Coronamonate. Mai 2021

6. Mai | aushalten

Die Tage sind eine Phase der Pandemie, in der Geimpfte und Ungeimpfte es zusammen aushalten müssen. Ich wünsche mir, dass nicht jedes Impfselfie mit dem ironischen Hashtag gechippt inklusive Zwinkerimpfemoji kritisch hinterfragt wird und jeder, der aus dem Impfzentrum tritt, sofort verlangt, im Biergarten oder am Meer sitzen zu müssen, weil er sich ansonsten in seinen Grundrechten beschnitten sieht. Es geht darum, den Zustand des anderen auszuhalten. Diese Phase wird nur wenige Monate dauern, die kurze Zeit mit solchen Diskussionen und Hitzewallungen zu verwenden, wäre Vergeudung. Im Sommer werden die meisten, die geimpft sein wollen, geimpft sein.

Außer den Kindern. Das wirft ganz andere Fragen auf, die Antworten darauf sind weniger hell. Eine weitere Frage, die sich nach dem Sommer stellen wird: Was geschieht mit jenen, die sich nicht impfen lassen wollen, die sich gegen den eigenen Schutz und den von anderen entscheiden? Wie weit wird die Solidarität mit jenen reichen sollen, die das ausschlagen? Welchen Zustand wird dann wer aushalten, welche Freiheit? Und wie wird es später mit dem Aushandeln zwischen Gerechtigkeitsempfinden und Notwendigkeit sein, wenn Impfunwillige mit Geld von einer Impfung überzeugt werden sollen.  

Ansonsten: Die amerikanische Regierung unterstützt die Aussetzung von Patenten für Coronaimpfstoffe. Weil viele seiner Patentinnen AstraZeneca ausschlagen, bietet ein Hausarzt aus Ostwestfalen die übrigen Impfdosen per Ebay an. 100000 Impfdosen werden in NRW für soziale Brennpunkte reserviert. Mecklenburg-Vorpommern erlaubt vollständigen geimpften Tagestouristen die Einreise, Kinder dürfen sie nicht mitbringen. Ein Transportflugzeug der Bundeswehr fliegt eine Sauerstoff-Produktionsanlage nach Indien. Häusliche Absonderung mit Ausnahme der Wahrnehmung der beruflichen Tätigkeit, eine sogenannte »Arbeitsquarantäne« für tausende Erntehelferinnen auf einem Spargelhof in Kirchhof.

5. Mai | Impf-

Impfstoffsuche Impfstoffentwickler Impfstoff Impfdosis Impfzentrum Impfstart Impfling Impfverordnung Impfpriorität Impfliste Impfausweis Impfstoffmangel Impflogistik Impfstau Impfdrängler Impftourist Impfdesaster Impfgipfel Impfarzt Impfwettbewerb Impfstatistik Impfnewsletter Impfreaktion Impfschaden Impfstopp Impfstudie Impfreihenfolge Impfneid Impfsolidarität Impfbereitschaft Impfangst Impfskepsis Impfzwang Impfgegner Impfverweigerer Impfliteratur Impfoffensive Impfkampagne Impfluencer Impfsaft Impfeuphorie Impfselfie Impffreiheit Impfturbo Impferfolg Impfende

Ansonsten: Laut einer Umfrage haben 83 Prozent der Deutschen keine Angst vor dem Impfen. 11000 Menschen feiern auf dem Strawberry Music Festival in Wuhan. In Köln-Chorweiler wird geimpft. Die Luca-App wird gehackt. Comirnaty, die Corona-Vakzine Pfizers bringt für das erste Jahresquartal 3,5 Milliarden Euro an Umsatz. Indien.

4. Mai | …

ein Eintrag ohne Corona, ein Tag, an dem Worte leer sind

3. Mai | fühlen und schieben

Ich schreibe darüber, dass ich optimistisch bin, schreibe, dass ich wenig Neid verspüre. Damit schreibe ich über mein Fühlen. Es ist da, es ist unmittelbar. Dabei blende ich bereitwillig und notwendigerweise aus, wie komplex und widersprüchlich die Themen sind, zu denen ich fühle, dass ich, wenn ich mich ehrlich befragen und mich länger beschäftigen würde, nicht nur übers Fühlen schreiben dürfte.

Wenn ich jeden Tag zufrieden den seit Tagen sinkenden Weimarer Inzidenzwert verfolge, dann ist das mein Fühlen. Dabei weiß ich, dass der Grenzwert 165 eine willkürliche, wissenschaftlich nicht begründbare Zahl ist, so viel höher als die Zahlen vor einem Jahr, dass das Schielen auf die 165 nicht die Ursachen der Situation in Angriff nimmt, sondern Kompromiss ist, Kosmetik im Grunde. Dennoch richte ich mein Fühlen an der 165 aus, mein Wohlbefinden.

Wenn ich von meinem Optimismus angesichts der nicht eingetroffenen Maximalszenarien schreibe, blende ich aus, dass die Zahlen Anfang Mai dennoch so und so viel höher sind als vor zwei Monaten. Ich blende die Zahlen bei den Kindern aus. Wenn ich schreibe, dass ich nur wenig Neid auf die Geimpften verspüre, auf die geplanten Lockerungen für sie, dann ist das so. Ich blende die Fragen danach aus, wie es sein wird, wenn die unfreiwillig noch Ungeimpften in den dann für die Schongeimpften wieder geöffneten Gaststätten und Kinos arbeiten dürfen. Ich blende aus, wie relevant Fragen nach Lockerungen sind, während zugleich die Intensivstationen gelegt sind. Blende die Antwort auf die Frage aus, wie es mit der Solidarität gehandhabt werden wird, wenn viele geimpft sind außer den Kindern, wer sich dann zurückhält, ob dann die Luftfilter in Schulen installiert sein werden oder ob man die zwangsläufigen Infektionen in Kauf nehmen wird.

Blende all die bekannten Versäumnisse von Planung, Durchführung, Kommunikation, Willen aus, all die Ungerechtigkeiten. Ich blende die Fragen aus, wer sich in der Pandemie wie einschränken musste und wie gleich diese Einschränkungen verteilt waren. Wer sich einer Gefahr aussetzen musste und wer das Privileg hatte, diese weitesgehend zu vermeiden. Ich blende die Fragen danach aus, wer wie nicht arbeiten und kein Geld verdienen konnte und welche Kosten wie gewohnt weiterliefen, weshalb die Diskussion über Mieter und Vermieter eine der leisen war.

Ich tue das, weil mein Fühlen ansonsten zuallererst ein Grummeln und Wüten wäre. Draußen scheint die Sonne, der 15. Monat der Coronamonate hat begonnen, ich möchte glauben, dass es bald geschafft ist. Auf diesen letzten angenommen Kilometern möchte das Gefühl nicht differenzieren. Es weiß um das Komplexe, kennt die Ungerechtigkeiten und schiebt sie dahin, wo sie den Optimismus nicht stören können.

Ansonsten: Intensivmedizinerinnen ziehen eine erste positive Bilanz der Notbremse, »tausende Leben wurden gerettet«. In den letzten Wochen wurde in Deutschland hochgerechnet auf hundert Einwohnerinnen mehr geimpft als in den USA und Großbritannien. Das Oktoberfest wird abgesagt. Lockerungen in Tschechien und Frankreich. Über vierzig Länder schicken Hilfslieferungen nach Indien. Auf einem Spargelhof in Niedersachsen werden 87 Neuinfektionen festgestellt. Reden übers Reden.

2. Mai | Vorrang

Nachdem der Impfgipfel andeutete, dass ab Juni die Impfpriorität fallen soll, wird vorgeschlagen, wer bis dahin bevorzugt geimpft werden sollte: Industriearbeiterinnen, Studentinnen, Eltern, Suchtkranke, Bewohnerinnen in sozialen Brennpunkten, jene, die viele Kontakte haben. Die Gründe dafür sind moralisch und logisch; es geht um Entlastung, um ein Unterbinden von Verbreitungswegen.

Und weil in der Pandemie nicht alle Gefühle heilig sind, frage ich mich, ob ich neidisch bin. Neidisch auf die schon Geimpften, die keiner Risikogruppe angehören und durch verschiedene Umstände einen Termin erhielten. Ich kann ehrlich schreiben, dass Neid nicht das vorrangige Gefühl dabei ist. Ebenfalls kein Neid bei den Vorschlägen zu möglichen bevorzugt Geimpften. Vielleicht ein Ungerechtigkeitsgefühl, wenn es die Industriearbeiter werden sollten. Ansonsten eher die Frage, wofür ich bin: für ein sofortiges Aufheben von Beschränkungen, was weniger bürokratischen Aufwand bedeuten und die Impfungen zusätzlich beschleunigen würde, dafür aber jene bevorzugen würde, die über Kontakte verfügen und Ressourcen haben, täglich dreißig Arztpraxen abzutelefonieren. Welche Kategorie sollte in dieser Pandemiephase gelten? Effizienz? Gerechtigkeit?

1. Mai | weiße Rosen

Um gegen die Ermittlung gegen den Weimarer Richter zu protestieren, der vor wenigen Wochen die Maskenpflicht für zwei Kinder aufhob, rufen Querdenkerinnen zu einer Demonstration vor dem Weimarer Amtsgericht auf. Sie wollen weiße Rosen niederlegen, in Erinnerung an die Widerstandsgruppe der Weißen Rose. Die Demonstration wird untersagt, sie findet dennoch statt.

Das Gebäude des Weimarer Amtsgerichts ist auch Drehort des Weimarer Tatorts, das fiktive Polizeipräsidium befindet sich darin. Einer der Weimarer Kommissare nahm teil an allesdichtmachen, zwei Kommissarinnen sprachen sich dagegen aus. Das Weimarer Amtsgericht befindet sich an der Ecke zur Thälmannstraße, die benannt ist nach Ernst Thälmann, der im KZ Buchenwald ermordet wurde. Die Thälmannstraße geht über in die Ettersburger Straße, die den Ettersberg hinaufführt zum KZ Buchenwald.

Die Querdenkerinnen legen vor dem Amtsgericht Weimar an der Ecke Thälmannstraße weiße Rosen nieder in Erinnerung an die Widerstandsgruppe der Weißen Rose. Eine Querstraße vom Amtsgericht entfernt befindet sich der Buchenwaldplatz, wo auf großformatigen Fotos den Überlebenden Buchenwalds gedacht wird. Unter diese Fotos legen die Querdenkerinnen ihre weiße Rosen, entzünden Grabkerzen und hüllen das Grundgesetz in Trauerflor. Später ziehen die Querdenkerinnen zum Hermann-Brill-Platz, der benannt ist nach einem SPD-Politiker, der 1943 im KZ Buchenwald inhaftiert war.

Die Vereinnahmung der Weißen Rose durch die Querdenker und die damit einhergehende Umdeutung des Antifaschismus ist keine neue Sache. Hier, an diesen Orten, den Straßen und Plätzen, unter den Fotos wirkt sie besonders skrupellos. Natürlich, sollte ich ergänzen, weil dieses In-Bezug-Setzen so offensichtlich unsäglich ist. Aber so ein natürlich definiert sich in diesen Tagen anders. Da irren die Querdenkerinnen mit ihren Weiße-Rosen-Sträußen, die sie zuvor bei Blume 2000 in der Wielandstraße gekauft haben, über die Thälmannstraße, ein albernes Bild, schaurig zugleich.

Ihre Vereinnahmung von Orten, an denen ich fast täglich bin, stößt mich ab. Meine Hausfassaden, Ampelkreuzungen, Parks und Plätze werden zur Tapete ihrer Gedanken. Ihr Hochhalten der Smartphones, ihr Abfilmen ihres Raunens, das permanente Einspeisen ihres Rosenzugs in ihre Streams, ihre über Telegram verbreiteten Erzählungen, Hashtag weimarwirkommen, ihre Gruppenfotos vor den Absperrungen, die sie sich später bei Grillfesten zeigen werden, die einmal Erinnerung werden an ihr mutiges 2021, passieren dort, wo ich bin. Sie passieren mir.

Ich merke, wie ich die mir Entgegenkommende scanne, sie zuordnen will, merke, wie ich nach äußerlichen Merkmalen suche, die mir bei der Sortierung helfen. Ich merke, wie ich Ausschau halte nach einem »alternativem« Kleidungsstil, Batik, irgendwas mit bunter Wolle, dicke Schals. Ich halte Ausschau nach Outdoorjacken von Jack Wolfskin. In Weimar sind oft Demonstrationen. Die Demonstrantinnen sind leicht zu erkennen. Hier ist es anders. Die meisten Demonstrantinnen verschwinden im Alltäglichen. Verlassen kann ich mir nur auf ein sicheres äußeres Merkmal: Wer Maske trägt, legt keine weiße Rose nieder.

Am Bahnhof ein Tanz. Auf einen Fahrradanhänger für Kinder ist eine große Box gepackt, aus der eine Kinderliedmelodie dringt, »Alle Vögel sind schon da« umgedichtet in etwas wie »Alle hier sind schon geimpft«, eine Adaption, die das gleiche Stilmittel wie allesdichtmachen benutzt, die vermeintliche Ironie. Männer und Frauen in Outdoorjacken und dicken Schals bilden einen Kreis, tanzen, beklatschen sich beim Tanzen, suchen in den Gesichtern der Vorbeigehenden nach Zustimmung für ihr Tanzen. Eine infantile Szene, auch ein Karneval und wirkt kein bisschen aggressiv, fast harmlos, fast deeskalierend.

Jemand muss den Querdenkerinnen gesagt haben, dass sich einmal den Buchenwaldplatz runter eine Grundschule befindet. Sie eilen dahin, legen auf die Treppenstufen ihre weißen Rosen ab, stellen dort ihre Kerzen auf. Das ist der Anlass: Kinder mit Masken in Schulen. Es kommt zu Wortgefechten. Vorbeikommende rufen: »Ihr macht Euren Müll aber auch wieder weg. Den brauchen wir hier nicht.« »Das ist kein Müll, das ist schön«, rufen die Querdenkerinnen zurück. Die, die für die weißen Rosen das Wort ergreifen, sind im Zurückrufen noch nicht geübt. Sie sind es nicht gewohnt, ihre Stimme zu erheben. Ansonsten meiden sie Aggressivität. Hier saugen sie sie ein. Hier sammeln sie Worte, Bilder, Momente.

Als die meisten Querdenkerinnen schon wieder Richtung Süddeutschland unterwegs sind, räumen Anwohnerinnen die Rosen und Kerzen von der Schultreppe. Die Polizei schützt die Räumenden und hält die restlichen Querdenkerinnen zurück, die ihre Protestutensilien aus den Müllsäcken fischen wollen. Anschließend kommt die Stadtreinigung und entsorgt den Rest des Aufgestellten und vielleicht, wenn ich morgen an diesen Orten, Plätzen und Schulen vorbeilaufe, ist es, als wäre nichts gewesen. Das Gegenteil ist der Fall.

Ansonsten: Erstmals mehr als eine Million tägliche Impfungen in Deutschland. Australien erlässt Freiheitsstrafen für Heimkehrer aus Hochrisikogebieten. Diskussionen darüber, welcher Art die Lockerungen für Geimpfte sein sollen. Über 200 Verfahren gegen die Bundesnotbremse beim Verfassungsgericht. In Kalifornien wird nach 13 Monaten Disneyland wieder geöffnet. 3000 Menschen nehmen an einem Pilotprojekt der britischen Regierung teil, einem Megarave in Liverpool. Nach der Wiedereröffnung der britischen Pubs wird dort das Bier knapp. In Deutschland ist jeder tausendste an Corona gestorben. Mehr als 400000 Neuinfektionen in Indien. Weltweit 150 Millionen bestätigte Coronainfektionen, 3,1 Millionen Coronatote.

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