Coronamonate. Januar

31. Januar | Denkmal

Jeden Morgen werfe ich einen schnellen Blick auf die Zahlen. Wenn die Zahl der Toten unter 800 liegt, freue ich mich, es ist ein guter Tag, es sind nicht tausend Tote. Diese Form der Freude ist ein Ritual der Pandemie, ich reflektiere nicht mehr, wie schrecklich diese Freude ist.

Ich frage mich, ob es einmal ein Denkmal für die Coronatoten geben wird. So wie Pestsäulen? Wie die Weltkriegsdenkmäler in den Dörfern? Oder ein zentrales Denkmal in Berlin, in Heinsberg, in Zittau oder Tirschenreuth? Wie wird man den Toten gedenken? Wird man ihnen gedenken? Wird es einen Tag im Jahr für das Gedenken geben, mit einem Staatsakt, einer Kranzniederlegung? Ein Datum, an dem in einigen Jahren Deutschlandfunk verlässlich Features senden und in den Feuilletons Aufmacher erscheinen werden? Wird es einen Eventfilm mit Florian David Fitz als Virologen, der vergeblich warnt, und Karoline Herfurth als sich aufopfernde Krankenschwester geben, der an diesem Tag ausgestrahlt werden wird?

Wird das Gedenken in Romanen fortgeschrieben werden, Romane, die in den nächsten Jahrzehnten die Pandemie in ihre Geschichten über das 21. Jahrhundert wie selbstverständlich einweben werden? Wird das so geschehen, wie die Weltkriege dauerhaft Stoff für Geschichten bieten, wird das in kleinerer Form geschehen wie bei 9/11, wo Andeutungen – Hochhaus, Flugzeugschatten, Teppichmesser – genügen, um das Bild einer Epoche zu zeichnen? Werden die Erzählungen redundant sein, das Gleiche und Gleiche wieder und wieder darstellen, so, wie die 1920er heute entweder der Börsencrash oder Roaring Twenties sind, werden wir den Bildern von Masken und irrsten Trumpcoronaaktionen überdrüssig werden?

Werden wir das Gedenken wegschieben wollen? Wird es uns lästig werden, an die Coronajahre erinnert zu werden? Werden wir das Gedenken ins Private verlegen? Wird es mit Scham behaftet sein, nicht nur das Gedenken an die Toten, auch die Erinnerung, wie man selbst die Zeit verbracht hat – das Verstummen, das Verschwinden, das Nichtgeschaffte, die Wut, die Belastung, der Druck? Wie wird dieses Gedenken aussehen? Welche Fotos von den Coronajahren werden wir in unsere Fotoalben von dm drucken lassen, welche Gedenksäulen werden wir sehen, werden wir uns dann erinnern, woran?

Ansonsten: Für Freitag werden 794 Tote vermeldet. Expertinnen der WHO untersuchen in Wuhan den Ursprung der Pandemie. Die Lieferungen des Moderna-Impfstoffs werden reduziert, dafür soll es mehr Lieferungen des BionTech-Impfstoffes geben. Nur sieben Intensivbetten sind in Portugal frei. Bei einer Razzia im Skigebiet Tirol werden 96 Anzeigen gegen Briten, Dänen, Schweden, Rumänen, Deutsche, Australier, Iren und Polen erstattet. Nachdem die Stadt chinesische Stadt Tonghua über Nacht in einen Lockdown versetzt wird und Türen mit Eisenstangen zugeschweißt werden, gibt es Berichte, dass Menschen aus Hunger ihre eigenen Haustiere, z.B. Schildkröten, essen.

30. Januar | stoppen sprengen auflösen

Was die Polizei stoppt sprengt auflöst

eine Firmenfeier in Nürnberg, einen Frisörsalon im Keller, Hochzeiten, Gottesdienste, Kindergeburtstage, eine Party in einer Düsseldorfer Apotheke, auf Koh Phangan eine Party mit hundert, in London eine Party mit dreihundert, in Frankreich eine Party mit 2000, einen Weihnachtsmarkt, Glühweinspaziergänge, eine Fetischparty, eine Karaokeparty, eine Garagenparty, eine Kleingartenparty

Ich bin gewöhnt an diese Art von Meldungen. In der Pandemie bin ich gewöhnt daran, dass die Polizei stoppt sprengt auflöst Veranstaltungen, die im weitesten Sinne gute Zusammenkünfte sind, Treffen, die dazu gedacht sind, Wohlbefinden zu verbreiten. Die Polizei unterbindet sie, bestraft die Teilnehmenden dafür.

Ich nehme diese Meldungen hin. Sie erzählen etwas Absurdes, sie unterhalten mich. In gewisser Weise lauere ich darauf, auf die exzentrischen Verfehlungen anderer, bei manchen spüre ich eine Spur Genugtuung, jemand verstößt gegen Regeln, an die ich mich halte und wird dafür zu Recht gemaßregelt.

Was gestoppt gesprengt und aufgelöst wird, sind Dinge der Freude. In so gut wie jeder denkbaren Situation wäre es grotesk, einen Kindergeburtstag mit einem Sondereinsatzkommando zu stürmen, die Erwachsenen verstecken sich mit den Kindern im Schrank vor den Einsatzkräften. Aber jetzt ist Pandemie, jetzt ist ein gesprengter Kindergeburtstag der Normalfall, eine Sprengung, die ich nicht nur nachvollziehen kann, die ich bejahen und fordern muss. Draußen sind die Mutanten unterwegs und drinnen feiern dreißig Kinder.

Ich bin es gewöhnt bin, ich nehme es hin, ich teile. Ich hoffe, dass diese Gewöhnung so schnell wie möglich verschwinden wird.

Ansonsten: Nach zwei Fällen mit der Mutante B117 am Weimarer Krankenhaus wird dort ein Besuchsverbot von einer Woche verhängt. Der Impfstoff von AstraZeneca erhält die Zulassung für die EU, in Deutschland wird er für alle unter 65jährige empfohlen, was bedeutet, dass unter 65jährige eher als geplant geimpft werden können. Pharmakonzerne, die mit der EU Lieferverträge geschlossen haben, müssen Ausfuhrgenehmigungen beantragen. Die Europäische Arzneimittel Behörde stellt einen Monat nach Impfbeginn keinen Todesfall in Zusammenhang mit den Impfungen fest.

Die Regierung beschließt ein Einreiseverbote aus Ländern mit den Mutanten. Der Kanzleramtsminister lobt die Deutschen für ihr vorbildliches Verhalten, weil der befürchtete Anstieg der Infektionen wegen Weihnachten ausblieb. Nach falschen Attesten für Maskenbefreiungen findet bei einem Arzt in Hessen eine Razzia statt. Bis zum Frühjahr werden im Gesundheitsbereich mehr als eine Milliarde FFP2-Masken benötigt.

Die Leipziger Buchmesse wird erneut abgesagt. Nachdem der neue James-Bond-Film von April 2020 auf Winter 2021 verschoben ist, fordern mehrere Sponsoren den Nachdreh bestimmter Szenen, in denen veraltete Produkte mit neuen ersetzt werden können. Nachdem ein Radiosender in fiktiven Nachrichten von 2022 vom Ende der Pandemie berichtet, melden sich »aufgeregte Bürger« beim Sender. Der Gesundheitsminister sagt: Der Weg aus der Jahrhundertpandemie hat begonnen. Übersterblichkeit 2020.


29. Januar | Impfprivileg

Caroline Emcke schreibt: »Als jemand, die vermutlich erst im Sommer geimpft wird, fallen mir keine vernünftigen Einwände ein, warum andere Menschen, die schon geimpft wurden, nicht auch wieder ins Theater oder Kino dürfen sollten. Ich gewinne doch nichts durch deren Verlust.«

Mein erster Impuls gegen diese Worte ist Widerspruch. Ich sehe eine Zwei-Klassen-Gesellschaft wie in jeder auf den ersten Blick utopisch scheinenden Dystopie; die Geimpften als sorgenfreie Elois, die alle Freuden des Lebens genießen, die Ungeimpften als Morlocks, die in Quarantäne unter Tage ausharren müssen. Schon im Moment, als ich diese Analogie ziehe, wird mir klar, dass sie nicht aufgeht, literarisch nicht und auch nicht auf die Corona-Pandemie bezogen.

Ich lese Emckes letzten Satz. Ich gewänne und verlöre nichts, wenn den Geimpften etwas erlaubt wäre. Der einzige Grund, sie ebenfalls den gleichen Beschränkungen wie den Ungeimpften zu unterwerfen, wäre Neid. Die Geimpften in die Kinos und Lesesäle gehen zu lassen, wäre für die Kinos und Lesesäle ein Gewinn.

Dann denke ich: Aber wäre es nicht nett, wenn die Geimpften der Risikogruppen sich solidarisch zeigen würden, so, wie ich es getan habe in den letzten Monaten? Ich habe verzichtet, obwohl ich keiner Risikogruppe angehöre. Kann ich jetzt etwas ähnliches erwarten von den Geimpften? Ist es so wie das Gedankenspiel, das Eckart von Hirschhausen letztens entwarf; weil das Virus für die Älteren gefährlicher ist, haben die Jüngeren verzichtet – weil die Erderwärmung für die Jüngeren gefährlicher sein wird, sollten nun auch die Älteren verzichten, auf Kreuzfahrten oder SUVs? Eine sich ausgleichende und deshalb gerechte Balance der Solidarität?

Dann denke ich: Und was ist mit der Krankenschwester, dem Pfleger, der Intensivärztin? Sollte sie, die auch zeitig geimpft wurden und nicht nur ein Jahr ihres Lebens gegeben haben, sondern dieses Jahr unter besonderen Druck standen, nicht erst recht so zeitig wie möglich zurück ins normale Leben kehren, zurück zu den Freuden?

Dann denke ich an die Impfreihenfolge, die gerecht und solidarisch – die Gefährdeten zuerst – geplant ist und denke an die österreichischen Bürgermeisterrinnen, die sich in ihren Gemeinden Impfdosen erschleichen, denke an den Milliardär aus Südafrika, der sich in seiner Schweizer Privatklinik außer der Reihe impfen lässt, denke an Führungskräfte bei DRK und Feuerwehr, die sich außer der Reihe »bedienen«, wie in Beverly Hills Ärzten zehntausend Dollar für ein Impfen geboten werden, lauter Beispiele, die das Gerechte ins Gegenteil verdrehen, denke, warum sollten diese schäbigen Geimpften weitere Vorteile genießen dürfen?

Dann denke ich an die Studien, die Übertragungszahlen der Geimpften, von kaum vorhanden bis 40%, fast jeder zweite der mit einem bestimmten Impfstoff Geimpften wird das Virus weiterverbreiten können, wie soll dann eine Rückkehr aussehen?

Und dann denke ich: Was, wenn am Ende alles auf den letzten Satz hinausläuft? Ich gewinne nichts durch deren Verlust.

Ansonsten: Die EU-Kommission berät über die Einführung eines Corona-Impfpasses, mit dem sich der Impfstatus einer Person schnell feststellen lassen soll. Im ersten Monat der Impfungen gab es in Deutschland pro 1000 Impfdosen 0,1 Meldungen über schwerwiegende Nebenwirkungen. Die Impfkommission empfiehlt, den AstraZeneca-Impfstoff nur für unter 65-Jährige anzuwenden. Im Tausch gegen die derzeit knappen Elektrochips bittet Taiwan Deutschland um Impfstoff.

Zum Neujahrsfest schränkt China die Reisemöglichkeiten stark ein. In Portugal werden die höchsten Werte bei Infektionen und Todeszahlen gemeldet. Wissenschaftlerinnen werben für eine gemeinsame europaweite NoCovid-Strategie, nach der dauerhaft der Inzidenzwert auf unter zehn Fälle pro 100000 Einwohner gesenkt werden soll. Zum ersten Mal seit Oktober liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland unter 100.

Auf dem Bodensee wird die MS Thurgau zu einem schwimmenden Impfzentrum umgebaut. Ein Covid-Patient aus Wiesbaden verlässt das Krankenhaus, um in Mainz einzukaufen. Empfängerinnen der Grundsicherung sollen zehn kostenlose FFP2-Masken erhalten. Weil seine Handynummer fast identisch ist mit jener der Impfhotline, bekommt ein LKW-Fahrer hunderte Anrufe verzweifelter Rentnerinnen. In einem Index über das effizienteste Coronamanagement wird Deutschland auf Platz 55 gelistet, an der Spitze steht Neuseeland.

28. Januar | Mittwochsklammer

In meinem Zimmer ist eine Leine gespannt. An der Leine hängen sieben Klammern. Sie haben verschiedene Farben. An der Mittwochsklammer hängt eine Maske. Sie schützt mit 95prozentiger Sicherheit vor dem Virus.

Seit Dienstag sind FFP2- oder Operationsmasken verpflichtend beim Einkauf. Heute bin ich zum ersten Mal dieser Verpflichtung nachgekommen. Ich habe bis zum letzten Moment gewartet und mich davor ausreichend informiert. Und je mehr ich über FFP2 erfuhr, desto größer die Frage: Wieso habe ich das nicht schon die letzten zehn Monate so gemacht? Ich hätte es mich selbst schützen können, die ganze Zeit über.

Dann fällt es mir wieder ein: Geld. Ich hätte die letzten 300 Tage FFP2 getragen, die Maske zu 3€ das Stück. Ich denke, was sind tausend Euro für die eigene SARS-CoV-2-Losigkeit? Dann denke ich, dass ich ja dennoch durchgekommen bin.

Dann lege ich FFP2 an und nehme sie ab und merke, wie viel umständlich ich das im Vergleich zu bisher handhabe, wie sehr ich darum bemüht bin, alles so zu machen wie in den Anleitungsvideos; jede Berührung und damit jede Kontamination vermeiden, mehrere Aufbewahrungsbeutel, im Zimmer die Leine mit den sieben verschiedenfarbigen Klammern, eine für jeden Tag, damit das Virus eine Woche lang austrocknen kann, bis ich meine Mittwochsmaske wieder verwenden kann, einen Monat laut Videos und Handlungsanweisungen. FFP2 ist aufreibende Routine, die sich erst noch integrieren muss in den Alltag, so anders als die Stoffmasken, das liebgewonnene und achtlos Herunterreißen und Verwahren und Waschen.

Dann lese ich über FFP2, und mit jeder Zeile mehr wird klarer, dass FFP2 ein weiterer Gegenstand ist, an dem sich die Pandemie beispielhaft erzählen lässt. Den Schutz, den die Maske bietet, die Reduktion der Verbreitung, die Kosten lächerlich niedrig im Vergleich zu den anderen Maßnahmen. Das zuerst. Doch die Kosten schwer bezahlbar für die, die sowieso schon um jeden Euro kämpfen. Zugleich in einem der reichsten Länder kein Angebot, kein System für eine dauerhafte kostenfreie Bereitstellung für die, die das brauchen. Die Anforderungen, die die schützende Maske stellt und dass diese nicht so ohne weiteres umzusetzen sind. Die verunglückte Kommunikation über Masken, das Hin- und Her zu Beginn, damit auch ein Verspielen von Vertrauen. Später ein politisches Zögern, Masken bereitzustellen. Noch später die Erklärungen dafür, die vielen Fehler, die Unsicherheit, schließlich die Maßnahmen mit kurzem Vorlauf, die steigenden Preise des freien Markts, auch solidarische Aktionen. Die Stoffmaske ist Pandemiegeschichte, FFP2 ebenso. Die Mittwochsklammer ist zinnoberrot.

Ansonsten: Ein Treffen zwischen Vertretern von AstraZeneca und der EU endet ohne Klärung der Frage nach Behebung der Lieferschwierigkeiten. Nachdem in einem Freiburger Kindergarten mehrere Infektionen mit den Mutanten aufgetreten sind, verschiebt Baden-Württemberg die für nächste Woche geplante Öffnung der Kindergärten und Schulen. Weil Nerze besonders anfällig sind für das SARS-CoV-2-Virus, untersagt Schweden für 2021 die Züchtung von Nerzen. Laut Studien stecken sich in Israel nur 0,01 der Geimpften an. Nach dem Flughafen schließt Israel nun seine Landesgrenzen. Wegen eines sprunghaften Anstiegs von Infektionen wird in Hongkong ein Stadtviertel ohne Vorwarnung abgeriegelt. Galeria Karstadt Kaufhof erhält Staatshilfen in Höhe von 500 Millionen Euro. Weltweit waren und sind über Einhundertmillionen Menschen mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert.

27. Januar | Candy Crush Trash Talk

Was erwarte ich von guten Entscheiderinnen und Entscheidern? Ich erwarte, dass sie auf dem aktuellen Wissensstand sind und sich ständig schlauer machen. Ich erwarte, dass sie aus diesem Wissen Schlüsse ziehen, mit Ernst, Respekt, Demut erwägen und Entscheidungen treffen. Ich erwarte, dass sie über die Autorität verfügen, um dieses Entschiedene durchzusetzen oder zumindest einen Kompromiss zu erzielen, welcher der Entscheidung nicht entgegenläuft. Ich erwarte, dass sie ihre Entscheidungen so vermitteln können, dass ich diese nachvollziehen kann.

Ich erwarte nicht, dass ich mit jeder Entscheidung einverstanden bin. Ich erwarte keine Perfektion, ich erwarte Fehler, ich erwarte Schwächen, erwarte, dass die Entscheider nicht immer Entscheider sind und dann anderes tun sollten, erwarte, dass sie zweifeln und auch scheitern. Ich erwarte nicht, dass es einfach ist, Entscheiderin zu sein, dass jeder das kann, entscheiden.

Einer der Entscheider berichtet in einem Trash Talk, dass er während der Entscheidungsrunden Candy Crush gespielt hat. Candy Crush ist eine Spielapp, mit der sich Zeit vertreiben lässt. Candy Crush während langandauernder Entscheidungsrunden zu spielen, ist nichts, das ein Drama wert ist. Dennoch bin ich irritiert. Das Bild irritiert. Es widerspricht meiner Vorstellung von dem, was ein Entscheider in einer Krisensituation tun sollte. Candy Crush-Spielen in der Pandemie wirkt lässig, unkonzentriert, respektlos.

In diesem Trash Talk berichtet der Entscheider ebenfalls, dass er den Namen der Kanzlerin im Diminutiv verwendet. Dieses Diminutiv dient der Herabsetzung. Es gäbe viele Gründe, die Entscheidungen der Regierung in den letzten Monate zu hinterfragen und zu kritisieren. Das Diminutiv ist keine solche Kritik.

Das Diminutiv aus dem Mund des Entscheiders zu hören, lässt ihn pubertär, patriarchal, altbacken, albern wirken, so, wie der der AfD zuneigende Großonkel bei der Familienfeier nach dem zehnten Bier spricht, die als Triumph empfundene Plumpheit von jemanden, der ansonsten wenig Triumphales empfindet. Es lässt den Entscheider sehr klein erscheinen, das Diminutiv ist unter seiner Würde.

Andere Entscheider fordern deshalb seinen Rücktritt. Sie sprechen ihm die Eignung ab, Entscheidungen zu treffen. Es gäbe viele Gründe, die politischen Entscheidungen der letzten Monate zu hinterfragen und zu kritisieren, auch für diesen Entscheider. Das Spielen von Candy Crush gehört nicht dazu.

Der eine spielt Candy Crush, der andere fordert deshalb einen Rücktritt, der dritte schreibt darüber einen Eintrag. Trash Talk.

Ansonsten: Verwirrung. AstraZeneca widerspricht der Behauptung, dass der Impfstoff bei Älteren kaum wirkt; die Zahl 8% beziehe sich nicht auf den Wirkungsgrad, sondern sei bezogen auf die Zahl der Testpersonen über 65 Jahre. Aufgrund der geringen Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffes für Ältere wird erwogen, die Impfreihenfolge zu ändern und Jüngere eher zu impfen. Es wird bekannt, dass die Lieferschwierigkeiten von AstraZeneca an einem Werk in Belgien begründet liegen.

Mehr als 100000 Coronatote in Großbritannien. Im englischen Surrey stürmen Coronaleugner eine Intensivstation, um einen Covid-Patienten mitzunehmen. Irland verlängert den Lockdown bis März. Wegen des Verdachts von mehreren Infektionen der Mutante B117 werden 3000 Mitarbeiterinnen des Klinikums Bayreuth unter Quarantäne gestellt.

Laut einer Studie hat in der Pandemie europaweit kein Wirtschaftszweig mehr Einbußen hinnehmen müssen als die Kulturindustrie. Die Entschädigungszahlungen für die Keulung von Millionen dänischer Nerze kostet 19 Milliarden Kronen. Das LKA warnt vor betrügerischen Anrufen zur Impfterminvergabe. 2020 wurden in deutschen Krankenhäusern 150000 Patienten mit Covid19 behandelt. Wegen verschobener Operationen melden deutsche Krankenhäuser einen Verlust von 10 Milliarden Euro. Erneut Corona-Krawalle in den Niederlanden.

Hoteliers aus dem Zillertal, die über Weihnachten Urlaub in Südafrika machten, bringen das mutierte Virus mutmaßlich nach Österreich. Wintersportler aus Skandinavien und Großbritannien melden für eine Unterkunft ihren Zweitwohnsitz im Zillertal an. Die österreichische Wirtschaftsministerin erklärt, dass die Skigebiete offenbleiben können und appelliert an Wintersportlerinnen, die Corona-Regeln einzuhalten. Mindestnähe: Normalität.

26. Januar | Schutzschild

Ich lese die Einträge der letzten Tage. Sie sind voll von Fatalismus und Defätismus, sprechen von einer zermürbten, niedergeschmetterten Zeit. Dafür gibt es berechtigte Gründe: meine Wahrnehmung der Welt, deshalb mein Fühlen, meine Annahmen, die langen, gleichen Tage. Dazu im Freundeskreis Covid-Fälle, zum Teil ernster, ein Todesfall auch, Freunde, denen die Umstände viel Kraft abverlangen, Freunde, die zu kämpfen haben, finanziell, mit dem Druck, der Belastung, Freunde, die längst am Limit sind und darüber hinaus und wissen, dass dieses Darüberhinaussein noch Wochen, wenn nicht Monate andauern wird.

Isoliert voneinander bleiben die Worte, manchmal nur kurze Nachrichten, zwei Sätze in einem Chat. Ich leide mit und setze zugleich die Situationen gegen die eigene und muss zu dem Schluss kommen: Ich sollte dankbar sein, es geht mir gut. Gleichzeitig weiß ich genau, dass es mir nicht ausschließlich nur gut geht. Diese Diskrepanz angemessen zu formulieren, gelingt so selten, dass ich es gar nicht erst versuchen will.

Worst-Case war gestern. Ich spüre, dass ich dem etwas entgegensetzen muss. Warum sonst sollte ich schreiben? Ich möchte ein anderes Szenario vor Augen haben: das von den Festen im Sommer und dem befreiten Herbst, weil sich die Mutationen verlaufen, weil jeder um den kleinstmöglichen R-Wert fightet, weil sich nicht jeder nach Ostern die FFP2 vom Gesicht reißt, weil keiner vergisst, was im letzten Jahr war, weil sich endlich jene in der nötigen Konsequenz durchsetzen, die nicht auf Zeit und Schauen-wir-mal spielen, sondern die Graphen ernst nehmen, jene, die dem Impfen die höchste Priorität einräumen und nicht den Skiliften und deshalb Pläne entwickeln und umsetzen, die das schleppende Impfen beschleunigen und das um jeden Preis, jene, die sich real schützende Konzepte für Schulen und Kindergärten überlegen und nicht von denen gebremst werden, die sagen: Aber die Prüfungen, jene verstummen, die Kinderbetreuung mit Home Office gleichsetzen, jene endlich das Geld in die Hand nehmen für FFP2 kostenfrei bis Lockdownende für die, die es sich nicht leisten können.

Das wäre mein Szenario, welches ich wie ein Schild vor mir tragen möchte, gegen die Zermürbung, gegen die Wut, gegen das Bangen.

Ansonsten: Laut eines Berichts soll der AstraZeneca-Impfstoff bei Menschen über 65 kaum wirksam sein. Der Pharmakonzern Merck gibt nach mehreren Rückschlägen die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes auf. Der Moderna-Impfstoff wirkt auch bei den Mutanten B117 und 501Y.V2. Die Impftermin-Website 116117.de bricht wegen der großen Nachfrage zusammen. In Thüringen startet ein Coronabürgerrat, in dem zufällig ausgewählte Thüringerinnen die Entscheider beraten. Laut einer Studie verschärft die Pandemie weltweit die soziale Ungleichheit; die zehn Reichsten gewinnen während Corona 540 Milliarden Dollar dazu. In Dubai starten Restaurants die Kampagne »Verbreite Liebe, nicht Rona«, nach der geimpfte Kundinnen einen Preisnachlass erhalten.

25. Januar | Kipppunkte

Was eigentlich, wenn es das gesamte Jahr so bleibt? Was, wenn die verschiedenen Szenarien nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich ergänzen und begünstigen: ein Sinken der Zahlen, deshalb leichte Lockerungen Anfang März, sprunghafter Anstieg wenige Wochen später wegen der exponentiellen Verbreitung von B117 und 501Y.V2. Verzögerung von Impfstofflieferungen. Ab einer bestimmten Impfquote ein verändertes Sozialverhalten, weiterer Anstieg der Zahlen in der Prioritätengruppe 4, solange, bis 2/3 Drittel geimpft sind und die Verbreitung von allein zurückgeht, am Ende des Jahres? Was, wenn Experten insgeheim raten würden, sich für 2021 nichts weiter vorzunehmen?

Wäre ein Lockdown – immer wieder unterbrochen von einem Atemholen – unter diesen Bedingungen zehn, elf Monate denkbar? Ab wann wird es nicht mehr möglich sein – die geschlossenen Schulen, die Geschäfte, die Konzerte und Kinos, die verschobenen Vorhaben, der Druck, die Enge, das Graue, das Angespannte und Reduzierte – wann wird man all das eintauschen gegen »Das Risiko ist ein individuelles, jeder muss selbst entscheiden, was er in Kauf nimmt«? Und es wird Verständnis dafür geben, sogar Erleichterung, dass jeder viele nun die Wahl haben, wenn die Wahl verlockender erscheint, als weitere Monate im Stillstand?

Es sind dunkle Gedankenspiele, eine schwarzmalende Szenarienkette von vielen. Mein vorstellbares Szenario ist, dass der Sommer kommt und im Herbst geimpft wird, ich plane dafür, mache Termine. Aber was, wenn im Mai No Covid angewandt wird und sich im Juli herausstellt, dass die Strategie nicht das erhoffte Beherrschen der Zahlen bringt? Was, wenn sich herausstellt, dass gegen die Mutation der Impfstoff nur ein Wirkungsgrad von 50% hat? Was, wenn sich herausstellt, dass die Mutation bei SARS-CoV-2 nicht die Ausnahme ist, sondern Muster? Wenn sich das Virus wie die Grippe alle paar Monate, jedes Jahr soweit ändert, dass jedes Jahr neue Impfstoffe gefunden werden müssen? Wie wäre die Reaktion der Gesellschaft darauf? Was sind die Kipppunkte, wann geschehen sie, ab welcher Diskussion werde ich zögerlich, aber zustimmend nicken, wie lange wäge ich ab, wie oft ist das möglich, in welchem Szenario werde ich diesen Eintrag nie geschrieben haben, nicht schwarzmalen?

Ansonsten: Um das Einschleppen neuer Mutationen zu verhindern, riegelt Israel ab Montag bis auf wenige Ausnahmen den Flugverkehr »hermetisch« ab. Kanzleramtschef Braun geht davon aus, dass B117 in Deutschland der vorherrschende Virusstamm werden wird. Laut zweier Studien sind die bisherigen Impfstoffe weniger wirksam gegen die südafrikanische Mutation 501Y.V2. Österreichische Supermärkte händigen FFP2-Masken gratis aus.

Bei Protesten gegen die Coronamaßnahmen kommt es zu Ausschreitungen in Eindhoven und Jerusalem. Wegen strengerer Kontrollen des Grenzverkehrs aus Risikogebieten wie Spanien wird mit Lieferengpässen bei Obst und Gemüse gerechnet. In der neuen Gesprächsapp Clubhouse berichtet der Thüringer Ministerpräsident, dass er während der Coronakonferenzen Candy Crush spielt und nennt die Bundeskanzlerin »Merkelchen«, wofür er sich kurz darauf entschuldigt. Über die Massenproduktion von Impfstoffen.

24. Januar | elf von zwölf

Vor elf Monaten mit dem Schreiben hier begonnen. Das Schreiben geht von der Hand, das Erleben weniger. Die letzten Wochen waren zäh und anstrengend, auch des Wissens wegen, mittendrin zu sein und nicht kurz vor dem Landgang.

Die einen Entscheider teasern schon mal Ostern als frühestes Lockdownende an, andere sprechen mit Blick auf die sinkenden Zahlen von schnellen Lockerungen. Die No-Covid-Strategie stellt sich dem Lockdown-Überdruss entgegen. Ich frage, wie man das im Rückblick bewerten wird, ob es nicht bescheuert wirken wird, vier fünf Monate im Stillstand verharrt zu haben, anstatt das einmal richtig durchzuziehen? Als ich gestern von »Gereiztheit« schrieb, meinte ich damit auch einen grundsätzlichen Wutpegel, ein Maß, das am Volllaufen ist und das aus sehr unterschiedlichen Gründen, nicht nur bei mir. Das ist nicht gut, dieses Aufgestaute beim gleichzeitigen Verdammtsein zum Ausharren, dabei all die Ungereimtheiten vor Augen.

Gedacht habe ich: Wenn die Pandemie für mich vorbei ist, betrinke ich mich. Ich gehe von einem Sommerfest aus, ein Spätsommerfest, Lampions, ein Garten, 90er-Jahre-Vibes. Ein Abend als Gegenteil aller Lockdownnächte, eine Nacht, die mich auf Reset stellt.

Zugleich bin ich nicht sicher, ob ich einfach so zurück in die Normalität gleiten kann, das Coronajahr abschütteln werde. Werde ich die Selbstverständlichkeit des Feierns, des Treffens mit anderen zurückerlangen können? Werde ich beim Socical-Dedistancing zaudern, werde ich vergessen haben wie es ist, die anderen nicht als potentielle Virenwirte zu sehen? Werde ich das Angelernte aus 500 Tage vergessen, das Pandemieschutzschild fallen lassen können, das Antrainierte, den Pandemieblick abschütteln können? Werde ich das überhaupt wollen? Immerhin blendet die Pandemie ja das meiste andere aus. Außer der Pandemie benötigte ich nichts weiter, um durch das Jahr zu kommen. Es war auch bequem.

In meinem Fall ist die Pandemie auch das Schreiben. Das Schreiben ist ein Halt, eine Bestätigung, Routine gewissermaßen, sich am Abend über alles zu erheben und Worte zu finden. In gewisser Weise brauche ich das Schreiben und damit die Pandemie. Wie wird es ohne beides sein? Ich sehne mich nach einem Ende und fürchte mich davor.

Ich habe heute auf einer Seite, die versprach, anhand meiner Angaben meinen voraussichtlichen Impftermin errechnen zu können, meinen voraussichtlichen Impftermin errechnen lassen. Er ist irgendwann zwischen Juni 2021 und August 2022.

Genauso fühlen sich die Tage an: Alles könnte so kommen oder ganz anders und wahrscheinlich bleibt alles vorerst, wie es ist, auch dieses Schreiben, einen Monat noch. Dann wird es ein Jahr sein und vielleicht wird das ein erstes Ende für mich sein: Wenn schon nicht die Pandemie beendet, dann zumindest das Schreiben darüber.

Ansonsten: Tausend demonstrieren in Erfurt gegen Coronamaßnahmen. Damit die vorgeschriebene FFP2-Maske ordnungsgemäß sitzen kann, lockert Oberammergau das Verbot für alle Mitspieler der Passionsspiele, sich ein Jahr davor nicht mehr zu rasieren. Weil wegen Homeoffice weniger mit Autos unterwegs sind, werden weniger Autos gestohlen. Weil AstraZeneca vorerst 60% weniger Impfstoffe liefert, müssen die Impfpläne neu geschrieben werden. Das Amtsgericht Weimar entscheidet, dass das Kontaktverbot vom ersten Lockdown verfassungswidrig ist und bezeichnet die Lockdown-Maßnahmen in Thüringen als eine »katastrophale politische Fehlentscheidung mit dramatischen Konsequenzen für nahezu alle Lebensbereiche der Menschen«. Brasilien hat einen eigenen Impfsong, in dem die Hörerinnen zum Impfen aufgefordert werden: »Vacina Butantan Remix Bum Bum Tam Tam« von MC Fioti.

23. Januar | gereizte Gleichgültigkeit

War das gestrige Wort »Motivation«, ist es heute »Gleichgültigkeit«. Im Gespräch über den fortgesetzten Lockdown sagt mein Gegenüber, dass er jetzt gleichgültiger sei, alles sei ihm egaler, er halte das für gefährlich, aber so sei eben sein Befinden momentan.

Ich kann das nachfühlen. Auch bei mir eine Gleichgültigkeit dem Geschehen und den Dingen gegenüber, vielleicht als Selbstschutz eine Lähmung der Stunden und aller Blicke, sicher auch getragen von der festgefahrenen Situation, von der gar nicht mal so kleinen Ahnung, dass sich die Lage über den 15. Februar hinaus verlängern wird und dass das notwendig ist und beschissen zugleich. Um dem Zermürbtwerden zu entgehen, lege ich mir einen Panzer zu und lege ihn gewissenhaft beim Aufstehen an, damit ich aufstehe.

Ab und an drängt in diese Gleichgültige eine Art partielle Gereiztheit, ein aufflammendes Reagieren auf Reize, ein temporäres Zürnen, Neid, ein Sich-benachteiligt-Fühlen, ein Spektrum an Ablehnung, lauter Empörungen, eine unangenehme Dieternuhrhaftigkeit, mit der ich im Stillen gegen die Pandemie wüte, mein Gesicht längst so zerfurcht wie das des Kabarettisten, suche ich Schuldige.

Einige Gründe, die die Gereiztheit anfachen, sind lächerlich, andere nicht zu ändern, manche erscheinen mir rechtens. Da sind die Appelle, von welcher Bedeutung Schulen und Kindergärten doch sind und zugleich die Bockwurstigkeit beim Homeoffice, dieses sanfte Tätscheln der Chefs und Büroleiter, die larmoyanten Verweise auf Datenschutz, Versicherung und arbeitsrechtliche Bedenken. Die FFP2-Masken und die Bockwurstigkeit, diese Notwendigkeit kostenfrei für jene bereitzustellen, die um jeden Cent kämpfen. Die Bockwurstigkeit bei der Digitalisierung von Schulen und Ämtern, vielzuoft ein Beharren auf dem Vorpandemieprotokoll, das Festhalten an uralten Kommunikationsmustern, das Missachten von wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Unsicher bin ich, ob ich gleichgültig oder gereizt auf die Ahnung von Christian Drosten reagieren sollte. Er spricht von einem gesellschaftlichen Druck, der eintreten könnte, wenn die Risikogruppen geimpft sein werden, ein Druck, die Maßnahmen zu beenden, was viele Infektionen zur Folge haben werde, ein Sommer der Durchseuchung.

Die Reaktionen sind unterschiedlich, zwei Lager. Drosten ist eine der Figuren, an der sich der Umgang mit der Pandemie beispielhaft zeigt, besser entzündet, er ist Symbol dieser Zeit. In einem früheren Gespräch einmal wünschte meine Gegenüber, dass Christian Drosten hoffentlich bald an die Wand gestellt werde … ein kurzes Zögern … juristisch, meine sie, vor Gericht und dann abgestraft werde für seine Falschaussagen, der gehört hinter Gitter, für das, was er uns angetan hat. Die Ohnmacht, die Wut projiziert sich nicht auf das Virus, sondern auf ihn, die Gereiztheit längst Hass. Dann lieber gleichgültig sein.

Ansonsten: Laut Untersuchungen in England gibt es Hinweise, dass B117 nicht nur ansteckender, sondern auch tödlicher als frühere Virusvarianten ist. In Großbritannien melden 6000 Bars und Restaurant Insolvenz an. Astrazeneca kann weniger Impfdosen als angekündigt ausliefern. Die Bundespflegekammer berichtet von einer hohen Impfbereitschaft unter den Pflegerinnen. Bill Gates wird geimpft. Zum dritten Mal wird der James-Bond-Film »Keine Zeit zu sterben« wegen Corona verschoben, diesmal auf Jahresende. Aus dem auch wegen Corona geschlossenen Metropol-Kino in Stuttgart soll eine Boulderhalle werden. Ausbüxen im Lockdown.

22. Januar | Motivation

Ein Lied für diesen Tag, »In The Aeroplane Over The Sea«, denn ein Sommertag ist es fast. Dazu immer deutlicher in den Zahlen, dass sie tatsächlich sinken. Eine Art Aufatmen, draußen, drinnen, in den Graphen.

Dabei hat die nächste Stufe von der eben erst beschlossenen Lockdown-Verlängerung eben erst begonnen, drei Wochen und eine halbe verbleiben in diesem fortgesetzten Stillstand so. Und jetzt, da gewiss ist, dass Covid Zero / No Covid kein Thema für Deutschland sein wird, lese ich einen Text über No Covid.

Darin ist von Motivation die Rede, davon, wie die Bevölkerung nicht auf ein Datum wartet, an dem entschieden wird, sondern wie die Menschen belohnt werden für ihr Engagement, wie sie angespornt werden, das Sinken der Zahlen in ihrer Region (bzw. in der Strategie: ihrer Zone) zu forcieren und zu bejubeln und dafür etwas zurückerhalten, ein Satz wie »Die vorgeschlagene Strategie bezieht die Menschen und ihre Fähigkeit mit ein, für sich selbst zu sorgen und sich im Team für ein gemeinsames Ziel zu verbünden.«

Nach dem Lesen frage ich mich, ob ich motiviert bin. Ob ich jemals motiviert war. Privat ja, natürlich, motiviert, irgendwie durchzukommen, motiviert, die Krankheit zu vermeiden, motiviert, den Umständen das größtmöglichste Glück abzutrotzen, motiviert, jeden Tag zu schreiben, die üblichen Motivationen. Aber darüber hinaus motiviert? Gab es jemals eine Motivation, die Zahlen für alle zu senken? Habe ich mich jemals als Teil eines Teams gesehen, habe ich jemals etwas getan, weil ich eine »Belohnung« erwartet habe?

Als Motivationsprozess habe ich die Pandemie nie empfunden, auch nie so empfunden, als ob ich motiviert werde. Ich habe hingenommen, erwartet, über mich ergehen lassen, geduldet, überdauert, ausgeharrt, durchgehalten, aus Vernunft, aus Sorge. Mich eingerichtet in diesem Warten, versucht, an den Vorabenden der Lockdowngipfel zu verstehen und abzuschätzen, später mitgetragen und kritisiert. Motiviert war ich nie außer: Das muss so gemacht werden, damit es später vorbei sein wird.

Heute, an diesem Sommertag im Januar, die Zeile »how strange it is to be anything at all« im Ohr, ein Donnerstag, an dem Sonnenstrahlen auf den Graphen tanzen, merke ich, dass ich manchmal doch mehr brauche als Abwarten. Einen Aufbruch, einen Moment, in dem vieles gut ist und es den Anschein hat, dass es besser werden könnte. Ich weiß nicht, ob das noch Motivation ist oder schon Zuversicht. Aber die Vorstellung, dass es ernsthaft ein Ziel jenseits von immer-so-weiter-gerade-genug-tun-bis-alle-geimpft-sind, ein Ziel jenseits von die-50-pro-Hunderttausend-müssen-wir-halten, ein Ziel jenseits von dem-Virus-werden-wir-immer-einen-Schritt-hinterher-sein, lockt mich hinaus und hinauf.

Ansonsten: Damit sich Aerosole beim Reden nicht verteilen, fordert der Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen die Passagiere des öffentlichen Nahverkehrs zum Schweigen während ihrer Fahrten auf. Trotz Lockdown steigen die Infektionszahlen in Großbritannien weiter. In Afrika ist die Corona-Todesrate höher als die weltweite Rate. Für Sachsen wird eine Höchstzahl an Todesfällen für Dezember gemeldet, fast doppelt so viele wie im Dezember 2019.

Um Klagen gegen Lärm durch die wegen Corona aufs Land gezogenen Städter zu unterbinden, erklärt die französische Regierung Landgeräusche wie Blöcken oder Grillenzirpen zum Sinnes- und Kulturerbe. Der neue amerikanische Präsident unterschreibt mehrere Erlasse zur Bekämpfung der Pandemie, darunter eine Maskenpflicht und die Rückkehr zur WHO. Weil Frankreich Verträge auf Impfdosen und nicht Impfstoff-Flaschen abgeschlossen hat und pro Flasche 6 statt 5 Dosen geholt werden können, werden die Flaschenlieferungen entsprechend gekürzt. In Tirol werden Impfstoffe an Privatkliniken ohne Covid-Patienten verteilt, vorrangig auf Skiunfälle spezialisierte Kliniken. Mehr als 50000 Coronatote in Deutschland.

21. Januar | Inauguration

Vor dem Kapitol, dort, wo vor zwei Wochen der Büffelmann und die QAnons mit ihren Galgen standen, findet heute das Ritual der amerikanischen Demokratie statt: die Inauguration des Präsidenten. Der 46. wird vereidigt, der 45. hat zwei Stunden zuvor und nach der Begnadigung von Lil Wayne zur Musik von »YMCA« das Weiße Haus verlassen. Die Anwesenden tragen Maske, anstatt von Hunderttausenden vor der Bühne sind dort Flaggen in die Erde gesteckt. In der Rede nach dem Eid spricht der amerikanische Präsident vom Virus als ernste Bedrohung, er spricht von den Toten, von Trauer und Verlust. Es sind Worte, die ein Jahr lang nicht zu hören waren.

Später singt Garth Brooks »Amazing Grace«. Vor der letzten Strophe unterbricht er. Er bittet die Anwesenden mitzusingen. Er setzt an, singt. Außer ihm ist keiner zu hören. Es bleibt still, gespenstisch, denke ich, was für ein symbolischer Auftakt: Niemand singt mit. Dann verstehe ich. Sie singen mit. Doch unter den Masken ist ihr Gesang nicht zu hören. Die Masken dämpfen die Melodien. Obwohl sie singen, bleiben ihre Stimmen verborgen, ein Moment nur, der eine Strophe dauert und so viel mehr erzählt.

Nachdem er gesungen hat, läuft Garth Brooks, weiterhin maskenlos, zu den ehemaligen Präsidenten hin, Demokraten wie Republikaner und umarmt sie und ihre Frauen, eine versöhnende Geste in Zeiten der Spaltung und doch ist alles, was ich denken kann: So verbreitet sich also das Virus, Inauguration als Cluster, ein Countrysänger als Superspreader, der die amerikanische Politelite infiziert.

Ansonsten: In Cottbus wird eine Arztpraxis wegen Verstößen gegen die Corona-Schutzvorschriften geschlossen. Laut einer englischen Studie wird jeder dritte genesene Covid-Patient innerhalb von fünf Monaten wieder ins Krankenhaus eingewiesen, jeder achte stirbt. Großbritannien wird mit fast 2000 Coronatoten ein Tageshöchstwert vermeldet.

In den USA zahlt Lidl seinen Angestellten eine Impfprämie von 200$. Trotz Lockdown sollen ab Anfang Februar in Baden-Württemberg die Schulen und Kindergärten wieder geöffnet werden. Laut Angaben von Medizinerinnen hat es keinen großen Anstieg der Patientenzahlen nach Weihnachten und Silvester gegeben, auch die Zahl der Intensivpatientinnen sinkt. B117 ist mittlerweile in über 60 Ländern nachgewiesen. Auf Twitter konkurrieren die beiden Hashtags #merkelquaeltkinder und #dankemerkel miteinander.

20. Januar | Lockdownfanatiker und Bart-ab-Challenge

Die Verlängerung des Lockdowns wird beschlossen, mit mehr Masken und mehr Homeoffice, die harten Einschnitte beginnen sich »auszuzahlen«, B117 ist eine »ernstzunehmende Gefahr«, noch ist Zeit, diese einzudämmen, wird gesagt. Der November wird in den vierten Monat gehen, Mitte Februar wird es den nächsten Vorabend der Entscheidung geben.

Erstaunlicher ist, dass nach elf Monaten Pandemie immer noch neue Begriffe und Aktionen in den Tag drängen. Der Expertenrat von Nordrhein-Westfalen bringt das Wort Lockdown-Fanatiker ins Spiel, als Beispiel für einen Akzeptanzverlust im Volk. Der Fanatiker als Gegensatz zum Coronaskeptiker, die Hufeisentheorie für die Pandemie, weil die Extreme immer die Mitte definieren und die Mitte bedeutet, mit dem Virus zu leben, sagt der Expertenrat, Lockdown-Fanatiker sagt er.

Das andere Neue ist die »Bart ab«-Challenge, die ein bayrischer Bürgermeister gestartet hat. Weil Bärte die Schutzwirkung von FFP2-Masken verpuffen lassen, müssen Bärte in der Pandemie ab. Um das zu schaffen, wird spielerisch motiviert: ein Rasierender postet Fotos vom Rasieren und fordert andere Bartträger auf, es ihm gleichzutun, eine Ice-Bucket-Challenge gegen den R-Wert.

Ansonsten: Der Infektiologe Christoph Wenisch, der während der Erstimpfung kurz vor dem Jahreswechsel triumphierend den Arm nach oben riss, erhält seine zweite Impfung und ist damit geschützt. Erste Versuche deuten an, dass der Impfstoff von BionTech auch die Virusübertragung verhindern könnte. In Österreich erschleichen sich mehrere Kommunalpolitiker Impfungen außer der Reihe. Ein Gericht kippt das Alkoholverbot im öffentlichen Raum. Der zweite russische Impfstoff EpiVacCorona hat nach russischen Angaben eine hundertprozentige Wirksamkeit. In Los Angeles wird das Luftverschmutzungsgesetz außer Kraft gesetzt, damit die Krematorien Tag und Nacht weiterarbeiten können. Mehr als 400000 Coronatote in den USA.

19. Januar | in der Waagschale

Ich bin gewöhnt an die Vorabende der Entscheidung. Alle paar Wochen finden sie statt, weil Entscheider sich zusammenfinden und Entscheidungen treffen für die kommenden Wochen, solange, bis der nächste Vorabend erreicht ist.

Wie immer an diesen Vorabenden ein »Durchsickern«. Diesmal wird aufgeregt vermeldet, wie sich die Gruppe der Fachleute zusammensetzt, die den Entscheidern Rat gibt, analysiert, wer welche Position vertreten könnte und allein schon die Zusammensetzung zu erkennen gibt, wie die nächsten Wochen verlaufen werden. Von einem »Einschwören auf einen harten Lockdown« ist die Rede und dass das mutierte Virus einen »Raketenanzug« angezogen habe.

Zuvor haben viele ihre Argumente in die deutschlandgroße Waagschale geworfen. Die Wirtschaftsverbände warnen vor einem Herunterfahren der Industrie, vor einem Zusammenbrechen von Versorgungsketten, auch vor einer Homeoffice-Pflicht. Elternverbände teilen mit, dass die Eltern des Landes am Limit sind. Die Befürworter von Covid Zero haben ihre Pläne dargelegt. Die Maßnahmenkritiker kramen ihre Statistiken heraus.

Bei aller Unvollständigkeit lassen die Daten der letzten Tage erahnen, dass die Zahlen sinken, zumindest nicht steigen. Zugleich werden in verschiedenen Orten des Landes Mutationen vermeldet. Es geht um die Frage, ob den Vorhersagen der Wissenschaftlerinnen Glauben geschenkt wird, dass, falls B117 im Land ist, die Mutation sich im Februar verteilen könnte, um dann im März mit ihrem exponentiellen Wachstum für Zuwachsraten wie in Großbritannien zu sorgen.

Gehen die Entscheider von diesem Szenario aus? Oder sehen sie die Beruhigung in den aktuellen Zahlen? Welche Waagschale wird wie gewichtet? Schlägt die Ausgangssperre die FFP2-Pflicht, Homeoffice den 15-km-Radius, kommt vielleicht als Alternative zu allem ein Massentest? Ich bin hypnotisiert von diesen Vorabenden, starre meinungsstark, hilflos und gewöhnt auf die lustvoll zuckenden Newsticker, darauf, wie manche entscheiden, wie groß und wie klein meine Welt in den nächsten Wochen sein wird.

Ansonsten: Erneut kritisiert die WHO die große Kluft zwischen den reichen und den armen Ländern bei den Impfungen. Weil die Ersatzspieler für die Coronainfizierten nicht rechtzeitig in Ägypten ankommen, bricht Kap Verde die Teilnahme an der Handball WM ab. Nachdem die südafrikanische Mutation entdeckt wird, werden im Nobelskiort St. Moritz zwei Luxushotels mit mehreren hundert Gästen unter Quarantäne gestellt. Die Polizei löst auf: Hochzeit mit 60 Gästen, Gottesdienst mit 170 Teilnehmerinnen, Frisörladen mit 20 Kunden. Um der Strafe für die Teilnahme an einer illegalen Party im englischen Basingstoke zu gehen, sagen mehrere Gäste, dass sie nichts von einer Pandemie gewusst hätten.

18. Januar | gedimmt und sediert

Es scheint surreal, dass es in der Pandemie eine Zeit gegeben haben soll, in der ich im Garten eines Restaurants saß und mir eine Lesung anhörte, mit Menschen, zum Teil Fremden gemeinsam alkoholische Getränke austrank, mich unterhielt und war in einer Nacht, die so kurz dauerte, dass es niemals kein Licht gab.

Wie seltsam normal es geworden ist, keine Freunde mehr einzuladen oder eingeladen zu werden, dass sich wie von selbst die Kontakte auf das absolut Minimale beschränken und sich das nicht einmal falsch anfühlt, nicht einmal denke ich daran, dass es das sein könnte und noch Monate dauern wird, bis es wieder anders sein wird.

Das Gleichförmige dimmt mich komplett runter. Ich bin nicht aufgeregt oder empört oder energisch, das ständige Stoppen lässt das Ausbleiben der Welt erträglich, fast angenehm erscheinen. So zermürbt zu leben, so sediert zu sein, so ein Winterschlaf mit offenen Augen; nur manchmal geht der Blick zurück oder vor, dann schrecke ich für einen Moment hoch und greife schmale Absätze für einen Eintrag ab, weil ich ahne, dass es wichtig ist, festzuhalten, dass ich drauf und dran bin, die Vorstellungskraft zu verlieren, was noch sein könnte.

Ansonsten: Das Vorhaben, die Gesundheitsämter bis Anfang 2021 mit aktueller Software auszustatten, die das Verfolgen von Infizierten vereinfacht, scheitert. In Nordrhein-Westfalen kündigt ein Dachdecker an, seine Mitarbeiter zu entlassen, wenn diese sich gegen das Coronavirus impfen lassen. Der Vorschlag des Außenministers, geimpften Menschen Ausnahmen von Corona-Beschränkungen zu ermöglichen, stößt auf viel Kritik. In Österreich gilt nun die FFP2-Pflicht. In Wien demonstrieren zehntausend Menschen gegen den Lockdown. Weil dem Handballteam von Kap Verde nach zu vielen positiven Coronatests nicht genügend Spieler zur Verfügung stehen, erreicht die deutsche Handballmannschaft kampflos die nächste Runde.

17. Januar | Schaufenstershopping

Ein Mann tritt vor ein Schaufenster. Am Schaufenster klebt ein Zettel, auf dem eine Telefonnummer steht. Der Mann ruft diese Nummer an. Aus der Tiefe des Geschäfts kommt eine Verkäuferin. An ihrem Ohr ein Handy. Der Mann spricht in sein Telefon, er verlangt Kissen. Die Verkäuferin hört seine Stimme in ihrem Handy. Sie hält verschiedene Kissen hoch, dreht sie auf seinen Wunsch hin, präsentiert ihm die Ware. Er nickt, entscheidet sich. Die Verkäuferin wird das Kissen einpacken und ihm schicken lassen. Durch die Schaufensterscheibe getrennt, tätigen sie einen Handel, Shopping im Januar der Pandemie.

Ansonsten: Auf dem mehrmals wegen der Pandemie verschobenen Parteitag der CDU wird ein neuer Vorsitzender gewählt. Die Zahl der Impfungen in Deutschland übersteigt die Million. Sofern die Arbeit es zulässt, ist in Schottland von nun an Homeoffice verpflichtend. Proteste wegen der dramatischen Zustände in den brasilianischen Krankenhäusern; in Manaus bringen Verwandte von Kranken privat angeschaffte Sauerstoffflaschen in Krankenhäuser. Der Branchenverband der Gastronomie rechnet mit 70000 Pleiten. Indien startet die weltgrößte Impfkampagne.

16. Januar | Schnee auf

Schnee fällt. Schnee auf den Megalockdown. Schnee auf die britischen, südafrikanischen, amerikanischen, brasilianischen Mutationen. Schnee auf die Statistiken des Bekannten, mit denen er unermüdlich beweisen will, wie wenig Schaden das Virus angerichtet hat. Schnee auf die Tage, ab denen ich FFP2 trage. Schnee auf den Gedanken, dass wir schon mal an diesem Punkt standen. Schnee auf die Vorhersagen. Schnee auf die Zweifel. Schnee auf die Beklemmung. Schnee auf die Ängste, Sorgen und Unsicherheiten. Schnee auf die Freunde, die ich seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen habe. Schnee auf den Rotwein, den ich nicht trinke. Schnee auf das KleinKlein. Schnee auf das Impfzentrum, das in einem Kulturzentrum eröffnet hat. Schnee auf die Veranstaltungen, die geplant waren und nun wieder ausfallen. Schnee auf die Diskussionen um mRNA. Schnee auf die Rückzahlungsforderungen für die im März gewährten Coronagelder. Schnee auf die, die keine drei Euro pro FFP2 haben. Schnee auf den Amazonverkaufsrang von Sucharit Bhakdi. Schnee auf die Länder, die erst Zugriff auf den Impfstoff haben werden, wenn »wir« geimpft sind. Schnee auf den geblurrten Wendler. Schnee auf den zwei Millionsten Toten. Schnee auf all die Brote, die ich im Lockdown nicht gebacken habe. Schnee auf den Schnee als zu offensichtliches Bild. Schnee auf anderthalb Jahre meines Lebens. Schnee auf die Insolvenzen. Schnee auf das Unvermeidliche, die Ambivalenzen, das Notwendige. Schnee auf die gestreamten Kinofilme. Schnee auf den Luxus, den ich lebe. Schnee auf alle nicht geschriebenen Worte. Schnee auf die Intensivärztinnen, die nach einer 14-Stunden-Schicht immer noch wütende Twitterthreads schreiben. Schnee auf die vorgezogenen Treffs der Länderchefs. Schnee auf die Impfgruppe 4. Schnee auf das Plateau in den Graphen. Schnee auf die Zeit, die gerinnt. Schnee auf den Stéphane-Hessel-Platz. Schnee auf das Hygiene-Piktogramm, das metergroß seit dem letzten Frühjahr hier hängt.

Das Weiß, das sich über alles legt, ein Friedensangebot in diesen Tagen.

Ansonsten: Weltweit mehr als zwei Millionen Corona-Tote. Die WHO kritisiert die Ungleichverteilung beim Impfen, zehn Staaten verabreichen 95 Prozent des bereits verfügbaren Impfstoffs. Die Thüringer Theater und Orchesterhäuser bleiben bis Ende März geschlossen, dafür wird ein »geballter« Kultursommer in Aussicht gestellt. In einer ehemaligen Erstaufnahme-Einrichtung für Geflüchtete bei Dresden soll ab nächster Woche ein »Knast für Quarantäne-Verweigerer« in Betrieb gehen.

15. Januar | das schlechte Gewissen der Eltern

Im Park. Ich ziehe zwei Kinder auf dem Schlitten. Eine Bekannte kommt. Wir grüßen uns. Sie fragt: »Wer ist das denn noch auf den Schlitten?« Augenblicklich fühle ich, dass ich die Situation und damit mich verteidigen muss und erkläre, dass die beiden Kinder während der Lockdowns, während der Kindergartenschließungen eine Spiel- und Zweckgemeinschaft bilden, gebe damit zu verstehen, dass nichts an meinem Handeln verantwortungslos sei, sondern mit Bedacht geschehe, ohne, dass die Bekannte mich dazu aufgefordert hätte, das Verteidigen passiert von selbst.

Eine andere Situation: Ein zufälliges Treffen mit einer anderen Bekannten. Wie geht es Euch, Deinem Kind, ja, das ist seit Montag in der Notbetreuung. Ohne ein weiteres Wort erklärt sich die Bekannte, verteidigt sich, es gehe nicht anders, die Berufe lassen keine Betreuung zu, Großeltern fallen aus, der Ton etwas schärfer, die Verteidigung energischer, auch hier das Verteidigen von selbst.

Eltern haben immer auch ein schlechtes Gewissen. Wenn die Kinder in die Notbetreuung gehen und dem Virus wahrscheinlicher ausgesetzt werden. Wenn sie zuhause bleiben und die Freunde nicht sehen können. Wenn weniger Zeit wegen Homeoffice bleibt. Wenn wegen der ständigen Enge Situationen nicht immer so entschleunigt geklärt werden können, wie es die pastellfarbenen Elternratgeberbücher vorschlagen.

Wenn den Kindern erklärt werden muss, weshalb sie nicht auf den mit Absperrband gesperrten Spielplatz spielen dürfen. Das schlechte Gewissen, wenn den Kindern Großeltern, Urgroßeltern, Tanten, Onkels, die Familie vorenthalten werden. Und umgedreht. Das schlechte Gewissen, wenn man erfährt, dass Eltern ihre Kinder in die Notbetreuung schicken und man deshalb vorerst den Kontakt zu diesen Kindern abbrechen muss. Immer, wenn die Pandemie erklärt werden muss, wie lange diese dauert, weshalb das so ist. Das schlechte Gewissen, weil es ein Jahr sein wird, in dem etwas gewonnen wird und vieles verloren.

Eltern haben immer auch ein schlechtes Gewissen. In der Pandemie drei Mal so viel wie sonst.

Ansonsten: In Deutschland wird ein »Megalockdown« diskutiert, u.a. mit Einschränkungen des öffentlichen Nahverkehrs. Mit #ZeroCovid fordert eine Initiative ein europaweites Herunterfahren auch für die Wirtschaft. Laut des Robert-Koch-Instituts sprechen Rechenmodelle für einen härteren Lockdown. Wegen der Pandemie wird die Landtagswahl in Thüringen von April auf September verschoben. In Schottland wird eine 101-jährige Überlebende der Spanischen Grippe gegen Corona geimpft. Köln erklärt die Karnevalstage zu regulären Arbeitstagen.

Die Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin sieht den Scheitelpunkt der Behandlungen auf den Intensivstationen überschritten. Mit 1244 an Corona Gestorbenen wird ein Tageshöchststand für Deutschland vermeldet. Bei Bartträgern geht die Schutzwirkung von FFP2-Masken verloren. Ein Gericht entscheidet, dass Hunde auch während des Lockdowns in einem Salon frisiert werden dürfen. Warum Covid19 nie wieder verschwinden wird.

14. Januar | Die Wege

Der Kindergarten kündigt an, ab dem 1. Februar wieder in die »gelbe Stufe« zu gehen, den eingeschränkten Regelbetrieb. Das Datum ist in meinen Gedanken eine eingeschaltete Lampe, ein Teil möchte das Licht sehen, der Kopf sagt: Vergiss es.

Momentan geht die Diskussionen über die Wege der nächsten Monate in verschiedene Richtungen. Einmal – von linker wie auch rechter Seite – das Schützen der Risikogruppen, indem Altenheime, wo ein erheblicher, zum Teil die Hälfte der Toten ist, sicher gemacht werden. Für alle anderen findet eine Öffnung statt – Geschäfte, Schulen, Veranstaltungen mit den bisherigen Abstandsregeln.

Das andere Vorgehen ist weiterhin Zero Covid. Ausdrücklich empfohlen von vielen Wissenschaftlerinnen, als Beispiele werden Taiwan, die Mongolei, Vietnam, natürlich Neuseeland genannt, alles Länder, in denen das Virus in so geringer Zahl noch existent ist, dass es das öffentliche, private und Arbeitsleben nicht mehr beeinträchtigt.

Der Schutz der Risikogruppen würde – Hand in Hand mit den kommenden ansteckenden Mutationen – eine Durchseuchung der restlichen Bevölkerung bedeuten, mit den vorhersehbaren Folgen und Zahlen. Zero Covid wäre ein »echter« Lockdown; das Runterfahren von allem, ein striktes Zuhausebleiben, ein 500-Meter-Radius, ein schrittweises Hochfahren des Lebens erst nach dem Sinken der Zahlen, das Einzelverfolgungen ermöglicht, eine Zersplitterung des Landes in rote und grüne Zonen. Der dritte Weg ist der bisherige: ein Lockdown wie seit November, der weitergeführt wird in den April hinein, mehrere hunderte Tote im 7-Tages-Mittel bis dahin.

Es gibt Berichte, wie Zero Covid umgesetzt wird. Ein Land schränkt sich radikal und konsequent ein, bejubelt gemeinsam am Abend in den Nachrichten die gesunkenen Zahlen, trägt die scharfen Maßnahmen mit, ist danach wachsam, die Kommunikation ist direkt und eindeutig. Nach den zehn Monaten Pandemie in Deutschland übersteigt es mein Vorstellungsvermögen, dass so etwas auch hier möglich und durchsetzbar wäre und in der notwendigen Enge von allen getragen werden könnte. Die Strukturen sind anders, die Erwartungen, das Sagen, dazu kommt die Gewöhnung an das Bisherige, ein Zermürbtsein, auch Wut und Unverständnis von verschiedenen Seiten aus verschiedenen, sich zum Teil widersprechenden Absichten.

Durchseuchung, Zero Covid, WeiterWieBisher – aus unterschiedlichen Gründen schrecken mich alle drei Wege. Ich schaue auf die Lampe in meinen Gedanken, der Kopf sagt immer noch: Vergiss es.

Ansonsten: Nach der Einführung einer FFP2-Maskenpflicht in Bayern wird Kritik laut, dass es für Einkommensschwache keine kostenlosen Masken zur Verfügung stehen. Als die Polizei zu einem Kindergeburtstag mit dreißig Kindern gerufen wird, verstecken sich die Kinder und anwesenden Erwachsenen in Schränken. Nachdem Tschechien wegen mehrerer positiver Coronafälle im Team die Handball WM in Ägypten absagen, rückt die Schweiz nach. Wegen der Covid-Erkrankung zweier zum Tode Verurteilter wird die Hinrichtung verschoben, um damit den Männern »Gelegenheit zu Genesung« zu geben. Mit 1566 vermeldet England einen Höchstwert an Coronatoten, die USA mit 4470 Toten. Deutschland hat eine höhere Coronatodesrate als die USA. Bruce Willis weigert sich, in einer Apotheke eine Maske zu tragen.

13. Januar | ffp2

In Bayern wird die FFP2-Maskenpflicht für den Nahverkehr und Einzelhandel eingeführt. Ich fühle mich an den ersten Eintrag in den Coronamonaten erinnert, ich schrieb von einem Maskenkauf. Damals wusste ich nichts von Masken, dem Virus, seiner Verbreitung, einer Pandemie. Ein reichliches Jahr später ist das anders. Ich weiß mehr, aber über FFP2 immer noch zu wenig. Mit Stoff als Schutz bin ich durch die Zeit gekommen, hier immer wieder geschrieben, dass ich damit nicht mich schütze, sondern andere und dass dies das Wesen der Corona-Pandemie wäre – auf andere Acht geben.

FFP2 sagt: Jetzt bist du auch geschützt. Das hat seinen Preis. Anders als die Stoffmaske ist FFP2 nicht wiederverwendbar. Und sie kostet, 3-5 Euro, 3-5 Euro jetzt jedes Mal extra für einen Einkauf, viel mehr mache ich gerade ohnehin nicht im öffentlichen Raum, Einkaufen.

Ich frage mich, wieso ich bisher beim Stoff geblieben bin, weshalb ich niemals auf hochwertigere, funktionierende, schützendere Masken umstieg. Bequemlichkeit, auch das Gefühl, dass ich mich im öffentlichen Raum einigermaßen verantwortungsvoll verhalte und potentiell gefährliche Situationen vermeide, der laue Sommer, die Zahlen, die bis November in Weimar teilweise wochenlang bei Null lagen, Geld, sicher das Geld.

Wenn Thüringen dem bayrischen Vorbild folgt, werde ich FFP2 tragen. Angesichts der Zahlen, angesichts der Mutationen eine überfällige, notwendige, eine gute Pflicht. Schutz für mich selbst. Ich werde in eine Apotheke gehen (nicht in die vom 24. Februar 2020) oder eine Drogerie, ich werde nach dem CE-Kennzeichen und der vierstelligen Zahl und einem Markennamen schauen. Ich werde wissen, FFP steht für Filtering Face Piece, ich werde von der Filterung von 94% der Testaerosole wissen, wissen, dass die partikelfiltrierenden Halbmasken eng am Gesicht sitzen müssen, weil sich der Schutz ansonsten ins Gegenteil verkehrt, werde wissen, dass FFP2 nur eine begrenzte Zeit lang getragen werden sollte, ich werde jene mit Ventil in der FFP-Maske für unsozial halten, FFP2 werden gleich aussehen und bestimmt wird bald eine Masken-Individualisierung folgen.

Ich werde mich fragen, ob ich nicht doch in Versuchung kommen werde, die Maske mehr als einmal zu tragen, ob mir das Betreten eines Bäckers drei Euro wert sein wird, ob ich das Bewegen in der Öffentlichkeit in Maskenpreisen rechnen werde.

Und ich werde mich fragen, warum diese sinnvolle Maßnahme erneut so halbfertig ist, warum es nicht ebenso gilt, FFP2 in diesen grimmigen Wochen stets zu tragen, wenn sich mehrere in geschlossenen Arbeitsräumen befinden, warum die Pflicht erneut vorrangig auf das Private gelegt wird.

Ansonsten: Zum Unwort des Jahres wird neben »Rückführungspatenschaften« »Corona-Diktatur« gewählt. Die hochansteckende südafrikanische Mutation B.1.351 wird in Deutschland nachgewiesen. In England sind 2020 so viele Menschen gestorben wie zuletzt im Jahr der Spanischen Grippe. Laut einer Statistik des thüringischen Gesundheitsamtes ist der durchschnittliche Corona-Patient in Thüringen momentan 50 Jahre alt.

Während des Sturms auf das Kapitol haben sich zwei demokratische Abgeordnete infiziert, sie machen dafür republikanische Maskenverweigerer verantwortlich. Um die Ausgangssperre zu umgehen, führt eine Frau in Kanada ihren Partner an einer Leine Gassi aus. Der Berufsverband für Pflegeberufe lehnt eine Impfpflicht für Pflegekräfte ab. Der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks schreibt einen offenen Brief, in dem die gut frisierten Fußballer kritisiert werden, weil deren Frisuren vermehrt zu Kundenanfragen führen, die Frisöre zu Schwarzarbeit und damit zum Brechen der Coronaregeln überreden wollen.

Finnland beginnt die Entwicklung eines Coronaimpfstoffes für Nerze. Das Disneyland in Kalifornien wird zum Impfzentrum. Um eine Untersuchung einleiten zu können, stellt der Oberbürgermeister eine Klage gegen ein Weimarer Altenheim, in dem von 93 Bewohnerinnen in den letzten Wochen 23 an Covid starben. Etwa hundert Teilnehmerinnen laufen auf einem »Coronaspaziergang« durch Weimar.

12. Januar | Erster Eindruck

Ich notiere, was ich finde und empfinde. Was zählt, ist der erste Eindruck. Ist der Reiz stark genug, damit daraus Wörter erwachsen? Ich prüfe nur einmal, korrigiere nur selten nach. Was ich schreibe, bleibt in den allermeisten Fällen so stehen. Selbst, wenn es falsch ist und unvollständig, nicht gerecht oder oberflächlich. Ich warte nicht mehrere Tage ab, bis ein Nebel sich gehoben hat, bis sicher ist, ob eine Meldung sich als wahr erwiesen hat, bis die Argumente abgewogen sind. Ansonsten wäre ich eine Wochenzeitung. Das ist ein Tagebuch, ich schreibe das Unmittelbare auf.

Dabei werden die Fehler festgehalten, das Halbgare. Ein Beispiel: Am Freitag schrieb ich über die Stürmung des Kapitols und schlussfolgerte, dass es dabei um die Bilder gegangen wäre. Es stellt sich heraus, dass dies bestenfalls nur einen Teil der Geschichte erzählt. Neben den Terrorismustouristen in Tierfellen liefen die mit, die ihre Gesichter verbargen, die mit den Kabelbindern, Handschellen, den Bomben und Motolowcocktails, die mit einer Absicht. Das wäre ein zweiter Eindruck, eine Diskrepanz, zumindest einer, der das Bild erweitert.

Das lässt sich auf vieles legen. Wenn ich über die Datenübermittlung der Fallzahlen schreibe, dann prüfe ich nur anhand weniger Informationen nach. Ich sichere nicht vollumfänglich ab, ob ich wem Unrecht tue. Ich schere damit über einen Kamm. Ich schreibe über die niedrige Impfquote in Thüringen und verfüge nur über einen Teil der Informationen. Es liest sich als Vorwurf, ist so gemeint und doch, um die Gründe zu verstehen, müsste ich viel mehr notieren, viel mehr in Erfahrung bringen. Das kann ich in einem Tagebuch nicht machen. Also schreibe ich, wie es bei mir ankommt: In Thüringen wird zu wenig geimpft. Das ist, was ich aus diesen Tagen mitnehme, selbst, wenn mir nach diesen Tagen erklärt wird, dass es nicht stimmte.

Doch öfter taucht ein erster Blick wieder und wieder auf und bleibt beharrlich. Die Situation in den Schulen, die fehlgeschlagene Digitalisierung, die Versäumnisse, das Störrische und das Versagen – es wiederholt sich wiederholt sich wiederholt sich. Gestern, nach Ferienende, ein gleiches Bild wie in den Lockdowns zuvor; die überlasteten Lernportale, die Arbeitsblätterflut, das angekündigte Prüfen, das zeitgleiche Ableisten von Homeoffice, Homeoffice nach wie vor als Sonderfall in der deutschen Pandemie.

Auch B117 ist kein erster Blick mehr. Der Buchstabe, die Zahl taucht wieder und wieder auf, der erste Blick scheint sich zu bestätigen, über die Situation in London, die wartenden Notfallwagen, die Überlastung, dazu das exponentielle Wachstum, das Nichtsehen- und Verstehenwollen von Verantwortlichen. Aus dem ersten Eindruck wird ein Muster, einem Eintrag folgen viele. In den meisten Fälle wünschte ich, es wäre nicht so.

Ansonsten: In San Diego werden zwei Gorillas positiv auf das Virus getestet. Markus Söder bringt eine Impfpflicht für Pflegekräfte ins Spiel. Mit 200 Millionen Euro fördert die Regierung die verstärkte Gen-Sequenzierung von Mutationen in Laboren. Drei von vier Gastronomen bangen um Existenz. Aus Angst vor Infektionen mit dem Virus lüften vier von fünf Deutschen nun häufiger. Biontech will die Produktionszahl der Impfdosen für 2021 auf 2 Milliarden erhöhen. Mindestnähe : Lockdown.

11. Januar | kaltes Denken

Ein Flugzeug ist abgestürzt. 62 Menschen verlieren ihr Leben. Ich setze die Zahl in Vergleich zu der Zahl der täglichen Coronatoten, automatisch, ohne innezuhalten. Später erst wird mir die Kälte dieses Denkens bewusst. Das ist der Kurs von Katastrophen in diesen Wochen, ein Tag in der Pandemie, gerechnet in der Zahl abgestürzter Flugzeuge.

Ansonsten: Gegnerinnen der Coronamaßnahmen suchen das Privatgelände des sächsischen Ministerpräsidenten auf, nachdem eine Frau eine Maske in den Farben der Reichsflagge aufsetzt, bricht dieser das Gespräch ab. Nachdem er vier Wochen mit einer schweren Covid19-Erkrankung auf der Intensivstation lag, bekräftigt ein Bundestagsabgeordneter der AfD in einem Interview seine Auffassung, »dass bislang keine pandemische Lage vorliegt«. Der bayrische Ministerpräsident warnt vor einer Radikalisierung der Proteste, einer »Art Corona-RAF«.

Laut einer Studie in der Schweiz zählen Schulschließungen zu den effektivsten Corona-Maßnahmen, wirksamer sind nur ein Verbot von Treffen mit mehr als fünf Menschen und die Schließung gastronomischer Einrichtungen. Jedem zweiten gastronomischen Betrieb in der Schweiz droht bis März die Insolvenz. Belgien vermeldet insgesamt mehr als 20000 Coronatote, Deutschland über 40000. Der Leibarzt des Papstes stirbt an Covid19.

10. Januar | Belohnung

Es gibt keine Belohnung: für die Entbehrungen und Verluste nicht, die gebrachten Opfer nicht, die schweren Gedanken, das HomeOffice, das Ausharren im Lockdown, den Stress, die fehlenden Kontakte, all den Verzicht, den Verzicht auf Lebensquantität, ein Jahr und ein halbes die Seuche. Den bestmöglichen Gegenwert, den ich dafür erhalte, ist, dass etwas nicht passiert. All die Verzichte für ein Nichstattfinden. Das wäre die Belohnung. Durchhalten bis zur Belohnung, übermorgen, bis dahin Resilienz als Dauerzustand.

Ansonsten: Die Queen wird geimpft. Der Papst ruft zum Impfen auf. In Deutschland sind eine halbe Million Menschen geimpft.

9. Januar | Blindflug

Die Zahlen von gestern: 1188 Todesfälle, 31.849 Neuinfektionen. Es sind nach einiger Zeit wieder Zahlen, die ich notiere, weil es wegen zwischen den Jahren zu einem verzögerten Ablauf der Erhebungen und Meldungen kam. Jetzt, eine Woche nach Silvester erst, stellt sich eine gewisse Verlässlichkeit wieder ein.

Ich verstehe, dass jene, die für die Erhebung und Meldung verantwortlich sind, die ohnehin seit Monaten im Ausnahmezustand sind, Ausnahmen von der Ausnahme brauchen, dass Stellen, Ämter, Labore runtergefahren werden zwischen den Jahren, dass weniger getestet werden kann und will. Und dennoch ist es seltsam, in, im Rückblick gesehen wahrscheinlich einer der unheilvollsten Phasen der Pandemie im Blindflug zu sein, nur über Zahlen zu verfügen, die unzureichend abbilden, was geschieht, anhand der Zahlen aber verstehen müssen, was geschieht, was deshalb getan werden muss.

Der Blindflug setzt sich fort, wenn es um B117 geht, die Mutation, die London momentan zu dem Brennpunkt der Pandemie macht und an die Grenze des Machbaren bringt, B117, dessen Verbreitung in Deutschland aus (politischer) Nachlässigkeit kaum gefunden werden kann.

Auch aus diesem Blindflug ist die Unklarheit: Liegt der Grund an den aktuellen Zahlen an Weihnachten, an Neujahr, sind die Lockdows an der Politik gescheitert, an der Eigenverantwortung der Bevölkerung, trägt B117 zu den Zahlen bei?

Ansonsten: Der Thüringer Ministerpräsident bekräftigt seine Forderung nach einem stärken Lockdown, fordert u.a. auch ein Runterfahren der Wirtschaft und gesteht erneut Fehler bei der Bewertung der Situation ein. Nach Kritik widerrufen die Verantwortlichen die Rückkehr zur Präsenzpflicht in Berliner Schulen. Virologinnen befürchten, dass ein Verschieben der zweiten Impfdosis weitere Mutationen begünstigen könnte. Kritik am Alleingang Deutschlands bei der Beschaffung weiterer Impfdosen. Unter den Staaten, die sichere und wirksame Impfstoffe spritzen, befindet sich an Angaben der WHO kein armes Land.

In Irland, wo die Mutation B117 nachgewiesen ist, steigen die Zahlen exponentiell. Die sächsische Regierung bittet ältere Bürger, den öffentlichen Nahverkehr zu meiden. Die örtliche CDU hält in Meißen, den Kreis mit dem höchsten Infektionsstand Deutschlands, ihren Parteitag als Präsenzveranstaltung ab. Ab nächster Woche wird Italien wieder in unterschiedliche Corona-Zonen einteilt werden. Nach dem größten Coronaausbruch seit Monaten riegelt China einige Millionenstädte ab.

6/7/8. Januar | Büffelmann im Capitol

An manchen Tagen schreibe ich den Eintrag aus Zeitgründen vor. Wenn kurz vor Freischaltung etwas Entscheidendes passiert, ist das Geschehene erst am Tag darauf Thema. Und Thema kann nur die Stürmung des amerikanischen Kapitols durch Trump-Anhängerinnen sein.

Es sind Bilder, natürlich, es geht um die Bilder. Die Konföderationsflagge vor dem Gemälde Lincolns. Ein Büffelmann auf dem Sitz des Speakers. Die Senatorinnen, die im Begriff sind, einen neuen Präsidenten zu wählen, mit Gasmasken kauernd zwischen Sitzreihen. MAGA-Hutträgerinnen, die in den Büros der Senatorinnen sitzen und in klassifizierten Dokumenten blättern.

Die Bilder sagen: Wir sind hier, in eurem Zentrum, wir zwingen euch zur Flucht. Und die Bilder sagen noch etwas anderes. Denn der Sturm wirkt weniger ein Sturm als eine aus dem Ruder gelaufene Besichtigungstour. Die Stürmenden haben keine Angst. Sie bewegen sich gelassen und sicher. Sie laufen innerhalb der roten Absperrkordeln. Sie machen Selfies mit den Polizisten. Polizisten helfen zuvorkommend älteren Damen mit Trump-Hut die Stufen des Kapitols hinab. Die Stürmenden können ungehindert das gestürmte Gebäude verlassen, durch eine Tür, an die sie gekratzt haben: Murder The Media.

Sie wissen: Sie haben nichts zu befürchten. Nicht von den Polizisten. Nicht von den Präsidenten, der ihnen zuruft: Ich liebe euch. Ihr seid besonders. Aber geht wieder heim, eure Zeit wird noch kommen. Das sagt er auch jenem Mann, der ein Auschwitz-Hoodie trägt.

Was hat das mit Corona zu tun? Der Sturm als Superspreader-Ereignis? Aber wäre das das Wesentliche dieses Tages? Der Sturm ist für einen Präsidenten, in dessen Amtszeit fast 400000 Amerikanerinnen an einen Virus gestorben sind, das dieser Präsident und dessen Regierung an keiner Stelle ernst genommen haben. 4000 Tote, mehr als bei 9/11, das kann jetzt jeden Tag geschrieben werden und Büffelmann ist bereit, dafür das Kapitol zu stürmen, gewillt, diesen Zustand zu verlängern. Nicht nur er. Laut einer Umfrage befürworten 43% der Republikaner den Sturm, arbeiten die entsprechenden Netzwerke daran, den Sturm sowohl als Aktion der verkleideten Antifa zu erzählen als auch als eine gerechtfertigte Selbstverteidigung enttäuschter Patrioten.

Was hat das mit Corona zu tun? Die Bilder schließen an an den 29. August, an die versuchte Stürmung des Reichstags. Auch hier Treppen, auch hier wenige Schutzkräfte, auch hier Flaggen, die geschwenkt wurden, auch hier die Wut, im Vorfeld die Absprachen, im Gebäude selbst von der AfD eingeschleuste Stürmende. Der damalige Sturm erwuchs aus einer Antimaßnahmen-Demonstration, Corona und Sturm Hand in Hand.

Beide Bilder sind Ausdruck einer Destabilisierung, ein wortwörtlicher Angriff auf das Zentrum einer Gesellschaftsform. Wenn, im nächsten Jahr vielleicht, die Pandemie unter Kontrolle ist und sich der Nebel von der Gegenwart hebt, weil die eingefrorene Gegenwart dann Vergangenheit ist und damit die Verheerungen sichtbar werden – das Verlorene, das Zerstörte, das Erlittene – dann wird es neben dem Vergessenwollen, dem Verzeihen, dem Aufarbeiten Wut geben, viel Wut, viele Büffelmänner und -frauen.

7. Januar | am Limit

Wir sprechen über den Thüringer Ministerpräsidenten. In den letzten Tagen forderte er besonders starke Maßnahmen gegen das Virus und erklärte in einem Interview, dass die Thüringer Krankenhäuser in Kürze »am Limit« seien. Wir sind erstaunt, denn der Ministerpräsident war bisher einer von den Stimmen, die sich gegen zu starke Maßnahmen aussprachen.

Wir sprechen darüber, ob das Reagieren auf das jeweils aktuelle Geschehen ein gutes Bewältigen einer Krise auszeichnet: in Zeiten niedriger Zahlen Öffnungen fordern und durchsetzen, bei hohen Zahlen stark einschränken. Ob ein Satz wie »Wir haben lange gedacht, das Virus macht einen Bogen um Thüringen, und da muss ich zugeben, dass ich mich da sehr getäuscht habe« nicht seltsam naiv und weltfremd anmutet angesichts dessen, was vom Virus und dessen Verbreitung schon lange bekannt ist. Ob das Zugeben von Fehlern eine Tugend ist. Ob das frühzeitige, oft laute Starkmachen für Lockerungen nicht zu einer bestimmten Einstellung, vielleicht Lässigkeit im Land beigetragen haben könnte. Wie es zu den aktuellen Zahlen kommen konnte, ob diese ein gutes Bewältigen einer Krise aufzeigen.

Im Interview erklärt er die niedrigen Impfzahlen in Thüringen damit, dass viel in Krankenhäusern geimpft wurde und sich dort die Meldungen verzögert hätten. Und er nennt einen weiteren Grund, jenen, »dass nur sehr wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern bereit sind, sich impfen zu lassen.«

Vor einigen Tagen sprach ich mit jemanden, der im Weimarer Krankenhaus arbeitet. Er meinte, dass dort jetzt die dritte Covid-Station aufgemacht habe, beim ersten Lockdown habe es nur eine gegeben. Als ich frage, ob die Impfstoffe schon angekommen seien und sage, dass es ja ein Glück sei, dass es diese endlich gebe, entsteht eine ziemlich lange Pause, gefolgert von einem zögerlichen »Naja«. Aus einem Krankenhaus in Stollberg wird berichtet, dass sich das Personal mehrheitlich nicht impfen lassen möchte und Kolleginnen mit Verweis auf mögliche Genveränderungen vom Impfen abgeraten wird.

Das ist Hörensagen. Ich kann diese Aussagen nicht überprüfen. Ich weiß nicht, ob diese Berichte falsch sind, anekdotisch, repräsentativ für die Bevölkerung oder ob sich Pflegepersonal überdurchschnittlich oft einer Impfung entzieht. In einem Artikel heißt es, dass die Impfbereitschaft in den Kliniken unterschiedlich hoch sei. Ein anderer Text ist überschrieben mit »Warum so viele Pflegekräfte die Impfungen scheuen«. Es sind Texte, die nicht geschrieben werden sollten.

Ansonsten: In einer Umfrage erklärt sich mehr als die Hälfte der Befragten einverstanden mit der Verlängerung des Lockdowns, 27% gehen die Maßnahmen zu weit, 18% nicht weit genug. Der Wirtschaftsforscher Michael Hüther spricht sich für finanzielle Sanktionen für Impfverweigerer aus. Die EU-Kommission erklärt die Zulassung für den Impfstoff von Moderna. Wegen Überlastung wird in Tschechien der Betrieb der Krematorien nun landesweit koordiniert. China verzögert die Einreise von Experten der WHO, welche die Ursprünge von SARS-CoV-2 erkunden sollen. In Großbritannien und Deutschland werden jeweils über eintausend Tote gemeldet. Nachdem der Schlagersänger Michael Wendler die Lockdown-Maßnahmen mit einem KZ verglichen hat, schneidet RTL ihn aus den schon produzierten Folgen von »Deutschland sucht den Superstar« heraus.

6. Januar | Zäher Matsch

Heute der Beschluss: Der Lockdown wird verlängert. Im Wesentlichen geht es so weiter wie bisher. Einzige Neuerungen: Die Anzahl privater Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts wird auf einen beschränkt. Und: Ab bestimmten Inzidenzwerten wird der Bewegungsradius auf 15 Kilometer begrenzt.

Gestritten wird über diese 15 Kilometer; ob das wirkungsvoll oder nur Geste ist, wie das überwacht werden soll, als Beleg für eine autoritäre Regierung. Gestritten wird über die fortdauernde Schließung der Geschäfte, unter #wirmachenauf sammeln sich Ladeninhaberinnen, die ab Montag trotz Verbot wieder öffnen wollen. Gestritten wird über weiterhin fehlende Konzepte für Schulen. Gestritten wird, weil die Maßnahmen pauschal sind oder im Einzelfall zu viel Freiräume lassen. Gestritten wird über den Satz: »Das Gesundheitsministerium ist grundsätzlich der Auffassung, dass ein Arbeitnehmer zuhause arbeiten und auf seine Kinder aufpassen kann.« Gestritten wird über eine Fantasielosigkeit der Politik, die nur verbiete, aber keine Freude schenke.

Für mich werden die nächsten Wochen so weitergehen wie die bisherigen. Wenig wird sich ändern; meine Situation ist eine spezielle, ich wäre auch unter anderen Umständen seltener unterwegs. Die Tage sind fordernd, ein jenseits der Notbetreuung geöffneter Kindergarten wäre eine Entlastung. Die Vorstellung, auf diese Weise bis in den Frühling fortzufahren, ist keine gute.

Ich wünsche mir ein ehrliches Bestreben, die Zahlen zu senken, dafür auf Ausnahmen verzichten, für die dafür notwendige Zeit die Maschinen und Bänder konsequent anzuhalten, konsequent die noch offenen Orte der Ansteckung zu benennen und in die Verantwortung zu nehmen, Homeoffice als Normalität und für die mit Kindern eine bezahlbare Lösung finden, ich wünsche mir das Büro als Unort, grundsätzlich die Arbeitswelt noch stärker in die Pflicht zu nehmen zusätzlich zu dem ohnehin schon eingeschnürten Privaten, den Lockdown als gesamtheitliche Fläche zu verstehen, auf die sich für Wochen einmal eine dichte, stille, einschließende Schneedecke legen kann, der Januar soll darunter verschwinden, damit nicht die Monate danach ewiggleicher Lockdown sind, Eis, das nicht taut, zäher Matsch.

Ansonsten: Der Lockdown in England wird bis Mitte Februar verlängert. Die BBC kündigt an, aufgrund der wegen des Lockdowns geschlossenen Schulen ab nächster Woche Unterrichtsstunden im Fernsehen auszustrahlen. Aufgrund des Shutdowns wird die Deutsche Bahn Fahrten im Fernverkehr reduzieren. Das Kinderkrankengeld wird auf zwanzig Tage verdoppelt. Wegen der Überlastung durch Corona sollen Rettungswagen in Los Angeles Patienten mit geringer Überlebenschance nicht mehr in Krankenhäuser bringen. In Deutschland wurden bisher ein Viertel der gelieferten Impfdosen verimpft. Die EU ordert 300 Millionen Impfdosen von Biontech nach.

5. Januar | Zank ums Impfen

Der Schnee von gestern taut. Wer heute über die Parkwiesen läuft, läuft in der aufgeweichten Grasnarbe. Im Matsch liegen Karottenstücke. Montag hat begonnen und damit die erste vollständige Woche des neuen Pandemiejahres. Es wird gezankt: über die Öffnungen der Schulen, über die Gefährlichkeit von B117, über den kommenden Lockdown und wie streng / wie wenig streng dieser ausfallen sollte, übers Impfen wird gezankt, die Impfstrategie Deutschlands und Europa, Versäumnisse werden offenbar.

Es geht darum, dass Europa zu wenig von den momentan erhältlichen und zugelassenen Impfstoffen bestellt hat. Beschlossen war ein gemeinschaftliches Vorgehen, ein Streuen des Risikos und deshalb im Vorfeld ein Bestellen bei verschiedenen Anbietern. Von den teuren und heute wirksamen Impfstoffen wurden weniger bestellt, von den günstigen viele.

Dieses Vorgehen wird verteidigt und kritisiert. Im Rückblick ist immer klar, was geschehen hätte müssen, es ist einfach, diesen Vorwurf zu machen. Und dennoch hat die USA mit einer desolaten Regierung ausreichend Dosen ordern können. Es ist ein Streit, bei dem ich unterscheiden muss zwischen den berechtigten und kritischen Fragen und solchen, die sich als besserwisserisch herausstellen.

Ich muss diese Unterscheidung auch beim angelaufenen Impfen treffen; wie ist die Impfquote im Vergleich zu Großbritannien und zu Israel, wann, unter welchen Bedingungen wurde dort mit der Impfung begonnen, wie komplex sind die Prozesse, die ablaufen müssen, bis eine Nadel die Haut durchdringt.
Ich lese die Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommern und die aus Thüringen, Welten liegen dazwischen. Warum ist das so? Wofür gibt es einleuchtende Erklärungen, wo wurde gezaudert und nicht ordentlich gearbeitet?

Nein, eigentlich will ich das gar nicht im Detail wissen. Eigentlich will ich einen Jahresbeginn, an dem alles unter das Primat des Impfens gestellt wird, einen Januar, in dem alles dafür getan wird, um die Herstellung der Impfstoffe zu erweitern, einen Wochenbeginn, an dem alles dafür getan wird, um die Dosen so rasch wie möglich zu den Impfzentren zu bringen, einen Montag, in dem alles dafür getan wird, möglichst viele vom Impfen zu überzeugen.

Es wundert mich, dass dies nicht die höchste aller Prioritäten zu sein scheint. Weil dies die beste Möglichkeit für ein besseres Ende ist. Und ich verstehe, dass es nicht alles sein kann, weil das andere nicht einfach so verschwindet. Weil morgen nicht alle geimpft sein werden, muss über das Impfen hinaus der große Rest unter den Bedingungen einer Pandemie weitergeführt werden. Impfen ist alles und kann nicht alles sein.

Ansonsten: In einer digitalen Fraktionssitzung kündigt der Gesundheitsminister an, dass im zweiten Jahresquartal ein Impfangebot für alle Interessierten zur Verfügung stehen soll. Feiertagsbedingt werden frühestens Ende der Woche wieder belastbare Zahlen zu den Neuinfektionen erwartet. Knapp 10000 Neuinfektionen werden vermeldet. In New York wird B117 nachgewiesen. Aufgrund der steigenden Zahlen wird ein neuer Lockdown für England verkündet. Die Kultusministerinnen beschließen, dass jedes Bundesland nach eigenem Ermessen Schulen und Kindergärten öffnen darf. Nach Kritik zieht die Niederlande den Impfstart auf Mittwoch vor. Nach dem Ansturm von Ausflüglern soll der Wintersportort Oberhof abgeriegelt werden.

4. Januar | Winterlandschaft ohne Eisläufer

Gestern war es auch magisch. Über Nacht kam der Schnee und am Morgen sah der Park wie ein in vornehmes Weiß gehaltenes Gemälde von Hendrick Avercamp aus, eine »Winterlandschaft mit Eisläufern« im Realen. Während die Kinder den Berg hinabrodeln, rollen die Eltern auf den Wiesen Kugeln zu Schneemännern, Teenager bewerfen sich mit Schnee, Hunde bellen Karotten an.

Eine Art unangestrengte Anarchie hat sich über den Park gelegt. Jedem, der durchs Tor tritt, zaubert es eine in den letzten Monaten ungewohnte Unbeschwertheit aufs Gesicht; den Kindern sowieso, ihren Eltern auch, allen anderen – den älteren Paaren, den Kinderlosen, den Joggerinnen – ebenfalls. So viele uneingeschränkt glückliche Menschen an einem Ort habe ich lange nicht mehr gesehen und ich merke, dass ich dieses Glück vermisst habe.

Ich denke an die Meldungen von den überlaufenen Wintersportorten und denke, dass, solange es keine übervollen Skikabinen, kein langes enges Anstehen und keine umtriebigen Liftbetreiber gibt, ich das nicht nur verstehen kann, sondern für notwendig halte – die bekannten leeren Orte beim Erwachen verändert und damit neu, Schneekugeln, geknetet von Händen, die ansonsten die Tastatur des HomeOffice bedienen und gleichzeitig für die Kinder kochen, nasser Schnee, der auf Newstickern landet, ein gemeinschaftliches Rangeln im Weiß.

Wenn 2021 nett ist, dann lässt es uns den Schnee bis zum Ende des Lockdowns – kein Matsch, keine braun getretenen Wege, sondern fester, formbarer, befahrbarer Schnee.

Es wäre ein Kompromiss, ein kleiner Ausweg aus dem großen Dilemma. Einerseits die geschlossenen Schulen und Kindergärten, das fehlende Zusammensein, das ausgesetzte Wachsen und Lernen, die ausbleibende Entlastung für die Eltern, die unvereinbar miteinander Kinder betreuen, unterrichten und arbeiten.

Andererseits die Studien, die klar formulieren, dass Kinder natürlich sich und andere anstecken, dass Schulen und Kindergärten Orte sind, an denen sich das Virus verbreitet und das möglicherweise viel stärker als angenommen; die Mutation B117, die diese Verbreitung noch einmal beschleunigen könnte und für Kinder und Jugendlich im höheren Maße gefährlich zu sein scheint.

Und ein weiteres Dilemma: Lehren als individueller Akt und damit als hohes Gut, weil es Persönlichkeiten bilden und keine kapitalismuskonformen Formen ausstanzen soll, und zugleich fatal in Krise, wenn jedes Fach sein eigenes Lehrsystem einfordert und damit die Schülerinnen und ihren Eltern maßlos überfordert.

Was, wenn ich morgen zwischen einen der beiden Möglichkeiten entscheiden müsste; wie ließe sich das Dilemma lösen? Über die fehlenden Unterrichtsstrategien wurde viel geschrieben, die Versäumnisse vieler Verantwortlicher, die in dreißig Jahren oder zehn Monaten die Gegenwart ignorierten, die Krokodilstränen Friedrich Merz‘, auch über das störrische Beharren auf Anwesenheit unabhängig von Inzidenzwerten wurde geschrieben. Und vielleicht doch zu wenig geschrieben, wenn es letztlich wieder darum gehen soll, unbedingt die eine Klassenarbeit schreiben zu müssen, weil ansonsten ein lebenslanger Schaden droht.

Ich stehe in der Winterlandschaft ohne Eisläufer und wüsste gern, wie das ohne Schnee gehen soll, Pandemie und Schulen, Virus und Kindergärten, Covid21 und das Aufwachsen, dieses anarchistische Hinabrodeln.

Ansonsten: Aufgrund des Ansturms sperrt Winterberg alle Pisten bis zum 10. Januar. Der Thüringer Ministerpräsident plädiert für eine Fortsetzung des Lockdowns um drei Wochen bis Anfang Februar, dafür soll der Bewegungsradius auf 15km vom Wohnort entfernt beschränkt werden. Der Papst kritisiert Urlauberinnen, die ins Ausland reisen, um dem Lockdown zuhause zu entgehen. Im Vogtlandkreis, den Landkreis mit der höchsten Sieben-Tage-Inzidenz, sprühen Unbekannte auf das dortige Impfzentrum »Gift«. Mit 277000 Neuinfektionen wird in den USA ein Höchstwert gemeldet, in Deutschland liegt die Zahl bei 10000.

3. Januar | Pandemie im Zeitraffer

B117 ist wie die Pandemie im Zeitraffer. Zuerst ein fernes Dröhnen, ein Raunen, dass etwas Gefährliches im Anmarsch ist, dann ein Vermuten, das zum Alarm wird, schnell ein Erschrecken aufgrund der Aussagen, die aus den wenigen verfügbaren Informationen Bedrohliches herauslesen, Wissenschaftlerinnen, die dem widersprechen, ein Diskurs um diese Informationen, schließlich weitere Informationen, die das Schlimme zu bestätigen scheinen und daraus die Forderung nach Maßnahmen, die trotz der immer noch geringen Faktenlage sofort und konsequent ergriffen werden müssten, weil die Vorsicht im schlimmsten Fall weniger verheerend wäre als das vermutete Übel und umgehend Einspruch dagegen und ein Ignorieren.

Und wie im März lerne ich über das Virus, verstehe, worin die Gefahr zu liegen scheint. Die Mutation B117 scheint zu keinem schlimmeren Krankheitsverlauf zu führen, dafür aber ansteckender zu sein. Und wie im März ist, was ich begreifen muss, das exponentielle Wachstum. Eine Ansteckungsrate von 50% darf ich nicht als das Doppelte lesen, sondern bald und schnell als das Vielfache von momentan. Das lese ich und ich lese, dass Kinder diesmal besonders betroffen sind und ich habe große Sorge deswegen.

Und ich lese in den Texten, dass »wir« – und damit sind »wir« Menschen gemeint – gegen B117 einige Pfeile im Köcher haben: das Bisherige, Maske, Abstand, App, und seit kurzem ein Impfmittel. Und wieder finde ich es nahezu unfassbar, dass jetzt, genau ein Jahr nach Beginn der Pandemie, schon Millionen Menschen geimpft sind. Und ebenso überraschend das Begreifen, dass der Impfstoff nicht das Ende der Geschichte ist, sondern eine andere Geschichte beginnen lässt bzw. zeitgleich zu den anderen läuft; dass eine Aufgabe das Entdecken des Impfstoffes ist und die andere das Verteilen des Impfstoffes und das Erfüllen beider Aufgaben notwendig ist für das Ende der Geschichte.

Und ich lese über diesen stärksten Pfeil im Köcher und dass, wenn sich B117 als das erweisen sollte, was gemutmaßt wird, ein Wettlauf während des Wettlaufs beginnt. Jede gemachte Impfung verringert die Gefahr der Mutation, jede hinausgezögerte vergrößert sie, weiterhin ist das Geschehen exponentiell.

Und ich verstehe, dass jetzt die Gelegenheit ist, das in den letzten Monaten erworbene Wissen einzusetzen, das Lernen aus den Wellen, dem Wachstum, dem Zögern, dem Leid in etwas Konkretes, etwas Notwendiges, etwas Schützendes zu überführen, aus den gemachten Fehlern Schlüsse zu ziehen.

Ansonsten: In Großbritannien erreicht die Zahl der Neuinfektionen erneut einen Höchststand. In Dänemark wird die B117-Mutation schon im November festgestellt. Die Polizei appelliert an die zahlreichen Ausflügler zu den Wintersportorten im Sauerland und im Harz: »Dreht um«. Im sächsischen Vogtlandkreis liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei 900. Kritik, nachdem in Polen mehrere Prominente vor dem medizinischen Personal geimpft wurden. Der Buckingham-Palast erklärt, dass die Impfung Privatsache der Queen sei. Nach dem Auflösen einer illegalen Silvesterparty werden in Frankreich über eintausend gebührenpflichtige Verwarnungen ausgesprochen. In Spanien treffen sich 1000 Menschen in einer Lagerhalle zu einer Silvesterparty, Bilder zeigen Menschen, die ohne Maske unter einem großen Totenkopf mit Weihnachtsmütze tanzen.

2. Januar | neue Karte

Zu den bisherigen Karten – Fälle in den letzten sieben Tagen, Belegung Intensivbetten, Anzahl der durchgeführten Tests, Positivtest, R-Wert, weltweiter Verlauf etc. – kommt nun eine neue hinzu: die mit den Impfquoten. Weltweit (Israel: 1 Millionen Impfung/ 9,18 Impfdosen pro 100 Einwohner, Deutschland: 170000 Impfungen, 0,2 Impfdosen pro 100 Einwohner) und aufgeschlüsselt nach Bundesländern.

Die Impfkarte Deutschland ist hell und weiß, fast leer. Thüringen liegt an letzter Stelle. All die nebeneinanderlaufenden Zahlen und Prozente, die Balkendiagramme mit den unterschiedlich gefärbten Säulen machen deutlich: Das ist ein Rennen, ein Wettbewerb mit Gewinnern und Verlierern.

Ansonsten: B117, der mutierte Virenstamm, verbreitet sich nach Berichten besonders häufig unter Kindern; Krankenhäuser melden vermehrt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Covid-Erkrankung. In London bleiben für die beiden Wochen die Grundschulen geschlossen. Friedrich Merz fordert eine schnelle Öffnung der Schulen. Das Bundesministerium für Gesundheit erklärt, dass die Bundesländer bis Anfang Februar weitere 2,7 Millionen Dosen des Impfstoffs erhalten soleln. Obwohl in den Niederlanden 200.000 Impfdosen schon gelagert sind, wird mit den Impfungen erst am 8. Januar begonnen. In Frankreich treffen sich 2500 Menschen in einer Lagerhalle zu einer Silvesterparty. Über B117.

1. Januar | vor zwölf nach zwölf

Neujahr. Mehr Feuerwerk als erwartet erleuchtet den Lockdownhimmel, auch mehr Menschengruppen nach zwölf als unterwegs erwartet und das altbekannte ambivalente Gefühl: Sollte mir das auffallen und was sagt das über mich?

Vor zwölf das Teilen und damit das Erinnern an die genau vor einem Jahr erschienene dpa-Meldung: »Mysteriöse Lungenkrankheit in Zentralchina ausgebrochen«. So reduziert auf fünf Worte klingt das weiterhin wie der Prolog eines hanebüchenen Plots und weiterhin so abstrakt, als ob es mich nicht betreffen müsste.

Eine Minute nach zwölf ist der erste Witz, der gerissen wird: »Gut, dass Corona jetzt vorbei ist« und zwei Minuten nach zwölf setzt die Erkenntnis ein, dass man nun schon im dritten Jahr mit dem Virus ist. Und währenddessen zerstört in Wisconsin ein Impfgegner 500 Dosen des Heilmittels und während ein Reporter über eine Impfung in Essen berichtet, wird dem 49jährigen eine Dosis angeboten und woraufhin BILD seine Reporter losschickt und fragt: »Wie bekomme auch ich eine Reste-Impfung?«

und der Strategie, die Impfzahlen zu verdoppeln, indem jeder erst einmal nur eine von zwei Impfungen erhält, widerspricht der Hersteller und die Erfinder des Impfstoffes wundern sich über die Einkaufspolitik der EU bei den Impfstoffen und eine neue Studie legt beim Virenstamm B117 eine deutliche Erhöhung der Basisreproduktionszahl nahe und Forscherinnen widersprechen dem

und aus einem SUV werden Knallkörper verkauft und im Elsass sprengt sich jemand mit einem Feuerwerkmörser den Kopf weg und in Stuttgart demonstrieren Impfgegnerinnen und der Bundestagspräsident erklärt, dass man nicht jedes Leben um jeden Preis schützen könne und verweist dabei auf komplexe Zusammenhänge

und ich sage, wenn auch nur zu leise zu mir selbst, so, dass es kaum jemand hören kann, mitten hinein ins Feuerwerk, hinein in den Gesang der WG, die aus dem Fenster heraus »Seven Nation Army« singt, 2020 war auch ein gutes Jahr und 2021 wird das auch werden.

————

Dezember | November | Oktober | September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | komplett

Sag etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s