Coronamonate. April 2021

15. April | selbstverständlich

Dafür, dass die Situation wenig Anlass zu Zuversicht bietet, bin ich relativ gelassen. Ich esse sogar Spargel. Und dass, obwohl die Notbremse des geänderten Infektionsschutzgesetzes noch einige gemütliche Runden drehen wird, bis sie wirksam wird, was ohnehin nicht von entscheidender Bedeutung ist angesichts der nicht geplanten Änderungen am Bisherigen, die weiterhin das Private verknappen und das Andere zu wenig die Pflicht nehmen. Dass trotz zumindest in Thüringen nur lauwarm funktionierenden Selbsttests in Schulen. Dem Aussetzen des Impfstoffes von Johnson&Johnson. Dass trotz der knapp 30000 Neuinfektionen, dem höchsten Stand seit Anfang des Jahres. Den unablässigen Warnungen der Intensivmediziner:innen, die vorrechnen, wie die Situation angesichts heutiger Zahlen in drei Wochen aussehen wird; jüngere Kranke, die länger die Betten belegen. Dass trotz des Einsatzes von Wirtschaftsverbänden, die gegen die Bitte der Regierung, doch wenn möglich ab und an zu testen, aus Kostengründen klagen. Dass die Coronapolitik der Union momentan nur eine Funktion hat: die des Gradmessers für die Tauglichkeit des noch zu bestimmenden Kanzlerkandidaten.

Warum bin ich gelassen? Vielleicht weil in dieser Phase der Pandemie so viel selbstverständlich geworden ist. Es ist selbstverständlich, dass die Maßnahmen nicht wirksamer gestaltet werden, weshalb meine Beschwerden darüber selbstverständlich geworden sind. Es ist selbstverständlich, dass es in den Schulen während der Pandemie nicht läuft. Es ist selbstverständlich, dass die Grenzwerte, anhand derer eine Bedrohungslage zu erkennen ist, je nach Bedarf verschoben werden. Selbstverständlich, dass Teile der Wirtschaft die Lasten tragen, genauso wie es selbstverständlich ist, dass der Großteil der restlichen Wirtschaft diese Lasten nicht trägt, sondern klagt, wenn es Teile der Last tragen soll. Es ist selbstverständlich, dass ich davon ausgehe, dass alles irgendwie auf dieser Ebene bleiben wird, selbstverständlich, dass ich keine Kraft/Interesse/Zeit habe, einen anderen Blickwinkel auf die Pandemie zu finden als das erschöpfte Klagen, selbstverständlich, dass diese Einträge selbstverständlich sind, sie ist mir selbst unverständlich diese Selbstverständlichkeit.

Ansonsten: Überlegungen, dass die seltenen schweren Nebenwirkungen nach einer Impfung AstraZeneca und Johnson & Johnson mit dem Vektorimpfstoff in Verbindung stehen können. Wegen Corona sinkt die Zahl der Ausbildungen um zehn Prozent. Deutsche Aerolsol-Forscher halten Ausgehverbote für kontraproduktiv und fordern stärkere Maßnahmen in Innenräumen. Mehr als 50 Millionen Biontech-Impfstoffdosen sollen bis Ende Juni zusätzlich an die EU geliefert werden. Weil Dänemark kein AstraZeneca mehr impfen will, will Tschechien diese Dosen abkaufen. In England entstehen 83 Long-Covid-Zentren, in denen die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung behandelt werden. Alltag in Flüchtlingsunterkünften während der Pandemie.

14. April | Weimarer Urteil

Auch wenn ich in diesen Einträgen öfter festhalte, dass das, was Ursache der Pandemie ist, in meiner unmittelbaren Umgebung kaum stattfindet, findet die Pandemie doch statt. Aber anders, geradezu als Gegenteil der Pandemie.

Eine kurze Chronologie über Corona-Weimar. Weimar ist die erste Stadt, die nach der ersten Welle die Außengastronomie wieder öffnet. Im Juni ist Weimar einen Monat lang die Stadt mit der Inzidenz von Null. Im Oktober, während der ansteigenden Zahlen der zweiten Welle, findet in Weimar ein Volksfest mit 70000 Besucher:innen statt. Erst kurz vor Weihnachten wird der Weimarer Weihnachtsmarkt abgesagt. Mitten in der dritten Welle öffnet Weimar im Rahmen des »Weimarer Modells« die Geschäfte.

Und dann sind noch Urteile und Beschlüsse, die am Weimarer Amtsgericht, in dem Gebäude, das Drehort des Polizeipräsidiums des Weimarer Tatorts ist, getroffen werden. Anfang des Jahres erklärt ein Richter aus Weimar die während der ersten Welle getroffenen Maßnahmen für rechtswidrig. Und vor wenigen Tagen der Beschluss, der die Maskenpflicht an Schulen aufheben soll.

Der Beschluss umfasst fast zweihundert Seiten. Wenig liegt mir ferner, als diese zu lesen, aus Zeitgründen, aus Gründen der juristischen, der wissenschaftlichen Verständlichkeit. Andererseits wüsste ich schon gern, was darinsteht. Ich bin, wie nahezu ausschließlich in der Pandemie, auf Texte angewiesen, die Sachverhalte zusammenfassen und erklären.

Juristisch wird der Beschluss auseinandergenommen. Von Rechtsbeugung ist die Rede, unzureichender Begründung, einem Einzelfall, der unrechtmäßig aufs Ganze hochskaliert wird, von einer gezielten Klage, die an einen bestimmten Richter adressiert war, Unstimmigkeiten, Unsauberkeiten werden benannt, »wird nicht haltbar sein« wird in den Metatexten deutlich.

Wissenschaftlich ebenso vernichtende Beurteilungen. Der Beschluss als eine Art Greatest Hits der Coronaleugnermythen; von Virenzyklen über PCR-Tests bis hin zur Maskenfrage finden sich dort jene Beweisführungen, die auch in den Channels kursieren. Durch diese Channels wandert der Beschluss, wird gefeiert, das »Weimarer Urteil« wird selbst Mythos, als Beweis eingereiht zu den anderen Beweisen, das Gegenteil der Pandemie.

Ansonsten: Eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes tritt den Weg durch Beschlussrunden an. Mehrere Wirtschaftsverbände kündigen an, gegen das geplante Angebotsgebot zum Testen in Firmen zu klagen. Für vollständige Geimpfte sollen zukünftig keine Tests oder Quarantäne mehr nötig sein. Laut einer Studie ist B117 ansteckender, aber nicht tödlicher als der Wildtyp. Coronagegner:innen machen mobil gegen Dr. Kasperls Coronatest, ein Video der Augsburger Puppenkiste, in dem Kindern Coronatests erklärt werden. Coronagegner:innen machen mobil gegen Schülervertreter:innen, die eine Coronatestpflicht an Schulen fordern.

13. April | kleiner Klopfer

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Samstagvormittag lief ich durch den Park. Auf einer Bank vor dem Bauhaus-Museum sah ich mehrere leergetrunkene Kleinstflaschen alkoholischer Getränke. Ich fotografierte, wie so vieles, und stellte wenig später das Bild auf Instagram. Dazu schrieb ich »Symbolbild nächtliche Ausgangssperre«. Wie immer verwendete ich drei Hashtags, diesmal #pandemie #parkbank sowie #kleinerklopfer, weil die Flaschen sogenannte Kleiner Klopfer waren.

Zwei Tage später kommentierte kleiner.klopfer unter dem Bild. Er schrieb, dass ich einer von drei Preisträgern der Aktion »Kleiner Klopfer auf Fotoreisen« sei und den 25er Sunshine Mix inklusive einem Sun Visor gewonnen habe. Das ist das Gute an der Pandemie: Ohne sie hätte ich nie das Foto hochgeladen, weil es ohne pandemiebezogene Bildunterschrift keinen Grund dafür gegeben hätte; es wären einfach nur leere Alkoflaschen gewesen. Die Pandemie lieferte den Kontext, ohne Pandemie hätte ich diesen Preis nie erringen können. Und auch wenn ich lieber ein Asthmaspray Budesonid von AstraZeneca gewonnen hätte, ist angesichts der angestrebten Beschlüsse zur Notfallbremse ein 25er Sunshine Mix möglicherweise nicht vollkommen nutzlos.

Ansonsten: Aufgrund des Todes von Prinz Philip verschiebt Boris Johnson das angekündigte Trinken eines Bieres in einem nun wieder geöffneten Pub. Kritik an der geplanten Ausgangssperre. Mit einer Million Coronatoten ist Europa die am stärksten von der Pandemie betroffene Region der Welt. Über leere Intensivstationen.

12. April | der Markt regelt

Je nachdem, mit welchem Blick man darauf schaut, wird der Satz »Der Markt regelt das« überzeugt, hoffnungsvoll, sarkastisch oder angewidert ausgesprochen. Im Grunde setzt der Satz etwas Unmögliches voraus: den Markt als luftleeren, objektiven Raum, in dem keine Subjekte unterwegs sind. Die unsichtbare Hand ist eine Illusion, vgl. Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals.

Auch in der Pandemie geht der Satz »Der Markt regelt das« nicht auf. Bestes Beispiel ist die Impfstoffentwicklung und -produktion; gefördert mit massiver staatlicher Unterstützung, die superneoliberalen USA und GB schränken den Markt ein, indem sie kaum Exporte zulassen. Auch nur bedingt regelt der Markt die durch die Pandemie so offensichtlich werdenden Diskrepanzen, ein Beispiel die Situation im Krankenwesen im Vergleich zu den Aktionärsgewinnen, viele Beispiele lassen sich finden und nicht allen ist eine rote Nelke angeheftet.

Gestern, wiedermal im Supermarkt, dachte ich, dass Markt schon etwas regelt. Vor der Kasse ein kleines Regal, in dem FFP2-Masken für 79 Cent das Stück lagen. Vor drei Monaten, als die FFP2-Pflicht Thema wurde, war ein Thema – auch hier in den Einträgen – dass diese Masken zu teuer sind. Die Bundesregierung bestellte Millionen Masken für 6€ das Stück, im Handel waren 3-4 Euro angesagt, ich orderte im Januar ein Paket für 2 Euro das Stück. Heute hat der Markt und die Nachfrage und die Produktion geregelt, dass Stoffmasken kaum noch angeboten werden, dafür der FFP2-Preis unter einem Euro liegt. Neben den Masken werden Selbsttests angeboten, das Stück unter 5€, niemand muss mehr am Samstag früh um 6 Uhr vor dem Aldi anstehen, um eine Packung zu ergattern. Der Markt regelt.

Wirtschaft, Markt, Pandemie. Vor einigen Tagen die Meldung, dass in Weimar 63 Gewerbetreibende ihr Gewerbe im letzten Jahr abmeldeten, auch größere Geschäfte darunter. Gestern die Nachricht, dass ein Viertel der gastronomischen Betriebe aufgeben wird. Eine Studie, die zeigt, dass ein Lockdown, der das meiste für kurze Zeit schließt, wirtschaftlich viel sinnvoller ist als ein ewiger Lockdown, der manches total, vieles nicht und manches halb schließt. Ich denke an das Weimarer Modellprojekt der geöffneten Innenstadt, seitdem auch schon wieder zwei Wochen vergangen sind, die Zahlen in der Stadt leicht, aber nicht signifikant gestiegen, ist das die Osterverzögerung, ist das Modell doch aufgegangen, hat das Modell vielleicht sogar die Innenstadt vor der Verödung bewahrt? In einem Tweet lese ich: Wenn die Wirtschaft sagt, man müsse mit dem Virus leben, sagt sie, man müsse für die Wirtschaft sterben.

Der Markt regelt das. Was regelt er? Für wen regelt er? Was ist der Markt? Was »die« Wirtschaft? Ich bin Wirtschaft. Sarah Wagenknecht ist Wirtschaft. Der AfD-Parteitag ist Wirtschaft. Mein Lieblingsbuchladen ist Wirtschaft. Wirtschaft ist der nächste Urlaub, Wirtschaft ist, wenn ich die neue Godspeed You! Black Emperor direkt beim Label bestelle, Impfen ist Wirtschaft, Lockdown ist Wirtschaft, kein Lockdown ist mehr Wirtschaft, was anders gemeint ist, als wie es zuerst klingen könnte, Selbsttests sind Wirtschaft, Querdenken ist Wirtschaft, Wirtschaft werden diese Coronamonate sein.

Ansonsten: Die deutschen Landkreise verurteilen die anstehende Bundesnotbremse. Der Arbeitsminister will eine Testpflicht für Unternehmen einführen. In Leipzig und Halle verhindert die Polizei verbotene Querdenken-Demonstrationen. Ein Beschluss des Amtsgerichts Weimar verbietet das Tragen von Masken in Schulen. Gerüchte, dass der Tod Prinz Philips mit seiner kürzlich erfolgten Impfung in Zusammenhang stehen. Wegen der Überlastung der Intensivstationen in Paris wird Triage angewandt. Eine Studie legt dar, dass das frei verfügbare Asthmaspray Budesonid von AstraZeneca das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs nach der Infektion um 90% senkt. June Almeida, die Entdeckerin des Coronavirus.

11. April | Notbremsengesetzgebungszeitraum

Für die Bund-Länder-Runde findet sich kein Termin. Dafür wird ein landesweit gültiges Notbremsengesetz erwogen. Bin ich zufrieden, weil ich denke: Endlich wird das offensichtlich unzureichende Instrument der föderalen Runde aufgegeben und etwas Neues probiert? Bin ich desillusioniert, weil ich denke: Nicht mal einen gemeinsamen Termin schaffen »die« zu vereinbaren?

Was frage ich mich, wenn ich über das beabsichtigte Notbremsengesetz lese? Was ist das Neue daran? Warum wird das Entscheidende weiterhin ausgespart? Wie kann angenommen werden, damit die Zahlen vertretbar zu senken? Was heißt es, wenn die Zahlen so bis zur Vollimpfung um die 100 pendeln werden? Wie oft kann ich schreiben: Was, wenn es nur darum geht, den Raum des Ertragbaren maximal auszureizen?

Vor allem denke ich: die Zeit. Warum diese Ruhe, diese Gemütlichkeit, dieses Abwägen und Verhandeln, dieses Ausruhen auf den so offensichtlich unzuverlässigen Osterzahlen? Alle Modelle sind seit Monaten auf dem Tisch und immer ist nächste Woche, wenn etwas beschlossen werden wird, was es schon längst gibt. Wenn das Notbremsengesetz gegen die aktuellen Zahlen antritt, werden zwei Wochen seit Gründonnerstag vergangen sein, ungehört verklungen die Rufe der Intensivmediziner:innen, die diese Zeit nicht haben, diese Ruhe, dieses Abwägen.

Ansonsten: Biontech beantragt die Notfallzulassung ihres Impfstoffes für Kinder ab 12 Jahre. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie erklärt, dass ein harter Lockdown das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr kosten werde und man mit dem Virus leben lernen müsse. Laut einer Umfrage steht in der Gastronomie jeder vierte Betrieb vor dem Aus.

10. April | Humor

Warum sollte ich über die Katastrophe lachen? Ich lache nicht über hungernde Kinder, nicht über Malaria, habe nie über Fukushima gelacht. Warum sollte ich über die Pandemie lachen? Ich habe in der Pandemie über die Pandemie gelacht. Worüber ich nicht gelacht habe:

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9. April | sehen / vermeiden

Als ich im gestrigen Eintrag die Links zu den vier Episoden der Dokumentation über die Arbeit auf einer Covid-19-Station postete, überlegte ich dazu zu schreiben: Diese zwei Stunden sollten eine Woche lang in allen Programmen um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden.

Was ich damit hätte sagen wollen: Jeder sollte sehen, welche Folgen die Krankheit hat, was es bedeutet, wenn Intensivstationen überbelegt sind, wie die Arbeit der Ärzt:innen unter solchen Bedingungen abläuft. Es sind Bilder einer Katastrophe, in der für die meisten das Katastrophale abwesend ist, es sind Bilder, die fehlen, die es zwar gibt, die aber selten nur Teil der Bebilderung sind und durch ihr Fehlen den Blick auf die Katastrophe bestimmen.

Jede sollte diese Bilder sehen. Ich bin mir nicht sicher. Sollte das so sein? Die Pandemie begleitet jede einzelne schon über ein Jahr lang. Gehört es nicht dazu, sich auch über diesen, so elementaren Aspekt davon zu informieren? Oder ist es notwendig, das gerade bewusst auszublenden, zu sagen: Seit über einem Jahr bin ich damit beschäftigt, meine Tage sind davon betroffen, ich brauche Abstand, ich schaue das nicht, 20.15 Uhr am Abend will ich gerade nicht davon Kenntnis nehmen?

Welche Erkenntnisse gewinne ich aus dem Schauen? Was sind die neuen Informationen, die ich erhalte, wenn ich Ärzt:innen zwei Stunden lang zuschaue, wie sie um die Leben von Covid19-Kranken kämpfen, wie sie diese Leben verlieren? Sind es weniger Informationen als Gefühle, die mir durch diese Bilder vermittelt werden? Denke ich: Nicht ich sollte diese Dokumentation sehen, auch nicht jene, die das Virus seit einem Jahr ernst nehmen, sondern jene, die von der Grippe sprechen, die davon sprechen, dass man mit Corona stirbt, dass die Intensivstationen nie ausgelastet waren, die sagen, das Virus stellt keine Gefahr dar, die, die unter dem Hastag #Lauterbachsopfer posten. Die Dokumentation als Möglichkeit einen Meinungswandel herbeizuführen. Dieses Sehen ist, was ich letztlich will.

Ich habe anderthalb Folgen geschaut. Dann habe ich entschieden, abzubrechen. Die gesehenen Bilder, die Vorgänge, das Sterben zu viel für einen Abend, diesen Abend. In den nächsten beiden Tagen kann ich das Gesehene nicht abschütteln. Immer wieder brechen Bilder aus Station 43 in den Alltag. Ich schneide Brot, sehe eine auf dem Bauch gedrehte Kranke, putze die Zähne, sehe die Schläuche der ECMO, durch die mit Sauerstoff angereichertes Blut läuft, lese Mithu M. Sanyal, höre dabei das Fiepen der Geräte. Ich verstehe, warum nicht jede sehen kann, verstehe, warum jeder sollte.

Ansonsten: Mehr als 650000 Impfdosen werden an einem Tag verabreicht, doppelt so viele wie tags zuvor, die Hälfte davon verabreicht von Hausärzt:innen. Aufgrund der Massentötung dänischer Nerze genehmigt die EU-Kommission Entschädigungszahlen von 1,75 Milliarden Euro. Hautärzt:innen raten zu Desinfektionsmitteln, weil ständiges Händewaschen mit Seife während der Pandemie vermehrt zu Handekzemen geführt hat. Nachdem ein Schwarzfahrer sich auf dem Zug nach Sylt übergibt, wird bei ihm Corona nachgewiesen und der Zug wird evakuiert. Kritik am bayrischen Alleingang bei der Beschaffung des Impfstoffes Sputnik V. Wegen der wachsenden Belastung der Intensivstationen fordern Fachleute das Ergreifen wirksamerer Maßnahmen zu Senkung der Neuinfektionen. Ermittler verhindern einen Sprengstoffanschlag auf ein niederländisches Impfzentrum. Nach zahlreichen Verstößen bei der letzten »Querdenken«-Demonstration in Stuttgart will die Stadt zukünftig diese Demonstrationen untersagen. In Basel fälschen drei Gymnasiasten ihren Corona-Test, um in Quarantäne zu dürfen und nicht in die Schule zu müssen. Mehr als 4000 Coronatote an einem Tag in Brasilien. Impfstrategie.

8. April | Station 43

Sterben

Kämpfen

Hoffen

Glauben

7. April | unvermeidlich

Es hat geschneit. Ein hartes, hässliches Graupelrieseln, getrieben von schneidendem Wind, die Wärme der letzten Tage sackt in sich zusammen. Später bedeckt eine dünne Eisdecke die Wiesen, in deren Gras eben noch Lindthasen und die mit sorbischem Muster bemalten Eierschalen lagen, das Bunt der Blüten und Blumen verschwindet unter der Kälte. Der Frühling ist erst einmal weg und damit auch die Metapher, an die ich mich klammern möchte. Was mich umgibt, wird seit Monaten Metapher für die Pandemie, das ist nicht gesund.

Gestern die Nachricht, dass sich die Hebamme angesteckt hat. Bei den Hausbesuchen, in der Praxis trug sie Maske, hielt Abstand. Nun ist sie krank. Die schlimme Vorstellung, dass jene, die sie besucht und betreut hat, die Mütter und Väter mit den Neugeborenen, betroffen sein könnten. Das ist einer der Fälle, bei denen Infektiosität doppelt und dreifach zuschlägt und man sich doppelt und dreifach schützen kann und dennoch kann es geschehen. Doch ohne Hebamme, ohne Hausbesuche, wie wäre das vorstellbar?

Dabei auch der Gedanke, dass die eigene Infektion durchaus unvermeidlich sein könnte, der persönlichen Umstände wegen, der Zahlen wegen. »Kurz vor dem Ziel« nennen manche Entscheider diese Tage. Vier, fünf, sechs Monate wird dieser Ziellauf dauern und damit alles andere als kurz, ein Viertel der Pandemie als Schlussspurt, die Kräfte müssen so lange noch tragen.

Und ein weiterer Gedanke züchtet sich heran. Dann soll es eben so sein, flüstert der Gedanke, dann steckst du dich an, dann hast du es hinter dir, die Wahrscheinlichkeit ernsthafter Konsequenzen laut den Telegramchannels und WhatsAppVideos ohnehin im Promillebereich. Es ist ein fatales Heranwachsen von Überlegungen, die nur zwei Sekunden währen, bevor der gesunde Menschenverstand, der in diesen Tagen und vielleicht grundsätzlich so schwer durchzuhalten ist, wieder einsetzt.

Der ausgesetzte Frühling, die erkrankte Hebamme, der lange Schlussspurt, wie passt das zusammen?

Ansonsten: Die Hausärzte impfen. Boris Johnson kündigt an, nächste Woche in einem Pub ein Bier zu trinken. Kritik und Zustimmung für den Brückenlockdown. Kein EU-Staat erreicht das selbstauferlegte Ziel, bis Ende März mindestens achtzig Prozent der über 80-Jährigen zu impfen. Im »Saarland-Modell« werden im Saarland verschiedene Einrichtungen des öffentlichen Lebens wieder geöffnet. Im Kreis Vorpommern-Greifswald wird eine systematische Verzögerung von Neuinfektionsmeldungen vermutet, die zum Ziel hat, die Inzidenzzahlen niedrig zu halten.

6. April | Brückenlockdown

Die Form schließt an gestern an. Weil über Ostern weniger gemeldet und getestet wird, »sinken« die Zahlen, weshalb Öffnungen beschlossen werden. Zu den zahlreichen Pandemieneologismen wie atmende Öffnungsmatrix oder Wellenbrecherlockdown stellen sich zwei neue Begriffe: Bundeslockdown und Brückenlockdown, letzterer das Ergebnis der Osterüberlegungen des CDU-Vorsitzenden, ungewiss, ob die Worte ein Rebranding des Bisherigen sind oder anderes bedeuten sollen. Diskutiert wird, ob der Zeitpunkt für ein nächstes Entscheiden möglicherweise um eine Woche vorgezogen werden soll. Die nichtgetroffene Gründonnerstagentscheidung ist auch schon wieder zwei Wochen her.

Währenddessen werden auf Twitter die Profilbilder in den Inzidenzfarben der jeweiligen Landkreise gefärbt; rot, dunkelrot, lila. Die Berichte der Ärzt:innen, die dort seit Monaten von den Intensivstationen erzählen, werden zunehmend bitterer, so, als hätten sie jede Zuversicht aufgegeben, dass die dritte Welle die Stationen nicht volllaufen lassen würde.

Auch wenn ich Kriegsmetaphern grundsätzlich vermeiden sollte, fühlt sich diese Osterruhe an wie ein Stellungskampf; verschanzt und vergraben, jede Bewegung wird so lang wie möglich vermieden, nein, dieses Bild geht vorn und hinten nicht auf, dann schon ein Bild dieser Zeit, ein Eiertanz im Auge des Hurrikans, diese angenommene Ruhe, diese gefühlte Sicherheit, dieses ewige Ausharren, diese anstrengende Gleichgültigkeit, ob Anfang Mai schon 20% der Deutschen geimpft sind oder Ende Juli alle, die es wollen, zumindest einmal, weil ich erschöpft annehme, dass bis dahin weitere Worte erfunden werden, die einen eigenen Eintrag abwerfen, aber letztlich das gleiche sagen wie in den vergangenen Monaten, ich mag das weder mehr schreiben noch lesen, während die Modelle rattern.

Ansonsten: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schlägt, der Pandemie wegen in diesem Jahr die Abiturprüfungen ausfallen zu lassen. Nur Geimpfte und Genesene sollen an Pilgerfahrt Hadsch und Umrah teilnehmen dürfen.

5. April | Osterruhe

Armin Laschet kündigte an, über die Ostertage gemeinsam nachdenken zu wollen; »wo können wir weitere Schutzmechanismen einführen, wo können wir das Leben herunterführen…« Auf Twitter kursiert seither der Hashtag #laschetdenktnach. Darunter werden Fotos von einem nachdenklichen Armin Laschet gezeigt und Sätze geschrieben wie »Warum landen Meteoriten eigentlich immer in Kratern?« oder »Warum bestellen wir runde Pizzen in viereckigen Schachteln und essen sie dann als Dreiecke?« oder »Warum heißt es überhaupt Fallzahlen wenn sie doch immer steigen?«. Ein Twitterbot zählt die Tage, seitdem Angela Merkel in einer Talkshow sagte, dass man nicht mehr warten könne, der Bot steht bei 8.

Armin Laschet in der Pandemie ist Symbol fürs Öffnen und Zögern geworden, Angela Merkel Symbol für das Begreifen der Situation und der fehlenden Autorität, diese zu verändern. Im Grunde geht es nicht um diese beiden oder Bots oder Tags, sondern darum, mitten in einer Krise, die sofortiges Handeln erfordert, die Ostertage abzuwarten und den R-Wert weiterlaufen zu lassen.

Währenddessen rechnen Modelle vor, was jeder weitere abgewartete Tag nach den Ostertagen mit den Fallzahlen macht, sind die gemeldeten Zahlen der Gesundheitsämter der Osterruhe wegen nur unvollständig und erlauben keinen realistischen Blick auf die aktuelle Situation, demonstrieren in Stuttgart 15000 selbstbewusst und viruszugeneigt und zeigen sich Verantwortliche in Stadt, Land, bei der Polizei erstaunt und zerknirscht über das Verhalten der 15000 und geloben, dass beim nächsten Mal die Pandemieauflagen verantwortungsbewusst und kompromisslos durchgesetzt werden müssen, Ostern 2021.

4. April | Gegenüber

In letzter Zeit mehrere Gespräche übers Impfen. Die verschiedenen Gegenüber eint eins: Sie werden sich nicht impfen lassen. Es sind keine Gespräche, in denen Bedenken geteilt werden oder Unsicherheit spürbar ist. Die Entscheidung ist längst gefällt, ist definitiv. Die Gründe sind u.a. mein Immunsystem ist stark genug für das Virus. Oder: Ich möchte nicht Teil eines Menschenexperiments werden.

Die Rede gerät (natürlich) auf AstraZeneca Vaxzevria. Es kommt nicht dazu, dass ich meine Sorgen teilen kann, meine Kritik am Vorgehen, die Zustimmung für das Aussetzen von AstraZeneca, letztlich auch meine insgeheime Erleichterung darüber, dass ich durch den Impfstopp für unter 60jährige kein Vaxzevria erhalten werde. Meine Gegenüber sind auf Hochtouren, sofort die Nebenwirkungen, die Erkrankungen, die Hirnvenenthrombose, die Toten. Sofort die Toten als Beleg für das Experiment.

Die Gespräche gehen dahin, dass ich meine Impfabsicht verteidigen muss. Die Gegenüber sind zum Teil ehrlich überrascht, dass ich mich impfen lassen werde, weil die Informationen, die in ihren Channels geteilt werden, gar keinen Zweifel daran lassen, wie gefährlich und unverantwortlich Impfen ist. Ich überlege, die sieben oder neun Toten gegen hunderte Tote am Tag zu stellen und lasse es, weil ich annehme, dass diese für mich so elementare Überlegung am Blick meiner Gegenüber nichts ändern würde, dass sie die hunderten Toten am Tag anzweifeln würden, dass ihre Logik eine andere ist: vom Virus geht keine Gefahr aus, von der Impfung schon.

Die Gespräche wühlen mich auf. Ich habe angenommen, im Grunde gehofft, dass etwas die Meinung der Gegenüber ändert: die zweite Welle, die dritte Welle, drei Millionen Tote, die Augenzeugeberichte der Ärztin:innen, die Bilder aus den Intensivstationen. Zumindest nahm ich an, dass am Ende, beim Impfen die bekannten Welterklärungsmodelle der Gegenüber nicht greifen würden, dass sie, vor die Wahl gestellt, den Impfstoff nicht in Frage stellen würden.

Nun muss ich erkennen, dass sich selbst bei dieser so klaren Sache – die viel höhere Wahrscheinlichkeit des Schutzes des eigenen Lebens durch eine Impfung – nichts ändert an den Mechanismen ihres Denkens und Erklärens. Der Blick auf Corona wird bei den Coronaleugner:innen, den Maßnahmekritiker:innen, den Querdenker:innen, den Coronawütenden – ich habe ihn immer noch nicht gefunden, den passenden Begriff, der exakt festhält, was meine Gegenüber ausmacht – so bleiben. Es wird keine Diskussionen geben, kein Austausch von Informationen. Der Blick ist fest und endgültig. Meine Gegenüber und ich – wir stehen uns gegenüber, unmöglich, nebeneinander zu sein, selbst beim Schutz nicht, gerade dort.

Ansonsten: Die Initiative »Querdenken« feiert ihr Jubiläum mit zehntausend Demonstrant:innen in Stuttgart. Mehr als 100 Millionen Erstimpfungen in den USA. Coronaausschreitungen in Brüssel und St. Gallen. Die Bundesagentur für Arbeit erklärt sich zur Mithilfe bei Impfungen von Arbeitslosen bereit. In Niedersachsen werden 14 Städte für Öffnungsmodelle ausgewählt. Nach dem Impfstopp von AstraZeneca für Unter-60-Jährige kommt es in NRW zu überlasteten Leitungen wegen der Anrufe von Über-60-Jährigen, die sich nun außer der Reihe impfen lassen können. Nachdem Daimler während des Lockdowns etwa 700 Millionen Euro durch Kurzarbeitergeld eingespart hat, zahlt der Konzern seinen Aktionären eine Dividende von insgesamt 1,4 Milliarden Euro. Um in Pandemiezeiten die Spargelernte zu gewährleisten, erwirkt das Ministerium für Landwirtschaft die Ausweitung sozialversicherungsfreier Beschäftigung von drei auf vier Monate. In Berlin tritt einer Maskenverweigerer einer schwangeren Verkäuferin in den Bauch.

3. April | Morgellons

In meiner Maske, auf meinen Schnellteststäbchen leben Parasiten, kleine, schwarze Würmer, die sich im Stoff bewegen, Morgellons, die ich einatme und verschlucke, eine Geschichte, die nicht erfunden ist; wahr für jene, die daran glauben wollen und nicht anders können, eine Form des Dermatozoenwahns, die krankhafte Vorstellung, die eigene Haut wäre von Parasiten befallen.

1. April | Weimarer Modell

Ich habe gezögert, an diesem Gründonnerstag, der die Osterruhe hätte einleiten können, etwas über die Modellstadt Weimar zu schreiben. Der Grund dafür: Es gibt nicht allzu viel zu berichten. Drei Tage lang sind in der Stadt die Geschäfte geöffnet, die seit Monaten geschlossen haben. Wer kaufen will, braucht einen negativen Test, Maske und Luca/Adressliste. Vor dem Kasseturm, ein Studentenklub, in den nun ein citynahes Testzentrum eingezogen ist, zieht sich die Schlange hin bis zum Moni Ami, ein Kulturzentrum, in das nun ein Impfzentrum eingezogen ist. Davor warten die Getesteten auf ihre Ergebnisse. Mit negativem Test geht es zu den Geschäften. Davor sind Stehtische aufgebaut, an denen Mitarbeiter:innen die Tests begutachten, Adressdaten aufnehmen und Einkaufskörbe austeilen.

Die Einkaufsstraße ist nicht leer, aber auch nicht tübingenvoll. Die Junisonne scheint freundlich, die Stimmung ist gelöst, auch weil eine Hundertschaft Polizisten zur Räumung einer Hausbesetzung abgezogen ist, die Besetzer haben zuvor coronagerechte Handlungsanweisungen an die Mitstreiter:innen verteilt. Jugendliche spielen aus der Bluetoothbox Ischgl Fieber von Tommy Tellerlift, husti husti heh. Ein Mann kommt aus einer Parfümerie und sagt zu seiner Frau: »Wenn das die neue Welt ist … mir steht das hoch bis zum Kranz«. Viel mehr gibt es nicht zu beschreiben.

Interessanter sind die Äußerungen von Expert:innen, die Modellversuche wie diese nicht grundsätzlich ablehnen, sie vielleicht sogar als Möglichkeit sehen, möglichst viele Menschen zum Testen zu animieren. Aber zugleich fragen, ob während einer Zeit exponentiellen Wachstums der geeignete Moment dafür ist, Bilder von kontaktvollen Flaniermeilen in die coronamüden Köpfe zu zaubern. Sie fragen auch, nach welchen wissenschaftlichen Kriterien solche Modelle durchgeführt werden, welche Erkenntnisse daraus gewonnen werden sollen, was Erfolgskriterien sind. Wenn als Erfolg gilt, dass wieder Menschen in der Einkaufsstraße unterwegs sind, wäre das kein erfolgreiches wissenschaftliches Modell.

Für eine wissenschaftliche Betrachtung ließen sich verschiedene Kriterien ansetzen: Inzidenz, Krankenhausbelegung, Wirtschaftsleistung in einem Sektor. Um das mit zeitlichem Abstand bewerten zu können, braucht es Vergleiche, also Städte mit ähnlicher Struktur, die während des Öffnungszeitraums geschlossen waren. Es geht darum, ein solches Modell als seriöse Möglichkeit zu nehmen, um Informationen zu sammeln. Das Modellhafte sollte kein Vorwand sein, um Geschäfte zu öffnen.

Als ich gestern in der Einkaufsstraße war, fühlte sich alles nicht wirklich entspannt, aber auch nicht fundamental falsch an. Die 23° halfen dabei, obwohl ich das Geschehen im Grunde genommen wahnsinnig und surreal fand, wobei es schon surreal ist, für das Einkaufen anderer Leute ein Wort wie surreal zu wählen.

Ich betrat kein Geschäft, sah zu, wie die, die betraten, Zettel mit ihren negativen Tests entfalteten, Tests, die zu einem großen Prozentsatz verlässlich sind. Viele hatten keine Papiere dabei und keine Tests vornehmen lassen, u.a. ich, und wir waren dennoch anwesend und hielten uns dort auf, wo Kontakte gemacht werden und man kam doch mal ins Gespräch und sich näher oder stand vor dem Eiscafé vor jemanden, der recht dicht aufrückte und ich bin gespannt auf die Ergebnisse des Weimarer Modells, die Auswertung, die Erfolgskriterien, wie es sich in Zahlen lesen wird, das Flanieren in der dritten Welle.

Ansonsten: Das Weimarer Modell wird um einen Tag verlängert. Wegen deutlich gestiegener Inzidenzwerte schränkt die Stadt das Tübinger Modell ein. Der Handelsverband rechnet damit, dass nach der Pandemie 82000 Einzelhandelsgeschäfte schließen werden. Wegen steigender Zahlen verhängt Mallorca eine Ausgangssperre. Wegen stark gestiegener Zahlen verhängt Frankreich für vier Wochen einen landesweiten Lockdown. Nach einem Gerichtsurteil muss Belgien die vierwöchige Osterruhe zurücknehmen. Der Anteil von B117 an den Neuinfektionen liegt in Deutschland bei etwa 90%. Bayern plant, die Impfreihenfolge zugunsten großer Betriebe zu ändern. Eine Studie zeigt, dass die während der Pandemie errichteten, provisorischen Radwege dazu führen, dass mehr Menschen aufs Auto verzichten.

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