Coronamonate. Juni

30. Juni | Rote Punkte

Die Zukunft wird viele Farben haben. Eine wird rot sein, rot wie die Punkte, die auf der Landkarte aufpoppen werden und daneben werden Städtenamen stehen, die wir alle tagelang lustvoll schaudernd als Synonym für Unbedachtsamkeit verwenden werden, weil dort das Virus ausbrach, in Fabriken, in Wohnblöcken, in Schulen, Göttingen, Gütersloh, Magdeburg.

Die roten Punkte und die temporär ins Bewusstsein des Landes rückenden, mittelgroßen Städte werden uns begleiten, bis ein Impfstoff gefunden sein wird. 365 Tage lang Detmold, Wernigerode, Erlangen.

Vielleicht auch Weimar. Weimar, das seit fast einem Monat keine neue Infektion hatte, keinen Todesfall bisher, insgesamt 69 ehemalige Infizierte, in den umliegenden Kreisen sind die Zahlen ähnlich, in ganz Thüringen etwa ein Zehntel der Infizierten wie in Schlachterei Tönnies. Weimar, das als eine der ersten Städte die Gastronomie wieder öffnete, Weimar, das so gut wie keine Erfahrung mit dem Virus gemacht hat, Weimar, das ein sicherer Ort war und sich deshalb in Sicherheit wiegt, Weimar, eine Gegenwelt zu den sich täglich übertrumpfenden globalen Zahlen.

Ist davon auszugehen, dass dies zu bleibt? Dass keine Touristin aus Göttingen, Gütersloh, Magdeburg fünfzehn Minuten am Grill mit dem Rostbratwurstverkäufer steht, dass das Virus weiterhin einen Bogen schlägt um die Ilm? Und was, wenn Weimar trotz der sicheren vier Monate einmal ein roter Punkt sein wird, wenn Freunde und Verwandte besorgt anrufen und fragen: »Hats Euch auch erwischt?«, wenn die Bundeswehr Massentests auf dem Stéphane-Hessel-Platz vor dem Bauhaus-Museum macht? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bilder ausbleiben?

Ansonsten: Aufgrund steigender Infektionszahlen schottet die britische Regierung Leicester ab. Am New Yorker Broadway werden alle Vorstellungen für den Rest des Jahres abgesagt. Die isländische Regierung rät ihren Einwohnern, gegen Berührungsmangel und Einsamkeit in Coronazeiten Bäume zu umarmen.

29. Juni | Ischgl. Das Unglück der 15 Prozent

Vor drei Monaten schaue ich eine Dokumentation über Ischgl. Die Dokumentation zeigt ein Dorf, das vom Wintersport nicht nur lebt, sondern sich komplett darin verloren hat. Im Zentrum steht die Seilbahn, die wichtigsten Männer des Dorfes verdienen daran, sie entscheiden im Gemeinderat über das Wohl des Dorfes, Seilbahnprofiteure ausschließlich. Die Dokumentation zeigt die Feiernden, sie zeigt das Saufen, sie zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der Après-Ski die Welt um sich herum vereinnahmt. Wenn die Hölle gefriert, sieht sie aus wie Ischgl im Winter. Weil die Doku das zeigt, zeigt sie, weshalb das Virus alle Freiheiten genoss und von hier aus europaweit durchstarten konnte.

Vorgestern lese ich einen Text über Ischgl. Dort steht, dass bei über vierzig Prozent der Bewohnerinnen Antikörper vorhanden sind, sie sich mit dem Virus infizierten. Von diesen vierzig Prozent haben 85% keine Symptome gezeigt. Das Virus hat ihnen nicht nur nicht geschadet; sie haben es nicht einmal bemerkt.

Letztere Zahl ist nicht erstaunlich. Sie bestätigt, was von Anfang an Wissen war: Die überwiegende Mehrzahl hat vor SARS-CoV-2 nichts zu befürchten. Es sind glückliche 85 Prozent. Und inwieweit sie bereit sind, das Unglück der 15% zu mindern, ist eine der Grundfragen der Pandemie, von Beginn an war sie das.

Später erzähle ich in größerer Runde von diesem Zahlen. »Interessant«, ist eine Antwort, »Aber müsste man dann nicht noch mal über die Gefährlichkeit des Virus nachdenken? Was ist denn mit denen, die Herzinfarkte oder Krebs bekommen? Wo ist die Solidarität mit denen?«

Ich weiß, was ich darauf zu sagen habe, nenne auch einige der argumentativen Entgegnungen. Dennoch beschäftigt mich der Gedanke, diese Frage nach den 15% der Unglücklichen bei jeder Sache, länger, vielleicht, als sie das sollte. Oder nicht.

Ansonsten: Österreich führt verpflichtende Coronatests für Reisende aus Gütersloh ein. In Indien werden 10000 Betten aus Kartons in Krankenhäusern aufgestellt. Die Zahl der Coronatoten übersteigt die halbe Million. Reportage: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik.

27. Juni | Chimäre / Bahnfahren II

Eine Ergänzung zur gestrigen Bahngeschichte. Die überwältigende Mehrheit der Passagiere trägt Masken. Auch so, dass diese ihren Zweck erfüllen. Vielleicht 1/10, besser 1/20 der Mitfahrer haben die Maske unter die Nase gezogen, haben sie übers Kinn gestülpt, tragen keine Maske. Die, absolut subjektive, Beobachtung aus etwa zehn Bahnfahrten: Es sind ausschließlich Männer, die Masken auf diese Weise oder nicht tragen.

Mir ist diese Beobachtung unangenehm. Lieber hätte ich sie nicht gemacht. Sie weckt ungute Gefühle in mir, ich bin versucht, von hasserfüllter Abneigung zu schreiben. Ich starre die Männer an, sie fallen mir auf, sie wecken Emotionen. Ich finde diese Männer asozial, unsolidarisch. Sie bedrohen meine Gesundheit, die von anderen, sie stellen im öffentlichen Raum Eigennutz über Gemeindewohl.

Deshalb ordne ich sie ein; unter den wenigen sind es nicht selten Hundebesitzer und Rennradfahrer. Ich suche das Abteil nach diesen Männern ab, scanne den Sitz von Masken auf Gesichtern. Ich kontrolliere. Es ist ein spießiges Verhalten, linientreu, konformistisch, dogmatisch. Ich kacke Korinthen damit. Ich kenne dieses Gefühl von dem Tag an, als Masken verpflichtend wurden und seither kann ich nicht damit umgehen, mit dieser Verwandlung in eine Chimäre aus Kontrolleur und Gemeindewohlschützer.

Ich bin erleichtert, wenn die Männer ihren Hund oder ihr Fahrrad nehmen und aussteigen, wenn die Chimäre mit ihnen zusammen am Haltepunkt zurückbleibt.

Ansonsten: Nach dem Coronaausbruch bei Schlachterei Tönnies gibt es kaum Anzeichen für eine Virusübertragung auf die Einwohnerinnen des Landkreises. Ab 1. Juli muss die Fleischindustrie in NRW Beschäftigte auf eigene Kosten mindestens zweimal pro Woche testen lassen. Laut einer Umfrage sprechen sich 82 Prozent der Bewohnerinnen des Corona-Hot-Spots Ischgl dafür aus, dass Après-Ski zukünftig qualitäts- und maßvoller werden sollte.

26. Juni | Die Leihgabe

Im Zug nach Gotha hält jeder Abstand. Jede sitzt für sich, trägt Schutzmaske. Nur einer nicht. Der Mann auf dem Doppelsitz über den Gang hinweg fährt schutzmaskenlos. Er zieht sein beiges Shirt über die Nase, drückt dabei das Kinn auf die Brust, es sieht ungelenk aus, anstrengend, krank.

Eine Gruppe von vier Seniorinnen, die sich auf acht Plätze verteilen, werden auf ihn aufmerksam. Eine der älteren Damen schaut zum Mann. »Möchten Sie eine Maske?«, fragt sie, »ich hätt noch eine.«

Noch bevor er antworten kann, kramt sie schon eine hervor. »Ja«, sagt der Mann und fügt hinzu, dass er seine vergessen habe, keine böse Absicht sei das gewesen. »Ist mir auch schon passiert«, sagt die Frau und reicht ihm die Maske.

»Kann ich nehmen?«, fragt der Mann. Die Frau nickt. Er bietet Geld an, sie lehnt ab. Dann erzählt sie ihrer Gruppe, wie sie einmal ihre Maske vergaß und auf halbem Weg zum Supermarkt umkehrte, woraufhin jede der Senioren eine Maskengeschichte mit den anderen teilt.

Währenddessen zieht der Mann die geborgte Schutzmaske über das Gesicht. Er prüft den Sitz und schaut aus dem Fenster. »Ist Maske nass«, sagt er und dreht sich zur Seniorin hin. Sie reagiert nicht, sie ist in Gespräche vertieft.

»Die Maske ist nass«, sagt er dann. Er stellt fest. Und schiebt die Maske unters Kinn, fährt so weiter bis Seebergen.

Ansonsten: Auch der Trainer von Novak Djokovic gibt bekannt, dass er sich auf dem von Novak Djokovic initiierten Tennisturnier mit dem Coronavirus angesteckt hat. Für den Mittwoch wird in den USA eine Infektionshöchstzahl vermeldet, um fast fünfzig Prozent sind dort in zwei Wochen die Infektionen gestiegen. Nach Panikkäufen wegen des erneuten Ausbruchs rationieren in Melbourne Supermärkte den Verkauf von Toilettenpapier. Papst Franziskus verschenkt an stark von Corona betroffene Länder 35 Beatmungsgeräte. Die Bundesregierung verschickt an die wegen Corona aus dem Ausland zurückgeholten deutschen Touristen Rechnungen, die Preise liegen zwischen 200 bis 1000€.

25. Juni | Raunen / 180000 II

Ich lese den gestrigen Eintrag erneut. Mir fällt auf, dass ich im vorletzten Absatz etwas tue, was ich oft tue: Ich raune. Ich raune von einer Gefahr, ahne eine Verschlechterung der Situation voraus, gehe davon aus, dass von mehreren möglichen Wegen jener eingeschlagen werden wird, der näher an den Abgrund führt.

So schreibe ich an einigen Stellen in den Monaten, mich stört das selbst. Warum tue ich dies? Um, wie alle Pessimisten, die Enttäuschung gering zu halten? Tritt das Schlimme ein (2. Welle, erneuter Lockdown, überfüllte Intensivstationen, Mutationen), werde ich nicht überrascht sein. Tritt das Schlimme nicht ein, umso besser.

Aus den Graphen, den Mutmaßungen der Expertinnen, den Ableitungen der Wissenschaftlerinnen lese ich nicht das Entspannende heraus. Ich lese die Bedrohung. Ich nehme mir jene Zahlen, die Erkenntnisse aus vergangenen Pandemien, welche mein Bild schwarz malen.

Dabei muss ich hinterfragen. Ich muss die schon mehrfach erwähnten 180000 Neuinfektionen hinterfragen. Sie sind ein Symbol für eine Pandemie, die im vollen Gang ist und keine, die in die Sommerpause geht, damit wir an die Strände reisen können. Die Zahl sagt: Das Schlimme tritt weiterhin ein. Es gönnt uns keine Verschnaufpause.

Was sagt die Zahl 180000 aus? Sie sagt, sie ist zu klein, denn viel mehr Neuinfektionen wird es an diesem Tag gegeben haben, Infektionen ohne Symptome, ohne Tests, an Orten, wo nicht gemessen oder übermittelt wird. Sie sagt mir auch nicht mit Sicherheit, dass sie den Tag mit den höchsten Infektionen abbildet. Sie sagt, schon im März, am Anfang der Pandemie, als es kaum Tests gab, kann sie wesentlich höher gelegen haben, man wird es nicht mehr in Erfahrung bringen können.

Ich weiß es nicht. Die Zahl ist zweifelhaft. Dennoch muss ich die 180000 hinnehmen. Ich brauche 180000 für das Bild, das ich mir von der Lage mache, für meinen Blick, meine Geschichte, die ich mir erzähle. Die Zahl bestätigt meine Vorahnung. Sie ist unzuverlässig und wesentlich verlässlicher als jeder Telegramm-Kanal, jeder Leserbrief in einer Regionalzeitung, der mutmaßt, dass es keine zweite Welle geben wird, jedes geraunte Kommentar eines Mitmenschen.

Im Grunde – und das weiß ich selbst am besten – suche ich wie alle einen sicheren Zufluchtsort für den Herbst, eine Insel in einem großen See, die nur mit einem Ruderboot erreichbar ist, eine Hütte steht dort, in der sich ein Jahr aushalten ließe, ein Jahr gegen den Strich, ohne die Welt, bis der Impfstoff kommt auf das Wasser schauen, die glatten Spiegelflächen.

Ansonsten: Der amerikanische Präsident streicht Gelder für mehrere Coronateststationen. Mit 35000 Neuinfektionen verzeichnen die USA den dritthöchsten Tageswert seit Pandemiebeginn, immer mehr Infektionen finden sich in republikanisch geführten Staaten. Bei Temperaturen um 30 Grad (und damit 8 Grad kälter als in Sibirien) drängen tausende Britinnen an die Strände. Die Vereinten Nationen warnen aufgrund von wirtschaftlich bedingten Kürzungen bei Drogenprävention vor einem Anstieg des weltweiten Drogenkonsums. Nobelpreisträger warnen vor Corona als Gefahr für die Demokratie. Kanzleramtschef Braun warnt vor Sorglosigkeit. 17 Mitarbeiter einer Dönerfabrik in Moers werden positiv getestet.

24. Juni | Einfügen

Der 24. eines jeden Monats. Rückblick. Vier Monate Coronamonate, ein Drittel Jahr Pandemie. Was gibt es noch zu sagen?

Es fühlt sich nun altbacken an, über Corona zu schreiben, so, wie heute in High Fidelity über Nick Hornbys Begeisterung für Cheers zu lesen; etwas, das von Wichtigkeit war, nun aus der Zeit gefallen ist, so, wie alles einmal aus der Zeit fallen wird. Corona ist da, es hegt die Tage ein, wie das Wetter, Verkehrsfunk und neu gestreamte Filme mich einhegen. Ich hinterfrage nicht deren Anwesenheit. Diese Dinge sind eben da, sind eine Konstante, an deren Existenz es nichts zu rütteln und zu ändern gibt. Nicht einmal ein Abfinden und Ertragen ist es mehr, es ist wie das Blau des Himmels und das Grau der Asphaltstraßen und dass die Preise der Eiskugeln in Weimar jedes Jahr um zehn Cent steigen.

So fasse ich auch die Nachrichten dazu auf; ein routiniertes Abarbeiten, weder von Sorge noch Lust geprägt, einen Reißschluss zieht man hoch, wenn man Kleidung trägt, die ersten drei Einträge des Coronanewstickers überfliegt man eben. So ist Juni 2020, kein Empören und Verstecken und Befürchten. Corona fügt sich ein, ich arbeite es ein in den Alltag, denke es leidenschaftslos mit. Ich mache kein Aufheben darum, so, wie ich nicht ausstelle, dass ich in ein Toastbrot beiße oder Schuhe anziehe. Darüber schreibe ich nicht. Warum sollte ich auch? Jeder tut diese Dinge.

Deshalb die Frage: Warum das Aufheben um Corona? Warum darüber schreiben, wenn es nicht mehr erwähnenswert ist, wenn Corona längst Teil der Normalität geworden ist? Das wenige Empörungsflackern wird erfahren abgehandelt, es reißt kurz aus dem Trott, in dem ich nach wenigen Stunden schon zurückfalle. Alle Witze sind gemacht, alle Elbowbumps ausgetauscht, alle Standpunkte diskutiert.

Und dann ist da die Zahl 180000, sind die deutschen Schlachtbetriebe, die nach und nach als rote Coronapunkte auf der Karte aufploppen, sind die Urlauberinnen, die sich in den nächsten Wochen müde, matt und vorfreudig in alle Freizeitressorts des Landes ergießen werden, ist der Drostenpodcast, der für diesen Sommer aussetzen wird, nicht ohne einen Cliffhanger anzubieten, der schon mehrmals angeteast wurde, das leise, gleichmäßige Verbreiten des Virus, das dann im Herbst in vielen Orten zugleich zurückkehren kann und, falls es das tut, auf eine murrende, keine Bedrohung erfahren habende Bevölkerung treffen könnte.

Ansonsten: Aus Wut über Maskenpflicht leckt ein Mann im fränkischen Treuchtlingen Einkaufswagen und Mülleimer ab. Eine Woche nach Einführung der Coronaapp werden erstmals Nutzerinnen alarmiert, sich in der Nähe von infizierten Personen aufgehalten zu haben. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet wirbt für Aufnahme von Urlaubern aus NRW und bittet darum, diese willkommen zu heißen. In Barcelona spielen vier Musikerinnen Puccinis Crisantemi vor Pflanzen.

23. Juni | 180000

Kein Satz für Ansonsten: Laut WHO wurden am 21. Juni mit rund 180000 Fällen so viele Neuinfektionen an einem Tag gemeldet wie nie zuvor.

Ansonsten: Nach dem Coronaausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies mit bislang 1500 Infektionen ordnet Ministerpräsident Laschet den Güterslohlockdown an. In Heringsdorf auf Usedom wird ein Ehepaar aus dem Landkreis Gütersloh des Urlaubs verwiesen. Reisende aus dem Kreis Gütersloh müssen in Schleswig-Holstein künftig in vierzehn Tage in Quarantäne gehen. Novak Djokovic gibt bekannt, dass er sich auf dem von ihm initiierten Tennisturnier mit dem Coronavirus angesteckt hat.

22. Juni | Karte und Gebiet

Ich betrachte eine Karte von Deutschland. Es gibt unzählige Deutschlandkarten, jede erzählt mir etwas anderes über dieses Stück Land. Ich könnte nach der Topographie schauen, nach Einkommensverteilung, nach Konfessionen, nach Kinodichte. Ich schaue nach dem aktuellen Stand der Infektionen.

Der aktuelle Stand ist vom 22. Juni, 0:00 Uhr. Deutschland ist zartblau und elfenbeingrau. An einer Stelle, dort, wo beim Menschen die Lunge wäre, strahlt Deutschland robertkochrot. Gütersloh, das Tönniesvirus. Der Landkreis daneben klagt dunkelblau, ebenso Göttingen, 30,1-50 Neuinfizierte auf hunderttausend Einwohnerinnen bedeutet dies.

Thüringen ist größtenteils hell, nur den Rändern zeigen sich matte Blautöne. Weimar, Weimarer Land bleibt weiterhin bei Null, auch das Umland ist ohne Virus. Ich versuche diese Information in Einklang zu bringen mit den Zahlen von Brasilien und Mexiko, den zweiten Wellen in Südkorea und Israel, der von TikTok-Teenagern gekaperten Trumprally von Tulsa, den ansteigenden Kurven in den republikanischen Bundesstaaten, selbst in Verbindung zu setzen mit den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Stuttgart, diesem Zivilisationsbruch der coronamüden Stuttgarter Partyszene.

Weimar ist ein Gebiet auf dieser Karte und weiterhin das, was es seit Anfang der Pandemie war: kein Hot Spot. Weitesgehend sicher. Vielleicht gehe ich deshalb auch zum ersten Mal seit dem Ausbruch zu einer Zusammenkunft, Feier könnte man sagen, ein Garten mit Menschen, die ich mehrheitlich nicht kenne. Mit fremden Menschen Zeit zu verbringen ist der Ausnahmezustand.

Man umarmt sich nicht, natürlich nicht, nur, wenn man sich richtig gut kennt. Abstand wird gehalten, wenn auch nicht zwei Meter oder fünfzig Zentimeter. Beim Fladenbrot frage ich mich, ob ich mir ein Stück abreißen sollte, wenn vor mir schon abgerissen wurde, welche Finger da abrissen und wo sie zuvor waren. Tauche ich ein Plastikmesser in ein tönernes Gefäß mit Guacamole, frage ich mich: Hatte hier wer geniest oder geatmet? Was ist mit dem Rotwein, der selbstgebackenen Tarte? Eine mir fremde Frau kommt mir entgegen. Sie streckt die Hand aus und sagt: »Also ich habe keine Angst«, trotzig, provozierend, irgendwie auch treudoof.

Als es am zweitlängsten Tag des Jahres dunkel geworden ist, schaue ich in den Nachthimmel hinauf und denke: Wer jetzt auf die Karte blickt, sieht uns in elfenbeingrauen Umrissen.

Ansonsten: Bei einem von Novak Djokovic organisierten Tennisturnier werden die beiden zuletzt spielenden Profis positiv getestet. Nach Wiedereröffnung des japanischen Vergnügungsparks Fuji-Q Highland werden die Kunden gebeten, aus Sicherheitsgründen auf den Achterbahnen nicht zu schreien, die sogenannte Keep-a-Straight-Face-Challenge. Einer chinesischen Studie zufolge nimmt die Konzentration von Coronaantikörpern im Blut von Infizierten bereits nach zwei bis drei Monaten stark ab.

20. Juni | Lebenswirklichkeit Supermarkt

Im großen Supermarkt werden die Einkaufswagen nach Gebrauch nun nicht mehr von einem Mitarbeiter desinfiziert. Auch teilt der Mitarbeiter die Wagen nicht mehr den ankommenden Kundinnen zu. Im März empfand ich die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen (Desinfektion, Zuteilung) als notwendig, aber zudringlich. Jetzt verspüre ich Enttäuschung über das Ausbleiben der Maßnahmen, den mangelnden Pandemieservice.

Mit Mundschutz stehe ich an der Kasse. Ich blicke hinab und schaue auf mein Portmonee. Teile der Maske ragen in mein Blickfeld hinein. Sie stören mein Schauen und behindern das Kramen nach Münzen. Ich denke, dass ich nun die älteren Leute verstehe, die ihr Portmonee der Kassiererin reichen und darum bitten, das Geld passend herauszunehmen.

Ansonsten: Weil sie politisch neutral bleiben möchte, kündigt die amerikanische Kinokette AMC an, den Kundinnen die Entscheidung zu überlassen, ob sie während eines Kinobesuchs eine Mundschutzmaske tragen oder nicht. Nach Kritik widerruft AMC diesen Beschluss und führt eine generelle Maskenpflicht im Kino ein. Die Bundeswehr testet auf dem Gelände der Fleischfabrik Tönnies auf Infektionen. Nach mittlerweile über tausend positiv Getesteten ist von einem Lockdown im gesamten Landkreis die Rede. Fast vierzig Prozent der Deutschen geben an, dass sie während des Lockdowns zugenommen haben. Nachdem beim russischen Fußballklub FK Rostow sechs Spieler positiv auf das Coronavirus getestet und die gesamte Mannschaft unter Quarantäne gestellt wurde, tritt die Mannschaft ausschließlich mit Jugendspielern an. Und verliert 1:10.

19. Juni | Die App

Es ist Dienstag, als ich die App installiere. Davor beschäftige ich mich nicht mit Tracking und Tracing, Entwicklungsteams und Firmen, Datensicherheit und Interface. Davor denke ich: Erst wenn die App da ist, wird sie vollständiger sein als jetzt.

Jetzt ist die App da. Ich informiere mich. Über Tracing, Fünfzehn-Minuten-Kontakte und die Vergabe von pseudonymisierten Identifikationsnummern. Die Meinungsmacher, deren Meinungen ich mehrheitlich teile, erklären nahezu geschlossen, die App installieren zu wollen, zum Teil mit ausführlicher Begründung. Der Chaos Computer Club übt keine Kritik, was als Lob gewertet werden muss.

Ich lerne, wie die App funktioniert. Das sollte ich auch, immerhin werde ich sie von nun immer bei mir haben. Ich erfahre von den Schwachstellen: dem ständigen Bluetooth, der Inkompatibilität mit älteren Modellen und den daraus entstehenden sozialen Folgen, auch den vielen Geldern, mit denen die App entwickelt wurde, natürlich dem Unbehagen wegen der IDs, selbst, wenn diese nach vierzehn Tagen gelöscht werden.

Aber grundsätzlich denke ich: So sollte das sein. Mit Staatsmitteln wird etwas geschaffen, das allen dient. Das geschieht transparent. Der Quellcode liegt offen. Ich kann ihn nicht lesen. Aber eine Vielzahl von Leuten sind dazu in der Lage. Sie bewerten und ordnen ein. Stellen sich Schwachstellen heraus, benennen sie diese. Ich kann davon ausgehen, dass diese Stellen anschließend keine Lücken mehr sein werden. Ein vorbildlicher Prozess in einer demokratischen Gesellschaft.

Sechs Millionen Downloads nach einem Tag, knapp zehn Million bis gerade eben. Fünfzig Millionen bräuchte es, um effektiv zu arbeiten. Mit keiner anderen App auf meinem Smartphone habe ich mich intensiver beschäftigt, obwohl ich weiß, dass einige davon wenig redlichen Absichten haben.

Ich aktiviere die Coronaapp, sobald ich das Haus verlassen. Ansonsten bleibt sie ausgeschaltet. Ich lese alle Witze über die App (irgendwas mit Pokémon), sie sind in einem Tag gemacht. Alle Pointen danach wirken fad. Ich wappne mich mit Argumenten, wenn jemand meine Entscheidung hinterfragen sollte. Ich weiß, wie ich auf Kettenbriefe über WhatsApp oder Facebook, die auf Datenschutzbedenken der Coronapp hinweisen, reagieren werde (lachend).

Am ersten Tag hilft mir die App nicht. Sie braucht vierundzwanzig Stunden, in denen ich mit Menschen länger als fünfzehn Minuten zusammentreffen könnte, um eine Bedrohungslage zu erkennen.

Am nächsten Morgen ist der Screen beruhigend grün. »Niedriges Risiko. Bisher keine Risikobedrohung.« Fast bin ich enttäuscht, wie in einem Game, in dem ich keine Punkte erzielt habe. Ich schaue auf das Display und wünsche mir, die App würde mit mir interagieren, mit mir kommunizieren, mir mehr Handlungsmöglichkeiten einräumen als: Triff keine Coronainfizierten.

Später lese ich ein Interview mit einem Sozialarbeiter. Er sagt, die App sei »ein Spielzeug für die digitale Oberklasse«. Er spricht von fehlenden Sprachen, fehlenden Geräten, fehlendem Informationsfluss. Er sagt: »Medizin, das zeigt sich wieder einmal, ist auch politisch: Diese Leute werden immer wieder krank, weil sie so leben, wie sie leben – in ärmlichen Verhältnissen. Und unsereins lädt sich dann die App herunter und fühlt sich gut. Ich empfinde das als eine ziemliche Heuchelei.«

Wie ein Heuchler fühle ich mich nicht. Eigentlich fühle ich überhaupt nichts. Die App ist ein Tool, so, wie Maske, Seife und Sicherheitsabstand welche sind. Die App ist installiert, sie soll funktionieren. Alles andere wäre Hobby.

Ansonsten: Die Nachfrage nach Rechtsanwaltskanzleien in Scheidungsangelegenheiten hat zwischen März und Mai deutlich zugenommen. In Abwasserproben aus italienischen Städten, die von Dezember 2019 stammen, werden Sars-CoV-2-Erreger gefunden.

18. Juni | Die Welten

Gestern bei Aufnahmen gewesen. Dabei Gespräche über die Coronazeit. Die einen leben während dieser Monate in einer umgebauten Grundschule. Dort ein gemeinsames Abschirmen von der Welt. Nur einmal die Woche kommt Die Zeit, ansonsten ein Verzicht auf Nachrichten. Dafür Hühner gekauft, Hochbeete angelegt, ein halbes Musikalbum aufgenommen, viele Bücher gelesen, für den Sechsjährigen den kompletten Stoff der ersten Klasse durchgenommen, er kann jetzt lesen, schreiben, rechnen.

Einer aus der Gruppe wohnt in Bayern. Er erzählt von den letzten Monaten, wie die Polizei die Familie mit Androhung eines Bußgeldes von einer Parkbank vertrieb. Wie, nachdem Thüringens Ministerpräsident Lockerungen ankündigte, diese Meldung halbstündig im Radio lief, dagegengeschnitten O-Töne vom verantwortungsvoll handelnden Markus Söder, zwei Seiten, Held und Bösewicht klar definiert. Wie es in Bayern eine viel stärkere Bereitschaft gebe, den Worten der Autoritäten widerspruchslos zu folgen. Wie überraschend die Wiederkehr nach Weimar gewesen sei, die geöffneten Lokale, die Menschen auf den Straßen.

Dieselbe Sache ist allen an dem Gespräch Beteiligten widerfahren. Erlebt haben sie sie in verschiedenen Welten. Einig sind sich die Musiker, deren Auftritte und Engagements seit März nahezu komplett weggefallen sind, bei einer Sache: Nach Corona wird es weniger Musik geben. Einige haben schon aufgegeben, weitere werden folgen. Ohne Livemusik bricht die wichtigste Einnahmequelle weg. Gerade erst wurde ein Verbot von Großveranstaltungen bis Ende Oktober beschlossen.

Ansonsten: In der Fleischfabrik von Clemens Tönnies infizieren sich über 600 Mitarbeiterinnen mit dem Virus, siebentausend Menschen werden unter Quarantäne gestellt, im Landkreis werden Kindergärten und Schulen geschlossen, die Fleischfabrik bleibt geöffnet. Armin Laschet begründet den Ausbruch des Virus in der Fleischfabrik mit der Anwesenheit der rumänischen und bulgarischen Arbeiterinnen. Nachdem amerikanische Behörden die Zulassung für das vom Präsidenten protegierte Mittel Hydroxychloroquin zurückgezogen haben, bleibt die amerikanische Regierung auf sechsundsechzig Millionen gekaufter Pillen sitzen.

Das coronafreie Neuseeland meldet zwei neue Coronafälle, die auf zwei Touristinnen zurückzuführen sind. Nach einem Tag verzeichnet die Coronaapp sechs Millionen Downloads. Entgegen erster Vermutungen soll der Coronaausbruch in Peking nicht von norwegischem Lachs ausgegangen sein. Eine Studie ergibt, dass öffentliche Toiletten aufgrund von Aerosolen eine Virenschleuder sein können. Einfacher Schutz: Vor dem Spülen den Toilettendeckel schließen.

16. Juni | Angst IV

Angst war lange kein Thema mehr. Weshalb auch? Woher soll die Angst kommen? Wo ist die Angst in der Stadt mit null Infektionen? Wo ist die Angst bei 25 Grad im Schatten und Eis in der Hand, wo ist die Angst, wenn ich über Kant und Churchill lese und von glücklichen Urlauberinnen auf Malle?

Mir ist das recht. Ich bin doch froh, wenn ich keine Angst verspüre, wenn ich nicht einmal darüber nachdenken muss, ob ich Angst verspüren sollte. Auch wenn ich in vielen Texten lese, ist dort keine Angst. Dort macht das Virus weiterhin das, was es seit März tut; befällt Alte und Vorerkrankte, vernarbt die Lunge, hinterlässt keine Schäden.

Dann lese ich von den gesunden Blutbahnen, durch welche das Virus keinen Weg findet, eine Erklärung dafür, weshalb Kinder kaum erkranken und denke im Umkehrschluss an jene mit den verengten Bahnen. Ich lese, was der Körper annimmt, wenn das Virus ihn befällt, auf welche fatale Weise er sich wehrt, selbst, wenn das Virus schon keine Gefahr mehr darstellt. Wie der Körper sich selbst zerstört, weil das Virus ihm eine Bedrohung vorgaukelt. Ich lese von den Organen, die so beschädigt werden, dem Herzen, das außer Tritt gerät. Ich lese von Studien über Blutgruppen. Ich lese über Risikogruppen, wie diese sich zusammensetzen, dass die bewährte Formel alt+vorerkrankt viel zu kurz gegriffen ist.

Und ich weiß, deutlicher noch als zuvor, dass ich dieses Virus nicht haben möchte. Ich möchte nicht Teil der Herde sein, ich will nicht durchseucht werden. Ich fürchte mich, weil ich nicht weiß, ob ich die Bedingungen, unter denen das Virus nicht in mir wütet, erfülle und ich weiß, dass, wenn es in mir wütet, es alle Folgen haben könnte.

Deshalb ist Angst IV da, am Ende des Frühlings, am Morgen des Sommers, der harmlosesten aller Jahreszeiten, den Monaten, die am sichersten sein werden. Diese Angst wird dafür sorgen, dass ich auf keine noch so wichtige Großdemonstration gehen werde, ich werde abwägen, welche Besuche ich mache und unter welche Umständen, ich werde Masken tragen, selbst, wenn sie mich nicht schützen, ich werde Umarmungen meiden und die App installieren, der Angst wegen, die keine Sicherheit verspricht und keinen Zufall ausschaltet. Das ist die Angst, abstrakt, weit weg, ebenso irrational wie vorsorgend.

Ansonsten: Aus Angst, dass 5G Coronainfektionen begünstigt, sperren Einwohner eines Dorfs in Peru acht Fernmeldetechniker ein. Ab heute kann die Corona-Warn-App installiert werden. Peking ruft die zweithöchste Sicherheitsstufe aus. Ein Teilnehmer der dänischen Black Lives Matter-Demonstration wird positiv getestet. Britische Studien ergeben, dass das Mittel Dexamethason die Sterberaten bei Schwererkrankten um ein Drittel senkt. Amerikanische Behörden ziehen die Zulassung für das vom Präsidenten protegierte Mittel Hydroxychloroquin zurück.

Wegen zunehmender Verstöße gegen die Kontaktregeln führt Bremen ein Teilverbot für Alkoholverkauf ein. Als Wertschätzung für Ärztinnen und Pflegepersonal wird in Lettland die sechs Meter hohe Statue Mediziner für die Welt aufgestellt. Die tschechische Post bildet den Mundschutz auf der 19-Kronen-Briefmarke ab. Das Bundeslandwirtschaftsministerium kündigt an, dass ab Juli positive Coronatests bei Tieren meldepflichtig werden sollen.

15. Juni | Die Pandemie der Bilder

Ich sehe eine Dokumentation über Corona. Sie ist in der Gegenwart angesiedelt und erzählt über die Pandemie im Rückblick. Das Virus ist geschehen, das Virus wird eingeordnet. Bilder dokumentieren die abgeschlossene Coronazeit.

Ich vermute, dass ich die Bilder der Doku am Jahresende auch von Günther Jauch gezeigt bekommen werde. Ich werde sie doppelseitig im Spiegeljahresheft 2020 sehen und im Jahresrückblick des ZDF, Guido Knopp wird mir diese Bilder einmal zeigen und später einmal alle Dokumentationen über die Coronazeit, Bilder, die für diese Zeit stehen werden.

Jene, die dabei waren, werden mit dem Blick auf eines dieser Bilder augenblicklich ein vergangenes Gefühl zurückholen. Jenen, die zu jung waren und jenen, die erst auf die Welt kamen, als die Pandemie Geschichte war, wird mit einem Blick auf die Bilder ein Zeitabschnitt der menschlichen Geschichte verdeutlicht, so wie das Flugzeug im WTC, der Banker mit der Topfpflanze vor einem gläsernen Hochhaus oder ein Mädchen ohne Schuhe und Blumen in den Haaren.

Noch sind es viele Bilder, die mir angeboten werden. Ihre Zahl wird schrumpfen, es werden zwei, vielleicht drei Bilder bleiben, die in hundert Jahren von Corona erzählen. Welche werden es sein?

Die Bilder, die ich heute sehe:

einen mit Absperrband abgeriegelten Spielplatz
menschenleere urbane Räume
leere Autobahnen
die touristenfreien Kanäle Venedigs
die Särge aus der Stadt bringenden Militärtransporter von Bergamo
das Massengrab von Ellis Island
Menschen mit Mundschutzmasken im Alltagsleben
auf der Wall Street die Bronzestatue des Fearless Girl mit Mundschutz
Infizierte mit Beatmungshelm
Verwackelte Smartphoneaufnahme eines überfüllten Krankenhauses
Supermarktverkäuferin hinter improvisierter Plexiglasscheibe
verschiedene Politikerinnen vor den Flaggen ihres Landes, die mit ernster Miene sprechen
Neubaublöcke, um die Enge während der Quarantäne zu illustrieren

Ansonsten: Die ersten ankommenden deutschen Urlauber auf Mallorca werden mit Applaus begrüßt, wie Helden. Die ARD stoppt eine Dokumentation über Wuhan, weil die Bilder ausschließlich von China bereitgestellt wurden. Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stadt, das Coronatagebuch der chinesischen Autorin Fang Fang, erscheint. Der Ursprung des erneuten Ausbruchs des Coronavirus in Peking wird auf norwegische Zuchtlachse zurückgeführt. Über Schweden.

14. Juni | Der Markt der Meinungen II

Wieder ist Samstag, wieder liegen rote Kissen auf dem Theaterplatz, sitzen Menschen darauf, hängen Transparente beim Denkmal, auf einem steht: »Stärken wir unser demokratisches Immunsystem«. Es ist der Markt der Meinungen, ein Gedankenaustausch in Zeiten von Corona.

Ein Mann in kurzen Hosen und mit langen Haaren tritt ans Mikrofon. Er begrüßt, lädt ein zum Hinsetzen und Miteinandersprechen, freut sich auf die Impulse, die bald gegeben werden. Kurz darauf ergreift eine Frau das Wort, sie ist Ärztin. Sie spricht über die Selbstmordraten in den USA, in einem Coronamonat habe es mehr Suizide als sonst in einem Jahr gegeben. Auch aus Weimar kenne sie einen Fall. Sie erklärt, dass es länger schon in der Ärztekammer grummele, dass die getroffenen Maßnahmen dort anders gesehen werden, sehr kritisch, man davon aber in den Medien nichts höre. Sie sagt, dass Anfang des Jahres ein wirtschaftlicher Kollaps bevorgestanden hätte und dass Corona den Entscheidern gelegen gekommen sei, deutet an, dass die Entscheider die Pandemie als Vorwand genommen hätten. Sie spricht von den Mundschutzmasken und dass diese die Trägerinnen krank machten, »Nehmt die Masken ab«, ruft sie und fordert mehrmals vom Ministerpräsidenten, die Mundschutzpflicht aufzuheben.

Die auf den Kissen Sitzenden klatschen, die Umstehenden lecken Eis. Nachdem die Ärztin vom Mikrofon getreten ist, kommt der Mann zurück, bedankt sich für den Impuls, den sie in die Runde gegeben hat und lädt erneut zum Sitzen ein, weist auf die Informationsblätter hin, die am Denkmal ausgelegt sind.

Für einen Moment spüre ich das Verlangen, diesem Impuls zu folgen. Nicht mich hin- und damit dazuzusetzen. Aber zumindest die Informationsblätter zu nehmen. Doch dafür müsste ich den Kreis der Umstehenden verlassen, ich müsste mich zur Mitte des Theaterplatzes bewegen, für eine Zeit eintreten in den Markt der Meinungen, die Köpfe der Sitzenden würden sich in meine Richtung drehen, sie müssten annehmen, ich käme zu ihnen, ich wäre interessiert an ihren Meinungen, vielleicht vermuten, ich würde Ansichten teilen, ich hätte die Zahlen über die amerikanischen Selbstmordraten im Kopf, wüsste, was in der Ärztekammer los ist und ginge davon aus, dass sich weltweit Regierungen abgesprochen hätten, gemeinschaftlich die Wirtschaft vor die Wand zu fahren.

Mein Eintreten wäre Zustimmung. Die Umstehenden würden an ihren hellgrünen Pistazieneiskugeln lecken und das denken. Ich würde unter den leblosen Blicken von Schiller und Goethe den Blick wandern lassen über die ausgelegten Informationsblätter, die mir Wahrheiten anbieten, vielleicht meine Augen öffnen würden, ich würde auswählen müssen und anschließend zurück in die Anonymität außerhalb der Mitte eilen. Die Sitzenden wüssten dann Bescheid, sie wüssten, dass ich nicht bei ihnen sitzen will, aus Mutlosigkeit, absichtlich, ablehnend, die Umstehenden hätten längst ein Urteil gefällt.

All das setze ich gegen die Aussicht, einen Informationszettel zu erhalten, dessen Worte ich für diesen Eintrag verwenden könnte. Ich wäge ab und gehe dann weiter, vorbei an den Polizisten, die wenige Meter entfernt Fahrradfahrende mit Bußgeldern belegen.

Ansonsten: In den USA erhält ein von Corona Genesener eine Krankenhausrechnung über eine Million Dollar. In Indien werden fünfhundert Eisenbahnwagons zu mobilen Krankenhäusern umgebaut. Wegen neuer Infektionsfälle werden in Peking Teile der Stadt abgeriegelt.

13. Juni | Das Lesen der Leben

Der Nachbar legt die ausgelesene Ausgabe der Die Zeit vor die Tür. Ich blättere darin. Bleibe am Dossier hängen. »Die Namen hinter den Zahlen« lautet der Titel, darunter steht: »Etwa 8.600 Menschen sind in Deutschland bisher an Covid-19 gestorben. Wer waren sie? 15 Geschichten vom Leben«.

Die New York Times hat vor einigen Wochen ähnliches gemacht. Auf die Titelseite die Namen von Tausend an Covid19 Gestorbenen geschrieben, dazu einen Satz gestellt, der das jeweilige Leben zusammengefasst, von »schaffte viele wunderbare Erinnerungen für seine Familie« bis zu » wollte sein Leben lang in der Nähe des Ozeans sein«. Es gab viel Beifall dafür, das abstrakte Sterben in Geschichten von verloren gegangenen Leben zu übertragen.

Das Zeit-Dossier nimmt keinen Satz. Eine, manchmal zwei Spalten werden mit der Biografie eines Gestorbenen gefüllt. Während ansonsten im Dossier, überhaupt im Geschriebenen, das Licht meistens auf das von der Normalität Abweichende fällt, sind es hier Geschichten, in denen es um den Karnevalsverein geht, um Pommes frittieren oder Schnitzen. Normale Leben, wenn es diese geben sollte.

Das Besondere, das, was diese fünfzehn Beschriebenen eint, ist das Ende. Der Tod. Fast jede Spalte endet ähnlich; Einlieferung ins Krankenhaus, ein einsames Sterben, getrennt von der Familie, »Als sie im Sterben lag, hielt eine Schwester den Hörer ans Ohr« steht dort oder »Als er im März fieberte, dachte er an einen grippalen Infekt«. Die Beschreibungen sind dezent, es genügen Andeutungen. Der Leser weiß, was geschehen ist. Nach fast vier Monaten der Pandemie weiß er zu deuten.

Es sind die Biografien von Westdeutschen. Beim Lesen fällt mir das auf und als mir das auffällt, frage ich mich, ob mir das auffallen sollte, was diese Beobachtung über mich aussagt. Aber sie ist gemacht. Dann, in der vorletzten Spalte, kommt eine ostdeutsche Biografie.

Sie erzählt aus Königswalde. Königswalde ist das Nachbardorf meines Geburtsorts, zwei Kilometer entfernt von dort, wo ich einmal lebte. Mein Heimatort, dessen Kreis, war mehrere Wochen lang ein Hot Spot, ein Gebiet, in dem es eine Häufung von Infektionen und später auch Toten gab. In einem Altenheim starben zehn Bewohner am Virus. Dem vorausgegangen war eine Familienfeier in einem Dorf, von dort hatte sich das Virus verbreitet.

Jetzt lese ich in diesem Dossier über fünfzehn Menschen, die am Virus starben, über Königswalde. Ich kenne den Beschriebenen nicht, weiß aber, wer er ist, kenne den Enkel entfernt. Jetzt steht dort ein Leben zusammengefasst, die Worte Bausoldat kommen vor, Haft, Pazifist, Christ und verzieh. Diese Biografie ist verschieden von den anderen vierzehn. Aber jede Biografie ist das.

8793 Tote, ich kenne fünfzehn Biografien. Es gibt keinen Schlusssatz für diesen Eintrag.

Ansonsten: Das Auswärtige Amt kündigt an, in Kürze Rechnungen für die Rückholaktionen zu verschicken. Russland kündigt an, im Herbst mit der Produktion eines Coronaimpfstoffes zu beginnen. Etwa 150 Landwirte sehen auf ihren Traktoren in einem niedersächsischen Drive-In-Treckerkino den Dokumentarfilm »Die schöne Krista« über eine Kuh in Niedersachsen.

12. Juni | Das Nebeneinander der Debatten

Anfang April schrieb ich erfreut, dass es nun endlich wieder eine Debatte gäbe, die vollkommen unberührt ist von Virus. Es handelte sich um einen lyrischen Text des Rammsteinsängers. Zweieinhalb Monate sind seither vergangen.

Seit Tagen nun ein Nebeneinander von Debatten. Es sind notwendige, längst überfällige, oft schon geführte Diskussionen über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, die Neubewertung von Geschichte, die Beschaffenheit von Strukturen, oft an Beispielen der (Pop)kultur. Mir scheint, es würden diese Debatten mit größerer Wucht und Wut als zuvor geführt und zum Teil viel schneller Konsequenzen nach sich ziehen, als würden die Teilnehmenden mit größerer Sichtbarkeit und Selbstbewusstsein agieren, als ob die Verschiebungen viel deutlicher zu Tage treten.

Diese Debatten haben ihren Ursprung nicht in der Pandemie. Ich merke, dass mich ihr Nebeneinander überfordert, dass sie einer Form und Sprache bedürfen, der ich nur unzureichend mächtig bin. Es überfordert mich, monatelang mit der Pandemie auf die Welt geschaut zu haben und nun diesen Blick abzulegen, mindestens zu erweitern, zu sagen: Die Zeit, social distancing und exponentielles Wachstum auf alle möglichen Bereiche des Lebens zu denken, ist vorbei. Was gerade gesagt und gehört wird, erfordert ein anderes Denken. Dann möchte ich in den April zurück, nein, eigentlich möchte ich auf einem fahrbaren Rasenmäher sitzen und drei Wochen lang nichts tun außer Wiesen mähen, was ein ehrlicher Satz ist, aber keiner, der hilft.

Ansonsten: Der chinesische Arzt Li Wenliang, der als einer der Ersten vor Corona warnte und vor vier Monaten an Covid19 starb, wird Vater eines Jungen. Laut einer Studie wollen eine Mehrzahl der Menschen auch nach Corona eine Reduzierung des Autoverkehrs in Städten zugunsten Fahrradfahrens beibehalten. Aufgrund starker Börsengewinne profitieren Manager trotz Gehaltsverzichte überproportional von der Pandemie.

Nach mehreren Leichendiebstählen durch Angehörige verstärken in Indonesien die Behörden die Sicherheitsvorkehrungen an Leichenhallen. Aus Protest gegen die Coronapolitik der brasilianischen Regierung werden an der Copacabana hundert Grabkreuze aufgestellt. Bei der Übertragung der wiederaufgenommenen spanischen Fußballliga werden auf die leeren Zuschauerränge virtuelle Zuschauer projiziert, ähnlich wie in einem Computerspiel. Die heute hätte beginnende und auf das nächste Jahr verschobene Fußballeuropameisterschaft wird auch 2021 den Namen EM 2020 tragen.

11. Juni | Das Schrumpfen des Ansonsten

… soll dieser Eintrag heißen, das ist der Plan seit einigen Tagen. Der Titel fügt sich formal zu den Titeln der letzten Anmerkungen, macht sich selbst zum Thema, etwas, das hin und wieder geschehen sollte und fängt eine Beobachtung ein, die mich schon länger umtreibt.

Gefühlt ist die Zahl der Tage gewachsen, an denen es mir schwerfällt, Inhalte für den Ansonsten-Teil zu finden. Wo ich früher spielendleicht fünf oder mehr Absätze mit wichtigen Entwicklungen, absurden Momentaufnahmen und ideologisch ausgewählten Fakten füllen konnte, kratze ich heute mühsam drei dürre Sätze über Selbstverständlichkeiten zusammen.

Dabei geschieht weiterhin ständig etwas, das wegen Corona geschieht, wegen des Virus in der Welt ist und ohne Pandemie niemals auch nur gedacht worden wäre. Gestern zum Beispiel. Mehrere Studien, die ausführlich darlegen, was das Virus im Körper anrichtet und weshalb wer Risikogruppe ist. Ein Text, der begründet, weshalb es wahrscheinlich ist, dass niemals ein Impfstoff gefunden werden könnte. Ein anderer Text erklärt, weshalb es geschehen könnte, dass das Virus von allein, ganz ohne Impfstoff verschwindet, so wie in Neuseeland. Dazu die Clustertheorie. Lauter elementare Infos zur Pandemie.

Zusätzlich die üblichen politischen Auswirkungen, das Große, das Geschehen im Alltag, Beatmungsgerätelieferungen, Schulkonzepte, lokale Ausbrüche, Klagen, Apps, Umsatzsteigerungen, Krisen, Matjes-Meisjes, die viertausend Matjesheringe an die Mitarbeiter des Universitätsklinikums Münster als Dankeschön verteilen.

Dabei ist das Viele selbst nur eine reduzierte Auswahl. Weiterhin ist Corona auf dem Kontinent Afrika kein Thema, sind die Informationen über Südamerika, abgesehen von Brasilien, spärlich, ist der vermeintlich weite Blick ein beschränkter.

Nur weil ich weniger lese, weil ich die Pandemie mit weniger Interesse verfolge, weil es mir mühsam ist, den Flickenteppich aus Geschichten, der jeden Tag vor mein Fenster gehängt wird, zu betrachten, weil ich gesättigt bin von den Absonderlichkeiten und wirtschaftlichen Zahlen, von den Schließungen und Öffnungen, den Beschwerden und Hoffnungen, verschwindet die Pandemie ja trotzdem nicht einfach.

All die Coronawirklichkeiten, die in einem Loop zirkulieren, die in einer gigantischen Zentrifuge geschleudert werden und mir schwindelig wird beim Hineinsehen ins Schleudern, Schicht legt sich über Schicht über Schicht, Newsticker verschlingt Newsticker:

Nicht das Ansonsten schrumpft. Ich bin es, der höher steigt, der nicht mehr erreicht werden will, den nur einzelne Ausschläge noch treffen sollen. Die Wellenberge sollen unter mir entlangrollen. Was ich schreibe, sind Spritzer der Gischt.

Ansonsten:

9. Juni | Die Gegenwart der Normalität

Eine blinde Frau versucht vergebens, den mit roten Gaffatape auf den Boden geklebten Pfeilen, welchen die Richtung vorgeben, in der man sich im Markt fortzubewegen hat, zu folgen. Anders als vor einem Monat, als Mangel bestand, hängt im Fenster des Frisörsalons ein großes Schild: Noch Termine frei. An Litfaßsäulen sind die Plakate überklebt, auf denen mit Biene-Maja-Comics für ein Zuhause-Bleiben geworben wurde.

Das Becken im Schwanseebad ist mit Wasser gefüllt, in zwei Woche wird geöffnet, Karten fürs Schwimmen können ausschließlich online erworben werden. Die kleinen Spendenkörbchen neben den Supermarktkassen sind verschwunden. Niemand kündigt mehr Onlinelesungen an. Wer heute auf dem Balkon steht und klatscht, will Mücken töten. Am Abend wird durchgerechnet, welche Entlastung die Mehrwertsteuersenkung für das Haushaltsgeld bringt.

Im Kindergarten betreten die Eltern mit oder ohne Maske das Gelände, eilen allein oder zu mehreren die enge Treppe hinauf, betreten allein oder zu vielen die Garderoben. Der Hygieneplan ist Dokument, was geschieht, Praxis.

Auf dem Goetheplatz spielt der Leierkastenmann wieder Tanze Samba mit mir. Das Weimarhaus wirbt mit »100% kontaktlos«. Die Kutscherin, die die Touristen zurück zum Markt fährt, trägt einen roten Mundschutz, auf dem geschrieben ist: Das is keen Überfall. Am Hotel Elephant steht die Stadtführerin mit Face Shield vor dem Gesicht und sagt: Kommen wir nun zur Weltgeschichte.

Ansonsten: Thüringen beschließt, die Kontaktbeschränkungen ab 13. Juni aufzuheben. Um den Sommerurlaub in der Pandemie zu simulieren, lädt Spanien elftausend Deutsche für ein Testprojekt auf die Balearen ein. In der koreanischen Baseballliga sitzen während der Geisterspiele Plüschtiere auf den Zuschauerrängen. Nachdem Donald Trump eine Fabrik besucht hat, ohne dabei eine Maske zu tragen, muss die Tagesproduktion medizinischer Wattestäbchen entsorgt werden.

Wegen Coronamaßnahmen sitzen bis zu zweihunderttausend Seeleute auf Schiffen fest. Laut einer Studie haben Paare in der Coronazeit Familienarbeit »gleichberechtiger« als früher aufgeteilt: »Im April verbrachten die Frauen im Schnitt 7,5 Stunden an einem Werktag mit Kindererziehung, 2,5 Stunden mit der Hausarbeit. Die Männer übernahmen im Schnitt vier Stunden lang die Kinder und halfen anderthalb Stunden im Haushalt mit.« In NRW wird sich über Zusammenbausets von Schutzmasken geärgert. Alfred Blum feiert den 63. Hochzeitstag mit seiner Frau – durch eine Plexiglasscheibe voneinander getrennt. Coronaschulen.

8. Juni | Die Rückkehr der Eins

Das Virus hat die Stadt verlassen. Würden wir nun die Straßen absperren, den Bahnhof schließen, jegliches Kommen untersagen oder jeden Kommenden für zwei Wochen in die Neubauten am Herrenrödchen einquarantänisieren oder, besser noch, würden wir für ein Jahr eine Käseglocke über die Stadt stülpen, dann wären wir sicher vor dem Virus.

Doch das wird nicht geschehen. Und so wird es wiederkehren. Vielleicht geschieht es in diesem Augenblick: In der Kantine hustet eine Pendlerin aus Ulla auf die Assiette mit den Sahnenudeln. Ein DiMiDo-Professor mit Hauptwohnsitz in Berlin überreicht der Projektkoordinatorin seines Kollegs eine Notiz. Eine Touristin aus Göttingen liebkost einen Gegenstand, der irgendwas mit Goethe zu tun hat.

Die Zahl wird eins werden. Dann zwei, dann vier, dann acht. Dass sie sechszehn wird und dann 32, dass sie exponentiell wachsen wird, erscheint nicht wahrscheinlich. Wahrscheinlicher scheint ein Cluster, ein Superspreadervorfall, eine Situation, in der einer viele ansteckt.

Ob ein Supercluster geschieht, ist auch davon abhängig, ob ein potentieller Superspreader in eine potentielle Superspreadersituation geraten kann. Es hat mit Glück zu tun und damit, ob dennoch Masken getragen werden, obwohl die Zahl bei Null liegt, obwohl gestern in Weimar niemand irgendjemanden anstecken konnte.

Heute schon könnte das anders sein.

In den konservativen Medien, besonders den Sprachrohren der Neurechten, sind die Demonstrationen Thema. Nicht die »coronakritischen Hygieneproteste«, die sind Erinnerung, fast schon vergessen. Thema ist Black Lives Matter. Der Bildredakteur, der den Artikel über Christian Drosten schrieb, verfasst einen langen Thread, in dem es heißt: »Schon morgen wird schwer zu erklären sein, warum irgendeine Vorsichtsmaßnahme überhaupt noch gilt. Keine private Veranstaltung kann auch nur ansatzweise mit dem Ansteckungsrisiko eines vollen Alexanderplatzes mithalten.« Woanders wird getitelt: »Neue Doppelmoral: unerwünschte und erwünschte Demonstrationen«, was die entsprechenden politischen Gruppierungen bereitwillig zitieren: »Zeit für das Ende der Doppelmoral des politisch-medialen Komplexes.«

Die Absicht dieser Stimmen ist klar. Es ist klar, worauf sie hinauswollen, was sie als Vorwand nehmen, worum es ihnen wirklich geht. Es ist klar, warum sie diese Fragen nicht bei den Hygieneprotesten stellen, bei Demonstranten welcher Überzeugung sie diese Beobachtungen machen und bei welchen nicht, aus welchen Gründen diese Instrumentalisierung stattfindet.

Und dennoch ist eine Ambivalenz da. Denn die Menschen stehen trotzdem zusammen, fünftausend, zehntausend, zwanzigtausend, sie alle schaffen potentielle Cluster, Superspreadermöglichkeiten. Das Wichtige und das Virus. Diese Ambivalenz muss ich aushalten. Ich darf sie nicht den Lautsprechern und Reicheltboys überlassen. Gerade, weil diese mit aller Schärfe in die Widersprüche grätschen, muss ich die Widersprüche benennen und in Relation stellen. Ansonsten mache ich die Lautsprecher lauter und die Schlagzeilen größer.

Darüber hinaus muss ich fragen: Warum geht der sächsische Ministerpräsident zu einer Hygienedemo mit ein paar hundert Teilnehmerinnen und spricht dort mit einem Mann, der einen Aluhut trägt und lässt sich nicht auf den Black Lives Matter-Demos in seinem Bundesland mit mehreren tausend Demonstrantinnen sehen? Auf welchen Demonstrationen reagiert die Polizei wie, warum tut sie das, ist eine Ausgewogenheit gegeben, welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus?

Ansonsten: Laut einer Studie, die sich mit der früh eingeführten Maskenpflicht in Jena beschäftigt hat, haben Alltagsmasken eine Schutzwirkung gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Studien zufolge haben die Schutzmaßnahmen in elf europäischen Ländern bis Anfang Mai etwa drei Millionen Todesfälle verhindert, »Ich denke, kein anderes menschliches Unterfangen hat jemals in so kurzer Zeit so viele Leben gerettet«, sagt der Studienleiter. Die Zahlen zur aktuellen Wirtschaftslage kommentiert das Bundeswirtschaftsministerium: »Der konjunkturelle Tiefpunkt ist damit erreicht.«

7. Juni | Null

Die offiziellen Stellen melden: Die letzten drei Infizierten haben die Quarantäne verlassen. Weimar ist coronafrei.

Ansonsten: Weltweit übersteigt die Zahl der Coronatoten vierhunderttausend. Die brasilianische Regierung veröffentlicht im Internet keine Gesamtzahl der Coronafälle und Toten mehr. Wer zukünftig in Frankreich seine gebrauchte Maske auf die Straße wirft, soll eine Strafe von 135 Euro zahlen.

6. Juni | Markt der Meinungen

In Weimar auf dem Theaterplatz ein Markt der Meinungen. Vor dem Denkmal sind in Abstand Kissen ausgelegt. Darauf sitzen Menschen und sprechen miteinander über die Pandemie. Darüber hinaus gibt es keine Beobachtung zu teilen, ein demokratischer Prozess vor dem Nationaltheater. Einen Moment lang erwäge ich, am Markt teilzunehmen, im Austausch gegen eine andere meine Meinung zu geben. Ich entscheide mich dagegen, da ich mich satt fühle von Meinungen.

Deutschlandweit die Bilder von den Demonstrationen gegen Rassismus. Sie beglücken mich. Wie auch vor einigen Tagen setzt die Irritation zeitversetzt ein. Die Menschen engbeieinander. Ich schaue auf mehrere Fotos. Einige versichern, dass alle Teilnehmenden Masken tragen und in ausreichendem Abstand voneinander stehen. Andere zeigen das Gegenteil. Ich überlege, weshalb mich das nicht sofort getriggert hat, so, wie bei den sogenannten Hygienemärschen, als ich fast augenblicklich den Verzicht auf jegliche Sicherheitsmaßnahmen mokierte. Kann es sein, dass ich über die gute Sache nicht sofort mein Coronaparadigma lege? Und falls ja: Wäre das von Bedeutung? In Weimar steht die Zahl der Infizierten aktuell bei drei.

Ansonsten: Nach dem Ausbruch von Corona bei Nerzen in den Niederlanden werden auf den Farmen alle Tiere getötet. Entgegen ihrer bisherigen Haltung spricht sich die Weltgesundheitsorganisation nun für das Tragen von Gesichtsmasken aus. Über den Ausbruch in Göttingen. Wie knapp Kliniken einer Notlage entgangen sind.

5. Juni | Geschichten von Masken

Ich sehe eine Maske auf dem Gehweg. Wie ein vom Himmel gefallener Vogel ruht sie da, die Haltebändchen wie gebrochene Flügel, der Körper, der eigentlich Schutz, beschmutzt.

Nahezu jeden Tag finde ich eine solche Maske. Gebraucht und weggeworfen liegt sie auf dem Pflaster. Sie hat Aerosole gefangen und hängt nun an Regenrinnen. Die Maske hat dem Träger gestattet, ein Geschäft zu betreten, ihm vielleicht ermöglicht, ein Geschenk für einen geliebten Menschen zu kaufen. Jetzt liegt sie im Gebüsch, zwischen Disteln und Brennnesseln, ihre Cellulose durchweicht vom dreckigen Regen, der Stoff vollgesaugt von Abgasresten der nun wieder fahrenden Pendlerkolonen.

Diese Masken waren vorvorgestern selten, begehrt und umkämpft, vorgestern wurden sie produziert, genäht und individualisiert, gestern waren sie vorrätig in Automaten oder in kleinen Körben nahe der Supermarktkassen, zehn Stück für unter zehn Euro. Heute sind sie Abfall gewordenes Utensil der Pandemie, überflüssig und wertlos, sie werden zum Müll getan, Millionen Masken Müll, Milliarden Masken Müll auf der Welt. Läge man alle gebrauchten Masken nebeneinander, ergäbe dies eine Fläche von x Fußballfeldern, eine Fläche so groß wie das Saarland, drei Mal um den Äquator zieht sich Maskenmüll, aufeinandergestapelt käme man fünf Mal bis zum Mond, ein Haufen so groß, dass er ebenso wie die Chinesische Mauer von der ISS aus zu sehen ist.

Im Vorraum der Bankfiliale weist ein zuvorkommender Securitymann den Kunden Platz zu, dirigiert sie zu den gewünschten Automaten. Freundlich begrüßt er, freundlich verabschiedet er, wünscht jedes Mal beim Gehen: »Bleiben Sie bitte gesund.« Als ich betrete, kommt er mir entgegen. Er sagt: »Hier dürfen Sie ihre Maske auch unter die Nase ziehen.« Ich bringe es nicht übers Herz, ihm das zu sagen, was man als verantwortungsvoller Mitmensch, ausgestattet mit dem Wissen aus drei Monaten Pandemie, darauf sagen müsste. Ich belasse die Maske über der Nase, erledige meine Geschäfte, spüre dabei seine Irritation: Er wollte freundlich sein, er hat mir ein Angebot gemacht, ich habe es wortlos ausgeschlagen. Beim Verlassen nicken wir uns beide zu, Menschen der Pandemie.

Auf der Rolltreppe vor mir fährt eine Frau. Als sie oben ankommt, dreht sie sich um. Ich sehe ihren Schutz. Auf der schwarzen Maske, über ihrem Mund, dort, wo die Lippen sind und die Zähne und die Zunge, im Rachen, wo das Virus wartet und Luft Stimmbänder zum Schwingen bringt, steht in weißen Buchstaben: »Ich hasse Menschen.«

Ansonsten: Wegen fehlerhafter Ausgangsdaten ziehen mehrere Wissenschaftler ihre Ergebnisse einer Studie zu der Wirksamkeit von Hydroxychloroquin zurück. Der Gesundheitscheck des amerikanischen Präsidenten wird zu dessen voller Zufriedenheit ablegt, die Einnahme von Hydroxychloroquin hat keine negativen Auswirkungen gehabt. Zugleich erklärt der Präsident die Coronakrise in den USA als »weitgehend« überstanden an, weil »Wir haben jede Entscheidung richtig getroffen.«

Nachdem ein katholischer Pfarrer aus Mecklenburg-Vorpommern, der über Pfingsten mehrere Gottesdienste abhielt, positiv getestet wird, werden viele Gläubige in Quarantäne versetzt. Vorläufigen Zahlen zufolge ist die Sterblichkeit in Deutschland in der ersten Maiwoche unter den Durchschnitt der Vorjahre gefallen. Auf Satellitenbildern des Projekts Rapid Action Coronavirus Earth Observation sind die Auswirkungen der Pandemie erkennbar: weniger Schadstoffe, verwaiste Fabriken, kaum Schiffsverkehr.

4. Juni | Wissen

Foto von Yvonne Andrä

Wissen ist, was ich der Beunruhigung entgegensetze. Ich weiß, dass geforscht wird, dass viele die Leerstellen füllen, Unwissen zu Wissen machen, Antworten finden, zu denen ich nicht einmal die Fragen kannte.

Mittlerweile gibt es über zwanzigtausend Studien, Papers, Abhandlungen über das Coronavirus SARS-CoV-2, dem in vielen Artikeln noch immer »das neuartige« vorangestellt ist. Es sind mehr Worte und Zahlen, als dass ein Mensch alles gelesen haben könnte. So viel Wissen existiert darüber, dass niemand alles kennen kann.

Es gibt das populäre Wissen, das überholte Wissen, das unvollständige Wissen, das korrigierte Wissen, das obskure Wissen. Im letzten halben Jahr hat sich so viel Wissen angesammelt, dass nun verglichen werden kann: Die Maßnahmen welcher Länder haben den größten Erfolg gebracht, war es Japan, Südkorea, Deutschland, Schweden, Neuseeland? Welche sind die häufigsten Übertragungswege? Welche die häufigsten Symptome? Wie wirkt das Virus im Körper? Welche Behandlungsmethoden zeigen die beste Wirkung? Welche Medikamententests zeigen die größte Aussicht auf Heilung?

Das zu Wissende hat sich verändert; anstatt Schmierinfektionen Aerosole, nicht nur die Lunge, nicht nur Alte, nicht nur Vorerkrankungen, sondern auch Übergewicht, Zeit der höchsten Infektiosität etc. Dieses Wissen beruhigt. Es verspricht Kontrolle.

Ansonsten: »Mit Wumms« nennt Finanzminister Scholz das Coronakonjunkturpaket, das keine Kaufprämien für Autos enthalten soll, dafür einen »Kinderbonus« von 300€ und die Senkung der Mehrwertsteuer um mehrere Prozent. Die Nutzung von Essenslieferdiensten und To-go-Essensabholungen während der Pandemie haben zu mehr Einwegverpackungen geführt, weshalb die Deutschen Umwelthilfe vor steigenden Abfallbergen warnt.

Laut Gerichtsmedizin war der von Polizisten ermordete George Floyd mit dem Coronavirus infiziert. Aufgrund möglicher Verstöße von Lehrern gegen den Datenschutz beim Digitalunterricht spricht der Thüringer Datenschutzbeauftragte von Bußgeldern in Höhe von bis zu tausend Euro. Die im Vergleich zu anderen Ländern geringe Zahl von Coronatoten in Deutschland ist laut des Neurowissenschaftlers Karl Friston auf immunologische Dunkle Materie zurückzuführen.

3. Juni | MaßnFortentwVO praktisch umgesetzt

Am 14. März schrieb ich: »Gestern Mittag die Nachricht, dass alle Schulen und Kindergärten geschlossen werden. Es herrscht eine Mischung aus notwendigem Reagieren und ungläubigen Staunen, passiert uns das jetzt wirklich?« Knapp zwölf Wochen sind seither vergangen. Diese Woche nun öffnet der Kindergarten wieder.

Dem voraus geht ein Hygieneplan nach §36 IfSG inklusive Infektionsschutzkonzept nach § 5 i.V.m. § 7 ThürSARS-CoV-2-MaßnFortentwVO, ein Dokument von dreizehn Seiten, das an alle Eltern verschickt wird und in dem die praktische Umsetzung des wiedereinsetzenden Regelbetriebs erläutert wird; Raumnutzung, Bringen/Abholung, Sanitärbereich, Mahlzeiten, Betretungsverbot etc. Die Erläuterungen sind recht detailliert, gefühlt zu genau, als dass sich alles exakt so umsetzen lassen könnte. Aber darum kann es auch nicht wirklich gehen.

Jedenfalls die Annahme, dass am ersten Tag der Wiedereröffnung gegen acht Uhr achtzig Eltern mit achtzig Kindern vor dem Tor zum Außengelände stehen und jedes sorgsam geplante Hygienekonzept obsolet machen könnten. Tatsächlich geschieht es anders; ein entspanntes Kommen, ebenso entspannte Erzieherinnen, die ehrlich erfreut sind über das Wiedersehen mit den Kindern, die Wege zu den jeweiligen Gruppen lassen sich genau so wie im Plan beschrieben beschreiten, keine Irritation, keine Unsicherheit.

Damit hält nun das nächste, sehr große Stück Normalität Einzug in die veränderte Gegenwart. So pausieren erst einmal die Gespräche mit Eltern über die Zeit der ausdauernden Kinderbetreuung, Unterhaltungen, in denen man sich vorsichtig an die Meinung des anderen (und an die eigene) herantastet. Vielen Dialogen wird vorangestellt, wie gut man es doch eigentlich hat, dass die Sonne scheint, es warm ist und man viel draußen sein kann, dass es die eigenen Kinder sind, mit denen man Zeit verbringt und so Glück aussieht, darüber sind Eltern sich einig. Die Belastungen, die damit einhergehen, werden eher zögerlich geäußert, dann erst, wenn man sich sicher ist, dass das Gegenüber auch Schwierigkeiten thematisieren möchte.

Denn schlechtes Gewissen geht immer einher mit einem Kind; nicht immer nur Glück zu empfinden, schlechtes Gewissen bei der Abgabe, schlechtes Gewissen beim Fühlen von Erleichterung, zugleich das Gefühl von Bedauern und Melancholie, weil die auf diese Weise miteinander verbrachte Zeit beendet ist und nicht zurückkommen wird. Über allem die Ahnung, dass eine ähnliche Zeit sehr schnell kommen könnte. Ein Verdachtsfall genügt und schon gehören zwanzig Kinder und deren Eltern zu einem Cluster und wer im Cluster ist, verbringt zwei Wochen in einem echten Lockdown. Es wäre weltfremd anzunehmen, man könnte dieser Zukunft entgehen.

Ansonsten: In Folge eines erneuten Coronaausbruchs schließen in Göttingen die Schulen und einige Kindergärten wieder. Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande schließen sich zu einer »Inklusiven Impfallianz« zusammen, deren Ziel die Herstellung eines Impfstoffs auf europäischem Boden ist. Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell zeigt sich selbstkritisch über den Sonderweg Schwedens.

2. Juni | Anstatt der Leere

In die Screens und Feeds werden all die ikonischen Bilder und grausamen Videos gedrückt, verschwenkte, unscharfe, von Smartphones mitgenommene Momente voller Gewalt. Ihre Vielzahl ist überwältigend, sie sind direkt, sie greifen an. Diese Clips sind das Gegenteil der Clips der letzten drei Monate.

Wo sich zuvor die Leere über alles gelegt hat – entleerte Orte, entleerte Straßen, entleerte Städte – sind die Straßen nun übervoll von Menschen, sind die Plätze besetzt, ist unablässig ein Fließen, wo vorher Stillstand war. Wo zuvor das Nichts die Erzählung war, sich im Ausbleiben von Geschehnissen in der Öffentlichkeit Geschichten abspielten, sich die Leben nach drinnen, ins Private und damit ins Verborgene und Geheime verlagerten, drängen diese Leben nun nach draußen, mit aller Kraft und Wut.

Wo es zuvor leise war und Geräusche fehlten, sirren nun Sirenen, schreien die Protestierenden, weisen Polizisten in Panzerungen lauthals an, kracht und platzt und heult die Gegenwart. Wo es zuvor klare Anweisungen gab und Regeln und deren Einhaltung, sind die Wege ungelenkt, strömt, bricht, zersetzt sich, prallt aufeinander. Wo es zuvor kein Bildnis des Feindes gab, gibt es nun hunderte Bilder von Feinden. Wo zuvor Nichtwissen war und aus diesem Nichtwissen ein Gefühl von Ohnmacht entstand, gibt es nun Wissen und aus diesem Wissen entsteht beängstigende Ohnmacht.

Ansonsten: In Ägypten dürfen Atemmasken nur zerschnitten weggeworfen werden, da ansonsten Händler sie aus dem Müll fischen und in ärmeren Vierteln als Second-Hand-Masken weiterverkaufen. Die Präsidenten von Brasilien und den USA streben gemeinsame Forschungsvorhaben zu Hydroxychloroquin an.

Einer Studie zufolge kam es während der Quarantäne zu einer Häufung von Gewalt gegen Frauen und Kindern: 10,5 Prozent der Kinder und 7,5 Prozent der Frauen, die sich zu Hause in Quarantäne befanden, wurden Opfer körperlicher Gewalt, 3.6 Prozent aller Frauen gaben an, in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen von ihrem Ehemann oder Lebensgefährten vergewaltigt worden zu sein. Nach einem erneuten Ebolaausbruch warnt die WHO, nicht nur auf die Coronapandemie zu schauen. Mit einer Sondergenehmigung darf das Drehteam von Avatar 2 in das coronafreie Neuseeland einreisen.

1. Juni | spezifisch für diese Zeit

Auswärts gegessen, Spargel, das politischste aller Gemüse. Im Lokal die Tische im Außenbereich unter schattigen Bäumen. Wer kommt, legt den Mundschutz an, betritt den Innenbereich, bekundet Interesse an einem der Tische. Sofern einer frei ist, wird die Tischnummer genannt, eine abwaschbare und damit desinfizierbare Speisekarte mitgegeben. Am Tisch werden die gewünschten Speisen ausgesucht und auf einen eigens dafür mitgebrachten Notizblock vermerkt (Große Apfelschorle II, Spargel klassisch I, Eichblattsalat II etc.). Mit dem Block und Schutzmaske zurück in den Innenbereich. Dort Nennen der ausgewählten Gerichte. Anschließend Warten im Außenbereich.

Anschließend Ausrufen der Tischnummer. Daraufhin Anlegen des Mundschutzes und Holen der Getränke aus dem Innenbereich. Anschließend trunkenes Warten im Außenbereich. Anschließend erneutes Ausrufen der Tischnummer. Anlegen des Mundschutzes und Holen der zubereiteten Mahlzeiten aus dem Innenbereich. Nach dem Essen Anlegen des Mundschutzes, Mitnehmen der leeren Teller und Gläser, damit Betreten des Innenbereiches, dort Abstellen der Teller und Begleichen der offenen Rechnung. Anschließend Verlassen des Lokals.

Der einzige Grund, den ebenso banalen wie angenehmen Vorgang eines Restaurantbesuchs zu beschreiben, besteht darin, dass Juni 2020 ist. Dahinter steckt die Annahme, dass die Zeiten sich ändern werden und damit die Umstände eines Restaurantbesuchs und dass somit die obenstehende Beschreibung einmal für eine bestimmte Zeit stehen wird, wie ein Blick in eine seltsame Alternativwelt, so wie ich heute auf die britischen Gentlemen’s Club des ausgehenden 19. Jahrhunderts oder Rollschuhdiskos schaue; lustvoll angegruselt vom Umständlichen, angetan von der eigenen, heute nicht zu mehr reproduzierenden Ästhetik.

Zudem das Gefühl, dass die erste Phase des Corona-News-Cycle endgültig durch ist, dass wenig Verlangen besteht, von der Pandemie zu hören, dass die Newsticker die spärlichen Neuigkeiten bürokratisch abhaken und vom Lesenden ebenso erschöpft wie routiniert ertragen werden, dass die Meldungen selbst aber nichts hervorrufen: Die Party am Landwehrkanal, die Hydroxychloroquine-Lieferung der USA an Brasilien, das lokalen Aufflammen von Infektionen aufgrund irgendwelcher Zusammenkünfte lösen nichts aus. Diese Mechanismen sind bekannt, das Bedürfnis an Aufregung längst gesättigt. Das, was die Gedanken befeuert, wohin die Gefühle strömen, sind andere Themen.

Ich mache diese Vermutung an einer Beobachtung fest: Gestern, als ich die Fotos und Videos von den Protesten in den USA gesehen habe – die Polizeigewalt, das gemeinsame Singen, die »I can’t breathe«- Rufe, das Feuer, der Rauch, das Pfefferspray, das abgedunkelte Weiße Haus, die Menschen gegen strukturellen Rassismus – habe ich nur an die Proteste gedacht, an ihre Gründe, ihre möglichen Folgen, die Brandbeschleuniger.

Nicht ein einziges Mal war das Unbehagen, das ich beim Betrachten der Bilder gefühlt habe, dem Umstand geschuldet, dass Menschen viel zu eng beieinander sind. Nicht ein einziges Mal habe ich gedacht: Was, wenn einer von den Protestierenden infiziert ist, wenn er oder sie Superspreader wird? Das Virus war abwesend, die Pandemie, diese Gefahr.

Ansonsten: Zum ersten Mal seit März verzeichnet Spanien keinen Todesfall aufgrund Corona. Am Berliner Landwehrkanal wird eine Veranstaltung für die Rettung der Berliner Kultur wegen zu vielen Teilnehmern abgebrochen. Nachdem die Kapazitätsgrenzen für Tagestouristen erreicht ist, sperren mehrere Ostseegemeinden die Strände. Laut einer Umfrage würde sich jeder zweite Deutsche gegen Corona impfen lassen, Männer häufiger als Frauen. Zum ersten Mal seit vielen Wochen begibt sich die Queen wieder auf einen Ausritt.

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Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | komplett

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