Coronamonate. März 2021

31. März | AstraZeneca III

Die letzten Tage wieder mehrere Gespräche über die Bedenken vor dem Impfen. Sorgen und Befürchtungen werden geäußert, auch die Absicht, abzuwarten, lange abzuwarten. Meine Meinung hat sich während dieser Gespräche nicht geändert: Weiterhin würde ich mich umgehend impfen lassen. Der Grund ist ein hoffender, vor allem ein mathematischer: Die Wahrscheinlichkeit eines schweren, möglicherweise tödlichen Krankheitsverlaufs ist so viel größer als der einer schweren, möglicherweise tödlichen Impfreaktion.

Heute der Beschluss, dass AstraZeneca, dessen Impfstoff nun den Namen »Vaxzevria« trägt, aufgrund einer Häufung von Hirnvenenthrombosenfällen nur noch an Über-60jährige geimpft werden kann. Fast alle Expert:innen begrüßen die Entscheidung. Die Häufung ist statistisch auffällig, neun Todesfälle werden damit in Verbindung gebracht. Automatisch könnte ich diese neun Todesfälle über einen Zeitraum von mehreren Wochen gegen die Todesfälle durch Covid in Relation setzen.

Zugleich wäre das auch wohlfein. Die Häufung der Fälle fand bei Frauen unter 50 statt. Was, wenn sie bei Männern unter 50 stattgefunden hätte? Würde ich dann auch leichthin in Relation setzen, hätte ich nicht zumindest ein mulmiges Gefühl, wenn ich im Spätsommer einen Termin bekäme und erführe, dass mein Impfstoff Vaxzevria wäre? Und sollte bei einem Heilmittel nicht das einzig mulmige Gefühl sein, dass man es zu spät bekommt?

Viele Fragen sind offen, z.B. weshalb es in Großbritannien, wo wesentlich mehr Impfungen mit Vaxzevria stattfanden, es keine Häufung gibt, offenbar auch keine Todesfälle. Dazu die Irritation: Als AstraZeneca zugelassen wurde, wurde es nur für unter 65 zugelassen. Nun nur für über 60. Expert:innen, die sich vor zwei Wochen noch energisch dafür aussprachen, trotz einer Häufung weiter zu impfen, unterstützen nun die veränderten Maßgaben.

Es sind diese schon mehrmals geschehenen Widersprüche der Pandemie – der bekannteste die veränderte Bewertung der Schutzwirkung von Masken – die Zweifel säen an den Aussagen der Expert:innen, Zweifel an der Wissenschaft. Es ist nicht einfach, diese auszuhalten, sich das Gegensätzliche selbst zu erklären. Auch die nächsten Gespräche über Impfbedenken werden dadurch nicht leichter, das mulmige Gefühl wird nicht mehr verfliegen.

Ansonsten: Sachsen erklärt, nach Ostern unabhängig von den Inzidenzwerten die Schulen und Kindergärten zu öffnen. In Tübingen, wo seit einigen Tagen das Modellprojekt einer offenen Stadt stattfindet, vervierfacht sich die Inzidenz seit Mitte März, verdoppelt sich seit Donnerstag. Kanzler Kurz droht mit einer Bestellblockade von 100 Millionen Impfdosen für Europa, wenn Österreich nicht zusätzliche Menge Impfstoff bekommt – Kanzler Kurz hatte im vergangenen Jahr aus Kostengründen deutlich weniger Impfstoff geordert, als Österreich eigentlich zugestanden hätte. »Testen ist auch eine Bürgerpflicht«, sagt Ministerpräsidentin Dreyer. Mehrere Einzelhandelsketten planen den Aufbau von Schnelltest-Zentren. Thüringen ist das Bundesland, in dem die meisten der gelieferten Impfstoffdosen schon verabreicht wurden. Wegen der inhaltlichen Ähnlichkeit zur Coronapandemie hält der Kindersender Nickelodeon die Folge »Kwarantined Crab« der Serie SpongeBob zurück; darin findet ein Gesundheitsinspektor im Restaurant Krosse Krabbe einen Fall von Muschelgrippe und stellt deshalb alle Gäste unter Quarantäne. Verdopplung der deutschlandweiten Inzidenz innerhalb drei Wochen.

30. März | popkulturell geübt

Eigentlich hätte ich heute, da die Inzidenz in Weimar auf 99 gestiegen ist, in der Innenstadt sein sollen und Zeuge werden sollen der Modellstadt Weimar. Stattdessen bin ich vorerst im Park gelandet und habe diesen Text geschrieben:

Vor etwa einem Jahr fragte ich in einem Eintrag, ob ich diese Ausnahmesituation einer Pandemie popkulturell geübt nicht schon einmal geübt hätte; durch Filme, Bücher, Comics, Geschichten, die Extremszenarien beschreiben, all die erfolgreichen Apokalypsen und Katastrophen der letzten hundert Jahre. Ich fand diesen Gedanken reizvoll. Mittlerweile nehme ich an, dass diese Vorstellung weniger oder bestenfalls für mein Umfeld bedingt nur zutreffend ist.

Warum? Zum einen unterscheidet sich diese Apokalypse in ihrem Wesen von den Imaginierten; kein Big Bang am Anfang, kein Feuer aus dem Himmel, keine auseinanderbrechenden Erdschollen, statt FXs oder zumindest entsättigten Endzeitlandschaften eine unsichtbare Katastrophe, die für die meisten im Verborgenen abläuft (ein Grund dafür ist, weshalb die Zahlen immer wieder eskalieren). Vor allem geschieht die Handhabung der Katastrophe anderes, ist das, was die Pandemie zumindest hier ausmacht, wesentlich kleinteiliger, sind die offensichtlichen Probleme organisatorischer Natur. Anstatt abgeschotteten Distrikten werden Passierscheine verteilt und das Lesen eines Buches auf der Parkbank kostet 400€. Der Endgegner ist die Ministerpräsidentenkonferenz, auf der Candy Crush gespielt wird. Und das, was die eigentliche Dynamik steuert, ist komplexer und bürokratischer – Exportverbote von Impfstoffen, Einbeziehung von Hausärzten ins Impfen, Arbeitergeberpräsidenten, die sich gegen eine Testpflicht aussprechen, Knappheit von Masken, Kinderfreibeträge, Finanzierung von Lüftungsanlagen in Schulen, Digitalisierung in Gesundheitsämtern, lauter Puzzlestücke, aus denen sich das Bild der Katastrophe zusammensetzt, die aber niemals ansprechend und spannend in einer Katastrophenerzählung auftauchen könnten.

Dazu verläuft die Katastrophe an den Orten sehr unterschiedlich. Es gibt nicht »die Welt«, die gleich unter einer Katastrophe leidet. Canberra stellt sich komplett anders dar als Lagos als Wuhan als Brasilia als Wuppertal.  Zugleich gibt es die Bilder, die sich in Fiktion und Wirklichkeit wiederfinden:  überfüllte Krankenhäuser, Kolonen von Militärfahrzeugen, futuristische Spezialisten in Schutzanzügen, die ganze Stadtteile desinfizieren, Sperrzonen, Abriegelungen, leere Orte, stillgelegte Städte, verbunden durch Figuren, die im Erzählten Blaupausen sind für diese Realität: Wissenschaftlerinnen, die nicht gehört werden, Wohlhabende, die sich Kraft ihres Geldes aus der Gefahr nehmen, Larry Vaughn, der Bürgermeister von Amity aus Jaws, der trotz Warnungen den Strand wieder öffnet, die das Chaos herbeisehnenden Verschwörungsmystiker, die Heldengeschichten; der hundertjährige Tom Moore aus England, der Arzt Li Wenlian aus Wuhan, der von dem Virus warnte und kurz darauf daran starb, die Krankenschwestern, Ärztinnen, die Unermüdlichen.

Bei allen Gemeinsamkeiten und Unterschieden wird diese echte Katastrophe in Geschichten enden, wird es Filme, Bücher, Comics geben, gibt es sie schon, wird selbst das Bürokratische und Kleinteilige Eingang finden in die Erzählung über das tatsächliche Extreme.

Ansonsten: Die stark steigende Zahl von Covid-19-Patienten bringt die Krankenhäuser in Paris an die Belastungsgrenze. Der Arbeitgeberpräsident spricht sich gegen verpflichtende Tests in Unternehmen aus. Der venezolanische Präsident bietet im Tausch gegen Coronaimpfstoffe Erdöl an. Die Expertinnen der WHO erklären, dass von der Fledermaus der Erreger »wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich« auf ein anderes Tier und von diesem auf den Menschen übergegangen sei. Von den weltweit verfügbaren Impfdosen haben sich zehn Länder 76 Prozent gesichert.

29. März | Modellstadt

Ab Montag ist Weimar Modellstadt. Alle Geschäfte geöffnet, betreten und eingekauft werden kann mit negativem Test, Maske und Luca. Drei Tage läuft das Shopping-Modell. Die Weimarer 7-Tage-Inzidenz liegt bei 85, damit unter den bundesweiten Zahlen (130) und weit entfernt von Hot Spots wie Saale-Orla-Kreis mit fast 500. In diesem Kontext erscheint die 85 wie eine helle Zahl. Setzt man der 85 die ehemalige 50 entgegen, oder die einstige 35, oder die frühe 10, welcher Kompromiss zwischen Virus und ??? ist die 85 dann?

Auch Tübingen, wo die Inzidenz, diese magische Zahl bei 35 liegt, ist Modellstadt. Mit Test gibt es eine Tageskarte und damit steht die gesamte geöffnete Innenstadt zur freien Verfügung. Das ist die eine Geschichte. Die andere Geschichte ist der Landkreis mit Inzidenz 100. Sind die Tageskarten, die testlos weitergegeben werden. Ist die Studie, nach der bei einem Modellprojekt für eine Großveranstaltung alle Beteiligten negative Tests vorwiesen und später waren 25% der Anwesenden doch infiziert.

Ich höre zu, wie zwei sicher nette Menschen in einem Tübinger Straßencafé bei Latte Macchiato sitzen und von ihrem Shoppingnachmittag berichten und ich gönne ihnen jede Sekunde Modellstadtglück und den Geschäften jeden Cent und denke zugleich: Ist das das Signal, dass ich an diesem Wochenende empfangen möchte? Testen und Bummeln? Sollte das Symbol dieser Tage nicht ein komplett anderes sein?

Aber – geht es wirklich darum? Geht es wirklich um die Geschäfte, um Latte Macchiato? Lenken all diese Überlegungen nicht ab? Niemand will einen Lockdown. Der Lockdownfanatiker existiert nicht. Wenn wer wählen könnte zwischen offen und geschlossen, wer würde geschlossen wählen? Wenn wer wählen könnte zwischen offen und Durchseuchung sowie eine Zeit lang geschlossen und einigermaßen kontrollierbar, wer würde dann offen wählen? Die Mehrheit jedenfalls nicht.

Niemand will sechs Monate den Einzelhandel und die Eiscafés schließen, niemand will sechs Monate die Freunde nicht umarmen. Jede Sympathie dem Eisverkäufer und den Freunden. Doch dieses Andauern, dieses Niemals-konsequent-Sein, dieses Immer-nur-einen-Teil, führt dazu, dass Ministerpräsidenten sagen, sie öffnen, weil Öffnungen »den Menschen« Hoffnung geben, die gleichen Ministerpräsidenten, die dadurch der Hoffnung das Wasser abgraben. Nicht der Lockdown ist das Problem, sondern der ewige Lockdown. Öffnung löst dieses Problem nicht.

Später sitzt die Bundeskanzlerin in einem Vier-Augen-Gespräch und sagt: »Es wird dazu kommen, dass wir das Richtige tun« und das ist ein Zwischen-den-Zeilen-Satz, der Ansage ist an die Öffnenden, der den Zusehenden Mut machen soll und zugleich in seiner zeitverschobenen Ohnmacht in diese hilflosen Tage passt, in dieses bange Warten darauf, wann der Moment kommt, in dem »das Richtige« nicht nur erkannt, sondern auch getan ist.

Ansonsten: Mexiko korrigiert die Zahl seiner Todesopfer um 60% nach oben. Intensivmediziner fordern einen harten Lockdown. Berlin beschließt, dass Büros nur noch zu 50% belegt sein dürfen, woran der Industrieverband Kritik übt. 3640 Coronatote in Brasilien. Der präsidentenahe Bürgermeister im brasilanischen Porto Alegre ordnet an, Geschäfte, Bars und Restaurants zu öffnen. Intensivmediziner berichten. Intensivmediziner warnen.

28. März | kein ansonsten

Jeden Tag gibt es Ansonsten, die mich erschüttern. Dieses besonders:

Ansonsten: Im hessischen Korbach greifen zwei Männer eine Frau an, reißen ihr mit den Worten »Nix Corona« den Mund-Nase-Schutz vom Gesicht und treten ihren Kinderwagen um. Das darin liegende sechsmonatige Baby wird dabei so schwer verletzt, dass es mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen werden muss.

27. März | Maßnahmen generieren

Die Bundesregierung beschließt: Impfzentren so schnell wie möglich schließen. Die Bundesregierung beschließt: Flughäfen bei einem R-Wert unter 1 nur für Geimpfte öffnen lassen. Die Bundesregierung beschließt: Querdenker-Demos abweichend von den letzten Beschlüssen testen lassen. Die Bundesregierung beschließt: Kinos so schnell wie möglichsprengen lassen. Die Bundesregierung beschließt: Kosmetiksalons von 8 bis 12 Uhr ins Lipsync-Battle schicken. Die Bundesregierung beschließt: Kaufhäuserbei Inzidenz >50 vom Markt regeln lassen. Die Bundesregierung beschließt: Arbeitgeberverband in den Sommerferien öffnen. Die Bundesregierung beschließt: Fitnesstudios wenn die Sonne im Zenit steht eine Packung Merci spendieren.

Aus: Corona-Maßnahmen-Generator

26. März | ratlos

Momentan gibt es keine Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben, nichts Privates, keine Anekdoten. Die Aufmerksamkeit fließt in die politische Entwicklung, ein fassungsloses Beiwohnen und Bewerten dessen, was gerade besprochen, beschlossen und vor allem nicht beschlossen wird.

Ich halte einen echten Lockdown für notwendig, aber glaube nicht, dass er das Virus aus der Welt bringt, dass die Situation danach eine ist wie in Neuseeland oder Australien. Was ist die Funktion eines Lockdowns? Kontakte zu unterbinden. Jeder Ort, an dem Menschen aufeinandertreffen, schafft die Möglichkeit einer Übertragung. Je weniger solche Möglichkeiten bestehen, desto weniger Übertragungsmöglichkeiten. Eine einfache Logik. Um die Zahlen deutlich und schnell zu senken, so, dass sie beherrschbar sind, müssen so viele Kontakte wie möglich unterbunden werden. Wenn Gaststätten und Museen schließen, hilft das. Wenn 87% der restlichen Arbeitswelt weiterlaufen, dann gibt es weiterhin 87% Möglichkeiten.

Die Aufgabe eines Lockdowns besteht nicht darin, ein halbes Jahr zu dauern, Insolvenzen zu produzieren, Kinder dauerhaft von Freunden zu trennen. Es folgt einer Logik, für einen begrenzten Zeitraum konsequent zu sein, auch bei Orten, die »eigentlich« sicher sind. Auch in einem Museum kann sich angesteckt werden. Es deshalb für eine bestimmte Zeit zu schließen, ist sinnvoll. Ist das eigentlich sichere Museum aber ein halbes Jahr geschlossen und laufen dafür die Schulen ohne Testung und rollen die Bänder weiter, verliert sich der Sinn. Der Widerspruch, der sich daraus ergibt, wird unerträglich. Er führt zu Wut.

Am Montag gab es den (handwerklich schlecht gemachten) Versuch, einen solchen unsinnigen Widerspruch zu durchbrechen, einen Versuch, über einen (sehr) begrenzten Zeitraum möglichst viele Kontakte zu unterbinden. Der Versuch ist gescheitert, es gibt verschiedene Gründe dafür. Ein Grund ist die Uneinigkeit darüber, was dieser Tag in Bezug auf Lohnkostenfortzahlungen und eventuelle Feiertagsaufschläge bedeuten könnte. Als jemand, der in einem Bereich der Wirtschaft verortet ist, in dem seit einem Jahr, seit über 365 Tagen kein normales Arbeiten mehr möglich ist, musste ich kurz lachen, als ich das Wort Feiertagsaufschlag las, es war kein schönes Geräusch.

Mehrere Wirtschaftsverbände begrüßten die Absage der Osterruhe. Das hat u.a. auch juristische Gründe, das meine ich u.a. mit »handwerklich schlecht gemacht«. Ich bin ein bisschen ratlos, wirklich ratlos, weil ich nicht glaube, dass es ohne Lockdown, der viele Kontakte unterbindet, möglich sein wird, die Dynamik der Zahlen bis zur Vollimpfung zu brechen. Und ich sehe, dass es nicht möglich ist, einen Tag, auch noch ein Tag vor mehreren Feiertagen, die auch noch unterbrochen sein sollten von einem offenen Tag, eine solche notwendige Maßnahme durchzusetzen. Die Bänder können keinen Tag stillstehen. Es ist nicht vorgesehen, selbst wenn es bedeutet, dass andere dafür anderthalb Jahre stehenbleiben.

Ich sehe die Länder, die ihre Zahlen senken mit dieser Maßnahme (Portugal, auch Großbritannien gehört(e) dazu), sehe Belgien, das vier Wochen lang in Osterruhe geht und sehe das Land, mein Land, meine Stadt, mein Umfeld, diese Zahlen, sehe die Graphen der Wissenschaftlerinnen, einen prognostizierten Inzidenzwert von 1200 im Mai sehe ich, sehe einen Kanzlerkandidaten, der irgendwie genervt ist, dass die Frühlingssonne B117 nicht vertreibt, einen anderen Kandidaten, der Gott bittet, weiter auf das Land achtzugeben, höre, dass das Saarland nach Ostern öffnen will, lese, dass die Zahl der unverimpften Dosen wöchentlich weitersteigt und momentan bei 3,5 Millionen liegt und ich bin ratlos, wirklich ratlos, ratloser als letztes Mal, als ich schrieb, dass ich ratlos bin, wie diese dritte Welle zu schaffen sein wird.

Ansonsten: Wegen der Grenznähe zu Frankreich und der dortigen größeren Verbreitung der südafrikanischen Variante bekommt das Saarland mehr Dosen Biontech zugeteilt. In einem Modellprojekt will das Saarland nach Ostern die Geschäfte, Kinos und Gaststätten wieder öffnen. AstraZeneca korrigiert die Angaben zu Wirksamkeit leicht nach unten. 5 Millionen und damit die Hälfte aller Israelis sind zwei Mal geimpft. 62 Millionen EU-Bürgerinnen sind mindestens einmal geimpft. 300000 Coronatote in Brasilien.

Bei jeweils Inzidenzwerten von über 100: Notbremse in Bremen, keine in Berlin. Die Regierung zieht die Bitte an Kirchen, während Ostern auf Präsenzgottesdienste zu verzichten, zurück. Der Prozess wegen Coronaansteckungen in Ischgl wird wegen aktueller hoher Infektionszahlen auf unbestimmte Zeit verschoben. In Indien breitet sich eine Mutante aus, die ansteckender und resistent gegen Impfstoffe sein soll. Um ein gleiches Tempo aller kreisfreien Städte und Landkreise bei den Impfungen zu gewährleisten, muss Wuppertal solange mit den Impfungen aussetzen, bis die anderen aufgeholt haben.

25. März | die Mütenden

Gegen Mittag entschuldigt sich die Kanzlerin für den Ruhetaglockdown und nimmt ihn zurück. Armin Laschet erklärt: »Wir alle hatten die Hoffnung … dass im Frühling die Zahlen weniger werden … wir erleben im Moment das Gegenteil. Das ist nervig.« Volker Bouffier sagt: »Wer behauptet, das hätte man alles schon vor 8 Wochen wissen müssen – mit sowas will ich mich gar nicht auseinandersetzen.« Reiner Haseloff sagt: »Ä«. Bodo Ramelow sagt: »ÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ«. Die Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie begrüßt den Stopp der Osterruhe und sagt: »Einen Fehler einzuräumen, zeugt von Größe.«

Seit einigen Tagen ist der Begriff »mütend« in der Welt. Müde von der Belastung durch die Pandemie, müde wegen des halbjährigen Halblockdowns. Wütend auf die Art und Weise, wie Coronapolitik gemacht wird.

Die Mütenden sind nicht die Coronaleugnerinnen, nicht die Querdenker, nicht die Merkel-muss-weg-Rufenden, nicht die Pegidaisten, die Gaulands, die behaupten, das Impfen würde wegen des Holocausts so langsam vorwärtsgehen, nicht die Nenas, die Kassel Beifall klatschen.

Es sind die, die sich seit einem Jahr in Umfragen für wirksamere Maßnahmen aussprechen, jene, die lange Zeit angaben, mit den Maßnahmen einverstanden zu sein. Es sind die, die Masken im Supermarkt tragen, ihre Familien über Weihnachten nicht treffen, die Sonntagabend Arbeitsblätter für das Homeschooling ausdrucken, die den Update-Podcast hören oder Markus Lanz schauen oder in der Tageszeitung die Kurvengrafik studieren, die, die Impftermine für ihre Großeltern oder Eltern über die Hotline vereinbaren, die sich nicht mit Freunden treffen, seit einem Jahr.

Die Mütenden sind erschöpft und ausgelaugt von diesem Coronajahr, das sie mitgetragen und verstanden haben und sind mittlerweile so unzufrieden, dass diese Unzufriedenheit das Mittragen und Verstehen grundsätzlich in Frage stellt. Sie würden weiter mittragen und verstehen, wenn sie glauben könnten, die Entbehrungen wären gerecht verteilt, ihre Opfer würden gesehen von der Politik, die Politik hätte den Willen und die Fähigkeit, diese Opfer zu minimieren.

Die Mütenden sehen, dass jene, denen sie – bei aller Kritik – immer Kompetenz zusprachen, nicht über diese Kompetenz verfügen. Die politischen Entscheider – nicht alle, aber in der Summe – verfügen nicht über die Fähigkeit, die Pandemie, das Virus, die Krankheit zu verstehen. Sie verstehen die Wissenschaft nicht. Es ist kein Nichtwollen. Es ist ihnen nicht möglich, den wissenschaftlichen Blick in ihr politisches Handeln einzubeziehen, so einzubeziehen, dass sie entsprechend handeln können. Die Entscheider fahren auf Sicht, ihr Horizont ist die Schiebetür des Konferenzraums.

Die Mütenden haben ein Jahr lang auf dieses Handeln vertraut, es verteidigt. Eine Pandemie ist eine Ausnahmesituation, für alle ein Paradigmenwechsel. Die Anforderungen an jene, die entscheiden müssen, die Unvereinbares vereinen, die Entscheidungen auf Grundlagen wenigen Wissens treffen, die sofort reagieren und zugleich die Zukunft im Blick behalten mussten, ist gewaltig. Ein Jahr lang Verteidigung. Aber was nach einem Jahr? Was mit den Lehren aus diesem Jahr, dem deshalb verändertem Vorgehen? Wenn nicht einmal einen Tag lang ein umfassender Lockdown möglich ist, während sich die Zahlen auf einem exponentiellen Kurs befinden, was dann?

Die Mütenden sind müde. Sie haben nicht die Kraft, ihre Wut zu artikulieren. Jemand schreibt: »3 Monate Homeschooling + Arbeit dürften zumindest bei vielen wütenden Eltern dazu führen, dass es kaum noch Ressourcen gibt, die nicht direkt in die Alltagsbewältigung wandern.« Aber so wird es nicht bleiben. Die Wahlumfragen, die Wahlen später sind eine Sache. Das andere, das größere ist der veränderte Blick auf das demokratische System, auf das Dysfunktionale darin, das Mäandern, das Vertrauen. Wie werden die Mütenden reagieren? Nach der Pandemie vergessen, sich in Fatalismus flüchten, zu Querdenkern werden, werden sie aktiv, wie?

Ansonsten: Belgien beschließt eine vierwöchige Osterpause. In Italien werden 29 Millionen Dosen AstraZeneca in einem Lager gefunden, was zu Verwunderung führt, weil die Firma Lieferzusagen an die EU mehrfach gekürzt hatte. Auf dem Flughafen von Mallorca wird ein Coronatestzentrum eröffnet. Aus Ärger über die Coronaregeln wirft ein Mann einen Molotowcocktail ins Delmenhorster Rathaus.

24. März | Superminiosternlockdown

Der gestrige Eintrag war auch einer Hilflosigkeit geschuldet, eine Ohnmacht nach den Vorabverlautbarungen, dass die nächtliche Ausgangssperre die entscheidende Maßnahme gegen die aktuellen und zukünftigen Zahlen sein soll. Nach dem Schreiben die Meldung, dass die Zusammenkunft der Ministerpräsidentinnen unterbrochen ist, dass es großen Dissens gibt, dass härter gegen abwarten gegen lockern steht. Schließlich ein Durchsickern eines wirklichen harten Lockdowns, mehrere Tage alles geschlossen, inklusive Lebensmittelläden.

Mein erster Impuls: Ich bin elektrisiert. Sollten tatsächlich andere Wege probiert werden, gibt es tatsächlich die politische Erkenntnis der medizinischen Notwendigkeit? Ein kleiner Schub setzt ein, so etwas wie Energie, ein Anpacken. Könnte das ein Wendepunkt sein; nicht nur für diese eine Maßnahme, sondern für das absolut festgefahrene, überholte, nicht mehr funktionsfähige, mittlerweile gefährliche Ritual der Zusammenkunft der Ministerpräsidenten? Wird von nun an die Pandemie gehandhabt und nicht länger mehr ausgesessen und abgewälzt?

Nach dem Impuls ein praktischer Gedanke: Wird das Schließen zu einem erhöhten Einkaufsverhalten vor dem 1. April führen? Was macht das mit denen, die auf das überwiesene Geld am 1. April angewiesen sind? Gleich danach schaue ich auf den Kalender, stelle fest, dass es sich im Wesentlichen um einen Tag handelt, der als »Ruhetag« betrachtet werden soll, zuzüglich zum wegen Ostern sowieso Runtergefahrenen.

Der Wendepunkt schnurrt auf die kleinstmöglichste Anstrengung zusammen. Und schnurrt weiter, weil die anderen Leerstellen der deutschen Coronapolitik weiterhin unbesetzt bleiben; wenn die Schnelltests für Betriebe und Firmen nicht verpflichtend gelten, wenn jene aus der Pflicht entlassen werden, die seit einem Jahr stets in geringster Pflicht standen.

Ich sehe eine Grafik, die aufschlüsselt, welche Wirtschaftsbereiche direkt vom Lockdown betroffen sind: Es sind 13 Prozent. Im roten Bereich tummeln sich Gastronomie, Einzelhandel, Erziehung, Kultur, die bekannten eben. Die Verpflichtungen für den gewaltigen anderen Teil der Wirtschaft sind lasche Appelle, immer noch, werden es bis zur Herdenimmunität sein, undenkbar, dass dort etwas konkret angetastet werden könnte.

Das Scheitern und Versagen in dieser Nacht des 23. März ist gewaltig, der Tiefpunkt ein inhaltlicher, auch einer der Kommunikation; Feiertage als einen harten Lockdown anzupinseln, die Unklarheit darüber, was »Ruhetag« meint, der legere ÄÄÄ-Tweet des Thüringer Ministerpräsidenten, lauter Tiefschläge. Ein Text berichtet, dass Armin Laschet in der Zusammenkunft sagt, dass »wir jetzt nichts per Verordnung regeln, sondern noch abwarten«. Ich frage mich: Worauf? Worauf noch warten? Was braucht es noch? Das schreibe ich nach 13 Monaten Coronamonaten, worauf warten?

Ansonsten: Die dänischen Parteien einigen sich darauf, die Coronamaßnahmen zu beenden, sobald die Risikogruppen und Menschen über 50 geimpft sind. Zweifel an Daten einer neuen AstraZeneca-Studie über deren hohe Wirksamkeit. Als einziges der Unternehmen, die Coronaimpfstoffe herstellen, erklärt AstraZeneca, während der Pandemie auf Profite durch den Impfstoff zu verzichten und zudem die Lizenz freizugeben, damit mehr produziert werden kann. Die katholische Kirche erklärt, Ostern Präsenzgottesdienste abzuhalten. Die Intensivstationen in Wien sind überlastet. Modellierung Inzidenz-Peak 1200.

23. März | Letzte Sperre

Als es Nacht wurde, verließ ich das Haus, so, wie ich es jede Nacht tat. Ich war nicht alleine. Die gesamte Stadt war unterwegs, nachts in den Straßen, so wie sie in jeder Nacht unterwegs war. Wir liefen die bekannten Wege entlang und steckten uns in der Nacht an, so, wie wir uns in jeder Nacht der Pandemie ansteckten. Uns war schwer ums Herz, da wir annahmen, es würde vorerst die letzte dieser wunderbaren Dunkelheiten sein. In Berlin tagte die Zusammenkunft. Wir mussten annehmen, dass sie uns untersagen würde, zukünftig nachts das Haus zu verlassen. Wir würden diese Ausgangssperre begrüßen, denn nur mit diesem Verbot würden wir die Zahlen auf den notwendigen Wert von unter 200 oder 300 senken können.

Von den Fenstern der Großraumbüros winkten uns freudig Festangestellte zu. Ausgelassen ließen sie Schnelltests wie Kamelle auf uns niedergehen; sie würden diese Tests bis zum Ende der Pandemie nicht mehr benötigen. Wirtschaftsweise zeigten mit den Fingern auf uns Nachtwanderer und riefen: »Ihr seid schuld«. An einer mit einem Stencil von Banksy besprayten Ziegelsteinmauer lehnten zwei Wolfgang Kubickis; einmal einer von Oktober 2020, einmal einer vom März 2021. Beide hatten die obersten drei Knöpfe ihrer strahlendweißen Hemden geöffnet. Der Oktoberkubicki sagte in ein Mikrofon, das ihm Frank Plasberg demütig hinhielt, dass die Maßnahmen auf gar keinen Fall zu streng ausfallen dürften, der Märzkubicki gestand Anne Will, wie sehr ihn die Versäumnisse der letzten Monate aufregten.

Querdenkentouristinnen, die seit einem Jahr jede Woche von Demonstration zu Demonstration reisten und gar nicht mehr wussten, wo sie eigentlich herkamen, schlüpften in ihre Pippi-Langstrumpf-Kostüme, auf die sie gelbe Sterne genäht hatten und öffneten anschließend ihre Münder, um sich gegenseitig Aerosole in die unbefleckten Lungen zu pusten. Damit wollten sie ihre Immunabwehr stärken. Sie gruppierten sich um ein goldenes Kalb, das aussah wie ein monumentales Grippevirus und begannen zur Musik des Grundgesetzes eine Polonaise zu tanzen. Eine Polizistin formte mit den Händen ein Herzchen, ein anderer hob den Daumen, während er den Kopf einer jungen Frau gegen den Sattel ihres Fahrrads schlug und einem Passanten eine Geldstrafe von 4000€ für das unerlaubte Lesen eines Buches aussprach.

Aus einer Villa taumelte ein zerzaust wirkender Gesundheitsminister. Er war unterwegs zu einer Zeitmaschine, die ihn in das Jahr 2025 bringen sollte oder in Neros brennendes Rom, Hauptsache weg. Aus einer Hausarztpraxis drang ein leises Schluchzen, aus einer Schule das summende Geräusch eines sich mit der Datenautobahn verbindenden 56k-Modems. In einem Fernsehstudio übte Dieter Nuhr eine Pointe, in welcher er Genderstern und Lockdownfanatiker zusammenführte, ein anderer Comedian feilte an einem Wortwitz, der aus »Mutante« etwas mit »Tante« machte.

Während Mitarbeiterinnen von TUI damit beschäftigt waren, 9 Milliarden Euro zu einem Haufen aufzuschichten, den sie verbrennen konnten, um mit der Asche Flüge für unter dreißig Euro nach Mallorca anbieten zu können, wartete eine dreiköpfige Familie aus Herne mit gepackten Koffern auf den Abflug in das 17. Bundesland, »Wir müssen mal raus« murmelten sie patzig. Mein Nachbar wetzte die Messer, auf deren Griffe er »Karl Lauterbach« geritzt hatte. In seinem Keller lagen schon die erstochenen Graphen von Christian Drosten. »Niemand«, so sagte mein Nachbar, der mir lange als gutmütiger Mann erschienen war, »niemand sagt mir, wie meine Zukunft aussieht, schon gar nicht Kurven.«

Die Philosophin Thea Dorn stand neben einer Intensivstation, wo Krankenschwestern eine 35jährige auf den Bauch drehten und hielt einen süffigen Vortrag darüber, wie sehr Werte wie Liebe, Gutes tun, Schönheit und soziales Engagement gerade zurücktreten würden und las danach das erste Kapitel ihres Corona-Bestsellers Trost mit hochgezogenen Augenbrauen vor.

So lief ich in dieser angenommenen letzten Nacht durch die Stadt, als die Zusammenkunft eine Pause einlegte und ich stehenblieb und wartete und wartete und wartete

Ansonsten: Neun Prozent der Deutschen sind mindestens einmal geimpft. Ein Gericht hebt Coronabeschränkungen im Einzelhandel für NRW auf, ein anderes Gericht setzt diese wenige Stunden später wieder in Kraft. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl von Haustieren in deutschen Haushalten um eine Million. Das geplante Exportverbot von Impfstoffen aus der EU nach Großbritannien drückt den Kurs des Pfunds. Weimar kauft die Luca-App. Der Shutdown wird bis Mitte April verlängert.

https://twitter.com/flipppse/status/1372935822895423497

22. März | PIMS

Ich lese von PIMS, einer Entzündungserkrankung verschiedener Organe bei Kindern und Jugendlichen, eine überschießende Immunreaktion auf Covid. Ich lese, dass Kinder und Jugendliche gerade Treiber der Pandemie sind, dass, während bei den über 80jährigen die Zahlen zurückgehen, dort die Zahlen rot werden, welche Rolle B117 dabei spielt. Die Wahrscheinlichkeit auf PIMS bei Kindern ist gering, je höher die Zahlen, desto größer diese Wahrscheinlichkeit.

Die geimpfte Erzieherin, eine Gruppe mit 20, macht mindestens 40 Kontakte, eher deutlich mehr: Das Kind geschützter zu wissen, hieße es aus der Gruppe zu nehmen, solange, bis die mindestens 40 Kontakte geimpft sind. Das wären sechs Monate Schutz und Kontaktlosigkeit von jetzt an.

Und dann? Ist die Impfung, die Herdenimmunität der Schutz? Nicht alle der mindestens 40 Kontakte werden sich impfen lassen, das Virus wird sich verändern. Ein Impfstoff für Kinder ist erst in der Testphase, Ende des Jahres könnte er zugelassen sein. Was bis dahin? Das Risiko aushalten, so wie viele anderen Risiken auch? Mindern, wenn ja, wie? Den Schutz aufrechnen gegen all das andere? Wie kann eine solche Rechnung aussehen?

Ansonsten: Der Geschäftsführer der TUI erklärt, dass Reisende von Pauschalurlauben kein Risiko seien, weil sich die Gäste verantwortungsvoll im Urlaub verhalten. Auf Mallorca wird die Mutante P1 festgestellt. Wegen der hohen Infektionszahlen werden in Brasilien die Strände gesperrt. 79 Prozent der Brasilianer sagen, die Pandemie ist außer Kontrolle.

21. März | Impfstoffbeschaffung

Ich lese von Großbritannien und die USA, den beiden Ländern, die aufgrund der desolaten Führung ein Jahr lang lauter Worst-Cast-Scenarios produzierten und die seit Beginn der Impfungen den meisten meilenweit enteilt sind. Das Despotische, das Autoritäre, das Kalte schafft plötzlich das Gegenteil dessen, was ich darin sehe, das, was ich als erstrebenswert wahrnehme, schlittert dagegen ins Desaster. Eine unerwartete, unwirkliche, zutiefst beunruhigende Beobachtung, etwas, das ich nicht begreifen kann, das dem widerspricht, was ich verteidige.

Ich lese über das Impfvorgehen der beiden Länder. Im späten Frühjahr 2020 in den USA und UK schon die Gründung von Impfkommissionen, besetzt mit Leuten, die nicht allein aus dem Politischen kommen, ausgestattet mit viel Macht, die das KleinKlein so gering wie möglich halten sollen. Früh die Einbeziehung des Militärs für die Logistik.

Dagegen könnte ich die EU setzen, die Einigkeit mit 27 Ländern finden muss. In Deutschland etwas wie die »Taskforce Testlogistik«, die März 2021 einberufen wird, die Entscheidungsfindungsprozesse, wie Hausärzte in die Impfungen einbezogen werden, die auch im März 2021 allmählich erst in die Gänge kommen, lauter unbegreifliche, verantwortungslose Verschleppungen und Versäumnisse. Das sind die Geschichten, die erklären, weshalb in Amerika an einem Tag so viele Impfungen stattfinden wie in Deutschland in zwei Monaten, weshalb in Großbritannien die Hälfte der Erwachsenen mindestes einmal geimpft ist.

Das ist eine Geschichte, die offensichtliche, die ins Auge springt. Die andere Geschichte ist die von der Impfstoffbeschaffung. Davon, wie die amerikanische Regierung schon im März 2020 Biontech exklusiv für Amerika aufkaufen wollte. Die Geschichte, dass die Oxford-Entwickler mit einem amerikanischen Produzenten zusammengehen wollten, was die britische Regierung unterband und die Zusammenarbeit mit der britisch-schwedischen Firma AstraZeneca vorschrieb. Vor allem ist es die Geschichte, wie GB und USA die auf ihrem Territorium hergestellten Impfmittel zuallererst für die eigene Bevölkerung in Anspruch nimmt und Exporte unterbindet. Während die in Europa produzierten Dosen nicht für die EU exklusiv sind. Was dazu führt, dass Biontech, obwohl es auch in Amerika hergestellt wird, aus Europa nach Kanada exportiert wird, weil die USA erst liefern werden, wenn die Amerikaner geimpft werden.

Das ist stark vereinfacht, auch vereinfacht, wenn ich schreibe: Die USA und GB stellen das Eigene bedingungslos über alles andere, während die EU das nicht tut, nicht tun kann, lange getragen war vom Gedanken, dass in der Krise nicht jeder für sich steht. Die Geschichten erweitern den Blick auf das pauschale »Die haben komplett versagt«, rücken das Bild ein klein wenig gerader, nehmen ein klein wenig vom Widerspruch. Ein klein wenig. Gerade reicht das kein bisschen.

Ansonsten: Weil AstraZeneca nur einen begrenzten Schutz gegen die südafrikanische Mutante bietet, verkauft Südafrika eine Million Dosen AstraZeneca. Berichte, dass die Mutanten auch auf und von Tieren übertragen werden. Berichte über eine französische Mutante, die mit PCR-Tests nicht mehr erkannt werden kann. Wegen der hohen Inzidenz wird in Flensburg eine Bombenentschärfung abgesagt. Beim Spring-Break in Miami sitzt ein Mann mit Jokermaske auf einem Autodach, schwenkt die amerikanische Flagge und ruft »Corona is over«.

20. März | 99,9

Die 7-Tages-Inzidenz steht bei 99,9. Wenn der Wert, bei dem eine »Notbremse« gezogen werden müsste, 100 ist, steht die 99,9 dort seit Wochen und wird so stehenbleiben. Und wenn am Montag die nächste Entscheidungsrunde Entscheidungen treffen wird, welche Entscheidungen werden das sein? Schulschließungen? Frisörschließungen? Mehr Tests? Ein landesweit einheitliches Vorgehen? Hausarztimpfungen nach Ostern? Kontaktbeschränkung auf eine Person pro Haushalt? Die Grenzwerte verschieben (200)? Was gibt es noch, das bisher nicht versucht wurde? Was wäre durchsetzbar? Wäre ein nächster Lockdown ein nächster Lockdown oder wäre es weiterhin Lockdown 2? Wäre es überhaupt ein Lockdown? Was sagt man den Mallorca-Urlauberinnen? Was den 20000 in Kassel, die sich dicht an dicht »Frieden, Freiheit, keine Diktatur« skandieren? Was der Polizistin, die dazu mit ihren Händen ein Herzchen formt? Und wenn die plus 0,1 die Not sein wird, was wird die Bremse sein?

Ansonsten: Corona-Proteste in Amsterdam, Wien, Bukarest und Stockholm. Forscherinnen finden eine mögliche Erklärung für Thrombosen nach einer AstraZeneca-Impfung; ein Immunreaktion des Körpers, die sich gegen die eigenen Blutplättchen richten. In Frankreich sollen vorerst nur Ältere mit AstraZeneca geimpft werden. Jair Bolsonaro will von Bundesstaaten beschlossene Maßnahmen gegen Corona rückgängig machen. In Brasilien sterben 3000 Menschen am Tag an Covid19. Das Mar-a-Lago in Florida wird wegen eines Corona-Ausbruchs geschlossen. In Rostock, eine Stadt mit einer der geringsten Inzidenz, findet ein 3.Liga-Fußballspiel vor 700 Zuschauerinnen statt. Der Radiosender Jam FM verlost stündlich Corona-Schnelltests. Eine Million Coronatote in Europa.

18. März | Maskenraffkes

Maskenraffke, der die Unionspolitiker bezeichnet, die unrechtmäßig finanzielle Vorteile aus der Maskenbeschaffung gezogen haben, ist ein schwieriger, ein boulevardesker, framender Begriff. Raffke verniedlicht und verharmlost und lenkt damit ab, lenkt ab von Mechanismen, die solche Vorfälle ermöglichen und dulden, Raffke ein Comicbegriff wie Panzerknacker, ein letztlich niedliches Nagetier, das gar nicht anders kann als zu horten und zu raffen.

Im Dezember 2020 wurden FFP2-Masken an alle über 60jährigen und Risikogruppen verteilt. Den Apotheken wurden die Kosten für Masken vom Staat erstattet, 6€ gab es für jede Maske, der Einkaufpreis lag unter zwei Euro. Die Differenz, abzüglich weiterer Kosten, war die Gewinnmarge der Apotheken, von insgesamt 2 Milliarden Euro ist die Rede.

Ich schreibe das sachlich nieder, weil ich an keinem Stammtisch sitze. Zugleich wühlt mich diese Rechnung auf, mehr als vieles sonst. Alle weiteren Informationen – der Gesundheitsminister setzte den hohen Erstattungsbetrag gegen Widerstände von eigenen Fachleuten durch, dem Apothekerdachverband missfällt, wenn Apotheken ihre damaligen Gewinn spenden etc. – machen es nicht besser. Die Aktion als Beispiel für grobe Ungerechtigkeit, für Inkompetenz, für Vorsatz, fürs Raffen, in diesem Fall legal. Auch als Beispiel dafür, wie ich mich in diesen Einträgen von der Oberfläche verzaubern lasse und am 16.Dezember lieber von der Menschenschlange vor der Apotheke schreibe, als mir darüber Gedanken zu machen, was hinter dem Augenfälligen steckt.

Diese Häufung von Raffkevorfällen, ihr Bekanntwerden fällt in Tage, in denen so viel mehr so viel wichtiger ist, als sich vollkommen zu Recht über das systemische Raffen zu entrüsten, eine Zeit, in der es Verbündete bräuchte, um durch die nächsten Wochen und Monate zu kommen und keine Raffkes, solche, die sich in der Notlage bedienen. Und so fließt der Raffkes wegen viel zu viel Energie zu den Raffkes.

Ansonsten: Einige Bundesländer wollen der dritten Welle wegen nicht weiteröffnen, andere Länder bleiben bei den Öffnungen. Der höchste Anstieg von Neuinfektionen seit Anfang Januar wird gemeldet. Mittlerweile sind 13 Blutgerinnselvorfälle im Zusammenhang mit der AstraZeneca-Impfung gemeldet. Die WHO Europa spricht sich für eine Fortsetzung der Impfungen mit AstraZeneca aus. In Bergamo wird den 103000 italienischen Coronatoten gedacht, dafür soll ein Gedenkwald gepflanzt werden. In der Antarktis wird die erste Corona-Impfung verabreicht. Fast jedes fünfte deutsche Unternehmen sieht sich durch Corona in der Existenz bedroht. Coronanachverfolgung.

17. März | Angst VII

Ist »Angst« die passende Kategorie für diesen Eintrag? Ich hoffe es nicht. Wäre dann »Sorge« der treffendere Begriff? Ich sehe die Zahlen, sie entwickeln sich in etwa so wie prognostiziert, sie steigen, die Mutante verdoppelt sich alle zwei Wochen, in dieser Rechnung werden es zu Ostern Zahlen wie zu Weihnachten sein, diese Bemerkung geht durch die Nachrichten.

Was sagt die Mathematik zur Wahrscheinlichkeit, dass es so eintrifft, zu den Faktoren, die dafür, die dagegen arbeiten? Osterferien vs. Osterbesuche? Weitere Lockerungen vs. mehr Aufenthalte an frischer Luft? Geöffnete Außengastronomie vs. geschlossenes Großraumbüro über Ostern? Die höhere Ansteckrate von B117 vs. Impfungen? Was gibt Anlass zur Vermutung, die Zahlen würden auf einem Plateau bleiben, würden sinken?

Und wenn sie weiter steigen, was geschieht dann? Ein Lockdown nach Ostern? Wie sollte dieser aussehen? Kultur bleibt geschlossen, Gaststätten auch, Schulen dazu, was noch? Was noch wird mitgetragen? Genügen die gleichen Maßnahmen wie bei Lockdown 2 bei einem R-Wert von 1.3? Wie weit werden die Inzidenzwerte mit Hinweis auf die geimpften Risikogruppen und die Müdigkeit aller verschoben? Wird das Verschieben andauern, bis September ist? Wie wird dieser Sommer dann sein? Wer wird sich welchen Risiken aussetzen wollen und müssen?

Vielleicht ist das keine Angst, vielleicht denke ich, irgendwie wird »man« um das maximal Eskalierende herumkurven, wird sich die dritte Welle zwischen 1. und 2. einsortieren. Vielleicht denke ich das nicht, vielleicht denke ich, diese medizinischen Fragen sind diesmal gar nicht mal die entscheidenden, sondern die gesellschaftlichen und deshalb schreibe ich es nur nicht auf, weil aus der VII dann eine VIII werden würde.

Ich lese von der brasilianischen Mutante, die all das vereint, was »man« nicht von einem mutierten Virus möchte, lese, wie die menschenfeindliche Regierung in Brasilien P1 erst ermöglicht hat, lese von Kollapsen, den Dramen, den Todeszahlen, von Intensivstationbelegungen um 80%, von einer Ansteckungsrate jenseits von B117, von erneuten Infektionen, von E484K, von Impfresistenz und denke: Was, wenn das die vierte Welle wäre, die Angst davor einen Ozean entfernt, die Sorge schon hier, ich formuliere diese Sorge, damit ich sie einmal niedergeschrieben habe und danach ignorieren kann, ich unke, ich möchte diesen Eintrag nicht geschrieben haben.

Ansonsten: Mehrere Politikerinnen erklären, dass sie sich mit AstraZeneca würden impfen lassen. 2800 Coronatote in Brasilien. Das Virus in Lagos.

16. März | AstraZeneca II

Kurz nach dem vorherigen Eintrag über AstraZeneca die Meldung, dass die Impfung mit AstraZeneca vorerst ausgesetzt wird. Der spontane Impuls Verständnis, weil so den Thrombosefällen nachgegangen werden kann, damit notwendiges Wissen in Erfahrung gebracht wird.

Eine Sekunde später schon setzt das Erinnern an den gestrigen Eintrag ein, fällt der Blick auf die Zahlen (7 Fälle), beginnt das Vergleichen. Vor allem das Erstaunen, wie unterschiedlich Risiken bewertet werden. Einmal sieben Fälle. Und einmal der Präsenzunterricht, die Großraumbüros, die Lockerungen, das »Bereinigen« und Verschieben der Inzidenzwerte, die 300 Extraflüge nach Mallorca, das Aussetzen von tausenden, vielleicht hunderttausenden Impfungen, all die Risiken, die damit in Kauf genommen werden, dagegen sieben Fälle.

Direkt nach der Bekanntgabe kocht die Wut, die Enttäuschung, die Häme über die Entscheidung. Verwiesen wird auf das erhöhte Thromboserisiko bei der Einnahme der Pille, das Thromboserisiko bei Flugreisen (z.B. über Ostern nach Mallorca), auf die Postcovidfälle bei Kindern und Jugendlichen bei gleichzeitiger Öffnung der Schulen wird verwiesen, eben die so unterschiedliche Risikobewertung, kritisiert, dass die Politik die falschen Prioritäten setzt beim Impfstoffrisiko im Vergleich bei Lockerungen knietief in roter Inzidenz. Das Fazit: Die Politik hat erneut Mal versagt.

Kurz darauf weitere Informationen. Bei den festgestellten Fällen handelt es sich um eine sehr seltene Form der Thrombose, die Zahl, so gering sie auch ist, ist auffällig, nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern. Die Empfehlung zum Impfstoffstopp kommt von einer Behörde, die allein auf den Wirkstoff schaut und nicht das Ganze im Blick hat. Die Behörde, die abwägt zwischen Impfschaden und Pandemiebekämpfung, empfiehlt ein Weiterimpfen bei gleichzeitiger Prüfung.

So oder so wird die Sache weniger klar, weniger eindeutig. Die gestrigen Verweise auf die Statistik müssen mit der neuen Information in einem anderen Licht erscheinen. Die Politik muss eine Entscheidung treffen, abwägen, sichern, vorsorgen. Politik muss informieren. Wäre nicht die Information, dass eine Krankheit selten auftritt, sondern dass eine sehr seltene Krankheit statistisch auffällig auftritt, von Anfang verbreitet wurden, wie wäre der Blick gewesen? Hätte es nicht auch Verständnis gegeben, bei aller Kritik, allen anderen Meinungen? Und wäre es nicht möglich gewesen, mit diesem Wissen jede, die von da an AstraZeneca erhalten soll, selbst entscheiden zu lassen?

Es wird geschätzt, dass sich die Impfungen durch den Stopp um einen Monat verlängern könnten. Und sicher ist, dass es nun, durch das Aussetzen, durch die unzureichende Kommunikation, durch das Schwirren des Buzzwortes Impfschaden sich die einfache Verbindung AstraZeneca=Thrombose festsetzen wird, Zweiklassen-Impfstoffe, ein weiteres Buzzwort. Oder, wie die Frau, die gestern im Park telefoniert und lautstark von ihrer Mutter erzählte, die geimpft werden soll, mit »Pfizer, der guten Impfe«.

Ansonsten: Weitere Länder setzen die Impfungen AstraZeneca vorerst aus, Tschechien impft bei einem Inzidenzwert von über 700 weiter mit AstraZeneca. Nach AstraZeneca soll auch der Impfstoff von Johnson & Johnson in Dessau abgefüllt werden. 60 Verfahren wegen des Verdachts der Terrorismusfinanzierung durch Coronahilfen. In Tel Aviv schließt die letzte Coronastation.

15. März | AstraZeneca

Ich werde hellhörig. Blutgerinnsel nach der Impfung mit AstraZeneca, Todesfälle nach der Impfung mit AstraZeneca, viele Länder setzen die Impfung mit AstraZeneca aus. Es ist, was Impfgegnerinnen beschwören, ist, was ich in manchen Gesprächen hörte; die Bedenken, das Lieber-abwarten-wollen scheinen gerechtfertigt.

Gleich darauf werde ich beruhigt. In Deutschland bei 1,2 Millionen Impfungen elf Meldungen über unterschiedliche thromboembolische Ereignisse. In Großbritannien 10 Millionen Dosen AstraZeneca verimpft, bei den auffälligen Ereignissen, die geprüft sind, lässt sich keine Verbindung zum Impfstoff ziehen. Mehr noch: Die Blutgerinnsel, die Todesfälle müssen geschehen. Statistisch gesehen müssen von den über 300 Millionen Menschen, die weltweit geimpft wurden, innerhalb der nächsten Stunden und Tage einige erkranken und sterben, es wäre auffällig, wenn es nicht so geschähe. Auch bei anderen Impfstoffen geschieht das, Blutgerinnsel nach Biontech, der Tod nach Moderna.

Dennoch erfahre ich von AstraZeneca. AstraZeneca, das Chaos-Unternehmen, das nicht ausreichend Studien präsentieren kann, das mit dem geringsten Wirkungsgrad, das erst mit Verspätung für Ältere zugelassen wird, AstraZeneca, das nicht wie versprochen produzieren und liefern kann, AstraZeneca, der preiswerteste Impfstoff, der billigste? Ich werde hellhörig bei den genannten Beispielen; die Jungen aus Norwegen, die 35jährige aus der Schweiz, der Soldat auf Sizilien, die Lehrkraft aus Piemont, die Lungenembolie, die Gerinnungsstörung.

Die Einzelfälle erregen meine Aufmerksamkeit. Daran leite ich meine Gedanken. Leite ich meine Gedanken an den Einzelfällen der Covid19-Erkrankten, die Einzelfälle der Coronatoten, wie setze ich sie ins Verhältnis, was mache ich mit der Information, dass die Wahrscheinlichkeit von Blutgerinnseln mit Covid19 in die Höhe schießt?

Was, wenn ich im August einen Termin erhalte und AstraZeneca in der Spritze schwappt, welche logischen Überlegungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung werde ich dann vor Augen haben, welche Informationen werden mich beruhigen, an welche Einzelschicksale werde ich denken.

Ansonsten: AstraZeneca erklärt, dass nach Analyse der Sicherheitsdaten keine Hinweise für ein erhöhtes Blutgerinnsel-Risiko gefunden wurden. AstraZeneca erklärt, dass es anstatt 300 Millionen Impfdosen nur 100 Millionen Impfdosen bis Jahresmitte wird liefern können. Nach der unrechtmäßigen vorzeitigen Impfung sollen dem Oberbürgermeister von Halle die Dienstgeschäfte untersagt werden. Wegen der großen Nachfrage legt Eurowings 300 Extraflüge zu Ostern nach Mallorca auf. Die Generaldirektorin der WTO fordert die Lizenzfreigabe der Impfstoffe, damit diese auch für ärmere Länder produziert werden können und kritisiert, dass reichere Länder der Covax-Initiative knappe Impfstoffe, die für arme Länder gedacht sind, wegkaufen. In London bringt ein Vaxi Taxi Bedürftige zu ihrer Impfung bzw. wird direkt im Taxi geimpft. 25000 Strafverfahren mit Pandemie-Bezug. Das wegen Corona begründete Fehlen von Zuschauerinnen verleiht den Schiedsrichtern in Fußballspielen größere Autorität. Ischgl-Fieber Husti Husti Husti Husti! Heh!.

13. März | Modellende

Das »Weimarer Modell« ist erst einmal Geschichte. Etwa ein Tag hielt sich die Idee, Lockerungen von der Belegung der Intensivbetten abhängig zu machen. Die Gründe sind juristischer, politischer, organisatorischer Natur, ist die Furcht, dass bei ab Montag geöffneten Geschäften das inzidenzrote Umland zum Einkauf nach Weimar fährt und B117 mitbringt, sind die Intensivbetten, die nur von einem Krankenhaus gezählt werden sollten, obwohl die Weimarer Covidkranken auch in anderen Hospitälern liegen, ist die Logik, dass die Intensivbetten lang nach den Ansteckungen belegt werden, dass jede Maßnahme so um Wochen zu spät geschehen würde. Letztlich bin ich froh, in keiner Modellstadt zu leben.

Währenddessen tanzen Demonstrantinnen am Marienplatz Polonaise, muss in Dresden ein Impfzentrum mit Wasserwerfern vor Demonstrantinnen geschützt werden, steigen die Zahlen wie prognostiziert, steigen die Zahlen besonders bei Kindern und Jugendlichen, erwirken in Berlin Eltern per Klage Präsenzunterricht für ihre Kinder, verkündet AstraZeneca, dass es in den nächsten Monaten hundert Millionen Impfdosen weniger als geplant liefern wird und der Landrat von Elbe-Elster sagt angesichts steigender Zahlen: »Wir wären eigentlich gefordert zu handeln, haben uns aktuell aber anders entschieden.«

Ansonsten: In NRW soll die Notbremse bei einem Inzidenzwert von über 100 nicht automatisch erfolgen. In Thüringen wird wegen der AstraZeneca-Lieferproblemen die Impfterminvergabe gestoppt. Auf dem Lebensmittelmarkt Central de Abasto in Mexiko-Stadt suchen Lucha-Libre-Wrestler nach Maskenverweigerern und setzen ihnen Masken auf.

12. März | Impfen und Husten

Heute die erste Zugfahrt seit einem halben Jahr, das schlechte Gewissen löst gratis eine Karte am Automaten. Nach Neudietendorf greift eine Frau zum Telefon und informiert in zehn verschiedenen Telefonaten Freunde darüber, dass sie nächste Woche geimpft wird, Donnerstag 15.30 Uhr. Beim ersten Telefonat freut sich der Wagon, spätestens ab dem fünften schlägt die Begeisterung um in Gereiztheit, was auch daran liegt, dass sie, wenn sie nicht informiert, hustet. Ab Hopfgarten hustet sie bis Weimar durch. Jeder im Abteil prüft an den Rändern der FFP2, ob die Maske tatsächlich eng anliegt. Nach dem Aussteigen kneift mich das schlechte Gewissen in die Seite und sagt: »Na, hat sich doch gelohnt«.

Ansonsten: Das »Weimarer Modell« wird wegen inhaltlicher Bedenken verschoben. Um Berichten über das Auftreten von Blutgerinnseln nach der Impfung nachzugehen, setzen mehrere Länder mit der Verteilung von AstraZeneca aus. In den USA werden bis Mai für alel Erwachsenen die Impfstoffe freigegeben. Wegen geringem Absatz schlägt der italienische Winzerverband eine Notdestillation von übrig gebliebenem Wein vor; Desinfektionsgele sollen daraus gemacht werden.

11. März | Weimarer Modell

Viel passiert. Der Impfstart für Hausärzte wird auf Mitte April festgelegt. Es gibt Kritik; warum warten, selbst wenn noch nicht ausreichend Impfstoffe für alle Praxen vorhanden ist? Die Sorge, dass »schwarze Schafe« gegen die Impfreihenfolgen verstoßen, sich selbst und Familie impfen, zuerst Privatpatientinnen. Jemand argumentiert, dass, um Betrug weitestgehend auszuschließen, eine Struktur der Kontrolle geschaffen werden müsste, die das Impfen deutlich verlangsame. Man müsse diese schwarzen Schafe hinnehmen, damit so schnell wie möglich so viel wie möglich geimpft werden kann.

In den USA wird in Apotheken in Supermärkten, in Drive-Ins, in Stadien geimpft, viele Orte, an denen ein Impfen möglich ist, sehr viele Impfstoffe sind vorhanden. Doch erfordert die Anmeldung zum Impfen auch einen Zeitaufwand, ist es so, dass sich Menschen in prekären Lagen auch seltener impfen lassen, weil ihnen die Zeit fehlt, sich aufwendig in Hotlines einzuwählen oder durch Seiten zu klicken. Die Frage wieder nach Gerechtigkeit oder Schnelligkeit, weshalb kein und.

Dazu passen auch die Meldungen der Städte, Landkreise und Länder in Deutschland, welche die Inzidenzwerte, ab denen geschlossen werden muss, nach oben schieben bzw. die Infektionszahlen »bereinigen« und nach unten rechnen – pro Haushalt wird nur ein Infizierter für die Statistik gezählt, lokal begrenzte Ausbrüche werden aus den Zahlen herausgerechnet etc.

Vielleicht waren die Maßnahmenbeschlüsse der letzten Woche nie als Lockerung gedacht: Weil klar war, dass die Zahlen nach oben gehen, werden die Bedingungen für Lockerungen sowieso vorerst nicht eintreffen können.

Doch dann, wenn Zahlen »bereinigt« werden, bedeutet dies, dass im Grunde genommen die Maßnahme der Kontaktvermeidung als Werkzeug gegen das Virus aufgegeben wird, dass als deutsche Pandemiestrategien noch Schnelltests und Impfungen vorgesehen sind. Wenn es so wäre und das Impfen ein dreifach abgesichertes und mit fünf Stempeln beglaubigtes und damit verlangsamtes Impfen ist, kann diese Strategie nicht aufgehen.

In Weimar wird das »Weimarer Modell« eingeführt: Die Eindämmungsmaßnahmen orientieren sich künftig an der Belegung der Intensivstation des örtlichen Krankenhauses. Solange nicht 20 Patientinnen gemeldet sind, wird laut des großen Maßnahmenplans geöffnet, ab Montag Geschäfte, die Woche später die Museen. Aktuell sind 5 Intensivbetten belegt, die Inzidenz liegt – anders als in den meisten Teilen von Thüringen – deutlich unter 100. Weimar wird Coronamodellstadt.

Ansonsten: Der Gesundheitsminister nennt die Zahl von zehn Millionen Impfungen ab April unrealistisch. Mehrere große Musikfestivals werden wegen des Virus für 2021 abgesagt. In den sächsischen Grenzregionen wird wegen der hohen Zahlen und der Nähe zu Tschechien die Impfreihenfolge aufgehoben. Laut einer Studie ist B117 tödlicher als die bisherige Variante. In Westminster Abbey sollen 2000 Person in der Woche geimpft werden. 30000 Neuinfektionen in Frankreich, mehr als 2000 Coronatote in Brasilien. Kambodscha meldet den ersten Coronatoten. LEGO steigert den Umsatz 2020 um 13%. Patentfreier Impfstoff aus Finnland.

10. März | Luca

Luca ist ein gutes Beispiel. Die App – welche die Kontaktlisten in der Gastronomie digital mit sogenannten Check-Ins ersetzen kann – füllt eine wichtige Leerstelle, um das Leben in der Pandemie zu vereinfachen. Seit Wochen wird die App, verbunden mit Auftritten von Smudo, euphorisiert. Wo der Staat versagt, springen Private ein.

Hinter der App stehen Investoren. Die finanziellen Verbindungen sind nicht klar zurückzuverfolgen. Der Code der App ist nicht offengelegt, die Art, wie Daten erfasst, verarbeitet und gespeichert werden, wird zumindest kritisch gesehen.

Die Coronawarn-App ist das Gegenteil. Der Quellcode ist für jeden einsehbar, der Datenschutz verbindlich und offen geregelt. Diese App, mit einem zweistelligen Millionenbetrag entwickelt und auf fast 26 Millionen Smartphones installiert, erfüllt hohe Standards und gilt als Flop, weil sie kompliziert ist, nicht so funktioniert, wie sie sollte und zudem keine praktische Funktion wie die Luca-App hat. Das liegt auch daran, dass es von staatlicher Seite wenig Bemühen gab, eine solche Funktion einzubauen.

So gibt es auf der einen Seite eine sichere, unvollständige, mit Absicht beschränkte und damit zu Teilen wirkungslose App und auf der anderen Seite eine Anwendung, die auch intransparent ist, aber ihre Funktion erfüllt, Beispiele jeweils für beide Seiten.

Ansonsten: Wegen mehrerer Betrugsfälle werden Coronahilfszahlungen vorerst ausgesetzt. Wegen sinkender Zahlen schließt Großbritannien ab April seine Coronalazarette. Laut einer Studie erhöht Pollenflug das Infektionsrisiko. Im Coronajahr büßt der deutsche Profifußball etwa eine Milliarde Euro ein. Im letzten Jahr stieg der Stromverbrauch für private Haushalte um 5%. Die Gartenbrance mit Rekordumsätzen 2020. 2020 steigen die Immobilienpreise um 10%. Japan will bei den Olympischen Spielen keine ausländischen Zuschauer zulassen. Chile ist nun das schnellimpfenste Land der Welt.

9. März | Jubiläen

In den letzten Tagen öfter gesehen, wie sich erinnert wurde: erinnert an den Tag, als man begriff, dass das Virus gefährlich ist, an den Tag, als klar wurde, das ist eine Pandemie, erinnert an die ersten Worte, die man darüber schrieb, die erste bewusst wahrgenommene Veränderung der kommenden neuen Realität.

Ein Jahr. Lauter Coronajubiläen. Auch ich schwelge in Erinnerungen und stöbere in alten Eintragungen. Mir fallen die Zahlen auf, die ich damals bestürzt wahrnahm; 20 Tote am Tag, über 800 Neuinfektionen, der Inzidenzwert strebt besorgniserregend auf einen zweistelligen Wert zu. Es sind Zahlen, die heute in weiter Ferne liegen.

Die Interpretation von Zahlen ändert sich, eine Definition von Besorgnis wird neu gefunden, die Grenze von Werten verschoben. Von 35 auf 50 auf 100, Brandenburg schiebt auf die 200, in Österreich ebenfalls, in Frankreich gilt 300 akzeptabel.

Nach dieser Logik ergeben die Ausweitungen Sinn. Jetzt, da ein größerer Teil der Hochrisikogruppe geimpft ist, sind auch mehr Infektionen von weniger potentiell Krankwerdenden zu ertragen. Es gleicht sich aus. Am Ende steht eine Anzahl von Schwerkranken und Toten, an die man gewöhnt ist, ein furchtbar kalter Satz ein Jahr später.

Ansonsten: Brandenburg erhöht die »Notbremse« für die 7-Tages-Inzidenz auf 200. Die österreichische Stadt Wiener Neustadt, wo die Inzidenz bei 560 liegt, wird abgeriegelt. In Großbritannien sinkt die Zahl der Neuinfektionen auf den tiefsten Wert seit September. Zum ersten Mal seit fast vier Monaten in den USA weniger als tausend Coronatote am Tag. Über zwei Drittel aller Japanerinnen sind gegen die Einreise ausländischer Zuschauerinnen zu den Olympischen Spielen in Tokio. Wegen weniger Erkältungskrankheiten aufgrund AHA sinkt der Verkauf von Erkältungsmitteln über 20%. Die Zahl der Pflegekräfte ist während der Pandemie zurückgegangen. In Italien wird ein Sputnik-V-Werk gebaut.

8. März | Geschmack von Weinbrandbohnen

Was ich sehe: Mehrere Unionspolitiker bereichern sich an der Pandemie, das Bekanntwerden fällt in eine Woche, in der wegen politischer Entscheidungen die Worte Verdrossenheit und Versagen sowieso schon Konjunktur haben, neben der Kritik am Handwerklichen, am Können nun die moralische Kritik, ist das ein Versagen Einzelner oder lenkt deren Versagen von einem systemischen Versagen ab und wird für dieses systemische Versagen jetzt so schnell Abbitte geleistet, weil unmittelbar Wahlen anstehen und ich denke, eigentlich möchte ich nicht in einen Chor der Entrüstung einstimmen, der immer auch den Geschmack von Weinbrandbohnen hat, aber welche Reaktion wäre ansonsten angemessen in dieser verheerenden, entblößenden, lange nachwirkenden politischen Woche?

Ich sehe, wie Discounter Schnelltests verkaufen, fünf Stück für fünfundzwanzig Euro, sieben Uhr am Morgen öffnen die Märkte und sieben Uhr fünfzehn sind die Tests ausverkauft und es wird gesagt, der Discounterverkauf, der vor einer landesweiten kostenlosen Testung stattfindet, sei ein Versagen des Staats, wiege die Testenden auch in falsche Sicherheit, der Kauf wälze die Verantwortung auf den Einzelnen ab und statte ihn zugleich mit Freiheiten aus, sei sozial ungerecht, der Kauf sollte eine Momentaufnahme sein, in zwei Wochen sollte niemand mehr an einem Samstag Früh an die Türen eines Discounters klopfen müssen, um als erste in der langen Schlange vor dem schmalen Schnelltestregal zu stehen.

Ich lese von den nach wie vor Millionen unverimpften Dosen und lese erneut vom Versagen der Politik und lese eine Verteidigung, dass diese Zahl – Millionen Dosen unverimpft – auch dadurch zustande kommt, dass, sobald die Impfdosen das Werk verlassen, sie als ausgeliefert gelistet werden, obwohl es noch Tage braucht, bis sie überhaupt in einer Spritze in einem Impfzentrum sein könnten und denke, wieso braucht es Tage und wie funktioniert eigentlich die Impfstofflogistik und wer verantwortet diese und wo wird zwischengelagert und wie werden eigentlich diese Millionen Informationen erhoben und wie wenig ich doch eigentlich weiß von konkreten Abläufen, ich Zahlen sehe, aber nicht die Wege.

Ich sehe eine Halle, eine Veranstaltung, die Ende März 2020 hätte stattfinden sollen, die verschoben wurde auf März 2021 und nun einen finalen Termin hat: März 2022, zwei Jahre dazwischen, zwei Jahre verschoben, verloren.

Ansonsten: Übrig gebliebene, nicht lagerfähige Impfdosen werden im Kreis Borken über eine digitale Restimpfdosenbörse an Impfwillige verteilt. Nach Vorwürfen, dass er für die Lobbyarbeit für das Vermitteln von Masken 660000 Euro Provision erhalten haben soll, zieht sich Politiker Nüßlein aus der Politik zurück. Nach Vorwürfen, dass er für die Lobbyarbeit für das Vermitteln von Masken 250000 Euro Provision erhalten haben soll, zieht sich Politiker Löbel nach und nach aus der Politik zurück.

Wegen des großen Andrangs beim Buchen von Zeitfenstern für eine Andy-Warhol-Ausstellung in Köln fällt die Webseite aus. In Barcelona sind die 5000 Karten für das Konzert der Band Love of Lesbian in Stunden ausverkauft, es ist das erste Großkonzert seit Beginn der Pandemie. In Israel besuchen 500 Geimpfte in einem Stadion in Tel Aviv ein Konzert des Sängers Ivri Lider. Im Zoo San Diego werden Menschenaffen mit einem speziell für Tiere entwickelten Wirkstoff geimpft. In Spanien sinken neun Monate nach dem Lockdown die Geburtenzahlen um ein Viertel. Der Finanzminister kündigt an, dass es ab Ende des Monats bis zu zehn Millionen Impfungen pro Woche geben soll. LongCovid.

Der Dalai Lama wird geimpft. Als Dolly Parton die Impfung mit dem Wirkstoff erhält, den sie mitfinanziert hatte, singt sie eine neugetextete Fassung ihres Hits Jolene: »Vaccine, vaccine, vaccine, vaccine, I’m begging of you please don’t hesitate, Vaccine, vaccine, vaccine, vaccine, ‚cause once you’re dead then that’s a bit too late.« Die Pandemie findet Eingang in die klingonische Sprache: Covid-19 qo’vID wa’maH Hut, Coronavirus qoro’na javtIm und #StayAtHome #juHDaqratlhjay‘.

5. März | die Tabelle

Die Ministerpräsidentinnenkonferenz hält eine Tabelle hoch. Die Tabelle ist farbig gestaltet, sie enthält viele Spalten und Zeilen, in denen vermerkt ist, wann was unter welchen Bedingungen geöffnet werden darf.

Die Tabelle ist voller Details. Sie versucht, viele Belange einzubeziehen. Die Tabelle ist ein Kompromiss. Aus manchen Kompromissen gehen die Beteiligten zufrieden heraus; niemand hat alles bekommen, aber alle etwas Entscheidendes. Diese Tabelle kann kein Kompromiss sein, weil die Seite »Schutz vor B117« nicht am Tisch saß. Diese Tabelle ist auch eine Erklärung, eine Bankrotterklärung, eine Erklärung dafür, dass Worte wie Staatsversagen, Enttäuschung, Desaster jetzt meilenweit Wortkonstruktionen wie »atmende Öffnungsmatrix« schlagen.

Die Tabelle ist eine Botschaft. Sie sagt: Unsere Strategie ist Hoffnung. Die Hoffnung, bis zur durch Impfung erreichten Herdenimmunität durchzukommen. Und im Grunde wäre das auch verständlich, wenn die Dinge, die es dafür braucht, so laufen würden, wie es notwendig wäre: die Organisation des Verimpfens, die Bereitstellung der Schnelltests, die Konzepte für die sensiblen Orte. Doch bei allem funktionieren wesentliche Bestandteile nicht, wie sie sollten, funktionieren bisher in einer Weise nicht, welche die Strategie der Tabelle nicht aufgehen lassen kann.

Die Gründe sind viele, vieles läuft darauf hinaus, dass es nicht möglich ist, in einer Ausnahmesituation jahrzehntelang geübte Wege abzukürzen, dass jahrzehntelange Versäumnisse jetzt die notwendigen Wege behindern. Es ist keine menschenfeindliche Boshaftigkeit wie bei der brasilianischen Regierung. Es ist eine Mischung aus Überforderung, Inkompetenz, Systemhaftigkeit, Resignation, Hilflosigkeit, Getriebenheit, es sind Entscheidungen, die ratlos machen; Benennung von Verantwortlichen, die offensichtlich ungeeignet sind, ein Fehlen von Strategien, ein Fahren auf Sicht, ein Mangel an Kommunikation, ratlos, weil sie so offensichtlich falsch, ungeschickt, schädlich und gedankenlos sind.

Und das war etwas, was die wählende Mehrheit bisher – bei allen Kritikpunkten – immer unterstellt hat: »Die« kriegen was auf die Reihe. Der Eindruck, die Zahlen, die Tabelle zeigen: Sie kriegen es nicht. Und die Ahnung, dass sich im Spätsommer nach Hunderttausend Toten trotzdem jemand hinstellen und sagen wird: Eigentlich sind wir ganz gut durchgekommen. Ganz gut sind »wir« durch die erste Welle gekommen, auch durch den Sommer. Durch den Herbst schon mal nicht und den Winter auch nicht. Jetzt ist Frühling und ich frage mich, ab welchen Punkt »wir« begonnen haben, Tabellen zu schreiben. Frage mich, wohin die Enttäuschung in den Wahlen fließen wird, wie diese Enttäuschung den Blick auf »uns« auf lange Sicht ändert, was diese Enttäuschung ändert.

Die Ministerpräsidentinnenkonferenz hält die Tabelle nicht hoch. Sie klammert sich daran fest.

Ansonsten: Etwa die Hälfte aller Neuinfektionen ist B117. Zwei Drittel aller Gesundheitsämter sind noch nicht an eine Software angeschlossen, die das Nachverfolgen von Infizierten erleichtern soll. Mehrere Handelsverbände zeigen sich maßlos enttäuscht wegen der nicht ausreichenden Lockerungen. Mehrere Unternehmen erklären sich bereit, Impfungen durch die hauseigenen Betriebsärztinnen vornehmen zu lassen. Eine Studie kommt zu dem Schluss, dass Berufe, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, ein höheres Infektionsrisiko aufweisen. Die WHO lehnt die von der EU geplanten Impfpässe ab, weil die Pandemie Anfang 2020 vorbei sein wird. Tabu.

3. März | Impfstau Impfdrängler Impfreihenfolge Impfverordnung Impfstart Impfbereitschaft

Viel zu viele Worte in der Überschrift. Sie zeigen an, dass es viel zu sagen gibt. Schon mehrmals habe ich über die Impfdrängler geschrieben, meist in einem moralischen Kontext. Ich verteidige diese Einträge. Wenn Impfstoff knapp ist, ist das vorsätzliche Erlangen außer der Reihe unredlich und schäbig.

Mittlerweile ist Impfstoff nicht mehr knapp. Fast zwei Millionen Dosen sind ungenutzt, in den nächsten Wochen werden Millionen dazukommen. Heute erscheint es unredlich, einerseits fürs Drängeln zu bestrafen, andererseits den Impfstoff nicht zu gebrauchen. Jede Geimpfte ist ein Damm.

Die Frage des Impfens ist auch eine Frage der Gerechtigkeit. Es ist gerecht, wenn zuerst jene geimpft werden, die am stärksten betroffen sein könnten. Es ist nicht gerecht, wenn jene, die über Autorität verfügen, sich Impfstoff organisieren, allein deshalb, weil sie es können.

Wenn Impfstoffe ungebraucht sind, dann sollten sie schnell in Gebrauch kommen. Es ist seltsam, einen solchen Satz in der Pandemie, am Beginn einer dritten Welle zu schreiben. Unter anderen Umständen würde ich schreiben: Das Ungebrauchte sollte so schnell wie möglich den nächsten Prioritätengruppen zugänglich gemacht werden. Oder: Ein Zufallsgenerator sollte über das Ungebrauchte entscheiden, einer, der nicht nur die privaten Telefonnummern im Handy des Landrats abtelefoniert.

Nur was, wenn das Organisieren nicht so funktioniert, wie es sollte. Wenn die Hürden – fehlende Informationen, fehlende Digitalisierung, Bürokratie, Datenschutzbedenken – lieber den Impfstoff im Lager belassen, als nach draußen geben? Wie sollte ich glauben können, dass ein anderes Organisieren den Stau beseitigt? Was, wenn das Freigeben des Impfstoffes für alle die Lager am schnellsten leerräumt? Wäre das eine Kapitulation vor der Gerechtigkeit?

Ansonsten: Fünf Prozent der Deutschen haben zwei Monate nach Beginn der Impfungen mindestens eine Dosis erhalten. Joe Biden erklärt, dass bis Ende Mai Impfstoff für alle Amerikanerinnen zur Verfügung stehen soll. Die Covax-Initiative liefert weitere Impfstoffe an arme Länder, die bisher keine Impfstoffe erhalten hatten, aus. An einem niederländischen Corona-Testzentrum explodiert ein Sprengkörper. In Tel Aviv startet eine Konzertreihe für Corona-Geimpfte, Teilnehmerinnenzahl: 500. Texas hebt die Maskenpflicht auf. Mehrere deutsche Bundesländer helfen Tschechien mit Impfstoffen aus. Aus Angst vor Nebenwirkungen oder weil es eine biologische Waffe sein könnte, wollen sich 62 Prozent der Russinnen nicht mit Sputnik V impfen lassen.

1. März | Fürsorgeradikalismus & Verweilverbot

Es tat gut, die letzten Tage nicht zu schreiben. Zwar teilnehmen an der Pandemie, aber nicht überlegen zu müssen, was davon Eintrag sein könnte. Die Geschehnisse zogen vorbei, größtenteils hatten sie nichts mit meinem Leben zu tun. Trotzdem frage ich mich, wie reiht sich die verlorene Woche ein in die Pandemie, welche Verschiebungen haben sich ergeben, wohin bewegt sich das Geschehen, was bewegt mich dennoch.

Ich lese, wie jemand das Szenario – täglich hunderttausend Neuinfektionen im Frühsommer – ausformuliert: Öffnungen, Verzicht auf die AHA mit Verweis auf die bereits geimpften Hochrisikogruppen, eine bevorstehende Wahl, die jedes politisches Maßnahmen-Engagement aussetzt, der Sommer, die Erschöpfung aller. Es klingt nicht komplett unplausibel, im Grunde erschreckt mich die Vorstellung, dass ich nicht augenblicklich Argumente finde, welche die Annahme von der Durchseuchung widerlegen.

Als Gegensatz dazu lese ich eine recht umfangreiche Beschreibung davon, wie der Lockdown in die Lebensbereiche aller eingreift und welche Verheerungen der Stillstand und das Ausgesetzte anrichten; die verlorene »Generation Corona«, die bedrohten Existenzen, Kinder, Studentinnen, Gastronominnen, Gläubige, Schausteller, Künstlerinnen, lauter Schadensberichte.

Und es ist wieder das Alte: Es gibt kein Szenario, in dem man beides los wäre, Virus und Maßnahmen. Beides bedingt sich, das Mittendrin, den Kompromiss zu organisieren, dafür schwinden die Kräfte und die Bereitschaft, verlieren sich die Aktivitäten im Detail und in Worten wie:

Fürsorgeradikalismus. Ich lese, wie ein Feuilletonist von einem »aseptischen Gesundheitsverständnis« spricht, lese eine Besprechung von Thea Dorns Buch Trost, ein Briefroman, in dem sie ihr Alter Ego gegen die Maßnahmen wüten lässt und plädiert für einen »Aufstand der Schönheitstrunkenen, Würdesüchtigen, Lebensverliebten, einen Aufstand gegen die Technokratie. Gegen die Thanatophobie.« Ich denke, wie einfach es wäre, das zu fordern, Genieße das Leben, Tanze vor dem Virus, Schüttle die Maßnahmen ab, wie viel dieses ins Romanhafte übertragene Denken bereitwillig ausklammert und wie viel Applaus Thea Dorn dafür bekommen wird, dann, wenn Lesungen wieder stattfinden und man bei Rotwein zusammensitzt und nach der Pandemie sagt, ja, man hätte sich in der Pandemie nicht einschränken sollen, wie bequem diese Art Applaus wäre.

Impfverzicht. Ich lese, wie der Schwimmer und Olympiasieger Michael Groß vorschlägt, dass die, die einen Impftermin haben, ihre Impfdosis Sportlerinnen überlassen, damit diese zu Olympia 2021 nach Tokyo fahren können und ich denke, jeder kann vorschlagen und jeder kann verzichten.

Verweilverbot. Ich lese die Berichte, wie das Ordnungsamt Spaziergängerinnen mit Bußgeldern belegen und denke polemisch, denke, jedes Bußgeld fürs Verweilen ein Keil, das Verweilen bestrafen, wie poetisch und wie kafkaesk, die Strafe an sich und dann dieser Name, wie viel unnötiges Wasser das ist auf die Mühlen der lebenstrunkenen Fürsorgeradikalismusgegnerinnen.

Impfstau. Ich lese davon, wie eins Komma sieben Million Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs ungenutzt sind, auch, weil sich geweigert wird, damit impfen zu lassen, aber viel mehr noch, weil das Organisieren des Verimpfens aus dem Ruder läuft, was dieser Impfstau für Widersprüche ausmacht, fragte mich, wie es Impfstau und Impfdrängler zugleich geben kann.

Luca. Ich sehe, wie Smudo die App Luca vorstellt, mit deren Hilfe sich auf einfache Weise Kontakte zurückverfolgen lassen, so, dass Gesundheitsämter leichter Cluster ausfindig machen können und höre, wie der Kanzleramtschef gefragt wird, warum diese Funktion nicht in der vom Staat finanzierten Warnapp integriert ist und der Chef sagt, dass der Staat nicht alles tun könne und denke, nein, aber das Wichtige, gerade in einer Pandemie und selbst, wenn es anders wäre, würde ich mir mehr Konstruktives wünschen, wünschen, dass der Chef sagt, tolle Funktion, das ist längst angeleiert, oder, zumindest, tolle Funktion, ich setze Himmel und Hölle in Bewegung, dass wir ein weiteres Hilfsmittel haben, das Virus klein zu halten, ich wünsche mir weniger Bräsigkeit.

Das wünsche ich am Vorabend der nächsten Konferenz, die diesmal richtungsweisender als die davor werden, weil grundsätzliches entschieden wird: Nimmt man die steigenden Zahlen ernst oder nimmt man die Lockdownmüdigkeit ernst und weil man beides ernst nehmen muss, wie spricht man so darüber, ohne dass man bräsig wird, es sich bequem macht in Romanen und Gedanken oder wegduckt unter Verweilverbotvorgangsprüfungskommissionsparagraphen, lauter virusfreundliche Leviathans.

Ansonsten: Düsseldorf verhängt ein »Verweilverbot«; in bestimmten Teil der Stadt darf nicht mehr länger stehen geblieben, sich hingesetzt oder auf eine Wiese gelegt werden. Nach der Wiederöffnung für Frisöre öffnen manche Salons schon um Mitternacht. Die Zahl der Infizierten, Erkrankten und Verstorbenen in Pflegeheimen geht zurück. Um auf die Situation der Kinos hinzuweisen, werden über 300 Kinos eine Nacht lang beleuchtet. Der Mode- und Schuhhandel warnt vor Massenschließungen, sollten die Geschäfte nicht im März geöffnet werden. Die Kanzlerin erklärt, dass sie sich erst impfen lässt, wenn sie nach der empfohlenen Priorisierung an der Reihe ist. Die Covax-Initiative, die gegründet wurde, um ärmere Länder mit Impfstoff zu versorgen, liefert eine Millionen Dosen AstraZeneca nach Ghana. Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen dürfen nun geimpft werden. In Großbritannien wird die Corona-Warnstufe von 5 auf 4 gesenkt. In den vergangenen Wochen wurden Regierungen 900 Millionen Impfstoffdosen im Wert von 12,7 Milliarden Euro von Betrügerinnen angeboten. Bahrain bietet den Formel1-Teams an, sie zum Auftakt der Saison zu impfen, die Teams lehnen ab. Mit 191 km/h wird ein 88-Jähriger auf dem Weg zu seinem Impftermin gestoppt. Am Frankfurter Hauptbahnhof werden Roboter, die mit ozonisiertem Wasser Viren beseitigen, getestet. Portugal kündigt an, 5% seiner Impfstoffe mit afrikanischen Ländern zu teilen. Özlem Türeci und Uğur Şahin, die BNT162b2 entwickelten, erhalten das Bundesverdienstkreuz. Bestechungsvorwürfe gegen einen CSU-Politiker bei der Maskenbeschaffung. Die Hälfte der Bevölkerung Israels hat die erste Impfung erhalten. Die Queen kritisiert Impfgegnerinnen. Aufregung um »Windimpfungen« in Brasilien, bei denen ältere Menschen nur zum Schein geimpft werden. Der Podcast »Coronavirus-Update« wird ein Jahr alt. Auf der Intensivstation.

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