Coronamonate. September.

25. September | die nächsten fünfhundert Tage

Die letzten Tage viel über die nächsten Tage gesprochen, die nächsten fünfhundert Tage. Es geht um die Annahme der näheren Zukunft, um Pläne und Vorhaben und wie diese in Einklang zu bringen sind mit der Pandemie. Anders als im März, als es nahezu unmöglich schien, irgendeine Prognose über den weiteren Verlauf der Coronazeit treffen zu können, scheint das nun möglicher.

Was sind die Erwartungen an Herbst/Winter, die Freiluftsaison, den Herbst 21? Die Frage dabei ist nicht, wie sich das Virus verhalten wird, sondern, wie wird reagiert und welche Folgen können diese Reaktionen für meine Absichten haben?

Der Prognose-Konsens ist: Es bleibt, wie es ist, wird aber nicht schlimmer. Die Gespräche gehen nicht von einer Märzsituation aus, einem kompletten Entleeren und Zurücknehmen. Und kein Gespräch geht davon aus, dass vor Ende des nächsten Jahres eine irgendwie geartete Normalität eintreten wird. Es wird Masken geben und Abstand und größere Veranstaltungen als Ausnahme, nicht als Regel. Schließungen werden kommen, aber nicht ständig und überall und zur selben Zeit.

Diese Prognosen stützen sich auf die Annahme, dass es keine Akzeptanz mehr gibt für ein flächendeckendes, in alle Bereiche eingreifendes Eindämmen. Dazu die Annahme, dass alle mehr wissen als vor sieben Monaten, dass bestimmte Verhaltensweisen selbstverständlich geworden sind, dass zumindest bei Bedarf fast alle darauf zurückgreifen könnten. Und die Annahme geht davon aus, dass die medizinische Auswirkung des Virus so bleibt, wie es hierzulande war.

Auch wenn die Erwartungen in den Gesprächen übereinstimmen, gibt es keine Gewähr für deren Eintreffen. Aber sie helfen, die Illusion einer Planbarkeit des Lebens aufrecht zu erhalten. Ich muss Veranstaltungen kleiner als in früheren Jahren vorbereiten. Aber immerhin kann ich sie vorbereiten.

Im Hinterkopf stets die Annahme, dass jederzeit und sehr kurzfristig die Planung nicht aufgeht. So wie bei einem Lesefestival auf dem Weimarer Ettersberg, das von Juni auf den September verschoben wurde und wenige Tage vor Beginn abgesagt werden musste, weil eine Busreisegruppe aus dem Weimarer Land sich in Tschechien infizierte. Diese Reisegruppe kann jederzeit fahren und ankommen. Sie kann vor der Haustür parken und die Senioren stürmen die Wohnung und machen alle sorgsam einkalkulierten Eventualitäten obsolet. Aber die nächsten 500 Tage beginnen morgen, niemand weiß, wie sie verlaufen, aber der Plan steht trotzdem, der Ausgang, ebenso wie die Tür, offen.

Ansonsten: Aufgrund der durch die steigenden Infektionszahlen belegten Intensivstationen, werden in Pariser Krankenhäusern erstmals seit Frühjahr wieder nicht zwingend notwendige Operationen abgesagt. Am Flughafen Helsinki werden Hunde zum Aufspüren von Infizierten eingesetzt. Mit der kostenlosen Einladung von 4400 Influencerinnen will die Urlaubsinsel Bali den Tourismus wieder ankurbeln. Kanzler Kurz fordert: »Skivergnügen ja, aber ohne Après-Ski.«

24. September | Coronamonate Klimajahrzehnte

Sieben Monate sind seit dem Beginn der Coronatemonate vergangen. Mehr als zweihundert Tage schauen, lesen, suchen, schreiben unter nur einem Blick. Die Nervosität, die Müdigkeit, selbst das Bewusstsein einer Routine ist gewichen. Es gehört dazu, einige Sätze am Tag zu dem oder dem zu schreiben. Die letzten Wochen fühlten sich an wie ein Auslegen von Fährten, von dem, was kommen könnte, was über den Herbst hinauswächst.

Dennoch immer öfter das Gefühl, dass es der falsche, weil unwichtige Blick ist, unter dem ich schreibe, nicht das entscheidende Thema zum Zentrum der Worte zu machen. Anstatt Coronamonate müsste ich Klimajahrzehnte schreiben; festhalten, was entgleitet, wo wann welches Kippelement aufploppt und wie dieses wahrgenommen wird und ob und wer dazu welche Reaktion parat hat oder keine.

Am deutlichsten wurde mir das Anfang September bewusst. Ich sehe ein Video von San Francisco. Eine Drohnenkamera schwebt über die Wolkenkratzer, jedes Gebäude das Gemälde einer eigenen Welt. Über den Straßen, über der Metropole, über allen ein oranger Himmel, die Farben so, weil Kalifornien brennt. Unter die Bilder dieses endzeitlichen Städteflugs ist die Filmmusik von Blade Runner 2049 gelegt. Blade Runner 2049 ist eine Dystopie. Die realen Bilder fügen sich nahtlos ein, es gibt keinen Bruch zwischen Gegenwart und Zukunftserwartung.

Ich denke: Das ist jetzt. Der brennende Himmel ist jetzt. Was einmal an Pessimismus in die Zukunft projiziert wurde, geschieht heute: das Futuristische ebenso wie das Apokalyptische. Technik und Untergang stehen nebeneinander. Die Bilder, die man vor fünfzig Jahren gezeichnet hat, lassen sich heute in der Realität finden.

Das bedeutet auch: Die Zerstörung passiert nicht irgendwann. Sie passiert in diesem Augenblick. Es geht nicht mehr darum, sie zu verhindern. Sie ist schon passiert, sie passiert weiterhin. Es kann kein Ende geben, das ausschließlich gut ist. Was geschehen könnte, geschieht bereits.

Die Katastrophen steht nebeneinander, scheinbar als Gegensatzpaar: das verschlingende Feuer und das steigende Wasser. Die Dürre und der Regen. Das schmelzende Süßwassereis und die Verknappung des Trinkwassers. Die Versalzung der Erde. Das Sterben der Meere. Das Sterben der Tiere. Die Stürme, von denen es so viele gibt, dass mittlerweile für sie die Namen ausgehen. Das Tauen der Permafrostböden. Das unwiederbringliche Verbrennen des Regenwalds.

Die Bilder, Videos, Berichte ploppen permanent auf, ständig irgendwo ein visualisierter Tipping Point. Dazu die Zahlen, die Kurven und Berechnungen: alles ist da, es ist vor allen Augen. Und doch scheint es bei allem, was gleichzeitig geschieht, unmöglich, diese so unterschiedlichen Erscheinungen zusammenbringen, alles übereinzustapeln und dann endlich gemeinschaftlich, furchtsam, solidarisch und latent zuversichtlich dieses gewaltige, bedrohende Gebilde zu betrachten. Jede einzelne Erscheinung wäre Grund genug für diesen Blick. Alles zusammen ist überfordernd, weil klar scheint: Das ist nicht zu schaffen.

Corona ist – bei aller Komplexität, bei allem Eingriff in alle Lebensbereiche – nur eins. Eine Sache, die letztlich, bei allen Opfern, handhabbar ist. Ein Impfstoff ist nicht das alleinige Ende. Aber es wäre ein Ende. Die Klimakatastrophe ist alles. Und das zugleich. Alle Lösungen müssen gefunden werden. Niemand entwickelt sie in einem Jahr im Labor, es genügen keine acht Milliarden Ampullen, um zu kurieren. Die Klimakatastrophe ist alle Herausforderungen auf einmal.

Ja, es wäre weitaus angemessener, nicht über die Coronamonate zu schreiben, sondern über die Klimajahrzehnte.

Ansonsten: Im August werden mehr als dreißigtausend Brände im Amazonas registriert. Das Eis in der Arktis schrumpft in diesem Jahr besonders stark. Großflächige Feuer setzen in Sibirien Rekordmengen Kohlendioxid frei. Vom größten Gletscher der Arktis bricht ein 113 quadratkilometergroßes Stück ab. Die Regierung des Sudan ruft nach wochenlangen Regenfällen den Notstand aus. Laut einer Studie verursacht das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung mehr als doppelt so viel Kohlendioxid wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen.


23. September | Utopie / Dystopie

(Utopie) »Ich würde mir wünschen, dass, so wie jetzt die Masken in den Pfützen schwimmen, im Spätherbst die Teststreifen der Schnelltests dort liegen.«

(Dystopie) ist, wenn sich in Amerika die MAGA-Wahlgängerinnen zu tausenden dicht an dicht drängen, wenn sie ihre eigenen Politiker ausbuhen, sobald diese Masken empfehlen, wenn diese MAGAs am 3. November den Mann und seine Regierung wiederwählen, das in einem Land, in dem jeder 23. Mensch lebt, aber aus dem jede 5. Coronatote kommt. Wenn eine Pandemie und deren katastrophales Management nicht ausreicht, um zumindest den Ansatz einer Selbstreflektion hervorzurufen, was dann?

Und der Gedanke, dass in dreißig Jahren, wenn die Pandemie zu schwarzweiß-Bildern vergilbt ist, diese MAGAs in den Chroniken blättern und maskenlose Fotos von sich selbst auf den Rallyes sehen werden, wenn ihre wutverzerrten Gesichter als Beispiel dafür stehen werden, was 2020 alles schief gelaufen ist, dass dann eine Art Erkenntnis einsetzt, ein nachträgliches Bewusstsein dafür, dass immer alles möglich sein kann, auch die größte anzunehmende Unfähigkeit, die Realität einigermaßen vernünftig einzuschätzen.

Ansonsten: Nachdem einer seiner Personenschützer positiv getestet wurde, geht Außenminister Heiko Maas in Quarantäne. Der Bundesentwicklungsminister warnt, dass an den Folgen der Eindämmungsmaßnahmen mehr Menschen sterben könnten als am Virus selbst, speziell in Afrika. Bei einer Umfrage können sich knapp zwei Drittel der Befragten eine Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen vorstellen, ein knappes Drittel ist dagegen. Wegen der aktuellen Infektionslage in Österreich wird der Wiener Opernball abgesagt.

22. September | Transparent

Fast den gesamten Tag mit Corona verbracht, aber anderorts, nicht in diesen Einträgen. Deshalb nach acht keine Überlegungen mehr zu Pandemie. Nur diese Beobachtung, die mir seit Tagen auf den Augen liegt: Vermehrt sehe ich Menschen, die transparente Masken tragen. Sie tragen Gesichtsvisiere aus durchsichtiger Plastik, Vollvisiere, übergroße Faceshields oder Minivisiere, die am Kinn befestigt sind, eine kleine Plastikscheibe bedeckt die Nase. Größtenteils wirkungslos ist beides, die Visiere dienen den ausgehusteten oder ausgeniesten Aerosolen als Schanze, mit deren Hilfe sie sich in den Raum katapultieren können, die Streuung vergrößern.

Manche tragen auch klassische, schützende, weil enganliegende Masken, die anstatt aus Stoff aus transparentem Material besteht. Der Effekt ist ähnlich: Ich schaue auf die geschützten Menschen und bin irritiert, denn da, wo ich Schutz vermute – und Schutz ist eine Sperre – ist ein Mund und eine Nase, eine Öffnung. Ich sehe ein Gesicht, wo ich keines erwarte, es sich lässt komplett betrachten und widerspricht damit dem, was diese Monate erfordern.

Ansonsten: Der Virologe Christian Drosten und die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim erhalten das Bundesverdienstkreuz. Die Zahl der Corona-Toten übersteigt in den USA die Zahl 200000. Nach dem Anstieg der Neuerkrankungen plant Schweden einen Strategiewechsel in der Coronabekämpfung. Wegen Corona wird die Zeremonie für Friedensnobelpreis an einen anderen Ort verlegt. Mit zwei Millionen steigt Zahl der weltweiten wöchentlichen Neuinfektionen auf den höchsten Wert seit Pandemiebeginn.

21. September | Ansteigen

Die Infektionszahlen steigen. Mir wird versichert: Das liegt auch an den häufigen Testungen. Mir wird versichert: Im Vergleich zu März infizieren sich nun andere Bevölkerungsgruppen – die Jungen, die Gesunden – die Gefahr ist geringer, als die Zahlen es zu vermitteln scheinen.

Dennoch: Die Zahlen sind da. Sie steigen. Ich nehme das hin. Der Herbst, die zweite Welle, die Urlaubsrückkehrer erst, die Schulen nun, das zunehmende Drinnensein: Die Zahlen müssen steigen. Ich gewöhne mich daran. 1200, 1600, 2000. Ich frage nicht: Ab welcher Größe werden die Zahlen zu Veränderungen führen? Ich weiß nicht, ab welcher Zahl Israel den zweiten Lockdown beschloss. Ich weiß nicht, welche Zahl pro 100.000 nicht überschritten werden darf. Ich kenne das 7-Tages-Mittel nicht. Ich weiß nicht, wie ich die fünfstelligen Zahlen aus Frankreich mit den Zahlen aus Deutschland ins Verhältnis setzen soll, wie die Zahlen aus Wien. Ich weiß nicht, ab wann die Zahlen nur steigen und ab wann exponentiell wachsen. Ich habe vergessen, was dann zu tun wäre, wie dem verhängnisvollen exponentiellen Wachstum Einhalt geboten werden kann. Ich weiß nicht, ab wann das Steigen zu Besorgnis geführt hat und wann es zu mehr führen wird.

Ich weiß nur: Die Zahlen steigen. Seit einigen Wochen bin ich gewöhnt daran.

Ansonsten: Aufgrund der anhaltend hohen Infektionszahlen in München beschließt der Krisenstab der Stadt zukünftig eine Maskenpflicht auf bestimmten öffentlichen Plätzen und Straßen. In Teilen Madrids beginnt ein zweiwöchiger Lockdown. In Bayern befinden sich momentan fast 9000 Schülerinnen in Quarantäne. Über sechzig Länder verpflichten sich, die weltweit gerechte Verteilung eines Impfstoffs Coronavirus finanziell zu unterstützen. Im Übergangslager auf Lesbos breitet sich das Virus weiter aus. Die Verleihung der Emmys findet ohne Publikum statt. In den ersten sechs Monaten 2020 wurde in Deutschland deutlich weniger geheiratet als in den Jahren davor. Nach dem engen Zusammensitzen der FC Bayern Funktionäre auf der Tribüne beim Bundesligastart werden diese vom Kanzlerkandidatenkandidaten Friedrich Merz »dumm und arrogant« genannt.

19. September | im Vergleich zu März

was es im Vergleich zu März nicht mehr / kaum noch gibt:

den Einkaufswagenzuteiler im Supermarkt
Stehlen von Desinfektionsmitteln
Horten von Klopapier
Zoom-Lesungen
abgesperrte Spielplätze
Sitzverbote auf Parkbänken
Erstaunen über die Veränderung
die Verwendung des Begriffs »das neuartige Coronavirus«
Freunde, die Masken nähen
Zeitung, die sich ausschließlich mit Corona beschäftigen
Klatschen auf Balkon
die Hoffnung, dass man sich durch Corona auf das Wesentliche besinnt
Corona-Tagebücher

Ansonsten: Polen und Dänemark melden so viele Neuinfektionen wie noch nie seit Beginn der Pandemie, in Deutschland steigt der Wert über 2300. Aufgrund von Sicherheitsbedenken und Reisebeschränkungen reduziert die OSZE die Zahl der Beobachter bei der Wahl in den USA um fast 90%. Etwa 50 Millionen Euro erhalten die Karnevalsvereine als Entschädigung für die Absage des Karnevals in NRW.

18. September | du/Sie – Die Adressierten

An wen sind diese Einträge adressiert? An Dich natürlich, an Sie, der die diese Worte jetzt gerade liest/lesen, die sich in genau diesem Moment fragt/fragen: Bin ich damit gemeint? Und wenn ich bestätige – ja, Du/Sie bist/sind es – dann wirst/werden Du/Sie sagen: Ich bin unsichtbar. Beim Lesen bin ich verschwunden aus der Welt, da gibt es nur mich und diesen Text.

Genauso geht es mir: Wenn ich schreibe, gibt es nur mich und diesen Text. Trotzdem bindet der Text Dich/Sie aneinander, über Raum und Zeit hinweg. Es ist jetzt gerade der 18. September 0:22 Uhr und wenn Du/Sie das liest/lesen, ist es … . Aber die Worte bleiben die gleichen, sind sie einmal geschrieben.

Wenn ich den Text für niemanden außer für mich schreiben wollte, würde ich den Text nicht online stellen. So geht der Text raus und steht zur Verfügung. Ich denke beim Schreiben nicht ans Gehörtwerden. Nur nach dem Schreiben denke ich daran.

Beim Sprechen ist das anders. Ich sehe, wen ich spreche. Es verändert das Reden über Corona. Mal ist Corona Small-Talk. Ich treffe einen Fremden oder Bekannten, wir sprechen über das Wetter, wir sprechen über Infektionszahlen, neue Cluster, irgendeine der vielen Begebenheiten, die nichts Drastisches beinhalten, etwas, das die Brücke zum nächsten Teil der Kommunikation schlägt oder schon die eigentliche Kommunikation ist: das gegenseitige Vergewissern, dass man miteinander reden kann und sich deshalb friedlich gegenübersteht.

Über Corona zu sprechen kann ehrliches Interesse sein: wenn die Gegenüber etwas zu berichten weiß, das von der Norm abweicht, eine mir nicht bekannte Information, ein persönliches Erlebnis, das Kennen von jemanden, der die Krankheit hatte, etwas, das mir neu ist und über das ich mehr erfahren möchte.

Corona dient auch dazu, mein eigenes Weltbild im Gegenüber bestätigt zu finden. Ich erwähne Fakten und Meinungen, um zu testen, ob meine Gesprächspartnerin diese teilt. Teilen erleichtert die Kommunikation. Ich muss dann nicht überzeugen, ich muss nicht kämpfen, ich bin Teil von mindestens zweien. Ich bin nicht allein. Also muss ich recht haben. Ich bestätige mich selbst im Anderen.

Merke ich, dass ich nicht bestätigt werde, ändert sich das Gespräch über Corona. Ich taste ab, in welchem Bereich des Spektrums der Coronawut sich mein Gegenüber befindet. Danach richtet sich die Intensität der folgenden Rede. Wird sie zu einer sachlichen Diskussion führen, bei der ich zu neuen Erkenntnissen gelange, vielleicht sogar eigene Positionen hinterfragen muss? Oder schalte ich sofort auf Angriff, muss ich mich augenblicklich verteidigen?

Oft steht dann nicht nur Rede gegen Rede, sondern wächst in mir auch das Bedürfnis, mein Gegenüber zu überzeugen und zu bekehren. Ich bin dann auf einer Mission. Die Diskussion soll einen Zweck erfüllen und weil ich – es kann gar nicht anders sein für mich – auf der richtigen Seite stehe, muss der Gegenüber auch auf diese Seite gezogen werden, ansonsten würde das Gespräch seinen Zweck verfehlt.

Beim Schreiben ist das anders. Ich sehe niemanden in die Augen. Es gibt keinen Widerspruch. Die Worte fließen in nur eine Richtung. Das zwangsläufige Schweigen nehme ich als Bestätigung, anders könnte ich nicht schreiben. Zu wissen, dass jeder Satz eine langwierige Diskussion nach sich ziehen könnte, würde es mir unmöglich machen, mehr als einen Satz pro Tag schreiben.

Nur hin und wieder gibt es in privaten Gesprächen einen Verweis auf die Einträge, nicht inhaltlich, aber die Bestätigung, dass gelesen wird. Es ist, was ich will: Die Adressatin meiner Worte ist die schweigende und damit vermeintlich zustimmende Leserin. Ich muss sie beim Schreiben nicht vor Augen haben, weil ich ihr nie in die Augen sehen werde.

Und doch gibt es Passagen, die an einen Adressaten gerichtet sind. Es sind die Passagen über die Coronawut. Sie dienen dazu, mich abzugrenzen, meine Position und meine Haltung sollen sie verdeutlichen, sie sollen es denen, die von »Maulkorb« oder »Diktatur« sprechen, unmöglich machen, mir auf die Schultern zu klopfen für mein Schreiben.

Diese Passagen sind eine Spiegelfechterei. Sie vereinfachen den Adressaten. Dabei sind sie an Personen gerichtet, die in Wirklichkeit viel komplexer sind, als ich sie mir beim aufgebrachten Schreiben ausmale. Bei allem Bemühen um Differenzierung schere ich sie über den Kamm. Das ist wichtig für dieses Schreiben, es kanalisiert mein Aufgebrachtsein, lenkt den allgemeinen Zorn auf eine Gruppe, die sich alle Mühe gegeben hat, Adressat dieses Zorns zu sein. Die Passagen sind eine Katharsis. Sie leiten die ständig einschlagenden Blitze ab. Ohne dieses Ausformulieren, den Versuch, das Auskotzen meiner Irritation in sachliche Absätze zu fassen, wäre es mir nicht möglich, anders über Corona zu schreiben. Das Schreiben über mein Unverständnis leert den Kopf und schafft Platz für weitere Aspekte der Pandemie.

Die Adressierten sind von Bedeutung. Gäbe es Dich/Sie nicht, gäbe es diese Einträge nicht.

Ansonsten: Ab Montag sind in Bremen Reichsflaggen verboten. Am ersten Oktoberfestsamstag gilt auf der Theresienwiese ein Alkoholverbot. Jemand bietet Christian Drostens »Ich habe Besseres zu tun« auf T-Shirts an.

17. September | Bequeme Zahlen (II) + (III)

Dieser Eintrag war für heute geplant:

(Bequeme Zahlen II) Letztens öfter Texte gelesen bzw. auf Texte verwiesen wurden, welche die Todeszahlen der vergangenen Jahre gegeneinander aufrechnen. Und am Ende recht stolz zu dem Ergebnis kamen, dass die Todeszahlen von 2020 nach dem Anstieg im März/April deutlich sanken und teilweise niedriger waren als in den Jahren zuvor. Dass also »das „Katastrophenjahr“ 2020 wohl als das Jahr mit den wenigsten Todesfällen in dieser Dekade in die Geschichte eingehen« werde.

Ich erwähne dies, weil diese Art der Beweisführung zur Ungefährlichkeit des Virus hartnäckig oben schwimmt. Gerade bei den Texten, die sich sehr ausführlich damit beschäftigen und die korrekten Zahlen aufwendig aufschlüsseln, erstaunt mich, dass sie am Ende den einen, so entscheidenden Gedankengang nicht vollziehen: Die Zahlen vom Mai und Juni MÜSSEN unter den Zahlen von März/April liegen, weil dann die Maßnahmen wirkten. Wie sollen auch die Todeszahlen steigen, wenn weltweit so einschränkende Maßnahmen beschlossen wurden?

Ich verstehe nicht, wie kluge und akribische Menschen diesen Zusammenhang nicht einmal in Betracht ziehen. Wie sie auf Zahlen verweisen und die Situation, in der diese entstanden, außer acht lassen. Ich bin erstaunt, nein, ich verstehe, und unterstelle deshalb eine Absicht im Auslassen. Und bemerke an mir, wie mich jede dieser Argumentationen unnötig aufstachelt und hochpeitscht. Dabei wäre es viel einfacher zu sagen: Solche Gedankengänge sind dann eben für die mit den bequemen Zahlen bestimmt.

(Bequeme Zahlen III)

Kurz nachdem ich das geschrieben habe, lese ich einen Text über die »Superspreaderin von Garmisch«. Am Montag setzte ich folgenden Satz ins Ansonsten: »Weil eine Amerikanerin trotz Symptomen mehrere Clubs von Garmisch-Partenkirchen besuchte und dabei dreißig Personen mit dem Virus infizierte, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen sie.«

Der aktuelle Artikel klärt auf, dass wenig davon stimmt. Die Frau arbeitete in einem Hotel, zog also nicht durch »mehrere Clubs«, es gab auch keine dreißig Infektionen durch sie, sondern drei, dazu ist unklar, ob der Arzt ihr die Auflage zur Quarantäne überhaupt erteilt hatte. Kurz gesagt: Mein Satz ist eine Unwahrheit, eine letztlich ehrenrührige Unterstellung.

Im Gegensatz zu Bequeme Zahlen II folgte mein Ansonsten mit der angeblichen Superspreaderin keiner Agenda. Ich schrieb ihn auf als ein Beispiel dafür, was an diesem Tag geschah, die Schlüsselworte waren wohl »durch Clubs gezogen« und »fahrlässige Körperverletzung«. Die Begebenheit erschien mir recht extrem, ein Sinnbild für Unverantwortlichkeit und deren Folgen. Die Informationen dazu entnahm ich einem Artikel. Ich prüfte die Informationen nur dahingehend, dass ich sicherstellte, dass es mehrere Artikel zu diesem Thema mit gleichem Inhalt gab. Viele schrieben darüber, also musste es stimmen.

Praktischerweise konnte ich nicht prüfen, ob das so stimmte. Um sicherzugehen, hätte ich mehrere Tage bis zu einer möglichen Korrektur abwarten müssen. In mehreren Tagen hätte diese Begebenheit nicht mehr zum aktuellen Tag gehört. Die Begebenheit wäre unter dem Stapel der ständig neuen Corona-Begebenheiten verloren gegangen.

Warum ich das so ausführlich aufschreibe? Weil ich damit sagen will, dass ich mich auf Texte aus Quellen, denen ich grundsätzlich nur wenig Argwohn entgegenbringe, verlasse. Auch verlassen muss. Dieses Verlassen führt dazu – nicht als Regel, nicht einmal oft – dass ich später das Gegenteil der einstigen Informationen schreiben muss, um näher an der Wahrheit zu sein.

Das geschrieben zu haben, frage ich mich, ob es einen Unterschied zwischen Bequeme Zahlen II und Bequeme Zahlen III gibt. Kann ich einerseits den Vorwurf erheben, dass manche Zahlen und Fakten mutwillig falsch darstellen? Kann ich das und kann dann selbst Informationen in meine Texte aufnehmen, ohne sie wasserfest abzusichern?

Wo liegt der Unterschied zwischen II und III? Dass ich nach Möglichkeit die eigenen Fehler benenne? Dass ich Fehlinformationen nicht aus Vorsatz teile, sondern aus Nachlässigkeit? Genügt das schon zur Rechtfertigung? Und müsste ich nicht, um ganz sicherzugehen, auf alle Informationen verzichten und komplett auf die eigene Wahrnehmung zurückfallen? Weil diese ist, was sie ist, nämlich unzureichend und fehlerhaft und damit unangreifbar für Vorwürfe jeglicher Art? Dürfte ich erst Kritik üben, wenn ich selbst über jede Kritik erhaben wäre?

Ansonsten: Die WHO spricht von einem »alarmierender« Anstieg der Infektionen in Europa. Auf der Theresienwiese in München, wo am Samstag das Oktoberfest hätte eröffnet werden sollen, stehen nun Corona-Testzelte. Zum Start der Fußballbundesliga dürfen zwanzig Prozent der Stadionkapazitäten genutzt werden. Auf Instagram vermeldet die Digitalstaatsministerin Dorothee Bär, dass sie sich nach einer Warnung durch die Coronaapp in Quarantäne begeben habe. Auf Instagram vermeldet Anna Netrebko, dass sie mit Covid19 und einer daraus resultierenden Lungenentzündung im Krankenhaus liegt.

16. September | gestern revidieren

Ich nehme mir meinen gestrigen Eintrag nicht ab. Ich will kein neues Wissen, ich will auch keine neuen Theorien kennenlernen, nicht verstehen, was das mit Clustern meint, keine Texte will ich lesen und mir einen Standpunkt dazu bilden müssen.

Das ich es weiterhin tue, geschieht nur aus Pflichtbewusstsein, vielleicht diesen Einträgen gegenüber. Wenn ich hier nicht schreiben würde, hätte ich vermutlich längst aufgegeben, aufgegeben, einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben. Vielleicht lese ich auch nur weiter, um mich abzuheben von den Coronawütenden, damit ich ihnen irgendetwas entgegnen kann, Argumente habe gegen ihr bequemes Denken, um vor mir selbst im Reinen zu sein, um sagen zu können: Ich mache es mir nicht leicht.

Aber im Prinzip will ich das alles nicht. Im Prinzip will ich, dass die Coronamonate vorbei sind, selbst wenn ich weiß, dass dieser Wunsch absehbar und offensichtlich nicht erfüllbar ist. Ich will einfach das nächste halbe Jahr die Maske aufsetzen, mehrheitlich Abstand halten und hoffen, damit durchzukommen. Ich will mich nicht mehr informieren, keine Komplexität, alles einfach. Wenn ich schreiben würde, würde ich jeden Tag das Gleiche schreiben, nur mit anderen Worten mich wiederholen, ohne dem einmal Gedachten etwas hinzuzufügen. Ich würde den aktuellen Wissenstands einfrieren wollen und davon bis zum Ende zehren. Damit würde ich gern durchkommen. Und dann beginnt der Herbst 2021.

Ansonsten: Das Robert Koch-Institut erklärt Wien zum Risikogebiet. Indien, das mit 5 Millionen weltweit die zweitmeisten Infizierten hat, will ab Ende 2020 hundert Millionen Dosen des russischen Impfstoffes Sputnik V einsetzen. Wegen der hohen Zahl von Neuinfektionen bleibt die Große Synagoge in Jerusalem zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu Rosch Haschana geschlossen. Wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Überlastung streiken die Angestellten in zwanzig französischen Corona-Testkliniken. Nachdem der Test eines Ministers negativ ausgefallen ist, muss die irische Regierung doch nicht in Quarantäne gehen. In einer Bürgersprechstunde sagt der amerikanische Präsident, dass aufgrund der »Herdenmentalität« Covid19 auch ohne Impfung verschwinden werde.

15. September | Cluster ausheben

Noch immer bin ich dabei zu verstehen, was geschehen ist, was sich geändert hat, was anders gesehen werden muss in diesem Herbst und Winter im Vergleich zur ersten Phase der Pandemie. Was ich begreifen muss, um zu bestehen, ist mir noch unklar. Ich lese mehrere Texte, die Ähnliches fragen und sagen.

Im Grunde genommen geht es darum, einen Unterschied zu machen zwischen Infektion und Erkrankung. Es geht um die aktuell steigenden Infektionszahlen ohne gleichzeitige Zunahme von Intensivbehandlungen und Todesfällen und was dies für eventuell neue Maßnahmen bedeutet. Es geht darum, dass im Vergleich zum Frühjahr viel mehr Wissen über das Virus und dessen Verbreitung existiert und die Frage, welche anderen Wege dieses Wissen erfordert. Es geht darum, schwere Maßnahmen nach aller Möglichkeit zu vermeiden, weil die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Maßnahmen mittlerweile bekannt sind.

Es sind Erfahrungswerte, die auf eine (leicht) veränderte Situation angewendet können und irgendwie ist es beruhigend, dass es keinen Stillstand gibt, sondern weiterhin ein Hand-in-Hand zwischen Veränderung und dem Bestreben, dieses Verändern gestalten zu können.

Ich lese einen Text von Christian Drosten. Er schreibt von einer Isolierung vom Clustermitgliedern, vom Führen eines Kontakttagebuchs, von Abklingzeit anstatt Quarantäne. Er schreibt: » Die gezielte Eindämmung von Clustern ist anscheinend wichtiger als das Auffinden von Einzelfällen«, schreibt von einer » Testung auf Infektiosität statt auf Infektion«, schreibt »dass eine vollkommene Unterbrechung der Einzelübertragungen unmöglich« sei und deshalb ein Restrisiko bleibe.

Beim Lesen denke ich, dass die Vorschläge und Gedankengänge differenziert, durchdacht und abwägend sind. Manche der wichtigen Passagen muss ich mehrmals lesen, um sie zu verstehen. Ich denke, dass es immer schwer ist, Komplexität und Vielschichtigkeit zu vermitteln, dass das Komplexe und Ausgewogene immer dem Schrillen und Einfachen unterlegen sein wird, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung und dem, was sie bestimmt, der Kommunikation.

Wie lässt sich das Clustervorhaben vermitteln? Wie führt man die neue Begrifflichkeit einer »Abklingzeit« ein? Wie bringt man 83 Millionen Menschen dazu, ein Kontakttagebuch zu führen? Ich, der ein Coronatagebuch schreibt, ziehe nicht ernsthaft in Erwägung, von nun an jeden Tag alle Kontakte in ein Dokument zu notieren, auch, wenn mir diese Forderung beim Lesen des Textes nachvollziehbar erscheint.

Jedenfalls sind da neue Fragen und ist neues Wissen, wieder ein Anfang, ein erster Stein, über den sich ein nächster schichten wird und irgendwann wird da ein Haus stehen, unter dessen Dach ich schlüpfen kann, Schutz finde angesichts all des Unwissens, das mich trägt, solange, bis dieses Haus zu eng wird für die Welt und ihre sich ständig ändernde Wirklichkeit.

Ansonsten: An der Wirksamkeit des Coronaimpfstoffes »Sputnik V« wird Kritik geübt, von Manipulationen durch Photoshop in den Datenreihen ist die Rede. Die gesamte irische Regierung geht in Quarantäne. Noel Gallagher erklärt zum Thema Maskentragen: »I don’t give a fuck, I choose not to wear one. The whole fucking thing is bollocks.«

14. September | Abstandmessen

Heute eine Lesung. Die Zahl der Gäste ist aus Platzgründen begrenzt, wer kommen will, muss sich voranmelden. Nur die Hälfte der Teilnahmewünsche kann erfüllt werden, der Bedarf an Veranstaltungen sei nach der Coronapause groß.

Im Eingangsbereich des Stadthauses weisen zahlreiche Schilder auf das angemessene Hygiene-Verhalten hin, einige in Rot. Vor dem Bühnenbereich baut der Veranstalter die Stühle auf. Er sagt, dass Familien und Paare gerade besonders willkommen seien, weil sie beieinandersitzen können, ohne Sicherheitsabstand. Für alle anderen misst er penibel mit dem Zollstock den vorgeschriebenen Abstand von 1.50 Meter zwischen den Stühlen aus. Er reiht die Stühle ein, schiebt sie auseinander, bringt Sitzgelegenheiten in jeder möglichen Ecke unter, auch an Stellen, von der aus gerade noch so die Leinwand erkennbar ist, dabei stets mit Meterstab im Anschlag, korrigiert gegebenenfalls, rückt dann weiter weg. Währenddessen sagt er: »Ein Wahnsinn. Was für Lebenszeit dafür drauf geht.«

Ansonsten: Weil eine Amerikanerin trotz Symptomen mehrere Clubs von Garmisch-Partenkirchen besuchte und dabei dreißig Personen mit dem Virus infizierte, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen sie. In New York wird die Thanksgiving-Parade in diesem Jahr online stattfinden. Nach über sechs Monaten öffnen in Italien wieder die Schulen. Mit über 300.000 Neuinfektionen an einem Tag meldet die WHO den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie.

13. September | möglicherweise nur raunen

Abendnotiz: Im ersten Nacharbeiten der bedingten Coronapause der letzten Tage diesmal das Gefühl, etwas verpasst zu haben, den Anfang von etwas Nächsten, das Eintreten des Erwarteten, zugleich eine Verschiebung der Blicke, bei aller Gewöhnung ein allmähliches Hinübergleiten in einen weiteren Zustand bei gleichzeitiger Verfestigung des bisher Geschehenen, das keine Umkehr mehr möglich macht, die Vermutung, dass das bisher Angewendete und Daraufsehen sich so nicht mehr eins zu eins wird fortsetzen lassen. Und das nicht allein auf die Pandemie beschränkt. Diese Worte wie ein Raunen, weil an diesem 13. September etwas geschrieben werden muss, vielleicht ist ja alles ganz anders oder wird es werden.

Ansonsten: Israel verhängt den zweiten Lockdown. Elfie Donnelly, die Erfinderin von Karla Kolumna, wehrt sich gegen deren Vereinnahmung durch die Coronawütende. Nachdem in Irland die Pubs fast zweihundert Tage geschlossen sind, werden diese Ende September wieder öffnen dürfen. Nachdem der Ehrenpatriarch der Orthodoxen Kirche der Ukraine das Coronavirus als Gottes Strafe für die gleichgeschlechtliche Ehe bezeichnet hat, erkrankt er kurz darauf daran.

9. September | fast umarmt

Auch wenn es Einträge in den letzten Tagen gab, fällt es schwer, die Gedanken hin zur Pandemie zu lenken, zumindest so, dass Worte dafür übrigbleiben. Es ist ein Zusammenklauben von etwas, das irgendwie zusammenhängt mit dem Virus. Zu Texten möchte ich verlinken – diesen zum Beispiel –, weiterhin über das Politische in der Pandemiezeit schreiben, über Diskussionsformen, diese vergleichen mit den Diskussionen der letzten fünf Jahre, über die USA schreiben, wo der Impfstoff gerade als ein Grundpfeiler der Wiederwahl Trumps aufgebaut wird, weiterhin über die Querdenker und wie der Buchstabe Q zu einem der bestimmenden Zeichen dieses Jahres wird.

Aber es erscheint mir redundant; immer zu dicht dran am bereits Durchdachten, ein Wiederkäuen gemachter Wahrnehmungen; stets trägt jemand die Maske schief und irgendwo steht ein irres Schild und auf das Leid springen die Rezeptoren nicht mehr an und eine neue Erkenntnis wird gewonnen und eine liebgewonnene Gewissheit verworfen. Was vielleicht bemerkenswert wäre, dass jetzt gezielter zurückgeschaut wird auf den Anfang der Pandemie, diesen geschlossenen März, dass ein halbes Jahr genügend Abstand lässt, um die Gegenwart von der Vergangenheit zu trennen. Dazu gäbe es einiges zu sagen, aber nicht mehr heute.

Eigentlich sollte ich das ein gutes Zeichen deuten; die Pandemie bestimmt nicht meine Tage. Der Kopf ist gefüllt mit vielem anderen. Es geht in einem Maße weiter, das die Pandemie hineindrückt in die Zwischenräume des Alltags, so, wie fast alles einmal dort hineingezwängt wird, damit dieser Alltag irgendwie funktionieren kann. Und ja, die Aufgabe dieses Schreibens ist, sich davon nicht beirren lassen, sich dem Zwängen zu widersetzen, es zumindest zu dokumentieren, ohne den Anspruch zu haben, damit Außergewöhnliches zu erzählen. Doch wie oft kann ich schreiben, dass jemand mich fast umarmt hätte?

Die nächsten Tage wird es keine Einträge geben, ab der kommenden Woche werden die Monate wieder im September sein.

8. September | Lenox Hill

Ich schaue Lenox Hill. Es ist eine dokumentarische Serie über ein Krankenhaus in New York. In recht drastischen Bildern werden acht Folgen lang die Angestellten –Neurochirurgen, Notfallschwestern, Geburtshelferinnen – begleitet, die Kamera ist bei Operationen dabei, sie schaut in Köpfe hinein, es ist wörtlich gemeint.

Folge Neun ist kürzer, gerade eine halbe Stunde dauert sie. Der Einstieg ist schnell, von einem Virus aus Wuhan ist die Rede und dann ist schon Mitte März in New York. Diesmal spart die Kamera die drastischen Bilder aus, zeigt kaum Patienten, keine Operationen, keine Intensivstationen. Sie zeigt die Ärzte und Schwestern, beim Absprechen, beim Organisieren, vor allem beim allmählichen, nein, eigentlich sehr raschem Begreifen dessen, was geschieht.

Und wie die Ärzte und Schwestern verstehen, wird auch mir, dem Zuschauer, der während der Pandemie eine Dokumentation über die Pandemie schaut, vor Augen geführt, weshalb das Virus so geschah, wie es weiterhin geschieht. Das Virus überträgt sich, während es noch nicht erkannt ist. Es ist nicht klar, für wen es gefährlich ist. Es ist unklar, wie das Virus im Körper zerstört. Erst nach und nach beginnen die Ärzte zu verstehen. Die unberechenbare Infektiosität macht ein umständliches Sicherheitsprotokoll notwendig, ein ständiges Säubern der Räume, ein hoher Aufwand. Dann die Masse der Infizierten, der Erkrankten, den Platz, den sie brauchen.

Diese schiere Masse, das sich nur langsam klärende Unwissen, die notwendigen Maßnahmen, um eine Infektion zu verhindern, die Belastung, die durch das Abstandhalten entsteht, für die Patienten, die Angehören, die Ärztinnen, die Pfleger: Es ist die Summe dieser Dinge, jedes für sich ein Problem, zusammen sind sie ein Sturm. An einer Stelle spricht jemand vor den nach zwei Monaten körperlich und psychisch maßlos erschöpften Schwestern, sagt, dass diese Zeit sie verändert habe, selbst, wenn sie es noch nicht wahrhaben wollten, von posttraumatischer Belastung ist die Rede.

Eine Szene zeigt, wie vor dem Krankenhaus ein großer Lastwagen vorgefahren wird, um die Rampe ein Zelt gebaut, durch das die Toten transportiert werden, ein Kühlwagen für die Toten, weil in den Leichenhallen kein Platz mehr ist.

Kurz wird eine Pressekonferenz mit Trump eingeblendet, eine schwangere Angestellte sagt, das sie ihren Mann und ihr Kind seit einem Monat nicht mehr gesehen hat, dass eine Freundin, die ebenfalls Krankenschwester ist, auf der Intensivstation liegt. Ein 45jähriger stirbt, ein älterer Mann übersteht Covid, matt liegt er im Bett, spricht mit seinen Töchtern über Facetime. Es sind kleine Momente, die eingeblendet werden, zu schnell, um eine Bindung herzustellen. Die dreißig Minuten kommen aus dem Nichts, sind sofort mittendrin, alle funktionieren irgendwie, es ist das Ganze, das wirkt, eine Faust, die umschließt.

Am Ende, nach einem Gedenkmarsch, auf dem die Angestellten die Namen der Gestorbenen sagen, geht ein anderer Marsch am Krankenhaus vorbei, die Teilnehmer rufen »I can’t breathe«. Eines der letzten Bilder zeigt die Ärzte und Schwestern, wie sie knien, dabei ein Schild halten: »You clap for us, we kneel for you«.

Ich merke, wie mich diese dreißig Minuten wütend werden lassen. Wütend auf die, die Covid19 in Abrede stellen, die in Berlin gelaufen sind und tanzten, die weiterhin von Grippe sprechen, die das Bhakdibuch wie ein Schild vor sich her tragen, weil sie die Wirklichkeit nicht an sich herankommen lassen wollen, die die Kühlwagen vor den Krankenhäusern verneinen, damit die Toten.

Zugleich wird mir bewusst, dass das, was ich sehe, obwohl es noch die Gegenwart ist, die Vergangenheit zeigt. Die Pandemie ist für immer in der Zeit. Das Jahr 2020 mit all seiner Belastung, seiner Angst und Ungewissheit wird auf immer diese Bilder sein. Der Einschnitt ist absolut, der Bruch unumkehrbar. Die Erkenntnis macht mich niedergeschlagen, diese festgezurrte Zeit mit dem Stillstand und der Überforderung. Ich frage mich: Ist es möglich, auf 2020 zurückzuschauen und zugleich anzunehmen, dass dieses entrückte Jahr noch weitere solche Bilder parat halten wird, auf die ich im nächsten März schauen werde, die für immer, in allen offiziellen Chroniken und meiner eigenen, stehen werden?

Ansonsten: Wegen Corona wird die Frankfurter Buchmesse ohne Aussteller stattfinden. In Schweden fällt die Quote der Positiv-Tests auf den niedrigsten Stand seit Ausbruch des Virus, was die Verantwortlichen als Beleg für den Erfolg des »schwedischen« Modells sehen. Aufgrund des politischen Drucks, vor der Wahl am 3. November einen Impfstoff zuzulassen, versprechen neun konkurrierende Pharmaunternehmen, bei der Entwicklung und Zulassung des Impfstoffs keine Kompromisse einzugehen. Eine Motorradrallye in den USA wird mit über 250.000 Corona-Fällen verbunden, was laut Berechnungen zu Kosten von zwölf Milliarden Dollar für die öffentliche Gesundheit führen soll. Über hundert Österreicher erhalten fälschlicherweise einen von Donald Trump unterzeichneten Scheck für Coronahilfe.

7. September | Corona hat alles verändert

Heute las ich als Teil der Jury Texte eines Schreibwettbewerbs für Kinder und Jugendliche. Das – schon im letzten Jahr so gewählte – Thema lautete Schulgeschichten. Der Wettbewerb startete im März, fast pünktlich zum Coronarunterfahren. Dennoch greifen nur wenige Texte der Kinder das Virus auf; die meisten erzählen von Freundschaft, Drachen, Mobbing, Videospielen.

Doch ein Text ist anders. Er heißt: Corona hat alles verändert. Das Kind beschreibt auf mehreren Seiten sein erstes Schulhalbjahr; Schulbücher, Fragebögen, Klassenfahrt, Tischtennis, Halbjahreszeugnis. Dann folgt: »Wir fühlten uns gerade pudelwohl« und das Kind schreibt »und schließlich trat der Virus auf einmal auch in Deutschland auf, und was sich vor ein paar Tagen mit China so weit weg anfühlte, war auf einmal da.«

Die Passage ist nicht lang, mich treffen die Worte. Das Kind schildert, was ihm geschehen ist. Es versucht das für alle Unerklärliche, letztlich Unbeschreibbare, für sich beschreiben. »Richtig übersichtlich war das nicht. Ich wurde mit der Zeit immer trauriger, weil ich meine Freunde nicht mehr sehen konnte, dabei hatten wir uns doch grad erst auf der Klassenfahrt richtig gut angefreundet.«

Im Grunde genommen brechen mir diese Worte das Herz. Sie sind nicht literarisch, unter anderem Umständen, als ausgedachte Schulgeschichte, als Fantasieerzählung über etwas, das mit Schule zusammenhängt (»Der Lehrstoff musste von zuhause aus gemacht werden. Wir bekamen E-Mails, es hab Schulclouds, Lernapps und noch vieles Andere.«) wäre die Erzählung unglaubwürdig, keine in sich schlüssige Geschichte, es gibt einen Anfang, aber der Verlauf bleibt unklar, es gibt keine Handlung, kein Ende, dafür ein Fühlen, ein Hoffen. Das Virus ist da, das sind die Worte dafür.

Ich lese einen Kommentar von Heribert Prantl. Jemand, der in den letzten Monaten fast durchgehend »coronakritisch« postete, hat den Text geteilt, wahrscheinlich soll er so gemeint sein. Prantl schreibt von Corona als »Entheimatung«, als »Entfremdung von bisherigen Selbstverständlichkeiten und Gewohnheiten«, als »Vertreibung aus dem gewohnten Alltag«. Er schlägt den Bogen zu Pommern, zum gegenwärtigen Heimatbegriff, zitiert jemanden, der rät, »den eigenen Eifer im Zaum zu halten und die persönliche Risikoeinschätzung nicht zum allgemeinen Maßstab zu erklären.«

Am Ende kommt der Text bei den Kindern an, fragt »Was richtet Corona in der Kindheit der Kinder an und damit in ihrem späteren Leben? Was bedeutet die Distanz zu Menschen, Tieren und Dingen, die ihnen das Virus auferlegt, für ihre Beheimatung in der Welt?«

»Ich hätte nie gedacht das es mir mal so ergeht« endet der Wettbewerbstext des Kindes, einer von dreien aus achtzig, der sich mit Corona beschäftigt hat. Neben dem Ende eine Zeichnung: ein Bildschirm, in dem Tagesschau geschrieben ist, daneben mehrere Wörter. 4x Corona, 1x abgesagt, 1x Tote.

Ansonsten: Eine Studie ergibt, dass Hamster das Virus übertragen können. Nachdem der deutsche Bundespräsident eine Gedenkstunde für die Opfer des Virus vorgeschlagen hat, sieht die Deutsche Stiftung Patientenschutz noch nicht die Zeit für ein staatliches Gedenken an die Corona-Toten gekommen: »Schließlich ist Deutschland noch mitten in der Krise.« Die Auszahlung der ersten Rate des Corona-Kinderbonus beginnt heute. Die Infektionszahlen in Spanien steigen weiterhin stark an.

6. September | Splitter

(I) Nach dem Quiz am Tisch mit den Dorfbewohnerinnen. Eine sagt, dass es in diesem Jahr nur den gemeinsamen Wandertag geben werde. Der Rest falle aus. Das mache sich schon bemerkbar, sagt sie, jeder sei jetzt mehr für sich.

(II) Zwei Händler am Eingang des Töpfermarkts. Coronamärkte seien schon etwas Besonderes, im Grund fast besser als die üblichen Märkte: Weniger Besucher, die dafür aber gezielter kämen und bewusster kauften.

5. September | Der zweite Lockdown

… wird nicht kommen, wird mir versichert. In Interviews von hochrangigen Verantwortlichen, in Gesprächen mit Experten aus verschiedenen Genres, selbst in persönlichen Unterhaltungen vertritt kaum jemand die These, dass es im Herbst/Winter ein ähnliches Runterfahren wie im März/ April geben wird, keinen zweiten Lockdown. (ständiger Disclaimer beim Begriff Lockdown: Wobei der vermeintlich erste keiner war)

Ich teile diese Erwartung. Sie stimmt mich froh. Fast fühlt es sich so an, als wäre die Pandemie schon geschafft. Den kleinen Rest – Maske anlegen, Abstand halten, Tenet im Videostream sehen – zu ertragen, ist zu schaffen, die Gewöhnung an die Pandemieumstände ist ohnehin längst verinnerlicht. Natürlich klammert dieser Gedanke die Möglichkeit aus, dass es nach diesem »kleinen Rest« zum Beispiel kaum noch Kinos gibt, die Tenet überhaupt spielen könnten, von sonstigen Veranstaltungshäusern und jede Menge privater wirtschaftlicher Dramen ganz zu schweigen.

Aber die Vorstellung, dass die wochen-monatelange Schließung der meisten Institutionen, möglicherweise sogar des wochenlangen Verbleibens in der Wohnung in große, unwahrscheinliche Ferne rückt, ist tatsächlich so etwas wie ein Trost in diesen ersten Septembertagen.

Ansonsten: In Kroatien und Italien wird gegen die Coronapolitik der Regierung demonstriert, in Italien wird sich dabei auf Berlin bezogen. Der deutsche Bundespräsident sagt in einem Interview: »Wir haben den Corona-Ausnahmezustand gemeistert, jetzt werden wir nicht an der Corona-Normalität scheitern.« Nach zwei Infektionen müssen 57 Schüler des Weimarer Schiller-Gymnasiums in Quarantäne gehen.

4. September | teneT kafka

Ich möchte ins Kino gehen. Nicht, weil Tenet die Rettung des Kinos ist, sondern weil ich es vermisse, für einen Film die Wohnung verlassen zu müssen, weil ich sie satt habe, die Algorithmen, die mir penetrant Blind Side anpreisen, nur, weil ich vor drei Jahren versehentlich auf Ziemlich beste Freunde klickte.

Ich sehe auf der Kinoseite nach. Lese den ausführlichen »Maßnahmenplan zu eurer und unserer Gesundheit«: Maske im Foyer, kontaktloses Bezahlen und Ticketkontrollieren, Gästeregistrierung, Wegleitesystem, Erhöhung der Reinigungsintervalle. Im Saal dann ist nur jeder dritte Platz mehr buchbar, um den Mindestabstand sicherzustellen. Doch dort muss keine Maske getragen werden.

Ich zögere. Ich denke an den letzten Drosten-Podcast, an das Bild davon, wie sich Aerosole verteilen. Zwei Stunden dreißig Minuten, mit Werbung fast vier Stunden in einem Raum ohne Maske. Selbst mit Maske wäre das ein Raum, in dem ich mich anstecke.

Ich versuche das Zögern zu hinterfragen. Lese im Maßnahmenplan: »Die Lüftungs- und Klimatisierungsanlagen sorgen dafür, dass das Foyer und alle Kinosäle stets frisch belüftet werden.« Ich suche die Zahl der aktuell Infizierten in Weimar. Sie liegt bei 5.

Ist es töricht, dennoch weiterhin zu zögern? Deshalb auf den Film zu verzichten, was in letzter Konsequenz bedeutet, ein Jahr lang nicht mehr ins Kino gehen zu können, einem der wichtigsten Orte der Welt? Ich weiß es nicht. Noch ist das Zögern stärker, noch zitiere ich Franz Kafka: »Nicht im Kino gewesen. Geweint.«

Ansonsten: Robert Pattinson, der neue Batman, wird bei den Dreharbeiten zu The Batman positiv getestet. Nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus wird Silvio Berlusconi mit beidseitiger Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Frankreich meldet den höchsten Zuwachs an Infiziertenzahlen seit Pandemiebeginn. Weil 21 Münchnerinnen die häusliche Quarantäne nicht einhielten, werden diese zwangsweise in einem ehemaligen Hotel untergebracht und von der Polizei überwacht.

3. September | Der Ordner Virus

Wir sitzen in einem Büro. Uns gegenüber eine Person, die aus diesem Büro heraus leitet. Sie sagt, sie habe einen Ordner angelegt, auf den sie VIRUS geschrieben habe. Dort hinein kommen all die Informationsschreiben und Anweisungen, Verordnungen und Konzepte, Protokolle und Schaubilder, die seit März ihrer Institution übermittelt wurden. Manche der Papiere sind über zwanzig Seiten lang, die Leiterin sagt, sie habe sich schon hin und wieder gewünscht, dass das Wesentliche kurz zusammengefasst worden wäre, dass es nicht immer zwanzig Seiten Information gebraucht hätte.

Auch diese Coronamonate sind ein solcher Ordner; alles, was mit dem Virus zu tun hat, wird hineingetan. Ausgepackt und gesichtet wird später einmal, gerade sammele ich und häufe an, zum Beispiel das folgende

Ansonsten: Nachdem eine Satireseite über den Verschwörungsmythiker Attila Hildmann schrieb, dass er angeblich von Angela Merkel bezahlt werde, um die Querdenker-Szene lächerlich zu machen, erhält dieser hunderte wütende und enttäuschte Telegramnachrichten von seinen Unterstützerinnen. Wegen steigender Coronafälle werden in der Türkei die Regeln für Hochzeiten verschärft; Gruppenfotos sind verboten, Erinnerungsfotos mit dem Hochzeitspaar dürfen nur mit Sicherheitsabstand geschossen werden.

In Indonesien müssen Maskenverweigerer wählen zwischen: gemeinnütziger Arbeit, Geldstrafe oder Probeliegen im Sarg. Weil der Düsseldorfer Karnevalsauftakt wegen Corona ohne Alkohol stattfinden soll, erklärt der Karnevalsverein Comitee, dass die Lage dadurch für alle Karnevalisten äußerst unbefriedigend sei. Die Vorsitzende der Behörde für öffentliche Gesundheit in Kanada empfiehlt das Tragen einer Maske auch bei sexuellen Aktivitäten: »Die sexuelle Aktivität mit dem niedrigsten Risiko ist jene, an der nur Sie allein beteiligt sind.«

2. September | Zweite Staffel

Ich höre den Podcast mit Christian Drosten. Es ist Podcast Nummer 54, die erste Folge nach mit ihm nach über zwei Monaten Pause. Die Journalistin Korinna Hennig fasst kurz die aktuelle Lage zusammen und begrüßt dann den Virologen. Er sagt: Hallo.

Im Juni gab es einen Zusammenschnitt aller Begrüßungen, die Christian Drosten zu Beginn eines jeden Podcasts ausspricht. Dieser kurze Moment des Hallos genügt schon und ich bin zurückversetzt in den März 2020; ein durstiges Hören nach Informationen, eine Form von Sicherheit, die das Einordnen dieser unerklärlichen Gegenwart durch einen Experten verspricht, auch ein Akzeptieren von Widersprüchen, die sich zwischen den einzelnen Folgen einstellen, das Benennen von Unwissen, aus dem allmählich ein Verstehen wird, eine Verfertigung des Wissens durch wöchentliches Sprechen, ein Experte, der ebenso wie ich auf der Suche ist und erklärt, warum er was wie finden will und es mir damit ermöglicht, mit ihm gemeinsam zu gehen, gemeinsam zu begreifen, was geschieht, nie zynisch, immer nur dann aufgebracht, wenn sich das System Wissenschaft am System Medien reibt, eine helfende Hand, gereicht in Form eines Podcasts.

Ein kurzes Hallo und ein wohliges Gefühl stellt sich ein, so, wie das Schauen der zweiten Staffel einer Serie, deren ersten Staffel man wie im Rausch geschaut hat. Beim Schauen der zweiten Staffel erwarte ich eine ähnliche Intensität, ich will das einmal als gut befundene Gefühl nachempfinden, will den Zustand von damals wiederholen und erwarte zugleich dezente Neuerungen; neue Figuren, neue Plots, neue Spannungsbögen, unerwartete Wendungen, in kleinen Dosen gereicht, die das grundsätzliche Wohlbefinden nie in Frage stellen, sondern es soweit variieren, dass das Gewohnte gleich bleibt und doch anders ist.

Diese Erwartung habe ich an den Podcast. Ich höre 45 Minuten von hundert Minuten, vergesse vieles gleich nach dem Hören, merke mir aber ein Bild, das die Pandemie erklärbarer macht. In der nächsten Folge wird mit Sandra Ciesek, der Leiterin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, eine neue Figur auftreten. Der Sommer ist vorbei, Corona tritt ein in die zweite Staffel, einmal die Woche werde ich nun das Gefühl tanken, die Pandemie verstehen zu können.

Ansonsten: Die Leipziger Buchmesse 2021 wird wegen Corona auf Ende Mai verschoben. Laut Studien schützen Geschichtsschilder deutlich schlechter vor der Virenverbreitung als Stoffmasken. Nach mehreren hundert Strafanzeigen gegen die SPD-Vorsitzende Saskia Esken wegen der Verwendung des Begriffs »Covidioten« stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein, weil diese Äußerung von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Einer Angestellten eines Senioren- und Pflegeheims wird gekündigt, nachdem diese sich geweigert hat, sich nach der Teilnahme an der Berliner Demonstration auf Covid19 testen zu lassen. Udo Lindenberg sagt in einem Interview: »Wir brauchen die kollektive Mega-Power, also: Maske auf und mit panischer Konsequenz da durch! Wenn die hirntoten Risikopiloten durch die Aerosole zischen, wird es ganz viele noch erwischen.«

1. September | Septemberwunsch

Es fällt schwer, momentan anders als politisch auf Corona zu blicken. Das ist etwas, was ich mir für September wünsche: über das neue/alte Hygienekonzept des Kindergartens zu schreiben, vom Abstandsverhalten auf den letzten Ausstellungseröffnungen zu erzählen, mal wieder eine Begebenheit aus dem Park wiederzugeben, ohne das Gefühl zu haben, vor lauter Reichkriegsflaggen und zustimmend nickenden Esoterikerinnen etwas Entscheidendes versäumen zu erwähnen.

Ansonsten: Der erste seit März gestartete große Kinofilm »Tenet« spielt am ersten Wochenende weltweit 53 Millionen Dollar ein und erfüllt damit die Erwartung, das Kino zu retten. In Berlin gilt auf Demonstrationen zukünftig eine Maskenpflicht. Forscherinnen aus Leipzig entwickeln einen Corona-Antikörpertest für zuhause. Unter dem Twitter-Account Herman Cains, der im Juli an Covid19 verstarb, twittert Team Cain, dass Covid19 ungefährlich sei. Thüringens Ministerpräsident will Karneval und Weihnachtsmärkte erlauben: »Ich kann mir Karneval vorstellen, und ich kann mir Weihnachtsmärkte vorstellen, weil ich mir das Leben vorstellen möchte.«

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