Coronamonate. Juli.

24. Juli | in Aspik

Fünf Monate Coronamonate. Weiterhin ist der 24. eines jeden Monats die Gelegenheit zu prüfen, ob, und falls ja, was ich noch fühle, ob die Wahrnehmung stumpf geworden ist, ob das, was mich erreichen sollte, noch durchdringt. Was spornt mich noch zu Gedanken an, besteht weiterhin eine Notwendigkeit, diese mit jemanden anderen als mit mir selbst zu teilen? Wie pflichtschuldig leiste ich das Schreiben dieser privaten Chronik ab?

Ich brauche, wie alle sie brauchen, eine Pause, ich werde sie mir nehmen. Dabei duldet die Pandemie keine Pause, es gibt keinen Stopp, kein Ausscheren und Ignorieren, denn, falls doch, könnte ich mir die Maske auch übers Kinn ziehen und denken: Ich trage doch eine Maske.

Weimar ist ein gutes Beispiel. Fast fünf Wochen lang keine offiziell festgestellte Infektion. Dann drei nach einer Party. Dann eine neunköpfige Familie, die Besuch aus Hof empfing, sich unbemerkt ansteckte, die Kinder gehen zur Zeugnisübergabe, jetzt sind 120 in Quarantäne.

Der Lebensmittelpunkt der Familie, deren Kindergarten und Schule befinden sich in einem Teil der Stadt, der auf einem Berg liegt, damit außerhalb ist und immer noch weit genug weg. Das ist einer der ersten Gedanken: Wo ist die Gefahr, wo bin ich, wie viele Meter liegen zwischen uns, werden diese genügen? Andere diskutieren in Foren darüber, dass die Familie keine Muttersprachler ist und was diese Information mit der Ansteckung zu tun hat, es ist keine Diskussion, es ist das Abstecken rassistischer Gedanken.

Fünf Monate Coronamonate. Grundsätzlich ist die Hälfte eines Jahres jedes Jahr ein seltsames Spiel: Silvester ist scheinbar eben erst geschehen und die Tage daran sind schon Erinnerung. Der Sommer hat gerade erst begonnen und doch ist der längste Tag des Jahres einen Monat lang vorbei. Anfang wie Ende befinden sich zugleich in Reichweite und großer Ferne.

Eine Studie hat festgestellt, dass in der Pandemie ein anderes Zeitgefühl herrscht; langsamer für die Getroffenen, schneller für die Zufriedenen. Ich kann nicht sagen, was die letzten Monate für mich waren: Sind sie gerast, stehengeblieben, habe ich die Veränderung akzeptiert, verstanden, ertragen, bin ich zuversichtlich, weiterhin furchtsam? Habe ich mich mittlerweile eingerichtet? Und wenn ja: Wie geht es mir damit? Wie lange geht das gut? Wie stelle ich gegeneinander, was in den letzten Monaten nicht geschah und was dafür eintrat? Das Tragische, das Wundersame? Wie lässt sich eine Bewertung finden, die einen Sinn ergibt und sei es nur, um mich zu beruhigen?

Es wird notwendig sein, weiter zu beobachten, zu überprüfen und diese verwirrende Zeit in Worte zu binden, sie wie in Aspik einzulegen, umhüllt von einer Schicht, die das Wesentliche nur verwackelt zeigt, aber so immerhin ermöglicht, dass diese Monate überdauern können als das, was sie sind: unmittelbar.

Im Juli wird es keine neuen Einträge geben. Ab August geht es an dieser Stelle weiter mit dem Mittendrin.

Ansonsten: Mit 815 Neuinfektionen gibt es so viele an einem Tag wie seit Juni nicht mehr, weltweit sind es dreihunderttausend Neuinfektionen. Ein Update der Corona-Warnapp behebt ein Problem, aufgrund dessen die App auf vielen Geräten nicht funktionierte. In der wiederaufgenommenen amerikanischen Baseballliga werden für die TV-Übertragung virtuelle Zuschauerinnen in die leeren Stadien projiziert.

23. Juli | Schutz im Holster

Über den Goetheplatz läuft ein Mädchen. An ihrer Jeans hängt eine Desinfektionsspritzflasche wie eine Pistole in einem Holster, der Covidschutz nur einen Handgriff entfernt.

Ansonsten: In Weimar steigt die Zahl der gleichzeitig Infizierten auf 11, der höchste Stand seit Pandemiebeginn, 81 insgesamt. In einem Video fordert Deutschrapper Farid Bang zur Einhaltung des Mindestabstands auf und droht bei Verstößen mit dem Langziehen von Ohren. Ein Superspreader-Vorfall an einem Fließband löste den Ausbruch bei Schlachthof Tönnies aus. Amsterdam fordert Touristen auf, am Wochenende die Stadt zu meiden. Nach der Meisterfeier in Liverpool gibt es mehrere Festnahmen wegen Verstößen gegen Coronaregeln. Mehr als die Hälfte aller Coronainfektionen verteilen sich auf drei Länder: USA, Brasilien, Indien. Corona in Kuba.

22. Juli | mittendrin

Ich sehe ein Video. Offenbar trägt der Filmende einen Schutzanzug, der Helm aus durchsichtigem Plastik, die Welt, die er oder sie dadurch sieht, verschwommen und unvollständig. Die Filmende läuft durch ein Krankenhaus. An den Wänden Stühle und Krankenhausbetten eng an eng, darauf sitzen und liegen Kranke. Die Sitzenden mit Atemschläuchen, große Zylinder mit Sauerstoff neben ihnen, ein unablässiges Zischen bläst in den Filmton. Die Liegenden regungslos, einige sind auf den Bauch gedreht, um den Druck von der Lunge zu nehmen. Der gesamte Gang voller Menschen, das Bild: Sie warten, erdulden, ertragen, sie leiden. Am Ende des Films ein Schwenk zu Angestellten. Sie ziehen den Reißverschluss eines grauen Plastiksacks zu, wenig Zweifel, wofür er verwendet wird.

Es ist unklar, woher das Video stammt. Jemand schreibt Texas, eine andere Mexiko. Vielleicht ist die Herkunft nicht von entscheidender Bedeutung. Das Video stammt aus der Gegenwart. Und selbst wenn nicht, selbst, wenn es zwei Monate alt ist, sagt es mir: Wir sind mittendrin. Das ist nicht Anfang, längst nicht Ende, das ist die Jetztzeit, die ewig lange Strecke zwischen damals und zukünftig. Wenn mich später jemand fragen wird, wie es denn war, während der Pandemie zu leben, dann muss ich auch von diesem 22. Juli 2020 sprechen, von diesem Video.

Ein Einschub. Ich denke an dieses mittendrin, wenn ich die Bilder aus Portland sehe. Schwarzbekleidete, ungekennzeichnete Militärs springen aus tarnfarbenen Trucks und schießen Menschen in den Kopf, verhaften sie, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Die Geheimpolizei auf der Straße, Techniken einer Diktatur, selbst wenn Mütter dagegen »Hands Up Please Don`t Shoot Me« singen oder eine Unbekleidete sich den Schwergerüsteten entgegenstellt, ist das eine Junta. Es ist nicht der Beginn von schlechten Zeiten, etwas, das sich andeutet und einmal Bahn brechen wird. Die Zeit ist jetzt da, geschieht in diesem Augenblick. Nichts muss mehr kippen, gekippt ist es längst schon. Wenn man später fragt, wie war es, während der Undemokratie zu leben, dann werde ich auch von diesen Bildern sprechen.

Ich denke an Portland und ich denke an das überfüllte Krankenhaus. Ich denke an die vielen verschiedenen Orte, welche die Zeit verbindet, in der sich alle zugleich befinden. Ich denke daran, dass mittendrin niemals zu greifen ist; ein Anfang schon, ein Ende auch. Aber mittendrin fließt weg, zwischen Fingern strömen die Ereignisse hindurch, mittendrin ist nichts Einzelnes, kein Tropfen, sondern Bewegung. Ich kann nicht innehalten und Distanz erzeugen, nur später einmal schauen und sagen: Hier bin ich getrieben, den Kopf geradeso über Wasser, habe ich während des Schwimmens das Schwimmen bemerkt?

Ansonsten: In einigen Bundesländern ist wieder die Betreuung verschnupfter Kinder im Kindergarten möglich. Laut einem Test hat hochgerechnet jeder vierte Mensch in der Region Delhi Coronaantikörper im Blut. Österreich führt wieder die Maskenpflicht im Supermarkt ein. Berlin lockert die Abstandsregeln für Gaststätten. Auf einer Pressekonferenz sagt Donald Trump: »Es wird wahrscheinlich leider schlimmer werden, bevor es besser wird« und fordert zum Tragen von Masken auf.

21. Juli | in der Welt

Gestern kommt die wunderbare Illustration zu einer Kindergeschichte, die ich vor einigen Wochen schrieb. Die Geschichte schrieb ich, weil es eine Anthologie geben soll und die Anthologie wird es geben, weil wegen Corona Lesungen ausfielen und das Buch mit den Geschichten diesen Ausfall kompensieren soll.

Ohne die Pandemie wäre diese Geschichte ungeschrieben, diese Illustration nicht gezeichnet. Sehr viel ist in den letzten Monaten wegen Corona verlorengegangen. Es tut sehr gut zu sehen, dass etwas geschaffen wurde und in die Welt kam wegen Corona.

Ansonsten: Auf einem viertägigen Gipfel beschließt die EU verschiedene Geldprogramme in Folge von Corona, Angela Merkel trägt dabei Maske und dazu Blazer in den Farben der französischen Tricolore. Die Veröffentlichung von Tenet, den neuen Film von Christoph Nolan, der als Startsignal für die Wiederaufnahme des regulären Kinobetriebs gilt, wird auf unbestimmte Zeit verschoben. Seit März hat das Robert Koch-Institut über zweihundert Drohmails erhalten. Nachdem ein Busfahrer einem jungen Mann ohne Maske den Zutritt in den Bus verwehrt, schlägt dieser den Busfahrer ins Gesicht. Donald Trump twittert ein Foto, das ihn beim Tragen einer Maske zeigt und schreibt dazu: »Niemand ist patriotischer als ich, Euer Lieblings-Präsident!«

20. Juli | Runde Zahlen

600000. Ich kann nicht bei jeder runden Zahl einen Eintrag schreiben. 600000. Ich kann mich nicht bei jeder runden Zahl betroffen fühlen. 600000 Coronatote.

Dabei gibt es die runde Zahl nicht einmal. Im Moment, in dem ich von ihr erfahre, ist sie schon nicht mehr aktuell. Rund war die Zahl nur einige Minuten, dann stieg sie an. Die um eins erhöhte Zahl macht die Zahl an sich nicht weniger erschreckend. Im Gegenteil; plus 1 bedeutet ein Schicksal mehr.

Aber ich verstehe: Die runde Zahl ist Symbol. Ich brauche sie als Zwischenschritt, als Pause, um innezuhalten im Laufen, um zu schauen, was ist. Die runde Zahl erlaubt es mir, die Gegenwart einzufrieren.

Ich weiß, wie ich im März, bei zehntausend, bei zwanzigtausend Todesfällen dachte, dass diese Zahlen schon hoch sind, dass sie steigen werden. Ich fragte mich, wie werde ich fühlen, wenn die Zahl bei 50000, 100000, 500000 steht? Wird es einen Unterschied machen? Wird es sich ähnlich seltsam abstrakt anfühlen, weil eins und eine Million genauso fremd sind, weil die Zahl eine Zahl ist und keine Geschichte, die ich kenne?

Ich weiß, wie ich im März im Buch über die Spanische Grippe von 10, 20, 30 Millionen Todesfällen las und mich fragte, wie es damals gewesen sein musste, mit diesen Zahlen in der Gegenwart zu leben. Wie war es, zu wissen, dass die Zahlen keine vergangenen sind und deshalb nichts daran zu ändern ist, sondern Zahlen, die jetzt gerade geschehen und weiter geschehen werden, es wäre möglich, ihre Größe zu verringern.

606206 Coronatote zeigt die Zahl am 20. Juli 2020 an. 607000 Malariatote – 2/3 davon Kinder – zeigte die Zahl im Jahr 2010 an. Auch damals habe ich gelebt, mit dieser Zahl gelebt. Ich lebe immer mit Zahlen, die steigen, während ich lebe. Jede Zahl müsste ich zum Anlass nehmen, alles in Frage zu stellen, was das Steigen dieser Zahlen begünstigt. Stattdessen denke ich darüber nach, wie ich Tofu marinieren kann, wann ich die dritte Staffel von Dark schauen werde, mit wem ich gern mal eine Runde Tischtennis spielen würde.

Die runde Zahl hält mich davon ab. Sie friert die Gegenwart ein. Für einen Moment laufe ich um das Jetzt herum, umkreise es tänzelnd, starre entsetzt auf das Bild, das sich mir bietet, gelobe mir mehr Bewusstsein dafür, schreibe einige Worte dazu und dann setzt sie wieder ein, diese Gegenwart, lässt die Zahlen steigen, tick tick tick.

Ansonsten: Angesichts steigender Todeszahlen bestellen mehrere US-Bundesstaaten Kühlwagen für das Aufbewahren von Coronatoten. In Japan finden zum ersten Mal seit fünf Monaten wieder Sumokämpfe vor Zuschauern statt. Wegen Corona ist die Spargelernte in Deutschland dieses Jahr um 19 Prozent geringer ausgefallen als im Jahr 2019. Attila Hildmann ruft auf seiner Anti-Corona-Demonstrationen zum Mord auf.

18. Juli | Irrtümer I

Irrtümer der letzten Coronamonate (Liste unvollständig, Ergänzungen willkommen):

– Deutschland ereilt eine zweite Infektionswelle, Stand Juli 2020
– nach Massenveranstaltungen (Coronaspaziergänge, Black Lives Matter-Demonstrationen) erhöhte Infektionszahlen
– MNS-Masken schützen nicht
– MNS-Masken werden akzeptiert sein
– nur Männer tragen MSN-Masken nicht/falsch
– Beschluss einer Ausgangssperre in Deutschland
– Frankfurter Buchmesse findet nicht statt
– Peking ist die Zukunft
– die Wiederaufnahme der Bundesliga wird viele Infektionen zur Folge haben
– ich werde die Coronaapp dauerhaft aktiviert lassen
– Erfolgsversprechungen diverser Heilmittel
– alles wiederholt sich = Langeweile
Ansonsten schrumpft
– die Coronamonate sind vorbei

Ansonsten: In einem Gefängnis in Texas infizieren sich über tausend Insassen mit dem Virus. An der Ostsee werden wegen zu großem Andrang einige Strandabschnitte geschlossen. Um eine zweite Virus-Welle zu verhindern, führt Frankreich ab Montag eine weitreichende Maskenpflicht ein. Beim EU-Corona-Gipfel weist Angela Merkel den bulgarischen Ministerpräsidenten Bojko Borissow auf das falsche Tragen seiner Maske hin. Only those with plastic visors were infected. Queen Elizabeth II. schlägt Tom Moore, den 100-jährigen Corona-Spendensammler, zum Ritter.

17. Juli | Ausgelassenes Streitgespräch

In den letzten Tagen mehrmals die Gelegenheit, in eine Diskussion über die Gefährlichkeit des Sars-CoV-2-Virus einzusteigen, über die Thesen von Sucharit Bhakdi zu philosophieren, die Notwendigkeit besprechen, einen Impfstoff zu entwickeln usw. usf.

Ich entscheide mich dagegen. Die Diskussion hätte mit jemanden aus dem näheren Umfeld geführt werden müssen, also auch außerhalb des kontaktlosen und damit geschützten virtuellen Raums stattgefunden. Vor allem aber ist meinerseits wenig überraschend wenig Interesse vorhanden, im siebten Monat einer Pandemie mit 600000 Toten, nach all den Studien, Bildern, Filmen, Augenzeugenberichten vermutlich wieder Grundsätzliches zum Thema einer Konversation zu machen, die genauso redundant und damit ermüdend wäre wie Streitgespräche darüber, ob das M-Wort möglicherweise rassistisch konnotiert ist und die Vermögensverhältnisse in Deutschland eventuell ungleich verteilt sein könnten. Dann lieber die Zeit investieren, sich auf die Reissues der PJ-Harvey-Werksausgabe vorzubereiten.

Ansonsten: Weltweit sind bislang mehr als 1,3 Millionen Ärzte und Pflegekräfte am Coronavirus erkrankt und machen damit zehn Prozent aller Fälle aus. Wegen Sicherheitsmängeln an den Arbeitsplätzen wird kurz nach Wiederaufnahme der Schlachtbetrieb in Tönnies-Fleischfabrik gestoppt. Weil ein Berliner im April sechs unberechtigte Anträge auf Coronazuschuss in Höhe von 77.5000 Euro stellte, wird er zu neunzehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. In Kanada wird ein Mann nach einem Streit über das Tragen von Masken von der Polizei erschossen. Forscher der Uniklinik Halle wollen ein mathematisches Modell entwickeln, mit dem das Risiko eines Coronaausbruchs nach Großveranstaltungen in Hallen berechnet werden kann und bitten dazu 4000 gesunde Freiwillige auf ein Konzert von Tim Bendzko.

16. Juli | Wohlfühlen und Konsum

In der letzten Woche stand tagelang die Türe offen für: keine Maskenpflicht mehr beim Einkaufen. Befürworter waren u.a. Wirtschaftsverbände. Ich verstehe das. Konsum benötigt – neben einem Einkommen – ein Gefühl von Wonne. Märkte sind dahingehend optimiert. Aus versteckten Lautsprechern plätschern gefällige Radiomelodien, Leuchtstoffröhren dimmen Wohlgefühl auf die Netzhäute, die Räder der Wagen drehen sich widerstandslos und führen wie von selbst zu den benötigten Produkten. Der Supermarkt ist eine Fruchtblase, welche die Keime der feindlichen Welt vom Konsumenten fernhält.

Das habe ich vor einigen Jahren einmal geschrieben. Heute versucht der Markt dieses Gefühl wiederherzustellen. Was nur schwer gelingt, wenn gleich am Eingang bereitgestellte Desinfektionsmittelspritzbehälter an die Pandemie erinnern. Wenn bunte Schilder nicht mit günstigen Preisen zu spannenden Produkten locken, sondern mich anweisen: Halte Abstand! Kaufe bargeldlos! Werde Dir Deiner Verantwortung bewusst!

Doch beim Konsumieren will ich keiner Verantwortung nachkommen. Ich will mich gehen lassen, mich im Strom der Angebote treiben lassen, hier und da, ohne darüber nachzudenken und zu reflektieren, ob ich die Ware brauche, wie sie geschaffen wurde, ob ich sie mir leisten kann, aus den summend beleuchtenden Regalen sinnliche Gewürze und nutzlosen Plastikschnickschnack greifen. Ich will vergessen, was ist, damit ich nicht mehr weiß, was ich habe, um etwas zu erstehen, was ich möglicherweise nicht brauche. Ich will hineingleiten in den Kapitalismus, bereitwillig mitwirken am Wachstum, Promille sein vom Bruttosozialprodukt.

Das geht nicht, wenn vor der Kasse Absperrband mich auf die hinteren Plätze verweist. Wenn mir die Fachverkäuferin das teure Kalbsfleisch über die Wurstrutsche an der Fleischtheke zukommen lässt. Wenn sich im Gang beim heruntergesetzten Mehl schon drei Einkaufswagen und damit deren Fahrerinnen befinden und ich annehmen muss: potentielle Überträgerinnen. Wenn die Kassiererinnen hinter Plexiglasscheiben sitzen und mir das Wechselgeld dennoch in die Hand drücken und ich denke: Hätte ich mal besser auf die bunten Warnschilder gehört.

Vor allem: Wenn ich eine Maske trage. Ich lege sie vor Betreten an. Mein Atmen verändert sich. Ich verspüre den Drang, mich so schnell wie möglich der Maske zu entledigen. Um das zu bewerkstelligen, muss ich so schnell wie möglich den Einkaufsvorgang erledigt haben. Ich eile die Gänge entlang, habe zuvor einen Plan geschmiedet, um ohne Ablenkungen durchzukommen, greife nur das Notwendige ab. Ich verweile nicht, lasse mich nicht treiben und locken. Es ist das Gegenteil von Konsumieren.

Ich verstehe die Wirtschaftsverbände. Die Pandemie ist ein Angriff auch auf ihr Modell von der Welt. Ich verstehe, dass niemand wollen kann, dass Konsum zukünftig nur noch kontaktlos abläuft, dass Städte zu Orten werden, deren einzige Funktion darin besteht, Amazon-Vertriebszentren vorgelagert zu sein. Und ich weiß, dass, wenn die Maskenpflicht fürs Einkaufen abgeschafft werden würde, ich noch viel schneller durch die Gänge eilen würde, als ich es mit Maske tue.

Ansonsten: China meldet ein unerwartet hohes Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal. Wegen Corona kommt es zu einem starken Einbruch bei der kommunalen Gewerbesteuer. Eine von russischen Geheimdiensten finanzierte Hackergruppe soll bei Cyberangriffen versucht haben, Erkenntnisse über mögliche Coronaimpfstoffe zu erbeuten. Nach vier Wochen Pause setzt Schlachtbetrieb Tönnies die Produktion wieder fort, achttausend Schweine werden in der ersten Schicht geschlachtet.

15. Juli | Geschichten vermeiden

Von Geschichten über Corona versuche ich das Schreiben fernzuhalten. Ich packe sie ins Ansonsten, man muss klicken und sich weiterleiten lassen, um die Geschichte zu erfahren, oft ist sie in englischer Sprache verfasst.

Ich halte mich von Coronageschichten fern, weil sie anekdotisch sind. Nein, eigentlich halte ich mich fern, weil sie mir nahegehen, viel näher, als wenn ich abstrakt über Zahlen, Studien oder Anfänge schreibe. Geschichten sind passiert, meistens nie so, wie sie erzählt werden und dennoch erreichen sie mich sofort.

Ein Amtsträger aus Florida, der mehrfach gegen die Maskenpflicht stimmte, erkrankt schwer an Corona und liegt auf der Intensivstation. Die Geschichte der religiösen Frau, die ihre vorerkrankte Tochter auf eine »Coronaparty« in ein kirchliches Zentrum mitnimmt, sie dort ansteckt, die Tochter erkrankt, stirbt. Der Amerikaner, der twittert, er werde niemals Masken tragen und einige Wochen später twittert jemand seine Todesanzeige. Der Amerikaner, der in Texas zu einer Coronaparty geht und später auf der Intensivstation der Krankenschwester sagt, er habe einen Fehler gemacht. Auch er stirbt.

Es sind Geschichten, an deren Ende man sagen müsste: Selbst schuld. Schadenfreude scheint eine mögliche Reaktion zu sein, so, wie wenn sich Jair Bolsonaro oder Boris Johnson infizieren. Ich kann keine Schadenfreude bei diesen Geschichten empfinden, keine Genugtuung. Sie lassen mich leer und ratlos zurück. In ihnen ist kein Sinn außer: Ein Vermeiden wäre möglich gewesen. Der Technokrat würde sagen: Zumindest ein Verlängern des Lebens durch ein Verschieben des Todeszeitpunktes, eine kalte Definition von Leben.

Ansonsten: Um für das Tragen von Masken zu werben, malt Banksy Ratten in eine Londoner U-Bahn. Die amerikanische Regierung fordert Krankenhäuser auf, ihre Daten nicht mehr an die örtlichen Gesundheitsbehörden, sondern ans Weiße Haus zu schicken. Nach Verstößen gegen die Coronaregeln schließt auf Mallorca der Ballermann wieder. Nach einem Streit über das Tragen einer Maske sticht ein Amerikaner auf einen anderen Amerikaner ein und wird daraufhin von der Polizei erschossen.

14. Juli | Von oben die Ferne

In Weimar steht ein Turm. Er ist 81 Meter hoch und wurde letzte Woche gebaut. Der Bürgermeister hat der höchsten mobilen Aussichtsplattform der Welt City Skyliner seinen Segen gegeben. Davor sitzen Menschen, sie trinken Cappuccino, Köstritzer Kirsche und Long Drinks. Später steigen sie in den Turm ein und fahren mit der mobilen Aussichtsplattform empor.

Sind sie oben, sehen sie auf Weimar. Sie sehen die Stadt, die einen Monat ohne Infektionen war und sehen nun drei Infizierte, sechzig in Quarantäne. Sie sehen Deutschland, sie sehen, wie Attila Hildmann die Reichsflagge schwenkt und Clemens Tönnies um Lohnkostenbeihilfe bittet. Sie sehen Europa und sehen, dass die Lage eine andere ist als im April.

Sie stellen fest, dass die Pandemie sich verlagert hat und dass von den Regionen, die den Anfang bestimmten, nur wenig noch zu hören ist und das Virus mittlerweile in viele Bereiche der Welt vorgedrungen ist. Sie sehen, wie das Virus in diesen Bereichen auf andere Umstände trifft und damit andere Situationen schafft; Indien, Südamerika, Russland. Sie sehen zweite Wellen in Israel und Südkorea, sie sehen ein virusfreies Neuseeland. Sie sehen, wie in Amerika die Lage außer Kontrolle geraten ist, wie sich täglich Infektionszahlen übertrumpfen und sie sehen nichts, was das ändern könnte.

Die Menschen auf der Aussichtsplattform sehen in die Labors – über hundert sind es – die schnellschnell nach Impfstoffen forschen. Die Menschen sehen ein rasches Verschwinden von Antikörpern. Sie sehen Studien, die Folgeschäden für Erkrankte und für jene mit milden Symptomen zeigen. Sie sehen die Untersuchungen, die ergeben, dass 5x-10x so viele Menschen wie laut offiziellen Zahlen schon infiziert sein könnten, die Hälfte ohne Symptome, ein weiteres Viertel mit milden Symptomen. Sie sehen Untersuchungen, die eine Zukunft der Welt entwerfen, in der das Virus ein dauerhafter Begleiter der Menschen bleiben wird.

Sie sehen, wie Ereignisse aufploppen und für mehrere Tage das Geschehen bestimmen, bevor diese zurückkehren in den ewigen Strom von Informationen: Hildmann, Tönnies, Aufhebung der Maskenpflicht, Mallorca.

Wenn die Menschen genug von der Welt und der Zeit gesehen haben, fahren sie den Turm hinab, mischen sich unter den Alltag, gehen ihrer Dinge nach. Sie haben in die Ferne gesehen und wissen: Es sind über den Daumen gepeilte Eindrücke, ein Aufschnappen hier und da, nichts, was Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie merken sich ihre Blicke, damit sie sich Sommer 2022 erinnern können, wie sie Sommer 2020 wahrnehmen wollten.

Ansonsten: Österreich hebt die Einreisebeschränkung für den Kreis Gütersloh auf. Eine Studie ergibt, dass die Menschen die Zeit während der ersten Coronawelle anders als sonst wahrgenommen haben; wer älter und unzufrieden war, für den verging die Zeit langsamer, wer jünger und zufriedener war, verspürte eher eine Beschleunigung. Weil der amerikanische Basketballspieler Richaun Holmes eine Essensbestellung entgegennimmt, muss er für zehn Tage in Quarantäne in ein Hotelzimmer in Disney World gehen. Die Punkband ZSK veröffentlicht einen Song über Christian Drosten, Titel: »Ich hab Besseres zu tun«.

13. Juli | Im Rückblick der Anfang

Eine zweite Nachbetrachtung zum Rückblick. Den ersten Eintrag in die Coronamonate las ich schon mehrmals. Er ist mir vertraut. Er ist der Anfang meines Schreibens. Ich lese ihn so genau, weil ich hoffe, dass sich in den Worten über den Anfang etwas, das später geschieht, erkennen lässt. Ich hoffe auf Prophezeiungen, Beobachtungen, die ich extrapolieren kann, bis in die Gegenwart, darüber hinaus. Der Anfang soll mir helfen zu verstehen.

Der Anfang ist eine Gegentat zur Normalität. Er legt Widerspruch dagegen ein, dass alles so bleibt, wie es ist. Indem der Anfang geschieht, beginnt das Neue. Vielmehr muss der Anfang nicht sagen. Nur: Ich bin der erste Schritt jenseits einer Grenze, von der du jetzt erst zu ahnen beginnst, dass sie existiert. Ich habe geahnt, deshalb habe ich zu schreiben begonnen.

Der Anfang ist ohne Schuld. Ich mache diese Zuschreibung, weil zum Zeitpunkt des Anfangs alle folgenden Irrtümer und Fehler noch nicht gemacht sind. Das folgende Schlechte, die Kette von Tragödien, die Katastrophen sind am Anfang ungeschehen. Sie sind vermeidbar. Am Anfang gäbe es noch die Möglichkeit, das Schlimme zu umgehen, zumindest gegenzusteuern.

In diesem Bild vom Anfang liegt Wut, weil das Schlimme dennoch geschah und jemand Verantwortung dafür tragen muss. In diesem Bild liegt Melancholie, weil das Geschehene unabänderlich ist. In diesem Bild liegt Furcht, weil ich nicht sicher sein kann, ob nicht genau dieser Moment ein weiterer Anfang ist, der Möglichkeit gäbe, das kommende Schlimme zu verhindern. Der Anfang ist vielleicht die Abschaffung der Maskenpflicht, vielleicht der Urlaub auf Mallorca, vielleicht der Besuch auf einer Gartenparty.

Jeder Moment ist ein Anfang und doch sind bestimmte Momente mehr Anfang als andere. Die Suche nach Patient Null ist eine der zentralen Aufgaben beim Verstehen von Epidemien. Sein Finden hilft Epidemiologen beim Begreifen und damit beim Besiegen. Um ans Ende zu kommen, muss man den Anfang kennen.

Der Mensch, mit dem alles begann, ist der Anfang. Eine Kleinigkeit nur – der erste Mensch isst nicht vom infizierten Tier, wird vom infizierten Tier nicht gebissen, dem ersten infizierten Menschen fällt ein Stein auf den Kopf, so dass er stirbt, bevor er den zweiten Menschen ansteckt – und die Pandemie wäre nicht geschehen, weil es das Virus nicht über den ersten Menschen hinaus geschafft hätte.

Ein Ereignis nur, das verhindert. Sind zwei Menschen angesteckt, braucht es schon zwei Ereignisse. Bei vier Menschen vier Ereignisse. Je öfter das Schlimme in der Welt ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es sich vermehren wird. Sich dagegen zu stemmen wird zu einem Kraftakt. Jeder weitere Tag vervielfacht die Stellen, an denen es auftritt, erfordert mehr Stärke, macht dessen Verschwinden unmöglicher.

Ich lese einen Artikel, er heißt »Wo alles begann«. Der Artikel schreibt über den Hunana Seafood Wholesale Market von Wuhan, er schreibt von Kamelfleisch, Pfauenfleisch, Bambusratten, Zibetkatzen, von Tieren, die lebend in gestapelten Käfigen auf Käuferinnen warten, von Blut, Urin und Sekreten, die sich vermischen, von faulen Tierkadavern. Der Artikel schreibt von Zwischenwirten, schreibt vom Wuhan Institute of Virology, der Labortheorie, von Genomsequenzen, die nicht mit den Viren aus den Fledermaushöhlen übereinstimmen. Der Artikel sucht nach dem Anfang.

Erst am Ende merke ich, dass der Artikel vom 7. Mai ist, über zwei Monate alt. Patient Null der Covid19-Pandemie ist seitdem immer noch nicht gefunden. Es wäre der Ursprung der Pandemie. Meinen Anfang habe ich gefunden. Er ist der 24. Februar. Er sagt nichts außer: Ich bin ein Anfang von vielen.

Ansonsten: Jens Spahn warnt: Wir müssen sehr aufpassen, dass der Ballermann kein zweites Ischgl wird. Auf der Plaça d’Espanya in Palma wird gegen die strenge Maskenpflicht demonstriert. Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebunds schlägt eine zweiwöchige Quarantäne für Mallorca-Urlauberinnen vor. In Berlin kam es nach Einschätzung von Justiz und Rechtsmedizin in den letzten Monaten zu einem deutlichen Anstieg an häuslichen Gewalttaten. 83 Millionäre fordern höhere Steuern für den Wiederaufbau nach Corona.

12. Juli | Im Rückblick der Irrtum

Beim gestrigen Wiederhineinlesen in den Februar stellte ich fest, dass mein Coronaschreiben mit einem Irrtum begann. Der Irrtum ist nicht komplett, aber erheblich. Ich nahm an, dass Gesichtsmasken weder mich noch andere schützen würden.

Der Irrtum beruhte aus dem Wissen der damaligen Tage. Ich konnte nicht wissen, was schützt. Also las ich mich ein. Was ich las, vermittelte mir Wissen. Ich nahm die Quersumme dieses Wissens und schlussfolgerte. Mit dem Wissen von heute kann ich sagen, dass ich damit falsch lag. Doch auch mein Wissen von heute ist keins, dass ich eigenständig überprüfte. Ich habe keine Studie gemacht, die nun beweist, dass Gesichtsmasken schützen. Mein heutiges Wissen ist erneut der Konsens dessen, was ich las.

Ich kann nicht sicher sein, dass ich in einem halben Jahr den gleichen Eintrag nicht erneut schreiben werde. Mein heutiges Wissen muss nicht zwangsläufig identisch sein mit meinem zukünftigen Wissen. Warum bin ich deshalb nicht beunruhigt?

Ich weiß, dass ich bei dem überwältigenden Teil alles Wissens auf andere angewiesen bin. Ich werde niemals eine Studie machen. Andere müssen sie für mich machen, andere müssen sie mir erklären. Ich kann hinterfragen, logisch denken, kritisieren, vergleichen. Aber letztlich muss ich den Wissensbeschafferinnen und vielmehr noch den Wissensvermittlerinnen vertrauen. Ich muss annehmen, dass sie redlich handeln, transparent, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen agieren. Erscheint mir etwas zweifelhaft, muss ich diesen Zweifeln nachgehen. Nicht immer werde ich das Zwielichtige klären können, ich werde im Ungewissen gelassen werden. Doch kann ich nachvollziehen, wie die Unzulänglichkeiten zustande kamen, kann ich verstehen, wieso mein aktuelles Wissen früherem Wissen überlegen ist.

Es ist eine Methode der Wissensaneignung, die fehleranfällig ist. Ständig werden Irrtümer geschehen, ich werde mich korrigieren müssen, ich werde enttäuscht sein. Die Alternative wäre, selbst Wissen zu erschaffen. Dann käme ich zu nichts anderem mehr. Oder mir kein Wissen anzulesen, weil ich keinem nicht selbst überprüften Wissen trauen könnte. Dann wäre ich sicher, weil ich nichts wissen würde. Es gäbe keinen Irrtum, ich hätte immer recht, ich wäre der einsamste Mensch der Welt.

Ansonsten: Während des Lockdowns stellt ein englisches Pflegeheim mit den Bewohnerinnen berühmte Albumcover nach: »Born In The USA«, »Aladdin Sane« oder »Queen II«. Wegen Corona wird die erste Hinrichtung in den USA seit siebzehn Jahren gestoppt. Um die Umsatzeinbrüche in der Coronakrise zu mildern, lässt die amerikanische Stadt Tenino eigenes Geld drucken. Disney World öffnet wieder seine Pforten und heißt die Gäste mit einem Video willkommen:

11. Juli | Die Maske als Bild

Ende Februar schrieb ich über die Maske als Bebilderung der Pandemie. Ich schrieb, dass Gesichtsmasken weder mich noch andere schützen würden, dass Schutz eine Illusion wäre. Meine Worte von damals klangen ein wenig stolz darauf, einem vermeintlichen Widerspruch auf die Schliche gekommen zu sein, dem Widerspruch zwischen Bild und Wirklichkeit.

Heute, 4 ½ Monate später, weiß ich es besser. Ein Widerspruch besteht weiterhin, wenn auch anders, als damals gedacht. Was bleibt, ist die Maske als Bild der Pandemie, das Meer, auf den alle Ströme zufließen, die Maske als Essenz dessen, was dieses Jahrzehnt bisher ausgemacht hat.

Nur würde ich heute, Stand Mitte Juli 2020, nicht die Maske als Bild nehmen, sondern eine Maske, die jemand unter die Nase gezogen hat; aus Unwissenheit, aus Bequemlichkeit, aus Trotz, aus Widerstandsfantasien, ein Bild, welches zeigt, dass Linderung vor der Nase liegt und dennoch meilenweit entfernt ist, ich müsste das Bild nicht erklären, es spräche für sich selbst, die Pandemie, in der die Maske unterhalb der Nase getragen wird.

Ansonsten: Hunderte Urlauber aus Deutschland feiern am Ballermann, ohne die in Spanien geltenden Coronaregeln einzuhalten, die wenigen Menschen, die Maske tragen, werden ausgelacht. In Spanien werden Coronainfizierte von den Regionalwahlen ausgeschlossen. Die Bundesregierung warnt vor Betrügern, die sich als Vertreter eines imaginären Bundesamts für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe ausgeben und mit einem Foto von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier werben. Peter Altmaier nennt als Kriterium für ein Ende der Maskenpflicht im Einzelhandel den Rückgang der täglichen Neuinfektionen auf unter hundert.

10. Juli | Parlamentarische Bestuhlung

In den letzten Wochen haben sich mehrere Termine für das Sommerende gefunden, dann, wenn Veranstaltungen wieder erlaubt sein werden. Einige Termine finden mit »parlamentarischer Bestuhlung« statt, mit Tischen zwischen den Stühlen, die so Abstand zu den Vorder- und Hinterleuten gewährleisten. 15-25 Besucherinnen werden in normalgroßen Räumen möglich sein. Zu den Vorabgesprächen gehört auch eine Abstimmung des Hygieneplans dazu. Im Hinterkopf bei allen der Gedanke, dass die Planungen von heute trotz des sorgfältigen Einbeziehens von Alternativen jederzeit hinfällig werden können.

So wie Corona eine gigantische Zerstörerin ist, hat sie auch geschaffen. Neben dem Verstummen und dem Verzweifeln ein Aufbäumen, der Wille, dem Verschwinden etwas entgegenzusetzen; Worte, Töne, Bilder. Geplantes geht verloren, anderes kann erst durch das Verlorengehen geschehen. Der Druck bleibt gleichmäßig groß. Auch wenn alles stehenzustehen scheint, ist das Strömen unablässig. Kraft verbraucht beides: Das Paddeln auf der Stelle und das hektische Mitreißenlassen.

Ansonsten: In Florida verkauft eine Familie Bleichmittel als Coronamedikament Miracle Mineral Solution und gründet dafür die fiktive Glaubensgemeinschaft Genesis II Kirche der Gesundheit und Heilung; mehrere Menschen sterben nach Einnahme des Bleichmittels. Chinesische Behörden warnen vor einer unbekannten, tödlichen Lungenentzündung in Kasachstan. Um in einem abgelegenen sibirischen Dorf die Quarantäne durchzusetzen, ziehen russischen Behörden einen Graben um das Dorf. Tönnies fordert wegen Quarantänemaßnahmen Lohnkosten von NRW zurück. Laut einer Umfrage befürworten 87 Prozent der Befragten eine Maskenpflicht beim Einkaufen.

9. Juli | Ausschuss

Jemand postet ein Video. Darin sitzen drei Männer vor Mikrofonen. Die Situation soll an eine Pressekonferenz erinnern. Die Bühne, das Licht, das Sprechen der Männer lässt erkennen, dass die Beteiligten über wenig professionelle Erfahrungen im medialen Darstellen verfügen. Diese Beobachtung ist unwichtig, für das Video zählt der Inhalt.

Das Video trägt den Namen Außerparlamentarischer Corona Untersuchungsausschuss. Initiator ist die Gruppe Ärzte für Aufklärung. Sie will untersuchen, »warum diese restriktiven Maßnahmen im Zuge von CoVid-19 über unser Land gekommen sind. Warum die Menschen jetzt leiden und ob es eine Verhältnismäßigkeit zu den drastischen Regierungsmaßnahmen gibt.«

Ich schaue das Video an, es dauert fünfundzwanzig Minuten. Mit einigen Punkten stimme ich überein (Einschränkung demokratischer Rechte, Darstellung von Zahlen, Verschieben von Operationen). Ansonsten bin ich größtenteils irritiert. Die Männer im Video sprechen darüber, dass das Virus nicht gefährlicher sei als das Grippevirus, Maskentragen nichts bringe, eine Zwangsimpfung bevorstehe. Die im Video genannten Informationen stehen im Gegensatz zu den Informationen, über die ich verfüge.

Ich weiß nicht, welche wissenschaftliche Relevanz die im Video genannten Informationen besitzen. Grundsätzlich bin ich auf Vermittlerinnen angewiesen, die Studien lesen können und ihre Kernaussage für mich, den Laien, herausstellen. Ich bin darauf angewiesen, dass sich bei aller Diskussion ein wissenschaftlicher Konsens ergibt, der gesellschaftlicher Konsens wird, nach dem ich handeln kann.

Ich bin ratlos, weil im Video der Konsens über die Bewertung der Pandemie ein anderer ist, als ich ihn in den letzten Monaten erfahren habe. Eigentlich bin ich nicht ratlos. Das Video liefert mir gute Hinweise, um was es ihm geht. Das Video raunt. Die drei Männer fragen mehrmals die Frage aller Rauner: »Cui Bono?«, wer profitiert.

Eine Antwort geben sie nicht, sie belassen es beim Raunen. Die Männer zitieren das Grundgesetz, die Stelle mit dem Recht auf Widerstand. Sie sprechen von drakonischen Maßnahmen, fragwürdigen Motiven, eklatantem Fehlverhalten, Verantwortungslosigkeit, verletzter Sorgfaltspflicht. Sie fordern eine drastische Veränderung der parteipolitisch geprägten Entscheidungsstrukturen.

Irgendwann verstehe ich: Das Video will eine Gegenöffentlichkeit herstellen. Es versucht sich in einer ähnlichen Optik (Pressekonferenz) und ähnlichem Wortgebrauch (Ausschuss). Das Video grenzt sich von »Lügnern, Scharlatanen und Verschwörungstheoretikern« ab. Dafür nennt das Video die akademischen Grade der Männer. Sie zeigen mir: Zu mir sprechen Ärzte, renommierte Sachverständige, seriöse Zeitgenossen. 2000 Ärzte haben sich der Bewegung mit einer Unterschrift angeschlossen, 2000 seriöse Ärzte. Das Video ist seriös, weil seine Sprecher und Fürsprecher es sind und damit auch deren Anliegen, das sagt mir dieses Video.

Die Pandemie ist da. Nicht darauf zu reagieren, bedeutet verheerende Folgen. Zu reagieren bedeutet, die Folgen zu mindern und zugleich andere Auswirkungen in Kauf zu nehmen. Einen dritten Weg gibt es nicht.

Das Video sagt: Es gibt diesen dritten Weg. Das Video sagt: Die Pandemie ist gar nicht da. Also kann es auch keine Folgen geben. Ich verstehe, warum das Video so auf die Gegenwart sehen möchte. Ich möchte gern auch so sehen.

Die Wahl zwischen 1 und 2 ist eine Wahl zwischen verheerend und weniger verheerend. Die Erkenntnis, dass die Gegenwart ist, wie sie ist, ist schwer zu ertragen. Die Erkenntnis ist: Die Gegenwart ist keine gute. Das Video kann die Gegenwart nicht ertragen. Also schließt es die Augen. Die Ärzte für Aufklärung schließen die Augen, ihr Ausschuss schließt die Augen, alle, die das Video bejahen, schließen die Augen. Sie wollen hören: Hier gibt es nichts zu sehen, während das Haus in Flammen stehen.

Derjenige, der das Video mehrfach postet, schreibt in seinem Post: »Einen Aluhut trage ich nicht, aber Fragen wirft das schon auf und deshalb bin ich weder ein Verschwörungstheoretiker, ein Rechter, ein Nazi oder ein irgendwie gearteter Extremist.« Ich unterstelle ihm nichts davon. Ich würde ihn gern fragen, ob er dieses Video für bare Münze nimmt. Aber ich traue mich nicht, weil ich fürchte, dass auch er sagen könnte: Ich schließe die Augen.

Ansonsten: Nach dem Wahlkampfauftritt Donald Trumps in Tulsa steigen dort die Infektionszahlen. Kurz nach Wiedereröffnung müssen mehrere Pubs in England wegen Coronainfektionen wieder schließen. Um die Virusausbreitung zu vermeiden, plant Tokio eine Prämienzahlung für die vorläufige Schließung von Nachtklubs. Die USA tritt aus der WHO aus. Weil in Brasilien Indigene doppelt so häufig an Covid-19 wie der Rest der Bevölkerung sterben, stoppt Jair Bolsonaro Corona-Maßnahmen in Indigenengebieten.

8. Juli | Corona als Mannequin

Ich fahre mit der Straßenbahn. Auf einem Display werden in schneller Folge Informationen aus dem Stadtgeschehen angezeigt. Eine Information verweist auf eine Kunstinstallation. Ich freue mich, dass Kunst in den exklusiven Reigen der Informationsvermittlung aufgenommen wurde.

Das Display informiert mich über die Aktion eines Künstlers. Der Künstler reist mit 111 Schaufensterpuppen durch das Land und stellt sie an öffentlichen Orten auf. Die Mannequins hat er mit Absperrband umwickelt. Damit will er die »die unüberwindbare Trennung, die das momentan eingeschränkte Leben und die Beschneidung der Grundrechte aller Menschen mit sich bringen« zeigen, »Eine vertraute Gemeinschaft wird aufgelöst in eine Herde aus Individuen, alle separiert, und ein jeder sich sehnend nach vertrauter Nähe.«

Ich denke, Schaufensterpuppen und Kunst, das ist eine Kunst, so wie sich die Macher der Rosenheim Cops Kunst vorstellen: der Künstler mit extravagantem Schal, etwas überkandidelt, nicht so bodenständig wie die geerdeten Rosenheim Cops. Dieser Rosenheimer Künstler nimmt Mannequins als Symbol fürs Menschsein und macht damit etwas; klebt Logos von großkapitalistischen Ausbeuterfabriken auf die Mannequinkörper, um auf großkapitalistische Ausbeuterfabriken zu verweisen, verschmiert Kunstblut auf den Mannequinkörpern, um Krieg zu kritisieren, lässt die Mannequins mit einem Selfiestick sich selbst fotografieren, um auf Narzissmus in sozialen Medien aufmerksam zu machen.

Hier umwickelt der Künstler die Mannequins mit rotweißem Absperrband. Ich schaue auf das Mannequin und ich verstehe sofort. Ich nicke das ab und denke: Genauso ist es. Da ist ein Absperrband, ich bin der Körper, ich bin isoliert. Ich schaue auf diese Kunst und ich verstehe sie sofort. Ich muss diesen einen Gedanken nicht weiterführen. Ich brauche keinen Widerspruch einlegen. Die Kunst strömt so sanft in mich wie ein harmloses Aerosol.

Ich überlege, was ich täte, wenn ich Künstler wäre und den gesamten Leipziger Augustplatz für meine Kunst zur Verfügung hätte. Würde ich ihn mit rotweißem Absperrband so absperren, dass für 24 Stunden weder Mensch noch Auto noch Straßenbahn auf den Platz kommen dürften? Würde ich nicht 111 Schaufensterpuppen auf den Platz stellen, sondern 9000 Mannequins, für jeden deutschen Coronatoten ein Mannequin? Oder 500000 Mannequins auf dem Leipziger Augustplatz, für jeden Coronatoten weltweit?

Würde ich eine Box aufbauen, eine Art Telefonzelle, in die man treten könnte und dann würde Luft hineingepustet werden, die mit dem Sars-CoV-2-Erreger kontaminiert wäre und wer einträte, würde nicht wissen, ob ich, der Künstler es ernst meinte mit der »Ansteckungsbox«, ob man wirklich Corona bekommen würde, wenn man sich der Kunst aussetzte oder ob es nur um die Vorstellung davon ginge oder eben gerade nicht, ob diese Unsicherheit die Kunst wäre oder die Ansteckung an sich.

Die Installation auf dem Augustplatz trägt den Namen It is like it is. Der Künstler reist damit durch die Republik, er hat die isolierten Schaufensterpuppen schon vor Tönnies Schlachtbetrieb aufgebaut, er wird mit seiner Kunst, die jeder versteht, bald in jeder Nähe sein.

Ansonsten: Der brasilianische Präsident infiziert sich mit dem Coronavirus und sagt: »Es ist wie Regen, irgendwann erwischt er dich.« Die bei seiner Verkündigung der Infektion anwesenden Journalisten müssen in Quarantäne gehen. Wegen steigender Coronainfektionen werden im Iran bis auf Weiteres Hochzeitsfeiern und Trauerzeremonien verboten. Das Papa Giovanni XXIII-Krankenhaus in Bergamo feiert den ersten Tag ohne Coronapatienten auf der Intensivstation. Eine britische Studie verweist darauf, dass auch milde Verläufe von Covid19 zu bleibenden Gehirnschäden führen können.

7. Juli | Mein innerer Christian Drosten

In den vergangenen Tagen habe ich mich in nicht wenigen Situationen befunden, in denen mein innerer Christian Drosten die Hände über den Kopf zusammenschlug: drei Stunden in einem kleinen, unbelüfteten Radiostudio ohne Maske vor einem Mikrofon. Mehrere Stunden in Zügen, ohne die vor und hinter mir sitzenden Männer und Frauen, die keine Masken trugen oder unter der Nase oder am Kinn um einen korrekten Sitz ihrer Masken zu bitten. Eine Stunde beim Italiener, eng die Tische zusammengestellt. Zusammensein mit seit Ausbruch der Pandemie nicht mehr gesehenen Freunden aus anderen Clusterbereichen der Republik.

Lauter Situationen, die im April nicht denkbar schienen. Um ehrlich zu sein, ich zögerte kaum, mich hineinzugeben und es darin auszuhalten. Den Umständen entsprechend verhielt ich mich verantwortungsbewusst, die Umstände selbst waren es nicht.

Immerhin: Ich zögerte. Vor Eintritt in die jeweilige Situation war mir das Risiko bewusst. Ich schaute und wägte ab und stieß mich hinein. Ich wollte dort sein, das war ausschlaggebend, nicht die Pandemie.

Aber ich zögerte, auch, als mir ein Mann mit Backenbart schwer schnaufend auf dem als Einbahnstraße ausgewiesenen Weg in einem Einkaufszentrum entgegenkam und ich entscheiden musste, ob ich hektisch beiseite springe oder ob wir eng aneinander vorbeigehen, unsere Atemströme für einen Moment auf derselben Welle. Ich wägte ab, als eine Tür aufging und jemand heraustrat, während ich gleichzeitig hineintreten wollte. Ich stand unschlüssig, als mir eine Bekannte ein kurzes Gespräch auf der Straße anbot.

Mein innerer Drosten hält mich von Umarmungen ab, von Wangenküssen sowieso, vom Händeschütteln. Beim ganzen großen Rest allerdings kann er momentan nur traurig enttäuscht die Schultern zucken, während ich mich durch einen Sommer bewege, der Gefahren birgt, denen ich mich leidenschaftslos und schuldbewusst aussetze.

Ansonsten: Entgegen der Ankündigung mehrerer Ministerpräsidenten wird die Maskenpflicht bundesweit nicht aufgehoben. Nachdem in Frankreich ein Busfahrer mehrere Gäste auf die Notwendigkeit des Maskentragens während der Fahrt hinweist, prügeln die Gäste ihn tot. Weil wegen Corona mehr Menschen zuhause bleiben und in heimischen Gewässern baden werden, befürchtet die DLRG mehr Badeunfälle. Laut einer Umfrage leidet ein Drittel der japanischen Ärztinnen, Krankenschwestern und anderen Mitarbeiterinnen wegen Corona unter depressiver Stimmung. Weil die Quarantänezentren voll sind, schränkt Neuseeland internationale Flüge ein. Das Buch »Corona Fehlalarm?« von Sucharit Bhakdi ist auf Platz 1 der Sachbuch-Bestseller-Liste.

6. Juli | Planet Corona

Befreiend, drei Tage lang nicht über Corona schreiben zu können und damit zu müssen. Fast so, als wäre die Pandemie eine Sache wie beispielsweise die Denkmalstürze: interessant, weil sich daran viele Aspekte von Gesellschaft, Geschichte und Gegenwart diskutieren lassen, aber auch die Möglichkeit, das Thema komplett auszublenden, geradeso, als könnte ich selbst bestimmen, welchen Teil der Welt ich an mich heranlasse und an welche Teile ich nur bei Bedarf heranfliege, mich wie auf kleinen Planeten niederlasse und dort stöbere und entdecke und wenn ich genug habe, steige ich in mein Raumschiff und fliege weiter, bis der nächste farbenfrohe Pulsar mich lockt. So, als wäre die Pandemie eine Station unter vielen und nicht mein Flug.

Von allem, was in den letzten drei Tagen auf dem Coronaplaneten geschah, kenne ich nur Bruchstücke und kein einziges Bruchstück wird den Weg ins Ansonsten finden. Lese ich in zehn Jahren in diesen Monaten, wird es sein, als sei an diesem ersten Juliwochenende nichts geschehen; keine Zahlen, keine Infektionen, keine Aufreger, keine Massenveranstaltungen, keine Widersprüche, keine Toten, der Flug war friedlich, der Planet Corona Idyll.

Ansonsten: –

3. Juli | Schmach der Maske

Manche Gespräche über Corona enden mit dem Ausruf: »Ich will diese verdammte Maske einfach nicht im Gesicht haben.«

Ich argumentiere: solidarischer Akt, fünfzehn Minuten am Tag wird das wohl möglich sein, Schutz ist in mehreren Studien nachgewiesen etc. Aber der Satz steht. ICH WILL DIE VERDAMMTE MASKE NICHT IM GESICHT HABEN

Die Maske ist aus Stoff und der Stoff sitzt auf der Haut, drückt dagegen, spannt. Die Maske reibt sich selbst unter der Nase. Sie ist ein penetranter Begleiter. Anders als der Sicherheitsgurt im Auto, der ebenfalls schützt und dabei auf den Körper drückt, lässt sich die Maske beim Tragen nicht vergessen. Ich atme ihren Stoff ein, den Geruch des Stoffes, schmecke den Stoff, spüre einschneidend die Gummibändchen, die Maskenränder schieben sich in mein Gesichtsfeld. Mehr noch: Ich muss entgegen meiner Überzeugung, dass die Maske sinnvoll ist, die Maske aktiv über mich legen, mich damit bedecken, muss mich dahinter verstecken.

Mit Maske kann ich der Welt nicht mutig oder verächtlich entgegentreten. Ich ducke mich hinter einem lächerlichen, weil unnützen Stück Stoff weg. Indem ich die Maske zeige, zeige ich jedem meine Konformität, ich, der eigenbestimmt über sein Leben entscheidet. Mit Maske gebe ich mich zu erkennen als jemand, der Autoritäten folgt. Dabei misstraue ich ihnen. Das lässt die Schmach des Maskentragens doppelt schwer wiegen: die Maske als Stigma und meine Schwäche, mich ihrer zu entledigen. Die Maske ordnet mich ein, sie zeigt jedem an, wo ich vermeintlich stehe, obwohl meine Geisteshaltung eine andere ist.

»Merkel-Burka« wird die Maske von wenigen genannt. Darin schwingen zwei als solche empfundene Schmähungen mit, zwei Worte, die in Verbindung mit Frauen gebracht werden, einmal die Herrschaft, einmal die Unterwerfung. Für jene, die diese Wortkonstruktion verwenden, muss die Coronamaske die beschämende Verbindung von beiden sein, verkörpert die Maske eine doppelte Unterordnung, eine Degradierung.

Im Gegensatz zu Gesetzen, zu Politikerinnenreden, zu Talkshowdiskussionen, zu wissenschaftlichen Studien und Newstickern ist die Maske etwas, das konkret ist. Die Maske ist konkret und ist konkret an mir dran. Ich kann sie greifen, sie greift mich an, wirkt auf vier von fünf meiner Sinnesorgane unmittelbar ein, behindert dabei mein Empfinden. Sie schränkt mich ein. Die Maske macht die Pandemie, die ich nur von Hörensagen kenne, wirklich. Sie ist die unmittelbarste Verdinglichung der fernen Pandemie. Sie ist das Form gewordene Absolute, mit dem Corona die Welt geißelt.

Ich teile diese Sätze nicht, habe diese Gefühle in überwältigender Mehrzahl nicht. Ich weiß, dass ich zuspitze und dass niemand, der die Maske ungern trägt (ich z.B.), alle Sätze genau so schreiben würde, bestenfalls in Ausschnitten. Aber durch den Satz ICH WILL DIE VERDAMMTE MASKE NICHT IM GESICHT HABEN sehe ich auf diese Weise darauf, es hilft, dieses Sehen auf den Kern allen Unwohlseins.

Ansonsten: Laut einer Studie über die Ausbreitung von Aerosolen beim Singen sollte in Chören ein Abstand von zweieinhalb Meter zum Vordermann eingehalten werden. Elon Musk will Minifabriken zur Herstellung eines Coronaimpfstoffes bauen. Haustiere, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, müssen den Behörden gemeldet werden. Nach dem Ausschlag im April hat sich die Zahl der Sterbefälle in Deutschland wieder normalisiert. An der Universität von Alabama sollen sich Studenten zu Coronapartys verabredet haben; Wer sich zuerst ansteckt, gewinnt. Laut des Sprechers des Zweirad-Industrie-Verbands war Mai der stärkste Monat, den die Branche jemals erlebt habe.

2. Juli | Allheilmittel

Gestern die Nachricht, dass die amerikanische Regierung so gut wie alle Vorräte Remdesivir aufgekauft hat. Remdesivir ist die momentan erfolgsversprechendste Arznei gegen Covid19, da es die Genesungszeit um mehrere Tage verkürzen soll. Dieses Beispiel zeigt gut, wie der Markt alles regelt, besonders für jene, die es sich leisten können.

Jedenfalls die Frage: Was passiert eigentlich, wenn es ein echtes Heilmittel geben wird? Eines, das entweder Erkrankte heilt, oder, besser noch, wie sonstige Impfungen präventiv wirkt? In Contagion bringen am Ende der Geschichte Armeefahrzeuge das wertvolle Serum in festungsähnlich gesicherte Gebäude, die Ampullen liegen wie Diamanten in kleinen Köfferchen, betonen so die Kostbarkeit der lebensrettenden Objekte. Wie wird das in der realen Welt vonstattengehen, mit der man zwangsläufig auskommen muss?

Angenommen, es wird einmal dieses eine Allheilmittel geben und keinen Medikamentencocktail, keinen Wettstreit zwischen zehn Impfstoffen, unter denen man wie beim Handytarif individuell den am besten geeigneten wählen muss. Und wenn es dieses Mittel gibt, dann wird es nicht für acht Milliarden zur Verfügung stehen, ganz sicher nicht von Anfang an.

Die Impfstoffproduktion wird anlaufen, Chargen werden hergestellt und es muss entschieden werden, wer zuerst geschützt sein darf. Wer entscheidet darüber, wonach wird entschieden? Entscheidet der Markt und damit die Teilnehmer mit dem meisten Geld? Wird nach dem Produktionsort des Medikaments entschieden? Nach Nationalität? Nach Mitgliedschaft in Staatsverbünden? Wird geklüngelt?

Und wenn das Serum im Land ist, wer bekommt das Vorrecht auf die ersten Impfungen? Geht es nach Systemrelevanz? Wie wird sich diese definieren? Werden Ärztinnen zuerst geimpft, Altenpflegerinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Supermarktverkäuferinnen, Fußballer? Politikerinnen und falls ja, bis zur welchen Ebene hinab? Wird es eine Impfstofflotterie geben, so, wie die USA damals die Einzugsbefehle im Vietnamkrieg auslosten? Wird man den Impfstoff kaufen können, auch auf dunklen Wegen?

Von wem wird die Verteilung wie diskutiert werden? Wie werden Coronaskeptiker auf die Nachricht reagieren, dass sie geschützt sein könnten vor dem Virus? Wie die klassischen Impfgegner? Wird man es ihnen gönnen?

Und wenn alle geimpft sind, wie wird sich das Impfen in den Alltag einfügen? Werden alle heute noch nicht geborenen Kinder bei der U5 neben Tetanus zukünftig auch gegen Covid geimpft werden? Wird man die Covidimpfung einmal jährlich auffrischen lassen können? Wird es ähnlich wie beim Grippevirus sein und werden sich jährlich Experten treffen, um den kommenden Covidvirenstamm zu vermuten und so ein jährlich wechselndes Serum entwickeln? Wer wird sich dann jährlich impfen lassen? Und, falls nur wie bei FSME alle drei bis fünf Jahre eine Auffrischung nötig ist, wer wird sich alle drei bis fünf Jahre daran erinnern? Wird, weil für 85% aller das Virus keine Gefahr darstellt, Corona vergessen sein, die Covid19-Impfung optional??

So oder so wird die Sache mit der Impfstoffverteilung eines der späteren Coronakapitel sein, Sommer 2021 wird es geschrieben werden, möglicherweise später, und es wird eine Menge erzählen über die Welt, die Menschen, ihre Gesellschaft.

Ansonsten: Seit gestern gilt der ermäßigte Mehrwertsteuersatz. Laut WHO wurden sechzig Prozent aller Covid19-Fälle erst im letzten Monat gemeldet. Nach einem Vierteljahr Quarantäne in einem Schloss in Brandenburg kann ein Orchester aus Bolivien nun die Heimreise antreten. Die Bundesregierung verlängert den Corona-Kündigungsschutz nicht. Aufgrund weniger Autogeräusche während des Lockdowns sinkt in Großbritannien die Singlautstärke von Vögeln um die Hälfte. Wer zu früh lockert, hilft dem Coronavirus.

1. Juli | Bleiche

Seit Mai brutzelt die Sonne auf die Plakatwand vor dem Lichthauskino, wo seit Mai dieselben sieben Plakate hängen: Systemsprenger. Kein Saal wurde seit März bespielt, Tenet, die große Sommerblockbusterhoffnung, immer wieder verschoben. Auf den überstrahlten Plakaten ist aus dem Gesicht Helena Zengels alle Farbe verschwunden, hat sich das aggressive Rosa zu leerem Weiß gewandelt, ist die Metapher Corona=Systemsprenger verblichen. Ab morgen läuft wieder ein Programm, es setzt den März fort.

Ansonsten: Die Rekordwärme in Sibirien löst Waldbrände in Torfgebieten aus. Die chinesische Partei lässt in Internierungslagern Frauen der Uiguren sterilisieren. In Ostafrika, Südamerika und Indien zerstören Heuschreckenschwärme die Ernten. In Deutschland erzeugen erneuerbare Energien im ersten Halbjahr mehr als die Hälfte des Stroms.

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Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | komplett

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