrund der Restaurantschließungen die Vernichtung von 750.000 Tonnen Kartoffeln droht, ruft Belgiens Vereinigung der Kartoffelhändler die Bevölkerung auf, zwei Mal pro Woche Pommes zu essen. Der Duke und die Duchess of Rothesay treten vor die Haustür, um mit Klatschen dem medizinischen Personal ihren Dank auszusprechen.

23. April | Das alte Leben

Ein Donnerstag in der Stadt wie ein verkaufsgeschlossener Sonntag, nur ohne Touristen, Studentinnen, Schulklassen. Auf dem Herderplatz haben sich Schauspieler des Nationaltheaters Süßkartoffel-Chili-Suppe beim Biorestaurant geholt und reden über Proben mit Schutzmasken. Vor die geöffneten Türen der Nähläden sind Tische geschoben, auf denen mehrere Plastikschalen mit unterschiedlich gestalteten Schutzmasken zum Verkauf stehen. Geschäfte haben sich für Gegenstände entschieden, die sie ab morgen abgezählt den Kunden in die Hand geben können, um die Höchstkundenzahl bestimmen können; im Taschengeschäft sind es Rollkoffer, für den Buchladen hat der Besitzer heute fünfzehn alte DDR-Einkaufskörbe über ebay-Kleinanzeigen in Bad Dürrenberg abgeholt. Hinter einer Plexiglasscheibe sitzt eine Verkäuferin und sagt zum Mann, der seine Waren aufs Band legt: »Da wünscht man sich schon sein altes Leben zurück.«

Ansonsten: In London reduziert sich die Luftverschmutzung um fünfzig Prozent. In Schweden werden ältere Patienten nicht mehr in die Intensivstationen aufgenommen, um die verfügbaren Plätze für jüngere, ansonsten gesündere Patienten bereitzuhalten. Einer Studie zufolge erkranken wenige Raucher an Covid-19, Wissenschaftler raten aber davon ab, jetzt mit dem Rauchen zu beginnen. Grönland ist virusfrei. Covid19 zu haben als Comic.

22. April | Coronasituation mit Bierbezug

Kurz nach Bekanntgabe der Oktoberfestabsage lese ich von einer weiteren Coronasituation mit Bierbezug. Ein Text erklärt, weshalb es in Bayern so viele Covid19-Fälle gibt: zum einen die Nähe zu Österreich & Italien, die von dort zurückkehrenden Wintersportlerinnen. Zum anderen die Starkbierfeste. Abgehalten in der ersten Märzwoche, tausende Menschen in großen Hallen, biertrinkend. »Acht von zehn Landkreisen und kreisfreien Städten mit den bundesweit pro Kopf höchsten Covid-19-Infektionszahlen sind im Freistaat. In allen acht fanden noch im März Starkbierfeste statt – teils auch sehr große.«

Der Artikel arbeitet die Begebenheiten auf. Berichtet von Unsicherheiten, von einem, der entscheiden musste, der sagt: » Ich bin KfZ-Mechaniker – kein Mediziner oder gar Virologe.« Was beschrieben wird, ist Vergangenheit. Es ist bereits geschehen. Abstand ist möglich, man kann die Ereignisse mit dem Wissen von heute bewerten, deshalb Fehler aufarbeiten und Versäumnisse benennen. Die Schlussfolgerungen leuchten ein.

Am 6. März war die Buchmesse bereits abgesagt, der Lockdown in Italien stand unmittelbar bevor. In den Coronamonaten steht zum Unterlassen des Händeschüttelns: »Damit überspielen wir das Unbehagen, einer sozialen Gepflogenheit nicht zu entsprechen, auch die Unsicherheit, ob es wirklich schon so weit ist, solch radikale Schritte gehen zu müssen.«

Ende der ersten Märzwoche war bekannt, was anderswo geschieht. Aber es war noch nicht hier geschehen, noch nicht uns. Die Gefahr war wahrscheinlich, aber noch nicht erfahren. Alle, die Entscheidungen treffen mussten, konnten davon ausgehen, dass etwas Schreckliches geschehen könnte. Aber es war nicht gewiss. Jede Entscheidung zugunsten der schrecklichen möglichen Zukunft hätte diese schreckliche Zukunft schon in die damalige Gegenwart geholt und diese okaye Gegenwart beschädigt. In der ersten Märzwoche ein Starbierfest zu feiern, bedeutete, das Schreckliche zu verschieben.

Gerade sind wir wieder in einer Situation, die Vergangenheit sein und über die bald geschrieben werden wird. Die Lockerungen werden bewertet werden, die Entscheidungen Einzelner ebenso, Aussagen werden zitiert und vorgehalten werden. Die Bilder von heute werden neu eingeordnet werden; der verkaufsoffene Sonntag, die Diskussion um die Wiederaufnahme der Bundesliga, um das schwedische Modell. Man wird die Protagonisten zukünftig an ihren heutigen Äußerungen messen, wird unter den Gegenspielern Laschet & Söder einen »Gewinner« ausgemacht haben. Man wird rausgefunden haben, ob Öffnungsdiskussions-Orgien eine vermessene oder angemessene Wortwahl war.

Gestern wurde eine Ausstellung, die im September stattfinden sollte, abgesagt, nicht nur aus Sicherheitsabstandsgründen, sondern hauptsächlichen wegen Geldern, die aufgrund einer Haushaltssperre nicht mehr zur Verfügung stehen. Zwei weitere Ausstellungen sind noch im Terminkalender, dazu Lesungen und ebenso ein Projekt, das allerdings die Anwesenheit mehrerer Menschen auf engem Raum erfordert. Sehr wahrscheinlich, dass all dies nicht stattfinden wird und sich in eine Zeit verlagert, in der Zitat »wieder so was möglich ist«, eine mögliche Zukunft nach der schrecklichen Gegenwart.

Möglich sein werden in diesem Jahr vermutlich weder die Frankfurter Buchmesse noch ähnliche Zusammenkünfte. Ich drücke 2020 auf Pause, halte an, was geschehen sollte, und drücke erst auf Weiter, wenn es weitergehen kann, am 1.1.2021, am 1.7. 2021, am 1.1.2022, um dann fortzusetzen, was sich in den ersten Märztagen des neuen Jahrzehnts verloren hat.

Und es wäre bei all dem Aussetzen und Pausemachen schön, wenn der Körper auch eine Nullrunde anbieten würde, wenn er sagte: Du setzt mit dem Älterwerden aus und wir fahren mit Zellteilung fort, wenn auch der Rest wieder Fahrt aufnimmt.

Ansonsten: In Großbritannien wird nach einer Studie von doppelt so hohen Todeszahlen ausgegangen. Eine andere Studie stellt die These auf, dass in den USA Fehlinformationen von Fox News zu weniger social distancing und damit zu einer höheren Zahl von Infizierten und Toten geführt haben. In Wolfsburg wird Mitarbeiterinnen des ambulanten Pflegedienstes bei einigen Bäckern und Supermärkten der Zutritt verweigert, wenn sie anhand ihrer Dienstkleidung als Pflegekräfte zu erkennen sind. In Amerika werden für zunächst zwei Monate keine dauerhaften Aufenthaltserlaubnisse mehr ausgegeben.

Aufgrund der wegbrechenden Einnahmen aus dem Tourismussektor wird auf den Färöer-Inseln eine Initiative gestartet, dank der man Einheimische fernsteuern kann; der ferngesteuerte Reiseführer sei »eine einzigartige Plattform, auf der isolierte Menschen einen Spaziergang durch unsere wilden Landschaften machen und ein Gefühl der Freiheit wiedererlangen können«.

Die Kanzlerin bekräftigt das deutsche Nein zu Eurobonds, weil sich die Bundesregierung auf zentrale Bereiche der Wirtschaft konzentrieren solle, statt immer neue Versprechen zu machen. Wenn etwa auch Künstler mit Steuergeld gerettet werden sollten, werde man dies in Spanien und Italien vermerken und darauf verweisen, dass Deutschland offensichtlich über genug Geld verfüge.

21. April | Angst III / Verkaufsoffener Sonntag

In regelmäßigen Abständen befrage ich mich, ob ich Angst habe. Heute war einer dieser Tage. Heute verspürte ich zum ersten Mal über die allgemeine Angst hinaus, die Angst um Familie und Freunde, die immer da ist, die egoistische Angst, die Angst um mich selbst.

Sie kam nach dem Lesen der zweiten Zeile eines Artikels, der von der möglichen Mutation des Virus berichtete, 270fache Virenmenge stand dort und was das bedeuten könnte. Nun stoße ich jeden Tag auf einen Artikel, der hoffnungsvoll von einem potentiellen Impfstoff schreibt und ebenso auf einen Artikel, der beschreibt, warum alles noch viel länger dauert / schlimmer ist / unterschätzt wird. Die Kunst besteht in der Einordnung oder besser noch, im Luftholen und Abwarten.

Bei diesem Artikel war es anders. Ich sah diese Zahl und ahnte für einen Moment, was sie für Auswirkungen haben könnte und die aus dieser Erkenntnis resultierende Angst kam schlagartig, wuchtig, allumfassend. Ich las weiter, las von verschiedenen Virenstämmen, die verschieden aggressiv wirken, las, dass in New York ein besonders aggressiver Stamm aktiv ist und in der weiten Fläche Amerikas ein weniger aggressiver und ahnte, welche Rolle Glück spielt und dass sich Glück nicht organisieren lässt, sondern nur, dass das Unglück weniger verheerend wirkt. Dann schloss ich den Text und schob ihn beiseite und damit die Angst und es war das Vernünftigste, was ich heute getan habe.

Davon abgesehen bin ich erstaunt, wie unterschiedlich doch die Wahrnehmung ist. Einerseits das Beschreiben einer zweiten Welle, andererseits die feuchtfröhliche Ankündigung eines verkaufsoffenen Sonntags in Köln, Shoppen in der Pandemie, weil die Reproduktionszahl kurzzeitig mal auf 0,7 stand.

Ansonsten: Die Reproduktionszahl in Deutschland steigt auf 0,9. Das Oktoberfest wird abgesagt. Phisher senden Mails mit gefälschten Nachrichten, in denen der Empfänger gewarnt wird, dass er mit infektiösen Personen in Kontakt gekommen sei und er deshalb auf einen bestimmten Link klicken soll. Der US-Bundesstaat Missouri reicht wegen der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie Klage gegen China ein. In mehreren Bundesländern wird die Maskenpflicht eingeführt. Nach der zweiten Ansteckungswelle verschärft Singapur den Shutdown.

20. April | stets Seite Unbehagen

So fühlt sich also die Normalität ein; ich arbeite, ich shoppe, ich schreibe das Abi. Ein kalter Wind bläst und der einzige Regen der letzten Wochen ist längst verdunstet, morgen schon wird der Boden wieder so hart sein, dass sich die Kinder daraus nur ein Staubbrot werden backen können.

Die temporäre Einheit, das Gefühl, dass uns alle dasselbe widerfahren ist und wir deshalb dasselbe wahrnehmen und uns verbunden fühlen könnten, ist nun auch futsch. Wie in nahezu allem der letzten Jahre sammeln sich die Standpunkte auf zwei Seiten. Ich bin klar auf der Seite Unbehagen angesichts der Lockerungen und beäuge die Argumente dagegen vorerst nur kritisch, wohlwissend, dass kritisch nicht ausreichen wird.

Währenddessen laufen in Amerika die patriotischen, libertären, republikanischen Prepper, die sich für genau solch eine Situation präpariert haben – mit Dosennahrung und Trockenfutter für zehn Jahre im Voraus – Sturm gegen den Shutdown, sammeln sich in ihren mit der Konföderierten-Flagge bestickten Jeansjacken vor Regierungsgebäuden und skandieren »We want to work«, befeuert von den Tweets des Präsidenten, in maximaler Bewaffnung. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, wohin das führen wird.

Auch in Deutschland wird Sturm gelaufen. Das Empfinden wird extremer, damit auch die Reaktionen. In Berlin werden die Proteste begleitet von den üblichen Verdächtigen plus einem Schulterschluss mit so etwas wie einer homöopathischen Linksaußenbewegung. In Dresden marschiert am 20. April, dem Geburtstag Hitlers, Pegida, fünfzehn Personen ist die Meinungsäußerung erlaubt.

Auch hier gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich die nächsten Schritte, die nächsten Kundgebungen, die mediale Verstärkung, die Facebookposts und Kommentare der Bots und des Überschwappen von Theorien in den großen Kessel der Allgemeinheit auszumalen.

Währenddessen lese ich im Spanischen-Grippe-Buch von der zweiten Welle und weshalb diese so viel tödlicher war als die erste Welle. Virologen erklären, weshalb das Virus bisher lokal so unterschiedlich stark aufgetreten ist und warum sich das ändern wird und im Herbst das Virus an allen Orten etwa gleichstark vertreten sein wird und die Kanzlerin spricht von »Öffnungsdiskussions-Orgien« und in Nordrhein-Westfalen wird Latein gebüffelt, weil es gilt, einen Notendurchschnitt von 2,3 zu schaffen, damit man nach dem Sozialen Jahr auf der Intensivstation im Wintersemester 21/22 Maschinenbau studieren kann und ich denke, mit der Seite Unbehagen ist man am 20. April 2020 auf der sicheren Seite.

Ansonsten: Amerikanische Krankenschwestern blockieren einen Protest gegen den Shutdown. Im Sicherheitsabstand demonstrieren Menschen in Tel Aviv gegen Korruption und damit gegen Benjamin Netanyahu. Der Ölpreis fällt auf einen negativen Wert. Laut Forschern könnte der Fall eines neunjährigen Kindes, das trotz einer längeren Zeit unentdeckt gebliebenen Infektion mit dem Coronavirus niemanden ansteckte, darauf hindeuten, dass Kinder bei der Verbreitung von Sars-CoV-2 keine wichtige Rolle spielen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen CDU-Landrat, der an einem illegalen Konzert des Möschlitzer Posaunenchors teilgenommen haben soll. Die Kanzlerkandidaten Markus Söder und Armin Laschet nennen bei einem Interview mit BILD als mögliches Datum für die Wiederaufnahme der Bundesliga den 9. Mai. Coronavirus erleichtert Fertigstellung von BER. 15.000 russische Soldaten, die für die Parade des 75. Jahrestag des Sieges über Deutschland geprobt haben, werden nach mehreren positiven Tests in Quarantäne geschickt.

Singend sammeln Rolling Stones, Paul McCartney, Billie Eilish, Elton John, Stevie Wonder, Lady Gaga und viele andere für »One World: Together At Home« Spendengelder ein. Nach über drei Monaten im Exil kehren die Spieler des chinesischen Fußballklubs Wuhan Zall FC in die Heimatstadt ihres Vereins zurück. In Amerika steigt die Zahl der Covid19-Toten auf über 40000. Oder wie Donald Trump sagt: »fake news, they were excoriated by people like you who don’t know any better because you don’t have the brains with you were born with.«

19. April | Angebot

Ein Mädchen läuft durch den Park. An ihren Rucksack sind mehrere, unterschiedlich bunte Masken gebunden. An einer hängt ein Zettel: Masken zum Verkauf.

18. April | Leerstellen

Ich merke, dass mich die medizinische Sicht auf die aktuelle Situation deutlich weniger interessiert als vor Wochen noch. Nur sporadisch horche ich auf, wenn ein Heilmittel versprochen ist, informiere mich nur oberflächlich über den Grund, weshalb es Heilung versprechen könnte. Über die Coronaapp bringe ich kaum etwas in Erfahrung. Ich schaue nicht die Videos, die zeigen, wie sich der Alltag nach Aufhebung des Shutdowns in Wuhan geändert hat, will auch nichts über die juristischen Feinheiten wissen, weshalb manche Geschäfte mit mehr als 800 m² doch öffnen dürfen.

Mich interessiert, was mich betriff. Und dort besonders die Leerstellen, das, was nicht gesagt wird. Weil es oft wichtiger ist zu verstehen, warum etwas nicht gesagt wird als zu verstehen, was gesagt wird.

Zwei Leerstellen betreffen mich. Die Kindergärten in Zeiten von Corona. Zu behaupten, dass sie in den offiziellen Verlautbarungen der letzten Tage nur am Rande eine Rolle gespielt hätten, wäre schon eine Übertreibung. Dürre Nebensätze, was sicher auch der demographischen Zusammensetzung der Kommissionen und Entscheidungsgremien zuzuschreiben ist. Vielleicht der Vorstellung, dass Kindergärten zum »Gedöns« zu zählen sind, dass Kindergärten sowieso nur zwischen 9-12 Uhr geöffnet haben und diese drei Stunden schon irgendwie zu schaffen sind, dass Homeoffice und Kinderbetreuung zu schaffen sind.

Ich horche auf, wenn erklärt wird, dass eine Öffnung von IKEA ab Montag möglich gemacht wurde, für die Kindergärten nur eine lapidare Öffnungsempfehlung irgendwann nach den Sommerferien ausgesprochen wird. Ich verstehe die Angst derer mit Vorerkrankungen, jene, die betroffene Kinder haben, deren sorgenvolle Aussagen, dass es nicht denkbar sei, in den nächsten Monaten wieder einen regulären Schul- oder Kindergartenbetrieb aufzunehmen.

Und ich sehe den Alltag, ich höre von Freunden und Bekannten, den langen Tagen, natürlich mit den wunderbaren gemeinsamen Momenten und den vielen dazwischen, weiß, dass Autohäuser öffnen und Spielplätze abgesperrt bleiben und ein Kontaktverbot weiterhin besteht. Ich erwarte kein Fingerschnipsen von irgendjemanden, welches das gesamte Komplizierte mit einem Mal hinwegfegt. Aber ich erwarte, dass die Frage nach der Kinderbetreuung wahrgenommen wird, auch als eine der drängenden, dass nach der Verkündigung der allgemeinen Vorgehensweise praktische Vorschläge und Lösungen erdacht und in die Welt hinaus gegeben werden; Notbetreuung für Alleinstehende, schrittweise Schichtbetreuung aller Kinder in kleinen Gruppen, Coronaelternzeit, Coronaelterngeld, zumindest die Bestätigung, in einem festen, kleineren Kreis sich privat organisieren zu können, eben nicht vorauszusetzen: Bis Herbst so weiter, ihr vereinbart das schon irgendwie.

Eine zweite Leerstelle ist die Kultur in Zeiten von Corona. Und mehr noch: in den Zeiten nach Corona. Ich horche auf bei der Aussage, dass alle Großveranstaltungen bis 31. August abgesagt sind. Ich suche, wie Großveranstaltungen definiert sind und finde keine Zahl. Und ich weiß: zu Kultur in diesen Zeiten gibt es in den Gremien wenige Gedanken, weil Kultur immer da ist, immer am Extrem ist, was kann extremer sein als die Gegenwart.

Dem literarischen Verein, in dem ich tätig bin, sind von kommunaler Seite alle Mittel für dieses Jahr gestrichen worden. Nicht teilweise, nicht aufgeschoben, ein kompletter Wegfall der Unterstützung. Es ist unklar, ab wann, wo und in welcher Größe welche Veranstaltungen wieder stattfinden können. Eine Planung ist unmöglich, aber geplant werden muss, Finanzierungspläne müssen angepasst, Konzepte erdacht und umgesetzt werden.

Mehrere Monate keine Kultur im öffentlichen Raum; es ist klar, dass die Kultur im öffentlichen Raum nach diesen mehreren Monaten eine andere sein wird. Sie wird weniger sein. Und es ist klar, dass es auch hier kein Fingerschnipsen geben kann. Und auch hier die Erwartung, dass diese Frage als solche wahrgenommen wird, dass Maßnahmen für Kinos und Theater und Kulturspielstätten – nicht nur die großen, sondern gerade die kleinen, überlegt und ersonnen und ermöglicht werden.

Das sind die Leerstellen. Sie beschäftigen mich, mehr als das andere, denn sie betreffen mich.

Ansonsten: Der amerikanische Präsident ruft die Bürger in drei Bundesstaaten auf, sich von den Corona-Maßnahmen zu »befreien« und ihr Recht zu verteidigen, Waffen zu tragen. Arnold Schwarzenegger wird Corona-Berater in Kalifornien. Durch die Einschränkungen der Mobilität wird in den USA wird die Kohlensäure fürs Bier knapp. Aus Angst vor Corona fliehen Pfleger aus einem kanadischen Altenheim, 31 Senioren sterben. Belgien hat die höchste Todesrate im Verhältnis zur Einwohnerzahl. In Deutschland wird die Möglichkeit der Krankschreibung per Telefon zurückgenommen, entgegen der ausdrücklichen Empfehlung der kassenärztlichen Bundesvereinigung, auf Druck des Arbeitgeberverbandes.

17. April | Skateboarden in der Pandemie

Neben dem Bauhausmuseum in Weimar steht ein Turm, er gehört zur unterirdischen Autoparkanlage. Seit Mitte März hängt an dessen Fassade ein meterhohes Transparent. »Deine Verantwortung für uns alle« steht dort und darunter sind in Piktogrammen Handlungsanweisungen für das Verhalten während der Pandemie vermerkt.

Das Transparent erinnert in seiner ausgestellten Dringlichkeit an die Big-Brother-Screens in 1984, an die Neoreklamen in Blade Runner. Es ist – trotz aller positiv gemeinten Aussage – ein dystopisches Bild; die überlebensgroße Verkündung von Informationen, die in die Leben ausnahmsloser aller eingreifen, dauerhaft und gut sichtbar ausgestellt. In dieser Größe gibt es keine Entschuldigung, das Piktogramm vom Händewaschen zu ignorieren, der Aufforderung, Menschenansammlungen zu meiden.

Neben dem Turm, vor dem Museum, ist ein Platz. Er ist groß und flach und makellos, einige wenige Bäume mit weiß angestrichenen Stämmen sind im Beton eingelassen, dazu fällt ein Wasserbecken ohne Wasser allmählich flach ab. Die Architektinnen haben diesen Ort geplant für kulturinteressierte Besucher aus aller Welt, die hier den Ursprung der Bauhausbewegung kennenlernen sollen.

Doch der Platz ist kein Platz für Kulturinteressierte, der Platz vor dem Museum ist ein Platz der Skater. Der Boden ist ideal für ihre Boards, die Kanten des Wasserbeckens können sie für ihre Bewegungen nutzen, an das Museumsgebäude sind Steinvorsprünge eingelassen, auf denen sie sitzen und rauchen können. Ansonsten rollen und springen sie, Jungen und Mädchen, Skater in den besten Jahren, alte Skater in hellbraunen Cordhosen und Holzfällerhemden, Rad Dads.

Heiß brennt die Sonne, dreißig, vielleicht auch fünfzig Skaterinnen sind auf dem Stéphane-Hessel-Platz versammelt. Ihre Zahl scheint den überlebensgroßen Piktogrammen zu widersprechen. Dabei sind die Skater in maximal Dreier-Gruppen zusammen. Davon allerdings bestimmt zwanzig.

Von der Friedenstraße her kommt ein Polizeiauto. In Schritttempo fährt es vorbei, die Scheiben heruntergekurbelt, sensibilisiert von den Pandemieverordnungen schauen skeptische Polizistenaugen auf die Skatergruppen.

Der Wagen hält. Ein Polizist steigt aus. Er will zu den Skaterinnen gehen, als ein Dreizehnjähriger mit Board unter dem Arm auf ihn zueilt. Der Skater winkt den Polizisten heran. Er bitte um Hilfe.

Denn mitten unter den Skatern sitzt einer, der nicht zu ihnen gehört. Er ist älter, er hat mehrere Flaschen bei sich, Bier, Schnaps, einen Tetrapack Weißwein. Er sitzt und setzt an immer wieder an, trinkt und säuft und brüllt dabei »Heil Hitler«. Der dreizehnjährige Skater macht den Polizisten darauf aufmerksam.

Der Polizist und ein zweiter gehen zu dem Brüllenden, sprechen mit dem Trinkenden, nehmen Personalien auf, das, was Polizisten so machen. Am Ende führen sie ihn zum Auto, verlassen den Platz und fahren zum Revier. Die Skater bleiben, maximal Dreiergruppen, springen, rauchen, am Turm das dringliche Transparent mit den Piktogrammen, Deine Verantwortung für uns alle.

Ansonsten: China korrigiert die Todeszahlen in Wuhan deutlich nach oben. In Chicago berichtet eine Studie mit dem Ebola-Mittel Remdesivir davon, dass fast alle 125 Studienteilnehmer das Krankenhaus innerhalb einer Woche verlassen hätten, nur zwei Patienten seien gestorben, die Rede ist von einem ermutigenden Ergebnis. Laut einer Umfrage geht die Angst vor dem Virus bei den Deutschen zurück, die große Mehrheit hält die Auflagen für die Eindämmung des Coronavirus weiterhin für notwendig. Trotz der Beschränkung der Öffnung von Geschäften mit einer Ladenfläche bis 800 m² wird in NRW auch die Erlaubnis zur Öffnung für IKEA erteilt.

Beim Polizeipräsidium Mittelhessen gehen sieben Anzeigen ein, die sich auf ein Foto von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und weiteren Politikern in einem Fahrstuhl am Gießener Uniklinikum beziehen. Unbekannte stehlen aus einem Keller in Halberstadt zehn Klopapierrollen. Die Polizei ermittelt wegen Diebstahls im »besonders schweren Fall« und kommentiert: Das sei in Tagen wie diesen nicht lustig.

16. April | Der angemessene Rant

Es gibt das Bedürfnis zu schreien, oft auch, sofort loszubrüllen, sobald ich etwas erfahren habe. Instinktiv loszuranten, weil ich mich angegriffen, bevormundet, zurückgesetzt, für dumm verkauft fühle. Manches Bedürfnis nach einem Rant erledigt sich, wenn ich mehr Informationen habe, wenn das scheinbar eindeutige Bild vielschichtiger wird, wenn ich zu verstehen beginne, wie etwas zustande kommt, wenn Informationen den ursprünglichen Anlass zum Rant möglicherweise ins Gegenteil verkehren.

Und dann gibt es die Rants, ich instinktiv starten möchte, zu denen ich mich aber nicht hinreißen lasse, die ich runterschlucke, weil ich annehme, sie wären der Sache nicht gerecht, weil da mehr sein muss. Aber das Gefühl bleibt, es hat von Anfang an mit starker Stimme gesprochen.

Ein Beispiel. Die Leopoldina. Eher zurückhaltend habe ich geschrieben, auch, weil ich so wie nichts über die weltweit älteste Wissenschaftsakademie wusste und ich Institutionen – neben allem neugierigen Zweifel – mit einem Grundvertrauen entgegentreten will. Fehlt das, könnte ich mich gleich in den Channel von Xavier Naidoo einloggen und dann wäre eh alles vorbei.

Mit etwas Abstand betrachtet erscheint bei der Leopoldina die Irritation, das ich beim ersten Lesen verspürte, doch systemisch zu sein. Nicht nur das Geschlechterverhältnis der Arbeitsgruppe, auch das Alter (niemand jünger als 50), frühere Aussagen, dazu die nähere Betrachtung der Empfehlungen, das Lebensferne darin, die vielen Leerstellen und Auslassungen, die wirtschaftlichen Forderungen, auch der Vergleich zu Empfehlungen anderer Expertengruppen lassen mich zu dem Schluss kommen, dass an diesem 13. April ein Rant nicht unangemessen gewesen wäre.

Ein Rant auch drei Tage davor, zum sogenannten Heinsberg-Protokoll. Dieser Text schlüsselt akribisch den Werdegang der Studie auf. Und beschreibt das fatale Ziel, von Anfang an mit der Studie eine Lockerungspolitik in Gang setzen zu wollen. Von Anfang klar, was am Ende stehen muss – eine verminderte Gefahrenlage – um damit später auf Pressekonferenzen bestimmte Maßnahmen begründen zu können. Und selbst wenn es diese verminderte Gefahrenlage geben sollte, ist es fatal, all diese Anstrengungen, diesen Spin einer Medienagentur darauf hin ausgerichtet zu sehen. Weil es etwas minimiert, was kostbar ist: Vertrauen.

Diese Informationen, diese Erkenntnisse kommen nicht mit dem ersten Hören. Sie kommen mit Abstand. Und damit zu spät. Die ersten Worte sind zuerst in der Welt. Sie werden geteilt, ihren gehört die größte Aufmerksamkeit. Kaum jemand wird den hervorragenden Text über die Hintergründe des Heinsberg-Protokoll lesen. Aber nicht wenige werden sich bestätigt fühlen, dass alles übertrieben sei, weil dieser Virologe das ja bestätigt hat. In einer wissenschaftlichen Studie!

Ein notwendiger Rant, jeden Tag wieder, ist der über den amerikanischen Präsidenten. Es ist eine Tragödie, dass in dieser Situation ein solch inkompetenter, skrupelloser, gefährlicher Narzisst das Land führt. Den eigenen Namen auf die Hilfeschecks schreiben lassen. Die Unterstützung an die WHO einstellen. Bundesstaaten nach persönlicher Vorliebe zu bevor- oder benachteiligen. Sich mit einem Kreis von ebenso inkompetenten Jasagern zu umgeben. Wissenschaft nicht verstehen zu können, nicht einmal ansatzweise Interesse dafür zu zeigen. Keinerlei Mitgefühl für andere zu zeigen, weil keines existiert.

Die Strategie der langen Pressekonferenzen, quasi Ansprachen ohne Widerreden, fahren ansonsten Diktatoren. Alle Aktionen in der Krise werden allein unter dem Aspekt betrachtet, ob sie die eigene Wiederwahl sichern können. Den Kongress umgehen zu wollen. Sich selbst absolute Macht zuzuschreiben. Wenn man einen dystopischen Politikroman schreiben wollte, dann würde man jemanden wie Trump genauso handeln lassen. Und ebenso tragisch, dem beizuwohnen und nicht viel anders reagieren zu können, als sich die tägliche irrsinnigste Aktion von einem Comedian vorlesen zu lassen.

Ansonsten: Aufgrund des reduzierten Stromverbrauchs erwägt Frankreich die Abschaltung von Atomkraftwerken. In Ohio gibt es Proteste gegen den Shutdown, die Menge skandiert: »Show us the data«. In Jena, wo seit Anfang April Maskenpflicht herrscht, werden seit einer Woche keine Neuinfektionen mehr festgestellt. Die nun deutlich leereren Straßen in New York verleiten Autofahrer dazu, zu schnell zu fahren. Die Tour de France wird abgesagt. Durch das Verbot aller Großveranstaltungen bis 31. August fallen alle Festivals aus. Der chilenische Schriftsteller Luis Sepúlveda und der Jazzmusiker Lee Konitz sterben an Covid19.

15. April | Zerbrechlicher Zwischenerfolg

Ein knapper, vielleicht der längste Monat, ist vergangen seit der Verkündigung des Lockdowns und der Ankündigung, dass nach Ostern die Situation neu bewertet werden würde. Nun ist nach Ostern, nun wird neu bewertet werden, es wurde neu bewertet.

Wäre das, was geschieht, ein Roman (und ein Roman wird es sein), würden Sätze fallen wie »Die Nation hielt den Atem« an, Wieworte wie »nervös« oder »gespannt« würden sich in den Absätzen finden, auf den Seiten würde »nägelkauend« stehen oder »fiebrige Atmosphäre«. Vielleicht wäre es kein guter Roman, aber er würde die Tage davor beschreiben, den »Superforecaster«, der in einem Interview die deutsche Pandemiezukunft prophezeit, würde von den Empfehlungen mehrerer Expertenräte erzählen und wie unterschiedlich sie bewerteten und wie »hoch die Emotionen« schlugen, bei all dem Empfohlenen, den Rants von den Betroffenen, der Wut, dem Verständnis, der Solidarität und dem Egoismus.

Der Roman würde ein Bild von der Pressekonferenz zeichnen, auf welche die Kanzlerin ohne Umschweife zum Podest läuft, Vizekanzler und Ministerpräsidenten die Plätze weist, wie sie notwendige Worte des Dankes sowohl aufrichtig als auch pflichtschuldig abhakt, um schnell zum Eigentlichen kommen zu können. Der Roman würde sie sagen lassen: »Was wir erreicht haben, ist ein zerbrechlicher Zwischenerfolg. Mit dem Virus werden wir leben, bis wir einen Impfstoff haben. Wir müssen die Zwischenerfolge bis dahin sichern.«

Sie wird erklären, worin der folgenschwere Unterschied zwischen einer Basisreproduktionszahl von <1, 1,1 und 1,3 besteht und es wird nicht so klingen, als hätte man ihr das drei Mal erklären müssen. Sie wird von 800 m² sprechen und Buchhandlungen, von Schulen und Abiturklassen, von Großveranstaltungen und Bedarfsgruppen, sie wird auch den Religionsgemeinschaften ein Dankschön sagen.

Der Roman wird weitere politische Figuren haben. Sie werden unterschiedliche Meinungen über die Öffnung von Schulen und der Größe von Geschäften haben und sie werden sich unterschiedlich souverän präsentieren. Eine Figur wird ein politischer Journalist sein, der in seiner Bewertung der Konferenz Punkte vergibt für die Kanzleranwärterschaft und niemanden wird es interessieren und alle werden es registrieren, weil sich der zukünftige Erste eines Landes am besten in einer Krise beweisen kann.

Eine Nebenfigur in einem Nebensatz wird Christian »Maulkorb« Lindner sein. In seinem Nebensatz wird er darüber sinnieren, was wohl wäre, wenn er sich 2017 für die Vizekanzlerschaft entschieden hätte, welche staatsmännische Figur er dann wohl auf dem Podest abgegeben würde und vielleicht fällt dieser Nebensatz doch dem Lektorat zum Opfer.

Der Roman würde mehrmals poetisch den Sicherheitsabstand auf der Pressekonferenz beschreiben und Metaphern bauen, die dem inneren Zustand der Figuren Ausdruck verleihen sollen. In einer Fußnote wird der Roman darauf verweisen, dass fast zeitgleich zur Konferenz die ARD einen Fernsehfilm ausstrahlt, der eine politische Situation fünf Jahre zuvor zum Thema hat, auch mit Pressekonferenzen, auch mit Krisengipfeln, Die Getriebenen. Die Kanzlerin ist mit Imogen Kogge besetzt, Walter Sittler als Frank-Walter Steinmeier und Claudius Franz als Jens Spahn.

Der Roman würde über den Fernsehfilm schreiben: »Die Geister schieden sich an dieser Entscheidung. Viele kritisierten sie scharf, andere betonten ihre starke moralische Haltung. Dabei geht es unter anderem um selbst auferlegte Zwänge, Machtinhaber und jede Menge Druck auf Merkel.« Und wäre der Roman sich seiner selbst bewusst, würde er einen Filmproduzenten auftreten lassen, der 2020 überlegt, wen er 2025 als Olaf Scholz besetzen könnte.

Anschließend würde er der Roman in einer seitenlangen Montage die Stimmen der Bürgerinnen und Bürger des Landes nebeneinanderstellen. Ich wäre eine von ihnen, ich würde von einem fiktiven Roman erzählen.

Ansonsten: Die Auslieferung der Notschecks im Zuge des amerikanischen Konjunkturpaketes verzögert sich, weil auf Anordnung des US-Finanzministerium der Name Donald Trumps auf die Schecks gedruckt werden soll. Auf Anordnung Donald Trumps werden die amerikanischen Zahlungen an die Weltgesundheitsorganisation eingestellt. Ein rumänischer Erntehelfer für die Spargelernte stirbt an Covid19.

Das Vermögen von Amazon-Chef Jeff Bezos ist seit Jahresbeginn um 23,6 Milliarden auf 138 Milliarden Dollar gestiegen, Grund dafür ist der Rekordwert der Amazon-Aktie. Die Automobilhersteller Volkswagen und BMW schlagen staatliche Anreize für Autokäufer vor, um die Coronakrise zu überwinden. Forscher warnen, dass ganze Populationen von Menschenaffen an einer Infektion mit dem Virus Sars-CoV-2 sterben könnten. Der Tierpark Neumünster erarbeitet wegen der Corona-Zwangsschließung Pläne für Notschlachtungen der Tiere. So soll u.a. ein Eisbär getötet werden, falls Eintrittsgelder weiter ausbleiben.

14. April | Durchseuchung

Es ist Anfang März und ich höre zum ersten Mal das Wort Durchseuchung. Ohne zu wissen, was es bedeutet, bin ich abgestoßen davon. Durch/seuch/ung. Gleich darauf erfahre ich, was das Wort meint. Mir scheint, als haben sich hier Wort und Strategie in perfekter Ergänzung gefunden. Eine aktive Substantivierung wie ein Kärcher, der einmal durch eine Menschenmasse fegt und erbarmungslos wegreinigt, was seinem Druck nicht standhalten kann.

Das Wort geht – ebenso wie das nicht weniger grauslige »Herdenimmunität« – im Wortschatz der Coronazeit auf. Großbritannien soll durchseucht werden, die Niederlande und Schweden werden es, die USA anfangs auch, Iran, Türkei. Immer wieder drängt das Wort zurück ins Gespräch, gerade dann, wenn Alternativen besprochen werden, wenn Wirtschaft gegen Medizin gestellt wird, wenn Gegensatzpaare aufgemacht werden, wenn es um die Rückkehr zur Normalität gehen soll, wenn Maßnahmen beschlossen und Lockerungen verschoben und Expertengremien Empfehlungen aussprechen.

Durchseuchung
Durchseuchung
Durchseuchung

Durchseuchung schreibt Artikel, deren Unterzeilen lauten: »Der Tod an einer Lungenentzündung in hohem Alter muss nicht in jedem Fall bekämpft werden.« Durchseuchung lässt den Virologen sagen: »Wenn wir die Gesellschaft noch drei Monate oder mehr im Lockdown halten, dann opfern wir alles, was wir unter unserer Identität und Kultur verstehen, dafür, dass wir nicht bereit sind zu akzeptieren, dass einzelne Menschen sterben, damit am Ende die Mehrheit immun ist.« Durchseuchung ist das Ziel, wenn sie klug gelenkt ist, wenn man klug seucht.

Parallel dazu die Texte, die einordnen. Die auf den Utilitarismus verweisen, darauf, das Wohlbefinden der größten Zahl an Menschen fördern, wenn nötig, dafür das Glück des Einzelnen zu opfern. Im Fall der Durchseuchung bedeutet Glück Leben.

Oder, eine weitere Beobachtung, wie rechtsextreme Kräfte die Durchseuchung begrüßen. Für sie zeige die »Hysterie« um den Virus die Schwäche der modernen Gesellschaft, deren Schwäche und Verweichlichung. Man müsse den Kampf gegen das Virus annehmen und aushalten, bereit sein für einen sogenannten »Heldentod«.

Ansonsten: Der amerikanische Fernsehsender MSNBC bricht die Übertragung des »Coronabriefings« Donald Trumps ab. CNN kommentiert die Pressekonferenz mit live eingeblendeten Bannern wie »Angry Trump Turns Briefing Into Propaganda Session« oder »Trump uses Task Force Briefing to try and Rewrite History on Coronavirus Response«. Der Infobildschirm, der die Task Force zur Wiedereröffnung der amerikanischen Wirtschaft zeigt, wird zum Meme

Weil Amazon seine Verpflichtung in Bezug auf Gesundheit und Sicherheit der Angestellten nicht angemessen beachtet hat, dürfen in Frankreich nur noch Lebensmittel, Hygiene- und Medizinprodukte versandt werden. Luís Pitarma, Klinikarbeiter aus Portugal, der für Boris Johnsons während dessen Aufenthalt auf der Intensivstation sorgte, wird in seiner Heimat auf Titelseiten gefeiert. Über die Situation in Kolumbien. In Österreich werden die Baumärkte wieder geöffnet.

13. April | Leopoldina

Am Nachmittag signalisieren Töne den Eingang zahlreicher Nachrichten in den Freundes-WhatsApp-Gruppen. Alle (jungen Eltern) schicken diesen einen Satz: »Kitas sollten bis zu den Sommerferien weiterhin im Notbetrieb verbleiben«, verbunden mit einem Panik-Emoji.

Der Grund dafür sind die Empfehlungen der Expertenkommission für das weitere Vorgehen, die heute publik werden. Ich lese, schaue zuerst in den Absätzen, die mich unmittelbar betreffen; die Finanzwirtschaft weniger, Kinderbetreuung schon eher.

Im Freundes/Bekanntenkreis sehr unterschiedliche Auslegungen dazu: manche vermeiden seit den vergangenen vier Wochen bewusst und sorgsam jeden Kontakt mit anderen. Bei anderen helfen von Beginn an die Großeltern aus, der Grund ist Arbeit. Andere halten sich die ersten Wochen daran, öffnen seither den Kreis mehr und mehr. Andere sind in den vier Wochen im kleinen Kreis unterwegs, dieselben zwei, drei Kinder, die abwechselnd betreut werden.

Alle, die es betrifft, wissen dass sich Kinderbetreuung und Arbeit nicht vereinbaren lassen; wer ein oder mehrere Kinder betreut, kann nicht arbeiten. Selbst wenn, wie in nicht wenigen Beispielen, die Betreuung einigermaßen fair auf zwei verteilt wird, bedeutet das nicht, dass jede und jeder nun 50% der Arbeit schafft, eher 33%, eher 25%, das sind die Erfahrungswerte der letzten Wochen.

Und natürlich geht es um viel mehr als Arbeit und zu wieviel Prozentpunkten man was auf Zoommeetings geregelt bekommt. Es geht darum, dass Spielplätze mit weißroten Plastikbändern markiert sind und viele Orte, die Kinder gefallen, gesperrt sind, dass Kinder nicht mit Kindern aus anderen Familien spielen sollen, dass andere Betreuungsmöglichkeiten wie Großeltern, Tanten, Freunde nicht in Frage kommen, dass Alleinstehende mit den Kindern in den Supermarkt gehen und auch ansonsten überallhin gemeinsam und dass dies alles notwendig ist und zugleich bedeutet, jede wache Stunde am Tag, sieben Tage die Woche, nun viele Wochen bis zu den Sommerferien auf engem Raum, was angemessen ist, wenn man hört, dass Beamtungsgeräte Narben auf der Lunge hinterlassen können und was zugleich Fragen aufwirft, die weder eine 19seitige Dritte Ad-hoc-Stellungnahme beantworten kann noch sonst wer, nicht in der Zeit, nicht für den Alltag, der jeden Morgen mit dem strahlendsten Lächeln der Welt an die Tür klopft.

Die Empfehlungen der Leopoldina werden je nach persönlicher Betroffenheit besprochen und bewertet, sind nicht streng genug, lockern zu schnell, lockern an den falschen Stellen, sind zu wirtschaftsfreundlich, sind zu lebensfern, wenn Schülerinnen der vierten Klasse Mundschutz in der Schule tragen sollen oder eine Klassenstärke von fünfzehn empfohlen wird.

Die Expertenkommission ist die Nationale Akademie der Wissenschaften, eine Versammlung von Professoren aus unterschiedlichen Fachbereichen, die vor vier Jahren beispielsweise 330 Klinikzentren empfahl. 26 Mitglieder gehören zur Arbeitsgruppe, beschämenderweise nur zwei Frauen darunter. Bzw. nicht beschämend, sondern eine absolut verheerende Zahl.

Und vielleicht eine, die viel aussagt. Am gleichen Tag geht ein Artikel online, der die Pandemie als Krise der Männlichkeit sieht, der schreibt, dass die aufgerufenen Experten bis auf wenige Ausnahmen Männer sind, in den systemrelevanten Berufen mehrheitlich Frauen arbeiten und die ungleiche Bezahlung, die ungleiche Präsenz, dieses Ungleichgewicht nicht zufällig ist.

Söders Satz »In der Krise wird oft nach dem Vater gefragt« wird zitiert und die These aufgestellt, dass Krisenzeiten oft ein Backlash einleiten können. Der Text spricht von traditionellen Rollenbildern und Videokonferenzen im Homeoffice, an denen gefühlt mehr Männer teilnehmen, spricht von der Aufteilung bei der Kinderbetreuung und vom Abbild einer Realität, weil man jetzt in viele Wohnzimmer schauen kann und das alles muss nicht stimmen, weil ich viele Gegenbeispiele kenne und doch noch mehr Beispiele.

Ansonsten: Frankreich verlängert die Ausgangssperre auf den 11. Mai, der 11. Mai werde den Eintritt in die nächste Phase bedeuten. Weil in Malaysia das Gerücht kursiert, Corona verwandele Menschen in Zombies, muss das Gesundheitsministerium richtigstellen: »Die Behauptung, mit dem Virus infizierte Personen würden sich wie Zombies verhalten, ist nicht wahr.« Sachsens Ministerpräsident nimmt die Ankündigung, dass, wer sich der Anordnung häuslicher Quarantäne verweigert, in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden kann, zurück. Fünfhundert Verschwörungstheoretiker*innen demonstrieren in Berlin, weil sie angesichts der geltenden Infektionsschutzmaßnahmen eine Diktatur aufziehen sehen.

Die Straßen in Istanbul sind leer. Durch einen Waldbrand in der Sperrzone bei Tschernobyl gelangen radioaktive Teilchen in die Luft. Die Polizei löst die Geburtstagsfeier eines sechzehnjährigen Mädchens in einem Apartment in Berlin Mitte auf, das eigens für diesen Zweck von der Mutter des Mädchens angemietet wurde; gegen 32 Personen wird nun wegen Straftaten und Ordnungswidrigkeiten nach dem Infektionsschutzgesetz ermittelt. Weil sie gegen die Ausgangsbeschränkungen verstoßen haben, werden zehn Touristen von der indischen Polizei dazu verpflichtet, fünfhundert Mal zu schreiben: »Ich habe mich nicht an die Regeln der Ausgangssperre gehalten, das tut mir sehr leid.«

11. April | Innen / Außen

Heute habe ich im Tagebuch von Esther Kinsky gelesen, dort stehen ganz bezaubernde Sätze: »Jeder horcht bloß noch in die eigene Brust, aber nicht auf Herzensregungen, sondern ob vielleicht schon Corona kratzt.« oder »Die Menschen haben immer mehr Angst, die Vögel immer weniger.« Ihre Worte sind ein leichtes Fließen, ein Verlorengehen bei blühender Clematis und singender Trauerschnäpper.

Ich überlege, jeden Tag überlege ich, was ich schreibe und wie viel Privates ich preisgeben will. Und fast jeden Tag merke ich, dass ich an meinem Inneren gar nicht so interessiert bin, auch nicht immer an meiner unmittelbaren Umgebung, den täglichen Spaziergängen und Unternehmungen, den Reihern, die Goldfische aus dem Parkteich schnappen, den überzüchtenden, traurig schnaufenden Boxern, den Nachbarn, die im Hof Zweifelhaftes rauchen, die Kreidezeichnungen der Kinder auf den Steinen, die herangeschleppten Zweige und Stöckchen, all das, was sich erst einmal ausnimmt von der Pandemie.

Das Innen interessiert mich nicht so sehr, weil es sowieso nicht vermeidbar ist. Das Außen hingegen, ich müsste nur die Augen schließen und Kabel kappen und einmal die Woche die aktuellen Zahlen abrufen und einer ausgewählten abwegigen Aktion des amerikanischen Präsidenten beiwohnen. Wenn morgens die Väter und Mütter ihre Kinder auf dem Fahrrad transportierten, wüsste ich, die Kindergärten wären wieder offen. Wären die Plexiglasscheiben vor den Supermarktkassen abmontiert, wüsste ich, die Pandemie wäre vorbei. Was mehr müsste mir bekannt sein?

Aber so springe ich in das Außen, ständig und ständig. Und mit jedem weiteren Tag darin merke ich, wie sehr sich dieses Springen in gewohnten Bahnen bewegt. Nicht, weil keine neue Informationen kämen (die gibt es zur Genüge: eine überstandene Infektion macht möglicherweise nicht immun) oder Verschiebungen im öffentlichen Diskurs (im Moment auffällig die Häufung der Artikel über die Einschränkung von Grundrechten); nein, gewohnt ist es, weil die Informationen aus ähnlichen Quellen fließen und über ähnliche Orte ziehen wie früher.

Meine Wahrnehmung der Pandemie ist zuerst eine deutsche, dann eine europäische, zuletzt eine westliche, was immer das heißt, Europa plus Amerika vielleicht. Über New York weiß ich mehr als über Kairo. Ich weiß nur Rudimentäres über Indien, Usbekistan, Afrika noch weniger und wäre gestern die Bilder aus Istanbul nicht rundgegangen – aufgrund der extrem kurzfristig verkündeten Ausgangssperren drängen Menschen dicht an dicht zum Brot – wüsste ich kaum etwas über die Türkei.

Ich weiß nichts davon, welche Akzeptanz Atemschutzmasken in Kolumbien haben, wie Social Distancing in Nigeria aussieht, was die Ausgangssperre für Frauen in Saudi-Arabien bedeutet. Ich habe in einem Text von Guayaquil gelesen, wo Angehörigen ihre Verstorbenen in Planen wickeln, Kalk über die Leichen streuen und sie auf den Straßen ablegen. Sonst wüsste ich kaum etwas über Südamerika, außer natürlich von den Diktatoren, weil man über die Diktatoren immer Bescheid bekommt und Bescheid wissen will. Es wäre zumindest einen Versuch wert, die nächste Wortmeldung Friedrich Merz´ zu ignorieren und stattdessen mehr über Libyen in Erfahrung zu bringen, damit die Ansonsten öfter anders ausfallen als dieses.

Ansonsten: Die USA sind das Land mit den meisten Covid19-Toten. Robert Habeck schlägt vor, »nach der Krise Räte zu gründen, in denen zufällig geloste Bürgerinnen und Bürger das Erlebte diskutieren, über Konsequenzen für die Zeit danach beraten und gesellschaftliche Schlüsse daraus ziehen.«, was die Twitterbots durchdrehen lässt. Das Bundesverfassungsgericht hält das Gottesdienstverbot weiterhin für zulässig, um in der Coronakrise »Leib und Leben« zu schützen. Das Comeback der Serie Friends verschiebt sich wegen Corona. Über Hart Island.

10. April | Das Heinsberg Protokoll

Gestern stellt der Virologe Hendrik Streeck auf einer Pressekonferenz die Heinsberg-Studie vor, eine Untersuchung in der deutschen Stadt, die nach einer Karnevalssitzung zuerst besonders stark vom Virus betroffen war. Zusammengefasst: 15 Prozent der Untersuchten haben Antikörper gebildet, womit »der Prozess bis zum Erreichen einer Herdenimmunität bereits eingeleitet« sei. Schlagzeilen skalieren daraufhin auf das gesamte Land hoch – jeder siebte könnte immun sei – und fragen auf Basis dieser wissenschaftlichen Studie nach Lockerungen der Maßnahmen.

Ein Tag später wird klar, dass doch nicht alles so klar ist. Unklar ist, ob die Tests wirklich eine überstandene Infektion bestätigen und ob die 15 Prozent nur für die besonderen Bedingungen dieses kleinen Orts gelten. Ein Text, der das Vorgehen der Forscher und ihre Interpretation der Ergebnisse genau beschreib, wurde bislang nicht veröffentlicht.

Begleitet wird die Studie von der Medienagentur Storymachine. Die wird u.a. von Kai Diekmann betrieben. Die Agentur »erzählt«, nach eigenen Angaben unbezahlt, die Studie in den Medien. Dafür wird ein prägnanter, dramatisch klingender Namen gefunden, das »Heinsberg Protokoll«. Das »Heinsberg Protokoll«-Team besteht aus zehn Mitarbeitern, die »die Arbeit der Forscher vor Ort [dokumentieren], sie für die entsprechenden Kanäle Twitter und Facebook plattformgerecht aufbereiten, [dazu] Themenfindung, Konzeptionierung, Produktion, Grafik, Text, Video, Community Management…«

Nach der Pressekonferenz gestern und den ersten Schlagzeilen dazu, erscheinen heute die hinterfragenden und kritischen Texte. So schreibt die taz darüber, was wiederum Christian Drosten zu einem Tweet veranlaßt:

Warum ich das so ausführlich schreibe? Weil es ein solches Klein-Klein zeigt, ein Hin- und Her, ein Der-gegen-Den, ein Vorpreschen und Ausstellen, unnötige Unsauberkeiten, eine Verkomplizierung durch Vereinfachung von Kompliziertem und dadurch eine Vergrößerung der Ungewissheit, ein Vertrauensverlust. Und mittendrin Kai Diekmann, was nie etwas Gutes bedeuten kann.

Dabei möchte ich das gern hören. Ich möchte gern von Beginn der Herdenimmunität hören, von Lockerungen. Und doch habe ich vor zehn Tagen geschrieben, dass diese Annahme nicht aufgehen wird, dass die aktuelle Normalität über den 20. April hinaus andauern wird. Das sagt sich damals, nach zwei Wochen im Lockdown, natürlich leichter als nach vier Wochen.

Womöglich entpuppen sich die beiden Drehtage im Dorf als Bumerang. Die Stunden unter freiem Himmel, das Beitragende haben mich aus der notwendigen Routine des minimal Aktiven herausgerissen. Die Vorstellung, jetzt noch einmal zwei / vier / acht Wochen wie die letzten zu verbringen, erscheint nicht gerade sehr verlockend.

Ansonsten: Drohnenaufnahmen zeigen, wie auf Hart Island vor New York Massengräber für die Covid19-Toten ausgehoben werden. In Nordrhein-Westfalen setzt die Polizei Drohnen ein, um die Ausgangsbeschränkungen zu kontrollieren. Eine Studie ergibt, dass 57 Prozent der geprüften Coronafälle in Österreich sich nach Ischgl zurückverfolgen lassen. Um das Einreiseverbot für Touristen zu unterlaufen, versuchen einige ihren Zweitwohnsitz auf Sylt zum Erstwohnsitz zu machen, andere erfinden Schäden an ihren Immobilien, um sich so um die Reparatur kümmern zu müssen. In China zeigt eine App öffentlich die Körpertemperatur des Benutzers an.

Das südkoreanische Centers for Disease Control and Prevention erklärt in einem Briefung, dass vermeintlich geheilte Covid-19-Patienten womöglich erneut an dem durch das Coronavirus ausgelösten Lungenleiden erkranken können. Nach mehreren Betrugsversuchen stellt Nordrhein-Westfalen die Zahlung der Corona-Soforthilfe vorerst ein. Unter Meisen bricht ein unbekannter, hoch ansteckender Virus aus. Die Komplettlesung der »Die Pest« im Literaturcafé ist abgeschlossen. Auf dem Cluj-Napoca Flughafen in Rumänien warten 1500 Menschen auf ihren Flug nach Deutschland, um dort als Erntehelfer auszuhelfen.

9. April | Alle gleich

Ich lese: Vor dem Virus sind wir alle gleich. Ich lese: In New York ist die Sterberate für Schwarze und Latinos mehr als doppelt so hoch wie für Weiße. Ich lese: In Chicago sterben infizierte Schwarze sieben Mal so häufig wie jede andere Bevölkerungsgruppe. Ich lese: »Überwiegend schwarze und braune Viertel sind medizinisch meist unterversorgt«. Lese: »Schwarze und Latinos können es sich viel seltener als Weiße leisten, im Homeoffice zu arbeiten … Soziale Distanz ist ein Privileg.«

Ich lese im Buch über die Spanische Grippe in einem Kapitel über die Gründe dafür, weshalb das Virus an unterschiedlichen Orten unterschiedlich wirkte. Ein Beispiel wird genannt: In Paris gab es in den wohlhabenden Vierteln die meisten Toten. Doch nicht die Besitzer der Villen und großen Stadthäuser starben, sondern die Bediensteten, die bis zu achtzehn Stunden arbeiteten, die in kleinen, schlecht belüfteten Räumen mit schrägen Decken wohnten. »Die Grippe mag demokratisch gewesen sein, doch die Gesellschaft, die von ihr heimgesucht wurde, war es nicht: Ein Viertel aller Frauen, die in Paris starben, waren Dienstmädchen.«

Den letzten Drostcast vor Ostern gehört. Darin die Information, dass zukünftig nur noch alle zwei Tage gesprochen wird. Ich verspüre Erleichterung. Das tägliche Hören hat zur Pflicht gehört, eine Notwendigkeit, um im Bilde zu sein, Informationen zu bekommen, die Tage später von Bedeutung sein werden. Dieser Pflicht werde ich nun entbunden, zumindest zum Teil. Und will ich nicht glauben, dass diese Reduzierung auch sagt: Die Schlagzahl lässt nach, weil sich die Situation verändert hat, entspannt möglicherweise?

Ansonsten: Boris Johnson verlässt die Intensivstation. Ein Inder konstruiert ein Auto, das wie der Coronavirus aussieht und fährt damit durch die Straßen von Hyderabad, um auf den Lockdown hinzuweisen. Nach wochenlanger Quarantäne können drei Raumfahrer zur Internationalen Raumstation ISS starten. Die Bundesregierung erlaubt Zwölf-Stunden-Dienste für Berufe im Gesundheitswesen, in der Pflege oder im Bereich der Sicherheit. Das Lesen von Büchern auf bayrischen Parkbänken bleibt nun doch erlaubt. Ein Automat in der Berliner U-Bahnstation Schlesisches Tor, an es seit kurzem Atemschutzmasken zu kaufen gibt, wird aus der Wand gebrochen und gestohlen. Weil der malaysianische Präservativ-Hersteller Karex aus Malaysia seine Produktion herunterfährt, droht nun weltweit eine Kondomknappheit.

Und: Die gute Nachbarschaft hat mir Fragen gestellt.

8. April | Alles außer Corona

Ein Nachtrag zu gestern: Als wir auf der Dorfstraße stehen, drei aus zwei verschiedenen Haushalten, zwei Meter zwischen diesen Haushalten, Atemschutzmasken über dem Gesicht, geht eine Scheunentür auf. Ein irritierter Blick, auch fordernd. Ob wir nicht von Corona gehört hätten? Ob wir nicht wüssten, dass man zu dritt nicht mehr zusammenstehen sollte, dass dies verboten sei?

Wir erklären uns, sprechen von Ausnahmen, zu der wir als Drehteam gehören, bieten an, die ausgedruckte Bestätigung des Fernsehsenders über einen Drehauftrag hier vorzuzeigen. Ach, ist das so, sagt der Mann und winkt ab. Einen Moment wartet er, taxiert die Ortsfremden, baut sich gewissermaßen auf und verschwindet dann wieder in der Scheune.

Es ist nicht so, dass ich kein Verständnis für ihn hätte. Er hat Fremde gesehen, sie standen zusammen. Er ist zur Tat geschritten, er hat eingegriffen. Nur scheint es, als tat er das nicht aus Sorge um seine, um unsere Gesundheit, als er tat das, weil er annahm, wir würden gegen die Regeln verstoßen. Und dieser vermeintliche Regelverstoß versetzt ihn in eine exquisite Position, sie gibt ihm Kontrolle, verleiht ihm die Autorität, über unsere Anwesenheit verfügen zu können.

Für einige Zeit nehmen wir, er könnte einen Anruf tätigen, die Polizei und das Ordnungsamt würden bald ins Dorf einfahren und unsere Angaben überprüfen. Auch wenn nichts dergleichen geschieht, bleibt ein Unbehagen, eine Ahnung einer möglichen Fortschreibung, einer Zuspitzung.

Durch die Drehtage, durch die zwangsweise Offlinezeit habe ich seit Samstag wenig erfahren. Die vielen kleinen Informationen, die größeren Zusammenhänge und Entwicklungen sind mir entgangen. Ich bin herausgefallen aus der Gegenwart. Ein gutes Gefühl, weil es das Getriebene nimmt und einen Abstand schafft zu allem außerhalb der eigenen, unmittelbaren Wahrnehmung. Nun kann ich zwischen letzten Freitag und diesen Mittwoch vergleichen und werde nicht mehr ständig überholt von Ereignissen, die keine Zeit geben, zurückzutreten, kann aus der Entfernung auf das Nahe schauen und so andere Schlüsse daraus ziehen.

Im Drostcast die Rede von den Coronaübersichtskarten, von Johns Hopkins University und dem Robert-Koch-Institut. Die Institutionen erheben ihre Zahlen mit unterschiedlichen Methoden. In Amerika scannen sie Zeitungsberichte, was zu höheren Zahlen führt, die nachträglich korrigiert werden, oft nach unten. Das RKI nimmt die gemeldeten Fälle in die Statistik auf, so dass die Zahlen den anderen Zahlen um ein, zwei Tage hinterherhängen zu scheinen.

Beide Karten habe ich in meiner Lesezeichenliste gespeichert. Meist rufe ich nur die Karte der Johns Hopkins University auf. Ich habe nie darüber nachgedacht, warum das so ist. Jetzt ahne ich: Ich bevorzuge die höheren, die dramatischeren Zahlen.

Ansonsten: Das Bundesinnenministerium bittet in einem offiziellen Schreiben alle Seenotrettungsorganisationen, keine Menschen mehr aus dem Mittelmehr zu retten, da aufgrund der Pandemie kein Aufnahmehafen mehr gefunden werden könne. 68 AfD-Abgeordnete reisen aus ganz Deutschland nach Berlin, um in einer gemeinsamen Sitzung über den Parteikurs in der Coronakrise zu entscheiden; wer per Telefon teilnimmt, verwirkt sein Stimmrecht. Das Landgericht Duisburg will den Loveparade-Prozess aufgrund der Corona-Pandemie ohne Urteil einstellen, womit die letzten verbliebenen drei Angeklagten keine Strafen oder Auflagen erhalten könnten.

Österreich kündigt eine Lockerung der Einschränkungen nach Ostern an. Sylter Privatvermieter stellen gefälschte Arbeitsaufträge aus, damit Urlauber unter dem Deckmantel beruflicher Tätigkeit auf die Insel kommen können. Laut Polizei München ist das Lesen eines Buches auf einer Parkbank nicht erlaubt. Peter Hahne schreibt in einem Beitrag für die katholische Wochenzeitung: »In Deutschland haben Getränk: emärkte weiterhin geöffnet, doch die Gotteshäuser müssen geschlossen sein. Pervers!« Jugendliche sprühen an die Wand an einer Klinik in München: »Fuck RKI«. Zeit Online bietet in der Navigationsleiste nun drei Schwerpunkte an: Coronavirus, Donald Trump und Alles außer Corona.

7. April | Schwere Luft. Dorfleben II

Zweiter Drehtag. Diesmal sind die Autobahnen voll, kein Platz mehr für Rehe. Auf dem Weg zum Dorf Halt für einen Einkauf von Schutzsachen in einem großen Markt. Eine doppelte Wagenwartereihe zieht sich einmal von der Kasse bis hin zu den Tiefkühltruhen am anderen Ende. Neben der Reihe bricht eine ältere Frau zusammen. Mitarbeiterinnen eilen herbei, bringen Kissen aus der Haushaltsabteilung mit, Wasser, kümmern sich, so lange, bis der Notarzt eintrifft. Die Wagen ziehen einen engen Kreis um die Frau, die atemgeschützen Gesichter dem Notfall zugewandt, ruhig und gelassen, als gehöre so etwas zum Einkauf nun dazu.

Im Dorf der gleiche unwirklich helle Sonnenschein wie zwei Tage zuvor. Wir sprechen mit einem Köhler. Er hat einen Meiler angeworfen. Schwerer Rauch zieht in den blauen Himmel. Der sei gut gegen Asthma, sagt der Köhler, früher hätten Lungenkranke mit dem Liegestuhl vor den Meilern stundenlang ausgeharrt, um zu gesunden. Der Coronavirus jedenfalls könne in dieser schweren Luft kaum existieren.

Wir sprechen mit einer Studentin. Vor drei Wochen ist sie zurück aus Dresden in ihr Heimatdorf gekommen, die Stadt zu groß für diese Tage. Sie studiert Medizin, das zweite Semester hat gerade begonnen. Sie hat sich – so wie viele ihrer Kommilitoninnen – in eine Liste eingetragen, mit der sie ihre Bereitschaft erklärt, in Krankenhäusern oder Heimen Hilfe zu leisten, wenn die Situation es erfordern sollte. 300 Studentinnen wurden schon einberufen, sie noch nicht. Sie sagt, nach einem Semester könne sie kaum von Nutzen sein und würde dennoch bei einem Anruf sofort zurück nach Dresden fahren. Ins Dorf käme sie dann erst einmal nicht mehr, um niemanden hier zu gefährden.

Am Nachmittag ein Interview mit der Familie in Quarantäne. Der Sicherheitsabstand doppelt und dreifach groß, die Gerätschaften entsprechend präpariert. Ein positiver Test, daraufhin die Quarantäne. Die anderen aus der Familie werden nicht getestet und werden auch nicht den offiziellen Zahlen zugerechnet. Zwei Wochen auf engem Raum, die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung sehr hoch. Für sie ist das Ausbleiben eines Tests nicht erklärbar. Die Ungewissheit, ob sie erkrankt sind, wie sollen sie sich verhalten, wenn es zurück auf die Arbeit geht? Familie, Leute aus dem Dorf haben Hilfe angeboten, angerufen, unterstützt.

Wir stehen jenseits der Grundstücksgrenze und halten Abstand. Wir schauen auf die Menschen, die uns gegenüberstehen. Der Verlauf ist milde, keine Symptome, keine Beschwerden. Ihnen ist die Krankheit nicht anzumerken, sie ist da und zugleich nicht. Doch müssen wir uns fernhalten, sie wie eine Gefahr wahrnehmen, ihr Grundstück, eine Area X, muss gemieden werden, ein temporärer Unort, sie selbst auch momentan Gemiedene.

Auf der Rückfahrt kommen wir an einem Spargelstand vorbei. Sechzehn Euro kostet das Kilo. Spargel fühlt sich falsch an, dekadent, den Umständen nicht angemessen. Von den eingeflogenen Erntehelferinnen zu wissen, die Schlagzeilen mit der scheinheiligen Sorge um die Spargelernte, so, als wolle man sagen: Erst wenn es im Frühjahr keinen Spargel mehr gibt, ist die Situation wirklich ernst, erst dann revoltiert es in Deutschland.

Ansonsten: Boris Johnson wird aufgrund seiner Covid19-Erkrankung auf die Intensivstation verlegt. Die Queen hält eine Ansprache und trägt dabei ein greenscreenfarbenes Kostüm, auf das anschließend Fußballspiele, Iron-Maiden-Shirts und ähnliches gekeyt werden. Es wird über die Verbreitung des Virus in der Luft diskutiert, die Augsburger Allgemeine fragt: Ist es jetzt gefährlich, einen Bart zu tragen? In Großbritannien werden Mobilfunkmasten wegen der Theorie, dass 5G zur Verbreitung des Virus beitragen würde, angezündet.

Die Stadt New York lässt Gefangene Massengräber ausheben. Aufgrund der Coronakrise will Spanien das geplante bedingungslose Grundeinkommen schneller einführen. In Panama segnet Erzbischof José Domingo Ulloa zum Palmsonntag mit Marienstatue und einer Monstranz aus dem Helikopter heraus. Der israelische Gesundheitsminister Yaakov Litzman, der die Corona-Pandemie für eine »Strafe Gottes wegen Homosexualität« hält, wird positiv auf Corona getestet.

6. April | Kurz nach den Rehen. Dorfleben

Halb neun fahren wir los. Die Autobahn ist nahezu leer. Nahezu leer bedeutet, dass uns in einem kilometerlangen Tunnel kein Fahrzeug entgegenkommt. Kurz vor Jena laufen Rehe auf die Autobahn, nicht übermäßig in Eile überqueren sie die Fahrbahn.

Beim Fahren tragen wir Atemschutzmasken, wir kommen aus verschiedenen Haushalten. Die Masken sind aus Stoff, genäht von Bekannten, die ein Modetheater betreiben, für das es auf absehbare Zeit keine Veranstaltungen geben wird. Ein kleiner, auf Höhe der Nase sitzender Metallbügel sorgt für besseren Halt. Dennoch ist das Bedürfnis groß, die Masken ständig zurechtziehen zu wollen, eine fatale Handlung, wäre der Virus an unseren Fingern. Beim Atmen beschlagen die Brillengläser. Wenn wir die Spiegelbilder unserer Gesichter in den Fensterscheiben sehen, kommen wir nicht umhin anzunehmen, wir wären unterwegs zu einem Raubüberfall, etwas eben, das jeder mit Maske auf dem Gesicht einmal denken muss.

Kurz nach den Rehen biegen wir ab, mehrmals die Kurven. Die Straßen werden kleiner, bis nur noch ein einziger Weg bleibt, er führt in ein Dorf, er führt nicht wieder heraus. Das Dorf liegt am Ende der Welt, gebettet in einem schmalen Tal, auf dessen Höhen sich Wald entlangzieht. Über den Wipfeln kreisen Raubvögel, im Dorf schlagen deshalb mehrere Hähne Alarm. An den Hängen springen Lämmer grasrupfenden Schafsmüttern nach, Katzen schleppen Mäuse vom Feld, Hunde behalten Grundstücksgrenzen im Blick.

In den vielleicht dreißig Häusern wohnen nicht ganz hundert Menschen. Wir waren hier schon öfter, wir kennen nicht wenige von ihnen. Nun sollen wir mit Kamera dokumentieren, wie es ihnen gerade geht. Es ist das erste Mal seit drei Wochen, dass ich Weimar verlasse, dass ich zu einer anderen Handvoll Menschen von Angesicht zu Angesicht spreche, stets im Sicherheitsabstand, wir haben gemessen, wie weit wir die Mikrofonangel ausziehen müssen, um zwei Meter zu garantieren.

Die Menschen, die Umgebung, der Wald, die Vögel, die Gerüche und Geräusche setzen mich erst einmal schachmatt. Ich nehme das Klopfen eines Spechts auf, das Plätschern eines Bachs, Vogelstimmen, Schwalben, Goldammern, Amseln, Gemurmel von Bauern, die auf den Hängen ihr Grün vertikutieren, Blöken, Bellen, Krähen, das Schnarren einer Motorsäge, das Krächzen eines Rasenmähers, Traktorratern. Es ist ein guter Fall ins Idyll, in eines dieser Bilderbücher, mit denen Kindern gesagt wird: Diese Welt ist eine der schönen.

Die erste Begegnung ist dann auch so, entnommen einem Bilderbuch für Erwachsene. Zwei Nachbarn stehen sich an ihren Zäunen gegenüber, der Weg dazwischen misst vorbildliche zwei Meter. Ansonsten treffen sich die Männer des Dorfes sonntags vor dem Mittagsbraten auf mehrere Biere in einem alten Haus, eine immens wichtige Zusammenkunft, die mehr als eine soziale Funktion erfüllt. Das ist seit mehreren Wochen nicht mehr möglich.

Nun hat einer der Nachbarn Bier mitgebracht. Er legt die Flasche in einen Sack, hängt den Sack an eine Latte, schwenkt die Latte über den Weg, so, dass der andere Nachbar sie erreichen kann. Der nimmt das Bier, entkorkt es, sie stoßen in die Luft und damit an, trinken, reden, social distancing über den Zaun hinweg.

Beide sagen, dass sie eigentlich nicht raus müssten. Die Vorräte reichen länger als zwei Wochen, kürzlich wurde erst eine Vierzentnersau geschlachtet, die Kühltruhen sind voll. Der Garten ist groß, auf dem kleinen Acker wird gesät, aus dem Forst bei Bedarf Holz geholt. Einer von den Nachbarn arbeitet außerhalb Thüringens auf dem Bau, er sagt, dort gelte auch der Mindestabstand, der sei auf einer Baustelle aber niemals einzuhalten. Unter den Kollegen sind viele Arbeiter aus Rumänen, die kehren nicht zurück in die Heimat, sie bleiben auf dem Bau, weil sie Angst haben, später nicht mehr einreisen, damit ihre Arbeit verlieren zu können.

Im Dorf mussten sie einen Teil des Faschings und eine Dorfversammlung absagen. Neben dem Biertreff ist das Gemeindehaus, auch so ein Zusammenkunftsort, geschlossen. Selbst wenn auf der einzigen Straße des Dorfes ansonsten auch nicht viel los ist, scheint es heute noch ruhiger als sonst. Erst im Laufe des Tages fallen mehrere Autos mit Kennzeichen aus Erfurt, Jena, Weimar auf. Das sind die Städter, sagen die im Dorf, denen falle die Decke auf dem Kopf. Alle hier sagen, dass sich für sie eigentlich wenig geändert habe und alle sagen, dass es ihnen ganz gut gehe und alle erwähnen einmal oder mehrmals jene in den Städten, die in den Zweizimmerwohnungen, die ohne Garten am Haus oder Wald vor der Tür, vielleicht mit Kindern, ohne Häme die Gedanken.

Handyempfang gibt es im Dorf nicht. Kommuniziert wird jetzt über Mails, oder, noch viel öfter, über WhatsApp-Gruppen. Es gibt Gruppen für den Fasching, den Heimatverein, die Frauen haben eigene Gruppen, manche der Männer auch. So fließen die Informationen. Eine hat alle schnell erreicht: In einem Haus gab es einen Verdachtsfall, der sich bald darauf als tatsächliche Infektion herausstellte. Selbst hier, in diesem Tal, mit nur einer Zufahrtsstraße, ist die Welt angekommen. Das Haus steht unter Quarantäne. Im Dorf wurde daraufhin getestet, gerade bei den Kindern, die miteinanderspielten. Es blieb bei diesem einen Fall. Jeder hier weiß davon, jeder sagt, dass er helfen würde, Lebensmittel bringen, zum Arzt fahren, aber jeder hier hat auch Familie, die für ihn sorgt.

Wir hören, dass es in einem der Nachbarorte einen Fall gab, der unwissentlich ansteckte, das geschah in den Anfangstagen. Es kam zu Anfeindungen, zu Beschuldigungen, »der wurde richtiggehend fertiggemacht«, heißt es. Hier, sagen sie, wäre das nicht möglich, hier steht man zusammen, wenn es darauf ankommt, so war es auch bei der Überschwemmung vor einigen Jahren, als der kleine Dorfbach über Nacht anschwoll und einige Häuser unter Wasser setzte.

Wir sprechen mit einigen aus dem Dorf. Den meisten ist es fast unangenehm zu sagen, dass sich für sie so wenig geändert hat. Weiterhin Gärtnerarbeit, im Wald nach dem Rechten sehen, Spaziergang zum Sommerberg, am Haus bauen, Streichen, Nageln, Wäscheaufhängen. Urlaube, Kreuzfahrten mussten abgesagt werden, es sind Kleinigkeiten. Die Sorgen sind andere: abends im Weltspiegel sehen, was in Italien, in Spanien passiert. »Die Coronanachrichten schauen« nennen sie das.

Niemand verdient sein Geld im Dorf, alle arbeiten außerhalb oder erhalten ihre Aufträge von dort. Einige befürchten, ahnen, wissen schon, dass die wirtschaftlichen Folgen sie betreffen werden, es könnte existentiell sein. Jemand sagt, dass jede Generation einen Krieg erlebe, das sei eben unser Krieg, korrigiert sich gleich darauf, nein, Krieg könne man das nicht nennen, aber wie dann? Ein anderer kommt aus dem Wald zurück und ruft über den Gartenzaun, dass Corona eine Sache sei, die vielleicht ein, zwei Jahre dauern werde, aber die Trockenheit, die werde uns viel länger beschäftigen.

Im Dorf sagen sie, dass sie hier einen kleinen Himmel haben. Am Abend verschwindet die Sonne schnell hinter den Hängen. Rauch steigt aus Schornsteinen, im Teich neben dem abgesperrten Spielplatz quakt ein Frosch, auf einem Dach hämmert eine Goldammer gegen ihr Spiegelbild. Und dann meiner einer, dass doch etwas wirklich anders sei jetzt im Dorfbild: Die Kinder sind nicht mehr auf der Straße. Deshalb ist es so still. Die Kinder, sie spielen jetzt für sich.

4. April | offline

Kommentarlos fällt heute der Internetzugang aus und wird voraussichtlich auch die nächsten Tage schweigen. Dadurch wird es noch einmal ruhiger und bringt mich dazu, darüber nachzugrübeln, auf was ich denn am Ehesten, auf was ich zuletzt verzichten könnte: Strom, Wasser, Abwasser, Heizung, Internet, Essen, Haus, Menschen? Die Logik ordnet vor – ohne Strom kein Internet, ohne Essen und Wasser kein ich. Aber so eindeutig ist es dann doch nicht und das bringt mich dazu, an den Text zu denken, welchen ich las, als online noch die Normalität war.

Der Text beschimpfte die gutsituierte Mittelschicht, die im Home Office sitzt und bei selbstgebackenen Brot klagt, wie schwer doch so ein Lockdown wäre. Dem stimme ich zu, weil ich das öfter denke, mindestens drei Mal am Tag denke ich, was für eine Ausnahmesituation das doch ist, in der man über Strom, Wasser, Abwasser, Heizung, Internet, Essen verfügt und nicht fürchten muss, dass einem das Haus weggebombt wird und dass mit diesem Wissen jede Klage über die Einschränkungen eine zu viel ist.

Und zugleich ist diese Klage notwendig, wenn sie so empfunden wird, weil jeder Zustand von jedem anders empfunden wird und kein Zustand identisch mit dem anderen ist und Faktoren eine Rolle spielen, die von außen nicht einsehbar sind. Ich z.B. kann dankbar sein und mich glücklich schätzen, diese Pandemie in einer solchen Sicherheit verbringen zu können, besser wahrscheinlich, als die sehr große Mehrheit, selbst in meiner Hausgemeinschaft befinde ich mich in einer privilegierten Situation.

Und dennoch kann mir, was geschieht, auf den Magen schlagen, kann ich mich gereizt fühlen, kann ich resignieren und mich maßlos über- oder unterfordert fühlen. Zustände können nebeneinander existieren, sie widersprechen sich nicht. Texte wie der obengenannte stellen das in Abrede, sie suchen Streit, sie schwärzen an, sie stellen sich so an, weil sie unbedingt eine Meinung haben wollen und das ist nicht unbedingt das, was gerade gebraucht wird, dieses Ausspielen gegeneinander, das machen schon die Länder, die die sich gegenseitig die Atemschutzmasken wegkaufen.

Ansonsten: fällt diesmal offlinebedingt aus. Schreiben kann ich aber, dass ich morgen unterwegs sein werde. Die Ausschreibung, von der ich vor drei Wochen schrieb und in der ein Fernsehsender um Ideen für einen dokumentarischen Beitrag zum Thema C19 bat, war erfolgreich. Der Sender hat Y.s Konzept angenommen, weshalb wir morgen nach Meusebach, ein Dorf mit neunzig Einwohnern fahren, um zu erfahren, wie die Pandemie das Dorfleben verändert hat.

3. April | lyrisches Ich

Der erste Tag seit Wochen, an dem mich – abgesehen vom Notwendigen – nicht viel mehr interessiert als das Buch, welches ich lese (4 Uhr kommt der Hund), Oliven symmetrisch zu schneiden und drei Mal »Dieses Jahr« auf der Gitarre zu spielen, sagt mein lyrisches Ich.

Anderen scheint es ähnlich zu gehen. Der erste Tag seit Wochen, an dem in der Filterblase wie bc diskutiert wird; Anlass ist ein »Gedicht« des Rammsteinsängers. Nach fünf Minuten hat jemand schon jeden Standpunkt in eine aktualisierte Fassung von avenidas überführt. Es ist beruhigend, den Hashtag #Lindemann zu sehen, ein Form von Normalität wie der Hashtag #Nuhr oder #Naidoo, es ist Luxus.

Dem lyrischen Ich fällt die Diskrepanz auf zwischen den Videos, in denen Ärzte zeigen, wie man Masken, Handschuhe und Schutzkittel korrekt und virensicher anzieht und dem Bratwurststand, der wie jeden Freitag vor dem Supermarkt Gegrilltes verkauft. Bratwurst ist in Thüringen systemrelevant.

Die Anfrage kommt, für eine Anthologie, die mit Geldern für geplante und nun ausfallende Lesungen finanziert werden soll, eine Kindergeschichte zu schreiben, das Thema im weitesten Sinn diese Zeit. AC soll es mit dem Buch Lesungen geben. Einen Titel habe ich schon, nun muss die Geschichte noch folgen.

Meine Schwester schreibt eine Postkarte. Sie schreibt, sie hofft, dass es mir gut geht. Und dass die Welt anders geworden sei. Die Menschen seien jetzt aufmerksamer miteinander.

Ansonsten: Um drohende Ernteausfälle zu verhindern, sollen jeweils 40.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa nach Deutschland einreisen dürfen. Eine Studie bestätigt, dass einfache medizinische Gesichtsmasken die Abgabe von Coronavirus und Influenzavirus durch den infizierten Maskenträger reduzieren. Wichtiger Nachsatz: Stoffmasken kann man zur Reinigung auch bügeln. Wuhan beendet den Shutdown. Die Kanzlerin verlässt die Quarantäne.

Die USA konfiszieren 200.000 für die Berliner Polizei bestimmte Schutzmasken; ein »Akt moderner Piraterie«, sagt Berlins Innensenator. In Israel riegelt die Polizei Siedlungen der Ultraorthodoxen, da diese sich aus religiösen Gründen den verhängten Maßnahmen verweigern. »Welchem Virologen vertrauen Sie am meisten?» fragte BILD seine Leser in einer Abstimmung, Christian Drosten gewinnt mit 37 Prozent. Im Onlinespiel Fallout76 wird die Pandemie nachgespielt und Toilettenpapierrollen werden wie Schätze in Vitrinen präsentiert. Jemand sucht den ersten Satz des besten Romans, der über die Pandemie geschrieben werden wird:

– »“It is a wondrous and joyous thing, this voyage that lies ahead for us,“ Fred said to his wife as they boarded the Diamond Princess for the dream vacation that cost him most of his 401K.«
– »It was the worst of times, it was the worst of presidents.«
– »No one expected the hero of a global pandemic to be a gay polygamist with a mullet who owned a private big cat zoo, but he was exactly the hero the world needed.«

2. April | the most vulnerable

Jemand schreibt: »Es ist jetzt Tag-X in der Coronawelt und es ist so unfassbar nervig und für den Kopf absolut kontraproduktiv die ganze Zeit sämtliche Virologen und Co. immer wieder im TV sehen und hören zu müssen nebst Möchtegerns…Ich habe das Gefühl, dass alles gesagt ist und auch die dümmsten Menschen auf der Erde die Ernsthaftigkeit des Virus erkannt haben.«

Dem möchte ich zustimmen, dem möchte ich widersprechen. Widersprechen, weil zwar schon alles gesagt ist, aber nur das, was bis heute bekannt ist. Und sich damit auch der Blick auf die Pandemie verschiebt. Nicht jeden Tag, vielleicht nicht einmal jede Woche, doch es ändert sich die Bewertung der Situation, eine neue Perspektive wird getestet und setzt sich schließlich durch, so lange, bis die nächste Neubeurteilung erfolgt.

Heute wird ein Video geteilt, welches Flatten-The-Curve für überholt erklärt, das besagt, man müsse zurück zur fast vollständigen Eindämmung, dann ein Lockern vieler Maßnahmen und anschließend ein konsequentes Überwachen und Verfolgen von Infizierten und deren Kontaktpersonen, Titel: Corona geht gerade erst los.

Eine andere Erzählung ist die von der konsequenten Isolation der Risikogruppen beim gleichzeitigen Freigeben der Maßnahmen für alle anderen. Es ist nicht auszuschließen, dass einer der beiden Wege zukünftig begangen wird. Besonders die zweite Möglichkeit erscheint verlockend, weil sie für die Mehrzahl die Rückkehr zur Normalität bedeuten würde. Es ist klar, was das für die, die nicht zur Mehrzahl gehören, bedeuten würde, es wäre ihre Last.

Ich müsste lügen, würde ich schreiben, dass ich nicht gern zur Mehrheit gehören möchte. Ich würde gern die Kindergärten offen sehen und Lesungen bestreiten können, ich würde gern Freunde treffen, es müssen keine Großveranstaltungen sein, keine Konzerte in engen Räumen, es müssen nicht einmal Grillabende mit zwanzig Personen sein. Es würde gegen die Gereiztheit helfen, die sich heute so penetrant über alle Handlungen legt, ich möchte es glauben, ich streiche durch, was ich schreibe.

Unter #FilmYourHospital filmen Menschen eine Notaufnahme in ihrer Nähe, um zu beweisen, dass, wenn sie nicht überfüllt ist, Covid19 nur erfunden ist. Viele Videos sind aus dem Inneren eines Autos gefilmt, der User fährt langsam am Krankenhaus vorbei und sagt im Off etwas wie: »Don`t see anyone.« Es ist ein Versuch, die Zahlen und Kurven in Einklang zu bringen mit der eigenen Realität, die keine Krankheit kennt, aber alle sonstigen Einschränkungen. Dieses Hinauswagen in die Wirklichkeit ist bemerkenswert naiv, der hilflose, obszöne Versuch, eine vermeintliche Wahrheit zu entdecken, um so dem Schrecklichen zu entkommen. Es ist gefährlich und wird sich verstärken und Bilder liefern für jene, die nach solchen Bildern suchen.

– TheGipper2000: »The Elmhurst Hospital in New York is a ghost town. I thought this was supposed to be a war zone? The media is full of shit.«
– Stewie Mac: »That’s the greatest bit of detective work I’ve ever seen! Film the outside of the hospital, not what’s happening in the intensive care ward! Brilliant!«

Gestern war ich in der Buchhandlung, um die bestellten Romane, Erzählbande, Bilderbücher zu holen. Im Gespräch sagen die beiden, dass sie ohne Pause von morgens bis abends durcharbeiten. Eine nimmt die Bestellungen an, eine ordnet sie zu. Viele Kisten kommen so zusammen, die mit Fahrrad ausgeliefert werden, oft zu viele Kisten, um sie an einem Tag auszufahren. Der Grund ist ein Fernsehbeitrag, der über die Buchhandlung und die Auslieferung berichtete, ist vielleicht Ostern, ist vielleicht die Weigerung amazons, Bücher zu verschicken, ist vielleicht Solidarität. Die meisten freuen sich, schreiben nette Bemerkungen (Bleibt gesund! Haltet durch!) in die Betreffzeilen der Überweisungen. Wenige beschweren sich, wenn die Bücher nicht am Tag nach der Bestellung schon vor der Haustür sind.

Ansonsten: 6,6 Millionen Amerikaner melden sich arbeitslos, doppelt so viel wie in der Vorwoche. Aldi holt Pasta mit Sonderzügen aus Italien. Belgien beendet die Fußballsaison und erklärt FC Brügge vorzeitig zum Meister. »Das Lebensgefühl, dass wir jetzt während der faktischen Ausgangssperre haben, ist dem Leben einer Frau in stark patriarchalen Gesellschaften (Saudi Arabien etc.) sehr ähnlich.«

Angeblich sollen die USA für Frankreich bestimmte Atemschutzmasken in China weggekauft haben; »sagte dem Fernsehsender BFMTV, dass für Frankreich bestimmte Maskenlieferungen von einem anderen Land auf dem Rollfeld chinesischer Flughäfen aufgekauft worden seien.« Auf der Webseite der Johns-Hopkins-University wird die Zahl der Infizierten mit über einer Millionen angegeben, die Zahl der Toten in Deutschland mit über tausend, die Zahl deutscher Infizierter übersteigt die chinesischer Infizierter. Der amerikanische Musiker Adam Schlesinger von Fountains Of Wayne stirbt an Covid19.

1. April | 20. April

Es braucht ein Ziel und das Ziel muss konkret sein und konkret ist Sonntag, der 19. April, bis zu dem alle Pandemiemaßnahmen weiterlaufen werden. Dem 19. April folgt der 20. April und eine Schlussfolgerung, vielleicht Hoffnung, könnte sein, dass sich dieser 20. April von den Tagen davor unterscheiden wird, er der Beginn einer Rückkehr in die Normalität bedeuten könnte. Doch muss jeder ahnen, dass diese Annahme nicht aufgehen wird, dass die aktuelle Normalität über den 20. April hinaus andauern wird.

Die Frage ist, unter welchen Bedingungen sich welche Maßnahmen ändern? Öffnung von Geschäften bei gleichzeitig verbindlicher Mundschutzpflicht? Aufheben von Ausgangssperren bei größeren Testmengen mit rigoroser Quarantäne für alle Kontaktpersonen eines Infizierten? Rücknahme der Kurzarbeit bei Umstellung der Produktion auf medizinische Güter?

Einiges wird länger als April bleiben: die Plexiglasscheiben in den Supermärkten, die desinfizierten Einkaufswagen, der Gesprächsabstand von 1.5 Meter, die ausgedünnten Nah- und Fernverkehrsfahrten. Hinzukommen wird die Atemschutzmaske als Normalfall. Im Februar schrieb ich noch über die Bebilderung der Pandemie anhand von Fotos mit atemschutzmaskentragenden Menschen. Es war kritisch gemeint.

Vielleicht habe ich mich geirrt. Vielleicht ist das Bild von Menschen, die Atemschutzmasken wie selbstverständlich im beschränkten öffentlichen Leben tragen, das Bild, um zu verstehen, was geschieht. Mit nur einer Ergänzung: Die Schutzmasken hier haben keine bleichgrüne Krankenhausfarbe, sondern sind mit Ornamenten und Mustern gestaltet, ein Festhalten am Individualismus in der Gleichmacherei der Pandemie. So wie eine Zeit lang Je Suis Paris den Profilbildern diverser sozialer Medien beigefügt war, sind es nun die mit bunten Masken geschützten Gesichter.

Freunde und Bekannte berichten unterschiedliches vom Homeschooling. Lehrer, die vor zwei Wochen ein paar Arbeitsblätter verschickten und seither abtauchten. Oder: jeden Tag Arbeitsblätter für sechs Fächer und die Pflicht für Kinder und Eltern, dieses Pensum zu schaffen. Beides ist weit von einem Idealzustand entfernt. Sollte die Schließung von Schulen und Kindergärten länger anhalten, womöglich bis zu den Sommerferien, wird es dafür andere Wege brauchen.

Im Drostcast von Montag spricht Dr. Drosten über seine Rolle in den Medien. »Es gibt Zeitungen, die malen inzwischen nicht nur in den Wörtern, sondern in Bildern, Karikaturen von Virologen. Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet und mir wird schlecht dabei. Ich bin wirklich wütend darüber, wie hier Personen für ein Bild missbraucht werden, das Medien zeichnen wollen, um zu kontrastieren. Das muss wirklich aufhören.«

Und: »Genau diese Überzeichnung, dieses immer noch provozieren wollen von einem Konflikt, der so gar nicht existiert, das zeigt doch, dass es uns gesellschaftlich immer noch ziemlich gut geht. Dass unsere Medien immer noch eigentlich ein Niveau nehmen, auf das sie was obendrauf setzen wollen von Unzufriedenheit, gesellschaftlicher Unzufriedenheit.«

Das ist Luhmann: Verschiedene Systeme – Wissenschaft, Politik, Medien – treffen aufeinander. Jedes System hat seine eigenen stabilisieren Faktoren. Reibung entsteht, wenn diese Systeme in Kontakt geraten; wenn Wissenschaftler Politiker beraten. Politik wissenschaftliche Erkenntnisse zur Entscheidungsgrundlage nehmen muss. Wenn Medien Politik und Wissenschaft betrachten.

Drosten: »Es gibt kein Erfolgsmaß in der Wissenschaft, in Form von Podcasts oder Twitterfollowern. Im Gegenteil, für einen Wissenschaftler ist es gefährlich. Es kann wirklich karriereschädigend sein, sich zu sehr in die Öffentlichkeit zu begeben. Denn in der Öffentlichkeit muss man simplifizieren und muss Dinge vereinfachen. Das steht einem Wissenschaftler eigentlich nicht gut.«

Ansonsten: Der amerikanische Präsident erhöht die Zahlen und spricht von zweihunderttausend zu erwarteten Toten. Der große Kinohit vor Schließung der Kinos – Die Känguru Chroniken – gibt es nun für 17€ zum Streamen, ein Teil der Einnahmen soll den Kinos zugutekommen. Adidas erklärt sich doch bereit, die Mieten der geschlossenen Läden zu zahlen. Ein Unternehmer bietet für mehrere tausend Dollar im Monat einen garantiert virenfreien Platz in einer Luxusvilla nahe Los Angeles an; »Guests will be screened for Covid-19 before being admitted so that they can freely participate in open mics, fireside chats, daily yoga and parties without worry of infection.«

Für Anspucken und Anhusten werden Gefängnisstrafen verhängt. Prinz Charles gilt als genesen. Wimbledon wird abgesagt. Die Stadt Erfurt kündigt an, die Namen Carola oder Corina zu verbieten; das Standesamt untersage demnach ab sofort jungen Eltern, ihren Töchtern diese Vornamen zu geben – wegen der lautmalerischen Nähe zum Coronavirus. Ein Aprilscherz.

Mai | März | Februar | komplett

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