Coronamonate. Juni 2021

22. Juni | Herzstillstand

Einen Eintrag schiebe ich seit dem 12. Juni auf. An diesem Sonnabend brach während eines Gruppenspiels der Fußballeuropameisterschaft der dänische Spieler Christian Eriksen zusammen; plötzlicher Herzstillstand. Während die Ärzte um sein Leben kämpften, gruppierten sich seine Mitspieler um ihn, um ihn so vor den Blicken der gierigen Kameras zu schützen. Später riefen die dänischen Fans »Christian«, die finnischen Fans antworteten »Eriksen«, minutenlange Sprechgesänge. Noch am selben Abend beginnt das Gerücht zu kursieren, Eriksens Herzstillstand wäre die Folge seiner Coronaimpfung.

Ich wollte darüber schreiben, verbunden mit der Information, dass es keine Impfung gab. Damit wollte ich festhalten, wie Coronamythen entstehen, wie Leugner und Skeptikerinnen jedes Ereignis in ihrem Sinne umdichten können.

Bisher habe ich das nicht schreiben können. Viele Spieler der EM wurden vor den Spielen geimpft. Aus Israel wurden mehrere Fälle von Herzmuskelentzündungen bei jungen Männern nach der Impfung gemeldet. Und die Informationen, dass Eriksen nicht geimpft ist, stammte aus einer einzigen Quelle.

Das heißt: Auch wenn es mir unwahrscheinlich schien, wenn ich dieses Gerücht schäbig finde, dieses Instrumentaliseren eines Unglücks, kann ich nicht sicher sein. Die ausgedachte Geschichte ist nicht definitiv auszuschließen. Selbst wenn mittlerweile eine zweite Quelle von der fehlenden Impfung spricht: Reicht das, um diesen Eintrag zu schreiben und nicht in zwei Wochen meine Worte revidieren zu müssen? Aber ab wann kann ich felsenfest schreiben?

Und bleibt die Geschichte – Impfung tötet beinahe Hochleistungssportler – nicht so oder so in der Welt, klingt für immer in den Ohren derjenigen, die sich dadurch bestätigt fühlen? Warum ist das so? Das Gerücht dockt an die Realität, an die Bilder und das Fühlen von Millionen, vermischt diese Elemente, bis etwas entsteht, das, obwohl es nicht ist, sein könnte.

Ansonsten: Laut Angaben des Herstellers hat das kubanische Impfstoff Abdala eine Wirksamkeit von über neunzig Prozent. Sachsen hebt die Maskenpflicht im Freien auf. Indien stuft die neue Mutante Delta Plus als besorgniserregend ein. In Abwandlung des Enkeltricks täuschen Betrügerinnen am Telefon, dass nahe Angehörige an COVID-19, erkrankt seien und ein teures Medikament im Wert von bis zu vierzigtausend Euro Rettung verspricht.

21. Juni | Angst VIII

Ein weiteres Mal die Angst als Eintrag. Der Grund dafür ist die Deltamutante, die seit einigen Tagen komplett in der Alltagskommunikation angekommen ist. Delta rückt ins öffentliche Bewusstsein, verankert sich dort, wird zum Wort der Woche, wird Small Talk, jede, die man fragt, könnte aus dem Stand mehr über Delta sagen als über das Wahlprogramm der CDU. Man trifft sich, jemand sagt »Lass uns das genießen, solange, bis Delta kommt«. Artikel erklären, wie Delta wirkt und warum Delta eine größere Gefahr darstellt als die bisherigen Mutanten, Berichte erläutern, weshalb Delta die dominierende Variante werden wird, was das bedeutet, Reportagen zeigen Uganda, wo der Sauerstoff knapp wird, Delta Delta Delta.

Im Prinzip müsste ich das gleiche schreiben, was ich Anfang Januar über B117, die Alphamutante schrieb: Diese Mutante ist wie eine neue Pandemie zu betrachten. Doch es gelingt mir nicht. Die beklemmenden Worte, die um Delta kreisen – stark erhöhte Virenlast, doppelt so viele schwere Verläufe, Überwindung des Impfschutzes – erreichen mein Angstzentrum nicht. Nach sechzehn Monaten müsste ich besser wissen. Und vielleicht weil ich es gerade seit sechzehn Monaten besser weiß, möchte ich, dass der Reflex ausbleibt. Ich betrachte nüchtern die Zahlen, rechne hoch, wann sich die Zahlen verdoppeln werden, setze meinen (noch unzureichenden Impfschutz) dagegen, die Weimarer 7-Tage-Inzidenz von 1,5 dazu und belasse meinen Blick im vermeintlich Rationalen. Angst um mich ist nicht vorhanden.

Vorhanden aber ist die Sorge um jene, die mir nahestehen und von denen ich weiß, dass sie erst im Juli ihre Erstimpfung erhalten werden, dass sie vollständig geschützt erst im September sein werden, dann, wenn Delta die Zahlen verdoppelt und verdreifacht haben wird. Was geschieht bis dahin, frage ich mich bang und sorge mich doch.

Und ich frage mich, ob es weiterhin zynisch ist, lauter angstferne Einträge zu schreiben, weil hierzulande die Impfdosen gekauft wurden und dort, wo das nicht möglich war, trifft Delta mit seiner hohen Virenlast und den schweren Verläufen auf eine ungeimpfte Bevölkerung. Es sind ähnliche Berichte wie die aus Indien vor einigen Wochen, Sauerstoffflaschen werden zur Mangelware, Sauerstoffhändler, Sauerstoffdealer, Menschen, die ohne Sauerstoff vor den Krankenhäusern sterben, während ich mit Kaltgetränk in der Hand ein Spiel in Budapest verfolge, das 40000 in einem Stadion versammelt.

Da ist sie wieder, die Coronagleichzeitigkeit: die Inzidenz im einstelligen Bereich und die nächste Gefahr im Anmarsch, das Verkünden von Urlaubsplänen und das Sterben vor den Krankenhäusern, die fehlende Angst um mich und die Angst um andere, das angelernte Wissen und die Momente, in denen ich es bereitwillig vergesse. Wieso sollte ich schon zittern, wenn ich noch schwitze? Angst VIII ordnet sich in die Pandemie ein, sie ist wenig glorreich.

Ansonsten: 22 Millionen ausgestellte digitale Impfpässe in Deutschland. Die niedrigste Neuinfektionszahl in Indien seit drei Monaten. Zur Fußball-WM in Katar sollen nur vollständig Geimpfte Zutritt erhalten. Eine Studie soll untersuchen, ob sich das Bandwurmmittel Niclosamid als wirksam gegen Covid19 erweist. In den Philippinen droht Impfverweigerern eine Gefängnisstrafe.

19. Juni | Vernehmung

Heute bei der Polizei gewesen, um Anzeige zu erstatten. Erst nach einer halben Stunde in der Vernehmung gedacht, wie selbstverständlich es doch ist, vermummt auf einer Polizeiwache zu erscheinen.

Die Tat war banal, letztlich auch meiner Bequemlichkeit geschuldet. Hätte ich ein klein wenig mehr vorausschauende Sorgfalt walten lassen, wäre es dazu nicht gekommen. Durch einen Moment der Unachtsamkeit verliere ich jede Menge Nerven, Geld dazu und viel Zeit, die ich nun aufwenden muss, um alles wieder ins Reine zu bringen.

Als ich der vernehmenden Beamtin gegenübersitze, wir beide durch Plexiglas getrennt, mein Blick auf eine Tube Desinfektionsmittel gerichtet, denke ich darüber nach, wie sich diese dahinmäandernde Situation im Sinne der Pandemie deuten lassen könnte.

Zu Beginn der Befragung habe ich mich als Autor zu erkennen gegeben. Die Beamtin bemerkt scherzhaft, dass das Protokoll deshalb über entsprechenden Ausdruck verfügen sollte. Nun stehe ich unter Druck und bemühe mich, meine Aussage besonders blumig zu formulieren. Gemeinsam schreiben wir meine Zeugenaussage als ein kleines Prosastück, an dem wir beide sehr gewissenhaft arbeiten. Der kurze Moment meiner Unachtsamkeit wird so in aller Ausführlichkeit dokumentiert, all die kleinen Schritte, die dazu führten, wirken so penibel beschreiben zugleich banal wie entlarvend.

Was also mit Corona? Ich sitze, lege Zeugnis und denke: einen Augenblick lang bequem gewesen und dafür so aufwändige Folgen. In der Pandemie habe ich solche unachtsamen Augenblicke zuhauf gesammelt, momentan gerade in den letzten Tagen, auch wenn Folgen bisher glücklicherweise ausblieben. Im Großen der Pandemie gibt es viele Beispiele solcher Leichtfertigkeit, die Folgen blieben nicht aus, im Gegenteil. Gerade geschieht es wieder. Ein Beispiel von einigen: Das Endspiel der Fußballeuropameisterschaft in dem Land, in dem die Deltamutante neunzig Prozent aller Infektionen ausmacht. Die Diskussion über den Wegfall der Maskenpflicht in Geschäften. Die Wangenküsse des französischen Präsidenten. Die Umarmungen nach jedem Tor von Robin Gosens. In Monaten wird es Prosastücke geben, die penibel und banal in aller Ausführlichkeit dokumentieren, die möglichen Folgen so viel aufwändiger als der Moment.

Ansonsten: Erstmals seit neun Monaten ist deutschlandweit die Inzidenz einstellig. Erstmals seit acht Monaten weniger als tausend Coronapatentinnen auf der Intensivstation. Mehr als die Hälfte aller Deutschen sind mindestens einmal geimpft. Mehr als eine halbe Million Coronatote in Brasilien. Mehr als vier Millionen Coronatote weltweit. In Frankreich und Deutschland werden verschiedene Partys mit jeweils mehreren tausend Besucherinnen von der Polizei geräumt. Wegen steigender Zahlen führt Russland in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen eine Impfpflicht ein. Die UEFA droht mit der Verlegung des EM-Endspiels von London nach Budapest, sollte Großbritannien nicht prominente Gäste und Sponsoren ohne Zehn-Tage-Quarantäne ins Land reisen lassen.

17. Juni | das erste Treffen

Mittlerweile hatte ich einige erste Treffen, erste Wiedersehen seit Beginn der Pandemie, mindestens seit letztem Sommer. Nach Monaten des Austauschs über Mail, Zoom, Telefon Begegnungen, auch in größeren Gruppen. Es ist nicht immer einfach, nahtlos anzuschließen an die große Zeitlücke, die Corona gerissen hat; die Themen, das Miteinander, die Vertrautheit, das Sprechen und Beisammensein, das anders ist auf Stühlen nebeneinander, sich gegenüberstehen. An manches muss ich mich herantasten, fast wieder erlernen, dieses Verhalten unter Menschen in ungezwungen sozialen Situationen. Manches ergibt sich von selbst – erstaunlicherweise oft die Nähe, das Überwinden des räumlichen Abstands, das Sitzen auf engen Bänken, selbst Umarmungen.

Letzteres ist auch einer zunehmend schwindenden Angst vor Ansteckung und schweren Verläufen geschuldet. In Weimar liegt die Inzidenz bei 7, 11 aktive Fälle in der Stadt. Ich trage viel öfter die bequemen und mich nicht schützenden OP-Masken als FFP2, weil ich das Risiko einer Infektion, die Gefahr durch eine Infektion für gering erachte. Ich weiß, dass ich mir damit auch die Tasche lüge, aber ich wäge ab, ich handele so bei 35 Grad und nach sechszehn Monaten Pandemie.

Und weiterhin ist die gegenwärtige Situation kaum zu fassen. Vor zwei Monaten leuchtete die Deutschlandkarte dunkelrot, heute ist sie grün, fast weiß, nur zwei Kreise über einer Inzidenz von 50. NoCovid in der Mitte des Junis und die Rasanz, mit der die Zahlen weiterhin fallen, erstaunen. Die Erklärung weiterhin das Impfen und die Saisonalität.

Aber geht das so einfach auf? In England, wo auch Saison ist und von fünf drei geimpft sind, knapp die Hälfte doppelt, steigen die Zahlen seit Wochen, sind die Zahlen momentan die höchsten seit Februar.

Der Grund dafür ist die Deltamutante. In Großbritannien hat sie B117 verdrängt. Delta ist deutlicher ansteckender, führt zu schwereren Verläufen, auch bei Geimpften. Auch vollständig Geimpfte sind an Delta gestorben, zwölf, die Zahl scheint gering, eine Zahl, die vom Schutz nimmt, von der Gewissheit, der Sorglosigkeit.

Und wie im Dezember die Prognose, dass Delta auch in Deutschland verdrängen wird, mit den erwartbaren Verschiebungen. Aber anders als im Dezember gestatte ich mir diese Gedanken nicht. Bei einer Inzidenz von 7, bei 35 Grad, bei einem zweiten Impftermin in drei Wochen denke ich nicht an Delta. Ich trage die OP-Maske, halte grundsätzlich Abstand zu Fremden, aber die ersten Treffen, die bald zweite werden, die lasse ich geschehen, die traue ich zu, die fordere ich ein.

Ansonsten: Das Tübinger Pharmaunternehmen Curevac meldet, dass der entwickelte Impfstoff in den Test nur eine geringe Wirksamkeit erzielt hat. Nach einer Coronapause öffnet das Taj Mahal wieder. Der Global Peace Index meldet für 2020 mehr als 5000 gewaltsame Ereignisse im Zusammenhang mit der Pandemie, insgesamt ist die Welt im Pandemiejahr konfliktreicher geworden. Starke Nachfrage nach Flügen nach Mallorca.

15. Juni | nach der Pandemie

Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass nach der Pandemie wieder alles so ist wie vor der Pandemie. Diesen Satz wollte ich lange schon schreiben, seit März 2020, als die sogenannte Normalität ausfiel und Platz machte für Gedanken, Hoffnungen, Utopien. Die Metapher war: Die Pandemie als Brennglas, unsere Leben dadurch gesehen, im Fehlen der Routine ein Offenbaren der Störungen, Abwege, Ungerechtigkeiten unserer hingenommenen Systeme. Die Veränderung zeigte, was möglich war, was sein könnte; der fehlende Verkehr, das Hören der Singvögel, die PopUp-Radwege, ein anderer Blick auf die Bewertung von Berufen. Der Glaube, diese Beobachtungen aus dem Anhalten der Welt in etwas dauerhaft Verändertes in die Nachcoronazeit zu überführen; Digitalisierung, sozialer Wandel, ein verändertes Verkehrssystem, verändertes Konsumverhalten, veränderte Einstellung zur Lohnarbeit, grundsätzlich eine andere Einstellung zu dem, was wir als istebenso hinnehmen. Ein Momentum des Wandels, anderthalb Jahre die Gelegenheit vor Augen geführt zu bekommen, was sein könnte.

Wenn ich vor einer Woche über Normalität geschrieben habe, meinte ich meine kleine Normalität. Milliarden kleine Normalitäten, mit allem Recht zur Rückkehr. Aber reicht das? Was bleibt, wenn die Sommerwochen vorbei sind, die Badewannen von Aperol Spritz getrunken sind und man sich nicht mehr ungläubig in den Arm zwickt, wenn man Freunde trifft, die man monatelang nicht sah? An welche Utopie erinnere ich mich dann noch? An welche glaube ich, welche finde ich nicht naiv, für welche finde ich die Kraft, für sie einzutreten?

18 Coronamonate wären vergebens gewesen, wenn der erste Monat danach wäre wie der erste Monat davor, alles Durchhalten verschwendet, wenn wir nahtlos anschließen, im Großen, im Kleinen.

Ansonsten: Bisher sind fünf Millionen digitale Impfnachweise ausgestellt. Weil er gegen die Impfreihenfolge verstieß, wird der Oberbürgermeister von Halle seines Amtes enthoben. Im Saarland beginnt der maskenfreie Unterricht. Wegen der Deltamutante werden in Großbritannien die Lockerungen um einen Monat verschoben. New York hebt die Coronabeschränkungen auf. Mehr als 600000 Coronatote in den USA.

14. Juni | Freiheit

Ein Gespräch über C. Meine Gegenüber sagt, eine der größten Enttäuschungen der vergangenen anderthalb Jahre sei gewesen, dass bei einigen der Freiheitsbegriff so banal wurde: Freiheit ist der geöffnete Baumarkt, Freiheit ist der Kurzflug nach Mallorca, Freiheit ist Einkaufenkönnen, ein anderer Freiheitsbegriff, wie sie ihn von 89 kennt. Ich nicke, ich stimme zu. Bevor ich diesen Eintrag schreibe, denke ich daran. Jene, die 89 die Freiheit diskutierten, wurden 1990 bei den Wahlen abgestraft. Es gewannen jene, die Einkaufen versprachen, Baumärkte, Flüge.

13. Juni | unter freiem Himmel

Ein Festakt unter freiem Himmel, keine Tests, keine Masken, viele Gäste, lange nicht gesehen, die Inzidenz in Erfurt bei 15. Wie gut sich die Pandemie zum Small Talk eignet, wie ist es dir ergangen, wie bist du durch die Zeit gekommen, das ist meine erste Lesung seit Herbst, umarmen wir uns, stoßen wir die Ellenbogen gegeneinander, gut, dass jetzt wieder offen ist. Die Minuten des Beisammenstehens verfliegen so in Sekundenschnelle. In den Reden, Beiträgen, Texten und Anmoderationen ist Corona stets Thema, schön, dass die schlimme Zeit vorbei ist, vermaledeite Seuche, Ihr alle kennt den Grund dafür. B. liest einen Text über #allesdichtmachen, Leiden und Mitleiden, im Anschluss klatschen nicht alle. Noch später im Anschluss draußen sitzen in zweistelliger Zahl, immer wieder das gegenseitige Vergewissern, wie ungewöhnlich das einem erscheine und zugleich ein Zurücklehnen im Bewusstsein der Dekandenz, die unwirklich scheint, ein Eintauchen in die Badewannen voll mit Aperol Spritz, die vor der Staatskanzlei aufgebaut sind.

Ansonsten: In Moskau soll eine Autotombola zum Impfen motivieren. Die Städte fordern, dass die Impfzentren bis in den Herbst weiterbetrieben werden. Mehr als 40 Millionen in Deutschland geimpft, 30 Millionen in Frankreich. In den USA sind die Passagierzahlen beim Fliegen wieder so hoch wie zu Pandemieanfang. Im Jenaer Paradies feiern 2000 Menschen. Nachdem im hessischen Babenhausen ein Arzt zu einem »offenen Impftag« aufruft, versammeln sich 2000 Impfwillige vor dessen Praxis. Querdenken »war ein Zusammenschluss von Privilegierten, die um ihre verlorene Freiheit fürchteten und nicht verstehen wollten, dass es aktuell wichtigere Probleme gab. Dazwischen viele Verunsicherte, die durch die Corona-Maßnahmen tatsächlich um ihre Existenz fürchten mussten – und Menschen, deren Leben nicht so verlaufen war, wie sie sich das vorgestellt hatten und einen Sündenbock brauchten.«

12. Juni | mancher abend

Erstmals seit letztem Sommer bis nach der Dunkelheit in der sogenannten Außengastronomie sitzend, Wein trinkend, angefasst vom Juniwehen, der Wirt handelt 0,2 auf 0,4 hoch, ungläubig, dass es jetzt genauso ist, die Jungen tragen ihre in Rucksäcken verborgenen Boxen zu den Stadträndern hin, die Nacht rattert vorbei, wie bemerkenswert, ist das eine Bemerkung wert, wir sagen manches zur Pandemie und noch mehr nicht, als wir gehen, nickt ein Nerz uns zu, ehrfurchtsvoll.

11. Juni | nach den Kipppunkten

Die Frage des gestrigen Eintrags war keine rhetorische. Um eine Antwort zu finden, muss ich die Pandemie bewerten, schauen, was Anlass für Optimismus gibt und was nicht. Was Zuversicht versprechen sollte: Weniger als ein Jahr hat es gedauert, bis nicht nur einer, sondern mehrere Impfstoffe mit unterschiedlichen Wirkungsweisen entwickelt, getestet, produziert und verabreicht werden konnten. In den meisten Gesellschaften die grundsätzliche Überzeugung, dass Leben gerettet werden muss, selbst, wenn das Opfer für alle bedeutet. Viele Akte der Selbstlosigkeit. In Deutschland die gesamte Zeit über eine deutliche Mehrheit, welche es für richtig hielt, dass Maßnahmen gegen die Gefahr ergriffen werden.

Dem entgegen: Trotz dieser deutlichen Mehrheit hat die wesentlich kleinere Gruppe der Wissenschaftsleugnerinnen und Verschwörungsmystiker unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit erhalten und dadurch den Umgang mit der Gefahr beeinflusst. Trotz all der Maßnahmen 4 Millionen Tote. Trotz all des Wissens aus ähnlichen Situationen der Vergangenheit ignorieren dieses Wissent, wiedenholen von Fehlern. Die ungleiche Verteilung der Impfdosenlieferungen. Das Verschärfen sozialer Konflikte.

Es gäbe viel mehr zu finden und zu beschreiben, ich versuche anhand dieser wenigen Punkte unseren Umgang mit zukünftigen, längst schon im Verlauf befindlichen Katastrophen zu extrapolieren. Es wird einen Konsens geben, dass eine Gefahr besteht und einen, dass Rettung notwendig ist. Technik und Wissenschaft werden uns Werkzeuge gegen die Gefahr in die Hand geben. Es wird viele Opfer geben. Widerstand gegen die Rettung. Dass, was wir an Dynamiken im Katastrophenverlauf gelernt haben, wird uns nur bedingt helfen. Wir werden die Fehler der Pandemie wiederholen, die Kommunikation, die bürokratischen Abläufe, die Ungleichheiten, die Solidarität, die oft erst dann einsetzt, wenn sie wenig kostet.

Nichts lässt sich einfach so extrapolieren, nichts eins zu eins übertragen. Bei allen Gemeinsamkeiten sind die Katastrophen unterschiedlich. Die Erwärmung lässt sich nicht mit einer Spritze beenden. Einmal übertretene Kipppunkte sind irreversibel. Die Pandemie währt zwei Jahre, die Erwärmung Jahrzehnte. Die Erwärmung ist lange Zeit noch unsichtbarer als das unsichtbare Virus. Das Virus ist die Ursache, die Erwärmung hat viele.

Ich weiß, dass ich zuversichtlich sein muss, ich bin es. So wie es im letzten Februar meine Vorstellungskraft überstieg, dass ich die nächsten beiden Jahre eine Maske während des Zugfahrens tragen würde, übersteigt es meine Vorstellungskraft, was nach den Kipppunkten kommen könnte. Ich habe in der Pandemie der Entwicklung einer Katastrophe in allen Phasen beiwohnen können, ich habe dabei gelernt, ich weiß, dass mich dieses Wissen nur bedingt auf die nächsten Jahrzehnte vorbereitet.

Ansonsten: Die STIKO spricht keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche aus. Zum ersten Mal seit über zweihundert Folgen macht Stephen Colbert wieder eine Show von Zuschauerinnen, alle sind geimpft. Mehr als 6000 Coronatote in Indien. Im ehemaligen Hotspot Tirschenreuth sinkt die Inzidenz auf Null. In der EU ist jeder zweite Erwachsene mindestens einmal geimpft. Bis Juni 2022 wollen die USA 500 Millionen Impfdosen spenden, die G7-Staaten 1 Milliarde Dosen. Laut einer Studie sterben an der Delta-Mutante auch vollständig Geimpfte. Nach coronabedingtem Homestreik nimmt Greta Thunberg den »Skolstrejk för klimatet« wieder vor dem schwedischen Parlament auf.

10. Juni | Testlauf

Wenn die Pandemie ein Testlauf ist für unseren Umgang mit einer Katastrophe, die in jeden Bereich unserer Leben eingreift und zu deren Überwindung es unser aller Verhaltensveränderung bedarf und dazu einen Wandel des Systems, das wir uns gebaut haben, könnten wir dann zuversichtlich sein?

9. Juni | Werbung

2x Werbung fürs Impfen. Fürs deutsche Gesundheitsministerium wirbt Rainer Haselhoff David Hasselhoff vor GreenScreen Ärmel Hoch der Berliner Mauer wegen. Für Frankreich ein Clip, der für jede injizierte Impfung kausal eine Öffnung des Lebens impliziert: Kinos, Theater, Gaststätten, Universitäten, Bowlingbahnen.

Die erste Werbung ist für Menschen gedacht, die Bud-Spencer-T-Shirts tragen. Die zweite für mich. Ich möchte keine ironische Brechung. Ich möchte Pathos, ich möchte ein majestätisches Gefühl, ich will eine Träne der Erlösung am Rand meiner geschundenen Seele, ich will, dass ein Meer übersät mit biolumineszenten Algen die Pandemie flutet und dazu erhebende Musik, jahreszeituntypische Kälte, die das Spikeprotein gefrieren lässt, UV-Licht, welches die Mutanten in harmlose Varianten ihrer selbst schrumpfen lässt, ein gemeinschaftliches Klatschen, das die Viren wie Mücken erledigt. Ich möchte die Hoffnung, ich möchte das Öffnen, ich möchte das Beenden, ich möchte, was ich wünsche, eins zu eins wiedergegeben sehen, keine Metaebenen, keine Nostalgie, keine Verzerrung.

Ansonsten: Nachdem sich mehrere Spieler der spanischen Fußball-Nationalmannschaft infizierten, impft die Armee die rote Furie komplett durch. Nachdem er hunderte Impfdosen zerstörte, wird ein amerikanischer Apotheker zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Corona-Warnapp zeigt nun auch digitalen Impfnachweis an. In Indien werden 28 Elefanten auf das Virus getestet. In Pakistan gilt eine Impfpflicht für Arbeitnehmerinnen. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Weimar liegt bei 9.

8. Juni | dankbar sein

Vor zwei Wochen wurde ich geimpft. Ich lese den Eintrag von diesem Tag und bin irritiert. Meine Worte scheinen mir einen Prozess zu beschreiben, eine Selbstverständlichkeit zu schildern, sind eher funktional gedacht, im Grund kalt und wenig dankbar. Hätte ich nicht viel mehr von meiner Erleichterung schreiben sollen, meiner Freude, letztlich meiner Dankbarkeit?

Ist es denn selbstverständlich, dass im Impfzentrum Ostthüringen mehr als fünfzig Menschen dafür sorgen, dass mir, dem Individuum, eine potentiell lebensrettende Maßnahme zuteilwird? Ist es selbstverständlich, dass andere Menschen forschen und experimentieren, um einen Impfstoff zu entwickeln, der mich schützt? Dass sie Studien lesen und schreiben, Wissen sammeln und teilen, damit die Krankheit bekämpft werden kann? Sollte ich dankbar sein, dass Menschen in verschiedenen Funktionen ihre Zeit verwenden, um Strukturen zu schaffen, welche das Virus eindämmen? Dankbar, dass Milliarden Gelder, Gedanken, Stunden Arbeit verwendet werden, damit ich in größerer Sicherheit bin?

Oder ist es das, was ich von einer Gesellschaft erwarten sollte: Dass sie für einen Schutz sorgt, der so viele ihrer Mitglieder so gut wie möglich vor dem Schlimmen bewahrt? Das sie mich schützt? Dass sie mich in bestmögliche Sicherheit bringt? Wie äußere ich meine Dankbarkeit? Wird eine Gegenleistung dafür erwartet, dass ich geschützt und geimpft werde? Wie übe ich trotz Dankbarkeit Kritik am Schützen und Retten? Was darf ich voraussetzen, was für notwendig halten, für was dankbar sein? Schließt das eine das andere aus?

Ansonsten: Wegen einer drohenden Quarantäne verlassen knapp 30000 britische Urlauberinnen Portugal. Im bayrischen Bobingen wird eine Neunjährige versehentlich geimpft, der Vater stellt eine Strafanzeige, weshalb nun Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung laufen. In zwei niedersächsischen Landkreisen sinkt die Inzidenz auf Null. In Bremen sind mehr als die Hälfte aller Einwohnerinnen geimpft. David Hasselhoff macht Werbung für die Impfkampagne des Bundesgesundheitsministeriums und erhält dafür kein Geld. Das erste Konzert im Madison Square Garden seit März 2020 ohne Einschränkungen spielen die Foo Fighters.

7. Juni | normal

Normal ist ein Wort, das ich ungern verwende. Normal benutzt die AfD als Ausschlusskriterium, normal braucht ein unnormal, mein normal ist deine Ausnahme, mein normal ändert sich, Gruppen brauchen normal, frage ich nach, was normal bedeutet, wird es schwammig. Normal. Ich versuche dieses Wort zu vermeiden, für diesen Eintrag benutze ich es.

Mein Normal ist ein geöffnetes Eiscafé. Mein Normal ist in den Schmetterlingsladen ohne Test gehen zu können. Mein Normal ist das Schwimmbad. Mein Normal ist eine Reise. Mein Normal ist jemanden zu treffen. Ist viele zu treffen. Ist ein Picknick im Park. Jemanden zum gemeinsamen Abendbrot einzuladen. Drinnen sitzen mit anderen. Mein Normal sind Lesungen. Mein Normal ist in ein Museum zu gehen. In ein Kino. Auf ein Konzert. Mein Normal ist ein geöffneter Kindergarten. Mein Normal bei Sonnenschein in der Außengastronomie zu sitzen, bei Regen in der Innengastronomie. Mein Normal ist nicht zu wissen, was die Inzidenz des Ortes ist, an dem ich mich befinde. Mein Normal ist kein Zoom. Mein Normal ist keine Interviews über giftige Spikeproteine zu lesen. Mein Normal ist nicht über Impfschäden zu diskutieren. Mein Normal ist nicht abends einen Eintrag über eine Pandemie zu schreiben.

Was, wenn dieses Normal in diesen Tagen beginnt? Keine kurzzeitige Ausnahme von der Ausnahme, kein Verschnaufen zwischen Wellen, kein vorsichtiges Öffnen im Wissen, dass bald das unnormal wieder Standard sein wird. Sondern ein normal, das bleibt. Was, wenn das Unnormale, das dem Normalen noch beigestellt ist – Masken, Hinweisschilder, Tische und Stühle in größerem Abstand, der vorzuzeigende Impfausweis – das Normale etwas verkompliziert, es aber grundsätzlich zulässt. Was, wenn das erträgliche Unnormale ab heute nach und nach aus dem Normalen tropft? Was, wenn dieser Juni der erste Monat seit über einem Jahr ist, an dem ich glauben kann, es ist wieder so normal ist wie ich normal gern hatte. Was, wenn ich dieses einstmalige normal nicht mehr so unbefangen sehen werden könnte? Was, wenn ich mir neben dem normal noch ein weiteres normal wünsche?

Ansonsten: Ab heute ist die Impfpriorisierung aufgehoben. Ab heute dürfen auch Betriebsärzte impfen. Nach über einem Jahr coronabedingter Pause tagt das Europaparlament wieder in Straßburg. Mehrere Haftbefehle wegen des Betrugs bei Schnelltests. Bei einer Wanderung sagt Bundespräsident Steinmeier: »In einer nächsten Pandemie muss vieles anders laufen«.

5. Juni | Labortheorie II

Ein weiterer Blick auf die Labortheorie. Christian Drosten hält sie in einem (sehr lesenswerten) Interview für möglich, aber unwahrscheinlich.

»Diese Idee eines Forschungsunfalls ist für mich ausgesprochen unwahrscheinlich, weil es viel zu umständlich wäre … Lassen Sie es mich mit einem Bild erklären: Um etwa zu überprüfen, ob Anpassungen das Virus ansteckender machen, würde ich ein bestehendes System nehmen, da die Änderung einbauen und das dann vergleichen mit dem alten System. Wenn ich wissen will, ob ein neues Autoradio den Klang verbessert, dann nehme ich ein bestehendes Auto und tausche da das Radio aus. Dann vergleiche ich. Ich baue dafür nicht ein komplett neues Auto. Genau so war das aber bei Sars-2: Das ganze Auto ist anders.«

Wahrscheinlicher erscheint ihm, dass das Virus in der (chinesischen) Pelzindustrie entstanden ist. Dabei fallen folgende Sätze:

»Nehmen Sie Felltiere. Marderhunden und Schleichkatzen wird lebendig das Fell über die Ohren gezogen. Die stossen Todesschreie aus und brüllen, und dabei kommen Aerosole zustande. Dabei kann sich dann der Mensch mit dem Virus anstecken.«

Die Zoonose als Folge dessen, was der Mensch seiner Umwelt antut. Vielleicht wird sich die Frage nach dem Ursprung von SARS-CoV-2 sehr lang nicht beantworten lassen. Vielleicht wird der Ursprung Mythos bleiben und werden, auch nach einer eindeutigen Klärung weiterhin die Zweifel, die anderen Erzählungen dazu.

Ansonsten: Wegen sinkender Infektionszahlen lockert Indien die Maßnahmen. The Unexpected Beauty Of Covid-Hair.

4. Juni | zehn Tage

Zehn Tage sind seit der Impfung vergangen. Reaktionen blieben aus, ich vermute, dass damit die erste Phase überstanden ist. In einem Monat folgt der zweite Teil. Ich google nach DDR-Impfpass Corona, da Geschichten kursieren, dass der alte Impfpass beim Einreisen in andere Länder nicht erkannt werde. Benötige ich ein Dokument der neuen Zeit? Geschützt zu sein ist eine Sache. Die andere, dass die Impfung in einer pandemischen Welt auch anerkannt sein muss.

Ansonsten: Tierheime erwarten in den nächsten Monaten eine vermehrte Abgabe von Haustieren, die während der Pandemie angeschafft wurden. Nachdem ein Reiserückkehrer aus Indien an Covid19 starb, steht ein Wohnheim in Dresden unter Quarantäne. Die STIKO wird keine Impfempfehlung für gesunde Kinder und Jugendliche aussprechen.

3. Juni | Labortheorie

Ich sitze in der Außengastronomie und denke an die Labortheorie.

Diesen Satz schreibe ich, weil er zweierlei darstellen soll: Zum ersten Mal seit dem letzten Herbst sitze ich draußen, trinke, esse und bezahle dafür, was sich anfühlt wie etwas, das ungewöhnlich ist und deshalb festgehalten werden müsste. Festhalten mich zudem die zahlreichen Hinweise, wegen denen in den letzten Tagen vermehrt über die Theorie diskutiert wird, dass das SARS-CoV-2-Virus in einem Labor in Wuhan entstanden wäre.

Auslöser ist ein amerikanischer Geheimdienstbericht, nach dem mehrere Labormitarbeiter schon im September 2019 am Virus erkrankten. Es gibt keinen momentan öffentlich bekannten Beweis, der die Sache absolut klärt. Dafür Hinweise, die jeweils für eine von beiden Theorien zum Ursprung des Virus sprechen; sie sind Indizien, resultieren aus Erfahrungen mit anderen Viren, schließen aus.

Ich lese über die Labortheorie. Es ist wie ein Buddeln im Sand der Zeit. Die Geschichte von SARS-CoV-2 reicht weit über das Jahr 2019 hinaus, zurück mindestens bis 2012. Damals erkrankten sechs chinesische Bergarbeiter in einer Fledermaushöhle an einer Lungenkrankheit, deren Auslöser zu großen Teilen identisch ist mit SARS-CoV-2, drei Arbeiter starben daran. Das Virus wurde in Wuhan untersucht, wo sich eines von weltweit drei Laboren befindet, das solch spezielle Arbeiten ausführen kann.

Das ist eine Geschichte. Eine andere Geschichte ist die über das Verbergen von Informationen, ein ganzer Apparat steht dahinter, viele Personen sind daran beteiligt oder betroffen, nahezu unmöglich, den Überblick zu behalten. Die Geschichten gehen weiter. Über die politische Instrumentalisierung des Ursprungs, Trumps »chinesisches Virus«, einen Aufruf von Ärzten, die sehr früh die Labortheorie für unsinnig erklärten und damit rasch einen Ton in der Diskussion setzten, wie China die Ermittlungen der WHO sabotierte.

Die Geschichten sind komplex, ein Zusammenreimen ist notwendig, nichts ist eindeutig und liest sich wahnsinnig spannend. Ich beginne meine Betrachtung zur Ursprungsfrage zu hinterfragen. Die Labortheorie schien mir stets abwegig, wie der Plot aus einer The-X-Files-Folge, eine Verschwörungsfantasie, verbreitet von rechten Kreisen, um rassistische Narrative zu stützen. Dazu die verunglückte Präsentation eines Hamburger Physikprofessors, der Belege für die Labortheorie Social-Media-Kanälen entnahm.

Aber mache ich es denn anders? Wie informiere ich mich? Welchen Kanälen traue ich, bei welchen heben sich belustigt meine Augenbrauen? Zugleich gab es in manchen Kanälen, denen ich zuhöre, auch stets den Standpunkt, dass Zoonose wahrscheinlich, aber die Labortheorie nicht auszuschließen sei. Anders als die Aussage »Covid19 wird durch 5G übertragen« ist die Aussage »Das Virus könnte aus einem Labor stammen« eine, die ich nicht grundsätzlich verwerfen kann.

Es gibt keinen Beweis, heute keine Antwort. Ich lese weiter, grabe und buddle. Die Ursprungsfrage war für mich nie eine der zentralen Aspekte der Pandemie, eher wie ein Abenteuer, eine Schnitzeljagd, der ich beiwohnen kann, ohne dass deren Ergebnis irgendwelche Folgen für mich haben wird. Und was, wenn sich herausstellen sollte, dass das Virus aus einem Labor stammt? Was würde das ändern für meinen Blick auf die letzten anderthalb Jahre? Meinen Blick darauf, wie ich Informationen bezogen und bewertet habe?

Ansonsten: Durch Lockdowns ist weltweit die Kriminalität in Städten gesunken. Trotz hoher Impfquote sind die Intensivstationen Chiles nahezu komplett ausgelastet. Nachdem sie als Wahlhelfer in Berlin vorzeitig geimpft wurden, sagen viele ihr ehrenamtliches Engagement wieder ab. Die Talkshow Markus Lanz, in der coronabedingt momentan keine Studiogäste anwesend sind, will auch nach der Pandemie auf Gäste verzichten, weil die Gespräche so intensiver seien. West Virginia verlost in der Impflotterie Jagdgewehre. Der Verband Deutscher Konzertchöre mit Sitz in Weimar warnt, dass wegen des pandemiebedingten Ausfalls von Chorproben die Chormusik in Gefahr ist. Um durchschnittlich 5,6 Kilo haben die Deutschen in der Pandemie zugenommen. Laut einer Studie sind Homeoffice und Kinderbetreuung nicht miteinander vereinbar.

1. Juni | Kindertag

Kinder sind unsere Priorität. Kinder bekommen keinen Luftfilter in ihre Schule eingebaut. Kinder sind im Wechselunterricht. Der Kindergarten ist geschlossen. LOGO erklärt Corona für Kinder. Ein Kind darf sich nur mit einem anderen Kind treffen. Ein Kind chattet mit einem anderen Kind, weil sie sich nicht sehen können. Ein Kind ist zwei Wochen in Quarantäne. Ein Kind feiert keine Geburtstagsfeier. Ein Kind sieht seine Großeltern nicht. Ein Kind fragt, warum der Spielplatz mit rotweißem Band abgesperrt ist. Ein Kind darf nicht Fußballspielen. Ein Kind darf nicht zum Klavierspielen in die Musikschule. Ein Kind darf nicht ins Schwimmbad. Ein Kind darf nicht an die Ostsee, die Eltern schon. Ein Kind trägt eine Maske. Ein kleines Kind braucht keine Maske zu tragen. Kinder sind keine Treiber der Pandemie. Kinder sind Treiber der Pandemie. Kinder haben wenig Virenlast. Kinder tragen fast genauso viel Virenlast wie Erwachsene in sich. Kinder machen den Lollitest. Es gibt einen Coronakinderbonus. Kinder lernen im Homeoffice. Kinder gehen zurück in den Präsenzunterricht. Kinder schreiben, wenn sie in den Präsenzunterricht zurückgekehrt sind, erst einmal Arbeiten. Kinder müssen benotet werden. Kinder müssen am Ende des Pandemieschuljahrs eine Note bekommen. Kinder werden versetzt. Oder nicht. Querdenkerinnen stellen Kinder in die erste Reihe ihrer Demonstrationen. Querdenkerinnen filmen ihre Kinder in der ersten Reihe. Querdenkerinnen schimpfen, wenn die Staatsknechte gegen die Kinder vorgehen. Denkt einer auch an die Kinder. Kinder bekommen PIMS. Kinder bekommen LongCovid. Das Risiko für Kinder an PIMS oder LongCovid zu erkranken ist gering. Die EU-Kommission gibt Impfstoffe für Kinder frei. Die STIKO gibt keine Empfehlung für das Impfen von Kindern. Ich bin unsicher, ob ich mein Kind geimpft werden sollte. Für Kinder ist keine Impfkampagne geplant. Warum sollen Kinder Impfstoffe bekommen, so lange alle anderen nicht geimpft sind. Ist dein Baby ein Coronababy?

Ansonsten: Vertreter von Haus- und Kinderärzteverbänden sprechen sich gegen eine Impfkampagne für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahre aus, weil dies aus Eigennutz der Erwachsenen geschehe, die sich nicht anstecken wollen. Mehr Neubuchungen für Urlaubsreisen als im Vergleichszeitraum zu 2019 in Deutschland. Peru hebt die offizielle Zahl seiner Coronatoten auf mehr als das Doppelte auf über 180000 an. Erstmals seit fast einem Jahr kein Coronatodesfall in Großbritannien. IWF, WHO, Weltbank und WTO fordern 50 Milliarden Dollar, um die ungleiche Verteilung der Impfstoffe zu beenden. Das Robert Koch-Institut stuft die Risikobewertung für Deutschland von »sehr hoch« auf »hoch« herab.

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