Coronamonate. Mai.

31. Mai | Alles andere

Gestern kein Eintrag, weil ich dachte, es gäbe nichts zu berichten. Dabei passiert gerade so viel: Raketenstart, Unruhen in Hongkong, vor allem die Proteste in den USA. Doch haben all diese Geschehnisse nichts mit dem Thema zu tun, das seit drei Monaten alles andere beiseitedrängt.

Ich bemerke, dass ich alles, was passiert, unter dem Gesichtspunkt betrachte: Was hat das mit dem Virus zu tun? Das liegt auch an diesen Notizen. Ich scanne die Wahrnehmung meiner eigenen kleinen und die der großen Welt und ignoriere, was nicht zu verwerten ist, was nicht auf das Paradigma passt, das ich seit drei Monaten über alles lege. Alles andere wird zweitrangig.

Dabei entgehen mir Zusammenhänge. Das Größte, was geschehen kann – der Mensch bricht zu fremden Sternen auf – ist mir eine Randnotiz. Es ist mir die Mühe nicht wert, in Erfahrung zu bringen, warum die Menschen in Hongkong auf die Straße strömen und wie erfindungsreich sie das tun, weil ich lieber über den Methoden der Bild-Zeitungen brüten möchte.

Ich sehe nicht das Video an, das eine weiße Frau zeigt, die einem schwarzen Mann droht, die Polizei mit einer Lügengeschichte zu rufen, in vollem Bewusstsein, was das für Folgen für ihn haben könnte. Ich sehe nicht das Video an, in dem ein weißer Polizist viele Minuten auf dem Hals eines schwarzen Mannes kniet, so lange, bis der Mann gestorben ist, der Polizist gefilmt, wohlwissend, dass dieser Mord keine Konsequenzen für ihn haben wird, dieser gefilmte Mord vor aller Augen stellt kein Gefahr für den Mörder da. Ich sehe nicht zu den Protesten, der Wut und ihrer Größe.

Dann sehe ich, dann lese ich, dann höre ich.

Und während ich das tue, verstehe ich das meiste weiterhin nicht, aber doch manches mehr. Es ist niederschmetternd, es ist genauso verzweifelt und hoffnungslos wie die vielen Male davor und während ich das fühle, beginne ich, entgegen jeder bewusster Absicht, Verbindungen zur Pandemie zu ziehen, denke an die erhöhten Todesraten in bestimmten Bevölkerungsgruppen, die im Zuge der Pandemie ausgeweiteten Machtbefugnisse von Autoritäten, die Gewissheiten, die die Pandemie hinweggefegt hat und dass es so selbstverständlicher geworden ist, das Bestehende in Frage zu stellen, vermute wider besseren Wissens: Ohne die Pandemie wäre vielleicht das gleiche geschehen, aber nur mit der Pandemie geschieht es weiter, wie es gerade weitergeschieht.

Ansonsten: Die Stadt München verbietet auf Coronakundgebungen das Tragen von gelben Sternen, mit denen Demonstranten gegen eine vermeintlich drohende Impfpflicht protestieren. Sicherheitsexperten warnen vor einem dreihundert Euro teurem Anti-5G-Stick, der nur ein leerer 128 MB USB-Stick ist. Laut einer Untersuchung war während des Lockdowns das Fahrrad zeitweise das am häufigsten benutzte Verkehrsmittel, noch vor dem Auto.

Um den Abstand zwischen Gruppen zu gewährleisten, werden in Parks mit Rasenmarkierfarbe weiße Kreise auf die Wiesen gemalt. Der dänische Fußballklub Aarhus GF schaltet während eines Geisterspiels Fans auf mehreren großen Leinwänden zu. Die weltweite Infiziertenzahl steigt über sechs Millionen.

29. Mai | Unkenrufe

Neben vielem anderen offenbart die Pandemie auch die jeweilige Haltung zur Welt und den Dingen: wer geht vom Besten aus, wer lässt es eher locker angehen, wer schaut rational, wer vorsichtig, wer skeptisch, wer vermutet hinter allem, was geschieht, böse Absichten – jeder wird sich in der Pandemie irgendwann einmal bestätigt finden. An diesen ausgewählten Momenten, in denen sich Annahme und Wirklichkeit kurzzeitig übereinanderschieben und dann synchron erscheinen, lässt sich die Bestätigung für das eigene Weltbetrachtungsmodell ableiten.

Ich jedenfalls halte es so und sehe ich mich deshalb oft bestätigt. Ich beende Gespräche mit einem Satz wie »In zwei Wochen ist dann Lockdown« oder »Wir sehen uns in der Zweiten Welle.« Von den täglich neu bestimmten Reproduktionszahlen schreibe ich, wenn sie über 1 liegen, nicht, wenn sie darunter sind. Lokalen Infektionsausbrüchen messe ich besondere Bedeutung zu, weil sie mir Indiz sind dafür, dass die Sache mit der Lockerung nicht aufgeht.

Die Pandemie zeigt mir: Tendenziell gehe ich vom möglichen Katastrophalen aus, davon, dass das Gewarnte passiert, im Spektrum orientiere ich mich unterhalb der X-Achse. Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Es ist der Ton, der in den Beobachtungen hier und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen klingt, so sind sie einzuordnen.

Gerade wird diese Weltsicht ganz schön auf den Prüfstand gestellt. Wissenschaftler sprechen davon, dass Deutschland ohne zweiten Lockdown und ohne zweite Welle davonkommen, dass die Pandemie auch ohne Impfstoff beendet werden könnte. Die Zahlen geben dem recht, denn trotz Lockerungsmaßnahmen steigen – bis auf wenige regionale Ausnahmen – die Infektionszahlen nicht. Das sind gute Nachrichten für Menschen und schlechte für Pessimisten. Aber die rechnen ja sowieso mit nichts anderem.

Noch ein Nachtrag zu gestern. Ein Interview mit Christian Drosten wird ab morgen Titelgeschichte des Spiegels sein. Darin erklärt Christian Drosten auf die Frage, ob er sich mit den selbstlosen Mentorenprototypen Gandalf oder Obi Wan Kenobi vergleichen würde: »Wer ist das? Ich kenne die Figuren nicht.« Zur Bild-Zeitung sagt er: »Sollte ich mich fürchten? … In meinem Alltag kommt die Bild-Zeitung nicht vor.« Und zu Bild-Chef Julian Reichelt: »Wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag.«

Besonders die letzten beiden Antworten sind in ihrer trocken vorgetragenen Unkenntnis wunderbar. Das Prinzip der Bild-Zeitung beruht darauf, dass Menschen Angst vor ihr haben und die Bild deshalb über sie verfügen kann. Wenn jetzt jemand kommt und sagt, die Bild sei ihm unbekannt, interessiere ihn nicht, spiele auch keine Rolle in seinem Leben, dann muss dieses Angstprinzip ins Leere laufen. Das ist die Pflicht. Die Kür ist, der Bildchefredaktion, die für sich gar nicht so heimlich in Anspruch nimmt, Mitbestimmen zu wollen, ins Gesicht zu sagen, euch kenne nicht ich, ihr seid zu unwichtig für mich. Das ist Drostens nächster Mic Drop.

Natürlich ist es dann doch nicht so einfach. Die Titelgeschichte ist mit den Worten überschrieben: »Verehrt und Verhasst – der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten.« Und da reibt sich die Bild-Chefredaktion doch wieder die Hände: Weil es die Wissenschaft in eine Glaubensfrage überführt, so, wie es von Anfang an intendiert war.

Ansonsten: Laut Statistischem Bundesamt sind im April in Deutschland acht Prozent mehr Menschen als im Schnitt der vier Vorjahre gestorben, ein Zusammenhang der Entwicklung mit der Corona-Pandemie sei naheliegend. Laut einer Umfrage findet eine Mehrheit der Deutschen Maskenpflicht fairer als eine freiwillige Regelung. Während eines Gottesdienstes in einer Bremerhavener Pfingstgemeinde haben sich 44 Menschen infiziert, hundert sind in Quarantäne.

Nachdem sie einen Laborassistenten angegriffen haben, entkommen mehrere zu Testzwecken mit Corona infizierte Affen aus einem indischen Labor, was in etwa die Prämisse der beiden dystopischen Filme 28 Tage später und 12 Monkeys ist. Knuffelberen als Werbeträger für einen wiedergeöffneten Vergnügungspark:

28. Mai | Die hohe Kunst des subtilen Disses

Weiterhin führt die Bild-Zeitung ihre Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten fort. Wie üblich zieht ein Text Texte nach sich, die über den ersten Text schreiben und dadurch weitere Texte hervorrufen und damit die Botschaft verbreiten, so den gewünschten Zweck erfüllen.

Der Virologe Alexander Kekulé, ebenfalls in Besitz eines Coronapodcasts, schreibt einen Text, in welchem er begründet, weshalb die Studie zurückgezogen werden müsse. Drosten veröffentlicht daraufhin mehrere Tweets, in einem heißt es: »In unserer Community spielt er keine Rolle«. In einem anderen praktiziert er die hohe Kunst des subtilen Diss, schreibt: »Kekulé selbst könnte man nicht kritisieren, dazu müsste er erstmal etwas publizieren.«

Wenn die Debatte über die unterschiedlich hohe Virenlast im Rachenraum von Kindern und deren Folgen für die Infektiosität mit Covid19 ein Battlerap wäre, würde Kekulé nun geschlagen und gedemütigt von der Bühne flüchten müssen, Christian Drosten könnte das Mikrofon theatralisch zu Boden fallen lassen.

So amüsant könnte das sein, Diss statt Dissertation, Virologen in öffentlichen Scharmützeln, geführt wie von geschassten Fußballtrainern oder Reality-TV-Darstellern, so surreal, wenn der medial beachteste Zweikampf zwischen Wissenschaftlern stattfindet, wenn zwei Forscher so bekannt sind, dass allein ihre Namen ausreichen, um Bilder im Kopf hervorzurufen, wenn Gelehrte die typischen Twists sonstiger Boulevardschlammschlachten abarbeiten, so amüsant, wenn es nicht die Zahlen gäbe, hunderttausend 100 000 einhunderttausend Tote in den Vereinigten Staaten, einhunderttausend Menschen gestorben, weltweit 350000 gestorben, diese Zahlen gegen das Unterhaltende, das Kampagnenhafte, das Amüsierenwollen, das Absägenwollende, die Rechthaberei, die Eitelkeit, die Saat der Niedertracht aufgegangen.

Ansonsten: Wegen der Berichterstattung der Bild über die Studienergebnisse Christian Drostens stoppt die AOK Werbung in der Zeitung. Laut einer Studie wächst von Mitte März bis Mitte Mai das Vermögen amerikanischer Milliardäre um 434 Milliarden Dollar, die größten Zugewinnen verzeichnen Jeff Bezos mit 35 Milliarden Dollar und Mark Zuckerberg mit 25 Milliarden Dollar. In Brasilien sagt die Beraterin des Wirtschaftsministers: »Es ist gut, dass sich die Todesfälle auf die älteren Menschen konzentrieren… Dies wird unsere wirtschaftliche Leistung verbessern, da es unser Rentendefizit verringern wird.«

Die Zahl der Infizierten nach einem Gottesdienst in Frankfurt steigt auf über zweihundert. Nach einem Coronaausbruch in einem Leerer Restaurant muss der Betreiber das Geschäft aufgeben, weil die Gemeinde festgestellt habe, dass der Mann »als Person das Lokal nicht betreiben darf«. In einem Zoo auf Bali wird eine neugeborene Giraffe Corona genannt. Laut Zoo ist Corona kerngesund.

27. Mai | Endlich außerhalb der Wahrnehmung

Heute erst registriert, dass ich von den sogenannten Coronaprotesten vom vergangenen Wochenende kaum etwas gehört oder gelesen habe, dass sich über die Anticoronaprotagonisten der letzten Wochen kaum noch empört wurde. Ich werte dies als gutes Zeichen.

Ansonsten: Laut einer Umfrage glauben zwanzig Prozent der Wahlberechtigten, dass Medien und Politiker die Gefahren durch das Coronavirus absichtlich übertreiben. Der Aufsichtsrat der Frankfurter Buchmesse beschließt, dass die Frankfurter Buchmesse stattfinden soll. Nachdem Boris Johnson aus Sicherheitsgründen nicht mehr in der Öffentlichkeit Sport machen darf, joggt der Premierminister nun mit Genehmigung von Elizabeth II. im Garten des Buckingham-Palastes. Weil für die Produktion von Gesichtsmasken Zellstoff verwendet wird, werden in China Windeln knapp.

26. Mai | Hab Besseres vor

Abendspaziergang durch Weimar. Viele junge Eltern mit Kindern unterwegs, alle in gelöster Stimmung, weil nach Pfingsten die Ganztagsbetreuung wiederaufgenommen werden soll. Überhaupt alle in gelöster Stimmung wegen des geplanten Lösens der Maßnahmen, wenn auch die Stadt deutlich leerer ist als an sonstigen lauen Frühjahrsabenden.

Im Garten des Hotel Elephant sitzt einsam ein alter Mann und schaut traurig auf sein Hefeweizen. Vor einem italienischen Restaurant steht ein Ober und telefoniert mit Zuhause. In keinem Schaufenster hängt noch die BILD-Zeitung, dessen Titelschlagzeile heute war: Schulen und Kitas wegen falscher Corona-Studie dicht. Kollegen von Star-Virologe Prof. Drosten räumen Fehler ein. Online klang es so: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch. Wie lange weiß der Star-Virologe schon Bescheid?

Der Text ist getragen von der böswilligen Unkenntnis der Gepflogenheiten wissenschaftlicher Praxis, Vorabstudien kritisch zu besprechen, ein typisches Beispiel der Niedertracht der Zeitung, eine Kampagne mit klarem Ziel, Person zu beschädigen, und mehr noch, Wissenschaft an sich, Zweifel zu streuen. Wie es hier heißt: »Das ist jetzt ein Kampf um Deutungshoheit und ein Kampf um Geschichtsschreibung: Wie werden die Corona-Wochen beurteilt? War es richtig solidarisch zu sein? Welchen Stellenwert hat Medizin? Wo wir es doch gewohnt sind immer auf „die Wirtschaft“ zu hören? Was bleibt?«

Christian Drosten veröffentlicht gestern die Anfrage des zuständigen Redakteurs und schreibt dazu: » Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun.« Und das ist ein Satz, den man viel öfter sagen sollte.

Ansonsten: Christan Drosten und Karl Lauterbach erhalten Drohbriefe mit beigelegten Ampullen, die vorgeblich das Covid19-Virus enthalten. Südtirol bietet Urlaubsgästen als Reiseanreiz kostenlose Coronatests an. Unionspolitiker fordern, wegen der Coronakrise den Mindestlohn zu senken. J.K. Rowling veröffentlicht ein Märchen, dessen Erlöse an Hilfsprojekte der Pandemie gehen sollen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann droht Thüringen mit Gegenmaßnahmen zu den in Aussicht gestellten Lockerungen der Coronaschutzmaßnahmen.

25. Mai | Plakatiert

An der Plakatwand des Weimarer Lichthauskinos, das seit Mitte März geschlossen ist, hängt, im aggressivsten aller Rosatöne, sieben Mal das Filmposter von Systemsprenger und etwas lässt mich ahnen, dass damit eine Botschaft verbunden sein könnte.

Ansonsten: In Berlin liegt die Reproduktionszahl zum dritten Mal in Folge über 1,2. Muslime nutzen den Parkplatz eines Ikeabaumarkts für ihre Gebete. Laut einer Studie sind über vierzig Todesfälle durch das Coronavirus in Großbritannien möglicherweise auf das Champions-League-Spiel zwischen dem FC Liverpool und Atlético Madrid am 11. März zurückzuführen.

Weil der Flughafen auf der Insel noch für internationale Flüge gesperrt ist, muss der erste Ferienflug seit Beginn der Coronakrise von Eurowings nach Sardinien abgebrochen werden und die Maschine zurück nach Düsseldorf kehren. An Bord befinden sich zwei Passagiere. Bodo Ramelow, dessen Ankündigung, künftig auf »lokale Ermächtigungen« sowie die Eigenverantwortung der Menschen zu setzen, deutschlandweit diskutiert werden, besucht die Autokinovorführung des Films Kinderblock 66 in Weimar. Thüringen will den Landeskrisenstab zur Coronapandemie auflösen.

24. Mai | Tagebuch III

Drei Monate vergangen. Seit einigen Tagen ernsthaft die Überlegung, mit dem Aufzeichnen zu stoppen. Nicht, weil es nichts zu beschreiben gäbe, sondern weil es nicht mehr von Bedeutung scheint, über die Pandemie zusätzliche Worte zu verlieren, weder für mich noch für andere.

Der Zweck, mit dem ich Februar gestartet bin, scheint überholt und verblasst. Zu viel Gewöhnung an die Ausnahme, die Nachrichten rasen mittlerweile genauso in Überschriften vorbei, wie sie es davor taten, die Wahrnehmungen doppeln sich, die Aufmerksamkeitsspanne sinkt rapide. Die Reibungspunkte, die entstehen, lassen mich ermüden oder empören, für beides braucht es keine täglichen Reflexionen.

Dabei besteht die Funktion eines Tagebuchs auch darin, gerade das Nichtinteressante, das Zähe, das Ausbleiben, die Langeweile, die Leerstellen festzuhalten. Das Atemlose, das Getriebene zu beschreiben, die Tage zu erzählen, in denen alle halbe Stunde der innere Breaking-News-Ticker anspringt, macht keine Mühe.

Aber für die lange Zeit des langsamen Fließens, die ständige Wiederholung, die Redundanz, die Redundanz, die Redundanz, die Redundanz, die Redundanz, die Redundanz, die Redundanz, die Redundanz, das X-mal-Gesagte Worte zu finden und einzuordnen, in den Nuancen, den kaum wahrnehmbaren Verschiebungen etwas zu entdecken, das fordert den Blick, erfordert Schärfe, das erst macht ein Tagebuch vollständig und erlaubt im Rückblick ein einigermaßen faires Bild einer einstigen Gegenwart.

Jetzt aufzuhören und gegebenenfalls im Herbst (bzw. in Thüringen in drei Wochen) wieder einzusteigen, erscheint angemessen und falsch zugleich. Es wäre nötig, eine Form zu finden, um das Kommende und Banale einzubringen, weniger Einträge, dabei stärker Alltägliches suchen und dafür auf den großen Blick über den Tellerrand verzichten, flanierender Fensterrentner sein, auch mal abends schon 22.00 Uhr in den Schlaf finden.

Weil ich mir im Grunde nur wünsche, dass es in nächster Zeit nur Ausbleibendes zu beschreiben gäbe.

Ansonsten: Die New York Times druckt auf ihrer Titelseite 1000 Namen von Menschen ab, die an Covid19 gestorben sind, damit 1% aller amerikanischen Toten. An einem Tag werden in Wuhan mehr als eine Million Coronatests durchgeführt. Seit mittlerweile zwei Monaten befindet sich ein bolivianisches Panflötenorchester auf dem Gelände eines großen Palastes aus dem 15. Jahrhundert in Quarantäne.

23. Mai | Weisheit der Zecke

Im regenfeuchten Wald gewesen, aus den Gebüschen eine Zecke mitgebracht. Sie sagte: Zu Beginn der Pandemie glaubte ich noch, übertriebene Angst und daraus entstehende Panikmache wäre die größte Gefahr für die Gesellschaft. Heute denke ich, ist es das Fehlen der Furcht.

Ansonsten: Der Thüringer Ministerpräsident kündigt an, ab Anfang Juni die allgemeinen Corona-Beschränkungen zu beenden, womit die landesweiten Vorschriften zu Mindestabständen, das Tragen von Mund-Nasen-Schutz sowie Kontaktbeschränkungen nicht mehr gelten würden. Beim Gottesdienst einer Frankfurter Baptistengemeinde infizieren sich über vierzig Personen. Bei einem Restaurantbesuch infizieren sich elf Personen, siebzig Betroffene befinden sich in Quarantäne. Mindestens 37 Menschen haben sich in einer Flüchtlingsunterkunft in Regensburg mit dem Covid19-Virus angesteckt. Nach einem Coronaausbruch mit 45 Infizierten in einem niederländischen Schlachthof befinden sich sechshundert Mitarbeiter in Quarantäne.

In London stirbt ein 61-jähriger Taxifahrer, nachdem ihn ein mit Covid19 infizierter Passagier während der Fahrt anspuckte. In Berlin beten Muslime in einer Kirche, weil in der naheliegenden Moschee nicht ausreichend Platz für Social Distancing ist. Eine Kölner Kneipe warnt ihre Gäste, die kleinen Fläschchen Desinfektionsmittel wie Obstler zu trinken.

Weil wegen Corona das Geschäft mit Leihwagen zusammengebrochen ist, muss der Autovermieter Hertz Insolvenz anmelden. Laut einer Studie ist das von Donald Trump empfohlene und eingenommene Hydroxychloroquin wirkungslos gegen Covid19 und erhöht das Sterberisiko.

22. Mai | Contagion

Gestern etwas getan, was ich mir seit Mitte März vorgenommen hatte: Contagion zu sehen. In diesen Film erzählt Steven Soederbergh von einer Pandemie, die Millionen Menschenleben kostet.

2011 sah ich den Film im Kino und schrieb: »Dieser als Virenthriller verkaufte Lehrfilm reduziert Menschen konsequent auf Funktionen. Damit seziert Soderbergh aus der Gottperspektive eine Katastrophe, die nach jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung längst schon hätte eintreten müssen. Ein Film wie ein Diagramm an einer Weißwandtafel. Dabei bleibt nach den eiskalten, distanzierten hundertfünf Minuten schon das Gefühl, dass wenn, es fast genauso passieren könnte. Und dann will man mit Sicherheit lieber Matt Damon als Gwyneth Paltrow sein.«

In einer Pandemie einen Film über eine Pandemie zu schauen ist wie einen Film zu schauen, der bei einem vor der Haustür gedreht wurde. Mit Gänsehaut gleicht man Fiktion mit den vertrauten Orten und Geschehnissen ab und freut sich, wenn Nachbar XY als Statist für ein paar Sekunden durchs Bild huscht.

Hier eine seltsame Form von Genugtuung, wenn Kate Winslet an einer Weißwandtafel die Reproduktionszahl erklärt. Wenn Laurence Fishburne von sozialer Distanz spricht. Am Ende enthüllt wird, dass das Virus von einer Fledermaus stammt. Wenn ein Blogger/Youtuber öffentlichkeitswirksam und eigennützig Verschwörungsmythen verbreitet. Wenn Turnhallen zu Intensivstationen umfunktioniert werden. Wenn menschenleere Flughäfen und Einkaufszentren gezeigt werden. Eben all das Bekannte aus den letzten Wochen, dass 2011 wie eine dystopische Fiktion schien, von der, ich weiß noch, wie wir nach dem Kino in Nürnberg zusammenstanden, sagten: Das scheint schon alles ziemlich realistisch gemacht.

Bei allem Behagen beim Abgleich von Gemeinsamkeiten ist der Blick geschärft für die Unterschiede. Es fällt auf: Viel zu spät wird über exponentielles Wachstum gesprochen. Trotz einer fiktiven Tötungsrate von 25% tragen Wissenschaftler viel zu selten Mundschutzmasken im öffentlichen Raum. Der Impfstoff wird verhältnismäßig schnell gefunden, schneller jedenfalls, als Virologen es uns in der Wirklichkeit lebenden Menschen in Aussicht stellen.

Noch interessanter und weiter von der Wirklichkeit entfernt wird es bei den apokalyptischen Takes: In der Realität werden Supermärkte standardmäßig eben nicht ausgeraut und angezündet, sondern man schlägt sich maximal um Toilettenpapier. Das Ausrauben von Häusern und daraus folgend eine erforderliche Selbstjustiz ist eine Fantasie von amerikanischen Stand-Your-Ground-Waffenbesitzern geblieben. Die entleerten und zerstörten, von traurigen Müllsäcken gefüllten Vororte, all das, was Dystopien üblicherweise auszeichnet, sind nur still geworden, aber nicht zerstört. Anders als Dystopien annehmen, wird der Mensch nicht augenblicklich dem Mensch ein Wolf, gilt nicht sofort Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Interessant ist das eingetretene Apokalyptische, das der Film ausspart: dass für Krankenschwestern geklatscht wird, das große Geld aber an Luftverkehrsbetriebe und Autokonzerne geht. Dass Minderheiten stärker von der Auswirkung des Virus betroffen sind. Die Hilflosigkeit, wenn im Familienkreis einer mit Verschwörungsmythen anfängt. Die Alleingelassenen in Quarantäne.

Auch für das geschehene Gute ist im Fiktionalen wenig Platz: das Geld, das schnell Vielen bereitgestellt wurde, die Nachbarschaftshilfen, die autofreien Innenstädte, der Rückgang der Emissionen.

Vielleicht, weil sich diese Leerstellen so schwer innerhalb einer Geschichte erzählen lassen, lassen sie sich auch so schwer in der Wirklichkeit erzählen. Das Bild eines Demonstranten mit Aluhut ist einfacher zu verstehen als die Statistik, die zeigt, dass globale Konzerne von der Pandemie profitiert, während kleine, lokale Händler deutlich verloren haben.

Nach dem Schauen jedenfalls das gute und vorerst beruhigende Gefühl, dass sich Fiktion und Realität in etwa in der Hälfte des Films deutlich voneinander zu trennen scheinen und dass es zur Beschreibung der aktuellen Gegenwart andere Fiktionen braucht, solche, die noch nicht geschrieben sind.

Ansonsten: Laut Presseberichten stehen die Verhandlungen kurz vor dem Durchbruch, die eine Kaufprämie für Autos, die neunzig Prozent aller Neuwagen umfassen würde, in Höhe von 4000 Euro bedeuten würde. Der Finanzminister stellt einen Bonus für Eltern in Aussicht, 300 Euro pro Kind. Anstatt der vor einigen Wochen behaupteten einhunderttausend Mitglieder hat die Mitmachpartei Widerstand 2020 laut eigenen Angaben vierzig Mitglieder. Getarnt als Desinfektionsmittel versuchen Kriminelle Chrystal Meth nach Australien schmuggeln.

21. Mai | Himmelfahrt

Verspüre keine Irritation mehr, wenn ich größere Menschengruppen sehe: wenn sie gemeinsam auf in Parks ausgelegten Decken picknicken, Vätergruppen am Vatertag mit Bollerwagen und den üblichen Scharmützeln, Teenager mit Bluetoothboxen, die sich durchs Gebüsch am Fluss kämpfen, um eine idyllische Stelle fürs Abhängen zu finden, die in den Liegestühlen vor den Lokals mit den Hefeweizen in der Hand, fünfzehn Kinder mit Eltern auf einem Spielplatz – jeder wirkt eins mit sich und den anderen, selbstverständlich das Beisammensein, nie war es anders.

Himmelfahrt fegt die letzten Reste der Pandemie hinfort. Die lästigen Begleiterscheinungen davon (Coronapfunde, Coronanfrisur, in der Bauchtaschedas ständige Mitführen einer Maske, der Vergleich der Hygeniedemonstrationen mit Pegida) werden in den nächsten Wochen so weit wie möglich minimiert werden. Im Hinterkopf die wenigen unglücklichen Coronaverlierer (Kinos, sonstige Veranstaltungsorte, Krankenhäuser, Heime, Eltern, deren Kinder zu unterschiedlichen Zeiten in Schulen müssen, diese Kinder etc.). Ansonsten die Gedanken an die letzten zehn Wochen als das, was sie jetzt sind: Erinnerungen.

Ansonsten: Der sächsische Ministerpräsident spricht mit einem Mann, der wortwörtlich einen Aluhut auf dem Kopf trägt. In einer Studie, die mit Hamstern durchgeführt wird, sinkt das Infektionsrisiko gesunder Tiere um 75 Prozent, wenn die Käfige infizierter Artgenossen mit dem Stoff einfacher OP-Masken versehen waren. Der Deutsche Städtetag wirft Krankenkassen und Kassenärzten vor, eine Ausweitung von Coronatests zu bremsen, z.B. indem die Finanzierung von Tests in Pflegeheimen, bei Pflegekräften oder im Rettungsdienst aufgekündigt wird. Bei einem Besuch einer Fabrik im US-Bundesstaat Michigan trägt der amerikanische Präsident erneut keine Schutzmaske, weil: »Ich wollte der Presse nicht die Freude machen, das zu sehen.«

20. Mai | Hyperrealität

Am Anfang der Pandemie las ich an einer Stelle, dass die Pandemie nicht die Realität unwirklich und alternativ erscheinen lassen würde, sondern sie überdeutlich zeige. Corona würde das verstärken, was ohnehin schon da sei, wie unter einem Brennglas die Wirklichkeit bündeln, Corona schaffe eine hyperrealistische Realität, eine Hyperrealität.

Das Virus offenbare das Gute ebenso wie das Schlechte, zeige Gelingen und Versagen gleichermaßen. Wo das Gesundheitssystem funktioniert, hat es auch in der Krise arbeiten können und wo nicht, kam es zu besonderen Schwierigkeiten. Wo die Demokratie intakt ist, hat das die demokratischen Funktionen eher gestärkt und in autoritären Systemen das Autoritäre. Wer von Haus aus solidarisch war, war es in der Krise besonders und wer egoistisch, handelte egoistischer.

Corona legt offen, wie es um die Pflegesituation besteht. Corona verrät, was für Probleme entstehen, wenn Bereiche allein unter dem Primat des Ökonomischen betrachtet werden. Corona macht die Inkompetenz und Gefährlichkeit von Populisten überdeutlich. Wer latent zu Verschwörungstheorien neigte, wird nun besonders anfällig für Gatesgate und 5G. Wer Spießer ist, konnte sein Spießertum ausleben und bei der Polizei Nachbarn melden, sobald diese zu dritt zusammenstanden.

Corona zeigt, welche Bevorzugung Fußball im Vergleich zu anderen Sportarten genießt. Corona zeigt, wie gut der digitale Wandel in der Schule angekommen ist. Corona zeigt, welche Priorität Kinderbetreuung in der Politik eingeräumt wird, wie weit es gesellschaftlich mit Gleichberechtigung in Deutschland bestellt ist. Im Homeoffice zeigt Corona, wie Arbeitgeber Arbeitnehmer behandeln. Corona zeigt die Situation in Schlachthöfen und damit die der Fleischindustrie. Corona zeigt, wie solidarisch sich Autokonzerne verhalten.

Corona offenbart das Wesen von Menschen, in dem es zeigt, wer Mundschutz trägt, obwohl er damit nicht sich selbst schützt, aber andere. Das Virus zeigt, wer woher welche Informationen aufnimmt und sie verarbeitet, wer zuhört, wer schreit. Corona zeigt, wie Politiker in extremen Krisensituationen handeln, welche Prioritäten sie setzen, welche Worte sie verwenden. Das Virus zeigt, von welcher nationalen Bedeutung Friedrich Merz ist.

Alles Aufgezählte ist keine Überraschung. Es gibt keine neuen Erkenntnisse. Was jetzt passiert, was schiefläuft und was gut, war vorher schon so. Es war ein Test. Jetzt ist der Ernstfall.

Und weil Corona nicht nur zeigt, was da war, sondern, auf einer weiteren Ebene auch zeigt, was sein könnte, schafft das Virus Möglichkeitsräume. Corona zeigt, wie sich Luftwerte ändern können, wenn weniger Verkehr ist. Das Virus zeigt, wie Innenstädte ohne Autos aussehen können. Wie der Himmel ohne Flugverkehr. Meetings ohne Reisen. Wenn Nachbarn für Nachbarn einkaufen. Corona zeigt, was sein könnte, wen es gewollt ist. Corona zeigt die Vergangenheit, ist Gegenwart. Corona könnte die Zukunft zeigen, wie man sie nur ließe.

Ansonsten: In den Niederlanden soll sich ein Mann bei einem Nerz angesteckt haben, was die erste Übertragung vom Tier auf den Menschen in Europa wäre. Der südkoreanische Fußballclub FC Seoul, der während eines Geisterspiels Sexpuppen als Zuschauerattrappen einsetzte, wird zu einer Strafzahlung in Höhe von 100 Millionen Won verurteilt. Mehrere medizinische Fachgesellschaften fordern eine umgehende und unbeschränkte Wiederöffnung von Schulen und Kitas.

Die WHO meldet so viele Neuinfektionen wie noch nie an einem Tag, besonders in ärmeren Ländern steigen die Zahlen besorgniserregend schnell. Nach einer Häufung von Coronainfektionen in Schlachtbetrieben beschließt die Bundesregierung ein Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie. Der Vorsitzende des Weltärztebundes spricht sich für eine Coronaimpfpflicht aus. Laut einer Analyse ist der am häufigsten in den Medien erwähnte Virologe mit großem Vorsprung Christian Drosten. Alfons Blum im Interview.

19. Mai | Spaziergänger nebeneinander

Dafür, dass ich finde, dass Coronademonstrationen zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, beschäftige ich mich viel zu viel damit. Auch gestern stand mir eigentlich ein anderer Eintrag im Sinn. Dann sah ich das kurze Video vom Geraer Coronaspaziergang.

Es berührte mich. Da ist das Leid des Rentners, für das er eine Öffentlichkeit sucht, vielleicht nicht einmal das, vielleicht ist es Verzweiflung, die ihn auf den Geraer Marktplatz treibt. Und da ist der prototypische Coronaspaziergänger, der seine Annahmen dem Rentner ins Gesicht bellt, ihn anschreit und auffordert, einer, der nicht zuhört, einer, der nur das Wort von der Diktatur irgendwie unterbringen will.

Beide sind am selben Ort zur selben Zeit. Beide sind Spaziergänger und doch könnten die Motivationen beider unterschiedlicher nicht sein. Beide Spaziergänger nebeneinander zeigt, bei aller Berührung, eine gute Ambivalenz auf, gerade mir.

Denn ich finde, dass jeder, der an einer Demonstration teilnimmt, in der Pflicht ist, sich über die Beweg- und Hintergründe der Initiatoren zu informieren, wissen sollte, mit wem er da läuft und sich distanzieren sollte, wenn er anderer Meinung ist, abgrenzt, so gut das eben möglich ist bei einer Veranstaltung mit vielen, unter Umständen tausenden Menschen. Spätestens seit Pegida kann sich kein Demonstrationsteilnehmer mehr auf »besorgter Bürger, der einfach seine Meinung kundtun will« herausreden, besonders und gerade bei den sogenannten Coronaprotesten.

Ein Demonstrationszug muss als homogene Masse gesehen werden, allein aus der Sache heraus entsteht ein gemeinsames Anliegen. Also ist jeder auch für alles verantwortlich zu machen. Aber das Video von Gera zeigt, dass diese Annahme Wunschdenken ist, dass es so einfach nicht sein kann. Den Rentner Alfons Blum kann ich nicht verantwortlich machen für Attila Hildmann, Reichsbürger und Holocaustleugner, die den gelben Judenstern mit der Innenschrift »Ungeimpft« tragen. Ich kann sie nicht im selben Atemzug nennen, obwohl sie alle Spaziergänger sind.

Das Video fordert eine Differenzierung von mir, so ungern ich diese auch vornehmen möchte. Und zugleich zeigt das Video, wie eine solche Differenzierung aussehen könnte, wie Abgrenzung. »Man muss auch vernünftig bleiben«, sagt Alfons Blum am Ende. Er sagt es, schreit es nicht, obwohl er allen Grund dazu hätte.

Ansonsten: Mehrere Bundesländer melden erstmals seit Monaten keine Neuinfektionen. Laut der russischen Gesundheitsministerin ist die Corona-Sterblichkeit in Russland weiterhin um den Faktor 7,6 niedriger als der weltweite Durchschnittswert. Um den Handel zu fördern und mehr Sitzgelegenheiten in Restaurants und Cafés im Freien zu ermöglichen, wandelt Tel Aviv elf Straßen in Fußgängerzonen um.

Der BMW-Konzernchef, der kürzlich staatlich finanzierte Kaufanreize für Neuwagen forderte, kündigt eine Auszahlung der Dividende in Höhe von 1,6 Milliarden Euro an, wovon etwa 800 Million Euro auf zwei Großaktionäre, die zu den reichsten Deutschen gehören, entfallen würden. 30.000 von 90.000 BMW-Mitarbeiterinnenn befinden sich derzeit in Kurzarbeit

18. Mai | Schreien und Hören

Gera, Marktplatz, Coronaspaziergang

»Was hat Sie denn heute hierher getrieben auf den Markplatz hier dabei zu sein?«
»Meine Frau ist in einem Pflegeheim seit …«

Alfons Blum beginnt zu weinen.

»… Mitte Dezember. Sie ist 84. Ich auch. Und ich hab sie schon acht Wochen nicht gesehen. Es ist eine seelische Folter, sage ich Ihnen. Jeden Tag war ich hingegangen und jetzt [unverständlich] dass ich kann.«

Ein Mann, der dem Interview zugehört hat, mischt sich von der Seite aus ein.

»… dank Merkelregime. Wir hatten vor zwei Jahren Influenza. Da war die Sterberate bei weitem [betont bei weitem mit bei beiden Händen] höher. Da hat sich keine Sau dafür interessiert. Nicht eine einzige Sau. Und heute wird ein Lockdown veranstaltet. Lass dich doch nicht veralbern. «
»Nee, ich lasse mich nicht veralbern.«
»Wenn du ARD und ZDF zuhörst, dann hast du praktisch die Kontrolle über dein Leben verloren. Das musst du dir doch mal merken!«
»Nein, das stimmt nicht. Nein, absolut nicht. Man muss auch vernünftig bleiben.«

[ab Minute 1:07]

Ansonsten: Christian Lindner umarmt in einem Berliner Nobelrestaurant innig den Honorarkonsul von Belarus und wird dafür heftig kritisiert, woraufhin sich Christian Lindner für diese Umarmung entschuldigt. Der südkoreanische Fußballclub FC Seoul entschuldigt sich dafür, während eines Geisterspiels auf die leeren Plätze Sexpuppen als Zuschauerattrappen gesetzt zu haben. Der Verkehr nach Sylt wird freigegeben. Nach einem Gerichtsurteil ist in Sachsen die Schulpflicht aufgehoben, der Besuch einer Schule erfolgt nun freiwillig.

Die im März wegen Corona eingeführte Drosselung von Bitraten wird von Netflix beendet. Die Biomarktkette denn`s nimmt Produkte von Attila Hildmann aus dem Sortiment. Reporter entdecken Hinweise, dass der Überfall auf ein ZDF-Kamerateam in Verbindung mit KenFM stehen könnte. Bei dem Zwischenfall in einem Supermarkt, bei dem zwei Männer, die keine Schutzmaske getragen haben, zwei Polizisten schwer verletzten, werden Verbindungen zu Reichsbürgern nachgewiesen.

Der amerikanische Präsident erklärt, dass er seit einer Woche das umstrittene Malariamittel Hydroxychloroquine zum Schutz gegen Corona einnimmt. Belgisches Pflegepersonal protestiert gegen die Premierministerin und deren Krisenmanagement.

17. Mai | Schwanengesang

Heute mit Kopfschmerzen von Schwänen gelesen, von schwarzen, grauen, grünen, weißen Schwänen. Ein Text sagt, dass die Pandemie kein schwarzer Schwan sei, kein unvorhersehbares extremes Ereignis mit enormen Auswirkungen, nicht mal ein grauer Schwan, ein folgenschweres, aber letztlich vorhersehbares Ereignis, sondern ein weißer Schwan, etwas, mit dem zu rechnen war.

Dem möchte ich widersprechen. Bei aller Vorstellungskraft war es unmöglich, sich die Folgen der Pandemie für alle Lebensbereiche in den gegenwärtigen Formen auszumalen. Und zugleich möchte ich zustimmen. Es war damit zu rechnen, dass es nicht immer so weitergehen konnte.

Als Beispiel das gestern vermiedene Thema Fußball. Wer sich die letzten Jahre nur ansatzweise damit beschäftigt hat, dem musste deutlich werden, dass das System derart überdreht ist, dass es längst schon zu einem Zusammenbruch hätte kommen müssen; die absurden Gelder und Gehälter, die arrogante Selbstherrlichkeit, die Selbstverständlichkeit, mit der permanente Aufmerksamkeit eingefordert wird. Und trotz der Ahnung, dass es nicht ewig so weitergehen kann, war es nicht vorstellbar, dass internationale Wettbewerbe abgesagt oder verschoben, Ligen abgebrochen werden, dass sich Transfersummen über Nacht halbieren, dass kollektiv der Sinn des Sports in Frage gestellt wird. Und auch, wenn das nur eine Momentaufnahme bleiben sollte, lässt sich dieses In-Frage-Stellen auf viele Lebensbereiche übertragen, das ist die gute Nachricht in all den schlechten.

Noch etwas über das andere gestern vermiedene Thema, die Demonstrationen. Gedanken, die wahrscheinlich viele schon hatten: Warum kocht der Protest gegen die Maßnahmen hoch, nachdem die Maßnahmen zu großen Teilen entschärft sind? Warum gibt es diese Proteste in einem vergleichbaren Umfang nicht in Italien, Spanien, Frankreich, aber in den USA? Warum sind auf den Protesten kaum welche von denen anzutreffen, die die Auswirkungen der Pandemie wirklich betreffen; Krankenhauspersonal, Pflegerinnen, Mehrfachbelastete, Eltern?

Wider besseres Wissen in Videos hineingeschaut. Ein Trauerspiel. Kameramänner irren durch die Demonstrationszüge und halten nah drauf auf die, die auffallen; in engen Hosen Tanzende, Frauen mit Alufolienkugeln als Halsband, Echsenpappköpfe, die sich mühsam vom Rechtsextremen zu distanzieren versuchen. Das Schrille wird gefilmt, das Absonderliche gezeigt. Wer gefragt wird, reiht als Antwort irgendwelche Füllwörter aneinander; Impfzwang, BRD-GmbH, Chip, Grundgesetz, Wörter, die in den letzten Wochen irgendwann mal mit Bedeutung aufgeladen waren, mittlerweile aber jeden Sinn verloren haben, die nur noch Buzz sind, ein geschwätziges Summen. Der, der spricht, hofft, dass eines seiner wahllosen Wörter den Gegenüber triggert, bestenfalls provoziert.

Im Zentrum all der Verlorenheit stellt Attila Hildmann – eingehegt von fünfzig Glotzenden, von denen dreißig ihre Smartphonekameras auf ihn richten wie auf ein sonderliches Tier – irgendwelche coronakritische Allgemeinplätze aus, seltsam kraftlos, seltsam einsam. Als Höhepunkt gilt, wenn Oliver Pocher die Konfrontation mit Hildmann sucht. Mundmaske schreit dann Lautsprecher an. Pocher kommt dabei die Rolle des Vernünftigen zu und das ist alles, was man über diese erbärmliche, drittklassige Resterampe wissen muss, dieses Verwerten verlorenen Sinns, das sich vollkommen von der Wirklichkeit abgekoppelt hat.

Ansonsten: Gegen den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer wird Anzeige erstattet, weil er beim Besuch einer Coronademonstration keinen Mundschutz trägt. Bei einem Verstoß gegen die Maskenpflicht drohen in Katar bis zu drei Jahren Haft. In Großbritannien lässt die Pandemie das Vermögen der tausend reichsten Menschen erstmals seit zehn Jahren wieder schrumpfen.

16. Mai | Wochenendroutinen

Wochenende ist ja mittlerweile die Zeit, vor der man sich fürchten muss. Dann setzt die Routine ein, die Kanäle werden geschwemmt mit der Freakshow von den Demonstrationen und die nächsten Tage sitzt immer jemand davon der Ausgewogenheit wegen in allen möglichen Gesprächsformaten und es folgen die Beschwerden, dass er zu Wort kommt oder zu wenig zu Wort kommt und so weiter und so fort.

Über allem schwebt die Umfrage, dass jene, die die Maßnahmen übertrieben finden genauso viele sind wie jene, die sie als zu schwach empfinden und der Rest im Grunde einverstanden ist und dann kann man das alles letztlich auch bleiben lassen.

Dieses Wochenende kommt eine neue alte Routine dazu. Der Ball rollt wieder. Ich hatte mir vorgenommen, die Bilder zu schauen und lyrisch das Ungewöhnliche zu beschreiben: die geisterhaften Stadien, die mundschutztragenden Hochleistungssportler, ihren berührungslosen Jubel, den Zirkus, der unbeirrt weiterwandert und wie das als Metapher für irgendetwas stehen könnte.

Doch bei näherer Betrachtung interessiert mich das genauso wenig wie die Aussage von Friedrich Merz, der nach der »akuten« Coronakrise »soziale Transferleistungen« auf den »Prüfstand« stellen will. Ich hoffe einfach nur, dass beides schnell vorbei sein wird: egaler Profisport und die Spotlichter auf Friedrich Merz und die Coronademos.

Ansonsten: Im Kreis Heinsberg werden 42 Coronainfektionen im Paketzentrum festgestellt, das Zentrum wird daraufhin geschlossen. Das nahezu infektionsfreie Neuseeland will eine covidfreie Reisezone einführen. Die britische Sängerin Charli XCX veröffentlicht ihr während des Lockdowns aufgenommenes Album »How I’m Feeling Now«, es ist sehr gut geworden.

15. Mai | Vielleicht reicht das Draußen

Lau in der Stadt, Sommer fast, das Gefühl am letzten Tag der Eisheiligen ist: Das wird nicht gutgehen. Menschen eng beieinander am Dönern, Gruppen, die sich zum Abschied umarmen, Küsschen auf beide Wangen, Masken nur in den absolut vorgeschriebenen Bereichen, beim Sprechen sich ständiges Sich-näher-Kommen. Die zwei Meter halten nur bis: Morgen sollen die heißen Saharawinde kommen. Hast du schon gehört, Montag machen die Kindergärten wieder auf? Wer glaubst du, wird jetzt Meister?

Nichts davon geschieht mit böser Absicht. Es ist verständlich, nicht zurückweichen zu wollen, wenn man sich angenehm unterhält. Es liegt nahe, sich näherkommen zu wollen, wenn man sich versteht. Unter anderen Umständen, wäre das Gegenteil davon asozial und verwerflich.

Und vielleicht geht es auf diese Weise gut; einen Sommer lang draußen den in der Luft stehenden Aerosolen ausweichen, der Wind pustet den virushaltigen Nebel weg, die Virusteilchen fallen unübertragen zu Boden. Niemand ist in ungelüfteten, engen Räumen, niemand ist länger als fünfzehn Minuten zusammen, weil in der Sonne ständig neue Bekanntschaften locken, alles fließt und spült damit auch die Bedrohung hinfort.

Vielleicht schaden nicht einmal die böswilligen Absichten, die Demonstrationen, auf denen niemand Schutzmasken trägt, weil diese schlimmer als Hakenkreuze sind, wo man sich absichtlich aneinanderreibt, um die Gunst Ken Jebsens zu erlangen, wo potentielle Superspreader ein Bad in der Menge nehmen, um später 5G-Türme zu fällen und den Systemmedien schauenden Arbeitskollegen in den Kaffee zu husten.

Vielleicht reicht ja das Draußen und der Wind und die Sonne, vielleicht reicht dieser schöne Sommer. Aber irgendwann kommt der Herbst und das Draußen schrumpft zusammen auf ein Wartezimmer und gerade, weil im Sommer so wenig geschehen ist, liegen März und April weit zurück, sind die Tage, als Supermarktdiscounter noch keine Schutzmasken im Sonderangebot verramschten, längst vergessen, ist die Bedrohung eine aus den Geschichtsbüchern und keine von Herbst 2020.

Ich würde so gern im November diesen Eintrag als ein Paradebeispiel für Überängstlichkeit zitieren und eine influenzagewöhnliche Gegenwart dagegenstellen, vielleicht eine Wissenschaft, die Aerosolen kaum noch Bedeutung beimisst, eine Gegenwart, in der das größte Problem ist, dass Bayern München 2020 deutscher Fußballmeister geworden ist und jeder sich sagt: Dafür das ganze Theater?

Ansonsten: Forscher vermuten, dass sich durch winzige Schwebeteilchen in geschlossenen Räumen mehr Menschen mit Covid19 als bislang angenommen anstecken. Der amerikanische Präsident erklärt, dass Ärzte und Krankenschwestern »in den Tod rennen, genau wie Soldaten in Kugeln rennen« und dass »es eine schöne Sache ist, das zu sehen«.

Nach zweimonatiger Schließung öffnet ab Montag der Petersdom wieder, wofür jede erreichbare Oberfläche in dem 23.000 Quadratmeter großen Dom mit Desinfektionsmittel besprüht wird. Um nicht Zoom oder Skype nutzen zu müssen, entwickelt die Gemeinde Bühl eine Videoplattform, über die Vereinssitzungen, Schulungen oder Chorproben stattfinden können. Ihr Name: Palim Palim.

Laut einer Studie tragen Männer weniger häufig Schutzmasken, weil sie diese für »nicht cool« oder als ein Zeichen von Schwäche halten. Eine kolumbianische Fabrik baut Krankenhausbetten, die zu Särgen umgewandelt werden können, falls der Patient an Covid19 stirbt. Der Trainer des FC Augsburg verlässt das Quarantänehotel, um Hautcreme im Supermarkt zu kaufen und wird dafür für ein Spiel gesperrt.

14. Mai | Thesaurus

Heute habe ich Corona endlich dem Thesaurus hinzugefügt. Gelöscht habe ich Handschlag, das werde ich nicht mehr brauchen.

13. Mai | Händewaschen und Desinfizieren

Im aktuellen Drostcast geschieht etwas Überraschendes: Dr. Drosten stellt die Notwendigkeit von Händewäschen und Desinfizieren in Frage. Nicht grundsätzlich natürlich, fragt aber, ob das in Bezug auf das SARS-CoV-2-Virus das Hilfreichste sei.

»Also ich glaube, dass man damit nicht so viel bewirken kann durch das viele Händewaschen und das viele Desinfizieren – und dass man im Umkehrschluss auch nicht sagen kann, wir machen jetzt hier alles auf, weil wir ja jede Menge Desinfektionsmittel versprühen und uns immer schön die Hände waschen.«

Händewaschen war die allererste Maßnahme, die mit Aufkommen der Pandemie als Schutz genannt wurde. Händewaschen und Desinfizieren sind Bestandteil jedes Coronapiktogramms, die Preise von Desinfektionsmitteln haben sich vervielfacht, Rezepte zur Herstellung eigener Desinfektionsmittel wurden geteilt, Händewaschen und Desinfizieren sind das, was so gut wie alle seit Anfang März verinnerlicht haben. Händewaschen und Desinfizieren sind die Basis der Pandemieabwehr, auch, weil es Handlungsanweisungen sind, die im Gegensatz zu anderen Maßnahmen nicht viel Aufwand erfordern.

Die Abkehr von dieser Abwehr, zumindest die Einschränkung ihrer Bedeutung, scheint wie eine Einladung an alle »Coronaskeptiker«, die sagen, dass man »den Wissenschaftlern« nicht trauen könne, weil diese sich ständig widersprechen würden. Dabei ist die Aussage folgerichtig in der Herleitung, ein Beleg dafür, wie Wissenschaft mit neuen Erkenntnissen zu neuen Bewertungen kommt, die, wenn auch nicht zwingend das Gegenteil darstellen müssen, doch erheblich von bisherigen Annahmen abweichen können. Das ist gut, weil die Gründe dafür nachvollziehbar bleiben, weil sie so helfen beim Verstehen. Und zugleich ist das ernüchternd, weil dieser Plot Twist erneut zeigt, dass die Pandemie in der Lage ist, jede Gewissheit zu nehmen.

Ansonsten: Ischgl ist wieder coronafrei. Die chinesische Millionenstadt Jilin wird aufgrund mehrerer Coronafälle abgeriegelt. Russland ist nun das Land mit den zweitmeisten Infizierten, Großbritannien das Land mit den zweitmeisten Toten. Datenschützer befürchten, dass mit der indischen Coronaapp »Brücke zur Gesundheit« ein Werkzeug der Überwachung geschaffen wird. Die Stadt Wien vergibt an fast eine Million Haushalte einen Gutschein für Restaurantbesuche in Höhe von 50 Euro.

12. Mai | Kulturwandel

Das Virus hat auch die Orte der Stadt geändert. Mitte März waren sie meist leer. Später im April wurden einige wiederbelebt, der Herderplatz ist ein solches, eher überraschendes Beispiel. Nach dem Fällen von Bäumen und dem Verlegen grauweißer Pflastersteine ist der Herderplatz ein steril anmutender Ort, ein 1:1 in die Wirklichkeit übertragende Präsentationsmodell, entworfen von Architekten, die Worte wie dynamisch oder funktional in ihrem Portfolio an prominenter Stelle führen, wunschgewordenes Utopia vom mittleren Touristenmanagement.

Als einer der ersten Orte der Stadt füllte sich dieser Herderplatz wieder mit Leben. Das lag an mehreren gastronomischen Einrichtungen, die schnell reagierten und aus den Fenstern heraus Mittagessen verkauften. Man kaufte, trug die Take-Away-Boxen zu den Bänken bei der Kirche und aß, traf dabei andere, sprach über zwei oder weniger Meter hinweg mit Menschen, die nicht zum eigenen Hausstand gehörten. Der Frühling kam, die Sonne schien und während am Markt der Bratwurststand vergebens auf Touristen wartete und man über den Theaterplatz nur eilte, um in einen der Parks zu gelangen, trafen sich mehr und mehr am Herderplatz.

Als dann Weimar letzte Woche wieder einmal Pionier war und als erste Stadt Deutschlands die Außengastronomie freigab, wurde sofort gehandelt. Tische wurden im Sicherheitsabstand auf den Platz getragen, Caterer, die keine Hochzeiten, Familienfeste und Konferenzen beliefern konnten, beantragten Lizenzen, die umstandslos genehmigt wurden und fuhren Wagen vor, aus denen heraus sie Wein und Aperol Spritz verkauften. So saß man, löffelte Suppe mit Ingwer und Kokosmilch, trank Alkoholika, sprach über die Bundesliga oder den neuen Drostcast.

Am Theaterplatz schwemmte die italienische Eisdiele ihre Bestuhlung in die Fläche, auch hier Caterer und Wein, ein Gefühl wie Weihnachtsmarkt im Sommer, zwischen den Wagen und Tischen Staus, Menschen strömten, es gab keine Wege mehr, nur noch Abstände zwischen den Tischen.

Wo in der Altstadt Platz ist, steht nun ein Tisch und an diesem Tisch sitzt ein Einheimischer und trinkt Wein zur Mittagszeit, so ist Weimar Mitte Mai.

Im März schrieb ich, dass durch die Pandemie ein Kulturwandel eintreten könnte. Doch nicht das Tragen von Atemschutzmasken im öffentlichen Raum ist Kultur geworden, es ist das Sitzen in diesem öffentlichen Raum.

Ansonsten: Ab Mittwoch erlaubt Thüringen Versammlungen ohne Teilnehmerbegrenzung. Ein Café in Schwerin verteilt an ihre Gäste Hüte mit angeklebten Schwimmnudeln, damit der Sicherheitsabstand gewahrt wird. Damit der Servicebereich nicht so trostlos aussieht, setzen die Betreiber eines Restaurants in Laatzen Schaufensterpuppen an die wegen der Abstandsregel leeren Tische.

Das Robert-Koch-Institut führt eine neue Kennzahl zur Ausbreitung des Coronavirus ein, eine sogenannte geglättete Reproduktionszahl. Forscher beweisen durch den Corona-Effekt die Wirksamkeit von Fahrverboten. In einer Umfrage sprechen sich neun von zehn Deutschen dafür aus, Einschätzungen von Wissenschaftlern künftig stärker bei politischen Entscheidungen zu berücksichtigen.

In Argentinien werden wegen Corona Gefangene aus den überfüllten Gefängnissen freigelassen, darunter verurteilte Gewalt- und Sexualtäter. Weil die Not so groß ist, schickt Ärzte ohne Grenzen Teams in das amerikanische Navajo Nation Reservat. Der Künstler Eugene Jareckis installiert am Times Square in New York eine Trump-Todesuhr, die die Todeszahlen präsentiert, die auf der Annahme basieren, dass sechzig Prozent der Todesopfer in den USA auf das Konto des Präsidenten gehen. Die Zahl steht momentan bei knapp 50000.

In einem Supermarkt widersetzen sich zwei Männer einer Kontrolle wegen fehlender Schutzmasken und verletzen dabei zwei Polizisten schwer. Eine Mitarbeiterin der britischen Eisenbahn stirbt an Covid19, nachdem sie von einem Passagier vorsätzlich angespuckt und dadurch infiziert wurde. Wie unterschiedlich die Coronazahlen in den verschiedenen Ländern sind.

11. Mai | Das mit dem Spikeprotein

Mithilfe des Spikeproteins heftet sich das Virus an ein Protein der menschlichen Atemwegszelle an. Durch eine Zerschneidung beider Proteine kann das Virus in die Zelle eintreten. Je effizienter das funktioniert, desto infektiöser ist das Virus.

Das Spikeprotein von SARS-CoV-2 ähnelt in einem Teil stark dem Spikeprotein eines Coronavirus, das in Fledermäusen gefunden wurde sowie in einem anderen Teil dem Spikeprotein eines Coronavirus, das Schuppentiere befällt. Möglicherweise hat sich das Erbgut beider tierischer Coronaviren zum SARS-CoV-2-Virus kombiniert und damit eine Variante geschaffen, die Menschen sehr effizient infizieren kann.

Ansonsten: Trotz mehrerer Coronafälle in seiner unmittelbaren Umgebung geht der amerikanische Vizepräsident nicht in Quarantäne. Nach einer beschleunigten Produktion besteht nun ein Überangebot an amerikanischen Beatmungsgeräten. In französischen Bahnhöfen werden von menschlichen Desinfektionsspendern kostenlos Desinfektionsmittel verteilt.

Durch das Schließen medizinischer Einrichtungen wegen Corona befürchtet die UNO fünfhunderttausend zusätzliche HIV-Tote in Afrika. Laut einer Studie sind seit Ausbruch der Pandemie die Suchzahlen nach Häusern auf dem Land deutlich gestiegen. Twitter will zukünftig Tweets mit falschen Corona-Informationen kennzeichnen. Um für die Wiedereröffnung eines Trainingsstudios zu demonstrieren, machen Demonstranten in Florida vor dem Studio Liegestütze und andere sportliche Übungen. Covid19 in Brasilien.

10. Mai | Das mit den Demos

Das mit den Demos macht vieles leichter. Wenn ich Zeit darauf verwende, jene albern zu finden, die voller ehrlicher Überzeugung »Die Gedanken sind frei« singen, weil sie sich als Verfolgte einer Coronadiktatur wähnen, wenn ich das Gerede von KenFM und den Telegramchannel von Attila Hildmann für ebenso surreal wie gefährlich halte, wenn ich die Bilder und Videos aus Berlin und Stuttgart ironisch kommentiere, dann muss ich nicht mehr verstehen, weshalb für das Virus das Spikeprotein so wichtig ist. Ich muss mich nicht mehr mit dem Leid auf den Intensivstationen auseinandersetzen. Für jeden Bericht über das mit den Demos muss ich mich keinem Augenzeugenbericht aussetzen, der die abstrakte Übersterblichkeit in einen Einzelfall überträgt.

Nicht Fußball ist mein Opium, das mit den Demos ist mein Opium. Über das mit den Demos kann ich entsetzt sein, amüsiert, entgeistert den Kopf schütteln. Wenn ich mich damit beschäftige, muss ich nicht denken, weil ich mich empören kann.

Wenn ich mich empört oder amüsiert habe, mir es bequem gemacht habe, vielleicht wäre dann noch Zeit, um zu fragen: Was bringt die Demonstrantinnen denn dazu, einer solch obskuren öffentlichen Meinungsbekundung beizuwohnen? Sind das alles Reichsbürger und Esoterikerinnen? Ist es so einfach? Diese Demos kommen nicht aus heiterem Himmel. Jemand hat sie geplant, jemand hat sie angemeldet, jemand hat Informationen verteilt, Zielgruppen definiert und angesprochen. Jemand finanziert auch. Das muss ich fragen.

Ich muss fragen: Welche Gruppierungen nehmen teil, aus welchen Gründen tun sie das, was verbindet sie, was versprechen sie sich davon? Wie wird darüber berichtet, was folgt den Berichten? Ich muss dem ehemaligen Thüringer Ministerpräsidenten für seine Teilnahme am Geraer Coronaspaziergang Absicht oder Naivität unterstellen, beides wäre verheerend. Ich muss erkennen, wenn Begriffe wie Merkel-Burka verwendet werden und wissen, aus welcher Ecke das stammt.

Und ich muss mir immer wieder sagen: Auf einem Foto ergeben dreitausend Menschen das Bild von vielen. Aber wie viel ist viel? Ich muss dieses Foto gegen die immer wieder gehaltenen Umfragen und die dort vermerkten Zahlen der Zustimmung stellen und mich erinnern, wie es in den vergangenen Jahren mit all den Skeptikern gewesen ist, die so furchtlos das Wort gegen den demokratischen Mainstreamsystemdiktatur erhoben, wie klein ihre Gruppe war und wie groß sie wurden, wodurch das geschah.

Ansonsten: In Madrid werden flächendeckend Straßen in Fußgängerzonen umgewandelt, damit die Bürgersteige nicht überfüllt sind. 72 Teilnehmer einer Anti-Stay-Home-Demonstration werden in Wisconsin positiv auf Covid19 getestet. Weil ihm aufgrund der Coronabeschränkung der Zutritt zum Dom verwehrt wird, würgt ein Mann in Worms einen Kirchenmitarbeiter. In Wuhan wird der erste Coronafall seit über einem Monat gemeldet. Mittlerweile liegen vier Landkreise, davon zwei in Thüringen, über der Obergrenze von Neuinfektionen. Weil weniger Leute ein- und aussteigen, hat sich die Pünktlichkeit im Zugverkehr im Vergleich zu April 2019 um zehn Prozent verbessert.

9. Mai | The News Without Corona

Vorbei sein wird die Pandemie erst, wenn sie nicht mehr in den Nachrichten ist. Nicht an zweiter Stelle, nicht an dritter Stelle, nicht unter Vermischtes, sondern dann, wenn in den Tagesthemen kein einziges Mal das Wort »Corona« fällt, wenn ich einmal Spiegel Online bis an den unteren Rand gescrollt habe, ohne das Wort »Corona« zu lesen, wenn nichts, was mit Corona in Verbindung steht (und von jetzt an wird immer irgendetwas damit verbunden sein), berichtenswert sein wird.

Gehe ich heute durch die Stadt, scrolle ich heute durch die Listen, Fotos und Meinungen, dann ist der Eindruck: Corona ist nicht mehr anstrengend, nicht mal mehr lästig. Corona nervt einfach nur. Corona nervt wie nach dem Schreiben einer mühsamen Prüfung gesagt zu bekommen, dass die wahre Prüfung noch vor einem liege, während man nach Wochen des Einschließens und der Selbstdisziplin einfach nur noch raus feiern und vergessen will.

In den Scrolls heute die Fotos vom Marienplatz in München, dem Cannstatter Wasen in Stuttgart, tausend, dreitausend Menschen, nebeneinander gegen die Coronadiktatur, Bürger neben besorgter Bürgerin, Maskenskeptiker neben Grundgesetzverteidigerin, Querdenker neben evangelikaler Christin, Rocker neben Esoterikerin, Impfgegner neben Reichsbürgerin, Nazi neben Nirvana-T-Shirt-Trägerin, sie rufen »Wir sind das Volk« und »Widerstand«. Beim Geraer Coronaspaziergang läuft der ehemalige Thüringer Ministerpräsident Kemmerich neben Menschen, die sich Plakate mit dem Davidstern umgehängt haben, Coronarebellen als neue Juden.

Ansonsten: Die Reproduktionszahl steigt auf geschätzte 1,1. Mehrere katholische Bischöfe kritisieren die Coronamaßnahmen und sehen darin den »Auftakt einer Weltregierung«. Später distanziert sich die Deutsche Bischofskonferenz von dieser Meinung. In Brooklyn werden zwischen 17. März und 4. Mai vierzig Menschen wegen Missachtung der social-distancing-rules verhaftet, nur einer von ihnen hat weiße Hautfarbe.

In New York sterben drei Kinder an einer Entzündungserkrankung, die mit dem Coronavirus in Verbindung gebracht wird. In einem Test erweisen sich Lama-Antikörper als neue Hoffnung im Kampf gegen den Coronavirus. Der Profikader von Dynamo Dresden muss nach mehreren positiven Tests für zwei Wochen in Quarantäne gehen und kann deshalb vorerst nicht an der geplanten Wiederaufnahme des Spielbetriebs der Fußballbundesligen teilnehmen.

Färöer erklären sich coronafrei. Roy von Siegfried und Roy stirbt an Covid19. Großen Nachrichtwert beim Tod von Little Richard hat der Umstand, dass die Todesursache noch unklar ist, unbekannt ist, ob er an Covid19 gestorben ist oder nicht. Laut Leiterin der Duden-Redaktion sei Covid19 ein »heißer Kandidat für die Aufnahme in den Duden, weiterhin in Frage kämen auch die Wörter Lockdown, Shutdown und Social Distancing. In Singapore läuft ein Roboter durch den Park, um die Einhaltung des Sicherheitsabstands zu kontrollieren.

8. Mai | The Glory Of Prevention

Im ersten Drostcast, den ich hörte, fiel mir dieser Satz auf, er wuchs mir gleich ans Herz: »There is no glory in prevention«. Niemand schlägt einen auf die Schulter, wenn man etwas Schlimmes verhindert, weil das nichtgeschehene Schlimme nicht erfahren werden kann. Das ist die Geschichte vieler Zeitreisegeschichten, es ist die Geschichte dieser Tage.

In dieser Geschichte lassen Zeitungen »Deutschlands klügste Corona-Skeptiker« – honorige Meister ihres Fachs, geachtet und hochgeschätzt, Namen von Rang, über jeden Populismus-Zweifel erhaben – verlautbaren, weshalb der Lockdown ein Fehler gewesen sei. In privaten und öffentlich geführten Gesprächen wird erkannt, dass die Gefahr nie so groß gewesen sein kann, wie sie gemacht wurde, weil nur 7000 Menschen starben. Weil die Intensivstationen nicht überfüllt waren, hätten sie auch nie freigehalten werden müssen. Weil die Menschen sich nicht exponentiell ansteckten, hätten sie sich auch nie voneinander fernhalten müssen.

Diese Argumente können nicht widerlegt werden. Niemand kann sagen, ob mit Kanzler Laschet oder Kanzler Merz die Gegenwart anders aussehen würde, ob sie schrecklicher oder weniger anstrengend wäre. Ob die Infiziertenzahlen niedriger wären, es der Wirtschaft gutginge, es mehr Todesfälle gäbe. Kein Meinungsmacher, kein Youtuber, kein Nachbar, der mal ein Interview mit Dr. Bhakdi gehört hat, weiß, wie die Parallelwelt aussähe, wenn wir Mitte März einen anderen Weg eingeschlagen hätten, wenn wir den damaligen Weg weitergegangen wären.

Man kann die Tabellen mit den Covid19-Zahlen von Deutschland neben die Zahlen von Italien, Amerika, Schweden, der Slowakei, Norwegen oder Südkorea legen und Rückschlüsse daraus ziehen. Man kann mutmaßen über frühe Tests, über mehrere Wochen Wissensvorsprung, über die Schnelligkeit von Beschlüssen, effektiver oder ineffektiver Zusammenarbeit von Teams, über Superspreader in Altersheimen reden, über aggressive oder weniger aggressive Virenstämme, über Glück spekulieren, darüber immer.

Aber zu wissen ist unmöglich. Es gibt keine Möglichkeit, das Nichtgeschehene zu messen. In der Zeitreisegeschichte weiß nur der erzählende Held vom nichtgelebten Leben, vom alternativen Zeitstrahl, darin liegt die ganze Tragik. Die nicht eingetretene Vergangenheit ist Utopia. Möglicherweise existieren ein oder mehrere alternative Coronazeitstrahlen. Aber es gibt keine erzählende Heldin, die davon berichten könnte. Sich nach einem im Vergleich glimpflich geschehenen Verlauf hinzustellen und zu rufen, das war nicht notwendig, weil es nicht zum Worst-Cast gekommen ist, ist sicher vieles, aber nicht klug.

»There is no glory in prevention.« Es gibt keinen Ruhm dafür, vorbeugend zu denken und zu handeln. Kein Ruhm dafür, sich vorsorgend im Sozialen zu kümmern, mit Jugendzentren, Sozialarbeiterinnen, Nachhilfe für Schulschwänzer. Ruhm gibt es dafür, später das Budget der Exekutive zu erhöhen. Es gibt auch keinen Ruhm bei dem, das noch ein paar Nummern größer ist als eine Pandemie, die die Welt ein, zwei Jahre lang lahmlegt, keinen Ruhm bei der Erderwärmung. Die Möglichkeit, das Eintreffen von Schlimmen zu verhindern, bedeutet, jetzt, da das Schlimme noch entfernt ist, schon die Routinen zu ändern, damit es später überhaupt noch Routinen geben kann.

Die Vermutung liegt nah, dass die Schnittmenge zwischen Deutschlands klügsten Coronaskeptikern und Deutschlands klügsten Erderwärmungsskeptikern nicht gerade klein ist, dass die, für die Prävention eine Anmaßung ist, jene sind, die beim Eintreten von Schlimmen zuerst klug rufen: Hättet ihr mal was getan.

Ansonsten: Die bisher erfolgreichste amerikanische Filmfirma der Blockbustersaison 2020 ist IFC Films, deren größter Erfolg The Wretched ist, das bisher 66000$ verdient hat, letztes Jahr um diese Zeit hatte Avengers Endgame 660 Millionen Dollar eingespielt. Laut Statistik wurden für Deutschland überdurchschnittlich hohe Todesfallzahlen errechnet, im Vergleich starben in der letzten Woche, für die Daten vorliegen, elf Prozent mehr als im vierjährigen Durchschnitt für diese Woche. In deutschen Schlachtbetrieben werden mehr als sechshundert Arbeiter positiv getestet, in den meisten Fällen rumänische Werkvertragsarbeiter. Aufgrund Corona erlaubt die FIFA nun anstatt drei fünf Auswechslungen bei Fußballspielen.

7. Mai | Gegensatzpaare

Ich lese von Gegensatzpaaren, von Gegenüberstellungen und Vergleichen. Jemand schreibt von Fußballmillionären und deren Masseure, die von nun an drei Mal die Woche getestet werden und setzt in Vergleich dazu die schlechtbezahlten, am Limit arbeiteten Pflegekräften, die nicht getestet werden und die so im Besonderen Gefahr laufen, das Virus in die Risikogruppe zu tragen. Ich lese von Baumärkten, die längst und von Schulen, die nur für Prüflinge geöffnet sind. Ich lese von freigegebenen Golfplätzen und Kindergärten in Notbetreuung. Ich lese von geöffneten Autohäusern und geschlossenen Kinos.

Jedes dieser Gegensatzpaare könnte auch anders kombiniert werden; Fußball mit Schule, Golf mit Kino, Kindergärten mit IKEA. Für jedes Gegensatzpaar scheint es eine schlüssige Erklärung zu geben, weshalb das eine offen ist und das andere nicht; ein Golfplatz ist anders beschaffen als ein Kinosaal, Baumarktkunden werden sich vernünftiger verhalten als Kleinkinder, letzteres eine Annahme, die nicht zwingend stimmen muss. Allein bei Fußball versagt jede Logik außer der: Es gibt halt viele Interessierte.

Der eigentliche Grund für jedes Gegensatzpaar ist der Hinweis auf eine Unverhältnismäßigkeit, die als ungerecht empfunden wird. Warum priorisiert der Staat den Kauf neuer Nägel und nicht, Kindern Wissen beizubringen? Warum sind Autos wichtiger als Kultur? Was erhebt den Sportler über soziale und medizinische Berufstätige?

Ich schreibe ein eigenes Gegensatzpaar auf. Wenn sich Engelbert-Strauss-tragende Grillfreunde, die gerade ihre 5000€ Kaufprämiere für den neuen SUV überwiesen bekommen haben, im wiedergeöffneten Biergarten auf der Leinwand das Fußballspiel Arminia Bielefeld gegen den SV Sandhausen anschauen, während sich die Mutter nach einer Ganztagsbetreuung mit zwei Kindern vom Spielplatz zurück nach Hause schleppt, dann sind meine Gefühle bei diesem Bild nicht nur positiver Natur.

Dabei setze ich etwas in Vergleich, was nicht unmittelbar in Verbindung steht. Ich könnte ja auch sagen: Ich würde gern die (zweite) Bundesliga fortgesetzt haben, weil mich die Spiele ablenken und ich gern Erzgebirge Aue auf den Aufstiegsplätzen sähe, und ich würde zugleich gern ein gut durchdachtes und praktisch umsetzbares Konzept für Schulen- und Kindergärten sehen. Letzteres wäre mir natürlich wichtiger, ersteres eher nice-to-have.

Stattdessen drücke ich mit diesem Gegensatzpaar meinen Unmut über den läppischen Satz von der gestrigen Pressekonferenz aus: »Ziel ist, dass in Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen bis zu den Sommerferien jede Schülerin und jeder Schüler einmal die Schule besuchen kann.«

Ich drücke Unmut darüber aus, dass in meinungsbildenden Gesprächsrunden fünfzehn Minuten über eine Nebensache wie Fußball diskutiert wird. Ich drücke Unmut über jedes Thinkpiece von Rainer Calmund auf, in dem er fordert, dass der Ball wieder rollen müsse, weil dafür kein Thinkpiece von einer Mutter oder eines Vaters erscheinen kann. Ich drücke Unmut aus über jeden Politiker, der öfter das Wort Revierderby in den Mund nimmt als Kindergarten, weil er hofft, so den einen entscheidenden Prozentpunkt im Spiegelranking der beliebtesten Politiker Deutschlands zuzulegen. Ich drücke Unmut darüber aus, dass die Meinung von Hans-Joachim Watzke und Karl-Heinz Rummenigge so viel mehr zählt als von Frau Lamprecht und Herrn Walter, Frau Lamprecht hat ein vierjähriges Mädchen und arbeitet im Supermarkt, Herr Walter leitet die Igelchen im Haus Sonnenschein.

Davon abgesehen scheinen gestern alle größeren Medienhäuser ihre Leute nach Weimar auf den Herderplatz geschickt zu haben, um dort die an Tischen sitzenden Weintrinkenden zu filmen und zu zeigen, BILD, RTL, MDR.

Ansonsten: Als einziger Landkreis Deutschlands überschreitet Greiz die erlaubte Höchstzahl an Neuinfektionen, so dass eine Verschärfung der Maßnahmen notwendig wäre, was die Landrätin ablehnt, weil man »unserer Wirtschaft, unserer Gastronomie keine weiteren Blockaden aufbürden« möchte. Einen Tag nach Bekanntgabe der Lockerungsmaßnahmen steigen deutschlandweit die Infektionszahlen wieder über Tausend. In den USA verlieren innerhalb sieben Wochen mehr als 33 Millionen Menschen ihre Arbeit. Im Weißen Haus wird ein Butler positiv getestet.

Hessen erlaubt ab Samstag wieder Veranstaltungen bis hundert Teilnehmer. Die österreichische Tourismusministerin Elisabeth Köstinger erhöht den Druck auf Berlin, die Grenzen für Österreich-Urlauber früher zu öffnen. Einkaufsmenge und Umsatz von einheimischen Wein nehmen im März im Vergleich zum Vorjahresmonat um knapp zehn Prozent zu. Onlinedruckereien bieten individuell gestaltbare Mundschutzmasken an: »Ob mit einem aufmunternden Spruch, einem lustigen Bild oder einfach mit Ihrem Logo verziert – dank fotorealistischem Druck sind Ihrer Fantasie fast keine Grenzen gesetzt.«

6. Mai | Vorläufiges Ende

Die Kanzlerin verkündet das Ende der ersten Phase und wenn man an diesem Mittwoch durch die Innenstadt von Weimar geht, weiß man, dass es nicht nur das Ende der ersten Pandemiephase ist, sondern das Ende der gesamten Pandemie.

Es ist vorbei, geschafft und überstanden, in den Außenbereichen der Eisdielen, auf den Bänken und Plätzen, den schattigen Zonen der Fußgängermeile und träte nicht ab und an eine Schutzmaskentragende aus einem der Geschäfte und würde mit eiligen Handgriffen die Schutzmaske vom Gesicht reißen, wäre das ein Mittwoch wie jeder Mittwoch im Frühling 2019 war oder jeder Mittwoch im Jahr 2022 sein wird. Es gibt keine Notwendigkeit mehr, dieses Tagebuch fortzuführen, die Coronamonate sind Geschichte.

Ich freue mich über jeden Cent, den jede Gastronomin an diesem Mittwoch verdient, jede Ingwereiskugel, die scharf und süß zugleich auf der Zunge schmilzt, jede Shoppingbag, die vor den begeisterten Augen des Freundeskreises geschwenkt wird und wünsche mir dennoch, dass wie in den Sims über jeden Menschen eine Sprechblase schweben würde, in der etwas steht wie: »Ich weiß, in welcher Situation wir uns befinden, ich nehme sie ernst, auch wenn ich jetzt hingebungsvoll einen wohlverdienten Cappuccino in der warmen Maisonne schlürfe.«

Verkündet werden heute verschiedene Lockerungen, die sich in den Beschlüssen der Länder schon ankündigten; Sportstätten, Gastronomien, Geschäfte. Die Bundesliga wird bald mit Geisterspielen fortfahren können. Dazu legt die Bundesregierung die Verantwortung in regionale Hände; Bundesländer, Kreise, Städte. Nur wenn die Infiziertenzahlen lokal einen bestimmten Wert überschreiten, werden Maßnahmen fällig. Der Rest wird vom gesunden Menschenverstand abhängig von der jeweiligen Situation vor Ort entschieden.

Ich freue mich an diesem Maimittwoch über die Sonne und das Eis und das Aufatmen und bin zugleich traurig wütend, dass die Dinge, die mir wichtig sind, nur mit dürren Worten erwähnt werden: Kindertagesstätten, Kultur, Kinos.

Kinos melden, dass ihnen spätestens im Juni die Gelder ausgehen werden. Sollten dann Kinos geöffnet werden mit Konzepten wie: Verkauf von nur einem Drittel der Sitzplätze, dann wird es nicht kompensieren, was verlorenging. Es wird Sommer sein, die Verleiher werden nur zögerlich ihre Filme anlaufen lassen, die Streamingdienste werden Filme kurz nach dem Kinostart schon online anbieten wollen, so wie es in den USA gerade diskutiert wird, die Menschen werden grillen, sie werden an Netflix gewohnt sein. Es gehört nicht viel Vorstellungskraft dazu, was das für die Kinos bedeuten wird, wie die Kinolandschaft in einem Jahr aussehen könnte. Wie schwierig alles ist, zeigt sich am Beispiel von Christopher Nolans neuen Film Tenet, der Anfang Juli in den Kinos anlaufen soll.

Oder, Kindertagesstätten. Viele Kindergärten, die Notbetreuung anbieten, berichten vom Erreichen der Kapazitätsgrenzen; ein Drittel der Kinder betreut und dennoch geht nicht mehr viel. Nach dem Sommer soll es die Rückkehr zur Präcoronazeit geben. Bis dahin lokale Konzepte, die fünfzig Prozent Kinderbetreuung als Ziel ausgeben, für alle Kinder eine Betreuung an drei Stunden am Tag, nur an gewissen Wochentagen. Der Riss, der sich in den letzten Wochen gezeigt hat, wird größer werden, die Diskrepanz zwischen denen ohne Kinder und denen ohne Kinderbetreuung, die Leben werden auseinanderdriften.

Ja, die Coronamonate sind Geschichte und sie gehen erst richtig los.

Ansonsten: Der amerikanische Präsident besucht eine Fabrik, die Schutzmasken herstellt und trägt keine Schutzmaske. »Professor Lockdown«, der politische Coronaberater in Großbritannien, tritt zurück, weil er mehrmals gegen die Quarantänereglung verstieß, um seine Geliebte zu treffen. In Anlehnung an Ghostbusters versprühen in Tijuana Covidjäger Chlor. Der Bestsellerkochbuchautor Attila Hildmann ruft zu einer Demonstration vor dem Reichstag auf, etwa tausend Demonstranten kommen, der Feine-Sahne-Fischfilet-T-Shirt-Träger steht neben dem Reichsbürger.

5. Mai | Kehrtwende

Anfangs habe ich die Zahlen täglich verfolgt. Jeden Abend der Blick auf die entsprechenden Seiten, die Infizierte und Tote vermeldeten, unterteilt nach Ländern. Ich habe die dramatischen Zahlen bevorzugt, traurige Rekorde habe ich das Ende März genannt. Heute sind es über 250.000 Tote, eine Viertel Million Menschen gestorben. In Weimar gibt es aktuell acht Infizierte, es gelingt mir nicht, beide Zahlen zusammenzubringen.

Untersucht wurde, wie sich die Opposition gegen die Coronapolitik verändert hat. Zu Beginn der Pandemie von den einschlägigen Seiten die Kritik, dass die deutsche Politik zu wenig tue, dass Angela Merkel das deutsche Volk nicht ausreichend schütze, dass es einen rigorosen Shutdown wie in Wuhan brauche, die deutschen Coronatoten seien Merkels Toten, dazu das Empören über Vorgaben mißachtende Jugendliche. Es war die Zeit, als die Neue Rechte noch keine Sprache, noch keine Strategie für die Pandemie hatte.

Das hat sich nun geändert, wie so oft eine Kehrtwende. Jetzt die bekannte Erzählung von der Coronadiktatur, der DDR 2.0, Vergleiche mit Sklaven, das Singen von »Die Gedanken sind frei«, das Verklären vom Nichttragen eines Mundschutzes als revolutionären Akt.

Beim Lesen erstaunt mich, dass ich diese erste Phase schon wieder vergessen hatte, die Kritik an zu laschen Maßnahmen. Schaue ich auf die Querfrontdemonstrationen, die Facebookposts von Attila Hildmann, die Kolumnisten (es sind mehrheitlich Männer), die von Angela Merkel als Mutter schreiben, scheint es immer einen Widerstand gegen das »Regime« zu geben; die Gründe können jeweils andere sein, sich schnell ändern, sich dann widersprechen und das Gegenteil voneinander sein.

Vor drei Monaten wurde in Thüringen ein Ministerpräsident gewählt. Es ist drei Jahre her.

Ansonsten: Die Pläne für einen deutschen Immunitätsausweis werden gestoppt. Ausländische Jagdpächter brauchen ab sofort bei der Einreise nach Tirol kein Attest mehr vorweisen. Eine Studie zeigt, dass, sobald beide Partner im Homeoffice arbeiten, Frauen zweieinhalb mehr Stunden Sorgearbeit leisten. Weltweit gibt es inzwischen 115 Corona-Impfstoffprojekte.

Als erste deutsche Stadt erlaubt Weimar wieder Open-Air-Gastronomie. In Frankreich wird bei einem Test ein Covid19-Fall von Dezember entdeckt, das Virus könnte Frankreich gut einen Monat früher erreicht haben als bisher bekannt. Attila Hildmann und Xavier Naidoo telefonieren eine Stunde, danach sind beide bereit, für »diese Sache« Kopfschüsse zu kassieren.

4. Mai | Demontage

In den späten Vormittagsstunden fährt ein Multicar der Weimarer Stadtverwaltung auf dem Spielplatz vor. Zwei Männer in orangestrahlenden Overalls steigen aus, wickeln die rotweißen Absperrbänder auf, demontieren die Verbotsschilder und beladen damit das Fahrzeug. Als sie abfahren, stürmen die wartenden Kinder den nun freigegebenen Ort und machen das, was ihnen sieben Wochen untersagt war: Sie spielen auf einem Spielplatz.

Heute treten in Weimar neue Eindämmungsmaßnahmenverordnungen in Kraft. Sie betreffen Nagelstudios, Frisöre, Musikschulen, Fahrschulen, 9./10. Schulklassen, Fußpflegen, Individualsport unter freiem Himmel sowie Geschäfte ohne Beschränkung der Verkaufsfläche. Dazu überregionale Ankündigungen weiterer zeitnah geplanter Lockerungen: Gastronomie, Schulen & Kitas (NRW), Aufhebung von Einreiseverboten, um in den Urlaub am Meer fahren zu können. Wenn die Realität ein engsitzender Anzug wäre, würde an diesem ersten Montag im Mai der Gürtel aufs letztmögliche Loch geschnallt.

Parallel zu diesen Lockerungen finden die verschiedenen Unmutsbekundungen gegen die Coronadiktatur (Xavier Naidoo, der in sein Smartphone weint, Bestseller-Kochbuchautor Attila Hildmann, der bewaffnet in den Untergrund will, wenn am 15. Mai die Neue Weltordnung übernimmt, der gelbe Judenstern, in den ungeimpft geschrieben wird, die WhatsApps mit den Erklärbildern, weshalb Bill Gates das Virus erfunden hat, der Tanz am Stachus Feel Swedisch – Fight The Virocrats etc.) einen politischen Ausdruck: Widerstand2020.

Geschrieben habe ich bisher darüber nicht, weil ich annahm, dass es sich dabei um Satireprojekt handelt. Tatsächlich scheint es eine ernstgemeinter Sammelbewegung des Sinsheimer Schwindelambulanzarztes Dr. Schiffmann für einen »Widerstand gegen den politischen Umgang, den wir gerade erleben, gegen das Außerkraftsetzen unserer Grundgesetze und gegen die Machtausnutzung unserer Regierung«. Nach eigener Auskunft gibt es schon neunzigtausend Mitglieder und wie alle neuen Bewegungen können diese besonders schnell groß werden, wenn sie groß gemacht machen, indem groß über sie geschrieben wird.

Ansonsten: Ein als Sensenmann verkleideter Rechtsanwalt läuft über die Strände von Florida, um gegen deren Öffnung zu protestieren. Der Fußballspieler Salomon Kalou streamt live vom Trainingsgelände seines Klubs Hertha BSC, auf dem so gut wie alle Sicherheitsregeln unterlaufen werden. Die EU will eine Milliarde Euro in Kampf gegen das Coronavirus investieren.

Die AfD-Fraktion Waren fordert auf einer Demonstration des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands die Öffnung von Grenzen. Neuseeland meldet null Neuinfektionen. Die Christus-Statue in Rio de Janeiro wird mit einem Mundschutz illuminiert. Die aufgrund des Lockdowns leeren Straßen der türkischen Stadt Samsun werden von Schafsherden okkupiert.

3. Mai | Weltenflucht

Jedes Mal wieder erstaunlich, wie weit weg die Welt doch nach einem Ausflug ins Grüne rückt; im Raps wirkt jeder Mundschutz albern. Nach der Rückkehr ein lustloses Zusammensetzen der Realität anhand weniger, willkürlich aufgeklaubter Puzzleteile.

Puzzleteile: Westliche Geheimdienste werfen China vor, das wahre Ausmaß des Corona-Ausbruchs heruntergespielt zu haben. Nach zwei Monaten Ausgangssperre dürfen Italiener wieder spazieren gehen. Der Autoverband DVA fordert von der Bundesregierung eine schnelle Entscheidung über die Kaufprämie, damit es Klarheit am Markt gebe.

2. Mai | Zeitreise

Ich sehe eine Dokumentation über das Leben in Peking nach dem Lockdown. Es hieß, wer nach China blickt, blickt in die Zukunft. Es hieß auch: Wer nach Italien blickt, blickt in die Zukunft. Weil wir die Armeefahrzeuge in Bergamo sahen, änderten wir unser Verhalten und damit auch die uns vorbestimmte Zukunft, ein klassischer Zeitreiseplot, nur ohne Großvaterparadoxon.

Ich schaue nach Peking und schaue in die Zukunft. Ich sehe, wie die Menschen nach zwei Monaten Lockdown wieder auf die Straße gehen. Bevor sie ein öffentliches Gebäude oder ihren eigenen Wohnbezirk betreten dürfen, wird ihre Temperatur gemessen. Überall Kontrollpunkte, an denen rotbejackte Beiräte mit kontaktlosen Fieberthermometern stehen, die Geräte an die Armgelenke der Menschen führen und eine Zahl ablesen. In den Gebäuden und davor die gewohnten Überwachungskameras, dazu wuchtige Wärmebildkameras, die jeden Vorbeilaufenden vermessen. Liegen die Zahlen innerhalb des Vorgegebenen, hat das keine Konsequenzen.

In jedem öffentlichen Gebäude, beim Friseur, in den Empfangsbereichen von Großraumbüros hängen A3-Ausdrucke von QR-Codes. Kommt der Passant daran vorbei, wird er aufgefordert, den Code mit dem Smartphone zu scannen. Der Code identifiziert ihn, er gibt seine Daten ins System, liest sein Bewegungsprotokoll aus, das über das Smartphone erstellt wurde. Nur wer in den letzten beiden Wochen Peking nicht verlassen hat, darf irgendwo hin.

Bei einer Bloggerin, die über die Pandemie schreibt und viele Stimmen zu Wort kommen lässt, wird ein Verstoß gegen das Protokoll festgestellt. Ihr wird der Zugang zur Wohnung verweigert, aus Gründen der allgemeinen Gesundheit, heißt es. Nun ist sie so lange ohne Zuhause, bis ihr Verhalten wieder dem Protokoll entspricht.

Der Journalist befragt einen seilspringenden Mann. Der Mann sagt, dass er anfangs skeptisch gewesen sei, ob seine Regierung dem Virus gewachsen ist. Nun habe sich das geändert. Er spricht von der Ironie, dass anfangs alle Länder China verteufelt hätten und jetzt diese Länder in der gleichen Situation seien. Er lacht. Die Bloggerin sagt, dass viele die unterschiedlichen Systeme vergleichen und urteilen, welche effizienter gegen den Virus arbeiten, die demokratischen oder die autoritären Systeme. Die Kontrollen nehmen zu, die Infiziertenzahlen sinken.

Vor allen Straßenabzweigungen, vor den Eingängen der Parks und der Malls warten die Kontrolleure darauf zu kontrollieren. Sie messen die Temperatur, sie fordern auf, Smartphones auf QRs zu richten. Sie sammeln die Daten, denn sie wollen die Verbreitung des Virus verhindern, sie machen das für die Hygiene des Volks.

Im Schauen, aus der Situation heraus, nach den vergangenen Wochen und dem Wissen um China wirkt der Film folgerichtig, zeigt pragmatisch umgesetzte Schlussfolgerungen während einer Pandemie. Trete ich einen Schritt zurück, achte darauf, was gezeigt wird, ist diese Dokumentation der Wirklichkeit wie der eine dystopische Film, der bisher noch nicht gedreht wurde.

Ansonsten: Am Rande einer Demonstration gegen Coronaregeln prügeln in Berlin Vermummte ein Kamerateam des ZDF krankenhausreif. In Somalia wird von einem deutlichen Anstieg der Todeszahlen berichtet. In Weimar werden Porträtbilder Überlebender des KZ Buchenwald mit Coronaflugblättern und Aufklebern mit der Aufschrift »Risikogruppe« verunstaltet.

Drei Angestellte des 1.FC Köln werden positiv auf Corona getestet, die Mannschaft bleibt weiter im Training. Französische Forscher weisen eine Coronavirus-Infektion bei einer Katze nach. Kim Jong-un präsentiert sich bei der Eröffnung einer Düngemittelfabrik wieder der Weltöffentlichkeit.

1. Mai | bieder, pedantisch, spießbürgerlich

Mit Befremden lese ich den gestrigen Eintrag. Meine Worte scheinen mir bieder, pedantisch, spießbürgerlich. Gibt es etwas Öderes, als über das Verhalten anderer in Supermärkten zu schreiben? Sich darüber zu empören, dass wenige sich nicht an Vorschriften halten? Werde ich zum Pedanten, zum Spießbürger, zum Denunzierer, der eifrig Abweichler notiert, wie der unausgelastete Nachbar, der Falschparker in der eigenen Straße überführt?

Im Einkaufszentrum sind die Wege jetzt vorgegeben; Pfeile, Hinweisschilder und Absperrbänder weisen die Laufrichtung. Eingänge und Ausgänge sind voneinander getrennt. Das Social-Distancing ist optimiert, besser, ist normiert. Als Kunde werde ich durchgeschleust und gesteuert. Das wurde ich früher auch: Supermärkte haben Waren platziert und Laufwege gestaltet, um meinen Konsum zu steigern. Es geschah so subtil wie der Max-Giesinger-Song aus den Supermarktlautsprechern. Heute strahlt das Rot des Absperrbandes besonders auffällig, brennen sich die ausgehängten Piktogramme in meine Netzhaut.

Ich bin erfreut darüber. Wenn alle Kunden in dieselbe Richtung laufen, kann niemand mir Aerosole ins Gesicht atmen und mich so mit dem Virus infizieren. Tragen alle einen Mundschutz, ist es ähnlich. Der Preis dafür ist Gleichförmigkeit. Gleiche Wege, die untere Hälfte des Gesichts in gleicher Form verborgen.

Was empfinde ich dabei? Ist mein Fühlen mehr wie: Ich werde beschränkt, mir wird Freiheit genommen, es ist ein Eingriff in meine Rechte, den ich zu dulden nicht bereit bin? Oder mehr wie: Ich sehe die Einschränkungen als notwendig an und strafe alle, die den Maßgaben nicht folgen, mit Verachtung. Ich richte dann, denunziere, sortiere aus.

Die Sache hat mehrere Seiten. Der Mundschutz selbst ist ein gutes Beispiel dafür. Zwar schützt er mich nicht vor einer Ansteckung, senkt aber korrekt getragen deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemanden anstecke. Tragen alle einen Mundschutz, senkt das die Wahrscheinlichkeit für alle, angesteckt zu werden. Justiere ich allerdings öfter den Mundschutz nach, fasse mir mit Fingern ins Gesicht, trete ich näher an Fremde heran, weil ich glaube, der Mundschutz schütze mich oder sie, dann verliert sich der Schutz, dann wiederum steigt die Gefahr einer Ansteckung.

Es ist eine richtige Sache, die das Mitwirken aller voraussetzt. Es geht um den Schwarm, es geht um Vernunft, meine Vernunft und die meiner Mitmenschen, die allermeisten von ihnen sind Fremde. Gibt es diese Vernunft nicht, verkehrt sich das Gute ins Gegenteil und alle atmen die Aerosole von Fremden ein.

Gestern werden in einer Pressekonferenz (die von den üblichen Scharmützeln wie »Mickey-Maus-Politik« oder »Merkel motzt über ihren Virologen« begleitet werden) weitere Lockerungsmaßnahmen des Shutdowns verkündet. Dazu an dieser Stelle der längst fällige Einschub, dass es in Deutschland weder einen Lock- noch einen Shutdown gegeben hat, sondern eine milde Variante von Kontaktbeschränkungen, so ganz anders als in Wuhan, Italien oder Frankreich. Die Pressekonferenz nehme ich routiniert hin, erwarte keine epochalen Motivationsreden, weiß die Bekanntgaben so ungefähr im Voraus: Kindergärten und Gaststätten bleiben weiterhin geschlossen, Zoos und Spielplätze werden geöffnet.

Auch die Zahlen der deutschen Übersterblichkeit im März werden bekanntgegeben. Im März ist in Deutschland eine kaum merkbare Erhöhung von Todesfällen im vergleichbaren Zeitraum zu anderen Jahren erkennbar, ganz anders, als das die Zahlen in den USA, Italien, Spanien Großbritannien oder Indonesien offenbaren. Im März ist Deutschland davongekommen, glimpflich lautet das Wort, das zwischen Deutschland und davongekommen stehen sollte.

Davon abgesehen, drehen sich die Gespräche heute weniger um Corona als um den endlich einsetzenden Regen.

Ansonsten: Ein japanisches Aquarium sucht Videochatpartner für ihre Aale, weil durch die coronabedingte Schließung des Meereszentrums und damit ausbleibenden Besucher die Fische die Menschen vergessen, was die Fütterung erschwert.

Bewaffnete Männer und Frauen stürmen das Parlament in Michigan, um gegen die Ausgangsbeschränkungen zu protestieren. In verschiedenen Städten werden Autokinos wiedereröffnet, der Deutschrapper Sido gibt in einem Autokino ein Konzert, die Besucher können durch Hupen ihrer Begeisterung Ausdruck verleihen. »Die Patienten werden sehr schnell sehr still.«

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Juni | April | März | Februar | komplett

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