Coronamonate. April 2021

30. April | zeitnahe Zuversicht

Die Zahlen sinken leicht, sie stagnieren, zumindest wachsen sie nicht in dem exponentiellen Maße, wie die Modelle es erwarteten, Modelle, die vor Tagen, Wochen und Monaten auch die Einträge hier bestimmten, Prognosen von Zahlen jenseits bisheriger Höchstwerte. Eine richtige Erklärung – doch die Notbremse, die wegen der Notbremse vorsorgliche Verhaltensänderung, die Saisonalität, die Ausgangsbeschränkungen, das Impfen, die Summe von allen – findet sich noch nicht.

Und auch wenn dieses Sinken bei den Werten der Kinder nicht eintritt, sondern wächst, trotz der Bilder der beklemmenden Situation in Indien, spüre ich das erste Mal seit langem wieder so etwas wie ein Lösen der Anspannung, zeitnahe Zuversicht. Die Unkenrufe auf die Zukunft, auch die meinigen, scheinen mir an diesem letzten Apriltag aus der Gegenwart gefallen, ich wünschte, ich könnte in einem halben Jahr hinter diese Worte einen dicken roten Haken setzen.

Ansonsten: Mehr als eine Millionen Impfungen an einem Tag. Wegen der weltweiten Konjunkturerholung steigen die Exporterwartungen der deutschen Industrie auf ein Zehn-Jahres-Hoch. Biontech kündigt an, dass im Laufe des Jahres Kinder und Jugendliche geimpft werden können. Im Impfstoff Sputnik V werden vermehrungsfähige Viren entdeckt. Mit 379257 Infektionen wird in Indien ein Tageshöchstwert gemeldet. Wegen der Pandemie soll das Oktoberfest nach Dubai verlegt werden. Erstmals seit neun Monaten keine Coronatoten in Portugal.

29. April | Suppe

Ich sehe die Videos aus Schmalkalden, in denen Querdenkerinnen Polizisten angreifen. Ich sehe ein Video aus Schwäbisch-Gmünd, in dem ein Querdenker mit ruhiger Stimme den Polizisten erklärt, dass sie sich bald in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten müssten. Ich lese von Todeslisten für Politikerinnen, die für das Infektionsschutzgesetz stimmten. Ich lese, dass der Verfassungsschutz Teile der Querdenker unter Beobachtung stellt und dafür einen zweifelhaften Phänomenbereich einführt, die Delegitimierung des Staates. Ich lese, dass einer der führenden Köpfe der Querdenker zu einer Demonstration in Weimar aufruft, um gegen die Hausdurchsuchung des Weimarer Richters, der die Maskenpflicht für zwei Schüler aufhob, zu protestieren, der dazu schreibt: »Wer jetzt nicht sieht, dass wir inzwischen in einem faschistischen Land leben, dem kann nur entgegengehalten werden, dass er Teil dieses Systems ist.«

Es ist unmöglich, Abstand zu den Worten und Bildern zu gewinnen. Alles vermischt sich. Die Worte. Die Taten. Die Vergleiche. Die Aggressivität. Die Normalität. Die, die in den Videos die Polizisten zu Boden werfen, sind Männer und Frauen in Outdoorjacken, mit denen sie im Sommer in die Alpen zum Wandern fahren und im Herbst ihre Scotland Terrier im Stadtpark ausführen. Ich sehe sie von meinem Fenster aus.

Ich lese all die Texte über allesdichtmachen. Jemand schreibt mir, die Videos seien köstlich. Jemand anderes, der von den Videos nur am Rande mitbekommen hat, sagt, dass er es schwierig findet, dass die Videos nur kritisiert werden. Ich höre das Lied von Dietrich Brüggemann, Steckt euch euren Polizeistaat in den Arsch, steckt euch eure Hygienemaßnahmen in den Arsch. Ich höre, wie Jan Josef Liefers einem Moderator sagt, dass ihm das letzte Mal eine solche Frage in der DDR gestellt wurde und wie Jan Josef Liefers im Gespräch mit Jens Spahn sagt, dass er für ein solches Videos in der DDR verhaftet worden wäre und wie Jan Josef Liefers plant, eine Schicht im Krankenhaus mitzumachen und wie das vom Klinikchef abgelehnt wird, wie Jan Josef Liefers seit Dezember keine Nachrichten mehr empfangen hat, weil er sich überfordert fühlte von den Nachrichten und das fühle ich auch, fühle mich jeden Tag überfordert und ich sehe Jan Josef Liefers in Talkshows sitzen und sagen, dass er den Faden verloren habe und jemand in Outdoorjacke stürmt ins Studio und umarmt ihn herzlich klopfend auf die Schulter und jemand schreibt über das Klopfen und jemand, der nur diese Umarmung gesehen hat, bildet sich daran eine Meinung über die Gleichschaltung der Medienlandschaft und jemand vergleicht, wir leben in der DDR und ein anderer telegramt, wir leben in einem faschistischen Staat und jemand ruft Merkelfaschist und jemand aus Stuttgart sichert sich die Markenrechte an Weiße Rose und verdient daran, wenn jemand in Weimar unter diesem Namen demonstriert und jemand klagt gegen die Maskenpflicht für Kinder und eine SAT1-Moderatorin ruft »Denkt doch mal einer an die Kinder« und auf dem Titel der ZEIT fragen drei literarische Intellektuelle, ob wir zu wissenschaftsgläubig wären und eine Zeitung nimmt Jan Josef Liefers auf die Titelseite und schreibt darunter Plötzlich Staatsfeind und darüber wird Jan Josef Liefers zitiert Man kann alles sagen aber nicht ungestraft und Jan Josef Liefers verlängert seinen Tatortvertrag um sechs Folgen und jemand wartet ab, welche Position Sophie Passmann dazu einnimmt bevor er eine eigene Position einnimmt und vor meinen Augen wird alles eins, das Querdenken, der Faschismus, FCK NZS und der Tatort und die Meinungsfreiheit und die Titelbilder und die Hashtags und die Kritik, die immer gleich Shitstorm und Cancel Culture ist.

Die Grenzen zerfließen, was ich grundsätzlich begrüße, weil sehr wenig nur binär sein sollte und ich frage mich wie man von NPD zu Querdenken zu Outdoorjacke zu Liefers zu ich darf nichts mehr kritisieren kommt oder umgedreht oder überhaupt nicht kommt oder sich etwas zusammenreimt und was mit wem und welchen Worten zusammenhängt und wer irgendwann mal in Den Haag stehen wird und wo diskutiert wird wo sich eingegraben wird in Standpunkten wo mein Ekel angebracht ist und wo ich verstehen wollen sollte wovon ich abrücken sollte, was das ist, dieses Querdenken, was es mal war und wieso es heute so ist und niemals anders gemeint war und was es nicht ist und wo es anfängt ob es aufhört und weshalb Jan Josef Liefers kein Querdenken ist sondern ein Mensch der keine Nachrichten schaut und wieso hier viel zu viel über Jan Josef Liefers steht ob dieses Fragen danach schon eingepreist ist in diese riesige Suppe, die meine Augen täglich auslöffeln.

28. April | post-pandemic cover

Wieder einmal leergeschrieben und mürbe gefühlt durch die stetige Wiederholung des Immergleichen, auch in diesen Einträgen. Eigentlich müsste ich mich begierig und neugierig auf die weiterhin so zahlreichen Aspekte dieser Pandemiephase stürzen. Aber erst einmal Abstand zu den Worten, den Bildern der Gegenwart, bis ein Mindestmaß an Konzentration wieder vorhanden ist.

I’ve asked my 3rd year illustration students to come up with a post-pandemic New Yorker magazine cover. Here is what they sent in:

27. April | zurück auf Groll

Ab heute geht der Kindergarten in die Notbetreuung. Vorausgegangen waren Tage, an denen in Weimar die Inzidenz, die das Maß für eine Schließung ist, zwischen 150 und 200 hin- und hersprang. Grund waren Zahlen, die in Weimar und vom RKI unterschiedlich erhoben und gemeldet wurden. Am Freitag schon die Ankündigung, dass ab Dienstag der Notfallplan in Kraft treten wird.

Schließung bedeutet keine komplette Schließung, sondern eine Betreuung von Kindern, deren Eltern in Berufen arbeiten, bei denen eine Abwesenheit unmöglich ist. Beim letzten Mal betraf das etwa die Hälfte aller Eltern, in anderen Kindergärten in anderen Städten mitunter mehr als zwei Drittel. Und ja, ich hatte mich geärgert, dass »Notbetreuung« von Eltern und Entscheidern auf diese Weise verstanden wurde. Und gleichzeitig ein Verstehen, warum Eltern so entscheiden. Mein Vorsatz, dass sich der Groll nicht gegen jene richten sollte, die ohnehin seit einem Jahr besonders belastet sind, sondern gegen jene, auf die das nicht zutrifft, jene, die Entscheidungen treffen könnten, die nach vierzehn Monaten Pandemie solche einseitigen Schließungen vermeiden.

So oder so ist wieder etwas vom Märzgroll zurück, diesmal, weil die Auswirkungen ganz konkret eingreifen in den Alltag. Es ist ein tiefergehender Groll, anders als jener gewöhnte und lethargisch ertragene Groll darüber, dass weiterhin all die geplanten kulturellen Veranstaltungen abgesagt werden. Aktuell sind es Lesungen im Mai, für die momentan kein Ersatz geplant werden kann. Davon abgesehen hielte sich meine Begeisterung, in den nächsten Wochen durch den Corona-Hot Spot Thüringen zu reisen und mit dutzenden Menschen stundenlang in engen Räumen zu sitzen, sowieso in Grenzen.

Der Groll ist die Frage danach, warum es diese Hot Spots überhaupt gibt und warum es sie geben wird bis zum Sommer, der schon so oft hier geäußerte Groll über die fehlende Bereitschaft der Entscheiderinnen, die Lasten gleichmäßig zu verteilen und damit die Situation zu ändern. Ein Groll, der auch aus der Sorge resultiert, noch nicht geschützt zu sein und sich deshalb schützen zu müssen in einer Situation, in der Schutz zunehmend schwieriger werden wird. Groll über die vergebenen Diskussionen der letzten Tage, die Kraft kosten, anstatt welche zu geben. Es ist kein Groll, der mich eine Mülltonne anzünden oder Parolen auf Häuser sprühen lassen würde, eher eine Verbitterung, die sich festnagt im Langzeitgedächtnis, Groll, der sich ins Schreiben flüchtet, in der Hoffnung, ihn durch die notierten Worte aufzulösen.

Ansonsten: Wegen der Pandemie findet die Oscar-Verleihung ohne Zuschauer statt. Weil während der Pandemie mehr digital bezahlt wird, verlieren Bargeldtransportunternehmen ein Viertel ihres Umsatzes. Nachdem die Gedenkstätte Buchenwald wiederholt von Querdenkerinnen und Montagsspaziergängern für Diskussionsrunden mit ihnen angefragt wird, erklärt die Gedenkstätte, dass weitere Anfragen zwecklos seien. Rosa Elefant.

26. April | Orte

Wuhan, Ischgl, Bergamo, New York, Belgien, Zittau, London, Portugal, Manaus – es sind Orte der Pandemie, Städte und Länder, die zu unterschiedlichen Zeiten eine Zeit lang besonders stark vom Virus betroffen sind, die eigene Bilder schaffen, ihre Geschichten beschreiben einen Aspekt des Schreckens.

Gerade ist dieser Ort Indien. Der fehlende Sauerstoff. Die Bilder, wie Techniker versuchen, das Leck in einem Sauerstofftank zu stopfen, was ihnen erst nach einer halben Stunde gelingt, zweiundzwanzig Beatmete verlieren in dieser Zeit ihr Leben. Der indische Journalist, der an Covid19 erkrankt ist und auf Twitter dokumentiert, wie er vergebens versucht, in einem der übervollen Krankenhäuser aufgenommen zu werden, der die Werte seines fallenden Sauerstoffspiegel twittert, er stirbt, ohne im behandelt zu werden. Die Bilder von den Masseneinäscherungen der Covid19-Toten. Die Behelfskrankenhäuser mit Betten aus Pappe. Indien, der Ort der Pandemie im April 2021.

Ansonsten: 350000 Neuinfektionen in Indien. Der Reiseverkehr von und nach Indien wird weitestgehend gestoppt. Mehrere Länder schicken Sauerstoff und Beatmungsgeräte nach Indien. Weil bei einem Reiserückkehrer das Virus nachgewiesen wird, wird in West-Australien eine dreitägige Ausgangssperre verhängt. Die Hälfte der britischen Bevölkerung hat eine Erstimpfung erhalten. Weltweit wurden eine Milliarde Corona-Impfdosen verabreicht. Weil einer Mitarbeiterin in einem Impfzentrum eine Ampulle Biontech kaputt geht, spritzt sie den Patientinnen ohne deren Wissen Kochsalzlösung. Als Reaktion auf #allesdichtmachen trendet #allemalneschichtmachen.

25. April | sweet summer child

Jemand rechnet: Wenn ab Mai, ab Mitte Mai genügend Impfstoffe vorhanden sind, können pro Woche bis zu 5% der Leute geimpft werden. Dann sind das bis Ende Juni die Hälfte aller.

Ich sage: Im Sommer ist das Schlimmste geschafft.

Jemand fragt Aber was ist mit den Varianten? Mit den Escape-Mutationen? Was ist mit den 12 Millionen unter 18 Jahren, für die es noch keine Impfung gibt? Was ist mit den Impfverweigerinnen? Was ist, wenn das Virus in diesen Gruppen freiläuft?

Ich sage: Im Sommer ist das Schlimmste geschafft. Anders könnte ich bis Sommer nichts sagen.

24. April | #allesdichtmachen

Über fünfzig Schauspieler, auffällig viele Tatort-Kommissarinnen darunter, nehmen verschiedene Videos auf, in denen sie sich zu Corona äußern: über Maßnahmen, Berichterstattung, Beobachtungen des sozialen Miteinanders. Donnerstagabend schaue ich die Videos, ich bin irritiert. Ich verstehe sie nicht. Ich verstehe, dass die meisten das Gegenteil meinen, wenn sie im Video sagen, dass sie Corona ernst nehmen und sich die Maßnahmen strenger wünschen. Ich verstehe nicht den Grund dafür. Geht es um Kritik? Geht es darum, ein Gespräch zu starten? Geht es um eine Positionierung? Geht es um die Überhöhung der Wirklichkeit als ästhetisches Mittel? Am Ende um genau die Irritation, die ich empfinde?

Eigentlich sollte ich beglückt sein von den Videos. Sie sind von Künstlerinnen als Kunst gedacht. Kunst soll nicht eindeutig sein. Kunst soll sich aus dem Staub machen, wenn ich sie fassen will. Aber ich merke, dass da nicht nur Irritation ist. Da ist auch Unbehagen, das Gefühl, dass die Videos falsch sind, dass sie mich mehrheitlich abstoßen. Sind es die Lofts, aus denen heraus die Darstellerinnen sprechen? Die Plastiktüten, in die sie atmen? Die Diskrepanz zwischen Worten und Mimik, die affektiert wirken? Sind es die auffallenden Leerstellen, die in den fein gedrechselten Monologen bleiben? Die augenzwinkernde Attitüde, mit der die meisten sprechen, als würden die Darstellerinnen mir kumpelhaft auf die Schultern klopfen? Fühle ich mich dadurch bevormundet?

Ich denke weiterhin: Warum? Warum jetzt? Warum so? Warum diese Leute? Ich denke: Was wird daraus folgen? Bestätigung, Widerspruch, der augenblicklich als Cancel-Culture gebrandmarkt werden wird, die ewige Scheindiskursspirale. Ich merke, wie ich Abstand nehme zu den Videos. Ich positioniere mich dagegen. Und mehr noch: Ich scrolle mich durch die Videoliste und schaue auf die Namen. Ich ordne sie ein, sie gehören nicht zu »meinem« Team. Ich will so nicht sortieren, ich sortiere dennoch.

Noch am selben Abend toben Lob und Gegenrede los. Ich denke: Wenn sich Hans-Georg Maaßen lobend über deine Aktion äußert und Erika Steinbach sie empfiehlt, kann etwas mit deiner Aktion nicht stimmen. Doch die Wucht der Auseinandersetzung überrascht mich, auch die Klarheit der Gegenrede. Scheinbar krachen zwei Seiten aufeinander: Die, die das Virus für eine Bedrohung halten und die, das nicht tun. Aber ist es so einfach? Geht es nicht um eine fehlende dritte Seite? Contralockdown und Contraquerdenken? Kann es diese Seite geben? Wie kann sie aussehen? Versuchen die Videos eine Form für diese dritte Seite zu finden?

Vielleicht ist das die Frage: Wie lässt sich der persönliche, gesellschaftliche und politische Umgang mit dem Virus kritisieren. Aber ist das wirklich eine Frage? Wird nicht ständig kritisiert, sich beschwert, vorgeworfen? Nur, was ist der Unterschied zwischen Kritik und Kritik?

Geht es um »freie Meinungsäußerung«? Die ist ja gegeben. Die Schauspielerinnen haben sich geäußert und viele Menschen erreicht, die Kritikerinnen äußern sich ebenfalls. Geht es um den Inhalt? Geht es um ein Gemeinmachen mit antidemokratischen Kräften? Sicher. Wenn Jan Josef Liefers davon spricht, dass die Medienlandschaft gleichgeschaltet ist, dann entspricht das dem Bild einer sogenannten »Lügenpresse«. Wenn in vielen Videos der Vorwurf eines Corona-Totalitarismus mitschwingt, dann entspricht das auch dem Bild, das Querdenker zeichnen. Die Absichten der Schauspielerinnen bedienen sich dieser rechten Erzählungen und sind zugleich nicht antidemokratisch. Wie kann das aufgehen?

Ich verstehe das nicht. Wer kann solche Videos aufnehmen und nach mehr als einem Jahr Pandemie die Reaktionen nicht mitdenken? Genügt als Abgrenzung gegen Applaus von der falschen Seite, ans Ende der Webseite ein FCKNZS-Hashtag zu setzen? Oder braucht es mehr für diese Abgrenzung? Eine andere Form, weil Ironie, die Sarkasmus ist und von artifiziellem Zynismus durchzogen ist, nicht die optimale Art ist, Kritik zu verlautbaren? Vielleicht mehr Inhalt? Vielleicht führt die Zuspitzung, dieses künstlerische Mittel in den Videos, zu einer Vereinfachung, letztlich einer Schlichtheit, die zu viel außen vorlässt, als dass daraus ein konstruktives Gespräch entstehen könnte. Führt das Absolute der Aussagen zu einer zwangsweisen Positionierung? Aber muss Kunst das leisten? Muss sie vollständig sein, muss sie konstruktive Vorschläge machen? Nein, niemals und doch muss sie mehr sein wollen als schlicht.

Ein Video – es ist diesem Eintrag vorangestellt – gelingt, was den anderen nicht gelingt. Es macht einen Widerspruch deutlich, ein selbstgerechtes Handeln. Das Video zeigt nicht auf andere, es zeigt auf sich selbst.

Ich habe das Bedürfnis, mich darüber zu äußern, einen Eintrag zu schreiben. Aber es gelingt mir nicht, die Gedanken zu ordnen. Sie reißen ab, verirren sich. Was bleibt, ist das Unbehagen, das Abgestoßensein, der Zynismus, auch der Ärger, dass die Beteiligten so leichthin die Vereinnahmung in Kauf genommen haben, dass sie Aufmerksamkeit abziehen, ihre Position nicht anders nutzen, dass die Videos das Sprechen nicht voranbringen, sondern zementieren, was ist. Die Videos scheitern, dieser Eintrag auch, denke ich bis zum Nachmittag. Dann kommt die Nachricht aus dem Kindergarten, dass dieser der gestiegenen Zahlen wegen ab nächster Woche geschlossen sein wird und Lofts und Tatortschauspielerinnen, die ewige Kommunikationsspirale, das ständige Positionieren interessiert mich mit einem Mal kaum noch.

Ansonsten: Der Gesundheitsminister lädt die Initiatoren von #allesdichtmachen zu einem Gespräch ein. Anfang Juni soll die Impf-Priorisierung aufgehoben werden. Erster Covid19-Fall im Basislager am Mount Everest. Erstmals seit zehn Monaten keine Coronatoten in Israel. Studien zeigen, dass zehn Prozent der Infizierten Long-Covid-Symptome aufweisen. Wegen der hohen Zahlen ruft Wladimir Putin zwischen 1. und 10. Mai eine arbeitsfreie Zeit aus.

23. April | im Testzentrum

Ich gehe mich testen lassen, in einem ehemaligen Aldi am Rande der Stadt. Drinnen ist es wie in einem Flugzeughangar, nur mit Trennwänden, Absperrbändern und Desinfektionsstationen und leer, sehr leer, was auffällt, weil wahnsinnig viel vorgesehener Platz für viele Zutestende vorhanden ist und ich der einzige Zutestende bin, der hier ist. Die Testenden ist von überschäumender Freundlichkeit, was verständlich ist, nachdem sich die Weimarer Inzidenz in den letzten Tagen beharrlich an die 200 heranzirkuliert hat.

Ich unterschreibe, dann werde ich umgehend in eine Kabine gebeten. Eine Frau im Ganzkörperschutz weist mich ein. Ich nehme die Maske ab und sie führt das Teststäbchen in meine Nase ein. Ich habe zuvor die Schaubilder ausgiebig studiert, die anhand eines Querschnittes des Kopfes zeigen, wie tief der Stab in mich muss, um eine aussagekräftige Menge Ich aufnehmen zu können. Im Prinzip habe ich seit gestern an nichts anderes mehr denken können als an dieses Gefühl der Okkupation meiner Nase, das schmatzende Geräusch, mit dem der Stab in mein Gehirn dringt, das Überschreiten von nicht vorstellbaren Grenzen, diesen vermuteten Schmerz des Bohrens in mich auf der Suche nach dem Virus, die qualvolle Notwendigkeit, die Unannehmlichkeit aushalten zu müssen.

Doch der Stab ist wesentlich dünner als erwartet und das Schaben wehrt nur einen Augenblick und als es zu kratzen beginnt, hört es auch schon auf. Es ist nicht einmal ein Gefühl, es ist nur ein Augenblick. Die geschützte, freundliche Frau sagt, dass man sich nicht daran gewöhne, an dieses seltsame Gefühl und ich weiß gar nicht, was passiert ist, das Erstaunen über das Vorbeisein-bevor-es-anfing ist so gewaltig, dass ich zustimmend nicke, obwohl ich ihr nicht zustimmen kann.

Mit einem Klemmblock werde ich in den Wartebereich in den hinteren Teil des alten Aldis geschickt. Zwanzig Minuten braucht die Überprüfung des Abgenommenen. Zum Glück steht dafür dort ein absurd großer Screen mit Uhrzeit bereit. Ich setze mich auf einen der dreißig mintgrünen Stühle, die im Abstand von 1,5 Meter voneinander aufgestellt sind. Ich bin doch nicht der einzige, fünf weitere warten, doomscrollen auf ihren Handys. Ich überlege, wie ich diesen Eintrag beginnen soll, vielleicht ich gehe mich testen lassen in einem ehemaligen

Dann sind die zwanzig Minuten vergangen, so schnell verflogen wie der Stab in der Nase. An der Abmeldung wird mir mit gleicher überschäumender Freundlichkeit mein Ergebnis mitgeteilt – negativ – und ich gehe, desinfiziere die Hände, trete erleichtert in den Sonnentag, glaube für einen Moment, ich wäre gerettet, die Pandemie wäre mit diesem Test beendet.

Ansonsten: Mit nur 519 bestätigten Fällen gibt es in diesem Jahr keine Grippewelle. Mit über 300000 Neuinfektion in Indien wird der weltweite Tageshöchstwert seit Beginn der Pandemie gemeldet. Aufgrund der vielen Erkrankten wird in Indien der medizinische Sauerstoff knapp. Um die vielen Corona-Toten beerdigen zu können, werden auf dem Teheraner Zentralfriedhof vierstöckige Gräber angelegt. In den USA wird das von Präsident Biden ausgegebene Ziel von 200 Millionen Impfungen in hundert Tagen vorzeitig erreicht. Um trotz der bestehenden Coronaregelungen öffnen zu können, eröffnet das Londoner Design-Museum als Supermarkt. Nachdem in Sachsen ein Ladenbesitzer fünftausend Rollen Klopapier gekauft hat, gilt sein Geschäft als systemrelevant und darf öffnen, nun unter dem neuen Namen »Klopapier Super Store«.

22. April | Frühlinge

Ich liege auf der Wiese und schaue in den Himmel, was man eben im Frühling tut. Auf einem Zweig sitzt der Vogel des Jahres und Stadttauben bauen Nester und Hunde scheuchen Enten auf und jemand mit Bluetoothbox im Rucksack rollt mit einem Fatbike den Bauhausmuseumshügel hinab und ein anderer spielt mit Bluetoothbox »Narcotic« im HBz & Adwegno Bounce Remix und der dort bei der Parkbank, auf deren weiße Lehne jemand mit schwarzem Edding »Faschoschweine« geschrieben hat, spielt mit Bluetoothbox »Danket den Herren« von den Onkelz, alles im Umkreis von hundert Metern, in diesen hundert Metern spielen Kinder Fußball, küssen sich Paare, trinken Freunde Energiedrinks, angeln Kinder aus dem Teich grünen Schlick, krabbeln Kleinkinder über Decken, zeichnet eine Frau in ein Skizzenbuch, telefoniert ein Student mit seiner russischen Heimat, beißt ein Mädchen in eine Eiskugel, kugelt sich ein Junge über den Rasen, lässt an Mann seinen Hund an einem anderen Hund schnüffeln, schauen sich zwei Senioren die Blumenbeete an, tröstet ein Vater seine Tochter, reicht eine Mutter ihrem Sohn einen Quetschie, balanciert eine Studentin auf einer Slackline, raucht jemand, läuft jemand, schaut jemand, wartet jemand, atmet jemand tief ein, tief diesen Tag ein, der mehr Frühling ist als jeder andere Tag in diesem Jahr zuvor.

Frühlinge in der Pandemie. Ich denke ein Jahr zurück, 21. April 2020. Auch damals war Frühling, die Rotkehlchen, die Tauben, das Blühen und Brummen. Aber gab es damals einen Umkreis? Lag ich auch auf der Wiese, habe ich auch diese Beobachtungen gemacht? Ich schaue auf die Zahlen. Am 21. April 2020 wurden 1388 Neuinfektionen gemeldet, am 21. April 2021 24884 Neuinfektionen. Andere Frühlinge, der Park jeweils entgegengesetzt.

Ich überlege: Finde ich es gut, sinnvoll und notwendig, auf der Wiese zu liegen und in den Himmel zu schauen, mir wie jeder im Umkreis von hundert Metern einen Raum genommen zu haben, aus dem die Welt und damit das Virus verbannt ist? Finde ich es unangemessen? Auf gewisse Weise interessant, die so augenfällig absurde Diskrepanz zwischen den Zahlen, den Jahren und der Belegung der Wiese?

Ansonsten: Im Bundestag wird das Infektionsschutzgesetz beschlossen. Die Coronaapp wird auf eine Check-in-Funktion geupdatet. 300000 Neuinfektionen in Indien. Während der Pandemie verlieren Sportvereine eine Million Mitglieder. In weiteren Bundesländern wird die Priorisierung bei AstraZeneca aufgehoben.

21. April | Impfbild

Eine Medizinische Fachangestellte im Impfzentrum beschwert sich: Obwohl sie die Geimpften extra darum bittet, es nicht zu sein, ist sie bei deren Handyfotos vom Impfvorgang dennoch mit im Bild. Ich frage mich, wie ich meinen Impfvorgang dokumentieren werde. Hebe ich mein Smartphone schräg über den Kopf und halte den Moment, nachdem die Nadel in mich stach, fest? Werde ich in diesem Moment posen oder wird das Foto ehrliche, ungeschminkte Erleichterung in meinem Gesicht offenbaren? Werde ich, überwältigt von Freude, das Knipsen vergessen? Wird es mir unangemessen narzisstisch erscheinen? Oder angemessen, weil in diesem Moment siebzehn oder mehr Monate Last von mir fallen?

Und später, was fange ich an mit dem Foto? Teile ich es in den Kanälen und sammele Likes ein? Nutze ich es hier zur Bebilderung des unweigerlich folgenden Eintrags? Drucke ich es für fünfzehn Cent aus? Rahme ich den Druck? Welchen Platz wird das Foto vom Impfen in meiner Fotohistorie einnehmen? Wird es unter den anderen Fotos untergehen, wird es ein Foto des Jahres sein, wird es in fünfzig Jahren ausgebleicht von mir und dieser Zeit erzählen? Wie wird es bei den anderen sein? Werden viele Impffotos machen, vielleicht die meisten, wird nur Alexander Gauland eines vermeiden? Welche Impfvorgangästhetik wird sich durchsetzen? Der Arm nur, der Oberkörper, der Raum? Werden es Selfies. Wird den Impfenden neben dem Impfvorgang auch die Aufgabe des Fotografierens übertragen werden? Wird es Memes geben, Fakes, Impffotofilter?

Ansonsten: Jede 5. Deutsche hat eine Erstimpfung erhalten. Sachsen gibt in Praxen AstraZeneca für alle Altersgruppen frei. Das Verwaltungsgericht Weimar bestätigt die Maskenpflicht im Unterricht und widerspricht damit dem Amtsgericht Weimar, das die Maskenpflicht an zwei Thüringer Schulen aufgehoben hatte. Die Regierung verteidigt den Inzidenzwert von 165 für Schulschließungen in der Bundesnotbremse. Im American Museum of Natural History kann man sich unter dem lebensgroßen Modell eines Wals impfen lassen, auf dem ein metergroßes Pflaster geklebt ist.

20. April | Intensivstation

Eine Konstante der Pandemie ist, dass ständig neues Wissen über die Pandemie entsteht. Nicht selten bezieht sich dieses neue Wissen auf Aspekte, denen ich davor wenig Aufmerksamkeit schenkte bzw. auf Bereiche, von denen ich glaubte, mein Wissen würde zum Verstehen genügen. Durch verschiedene Faktoren wird klar: Es genügt nicht.

Aktuell betrifft dieses Wissen die Intensivstationen. Durch Dokumentationen, Artikel, Interviews, Augenzeugenberichte, Interpretation von Zahlen, all die Warnrufe der Medizinerinnen, durch die Dringlichkeit, die die dritte Welle mit sich bringt, durch die Argumentation gegen die Aussagen von Maßnahmengegnerinnen, lerne ich: Die Zahlen der Intensivbetten sind nicht gesunken, sondern wurden nach der ersten Erhebung neu bewertet. Intensivbett ist nicht gleich Intensivbett. Covid19-Patentinnen benötigen eine besondere medizinische Betreuung, die oft nur in größeren Krankenhäusern vorhanden ist. Deshalb werden die schweren Fälle aus kleineren Krankenhäusern verlegt, was zur Folge hat, dass tatsächlich Krankenhäuser leerer als in pandemielosen Zeiten sein können. Dass auch in großen Krankenhäusern weniger Patientinnen aufgenommen werden, weil das Personal und die Kapazitäten, die für schwere Eingriffe notwendig wären, für Covid19 benötigt werden. Deshalb kann es sein, dass Krankenhäuser im letzten Jahr weniger Umsatz machten, obwohl die Belastung eine größere war.

Ich lerne, was ECMO ist. Dass in Jena wegen der angespannten Lage Soldatinnen aushelfen und Patientinnen in andere Krankenhäuser geflogen werden müssen. Dass als Richtwert für die Bewertung der Situation die Belegung von Intensivbetten nicht geeignet ist. Dass sich die aktuelle Situation vom Winter unterscheidet, weil damals die Patentinnen älter waren und im Durchschnitt schneller starben, weshalb die Betten schneller verfügbar waren. Heute sind die Kranken jünger und liegen länger. Ich lerne, dass in der Statistik als »genesen« gilt, wer das Krankenhaus verlässt und in diesem »genesen« LongCovid nicht vorkommt.

Nicht all diese Informationen sind leicht zugänglich. Ich muss klicken, scrollen, interpretieren, mich verlassen, sortieren, auch durchhalten beim Schauen. Und wie nicht wenige Informationen in der Pandemie erscheinen sie auf den ersten Blick nicht eindeutig, erfordern sie ein Aushalten von Widersprüchen, auch die Bereitschaft, sich einlassen zu wollen auf genauere Betrachtung, müssen in einzelnen Punkten später möglicherweise durch neues Wissen erweitert, vielleicht sogar korrigiert werden.

Und eine weitere Konstante ist: Nur wenn ich das annehme, erhalte ich ein realistisches Bild der Pandemie, selbst, wenn es bedeutet, dass ich zuweilen zweifele.

Ansonsten: Wegen der drohenden Schulschließungen durch das Infektionsschutzgesetz sprechen sich mehrere Politikerinnen für Unterricht unter freiem Himmel aus. Nach den stark steigenden Infektionszahlen in Indien wird für Neu-Delhi ein Lockdown verhängt. Dieser Anstieg ist vermutlich auf die sogenannte Doppelmutante B1617 zurückzuführen, die eine Fusion aus britischer und südafrikanischer Variante ist.

19. April | Rückläufe

Ein Schreibwarengeschäft. Hat im Lockdown erst geschlossen, öffnet dann, »weil Thalia offen ist und auch Schreibsachen verkauft.« Letzten Freitag ist es zugesperrt. Die Inhaberin berichtet, dass ihr tags zuvor eine Kundin erzählt, wie nachts die Rückläufe bei den Impfungen kommen und deshalb sehr kurzfristig Termine verfügbar sein können. Die Inhaberin setzt sich noch in der gleichen Nacht vor den Computer und ergattert tatsächlich einen Impftermin. Der ist um 9.00 Uhr am selben Tag, in wenigen Stunden also. Sie ist so aufgeregt, dass sie nicht selbst fahren kann. Der Mann muss mit, fährt sie eine Stunde nach Gera. Der Laden bleibt deshalb an diesem Tag geschlossen. 

Als ich die Geschichte höre, träume ich nachts erstmals vom Impfen. Im Traum erfahre ich von den Rückläufen, suche einen Termin, erhalte einen, den ich umgehend wahrnehme. Außer mir ist nur eine weitere Person geladen. Die Ärztin klärt mich über den Impfstoff auf. Es handelt sich um Dogecoin, einen Impfstoff aus Peer-to-Peer-Kryptowährung. Während die Ärztin die Spritze aufzieht, sagt sie: Ja, die Entwicklung ist schon etwas hoppladihopp gegangen. Sie untersucht meinen Hals, meint: Aber da ist genügend Platz zum Atmen.

Ich überlege, was ich tun soll. Dogecoin nehmen? Besser nach Biotechn fragen? Die Ärztin erklärt, dass ich dann meine Pole Position verlöre und ganz nach hinten in der Liste rutschen würde. Soll ich also das Risiko mit Dogecoin eingehen? Natürlich, sagt mein Kopf, das Risiko bei Covid ist wesentlich größer. Nein, sagt der Bauch und erinnert mich an hoppladihopp. Kopf und Bauch werfen mir vor, dass ich vor dem Termin nicht Dogecoin gegoogelt habe. »Sie müssen sich jetzt entscheiden«, sagt die Ärztin und hält die Spritze an meinen Hals. Dann beginnt sie runterzuzählen und fängt leider bei 2 an.

2

1

Und dann, wieder immer in solchen Traummomenten, wache ich auf.

Ansonsten: Mehrere Gouverneure brasilianischer Bundesstaaten bitten bei den Vereinten Nationen um humanitäre Hilfe. Laut einer Untersuchung waren die wirksamsten Anti-Corona-Maßnahmen Grenzschließungen und Social Distancing. In Israel wird die Maskenpflicht im Freien aufgehoben. Gedenkfeier in Berlin für die 80000 deutschen Coronatoten. Wegen der Pandemie verlieren Künstlerinnen ihre Krankenversicherung.

18. April | Impfsolidarität

Vorgestern wurden Kanzlerin und Vizekanzler geimpft. Mit AstraZeneca. Horst Seehofer sollte als Ü60 auch diesen Impfstoff bekommen. Er verlangte nach Biontech. Ich könnte schreiben, dass das Impfen von Prominenten nicht Impfen allein ist, sondern auch Symbol. Stattdessen verweise ich auf Texte, die um das Wort »Impfsolidarität« kreisen, die davon sprechen, dass jene Ü60, die AstraZeneca ablehnen und stattdessen Biontech oder Moderna fordern, das Impfen eines Jüngeren nach hinten schieben, ein moralischer Aspekt des Impfens, bei dem das Konkrete (Wie ergeht es mir bei Impfen?) gegen das Abstrakte (Eine mir Unbekannte profitiert von meinem Verzicht) steht.

Ansonsten: Laut einer Studie erkranken und sterben sozial Benachteiligte häufiger an Covid19. Mehrere Querdenken-Demonstrationen werden untersagt. Als jährlichen nationalen Gedenktag für die Coronatoten wird der 27. Dezember vorgeschlagen, der Tag der ersten Impfung. Proteste in Sarajevo wegen der schleppenden Beschaffung von Impfstoffen. Hausarzt bekommt Impfstoff nicht los.

17. April | Superzyklus Allzeithoch

Zum vorläufigen Abschluss der Wirtschaftsthemenwoche in diesen Einträgen schaue ich Börse vor acht. Wäre Börse vor acht die einzige Information, die ich von der Welt empfinge, müsste ich annehmen, ich lebte in der besten aller möglichen Zeiten. Von Rekorden ist die Rede, Paukenschlägen, reißendem Absatz, bester Jahresauftakt in der Geschichte, von Euphorie, von einem Konsumrausch, einem Superzyklus, Allzeithoch, Pandemiebezwinger, Postcoronaboom, davon, dass Stresssituationen beflügeln können. Am Ende wünscht die Moderatorin gerührt von all den Superlativen ein ganz formidables Wochenende.

Tatsächlich bringe ich diese Flut von Ekstasebegriffen in keinster Weise in Einklang mit der Zeit, wie ich sie erlebe. Ich kann sie nicht legen über das seit Monaten Geschlossene und Abgesagte, über die Modelle und Verläufe, all die Hilferufe und Warnungen, das Beschneiden und Kämpfen um jeden Tag. Natürlich freue ich mich ungemein, dass es »der Wirtschaft«, die in diesem Fernsehformat anhand der Börse abgebildet wird, so außergewöhnlich hervorragend geht.

Zugleich frage ich mich: Warum ist das so? Warum geht es »der Börse« so gut, dass sie euphorisch einen Superzyklus ausruft, während der Superzyklus, der mein Leben prägt, die dritte Welle ist und das dortige »super« ganz anders gemeint ist? Wo laufen die Realitäten auseinander, warum tun sie das scheinbar ungebrochen seit Jahrzehnten? Warum freue ich mich dann doch nicht aufrichtig über die vier Minuten Gute Laune am Tag, sondern bin gewissermaßen abgestoßen von den Paukenschlägen? Warum möchte ich nichts über Allzeithochs hören, wenn Verbände gegen eine mögliche Testpflicht klagen, nichts von Pandemiebezwinger, während sich das Parlament auf dem Nebenschauplatz Ausgangssperre zerfetzt?

Es sind immer mehrere Realitäten, die zugleich geschehen, sie verstehen Paukenschläge und Rekorde grundsätzlich anders. Und warum, frage ich mich vor dem ganz formidablen Wochenende, warum gibt es zwar Börse vor acht, aber nicht Intensivstation vor acht? Oder Konzertgitarristin vor acht? Oder Schule vor acht?

Ansonsten: Gefälschte Impfausweise für 150€ das Stück sind im Umlauf. Bhutan impft in zwei Wochen über 700000 Erwachsene und damit 94% der Bevölkerung. 15 Millionen Geimpfte in Deutschland. Kanzlerin und Vizekanzler werden mit AstraZeneca geimpft. Nicht mehr als Corona-Risikogebiet gilt Großbritannien. Sportpädagogen sprechen von einer »Bewegungsmangel-Pandemie«. Mehrere Pflegedienste enthalten ihren Beschäftigten teilweise die Coronaprämie vor.

16. April | Innenstadt

Auf einem meiner ersten besuchten Poetry Slams beschrieb ein Slammer den typischen Weg zu seinen Auftritten: Bahnhof, aussteigen, Nordsee, Subway, McDonalds, McPaper, Hunkemöller, H&M, C&A, Pimkie, Starbucks, Saturn, Kaufhof, Burger King, nächster Auftritt Bahnhof, aussteigen, Nordsee, Subway, McDonalds, McPaper, Hunkemöller, H&M, C&A, Pimkie, Starbucks, Saturn, Kaufhof, Burger King usw. usf.

Daran musste ich denken, als ich letztens über die Innenstädte las. Die Pandemie, besser: der ewige Lockdown bedroht sie. Die Menschen bestellen online, die gewerkschaftslosen Logistikzentren wachsen, die Innenstädte schrumpfen, sie sterben seit sechs Monaten. Genau genommen sterben sie seit 1994.

Die Modellprojekte zur Öffnung der Innenstädte sollen die Innenstädte am Leben erhalten. Dieses Leben bedeutet das Leben der Geschäfte. Ich frage mich, ob die Gleichsetzung Innenstadt=Geschäft irgendwo festgeschrieben steht, im Grundgesetz verankert ist: shopping=leben. Ob diese Zeit, die ja neben der Dystopie auch mit einer Utopie begann – der Überlegung, ob die Ausnahmesituation nicht auch Gelegenheit geben könnte, jahrzehntelange Gewissheiten zu hinterfragen und Routinen zu brechen – auch ein Ändern der Innenstadt bedeuten könnte. Die Mietpreise der Innenstädte zu hinterfragen, als Stadt dagegenzusteuern, die Ketten u.a. zu belassen, die kleinen Einzelhändlerinnen sowieso, neben ihnen aber Raum an Volkshochschulen und Musikschulen geben, Räume für kleinere Handwerksbetriebe mit offenen Werkstätten zu schaffen, Orte, an denen nicht nur konsumiert, sondern gelebt wird. Nach der Pandemie die Innenstadt nicht mehr nur als Shoppingpoint mißverstehen.

Und ja, ich schreibe diesen Eintrag am Tag, nachdem das Gegenteil dieser Utopie geschah, nach dem Aufheben des Berliner Mietdeckels, ein Jahr Pandemie und Neues Wohnen fordert umgehend Mietnachzahlungen, was die Aktie steigen lässt und wer dem nicht folgt, dem droht die Kündigung, leben=Dividende, die ewige Dystopie, letztlich irgendwie auch Pandemiekonzept.

Ansonsten: Nach der Wiedereröffnung verzeichnen englische Pubs Rekordeinnahmen. Wegen steigender Patientenzahlen werden in Indien Betten und medizinischer Sauerstoff knapp. Sachsen-Anhalt impft Wahlhelferinnen. Vierzig Prozent der Ungeimpften beneiden die Geimpften, im Osten liegt die Zahl bei 29%, im Westen bei 42%. Weltweit sind eine Milliarde Impfdosen produziert, die nächste Milliarde wird Ende Mai erreicht. 100000 Coronatote in Frankreich. Um die um auf die Zunahme der Covid-Patientinnen vorbereitet zu sein, fahren viele Krankenhäuser den Regelbetrieb runter. Aufgrund der großen Auslastung des Uniklinikums Jena helfen ab sofort Pflegekräfte der Bundeswehr bei der Betreuung von Patienten auf der Intensivstation. Zur Lage in Jena.

15. April | selbstverständlich

Dafür, dass die Situation wenig Anlass zu Zuversicht bietet, bin ich relativ gelassen. Ich esse sogar Spargel. Und dass, obwohl die Notbremse des geänderten Infektionsschutzgesetzes noch einige gemütliche Runden drehen wird, bis sie wirksam wird, was ohnehin nicht von entscheidender Bedeutung ist angesichts der nicht geplanten Änderungen am Bisherigen, die weiterhin das Private verknappen und das Andere zu wenig die Pflicht nehmen. Dass trotz zumindest in Thüringen nur lauwarm funktionierenden Selbsttests in Schulen. Dem Aussetzen des Impfstoffes von Johnson&Johnson. Dass trotz der knapp 30000 Neuinfektionen, dem höchsten Stand seit Anfang des Jahres. Den unablässigen Warnungen der Intensivmediziner:innen, die vorrechnen, wie die Situation angesichts heutiger Zahlen in drei Wochen aussehen wird; jüngere Kranke, die länger die Betten belegen. Dass trotz des Einsatzes von Wirtschaftsverbänden, die gegen die Bitte der Regierung, doch wenn möglich ab und an zu testen, aus Kostengründen klagen. Dass die Coronapolitik der Union momentan nur eine Funktion hat: die des Gradmessers für die Tauglichkeit des noch zu bestimmenden Kanzlerkandidaten.

Warum bin ich gelassen? Vielleicht weil in dieser Phase der Pandemie so viel selbstverständlich geworden ist. Es ist selbstverständlich, dass die Maßnahmen nicht wirksamer gestaltet werden, weshalb meine Beschwerden darüber selbstverständlich geworden sind. Es ist selbstverständlich, dass es in den Schulen während der Pandemie nicht läuft. Es ist selbstverständlich, dass die Grenzwerte, anhand derer eine Bedrohungslage zu erkennen ist, je nach Bedarf verschoben werden. Selbstverständlich, dass Teile der Wirtschaft die Lasten tragen, genauso wie es selbstverständlich ist, dass der Großteil der restlichen Wirtschaft diese Lasten nicht trägt, sondern klagt, wenn es Teile der Last tragen soll. Es ist selbstverständlich, dass ich davon ausgehe, dass alles irgendwie auf dieser Ebene bleiben wird, selbstverständlich, dass ich keine Kraft/Interesse/Zeit habe, einen anderen Blickwinkel auf die Pandemie zu finden als das erschöpfte Klagen, selbstverständlich, dass diese Einträge selbstverständlich sind, sie ist mir selbst unverständlich diese Selbstverständlichkeit.

Ansonsten: Überlegungen, dass die seltenen schweren Nebenwirkungen nach einer Impfung AstraZeneca und Johnson & Johnson mit dem Vektorimpfstoff in Verbindung stehen können. Wegen Corona sinkt die Zahl der Ausbildungen um zehn Prozent. Deutsche Aerolsol-Forscher halten Ausgehverbote für kontraproduktiv und fordern stärkere Maßnahmen in Innenräumen. Mehr als 50 Millionen Biontech-Impfstoffdosen sollen bis Ende Juni zusätzlich an die EU geliefert werden. Weil Dänemark kein AstraZeneca mehr impfen will, will Tschechien diese Dosen abkaufen. In England entstehen 83 Long-Covid-Zentren, in denen die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung behandelt werden. Alltag in Flüchtlingsunterkünften während der Pandemie.

14. April | Weimarer Urteil

Auch wenn ich in diesen Einträgen öfter festhalte, dass das, was Ursache der Pandemie ist, in meiner unmittelbaren Umgebung kaum stattfindet, findet die Pandemie doch statt. Aber anders, geradezu als Gegenteil der Pandemie.

Eine kurze Chronologie über Corona-Weimar. Weimar ist die erste Stadt, die nach der ersten Welle die Außengastronomie wieder öffnet. Im Juni ist Weimar einen Monat lang die Stadt mit der Inzidenz von Null. Im Oktober, während der ansteigenden Zahlen der zweiten Welle, findet in Weimar ein Volksfest mit 70000 Besucher:innen statt. Erst kurz vor Weihnachten wird der Weimarer Weihnachtsmarkt abgesagt. Mitten in der dritten Welle öffnet Weimar im Rahmen des »Weimarer Modells« die Geschäfte.

Und dann sind noch Urteile und Beschlüsse, die am Weimarer Amtsgericht, in dem Gebäude, das Drehort des Polizeipräsidiums des Weimarer Tatorts ist, getroffen werden. Anfang des Jahres erklärt ein Richter aus Weimar die während der ersten Welle getroffenen Maßnahmen für rechtswidrig. Und vor wenigen Tagen der Beschluss, der die Maskenpflicht an Schulen aufheben soll.

Der Beschluss umfasst fast zweihundert Seiten. Wenig liegt mir ferner, als diese zu lesen, aus Zeitgründen, aus Gründen der juristischen, der wissenschaftlichen Verständlichkeit. Andererseits wüsste ich schon gern, was darinsteht. Ich bin, wie nahezu ausschließlich in der Pandemie, auf Texte angewiesen, die Sachverhalte zusammenfassen und erklären.

Juristisch wird der Beschluss auseinandergenommen. Von Rechtsbeugung ist die Rede, unzureichender Begründung, einem Einzelfall, der unrechtmäßig aufs Ganze hochskaliert wird, von einer gezielten Klage, die an einen bestimmten Richter adressiert war, Unstimmigkeiten, Unsauberkeiten werden benannt, »wird nicht haltbar sein« wird in den Metatexten deutlich.

Wissenschaftlich ebenso vernichtende Beurteilungen. Der Beschluss als eine Art Greatest Hits der Coronaleugnermythen; von Virenzyklen über PCR-Tests bis hin zur Maskenfrage finden sich dort jene Beweisführungen, die auch in den Channels kursieren. Durch diese Channels wandert der Beschluss, wird gefeiert, das »Weimarer Urteil« wird selbst Mythos, als Beweis eingereiht zu den anderen Beweisen, das Gegenteil der Pandemie.

Ansonsten: Eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes tritt den Weg durch Beschlussrunden an. Mehrere Wirtschaftsverbände kündigen an, gegen das geplante Angebotsgebot zum Testen in Firmen zu klagen. Für vollständige Geimpfte sollen zukünftig keine Tests oder Quarantäne mehr nötig sein. Laut einer Studie ist B117 ansteckender, aber nicht tödlicher als der Wildtyp. Coronagegner:innen machen mobil gegen Dr. Kasperls Coronatest, ein Video der Augsburger Puppenkiste, in dem Kindern Coronatests erklärt werden. Coronagegner:innen machen mobil gegen Schülervertreter:innen, die eine Coronatestpflicht an Schulen fordern.

13. April | kleiner Klopfer

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Samstagvormittag lief ich durch den Park. Auf einer Bank vor dem Bauhaus-Museum sah ich mehrere leergetrunkene Kleinstflaschen alkoholischer Getränke. Ich fotografierte, wie so vieles, und stellte wenig später das Bild auf Instagram. Dazu schrieb ich »Symbolbild nächtliche Ausgangssperre«. Wie immer verwendete ich drei Hashtags, diesmal #pandemie #parkbank sowie #kleinerklopfer, weil die Flaschen sogenannte Kleiner Klopfer waren.

Zwei Tage später kommentierte kleiner.klopfer unter dem Bild. Er schrieb, dass ich einer von drei Preisträgern der Aktion »Kleiner Klopfer auf Fotoreisen« sei und den 25er Sunshine Mix inklusive einem Sun Visor gewonnen habe. Das ist das Gute an der Pandemie: Ohne sie hätte ich nie das Foto hochgeladen, weil es ohne pandemiebezogene Bildunterschrift keinen Grund dafür gegeben hätte; es wären einfach nur leere Alkoflaschen gewesen. Die Pandemie lieferte den Kontext, ohne Pandemie hätte ich diesen Preis nie erringen können. Und auch wenn ich lieber ein Asthmaspray Budesonid von AstraZeneca gewonnen hätte, ist angesichts der angestrebten Beschlüsse zur Notfallbremse ein 25er Sunshine Mix möglicherweise nicht vollkommen nutzlos.

Ansonsten: Aufgrund des Todes von Prinz Philip verschiebt Boris Johnson das angekündigte Trinken eines Bieres in einem nun wieder geöffneten Pub. Kritik an der geplanten Ausgangssperre. Mit einer Million Coronatoten ist Europa die am stärksten von der Pandemie betroffene Region der Welt. Über leere Intensivstationen.

12. April | der Markt regelt

Je nachdem, mit welchem Blick man darauf schaut, wird der Satz »Der Markt regelt das« überzeugt, hoffnungsvoll, sarkastisch oder angewidert ausgesprochen. Im Grunde setzt der Satz etwas Unmögliches voraus: den Markt als luftleeren, objektiven Raum, in dem keine Subjekte unterwegs sind. Die unsichtbare Hand ist eine Illusion, vgl. Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals.

Auch in der Pandemie geht der Satz »Der Markt regelt das« nicht auf. Bestes Beispiel ist die Impfstoffentwicklung und -produktion; gefördert mit massiver staatlicher Unterstützung, die superneoliberalen USA und GB schränken den Markt ein, indem sie kaum Exporte zulassen. Auch nur bedingt regelt der Markt die durch die Pandemie so offensichtlich werdenden Diskrepanzen, ein Beispiel die Situation im Krankenwesen im Vergleich zu den Aktionärsgewinnen, viele Beispiele lassen sich finden und nicht allen ist eine rote Nelke angeheftet.

Gestern, wiedermal im Supermarkt, dachte ich, dass Markt schon etwas regelt. Vor der Kasse ein kleines Regal, in dem FFP2-Masken für 79 Cent das Stück lagen. Vor drei Monaten, als die FFP2-Pflicht Thema wurde, war ein Thema – auch hier in den Einträgen – dass diese Masken zu teuer sind. Die Bundesregierung bestellte Millionen Masken für 6€ das Stück, im Handel waren 3-4 Euro angesagt, ich orderte im Januar ein Paket für 2 Euro das Stück. Heute hat der Markt und die Nachfrage und die Produktion geregelt, dass Stoffmasken kaum noch angeboten werden, dafür der FFP2-Preis unter einem Euro liegt. Neben den Masken werden Selbsttests angeboten, das Stück unter 5€, niemand muss mehr am Samstag früh um 6 Uhr vor dem Aldi anstehen, um eine Packung zu ergattern. Der Markt regelt.

Wirtschaft, Markt, Pandemie. Vor einigen Tagen die Meldung, dass in Weimar 63 Gewerbetreibende ihr Gewerbe im letzten Jahr abmeldeten, auch größere Geschäfte darunter. Gestern die Nachricht, dass ein Viertel der gastronomischen Betriebe aufgeben wird. Eine Studie, die zeigt, dass ein Lockdown, der das meiste für kurze Zeit schließt, wirtschaftlich viel sinnvoller ist als ein ewiger Lockdown, der manches total, vieles nicht und manches halb schließt. Ich denke an das Weimarer Modellprojekt der geöffneten Innenstadt, seitdem auch schon wieder zwei Wochen vergangen sind, die Zahlen in der Stadt leicht, aber nicht signifikant gestiegen, ist das die Osterverzögerung, ist das Modell doch aufgegangen, hat das Modell vielleicht sogar die Innenstadt vor der Verödung bewahrt? In einem Tweet lese ich: Wenn die Wirtschaft sagt, man müsse mit dem Virus leben, sagt sie, man müsse für die Wirtschaft sterben.

Der Markt regelt das. Was regelt er? Für wen regelt er? Was ist der Markt? Was »die« Wirtschaft? Ich bin Wirtschaft. Sarah Wagenknecht ist Wirtschaft. Der AfD-Parteitag ist Wirtschaft. Mein Lieblingsbuchladen ist Wirtschaft. Wirtschaft ist der nächste Urlaub, Wirtschaft ist, wenn ich die neue Godspeed You! Black Emperor direkt beim Label bestelle, Impfen ist Wirtschaft, Lockdown ist Wirtschaft, kein Lockdown ist mehr Wirtschaft, was anders gemeint ist, als wie es zuerst klingen könnte, Selbsttests sind Wirtschaft, Querdenken ist Wirtschaft, Wirtschaft werden diese Coronamonate sein.

Ansonsten: Die deutschen Landkreise verurteilen die anstehende Bundesnotbremse. Der Arbeitsminister will eine Testpflicht für Unternehmen einführen. In Leipzig und Halle verhindert die Polizei verbotene Querdenken-Demonstrationen. Ein Beschluss des Amtsgerichts Weimar verbietet das Tragen von Masken in Schulen. Gerüchte, dass der Tod Prinz Philips mit seiner kürzlich erfolgten Impfung in Zusammenhang stehen. Wegen der Überlastung der Intensivstationen in Paris wird Triage angewandt. Eine Studie legt dar, dass das frei verfügbare Asthmaspray Budesonid von AstraZeneca das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs nach der Infektion um 90% senkt. June Almeida, die Entdeckerin des Coronavirus.

11. April | Notbremsengesetzgebungszeitraum

Für die Bund-Länder-Runde findet sich kein Termin. Dafür wird ein landesweit gültiges Notbremsengesetz erwogen. Bin ich zufrieden, weil ich denke: Endlich wird das offensichtlich unzureichende Instrument der föderalen Runde aufgegeben und etwas Neues probiert? Bin ich desillusioniert, weil ich denke: Nicht mal einen gemeinsamen Termin schaffen »die« zu vereinbaren?

Was frage ich mich, wenn ich über das beabsichtigte Notbremsengesetz lese? Was ist das Neue daran? Warum wird das Entscheidende weiterhin ausgespart? Wie kann angenommen werden, damit die Zahlen vertretbar zu senken? Was heißt es, wenn die Zahlen so bis zur Vollimpfung um die 100 pendeln werden? Wie oft kann ich schreiben: Was, wenn es nur darum geht, den Raum des Ertragbaren maximal auszureizen?

Vor allem denke ich: die Zeit. Warum diese Ruhe, diese Gemütlichkeit, dieses Abwägen und Verhandeln, dieses Ausruhen auf den so offensichtlich unzuverlässigen Osterzahlen? Alle Modelle sind seit Monaten auf dem Tisch und immer ist nächste Woche, wenn etwas beschlossen werden wird, was es schon längst gibt. Wenn das Notbremsengesetz gegen die aktuellen Zahlen antritt, werden zwei Wochen seit Gründonnerstag vergangen sein, ungehört verklungen die Rufe der Intensivmediziner:innen, die diese Zeit nicht haben, diese Ruhe, dieses Abwägen.

Ansonsten: Biontech beantragt die Notfallzulassung ihres Impfstoffes für Kinder ab 12 Jahre. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie erklärt, dass ein harter Lockdown das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr kosten werde und man mit dem Virus leben lernen müsse. Laut einer Umfrage steht in der Gastronomie jeder vierte Betrieb vor dem Aus.

10. April | Humor

Warum sollte ich über die Katastrophe lachen? Ich lache nicht über hungernde Kinder, nicht über Malaria, habe nie über Fukushima gelacht. Warum sollte ich über die Pandemie lachen? Ich habe in der Pandemie über die Pandemie gelacht. Worüber ich nicht gelacht habe:

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9. April | sehen / vermeiden

Als ich im gestrigen Eintrag die Links zu den vier Episoden der Dokumentation über die Arbeit auf einer Covid-19-Station postete, überlegte ich dazu zu schreiben: Diese zwei Stunden sollten eine Woche lang in allen Programmen um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden.

Was ich damit hätte sagen wollen: Jeder sollte sehen, welche Folgen die Krankheit hat, was es bedeutet, wenn Intensivstationen überbelegt sind, wie die Arbeit der Ärzt:innen unter solchen Bedingungen abläuft. Es sind Bilder einer Katastrophe, in der für die meisten das Katastrophale abwesend ist, es sind Bilder, die fehlen, die es zwar gibt, die aber selten nur Teil der Bebilderung sind und durch ihr Fehlen den Blick auf die Katastrophe bestimmen.

Jede sollte diese Bilder sehen. Ich bin mir nicht sicher. Sollte das so sein? Die Pandemie begleitet jede einzelne schon über ein Jahr lang. Gehört es nicht dazu, sich auch über diesen, so elementaren Aspekt davon zu informieren? Oder ist es notwendig, das gerade bewusst auszublenden, zu sagen: Seit über einem Jahr bin ich damit beschäftigt, meine Tage sind davon betroffen, ich brauche Abstand, ich schaue das nicht, 20.15 Uhr am Abend will ich gerade nicht davon Kenntnis nehmen?

Welche Erkenntnisse gewinne ich aus dem Schauen? Was sind die neuen Informationen, die ich erhalte, wenn ich Ärzt:innen zwei Stunden lang zuschaue, wie sie um die Leben von Covid19-Kranken kämpfen, wie sie diese Leben verlieren? Sind es weniger Informationen als Gefühle, die mir durch diese Bilder vermittelt werden? Denke ich: Nicht ich sollte diese Dokumentation sehen, auch nicht jene, die das Virus seit einem Jahr ernst nehmen, sondern jene, die von der Grippe sprechen, die davon sprechen, dass man mit Corona stirbt, dass die Intensivstationen nie ausgelastet waren, die sagen, das Virus stellt keine Gefahr dar, die, die unter dem Hastag #Lauterbachsopfer posten. Die Dokumentation als Möglichkeit einen Meinungswandel herbeizuführen. Dieses Sehen ist, was ich letztlich will.

Ich habe anderthalb Folgen geschaut. Dann habe ich entschieden, abzubrechen. Die gesehenen Bilder, die Vorgänge, das Sterben zu viel für einen Abend, diesen Abend. In den nächsten beiden Tagen kann ich das Gesehene nicht abschütteln. Immer wieder brechen Bilder aus Station 43 in den Alltag. Ich schneide Brot, sehe eine auf dem Bauch gedrehte Kranke, putze die Zähne, sehe die Schläuche der ECMO, durch die mit Sauerstoff angereichertes Blut läuft, lese Mithu M. Sanyal, höre dabei das Fiepen der Geräte. Ich verstehe, warum nicht jede sehen kann, verstehe, warum jeder sollte.

Ansonsten: Mehr als 650000 Impfdosen werden an einem Tag verabreicht, doppelt so viele wie tags zuvor, die Hälfte davon verabreicht von Hausärzt:innen. Aufgrund der Massentötung dänischer Nerze genehmigt die EU-Kommission Entschädigungszahlen von 1,75 Milliarden Euro. Hautärzt:innen raten zu Desinfektionsmitteln, weil ständiges Händewaschen mit Seife während der Pandemie vermehrt zu Handekzemen geführt hat. Nachdem ein Schwarzfahrer sich auf dem Zug nach Sylt übergibt, wird bei ihm Corona nachgewiesen und der Zug wird evakuiert. Kritik am bayrischen Alleingang bei der Beschaffung des Impfstoffes Sputnik V. Wegen der wachsenden Belastung der Intensivstationen fordern Fachleute das Ergreifen wirksamerer Maßnahmen zu Senkung der Neuinfektionen. Ermittler verhindern einen Sprengstoffanschlag auf ein niederländisches Impfzentrum. Nach zahlreichen Verstößen bei der letzten »Querdenken«-Demonstration in Stuttgart will die Stadt zukünftig diese Demonstrationen untersagen. In Basel fälschen drei Gymnasiasten ihren Corona-Test, um in Quarantäne zu dürfen und nicht in die Schule zu müssen. Mehr als 4000 Coronatote an einem Tag in Brasilien. Impfstrategie.

8. April | Station 43

Sterben

Kämpfen

Hoffen

Glauben

7. April | unvermeidlich

Es hat geschneit. Ein hartes, hässliches Graupelrieseln, getrieben von schneidendem Wind, die Wärme der letzten Tage sackt in sich zusammen. Später bedeckt eine dünne Eisdecke die Wiesen, in deren Gras eben noch Lindthasen und die mit sorbischem Muster bemalten Eierschalen lagen, das Bunt der Blüten und Blumen verschwindet unter der Kälte. Der Frühling ist erst einmal weg und damit auch die Metapher, an die ich mich klammern möchte. Was mich umgibt, wird seit Monaten Metapher für die Pandemie, das ist nicht gesund.

Gestern die Nachricht, dass sich die Hebamme angesteckt hat. Bei den Hausbesuchen, in der Praxis trug sie Maske, hielt Abstand. Nun ist sie krank. Die schlimme Vorstellung, dass jene, die sie besucht und betreut hat, die Mütter und Väter mit den Neugeborenen, betroffen sein könnten. Das ist einer der Fälle, bei denen Infektiosität doppelt und dreifach zuschlägt und man sich doppelt und dreifach schützen kann und dennoch kann es geschehen. Doch ohne Hebamme, ohne Hausbesuche, wie wäre das vorstellbar?

Dabei auch der Gedanke, dass die eigene Infektion durchaus unvermeidlich sein könnte, der persönlichen Umstände wegen, der Zahlen wegen. »Kurz vor dem Ziel« nennen manche Entscheider diese Tage. Vier, fünf, sechs Monate wird dieser Ziellauf dauern und damit alles andere als kurz, ein Viertel der Pandemie als Schlussspurt, die Kräfte müssen so lange noch tragen.

Und ein weiterer Gedanke züchtet sich heran. Dann soll es eben so sein, flüstert der Gedanke, dann steckst du dich an, dann hast du es hinter dir, die Wahrscheinlichkeit ernsthafter Konsequenzen laut den Telegramchannels und WhatsAppVideos ohnehin im Promillebereich. Es ist ein fatales Heranwachsen von Überlegungen, die nur zwei Sekunden währen, bevor der gesunde Menschenverstand, der in diesen Tagen und vielleicht grundsätzlich so schwer durchzuhalten ist, wieder einsetzt.

Der ausgesetzte Frühling, die erkrankte Hebamme, der lange Schlussspurt, wie passt das zusammen?

Ansonsten: Die Hausärzte impfen. Boris Johnson kündigt an, nächste Woche in einem Pub ein Bier zu trinken. Kritik und Zustimmung für den Brückenlockdown. Kein EU-Staat erreicht das selbstauferlegte Ziel, bis Ende März mindestens achtzig Prozent der über 80-Jährigen zu impfen. Im »Saarland-Modell« werden im Saarland verschiedene Einrichtungen des öffentlichen Lebens wieder geöffnet. Im Kreis Vorpommern-Greifswald wird eine systematische Verzögerung von Neuinfektionsmeldungen vermutet, die zum Ziel hat, die Inzidenzzahlen niedrig zu halten.

6. April | Brückenlockdown

Die Form schließt an gestern an. Weil über Ostern weniger gemeldet und getestet wird, »sinken« die Zahlen, weshalb Öffnungen beschlossen werden. Zu den zahlreichen Pandemieneologismen wie atmende Öffnungsmatrix oder Wellenbrecherlockdown stellen sich zwei neue Begriffe: Bundeslockdown und Brückenlockdown, letzterer das Ergebnis der Osterüberlegungen des CDU-Vorsitzenden, ungewiss, ob die Worte ein Rebranding des Bisherigen sind oder anderes bedeuten sollen. Diskutiert wird, ob der Zeitpunkt für ein nächstes Entscheiden möglicherweise um eine Woche vorgezogen werden soll. Die nichtgetroffene Gründonnerstagentscheidung ist auch schon wieder zwei Wochen her.

Währenddessen werden auf Twitter die Profilbilder in den Inzidenzfarben der jeweiligen Landkreise gefärbt; rot, dunkelrot, lila. Die Berichte der Ärzt:innen, die dort seit Monaten von den Intensivstationen erzählen, werden zunehmend bitterer, so, als hätten sie jede Zuversicht aufgegeben, dass die dritte Welle die Stationen nicht volllaufen lassen würde.

Auch wenn ich Kriegsmetaphern grundsätzlich vermeiden sollte, fühlt sich diese Osterruhe an wie ein Stellungskampf; verschanzt und vergraben, jede Bewegung wird so lang wie möglich vermieden, nein, dieses Bild geht vorn und hinten nicht auf, dann schon ein Bild dieser Zeit, ein Eiertanz im Auge des Hurrikans, diese angenommene Ruhe, diese gefühlte Sicherheit, dieses ewige Ausharren, diese anstrengende Gleichgültigkeit, ob Anfang Mai schon 20% der Deutschen geimpft sind oder Ende Juli alle, die es wollen, zumindest einmal, weil ich erschöpft annehme, dass bis dahin weitere Worte erfunden werden, die einen eigenen Eintrag abwerfen, aber letztlich das gleiche sagen wie in den vergangenen Monaten, ich mag das weder mehr schreiben noch lesen, während die Modelle rattern.

Ansonsten: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schlägt, der Pandemie wegen in diesem Jahr die Abiturprüfungen ausfallen zu lassen. Nur Geimpfte und Genesene sollen an Pilgerfahrt Hadsch und Umrah teilnehmen dürfen.

5. April | Osterruhe

Armin Laschet kündigte an, über die Ostertage gemeinsam nachdenken zu wollen; »wo können wir weitere Schutzmechanismen einführen, wo können wir das Leben herunterführen…« Auf Twitter kursiert seither der Hashtag #laschetdenktnach. Darunter werden Fotos von einem nachdenklichen Armin Laschet gezeigt und Sätze geschrieben wie »Warum landen Meteoriten eigentlich immer in Kratern?« oder »Warum bestellen wir runde Pizzen in viereckigen Schachteln und essen sie dann als Dreiecke?« oder »Warum heißt es überhaupt Fallzahlen wenn sie doch immer steigen?«. Ein Twitterbot zählt die Tage, seitdem Angela Merkel in einer Talkshow sagte, dass man nicht mehr warten könne, der Bot steht bei 8.

Armin Laschet in der Pandemie ist Symbol fürs Öffnen und Zögern geworden, Angela Merkel Symbol für das Begreifen der Situation und der fehlenden Autorität, diese zu verändern. Im Grunde geht es nicht um diese beiden oder Bots oder Tags, sondern darum, mitten in einer Krise, die sofortiges Handeln erfordert, die Ostertage abzuwarten und den R-Wert weiterlaufen zu lassen.

Währenddessen rechnen Modelle vor, was jeder weitere abgewartete Tag nach den Ostertagen mit den Fallzahlen macht, sind die gemeldeten Zahlen der Gesundheitsämter der Osterruhe wegen nur unvollständig und erlauben keinen realistischen Blick auf die aktuelle Situation, demonstrieren in Stuttgart 15000 selbstbewusst und viruszugeneigt und zeigen sich Verantwortliche in Stadt, Land, bei der Polizei erstaunt und zerknirscht über das Verhalten der 15000 und geloben, dass beim nächsten Mal die Pandemieauflagen verantwortungsbewusst und kompromisslos durchgesetzt werden müssen, Ostern 2021.

4. April | Gegenüber

In letzter Zeit mehrere Gespräche übers Impfen. Die verschiedenen Gegenüber eint eins: Sie werden sich nicht impfen lassen. Es sind keine Gespräche, in denen Bedenken geteilt werden oder Unsicherheit spürbar ist. Die Entscheidung ist längst gefällt, ist definitiv. Die Gründe sind u.a. mein Immunsystem ist stark genug für das Virus. Oder: Ich möchte nicht Teil eines Menschenexperiments werden.

Die Rede gerät (natürlich) auf AstraZeneca Vaxzevria. Es kommt nicht dazu, dass ich meine Sorgen teilen kann, meine Kritik am Vorgehen, die Zustimmung für das Aussetzen von AstraZeneca, letztlich auch meine insgeheime Erleichterung darüber, dass ich durch den Impfstopp für unter 60jährige kein Vaxzevria erhalten werde. Meine Gegenüber sind auf Hochtouren, sofort die Nebenwirkungen, die Erkrankungen, die Hirnvenenthrombose, die Toten. Sofort die Toten als Beleg für das Experiment.

Die Gespräche gehen dahin, dass ich meine Impfabsicht verteidigen muss. Die Gegenüber sind zum Teil ehrlich überrascht, dass ich mich impfen lassen werde, weil die Informationen, die in ihren Channels geteilt werden, gar keinen Zweifel daran lassen, wie gefährlich und unverantwortlich Impfen ist. Ich überlege, die sieben oder neun Toten gegen hunderte Tote am Tag zu stellen und lasse es, weil ich annehme, dass diese für mich so elementare Überlegung am Blick meiner Gegenüber nichts ändern würde, dass sie die hunderten Toten am Tag anzweifeln würden, dass ihre Logik eine andere ist: vom Virus geht keine Gefahr aus, von der Impfung schon.

Die Gespräche wühlen mich auf. Ich habe angenommen, im Grunde gehofft, dass etwas die Meinung der Gegenüber ändert: die zweite Welle, die dritte Welle, drei Millionen Tote, die Augenzeugeberichte der Ärztin:innen, die Bilder aus den Intensivstationen. Zumindest nahm ich an, dass am Ende, beim Impfen die bekannten Welterklärungsmodelle der Gegenüber nicht greifen würden, dass sie, vor die Wahl gestellt, den Impfstoff nicht in Frage stellen würden.

Nun muss ich erkennen, dass sich selbst bei dieser so klaren Sache – die viel höhere Wahrscheinlichkeit des Schutzes des eigenen Lebens durch eine Impfung – nichts ändert an den Mechanismen ihres Denkens und Erklärens. Der Blick auf Corona wird bei den Coronaleugner:innen, den Maßnahmekritiker:innen, den Querdenker:innen, den Coronawütenden – ich habe ihn immer noch nicht gefunden, den passenden Begriff, der exakt festhält, was meine Gegenüber ausmacht – so bleiben. Es wird keine Diskussionen geben, kein Austausch von Informationen. Der Blick ist fest und endgültig. Meine Gegenüber und ich – wir stehen uns gegenüber, unmöglich, nebeneinander zu sein, selbst beim Schutz nicht, gerade dort.

Ansonsten: Die Initiative »Querdenken« feiert ihr Jubiläum mit zehntausend Demonstrant:innen in Stuttgart. Mehr als 100 Millionen Erstimpfungen in den USA. Coronaausschreitungen in Brüssel und St. Gallen. Die Bundesagentur für Arbeit erklärt sich zur Mithilfe bei Impfungen von Arbeitslosen bereit. In Niedersachsen werden 14 Städte für Öffnungsmodelle ausgewählt. Nach dem Impfstopp von AstraZeneca für Unter-60-Jährige kommt es in NRW zu überlasteten Leitungen wegen der Anrufe von Über-60-Jährigen, die sich nun außer der Reihe impfen lassen können. Nachdem Daimler während des Lockdowns etwa 700 Millionen Euro durch Kurzarbeitergeld eingespart hat, zahlt der Konzern seinen Aktionären eine Dividende von insgesamt 1,4 Milliarden Euro. Um in Pandemiezeiten die Spargelernte zu gewährleisten, erwirkt das Ministerium für Landwirtschaft die Ausweitung sozialversicherungsfreier Beschäftigung von drei auf vier Monate. In Berlin tritt einer Maskenverweigerer einer schwangeren Verkäuferin in den Bauch.

3. April | Morgellons

In meiner Maske, auf meinen Schnellteststäbchen leben Parasiten, kleine, schwarze Würmer, die sich im Stoff bewegen, Morgellons, die ich einatme und verschlucke, eine Geschichte, die nicht erfunden ist; wahr für jene, die daran glauben wollen und nicht anders können, eine Form des Dermatozoenwahns, die krankhafte Vorstellung, die eigene Haut wäre von Parasiten befallen.

1. April | Weimarer Modell

Ich habe gezögert, an diesem Gründonnerstag, der die Osterruhe hätte einleiten können, etwas über die Modellstadt Weimar zu schreiben. Der Grund dafür: Es gibt nicht allzu viel zu berichten. Drei Tage lang sind in der Stadt die Geschäfte geöffnet, die seit Monaten geschlossen haben. Wer kaufen will, braucht einen negativen Test, Maske und Luca/Adressliste. Vor dem Kasseturm, ein Studentenklub, in den nun ein citynahes Testzentrum eingezogen ist, zieht sich die Schlange hin bis zum Moni Ami, ein Kulturzentrum, in das nun ein Impfzentrum eingezogen ist. Davor warten die Getesteten auf ihre Ergebnisse. Mit negativem Test geht es zu den Geschäften. Davor sind Stehtische aufgebaut, an denen Mitarbeiter:innen die Tests begutachten, Adressdaten aufnehmen und Einkaufskörbe austeilen.

Die Einkaufsstraße ist nicht leer, aber auch nicht tübingenvoll. Die Junisonne scheint freundlich, die Stimmung ist gelöst, auch weil eine Hundertschaft Polizisten zur Räumung einer Hausbesetzung abgezogen ist, die Besetzer haben zuvor coronagerechte Handlungsanweisungen an die Mitstreiter:innen verteilt. Jugendliche spielen aus der Bluetoothbox Ischgl Fieber von Tommy Tellerlift, husti husti heh. Ein Mann kommt aus einer Parfümerie und sagt zu seiner Frau: »Wenn das die neue Welt ist … mir steht das hoch bis zum Kranz«. Viel mehr gibt es nicht zu beschreiben.

Interessanter sind die Äußerungen von Expert:innen, die Modellversuche wie diese nicht grundsätzlich ablehnen, sie vielleicht sogar als Möglichkeit sehen, möglichst viele Menschen zum Testen zu animieren. Aber zugleich fragen, ob während einer Zeit exponentiellen Wachstums der geeignete Moment dafür ist, Bilder von kontaktvollen Flaniermeilen in die coronamüden Köpfe zu zaubern. Sie fragen auch, nach welchen wissenschaftlichen Kriterien solche Modelle durchgeführt werden, welche Erkenntnisse daraus gewonnen werden sollen, was Erfolgskriterien sind. Wenn als Erfolg gilt, dass wieder Menschen in der Einkaufsstraße unterwegs sind, wäre das kein erfolgreiches wissenschaftliches Modell.

Für eine wissenschaftliche Betrachtung ließen sich verschiedene Kriterien ansetzen: Inzidenz, Krankenhausbelegung, Wirtschaftsleistung in einem Sektor. Um das mit zeitlichem Abstand bewerten zu können, braucht es Vergleiche, also Städte mit ähnlicher Struktur, die während des Öffnungszeitraums geschlossen waren. Es geht darum, ein solches Modell als seriöse Möglichkeit zu nehmen, um Informationen zu sammeln. Das Modellhafte sollte kein Vorwand sein, um Geschäfte zu öffnen.

Als ich gestern in der Einkaufsstraße war, fühlte sich alles nicht wirklich entspannt, aber auch nicht fundamental falsch an. Die 23° halfen dabei, obwohl ich das Geschehen im Grunde genommen wahnsinnig und surreal fand, wobei es schon surreal ist, für das Einkaufen anderer Leute ein Wort wie surreal zu wählen.

Ich betrat kein Geschäft, sah zu, wie die, die betraten, Zettel mit ihren negativen Tests entfalteten, Tests, die zu einem großen Prozentsatz verlässlich sind. Viele hatten keine Papiere dabei und keine Tests vornehmen lassen, u.a. ich, und wir waren dennoch anwesend und hielten uns dort auf, wo Kontakte gemacht werden und man kam doch mal ins Gespräch und sich näher oder stand vor dem Eiscafé vor jemanden, der recht dicht aufrückte und ich bin gespannt auf die Ergebnisse des Weimarer Modells, die Auswertung, die Erfolgskriterien, wie es sich in Zahlen lesen wird, das Flanieren in der dritten Welle.

Ansonsten: Das Weimarer Modell wird um einen Tag verlängert. Wegen deutlich gestiegener Inzidenzwerte schränkt die Stadt das Tübinger Modell ein. Der Handelsverband rechnet damit, dass nach der Pandemie 82000 Einzelhandelsgeschäfte schließen werden. Wegen steigender Zahlen verhängt Mallorca eine Ausgangssperre. Wegen stark gestiegener Zahlen verhängt Frankreich für vier Wochen einen landesweiten Lockdown. Nach einem Gerichtsurteil muss Belgien die vierwöchige Osterruhe zurücknehmen. Der Anteil von B117 an den Neuinfektionen liegt in Deutschland bei etwa 90%. Bayern plant, die Impfreihenfolge zugunsten großer Betriebe zu ändern. Eine Studie zeigt, dass die während der Pandemie errichteten, provisorischen Radwege dazu führen, dass mehr Menschen aufs Auto verzichten.

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