Coronamonate. November

23. November | orange Weste

Die Szene: Während einer Querdenken-Veranstaltung steht eine junge Frau auf der Bühne und sagt, sie fühle sich wie Sophie Scholl, da sie seit Monaten aktiv im Widerstand sei, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile, wie Sophie Scholl, als diese den Nationalsozialisten zum Opfer fiel, sei sie 22 Jahre und werde niemals aufgeben, sich für Freiheit, Frieden, Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen.

In diesem Moment tritt ein Ordner vor die Bühne und will ihr seine orange Weste reichen, sagt, dass er für diesen Schwachsinn keinen Ordner machen wolle. Die Frau ist irritiert, versteht ihn nicht, Schwachsinn? Andere Ordner kommen, er erklärt sich, spricht von Verharmlosung des Holocausts. Die Frau sagt, sie habe doch gar nichts gesagt, dreht sich dann um, bricht offensichtlich in Tränen aus. Der Ordner wird weggeführt, ruft der Frau dabei zu: »Das ist mehr als peinlich.« Ein Querdenker eilt auf die Bühne, will tröstend den Arm um die Frau liegen, sie wehrt ihn ab, schleudert das Mikrofon zu Boden, verlässt so die Bühne.

Das Video wird geteilt, es verlässt die sozialen Kanäle, Artikel erscheinen. Das Video erfährt Resonanz, weil es in einer Minute etwas zusammenfasst, das die letzten Wochen und Monate bestimmt hat – die selbstbewusste Gleichsetzung von Querdenkerinnen mit den Opfern des Faschismus. Das Video ist kurz, verständlich, überraschend, absurd, deshalb witzig, es entlarvt und, vor allem, bietet es eine Lösung ab. Jeder kann vor eine Bühne mit Querdenkerinnen gehen und sagen: »Das ist mehr als peinlich.«

Eine Verteidigung der Frau findet nur zaghaft statt: Der Ordner habe sie unrechtmäßig unterbrochen und ihr damit das Recht auf freie Meinungsäußerung genommen, quasi Cancel Culture, der Ordner habe die Rede skandalisieren wollen, es sei eine geplante Aktion gewesen.

Damit hört es schon auf. Mehrheitlich ist die Meinung: Das ist irre. Gegen die Gleichsetzung Querdenkerin=Sophie Scholl wird dagegengehalten. Artikel zur Weißen Rose erscheinen, welche die geschichtlichen Hintergründe erläutern. Es wird gespottet: Einmal im Bus für eine Schwangere aufgestanden – Rosa Parks. Einmal kein Abendbrot gegessen – Ghandi. Einmal einen Koffer stehengelassen – Stauffenberg.

Manche nehmen die Frau später in Schutz, sagen, man solle sich nicht an einer 22jähriger abarbeiten, sondern an jenen, die die Proteste auch aus wirtschaftlichen Gründen befeuern. So oder so: Das Video erscheint wie ein Schlussstrich unter all die jüngsten Vergleiche, als ein absolutes Überdrehen. Die Gleichsetzung wirkt in ihrer ungeheuerlichen Unverhältnismäßigkeit nicht mal mehr beängstigend, sondern abstrus, lächerlich, peinlich. Der Vergleich fällt auf die Querdenkerin zurück, er schrumpft sie und ihr Anliegen auf Zwergengröße: Wer so spricht, wie soll man die fürchten?

Und: Es wird Bildung gefordert, Geschichtsunterricht für die Frau und alle Querdenker, am besten ein halbes Jahr nur Geschichtsunterricht für alle. Aber löst Wissen und Bildung die Frage, wie es dazu kommt, dass eine 22jährige, die offensichtlich von Sophie Scholl und dem Nationalsozialismus gehört haben muss, sich in eine Reihe mit antifaschistischem Widerstand setzt?

Die freundliche Interpretation wäre: Naivität. Die Frau wählt als Symbol den Widerstand gegen das maximal Böse, weil sie sich im maximal Bösen sieht. Man kann ihr das nachsehen, weil sie jung ist, offensichtlich überfordert, man muss sie nicht ernstnehmen.

Eine andere Interpretation wäre: Björn Höcke war Geschichtslehrer. Er hat Wissen vermittelt, mehrere Jahrgänge von Schülerinnen über viele viele Geschichtsstunden hinweg gebildet. Björn Höcke, der Faschist genannt werden darf, hat auf einem »Trauermarsch« an seinem Anzug eine Weiße Rose getragen, jemand, der genau weiß, welches Symbolik damit verbunden ist. In dieser Realität ist alles möglich, alle Symbole sind für alle verfügbar und verwendbar. Faschistisches Denken bedient sich antifaschistischer Symbolik, was Aneignung ist, Provokation, Umdeutung und damit eine Entwertung des ursprünglichen Symbols und damit der Sache, ein Vermischen und Negieren, ein Unkenntlichmachen und Verschleiern.

Die Frau auf der Bühne ist gebildet. Sie verfügt über Wissen und geschichtliche Kenntnisse. Sie braucht nicht mehr Geschichtsunterricht. Sie braucht Ordner, die vor aller Augen die orangefarbene Weste ablegen.

Ansonsten: Die Überlegungen zur Verlängerung des Lockdown Lights werden konkreter. Der britisch-schwedischen Pharmakonzern Astrazeneca vermeldet den nächsten erfolgsversprechenden Impfstoff. In Amerika werden Millionen von Flugreisenden gezählt, die wegen des kommenden Thanksgiving unterwegs sind. In Weimar findet die Versteigerung von Fundsachen erstmals online statt.

22. November | das letzte große Symbol

Friedrich Merz sagt in einem Interview: »Es geht den Staat nichts an, wie ich mit meiner Familie Weihnachten feiere. Da kann er mir Ratschläge geben, aber er mischt sich bitte nicht ein.«

Friedrich Merz sagt das im Kontext eines DER SPIEGEL-Titelbildes, das Angela Merkel mit Rute zeigt, Titel »Kampf ums Fest«. Sagt das im Kontext des nicht wie erhofft zahlensenkenden Lockdown Lights. Sagt das mit der Wahrscheinlichkeit auf Verlängerung von Kontaktsperren und dem Beschränken privater Kontakte. Sagt das mit Aussicht auf den Ausfall von Gottesdiensten und Festessen in Lokalen, auf ein Geschenkeauspacken im engsten Kreis.

Ich verstehe die Aussage. Das, was notwendig ist, um die Zahlen zu senken, das, was deshalb untersagt wird – ohne Chance auf wirkungsvolle Kontrolle – greift ein in etwas zutiefst Privates, etwas, das elementar ist oder zumindest notwendig, um ein bestimmtes Bild von sich und seinen Lieben aufrechtzuerhalten. Weihnachten, gerahmt von Coronabestimmungen, wäre das letzte große Symbol des Jahres dafür, wie stark das Virus und dessen Bekämpfung in alle Lebensbereiche gewirkt hat.

Der Widerspruch muss groß sein. Dagegen wäre Weihnachten wie immer ein Mittelfinger gegen die Pandemie, ein finaler Triumph über das Virus, der Beweis, dass SARS-CoV-2 eben doch seine Grenzen hat. Covid19 würde damit an Familie Hoppenstedt scheitern.

Nur, was wäre mit einem Weihnachten wie immer gewonnen, wenn danach ein verlorener Januar käme?

Ansonsten: In Skigebieten sollen Schneekanonen Desinfektionsmittel versprühen. Nachdem bei Trauerfeierlichkeiten für den an Covid19 gestorbenen montenegrinischen Bischof Amfilohije Radović die Trauernden den toten Bischof am offenen Sarg auf die Stirn küssten, infizieren sich mehrere Trauergäste, darunter Bischof Artemije Radosavljević, der nun ebenfalls an Covid19 gestorben ist. Nachdem auf einer Querdenken-Demonstration in Hannover sich eine Rednerin mit Sophie Scholl vergleicht, quittiert ein Ordner noch während der Rede den Dienst.

21. November | nochmal Held sein

Immer noch Helden, immer noch die Differenz zwischen Couch und 48-Schicht im Krankenhaus, immer noch das Erzählen dieser Zeit.

Im Podcast sinnieren zwei über die historische Wucht der Gegenwart – wird das, was gerade geschieht, später einmal eine bedeutsame Epoche sein und spüren wir das jetzt schon? Eine sagt: Seit März kann ich zum ersten Mal nachvollziehen, warum die Leute nach Kriegen … dieses manische Backen … Fleisch essen … Einer unterbricht, sagt: Jetzt müssen wir aufpassen, jetzt kommen wir zum Thema Weinerlichkeit … der naheliegende Gag ist ja zu sagen; diese Generation hat nichts erlebt und jetzt werden sie den Rest ihres Lebens erzählen, es war so schlimm, 2020 mussten wir mal mehrere Wochen mit unseren Kindern zuhause verbringen … Netflix gucken und Bananenbrot backen … wenn wir die Geschichte so erzählen, wirken wir auch etwas … schräg als Figuren. (ab Minute 33:00 Uhr)

Das ist die Heldenfrage: Was werde ich, der nicht zu denen gehört, wegen denen im März auf den Balkonen geklatscht wurde, einmal von der Pandemie erzählen? Wie banal wird es wirken, wenn ich sage: Der Kindergarten, die Schule hatte zehn Wochen geschlossen? Ich konnte weniger Freunde treffen, weniger reisen, keine Filme im Kino schauen? Ich durfte nicht umarmen, ich musste eine Maske tragen und im Home Office arbeiten?

Wie werde ich denen, die heute noch nicht geboren sind, davon berichten? Wie werde ich das Belastende an all dem verdeutlichen, so, dass es nicht banal und läppisch wirkt? Welchen Platz werde ich mir in dem historischen Jahr 2020 einmal zuschreiben?

Und was, wenn sich 2020 als gar nicht mal so ausnehmend erweisen wird, wenn das Einschneidende vergessen werden wird, wenn es verschütt geht unter dem Kommenden, wenn die ständigen Ausnahmen im Rückblick eher skurril als beängstigend erscheinen, wenn das Belastende (und alle sind belastet mit den vergangenen Monaten) leichter, weil blasser wird, wird das Verblassen nicht sogar notwendig sein, das Nicht-Erzählen-Können, das Nicht-Verstanden-Werden-Sein?

Ansonsten: Die Bundesländer erwägen eine Verlängerung des Lockdown Light bis Weihnachten, Gaststätten, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sollen bis dahin geschlossen bleiben. Ein Fox News-Moderator schlägt vor, einen Coronaimpfstoff nach Trump zu benennen: »Es wäre eine nette Geste. In ein paar Jahren könnte es ein ganz gewöhnlicher Name sein. Hattest du deinen Trump schon? Ich hatte meinen Trump schon, mir geht es gut.« Nachdem ein Buspassagier in St. Petersburg einen Maskenverweigerer auf das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes hingewiesen hatte, ersticht ihn dieser.

20. November | 80 Millionen Virologinnen

Ich sehe ein Video mit Naomi Seibt. Naomi Seibt ist der Versuch, eine neurechte (youtube)-Influencerin zu etablieren, die Klickzahlen stehen dabei im gegensätzlichen Verhältnis zur medialen Aufmerksamkeit. In diesem Video »widerlegt« Seibt in 17 Minuten den PCR-Test des Virologen Christian Drosten.

Ich bin erstaunt. Seibt, die ansonsten über »Migrationskritik« und Anarchokapitalismus spricht, spricht nun von mRNA, Bronchiallavage und Nukleotidsequenzen. Mir fällt ein Tweet ein, den ich nach dem »historischen« 0:6 Debakel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Spanien las:

Seit es die Pandemie gibt, gibt es 80 Millionen Virologinnen und Epidemiologinnen. Auch ich gehöre dazu. Ich versuche das, was mich umgibt, was meinen Alltag so beeinflusst, zu verstehen. Deshalb beschäftige ich mich mit Themen, die ich sonst hätte links liegen gelassen. Der Grat ist schmal zwischen: der selbstbewussten Inbesitznahme von Wissen und dem Wissen um die Grenzen dieses Wissen.

Der Grat wackelt, wenn ich mir komplexes Neues aus einem mir fremden Themengebiet angelesen habe, das ich wichtig für das Verständnis der Situation halte und ich dieses Neue anderen mitteilen will. War beim Lesen das Verstehen gegeben, schwimmen im Gespräch die Fakten davon, entgleiten die Zusammenhänge, fragt mein Gegenüber nach und stößt mich so auf die blinden Flecke meiner angelesenen Erkenntnisse, die ich zu kaschieren versuche, weil ich mir keine Blöße geben will.

Dieses Weitergeben von Erkenntnissen ist glitschig. Ich gebe mich als Virologe aus, um mit dessen Reputation die Bedeutsamkeit der Erkenntnisse zu untermauern. Spräche ich zu einem Virologen, selbst zu einer Biologin, sie würden mich sofort entlarven. Doch ich, der Hobbyvirologe, spreche immer zu einem ebensolchen Hobbyvirologen. Wir bestätigen uns in unserem laienhaften, auszugsweisen, bruchstückhaften Wissen, das unbedingt notwendig ist, um zu erklären, um uns einen Platz zu geben in dieser Zeit. 80 Millionen Virologinnen, ich gehöre dazu.

Ansonsten: Mit fast 24000 Neuinfektionen wird ein Höchststand vermeldet, da die Anwendung der Tests angepasst wurde, sind die Zahlen nur bedingt mit denen der Vorwoche vergleichbar. Das bei dänischen Nerzen mutierte Coronavirus ist »aller Wahrscheinlichkeit nach« ausgerottet. Weil eine Konditorei Schokoladenweihnachtsmännern einen Mund-Nasen-Schutz aus Schokolade anlegt, ernten die Bäcker einen Shitstorm in den sozialen Medien. Mindestnähe: Wissen.

19. November | Mike tanzt nicht mehr

Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg, teilt auf seiner Facebookseite ein Video, das im Zuge der Wellenbrecher-Kampagne in Baden-Württemberg entstanden ist. Das Video zeigt »Mike«, der professioneller Balletttänzer am Opernhaus Zürich ist. Durch Corona kann er plötzlich nicht mehr arbeiten. Mike sagt: »Man hat dann von heute auf morgen auf einmal gar nichts. Dann verlässt dich so eine Stabilität.«

Dann fasst Mike einen Entschluss: »Mir war klar: Du hast jetzt einen Auftrag und kannst der Gesellschaft etwas Anderes geben.« Mike beginnt Medizin zu studieren: »Corona war eigentlich der Hauptgrund dafür, dass ich angefangen habe, Medizin zu studieren. Eine Krise, die mir vorher alles genommen hat, hat mir eigentlich alles gegeben.« Mike, der Balletttänzer, tanzt nicht mehr. Nach der Pandemie wird Mike ein Arzt sein.

Es fällt schwer, etwas anderes in den Clip hineinzulesen als Arzt>Balletttänzer, als eine videogewordene Entsprechung von systemrelevant, da, wo Kultur und Kunst verortet wird. In Österreich schließen die Buchläden, die Waffengeschäfte bleiben offen. In der ersten Runde der Unterstützung von Soloselbstständigen konnte vielerorts nur Betriebskostenersatz beantragt werden. Winfried Kretschmann hat das Video mittlerweile gelöscht.

Ansonsten: Während der gestrigen Querdenker-Demonstration in Berlin schleusen Abgeordnete der AfD Demonstrantinnen ins Reichstagsgebäude, welche verschiedene Politikerinnen bedrängen. Wegen steigender Zahlen schließt New York die Schulen. Wladimir Putin zeigt sich wegen der steigenden Zahlen von Corona-Toten in Russland besorgt. Die Hersteller des Impfstoffes BNT162b2 korrigieren die Wirksamkeit auf 95%. Aufgrund der Massenkeulung von 15 Millionen Nerzen tritt der dänische Lebensmittelminister Mogens Jensen zurück. In Belgien, Frankreich und den Niederlanden gehen die Infektionszahlen zurück. In der Schweiz sollen Soldaten die überlasteten Krankenhäuser unterstützen. Mit Wonder Woman 1984 wird der letzte große Film für 2020 aus den Kinos genommen und in den Stream gegeben.

18. November | Faschismus

(I) Kultivierte Leute
Vor einigen Wochen ein Gespräch. Sie erzählt, wie entsetzt sie sei, dass sie vermehrt mit Menschen schreibt und spricht, die sie schon lange kennt, die sie schätzt, kluge, studierte, kultivierte Leute, die die Coronamaßnahmen mit dem Faschismus vergleichen. Die Mails lange, entsprechend erklärende Absätze beifügen, die im Gegenüber erklären, dass all jene, die heute bereitwillig Masken tragen und den Maßnahmen folgen, damals mit den Nazis marschiert wären, an der gegenwärtigen Coronahörigkeit könne man sehen, wie damals Faschismus entstanden sei.

(II) Beispiele für Faschismusopfersymbolik bei den Querdenkerinnen
Ein elfjähriges Mädchen vergleicht aufgrund einer nur eingeschränkten Geburtstagsfeier ihre Lage mit der von Anne Frank. Gelbe Sterne auf den Querdenker-Demonstrationen, dazu der Schriftzug »Impfjude«. Ein Querdenken-Arzt verbreitet ein von der AfD geteiltes retuschiertes Foto des Eingangstors des KZ Dachau, darauf steht: »Impfung macht frei«. Der Vergleich des Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz.

(III) Rhetorik
Als Donald Trump noch amerikanischer Präsident war, war eines seiner rhetorischen Mittel, die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe gegen seine Gegner zu wenden. Nicht er, sondern die anderen manipulieren die Wahl, nicht er, sondern die anderen lügen und machen Fake News, nicht die Proud Boys und der KKK sind eine Bedrohung, sondern die AntiFa und BLM etc.

(IV) Martin Walser, Rede in der Paulskirche am 11. Oktober 1998
»Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. […] Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.«

(V) besser die Durchseuchung
»Und genau in diese Kerbe wird jetzt wieder geschlagen: Wegen so eines Virus so “einen Aufstand” machen, entspricht nicht männlichen oder nationalen Werten. … Denn selbst wenn der Virus schlimm ist (worüber bei ihnen Uneinigkeit besteht), so ist es doch einerseits individuell besser, … sich eben nicht an den Schwachen auszurichten. Das ist interessant, weil man ja auch vermuten könnte der extremen Rechten wäre daran gelegen, große Teile des eigenen Volkes zu schützen. Aber das stimmt eben nicht, wenn es schwache Teile sind. Das Schwache ist nie schützenswert und muss raus und weg. Das ist Faschismus. Es gäbe dazu noch sehr viel zu sagen – diese Idee von Schwäche und Stärke, und wer zentral ist und nach wem sich Gesellschaft bzw. Volk auszurichten haben, ist zentral im Faschismus und findet sich zum Beispiel im Antisemitismus, der völkischen Eugenik, im Antziganismus usw. wieder.«

(VI) 18.11.
Für den 18.11. rufen Querdenkerinnen zu einer Demonstration gegen die Erweiterung des Ermächtigungsgesetzes Infektionsschutzgesetzes auf, Zitat: » Berlin muss brennen!«, Zitat: »Das überlebt keiner von denen u Spahn wird der erste sein.«

Ansonsten: Während des Lockdowns in Österreich sind die Buchläden geschlossen, Waffengeschäfte haben geöffnet. Polen und Ungarn legen Veto gegen die geplanten Coronahilfen der EU ein, weil sie damit gegen Pläne protestieren, die zukünftig Verstöße gegen rechtsstaatliche Prinzipien ahnden sollen. Da in der Schweiz keine freien ITS-Betten mehr vorhanden sind, tritt Stufe B der Triageempfehlungen in Kraft; keine Reanimation mehr, keine schweren Traumafälle und Berücksichtigung von Vorerkrankungen. Dolly Parton hat sich mit einer Million Dollar an den Entwicklungskosten des Impfstoffes mRNA-1273 beteiligt.

17. November | gegenläufige Bewegung

Innerhalb einer Woche wird ein zweiter Impfstoff gefunden bekanntgegeben, dass die Testreihen für einen Impfstoff erfolgreich verlaufen sind. mRNA-1273 scheint noch vielversprechender als BNT162b2; eine etwas höhere Wirksamkeit, dazu längere Haltbarkeit und geringe Kälte beim Transport. »Besser wird es nicht«, sagt Immunologe Anthony Fauci und in Folge dessen stürzt nach Bekanntgabe von mRNA-1273 die Aktie von BNT162b2-Produzent Pfizer erst einmal ab.

Mit mRNA-1273 verstärkt sich eine gegenläufige Bewegung: Einerseits die Nachrichten von wirksamen Impfstoffen und damit ein konkreter Blick auf eine Zeit ohne Pandemie. Andererseits: Die Höchststände, die sich ständig übertreffende Werte, die eintreffenden Prognosen, die vollwerdenden Betten. Die Zahlen zeigen einen grauen November, grauer, als es März und April waren.

Es treffen die Fotos aus den Krankenhäusern ein, die Augenzeugenberichte von Intensivstationen, die Videos der überforderten und warnenden Ärztinnen und Krankenschwestern, die heimlichen Aufnahmen der zu Leichenwagen umfunktionierten Kühlwagen, die außerhalb der Behandlungsorte stehen, Bilder von Plastiksäcken. Ein Déjà-vu und ich frage mich, ob es diesmal, ähnlich wie im Frühjahr, symbolische Bilder und Begebenheiten geben wird, die den Ernst der Lage verdeutlichen und auf das Verhalten der Schauenden wirken, weil diese sich sagen: Dieser Bilder treffen mich ins Mark. Unter allen Umständen will ich vermeiden, dass ich ähnliches erlebe.

Ansonsten: Als Ersatz für die Christmette plant die Deutsche Bischofskonferenz eine Hausliturgie, mit der Gläubige zu Hause Weihnachten feiern können. Der Bund plant, Mitarbeiterinnen bei Dienstreisen einen leeren Nachbarplatz im Zug zahlen. Bei den Beratungen über die Coronamaßnahmen kracht es zwischen Bundeskanzleramt und Ländern. In Österreich tritt der Lockdown in Kraft.

16. November | Besondere Helden

Die Bundesregierung gibt mehrere kurze Clips bei Florida TV, der Produktionsfirma von Joko & Klaas, in Auftrag. In den Filmen sind alte Menschen zu sehen, die vom Winter 2020 berichten, der Pandemie, und wie sie zu Helden wurden: in dem sie nichts taten. Sie lagen auf der Couch und bingten, lagen im Bett und aßen Kentucky Fried Chicken, sie zockten. Sie wurden für ihr Nichtstun ausgezeichnet, sie wurden – so der Titel der Filme – besondere Helden.

Die Begeisterung, auf diese Weise die Notwendigkeit einer Kontaktbeschränkung zu kommunizieren, ist groß. Mit englischen Untertiteln versehen werden die Clips auf der Welt geteilt, der Generaldirektor der WHO schreibt: »I fully agree. Thank you for this great video, Government of #Germany.«

Der Abscheu ist groß. Igor Levit schreibt: » es gibt keine einzige Ebene, auf der sich dieser Pandemie „Werbefilm“ bewegt, die ich nicht ekelhaft finde. Keine.« Anna Aridzanjan schreibt: » Ihr glaubt nicht, wie unangemessen und ekelhaft ich dieses „Kriegseinsatz“-Framing zu Corona finde (und dann auch noch als Witz, höhö!), während ich wochenlang einen echten Krieg verfolgt habe und die Bundesregierung (Herausgeberin dieses Videos) NIX ESSENZIELLES tat.« Wolfgang M. Schmitt schreibt: » Immerhin ehrlich: Die Privilegierten dürfen auf der Couch liegen, solange die Menschen, die für Lieferdienste schuften, brav die Pizza bringen.«

Das ist das Lob: der Humor, die Überraschung, der Spin. Das ist die Kritik: das Ausblenden jener, die sich »Faulheit« nicht leisten können, die raus müssen zur (prekären) Arbeit, die Familien, die Einsamen. Das ist die Beschwichtigung: Die Filme sind von der Bundesregierung für eine Zielgruppe gedacht (Joko&Klaas), 21, 22 Jahre, das Alter wird in allen Clips genannt, jene, die man nicht mit Vernunft erreichen kann, erreicht man mit Ironie.

Und vielleicht würde es die Botschaft der Clips noch wahrhafter wirken lassen, wenn die Filme flankiert wären mit z.B. Bemühungen der Bundesregierung, das Gesundheitswesen nicht allein nach ökonomischen Parametern zu betreiben, prekäre Arbeit unmöglich zu machen, zu schauen, was rechtlich beim Trinkgeldprozedere von Lieferdiensten, die ja die Pizzen zu den Helden bringen, zu regeln gäbe, Amazon, die ja die Helden beliefert, mit Steuern zu belegen, mal probeweise ein Jahr lang das System so zu gestalten, dass Altenpflegerinnen so bezahlt werden Verwaltungsbeamte etc.

Der Widerspruch würde nicht ausbleiben – das wird er niemals – aber er würde zumindest den Widerspruch in der Realität nicht mehr so gewaltig erscheinen lassen.

Ansonsten: Zwei Prozent aller deutschen Schülerinnen befinden sich momentan in Quarantäne. Laut einer Studie gibt es eine direkte Korrelation zwischen starkem Übergewicht und hoher Covid-Sterblichkeit. Österreich kündigt Massentests an. Karpfenteichwirte stehen vor Problemen, da sie ihre Fische momentan nicht an die Gastronomie verkaufen können. Auf einer Querdenken-Demonstration vergleicht wegen ihrer im Stillen abgehaltenen Geburtstagsfeier ein elfjähriges Mädchen ihre Situation mit der von Anne Frank. Ugur Sahin, einer der Gründer von Biontech, rechnet mit einer Rückkehr zur Normalität bis Winter 2021.

15. November | Fronten

Eine Unterhaltung über Corona. Sie sagt, dass sie schon lange nicht mehr mit mir darüber gesprochen habe, weil sie ja wisse, dass wir uns an den Fronten gegenüberstehen. Später erst wird mir bewusst, was da eigentlich gesagt wurde. Die Irritation, eine Kriegsmetapher zu verwenden, um Gespräche zu beschreiben. Die zweite Irritation über die Annahme, dass es bei Corona zwei Seiten geben könnte außer: Virus / Mensch.

Im herbstlich warmen Weimar läuft ein Mann in orangefarbener Warnweste durch die Stadt. Er trägt ein Holzschild mit sich, darauf steht: »Gegen Behörden Corona Faschismus«. Ab und an lehnt er das Schild gegen eine Wand oder einen Bauzaun, holt eine Mundharmonika hervor, spielt zehn Minuten, greift das Schild, läuft dann weiter, durch den Ilm-Park, Frauenplan, Markt.

Ansonsten: Forscher arbeiten daran, eine Covid19-Erkrankung anhand der Stimme erkennen zu können. Nachdem Österreich das Land mit den meisten Neuinfektionen gerechnet auf die Bevölkerungsgröße ist, beschließt die Regierung einen harten Lockdown; Schulen und Geschäfte werden geschlossen. Das Konzept des Computerspiels Plague Inc., in dem der Spieler die Rolle eines Virus übernimmt und versucht, sich so schnell wie möglich zu verbreiten, wird in dem Update »Die Heilung« umgedreht; nun muss der Mensch das Virus besiegen. Die Regierung will festschreiben, dass sich erstmals auch private Krankenversicherungen an den Kosten der Coronabekämpfung beteiligen muss. Die Pandemie in Behindertenwerkstätten. Schwarze Wahrheiten.

14. November | Maske forever

Ein Gespräch im Nachgang von BNT162b2, darüber, wann welche Maßnahmen wie zurückgefahren werden. Ich verweise auf die Masken und dass diese auch das Risiko senken, sich mit den typischen Herbstkrankheiten anzustecken und sage leichthin, dass das Maskentragen in der kalten Jahreszeit ja über Corona hinaus bleiben könne, weniger Grippetote wäre der Vorteil, in Japan sei das Standard, ein ständiges Maskentragen.

Mein Gegenüber widerspricht augenblicklich. Er trage jetzt die Maske und sehe auch die Notwendigkeit, es so zu handhaben. Wenn Corona aber überwunden sei, wolle er das nicht mehr tun. Er wolle nicht immer Maske tragen zu müssen, der Eingriff sei zu stark.

Ich zögere. Will ich das? Von nun an forever Maske, sobald die Temperatur unter 5 Grad fällt und der Atem Anderer wieder sichtbar wird? Immer eine Maske im Markt, im Kino, bei Treffen? Ab wie vielen deshalb Grippeüberlebenden wäre ein ständiges Maskentragen gerechtfertigt? Ist es scheinheilig, wegen Corona Masken zu tragen, wegen Grippe nicht? Drehen sich nicht viele Argumente, mit denen ich das Maskentragen heute verteidige, wenn ich sie 2021 im Herbst absetze?

Ansonsten: Die Stadt Landshut plant einen Weihnachtsmarkt zum Durchfahren. Höchststand an Infektionen in Deutschland: 23.542. In den USA: 153.496. Die Bundesregierung erweitert eine Förderung für Buchläden und Verlage. Der als Yorkshire Ripper benannte Serienmörder stirbt an Covid 19. Aus Spitälern.

13. November | Der Supermarkt als Seismograph

Zum ersten Mal seit dem späten Frühling wieder Securitykräfte am Eingang des Supermarkts. Sie weisen beim Betreten darauf hin, dass für einen Besuch des Einkaufmarkts für jede Kundin ein Einkaufswagen obligatorisch ist und greifen gegebenenfalls ein, z.B. bei einem älteren Paar.

Sie hat schon einen Wagen, er hat zwei Krücken, beide Hände umfassen die Gehhilfen. Die Security fordert den Krückengänger auf, auch einen Wagen zu nehmen, pro Kunde eben ein Wagen. Ein zaghaftes Gegensprechen, ein Verweis auf die Krücken, die dadurch gebundenen Hände. Die Security bedauert, bleibt aber konsequent. Das Paar gibt nach, die Frau holt aus dem Wagenvorrat einen zweiten Wagen, schiebt nun links und rechts jeweils einen Wagen durch den Markt, ihr Mann folgt ihr an Krücken.

Währenddessen hält die Security schon Ausschau nach den nächsten Wagenlosen. Schnell wird sie fündig, ein Paar mit Kleinkind hat nur einen Wagen eingelöst. Das Hinweisen, das Durchsetzen, die zweiten Wagen – wäre der Supermarkt ein Seismograph der Coronagefahr, die Grenzwerte der Amplituden wären ein Bild des Novembers.

Ansonsten: Nachdem bei Trauerfeierlichkeiten für den an Covid19 gestorbenen montenegrinischen Bischof Amfilohije Radović, der Pilgerfahrten als »Gottes Impfstoff« bezeichnet hatte, die Trauernden den toten Bischof am offenen Sarg auf die Stirn küssten, infizieren sich mehrere Trauergäste, darunter das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche. Strategen aus dem Research-Bereich der Deutschen Bank schlagen vor, dass, wer nach der Pandemie weiterhin freiwillig im Home Office arbeitet, eine Steuer auf dieses Privileg zahlen sollte, weil Heimarbeiter weniger zur Infrastruktur der Wirtschaft beitragen und damit den Einbruch der Wachstumsraten verlängern würden. In Bremen werden kostenlose FFP-2-Masken für Menschen ab 65 Jahren verteilt, pro Person wird monatlich eine Zehnerpackung ausgegeben. Wo man sich ansteckt.

12. November | Durchhalten bis

Eigentlich wollte ich am 1. November schon einen Text geschrieben haben, der beschreibt, wie irritierend ich es finde, dass als Durchhalteziel für den Lockdown Light Weihnachten ausgegeben ist, die Betonung, wie wichtig es sei, dass das Weihnachtsfest wie gewohnt stattfinden könne.

Ich verstehe das, es braucht ein Licht am Ende des Tunnels und es braucht auch Geschenke, die in diesem Licht strahlen können. Aber ist es nicht auch naiv anzunehmen, man wäre so naiv zu glauben, dass dann zu Weihnachten nicht in Kirchen gesungen werden würde und man würde nicht zusammenkommen und keine Homecomingpartys mit den Schulfreunden feiern und nicht vorglühen und nachglühen, immerzu glühen, glühen bis in den Silvestertaumel (Fck 2020) hinein und dann wäre Januar und der Vorrat an aufgeschobenen Infektionen wäre doppelt und dreifach verbraucht, wäre es nicht naiv zu glauben, Weihnachten 2020 wäre irgendein Ziel?

Diesen Text schrieb ich nicht, denn einiges kam dazwischen, u.a. die vermutliche Abwahl Donald Trumps, der Impfstoff etc. Durch letzteren bekommt Durchhalten noch einmal eine weitere Ebene. Jetzt, da es einen Impfstoff geben wird, bis wann muss noch durchgehalten werden? Ab wann wird das Verabreichenkönnen eines Impfstoffes an Millionen Auswirkungen haben, die Milliarden betreffen? Ab wann wird der Impfstoff die sogenannte Neue Realität, den seit März bestehenden Normalzustand der Ausnahme, so beeinflussen, dass sich die Realität wieder einrenkt?

Wann wird das Impfen die Plexiglasscheiben und Masken, das Abstandhalten und das Armbeugenhusten verschwinden lassen? Wann werden Konzerte mit Sicherheit stattfinden, Produktionsfirmen ihre Filme definitiv für die Kinos freigeben, wann werden die Tische in den Restaurants wieder zusammenrücken, wann wird eine Lesung sein, ohne dass am Eingang ein Desinfektionsspender steht? Wann werde ich wieder umarmen, wann das Husten Fremder nicht mehr fürchten, wann in der Bahn meinen linken Sitzplatz bereitwillig anbieten?

Millionen Dosen 2020, Milliarden Dosen 2021, zwei Impfungen pro Person – BNT162b2 wird Zeit brauchen. Und die Pandemie? Wird sie nach und nach abtropfen vom Alltag, sich leise zurückziehen aus der Wirklichkeit, die Coronaticker leerer und leerer werden, bis sie verschwinden und ich ihr Verschwundensein erst Tage später bemerke? Heißt es durchhalten bis zum Frühjahr 2021, bis ich keinen Lockdown mehr befürchten muss, wird im Frühjahr 2022 die WHO offiziell das Ende der Pandemie vermelden und wird das dann nur eine Meldung unter »Vermischtes« sein, weil die Pandemie bis dahin längst aus meinem Bewusstsein verschwunden ist?

Und dieses Durchhalten, wie viel Kraft wird es brauchen?

Ansonsten: Kurz nach Bekanntgabe des Impfstoffes verkauft der CEO von Pfizer Aktien im Wert von 5 Millionen Dollar, laut Firma aufgrund eines im August beschlossenen Plans. Die Zahl der Infektionen in Deutschland steigt langsamer als noch vor einer Woche. Höchststand an Covid-Patienten in den USA. Die Gewerkschaft der Polizei befürchtet bei einer Verlängerung des Lockdown Light mehr Gewaltbereitschaft. Déjà-vu.

11. November | Mindestnähe

Auch wenn Tagebucheintragungen immer Hinweise in eigener Sache sind, an diesem elften November ein spezieller Hinweis in eigener Sache.

Zusammen mit den wunderbaren Nancy Hünger und Dana Berg schreibe ich an der MINDESTNÄHE. Ein Buch, ein Blog von Begriffen zur Pandemie, zwei Texte zu jedem Wort, dazu eine Illustration und das jede Woche für die nächsten Monate, Begriffe, die von Bedeutung waren und weiterhin sind für die letzten zehn Monate, ein etwas anderes Schreiben als hier in den Coronamonaten, ein Suchen im Dazwischen, ein Verweisen und Verwickeln.

An jedem Dienstag kommt ein neuer Begriff. Wir beginnen mit »Hände«, nächste Woche geht es weiter mit »Wissen«.

www.mindestnähe.de

10. November | Ein Ende (II) BNT162b2

Trump abgewählt, Impfstoff gefunden – das müssen die besten sieben Tage des Jahres gewesen sein. So, als ob sich 2020 noch einmal um einen positiven Gesamteindruck bemühen würde.

Was Quatsch ist, weil ein Jahr ja nichts kann, schon gar nicht einen Impfstoff entwickeln. Den hat die Firma aus Mainz schon im Januar, als es noch keinen Fall in Deutschland gab, wie man so sagt, auf den Weg gebracht. 40000 Tests später BNT162b2, Wirkungsgrad 90%, die Produktion hunderte Millionen Dosen noch in diesem Jahr, Milliarden dann 2021, selbst der Transport bei -71° scheint logistisch möglich.

Warum reagiere ich auf diese Nachricht – in einem Pandemiejahr ja die Entscheidende – anders als auf Sputnik V, den russischen Impfstoff? Immerhin existiert von BNT162b2 nur die Pressemitteilung von Pfizer, einem Pharmaunternehmen, mit denen sich die Wissenschaftler schon im März zusammentaten, um später einmal eine solch gigantische Produktion starten zu können.

Die Langzeitfolgen, Infektionsreduktion, wofür die 90% genau stehen, ist noch nicht genau einsehbar. Dennoch gibt es Informationen auf Kanälen, denen ich vertraue, Bewertungen von Fachleuten, die darauf deuten lassen, dass BNT162b2 nachvollziehbar dem Virus einigermaßen Einhalt gebieten kann.

Ich höre davon am frühen Nachmittag. Augenblicklich ist es, als ob alle Spannung von mir fällt. Als ob das Jahr und seine bleierne Schwere in sich zusammensackt. Augenblicklich werde ich aus der Pandemie katapultiert. Was ich eben noch für Gegenwart hielt, ist plötzlich Vergangenheit; Maske, Plexiglasscheiben, Lockdown, all die Einschränkungen, das permanente Beschäftigen erscheint nun wie etwas, das sich losgerissen hat vom Jetzt. Die Pandemie treibt nach gestern. Was eben noch notwendig schien, kann ich hinter mir lassen. Auch alle Gedankenburgen, die ich gebaut habe, stürzen ein. Sie werden nun nicht mehr gebraucht. Niemand braucht sich mehr mit der Pandemie beschäftigen.

Natürlich weiß ich, dass dem nicht so ist. Dass das Virus sich weiterverbreiten, dass die Produktion und Verteilung des Impfstoffes viele Monate, Jahre in Anspruch nehmen wird, dass sich die Folgen nicht von heute auf morgen in harmlose Aerosole auflösen. Dass es weitere, anders wirkende Impfstoffe geben wird, dass von den 90% BNT162b2 am Ende deutlich weniger bleiben werden.

Aber das Gefühl ist: Ein Impfstoff ist da, ein Fallschirm im freien Flug.

Ansonsten: Während der Kurs der Zoom-Aktie absackt, steigen nach Bekanntgabe BNT162b2s die Kurse der Fluggesellschaften und Reiseunternehmer. Die EU-Kommission bestellt 200 Millionen Impfdosen für Europa. Die Organisatoren der Olympischen Spiele Tokio nehmen die Nachricht von BNT162b2 erleichtert zur Kenntnis. Erstmals werden mehr Menschen auf Intensivstationen behandelt als im Frühjahr. Während in Dresden wegen Corona Gedenkveranstaltung zur Prognomnacht untersagt sind, findet Pediga statt.

9. November | Ein Ende (I) Total Landscaping

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Screens voll mit blauen und roten Counties. Ich sehe tanzende New Yorker und ich sehe eine Pressekonferenz auf einem Parkplatz neben einem Sex Shop, Four Seasons Total Landscaping.

Diese Bilder sagen mir: Die Witzfigur ist nicht länger mehr eine Witzfigur mit Macht. Sie hat ihren Schrecken verloren, die Witzfigur ist nur noch Witzfigur.

Dabei hoffe ich, dass es keine Biopics über die orangen Jahre geben wird, mit Christian Bale als Donald Trump, Cate Blanchett als Melania Trump, Joe Pesci als Rudy Giuliani, keine HBO-Miniserien, die das Geschehene irgendwie auch unterhaltsam oder glamourös erscheinen lassen, keine Bildstrecken mit dem »Kult«-Präsidenten, seine hundert verrücktesten Aussetzer, die zweihundert irrsten Tweets, dreihundert crazy Plottwists, mit denen in den 10er Jahren niemand rechnete.

Ich hoffe, die Verklärung des Grotesken bleibt aus und dafür die Erinnerung an das Schreckliche, an die in Käfig eingesperrten Kinder, überdauert, das ist, was nicht vergessen werden soll, nicht das Foto des Präsidenten hinter einem Tisch voll mit FastFood.

Der 3. November, der 7. November, der 20. Januar ist ein Ende. Und, in der Natur der Sache begründet, ist die Abwahl des einen der Anfang der Anderen. Der 3. November ist ein Punkt auf einer Linie. Die Linie ist die Pandemie. Sie setzt sich fort, ihr ist es gleich, ob 146 Millionen Menschen Stimmen abgaben.

Jeder der 237574 Toten bleibt gestorben, das Gesundheitssystem lavede, die Ungerechtigkeit bestehen, die Wahrscheinlichkeit, als Mitglied einer Minderheit zu erkranken, hoch, die Spaltung, der Hass, die Unvernunft haben an diesem 3. November kein Ende gefunden. So wie sich die Pandemie nicht wegdemonstrieren lässt, lässt sie sich nicht abwählen, lässt sich das System, in dem sie stattfindet, nicht in hundert Tagen ändern.

Die Wahl ist ein Punkt auf einer Linie, die Linie reicht weit in die Zukunft hinein. Doch im Gegensatz zur Linie der Klimakrise scheint das Linienende der Pandemie zumindest in Sichtweite.

Ansonsten: China macht für eine Corona-Neuinfektion in Tianjin eine aus Bremen importierte Schweinshaxe verantwortlich. Weil Karneval nicht stattfinden kann, verteilt die Düsseldorfer Prinzengarde unter dem Motto »Karneval neu denken« sogenannte Sessions-Starter-Sets (Luftschlangen, Luftballons, blau-weiße Schutzmaske, Viererpack Altbier) an Haustüren. Laut einer Studie ändern sich die Einkaufsgewohnheit; die Deutschen gehen seltener zum Supermarkt, dafür fallen die Einkäufe auch größer aus. Weil die Verbrennungsanlagen mit dem Vernichten der 15 Millionen dänischen, mit einer mutierten Form von Sars-Cov2 infizierten Nerzen nicht hinterherkommen, werden die Kadaver in militärischen Sperrgebieten vergraben. Die Zahl von Coronapatienten auf deutschen Intensivstationen erreicht den Höchstwert vom Frühjahr.

8. November | Die Polonaise der 16000

In Leipzig treffen sich 16000, um gegen Coronamaßnahmen Gesundheitsschutz zu protestieren. Ich spreche mit jemanden darüber. Er fragt, nicht rhetorisch, sondern ehrlich interessiert an der Antwort: »Was wäre denn die Alternative zum Schutz? Was wollen die denn?« Wir überlegen, jemand sagt: »Die wollen, dass keine Pandemie ist.«

Wenn es so einfach wäre. Im Laufe des Abends treffen die erwartbaren Bilder ein. 16000 Menschen, die gegen das Tragen von Mundwindeln Masken demonstrieren, tragen keine Masken. 16000 drängen die Polizei zurück, überlaufen den Leipziger Ring, 16000, aus ganz Deutschland angereiste Menschen feiern Polonaise, atmen Aerosole in 16000 Nacken.

Zeitgleich zu den Bildern aus Leipzig laufen die Bilder der feiernden Amerikanerinnen ein, der Präsident ist abgewählt. Auf beiden Bildern die Aerosole, beiden Bildern kann das Gleiche vorgeworfen werden. Aber der Widerspruch, der schmerzt, ist ein anderer. Es ist schwer zu ertragen. Hier die geschlossenen Kinos und Lokale, die nichtstattfindenden Lyriklesungen und Bauhausfassadenprojektionen, alle mit Sicherheitskonzept. Dort die Polonaise im Lockdown, das zynische, mitleidslose, dummdreiste Feiern des Verzichts auf Anstand und Abstand.

Später ein Bild. Ein Mann hat sich ein Schild mit Davidstern umgehängt, darauf steht »Ich bin Covidjud«. Das Bild ekelt mich an. Ich möchte gern jeden der 15999 dieses Bild zeigen, fragen, wie es ist, mit diesem Mann zu marschieren. Ich möchte fragen, weil ich hoffe, dass 15999 ebenso angeekelt sein werden. Nur was, wenn viele die Schultern zucken, wenn sie sagen: Im Grunde genommen ist es doch so.

Für den 9.11., der Progromnacht, meldet Querdenken eine Demonstration in Braunschweig an, dort, wo Hitler eingebürgert wurde, Startzeit: 18:18 Uhr.

7. November | Kleiner Hirschbraten

Vor den gastronomischen Einrichtungen in der Innenstadt sind die Sitzgelegenheiten gestapelt und mit Absperrband gesichert. In den Innenräumen ist es dunkel: Die Gaststätten, Lokale und Restaurants sind geschlossen. Aber in fast jedem Schaufenster hängt ein Zettel, der auf den Mitnehmservice verweist. Zum Teil wird ausgeliefert, ansonsten stehen die Styroporboxen in Hunderterpacks bereitet. Die Speisekarte ist auf wenige Gerichte reduziert, wird sich in den edlen Lokalen wie in einer Kantine auf Tagesgerichte beschränkt. Es gibt Kichererbsen-Tomaten-Salat mit Rucola und gerösteten Kürbiskernen, Süßkartoffel-Hähnchen-Auflauf mit Erdnusscreme, Kleinen Hirschbraten mit Apfelrotkohl und Klößen oder Kartoffeln. Die Informationen, die Karten werden geteilt und verbreitet, auf Facebook, WhatsApp, der eigenen Homepage. Die Kochenden sind vorbereiteter als im März, die Essenwollenden ebenfalls.

Durch die Innenstadt laufen Menschen mit Plastikbeuteln gekochten Essens. Manche setzen sich auf die sonnenbeschienenen Freiflächen vor dem Nationaltheater. Aus den Papierkörben quellt soßenbeflecktes Styropor, der gastronomische November des Pandemiejahres.

Ansonsten: Die Neuinfektionszahl liegt bei über 23000, der Trend der Verdopplung ist abgeschwächt. Experten rechnen mit einer Überlastung der Krankenhäuser in der Adventszeit. Während Trumps Wahlkampfveranstaltungen haben sich über 30000 Menschen infiziert.

6. November | Rebellieren

Heute 19:00 Uhr hätte ein Film an die Fassade des Weimarer Bauhaus-Museums projiziert werden sollen. Der Film ist von Yvonne und Wolfgang, ich habe beim Konzept mitüberlegt. Der Film sollte Auftakt einer Veranstaltungsreihe sein, die sich mit Geschichte und Gegenwart auseinandersetzt. Die Projektion selbst war schon das auf Corona abgestimmte Konzept; Freiluftveranstaltung, frische Luft, genügend Abstand. Das ist nun nicht möglich, die viele Arbeit in kurzer Zeit wenn auch nicht vergebens, doch nicht mit entsprechendem Ergebnis.

In der Reihe, im Film geht es um den Begriff des Rebellen. Historische Beispiele werden gezeigt, aktuelle. Der Begriff ist positiv besetzt. Die Auflehnung einer Person gegen etwas ist begrüßenswert: gegen Diktaturen, gegen gesellschaftliche Konventionen.

Während der Überlegungen zum Konzept, in den Gesprächen über den Rebellenbegriff war klar: so eindeutig ist das nicht. Die Frage: Warum ist Rebell ein wohlwollend wahrgenommenes Wort? Wann wird das, für das der Rebell steht, willkommen geheißen, vielleicht sogar verklärt, wann gilt der Rebell als gefährlich, als terroristisch?

Im Coronajahr gehen diese Sätze nicht auf, wenn nicht nach den Gegnerinnen der Coronamaßnahmen gefragt wird. In ihrer Eigenwahrnehmung sehen sie sich als Rebellen, als Freiheitskämpferinnen, im notwendigen Widerstand gegen ein System. Damit haben sie recht; sie rebellieren gegen eine Mehrheit.

In den Gesprächen fand ich mich, wir uns, oft in der Situation wieder, dass ich – bei aller harscher Kritik – etwas Bestehendes verteidigte. Ich verteidigte Obrigkeiten und Autoritäten, ich machte mich gemein mit denen, die Macht ausübten, sah mich nicht auf einer Seite mit denen, die diese in Frage stellten.

Es war seltsam, weil es sich zugleich richtig anfühlte und falsch. Ich muss immer kritisieren, immer Abstand halten, immer hinterfragen, etwas dagegensetzen, gerade gegen jene, die über Autorität verfügen. Und dennoch konnte ich mich mit einigen der selbstausgerufenen Rebellenbewegungen der letzten Jahre nicht nur nicht sympathisieren, ich empfand sie als bedrohlich, etwas, dem ich mich entgegenstellen musste und muss.

Anders gesagt: Beim Nachdenken über den Rebellen-Begriff fand ich mich auf der Seite der Machthaber wieder, oder, weniger dramatisch, auf der Seite des Bestehenden. Ich verteidigte ein System, obwohl ich viele Zweifel habe. Im Film selbst sagt einer in der Interviewten, dass dies vielleicht die Rebellion der 21. Jahrhunderts ist, das Bestehende zu verändern, indem man es verteidigt.

Ich habe so viel Kritik vorzubringen, aber ich würde niemals die Pose des Rebellen einnehmen. Auch bei Corona nicht. Der Gestus, man müsse gegen ein Unrechtssystem angehen, ist mir fremd. Ich kritisiere das Verbot der Filmprojektion, ohne dabei Fahnen zu schwenken und einen Plot zu vermuten, die böse Absicht, mir meine Meinungsfreiheit zu nehmen.

Ich weise darauf hin, dass die Filmprojektion coronasicher hätte stattfinden können, weise auf den Widerspruch hin, dass eine mögliche Ansteckungsgefahr in den geschlossenen Häusern der Baumärkte oder der Gottesdienste wesentlich größer ist als auf dem weitläufigen Stéphane-Hessel-Platz. Ich ärgere mich über das Verbot, ich verstehe es nicht (und verstehe es doch, als Symbol, als kein Zulassen einer Ausnahme, weil es dann viele Ausnahmen geben müsste), ich spreche über meinen Ärger und schreibe ihn auf. Doch der Gedanke, deswegen rebellieren zu müssen, erscheint mir absurd.

Ansonsten: Nach der Entdeckung mutierter Viren in Nerzen riegelt Dänemark einige Landesteile ab. Im bayrischen Gauting zerstören Feiernde einer Halloweenparty Teile eines Lagers, in dem Material für ein Corona-Notfallkrankenhaus eingelagert war. In Frankreich wird wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie bis auf Weiteres unabhängigen Buchhandlungen das Porto für den Bücherversand vom Staat erstattet. Wegen der Pandemie wird die Volkszählung auf 2022 verschoben.

5. November | Wahl>Pandemie

Die US-Wahl war seit langer Zeit das erste Mal wieder etwas, bei dem die Pandemie in die zweite Reihe zurücktreten musste. Das erste Mal seit Langem ein intensives Beschäftigen mit einem gerade stattfindenden Ereignis, bei dem es nicht um 7-Tages-Inzidenz, Spike-Proteine oder Aerosole ging.

Für einige Tage war beruhigenderweise Wahl>Pandemie, auch weil die Wahl letztlich nicht so viel mit dem Virus zu tun hatte. Die Pandemie hat in der Berichterstattung keine wahlentscheidende Rolle gespielt. Oder vielleicht doch? Vielleicht sind die entscheidenden Stimmen in den verbleibenden Staaten auf Trumps Verhalten in der Pandemie zurückführen? Oder: Wenn die Pandemie nicht gewesen wäre, hätte Trump dann gewonnen? Hätten die Unentschiedenen für ihn gestimmt, läge er dann längst über der 270? Kann es 2020 irgendetwas OHNE Pandemie geben?

So oder so, versinke ich in den Zahlen, den Counties, Key Race Alerts, den Exit Polls. Es sind Zahlen, Unmengen an Zahlen. Die Zahlen an sich sagen nichts. Sie sagen mir nichts. Jemand muss sie in einen Kontext setzen. Jemand muss mir erklären, wann welche Zahlen erhoben werden, wie sie in Vergleich zu setzen sind zu alten Zahlen, wie sie sich verhalten zu den Zahlen, die noch kommen werden, wie sie zu interpretieren sind.

Jemand interpretiert Zahlen. Ich wiederum interpretiere diese Zahlen für mich. Je nach dem, welchem Interpreter ich zuhöre – CNN, Fox, One America, FiveThirtyEight, ARD, BILD-Livestream, Twitter – verändert sich auch meine Interpretation. Ich kann mir selbst Gedanken zu den Zahlen machen, aber ich bin darauf angewiesen, dass jemand diese Zahlen für mich erhebt und letztlich auch angewiesen, dass jemand die Zahlen vorsortiert.

Später liegt es an mir, wie ich mit der Interpretation der Zahlen umgehe; benutze ich sie skeptisch, als Beweis, argumentiere, veranschauliche ich, nutze ich sie fehlerhaft, nutze ich sie bewusst in einem unwahren Kontext, lüge ich mit den Zahlen?

Weil ich gestern den Bogenschlag zur Pandemie gesucht habe – vielleicht wäre das einer. Auch hier sind es Unmengen an Zahlen. Sie allein sagen nichts, jede Zahl steht für sich und erzählt erst in einem Zusammenhang etwas. Jemand muss sie für mich in Zusammenhang bringen, damit ich damit den Blick auf das Ereignis, den Blick auf die Wahl, auf die Pandemie richten kann, mir damit ein Bild baue.

Ansonsten: Die Neuinfektionen liegen bei knapp 20000, in den USA bei über hunderttausend. Zwischen 19. bis 24. Oktober haben sich die Verkaufszahlen von Toilettenpapier mehr als verdoppelt. Weil dänische Nerze eine Mutation des Virus in sich tragen, müssen 17 Millionen Tiere notgeschlachtet werden.

4. November | Molotowcocktail

In den gestrigen Abend mit der Überzeugung gegangen, dass die Wahl vor der Wahl entschieden ist, dass legal keine Aussicht auf vier weitere orange Jahre besteht, dass das offensichtlich Groteske keine Spannung mehr zulässt, war überzeugt, dass die Situation 2020 eine andere ist als von 2016, dass die Experten, die sich mit Wahlprognosen beschäftigen, ihre Methoden so verändert haben, dass sie das Ergebnis genauer eingrenzen können.

Nach wenigen Minuten schon die ersten Zweifel, erste vorsichtige Zahlen, die andeuteten, dass der Abend nicht so eindeutig verlaufen würde. Die Zweifel blieben bis in der Nacht. Am Morgen draußen die helle Sonne, drinnen die grau gefärbten Bundesstaaten, ein hektisches Checken und Klicken und Lesen und Verstehenwollen, das Gefühl von 2016 reloaded; die Vorhersagen unrichtig, Gewissheiten zertrümmert, ein Gefühl von Erstarren, Erstaunen, Ermüdung, Mattigkeit, Unglauben, auch Furcht, gerade Furcht. Vor vier Jahren schrieb ich, dass Trump ein Molotowcocktail wäre, den seine Wählerinnen ins
System schleudern. Heute ist klar: Das System ist der Molotowcocktail.

Alles stimmt so und noch kann alles so kommen, auch anders, als es jetzt gerade aussieht. Ich weiß nicht, wie ich darüber schreiben kann, wie ich den Bogen zu den Coronamonaten spannen soll, eine Pandemie, die offensichtlich nicht genügte, die Unfähigkeit und Unmenschlichkeit des Präsidenten einer überwältigenden Mehrheit zu verdeutlichen. Das ist die Ermattung, vor allem die Ratlosigkeit: die Tatsache, dass die Wahl nicht sofort eindeutig ist, dass Trump für einen großen Teil wählbar bleibt, nicht trotz, sondern weil er zerstört, öffnet erneut die Tür zu einer Gegenwelt, einer Realität, die unwirklich scheint, die nicht mehr der vereinbar ist, die sich in meinem Kopf festgesetzt hat.

Vor dieser Gegenwelt wurde gewarnt, die Skepsis war in jeder noch so eindeutigen Vorhersage eingeschrieben, ich habe sie nicht wirklich ernstgenommen, viele werden das nicht. Selbst wenn an einem unbestimmten Zeitpunkt ein felsenfestes Ergebnis feststehen sollte, jener Triumph wäre eine Niederlage, weil sich die Farbe Orange als ansprechend erweisen hat, weil ihr Wesen, ihr Auftreten, ihr Handeln fortgetragen werden wird, der vierte November beendet nichts.

Die Wahl in einem Ansonsten: Ein im Oktober an Covid19 gestorbener republikanischer Politiker wird ins Abgeordnetenhaus gewählt.

3. November | Warten IV

Heute der Tag der amerikanischen Präsidentenwahl, herbeigewünscht, weil er zumindest einen formalen Schlussstrich unter die letzten vier orangen Jahre ziehen könnte, befürchtet, weil er die vier Jahre um x weitere verlängern könnte. Der fatale Umgang mit der Pandemie ist ein Thema von vielen, nicht einmal das Entscheidende. Gleich, wie die Vorhersagen aussehen – ein großer Rest Ungewissheit bleibt, die Zurückhaltung mit Zuversicht nach 11/9 von 2016. Der 3. November scheint ein Datum zu werden, auf den das Jahr 2020 zugearbeitet hat, als könnte dann kuliminieren, was lange schon ist. Die nächsten Tage werden auch schrecklich sein.

2. November | Krankheit als Metapher

Ich habe mit etwas begonnen, das ich mir länger schon vorgenommen hatte: Ich lese Susan Sontags »Krankheit als Metapher / Aids und seine Metaphern«. Darin versucht Sontag anhand von Tuberkulose, Krebs und HIV nachzuvollziehen, welche (sprachlichen) Bilder Krankheiten hervorbringen und wie diese den Umgang der Gesellschaft mit den Krankheiten prägen; Krankheit als Strafe, Krankheit als Schande, Krankheit als Ausschluss. »Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken«, schreibt sie am Anfang.

Ich lese mit großem Interesse. Von Tuberkulose, ebenso wie Covid eine Krankheit, die vorrangig die Lungen befällt (und »befallen« wäre schon eine erste solche Metapher, die Sontag betrachtet), 1.5 Millionen Tote im Jahr, mehr als bisher an Covid starben (Stand: 2.11.2020). Denn natürlich lese ich das Buch in Bezug auf die aktuelle Pandemie. Ich will wissen, welche Unterschiede, welche Gemeinsamkeiten sich finden lassen.

Dabei merke ich, dass anders, als Sontag das für ihre ausgewählten Krankheiten beschreibt, es wenig Metaphern für die eigentliche Krankheit gibt. Es beginnt schon damit, dass Corona, was eine Virusfamilie meint, der wesentlich präsentere Begriff ist als die Krankheit, die 1.2 Millionen Menschen getötet hat, Covid19.

Welche Metaphern, bildliche Begrifflichkeiten gibt es zur Krankheit, dem, was der SARS-CoV-2-Virus konkret am Körper anrichtet? Aus dem Stand fallen mir »Zytokinsturm« ein, vielleicht noch das »Ertrinken« als Beschreibung einer Lungenentzündung. Welche Bilder gibt es noch für den Krankheitsverlauf? Ich muss sie sammeln, um später mehr darüber schreiben zu können.

Mir scheint, dass viel, stärker als auf der Krankheit, der Blick auf den gesellschaftlichen Folgen der Bekämpfung der Krankheit liegt. Shutdown, runterfahren, entschleunigen, Maulkorb, knuffelkontakt – das, was dem Schutz folgt, regt die Fantasie an, gibt die Wörter. Es geht um die Pandemie, nicht um die Krankheit.

Und vielleicht ist es deshalb so, dass Corona der viel öfter verwandte Begriff ist: Weil das, über das gesprochen wird, nicht die Kranken und ihre Krankheit ist, sondern die Gesunden und wie sich ihre Leben ändern. Covid bezeichnet die Krankheit, Corona ein globales Ereignis, letzteres ist das, was bewegt.

Heute tritt der zweite Lockdown Shutdown in Kraft. Nach wie vor ein Brüten über den so offensichtlichen Widersprüchen – die weitläufigen Museen geschlossen, die engen Frisörsaloons geöffnet etc. Weiterhin der Eindruck, dass der Einspruch dagegen diesmal stärker, wütender, offensiver ist als im März, sowohl in der Gastronomie als auch bei der Kultur, den beiden Hauptbetroffenen des erneuten Runterfahrens.

Auch wenn es bei der Kultur einige Gegenstimmen gibt – Kultur ist nicht allein die Veranstaltung, sondern auch das davor und danach, welches Kontakte und damit Infektionsmöglichkeiten bietet / es soll Ausfallzahlungen geben, diesmal auch über die Betriebskosten hinaus / Kultur ist eine Klassenfrage und wird auch so behandelt – ist das Meinungsbild weitestgehend geschlossen. Am Abend soll es unter dem Hashtag SangUndKlanglos einen Protest geben, stille Kunst, Kunst als Ausbleiben der Kunst, schweigende Autorinnen, schweigende Musikerinnen, leere Bilder und Bühnen, »Je mehr mitmachen, desto lauter wird die Stille«, heißt es im Aufruf.

So oder so: Das Veranstaltungsjahr ist vorbei. Der glühweinfreie Weihnachtsmarkt in Weimar wird – Stand heute – das letzte kulturelle Ereignis des Jahres sein, das ist nicht traurig, das ist verheerend.

Ansonsten: Tübingens Oberbürgermeister rät Senioren von Busfahrten ab. Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft rechnet damit, dass die Höchstzahlen der Intensivpatienten aus dem April in wenigen Wochen übertroffen werden. Der BMW-Chef erklärt, dass die Pandemie dem Auto einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Bus, Bahn und Flugzeug verschafft habe. Die Veranstalter einer Querdenken-Demonstration erklären diese zum Gottesdienst. Wegen knapper Krankenhausbetten verhängt der Schweizer Kanton Genf den Ausnahmezustand. In Österreichs Kirchen wird das Singen verboten.

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