Coronamonate. Oktober 2021.

31. Oktober | zwei Karten Ende Oktober

Zwei Karten nebeneinander, beide zeigen Inzidenzdeutschland. Eine Karte ist von Ende Oktober 2020, die andere von Ende Oktober 2021. Auf der frühen Karte sind die Landkreise mehrheitlich gelb und hellrot, auf der heutigen dunkelrot, auch violett. Die Zahlen auf der aktuellen Karte liegen alle über denen der Pandemie von vor einem Jahr; Inzidenz, Intensivpatentinnen, Tote. Auch die Impfquote ist höher: 2020 0%, 2021 69%.

Die Karte und die Zahlen sagen, dass die Situation heute nicht allein ähnlich ist wie am Beginn des ersten Coronawinters. Sie ist dramatischer. Die Erklärung dafür lässt die Gegenüberstellung offen. Unterhalb der Karten wird spekuliert: Sind es die Impfungen, die sich unwirksam erweisen? Delta im Vergleich zum Wildtyp? Die Maßnahmen vom 2020 im Vergleich zu 2021? Ein verändertes Verhalten der Menschen?

Momentan liegt der R-Wert bei 1,25, eine Verdopplung etwa alle zwei Wochen. Bis Ende November, wenn die die epidemische Lage nationaler Tragweite für beendet erklärt ist, würde nach dieser Verdopplung die Inzidenz bei 600 liegen. Ich weiß, dass diese Rechnungen nie so aufgehen, ich weiß es, ich gehe davon, was könnte die Kartenfarben ändern bis dahin?

Ansonsten: Die Inzidenz für Kinder zwischen 5-14 Jahren liegt in Weimar bei 1147.

30. Oktober | das überwältigende Wiedereinsetzen des Vermissten

Gestern erstmals seit Pandemiebeginn wieder einen Film im Kino gesehen. Wie bei vielem, was man lange aussetzt, überwältigt das Wiedereinsetzen des Vermissten alle Sinne, selten so benommen und entrückt gewesen.

Im Rückblick, gestern Nacht noch, heute, erscheint es irre, absolut unverhältnismäßig, sich das zwanzig Monate versagt zu haben, aus Gründen verzichtet zu haben, die vernünftig waren, aber vielleicht nicht in jedem der zwanzig Monate. Die verpassten Filme, das verpasste Sehen wird sich nicht nachholen lassen, für immer wird eine Lücke in meiner Kinobiographie klaffen. Ich kann mir auf die Schultern klopfen, weil ich verantwortungsvoll gehandelt habe. Aber mit Glück erfüllt mich das nicht, eher ein Bedauern über das Nichtgeschehene, das Nichtgesehene.

Und dann gehe ich, in der Woche der höchsten Weimarer Inzidenz, wieder ins Kino. Es gilt die 3G-Regel, das Haus bietet an, sich vor Ort testen zu lassen. Maske bis zum Platz, dort wird sie abgenommen, zwei Plätze zwischen jedem belegtem Platz bleiben frei. Zumindest in der Theorie. Im Saal selbst sieht das anders aus, ich entscheide, während des Sehens die Maske aufzubehalten, vergesse während des Sehens die Maske, liegt das am Film, an der Maske?

Ansonsten: Wegen einer Corona-Erkrankung bei The Masked Singer fällt der Teddy aus.

29. Oktober | Pandemie der nur zwei Mal Geimpften

Die Inzidenz heute die höchste seit April, die Neuinfektionen diese Woche einmal bei 28000. Die Zahlen gesamtheitlich am Steigen, gesunken allein die Zahl der Intensivbetten, weil viele Krankenhausangestellte im Laufe der Pandemie kündigten, 4000 Betten mehr wären vorhanden, aber das Personal dafür fehlt.

Mir fehlt, wie schon mehrmals in diesen Einträgen, die Vorstellung, wie die nächsten Monate aussehen werden. Weil: die epidemische Lage nationaler Tragweite läuft aus, Lockdown und Schließungen werden von der alten und der neuen Regierung ausgeschlossen, die Maskenpflicht an Schulen fällt zum Teil. Gesagt wird von offizieller Seite, dass das deutsche Gesundheitswesen bewiesen habe, dass es in Extremsituationen bestehen kann, eine Aussage, die als Parole gedacht und zu verstehen ist.

Wobei: Ich kann mir die nächsten Coronamonate schon vorstellen. Die Zahlen steigen, irgendwie wird es gelingen, die aktuelle Dynamik zu durchbrechen, es kommt zu einem Plateau und ein bisschen mehr Maske wird es wieder geben und weiterhin Präsenzunterricht und Kinder werden keine Treiber der Pandemie sein, bis die Impfzulassung kommt und ein bisschen Impfkampagne und Ärztinnen werden von den Intensivstationen twittern und einige Artikel und Reportagen werden berichten und im Kollektivgedächtnis wird sich festsetzen, dass es gerade nicht so schön ist, manche werden jemanden kennen, den es erwischt hat und manche werden Zahlen rauskramen, die beweisen, dass es 2007 schon mal viel schlimmer war und Ende November wird man der 100000. Coronatoten mit einem betroffenen Special gedenken und man wird sich an die Zahlen gewöhnen, bis sie nachweislich fallen und nach dem 21. März dazu übergehen, sich zu erinnern und sich sagen, dass es nicht so schlimm gekommen ist, wie es hätte kommen können, gottseidank.

Es ist ein zweiter Winter wie 2020, irgendwie ähnlich die Parolen, mit ähnlichen Zahlen, die vielleicht andere Auswirkungen haben, irgendwie auch nicht, weil wir ja schon ein Jahr weiter sind. Neu hinzugekommen sind 3G, 2G, 2G+G, auch die Boosterimpfung, das ist die aktuelle Rettung, das ist Maßnahme, diese 3. Impfung, nicht mehr nur von einer »Pandemie der Ungeimpften« ist die Rede, sondern einer »Pandemie der nur zwei Mal Geimpften«, das ist der eine Pfeil im eigentlich gar nicht so kleinen Köcher.

Ansonsten: Wegen steigender Zahlen verhängt Moskau die schärfsten Beschränkungen seit Juni 2020. Benedikt XVI. erhält eine Boosterimpfung. Nachdem in einem Thüringer Unternehmen Fotos von ungeimpften Mitarbeiterinnen im Pausenraum ausgehängt werden, erhält der Firmenchef Morddrohungen. 65 Prozent der Nichtgeimpften in Deutschland geben an, sich keinesfalls impfen lassen zu wollen. Die Maskenpflicht in Schulen in NRW wird ab nächster Woche abgeschafft.

27. Oktober | zwei Enden der Pandemie

Heute gleich zwei Pandemieenden. In den USA empfiehlt die Arzneimittelbehörde die Zulassung für Biontech für 5-11jährige, hält den Nutzen einer Impfung für deutlich höher als mögliche Risiken. In Europa könnte eine ähnliche Zulassung vor Weihnachten erfolgen. Geimpfte und damit geschützte Kinder, eines der Enden der Pandemie.

Ein anderes Ende beschließt die zukünftige Regierung. Bis zum 25. November soll die »epidemische Lage nationaler Tragweite« auslaufen, ein sperriger Begriff für einen politischen Zustand, der bislang Maßnahmen gegen Corona ermöglichte. Bis 20. März 2022 soll eine Art Limbus gelten, in dem Maßnahmen wie Maskenpflicht noch möglich sind, jeweils in Verantwortung der Länder.

Was bürokratisch klingt und politisch gemeint ist, ist letztlich auch ein Zeichen: Ab dem 21. März wird die Pandemie nicht mehr als außerordentliche Gefahr für die Gesellschaft gelten. Spätestens dann wird der Ausnahmezustand das Unnormale sein, ein Ende nach zwei Jahren Corona, zumindest in Deutschland.

Dieses Ende ist eine der ersten konkreten Absichtserklärungen der neuen Regierung, ein Symbol, ein Ziel, ich verstehe es. Es beruhigt mich auf eine Weise. Im März werden die Kinder geimpft sein, die Sonne wird scheinen, die Vierte Welle vorbei. Eine fünfte wird es nicht geben. Was anderes als ein Ende soll also kommen?

Dieses Ende wird an einem Tag mit 23000 Neuinfektionen verkündet, die Inzidenz bei 118, bei Ungeimpften über 300. In Weimar hat sie mit 308 den bisher höchsten Stand erreicht, bei den Kinder zwischen 5-14 liegen die Zahlen bei 931. Bis zum sicheren Ende sind es von heute an noch fünf Monate, sicher fünf Coronamonate.

Ansonsten: Eine dänische Kommission stellt fest, dass für das Töten von Millionen Coronanerzen im November 2020 keine rechtliche Grundlage bestand. Der Lehrerverband warnt vor dem Ende einer Maskenpflicht an Schulen. Höchstzahl an Coronatoten in Russland.

26. Oktober | böswilliges Missverstehen

Der gestrige Eintrag war seltsam gezügelt und viel zu gefasst, viel zu sehr um Ausgewogenheit bemüht, die ich bei diesem Thema nicht empfinde. Deshalb ein Nachtrag. Ich schreibe, wie sehr es mich weiterhin triggert, wenn ich mich tiefer hineinbegebe in die Argumentationen jener, die ihren Impfverzicht stolz als Ideologie vor sich her tragen; als Beweis ihrer Individualität, als Zeichen gegen einen als diktatorisch wahrgenommenen Staat, als Beweis von wasweißich.

Da ist ein Wegwischen von hunderttausend Coronatoten mit Verweisen auf eine vermeintlich kaum feststellbare Übersterblichkeit, zugleich das fast schon verzweifelte Suchen nach Impfspätfolgen. Es ist eine Schmälerung einerseits, eine absolute Überhöhung anderseits, vollkommen außer jeder Balance, die völlige Unfähigkeit, Zahlen gegeneinanderzustellen, der Unwillen zu gewichten, der Vorsatz misszuverstehen, Auslassungen zu produzieren, sich in Details zu verbeißen, um daran vermeintlich Großes abzuleiten, Unlogik aus freien Stücken, das unbedingte Durchfechten der Ideologie, gemischt mit dem typischen Raunen von Verschwörungen. Ja, es gibt Nebenwirkungen in Folge von Impfungen und Menschen sind an Impfungen gestorben. Aber es sind die Relationen, die in dieser Ideologie nicht stimmen, das Einordnen, das Vergleichen, der fehlende Kontext.

Es ist anstrengend, sich dem auszusetzen, sollte es so nicht sein? Sollte Diskurs nicht so sein? Mich fordern, mich dazu bringen, eigene Standpunkte zu hinterfragen? Aber es ist kein Gespräch auf Augenhöhe. Es ist ein absichtliches, böswilliges Missverstehen zum Schaden vieler, oft ein Lügen. Diese 10, vielleicht 15 Prozent, vielleicht auch nur 2%, die sich Stimmen wie 70% verschaffen, sie kosten viel Kraft, so viel Zeit, all das, was knapp ist. Es wäre so einfach, ein Stich, ein zweiter, vier Milliarden Mal schon gemacht, Langzeitstudien sind Massestudien, keine Studien über die Zeit, es wäre ein einfaches Verstehen, wenn man nur wollte, die schlechten Folgen so minimal im Vergleich zu den Covid-Erkrankungen, es wäre so einfach, stattdessen die ständige Auseinandersetzung mit den stolzen Verkennern.

25. Oktober | Kimmich II

Noch immer bestimmt das Reden über Joshua Kimmichs Äußerung, dass er mit dem Impfen warten wolle, die Diskussion. Neben den notwendigen und erhellenden Aufklärungen zu Kimmichs Befürchtungen von Nebenwirkungen, die Jahre später erst eintreten könnten, auch ein hartes Reden aus verschiedenen Richtungen, Kritik an Kimmich sowie die Äußerungen jener, welche diese Kritik als Beleg einer Coronadiktatur sehen.

Ich überlege, ob eine Impfpflicht nicht ehrlicher wäre. Denn natürlich wird Druck auf die Ungeimpften ausgeübt. Dieser Druck folgt einer nachvollziehbaren Logik. Etwas kopflastig formuliert vielleicht so: Die deutliche Mehrheit der Gesellschaft hat entschieden, Corona als Gefahr für ihre Mitglieder zu betrachten und entschieden, dass Impfungen eine der effektivsten Wege sind, diese Gefahr zu bannen. Wenn Teile dieser Gesellschaft diesen Weg nicht gehen, dann stellen sie eine Gefahr für die Gesellschaft da. Die Gesellschaft – Staat, Medien, Institutionen, auch das Private – muss dieses Entziehen dann eben auch als Gefahr betrachten und entsprechende Maßnahmen zum eigenen Schutz ergreifen; kommunikativer Druck, Motivation, Verbote etc.

Wie jeder, der sich für die Impfung entscheidet, trifft auch ein Ungeimpfter eine Entscheidung. Es gibt das Recht, sich nicht gegen das SARSCoV2-Virus impfen zu lassen. Aber die Ungeimpfte kann nicht erwarten, dass ihre Entscheidung ohne Konsequenzen bleibt. An den allermeisten Bereichen der Gesellschaften kann sie weiterhin teilnehmen, aber an einigen ausgewählten eben nicht oder nur eingeschränkt. Sie kann ihre Meinung äußern, kann ihre Entscheidung erläutern. Aber sie muss mit Gegenrede rechnen, auch mit heftiger, gerade weil ihr Verhalten letztlich eines ist, das andere gefährdet.

All dieses Reden und Gegenreden wird gerade an Kimmichs Interview vollzogen, ein Symbol für viel Unausgesprochenes und noch mehr längst Bekanntes, ist hilfreich und notwendig, wenn ein Informationsfluss stattfindet, ist dort kontraproduktiv, wo verzerrt und polemisiert wird, ein Satz, der hinter jedem Abschnitt stehen könnte, hier besonders.

24. Oktober | schlafwandeln

Wie ein Déjà Vu sollten sich diese Tage der vierten Welle anfühlen – die steigenden Zahlen, die Vorhersagen, das Abwiegeln, alles auf seltsam schlechte Weise vertraut und bereits mehrfach durchlebt und -litten. Doch ist es anders in diesem zweiten Herbst. Ich merke es an mir selbst. Das Wissen um das Geimpftsein lässt mich maskenlos durch jeden noch so engen Raum laufen. Ich feiere drei Mal Jugendweihe in der größten Halle, die die Stadt zu bieten hat. Die Sorglosigkeit ist größer als jede Inzidenz. Ich denke: Ich bin geschützt. Ich denke: Wer nicht geschützt ist, ist es aus freien Stücken. Ihm und ihr muss meine Besorgnis nicht gelten.

Diese irgendwie auch logische Sorglosigkeit wird verstärkt durch die mittlerweile bekannten systemischen Dynamiken, die in der Pandemie seit fast zwei Jahren für jeden offensichtlich sind. Warum sollte nach all der Zeit ausgerechnet jetzt jemand ernsthaft die Sorge um die Schulen und Kindergärten über irgendwelche anderen Interessen stellen?

Parallel zu dieser Sorglosigkeit ist mir – vermutlich vielen – bewusst, dass die Rechnung nicht aufgehen kann. Die Aerosole wandern ja dennoch durch die Schulklassen. Die Ungeimpften, die selbstsicher behaupten, dass ihr Immunsystem Schutz genug sei, erkranken ja dennoch und füllen die Intensivstationen, selbst wenn ich denke: Wer nicht geschützt ist, ist es aus freien Stücken. Und dort steht dennoch das ausgelaugte Personal und die ECMO wird dennoch gelegt, selbst wenn die gefäßkranke Patientin zuvor alle hundert Videos des Corona-Ausschusses gesehen und geglaubt hat.

Aber das Ende der pandemischen Lage wird dennoch in wenigen Wochen in Aussicht gestellt und das Reden vom Freedom-Day schwillt an, 3G2GkeinG und Maskenpflichten fallen und Apothekerinnen fälschen Impf-QR-Codes, die Impfquote bleibt stabil bei unter 70 und jemand redet von Impfapartheid, irgendetwas mit Boosterimpfungen, aber kein wirklicher Plan und irgendwie schlafwandeln wir alle weiter hinein in diese verdammte vierte Welle, die letzte aller Wellen, bevor Frühjahr 2022 wird, zwei Jahre Corona und dann muss das endlich vorbei sind, müsste es heute schon, fast 70% sind schließlich geimpft, warum enden sie einfach nicht, diese elenden Coronajahre?

23. Oktober | Kimmich

Der Fußballspieler Joshua Kimmich erklärt in einem Interview, dass er noch ungeimpft sei, weil er Langzeitstudien abwarten wolle. Kimmich ist Initiator von We Kick Corona, einer Stiftung, die medizinische Einrichtungen unterstützt und schreibt: »Corona ist dauerhaft nur in den Griff zu bekommen, wenn überall auf der Welt ausreichend Impfstoff verabreicht werden kann.« Diese Diskrepanz zwischen Ungeimpftsein und den Impfstoff als Notwendigkeit im Kampf gegen Corona sorgt für Überraschung, es wird diskutiert.

Ich nehme das Interview zum Anlass, noch einmal über Langzeitfolgen bei Impfungen zu lesen. Ich eigne mir Informationen an. Langzeitfolgen kann es geben, lese ich, als unmittelbare Folgen der Impfung, die über einen langen Zeitraum anhalten. Was als ausgeschlossen gilt, weil es in zweihundert Jahren Impfungen bisher noch nicht auftrat, sind Schäden, die erst Monate oder Jahre nach der Impfung geschehen. Auch die Narkolepsie, die als Folge der Impfung gegen die Schweinegrippe auftrat, geschah schon kurz nach den Impfvorgängen. Bei der Impfung gegen Covid kann eine Herzmuskelentzündung auftreten. Die Wahrscheinlichkeit einer Herzmuskelentzündung bei einer Covid-Erkrankung ist deutlich höher.

Wie die meisten Informationen in der Pandemie kann ich diese nur schwer beurteilen. Ich muss auf die Bewertung und Einordnung von Fachleuten zurückgreifen, denen ich Fachwissen und Kompetenz zuschreibe. Ich entscheide, dass ich vertraue, dass ich diese Informationen so lese. Sie ändern nichts an meinem Verhalten, nichts an meiner Überzeugung. Sie sind Argumente in möglichen zukünftigen Diskussionen.

Nachgang des Interviews zahlreiche Wortmeldungen, Beiträge, Threads, welche Informationen über unwahrscheinliche Spätfolgen einer Impfung zum Inhalt haben, diese unaufgeregt teilen, Kimmichs Bedenken ernstnehmen und informieren, auf diese Weise agieren und zerstreuen, nicht polemisch, ein sinnvoller Weg.

22. Oktober | 20000 Zahlen

20000 Neuinfektionen deutschlandweit, der höchste Wert seit Mai. Verdopplung der Todeszahlen innerhalb einer Woche, jetzt bei 116. Deutscher Hot Spot ist Thüringen mit einer Inzidenz von knapp 200. In Weimar liegt die Inzidenz bei den 5-14jährigen um die 800. In Großbritannien 50000 Neuinfektionen, in Lettland steht die Inzidenz bei 900, weshalb das Land einen Lockdown beschließt.

Lauter Zahlen, die eines sagen: Die Vierte Welle ist (wieder) da.

Ansonsten: Der Bundesgesundheitsminister spricht sich dafür aus, Ende November das Ende der epidemischen Lage zu erklären.

20. Oktober | Rumänien

Ein weiterer Ort, der in der Pandemie für eine bestimmt Zeit steht. Diesmal Rumänien. Die Inzidenz liegt über 1000, alle vier Minuten stirbt täglich ein Rumäne, eine Rumänin an Covid. Geimpft sind nur 28% der Bevölkerung, was auch an Missinformationskampagnen liegt; Priester, die sagen, Impfen sei eine Sünde Prominente, die erklären, wie gefährlich Impfen sei, Ärzte, die behaupten, der Impfstoff sei tödlicher als die Krankheit, Medien, die davon profitieren, Politikerinnen.

In den Krankenhäusern gibt es Medizin, gibt es Beatmungsgeräte. Aber das Personal fehlt. Viele rumänische Ärztinnen arbeiten im reicheren Westeuropa. In diesem Oktober ist Rumänien Hochrisikogebiet, der Hot Spot der zweiten Phase der Vierten Welle. Seit dem 1. Oktober gelten Beschränkungen: »Restaurants, Kinos und Theater dürfen jetzt nur Geimpfte und Genesene betreten. Am Wochenende dürfen Ungeimpfte das Haus nicht verlassen, von acht Uhr am Abend bis fünf Uhr in der Früh.«

Ansonsten: In Weimar liegt die Inzidenz bei den 5-14jährigen bei 681. Thüringen führt nach den Herbstferien wieder die Maskenpflicht an Schulen ein.

18. Oktober | 2G 2

Besprechung für eine geplante Veranstaltung. Nicht unkompliziert, für den zweiten Coronawinter alle Eventualitäten einzubeziehen. An einem Punkt sagt eine von uns: Falls dann 2G sein sollte, kann ich nicht daran teilnehmen.

Alle verstehen sofort. Sie ist nicht geimpft und wird nicht geimpft sein. Wir sind uns sympathisch, die Zusammenarbeit klappt, wir haben gemeinsame Pläne. Zuerst ist da Überraschung. Nie hätte ich angenommen, dass die Impffrage eine zwischen uns wäre. In meinem Kopf für Sekunden ein Rasen, die Überlegung, was eine angenehme Reaktion wäre, ob es eine Reaktion geben sollte: ein Nachfragen nach ihren Beweggründen, ein Darlegen meiner Meinung, eine Diskussion. Diskussionen darüber, so viel ist klar, führen zu nichts. Sind anstrengend. Lenken vom eigentlichen Plan ab. Haben das Potential, die Zusammenarbeit dauerhaft zu gefährden.

Ihr Tonfall ist unaufgeregt, ohne jede Form einer Provokation. Sie gibt lediglich eine Information weiter. Und wir, die jetzt die anderen sind, eine Gruppe sind, die Geimpften sind, die einer Ungeimpften gegenübersitzen, nehmen diese Information auf. Und dann – geschieht nichts. Wir reden weiter. Wir arbeiten mit der Information. Fragen uns zielorientiert: Unter welchen Umständen könnte es zu 2G kommen? Können wir die Veranstaltung auch ohne sie bestreiten? Vielleicht verschieben? Wie lange?

Nur einmal kommt die Rede auf Long Covid bei Kindern. Ein kurzer Versuch, jeweils die eigenen Ansichten zu präsentieren, ein halbherzig vorgetragenes Unterfangen, weil beiden »Seiten« klar ist, dass die andere Seite nicht überzeugt werden wird, nicht heute, nicht hier.

Später denke ich, dass ich eigentlich damit leben kann. Ich kann ihre Entscheidung nicht nachvollziehen, halte sie für unvernünftig, vor allem unlogisch bei allem Wissen, das über die Covid-Krankheit und über die Impfung bekannt ist. Aber – ich kann mit der Entscheidung leben, denke ich, ich kann damit leben, sich so gegenüber zu sitzen und unterschiedlich auf die Welt zu schauen und in ihr handeln und zielorientiert mit dieser Unterschiedlichkeit zu arbeiten. Ich kann damit leben, zumindest könnte ich das, wenn alle, die geschützt sein wollen, geschützt sein können, wenn Kinder, wenn meine Kinder geschützt sein können und nicht in einer Stadt leben, in der die Inzidenz in ihrer Altersgruppe auf die 500 zueilt. Solange es für sie keinen Schutz geht, kann ich damit nicht leben, denke ich, halte ich die Entscheidung nicht für sozial. Aber später einmal, denke ich, könnte es so sein, auf diese Weise sich gegenübersitzen.

Später an diesem Tag denke ich daran, wie wir anfangs im Zimmer das Fenster öffneten und im gegenseitigen Einverständnis die Masken abnahmen und ich denke daran, dass ich gern schon zu diesem Zeitpunkt gewusst hätte, wer geimpft ist, wer nicht, denke, eigentlich sollte ich ziemlich wütend sein.

Ansonsten: Der ehemalige US-Außerminister Colin Powell stirbt trotz Doppelimpfung an einer Covid19-Erkrankung. Biontech und Pfizer beantragen eine Impfstoffzulassung für Kinder in Europa.

16. Oktober | Kinderinzidenz Weimar

Die Inzidenz in Weimar steigt auf 142. »Das Infektionsgeschehen in Weimar hat seinen Schwerpunkt in den letzten Tagen nachweislich im Bereich der Schulen und Kindergärten bzw. in deren Folge bei den Familien dieser Kinder« steht auf der Stadt-Weimar-Seite, dazu die Forderung des Oberbürgermeisters: »Land soll Testpflicht in Schulen und Kitas sofort wieder einführen«. Die Inzidenz für die Altersgruppe von 5-14 liegt in Weimar bei 482 und auch wenn die Inzidenz gerade bei Kindern nicht die entscheidende Zahl sein sollte, denke ich, diese Zahl sollte so nicht sein.

Eine befreundete Lehrerin erzählt, dass in ihrer Schule bei einem Coronafall die Klassen getrennt werden, kleinere Kurse, das ist die Maßnahme bei dünner Personaldecke. Ich lese einen Text von Harald Welzer in Bezug auf das Coronamangement in Schulen: »Stattdessen fiel einer […] Kulturministertruppe nichts anderes ein, als junge Menschen zu Hochinfektionszeiten im Winter in Klassenräume zu pferchen und alle 20 Minuten das Fenster aufzureißen […] In Wahrheit saß diesen verantwortungslosen Frauen und Männern […] nur die Wirtschaft im Nacken, die zu viel Arbeitszeitverlust durch Homeschooling zu vermeiden versuchte. Verächtlicher kann mit einer nachrückenden Generation gar nicht umgegangen werden.«

Am Abend berichtet eine Freundin, dass sie ihre Kinder hat offlabel impfen lassen, damit diese nach anderthalb Jahren wieder in den Kindergarten gehen können.

15. Oktober | Impfzahlen

Diskussion um die Impfzahlen. Die sind zu niedrig, erklärt das Robert-Koch-Institut, man könne von fast vier Millionen Geimpfter mehr ausgehen. Diese neuen Zahlen stammen zum Teil aus einer Befragung, aus deren Ergebnis die tatsächlichen Impfzahlen hochgerechnet werden. In Portugal sind 98% der Erwachsenen geimpft.

14. Oktober | Liefers

Jan Josef Liefers, im April Protagonist von #allesdichtmachen, berichtet von Erfahrungen, die er bei einer Visite auf einer Intensivstation gemacht hat. Er klingt ehrlich betroffen, erzählt von Schicksalen. Später im Bild-Interview wettert er gegen die Impfpflicht, spricht von Erpressung. Ein paar Tage später sitzt er als kritische Stimme, Sachverständiger und Antipode bei Maybrit Illner, das ewige Talkshow-Diskurs-Karussell.

12. Oktober | Kindertests

Husten, Schlappheit, leichtes Fieber. Ein Test fürs Kind wird vereinbart. Möglich ist der erst am folgenden Tag, weil wegen der nun kostenpflichtigen Tests die Stationen verkleinert und verlagert werden und Umzüge stattfinden. Zudem lassen laut Hotline nach dem Wochenende viele Eltern ihre Kinder testen. Ein Tag später wird aufgrund der Symptome der geplante Schnelltest zu einem PCR-Test umorganisiert. Im Warteraum ausschließlich Mütter mit ihren Kindern. Als wir gehen, kommen uns weitere Eltern mit Kindern entgegen. Im Bekanntenkreis sind nahezu alle Kindergartenkinder krank zuhause. In Gedanken spiele ich die nächsten beiden Wochen durch, wie eine Quarantäne wohl aussehen könnte, spiele in Gedanken den Winter durch, die Rückkehr der Atemwegserkrankungen für Kinder, die Prognosen. Vielleicht beginnen diese Coronamonate gerade erst.

10. Oktober | hinter Mauern

Nach der (Corona)Ausstellung war vor der nächsten Ausstellung. So verbrachte ich von den letzten Tagen die meisten in der Burg. Hinter den dicken Mauern verschwand die Pandemie; seit vielen Monaten wusste ich über Tage nicht die Höhe der Inzidenz, kannte nicht den Stand der Pandemie, geht es rauf, runter, weiterso, fast so, als wäre es ohne Bedeutung.  Nichts in Erfahrung zu bringen und nicht einmal über dieses Nichts zu schreiben, fühlte sich wie ein Verrat an diesen Einträgen kann und andererseits dringend notwendig.  

Präsent ist die Pandemie in den Gesprächen über das Konkrete. Im Schloss gilt nun die 3G-Regel. Eine Teststation muss eingerichtet werden. Vorgaben gibt es viele, die praktische Umsetzung wird dem Schloss überlassen, all die Fragen, die damit einhergehen. Auch von anderen Seiten die Bürokratie. Einerseits dutzende Seiten mit Verboten und Geboten, andererseits die Abwesenheit von Hinweisen davon, wie sich diese praktisch umsetzen lassen. Die Pandemie als ein Leviathan, eine bürokratische Monstermaschine.

7. Oktober | 2G

Gestern die erste Lesung, auf der 2G gilt. Zutritt nur Geimpfte und Genesene. Als ich davon höre, ist der erste Gedankenreflex: Gut so, dann kommen nur die Vernünftigen. In der nächsten Sekunde schon das Innehalten, das Reflektieren des Reflexes, das Zurücknehmen. Einerseits unterstelle ich schon, dass, wer sich bis Oktober 2021 nicht impfen lässt, unvernünftig handelt. Gleichzeitig widerstrebt mir dieses Einteilen, dieses Pauschalisieren. Am Abend postet ein Bekannter erneut einen Beitrag in Zusammenhang mit 2G unter dem Schlagwort »Impfrassismus« und ich bin davon ebenso angeekelt wie von meinem Reflex, mehr noch.

5. Oktober | Abbau

Abbau der Coronamonate-Ausstellung. Schon seltsam: Gerade eben erschien es mir unwirklich, dass ich während der Pandemie eine Ausstellung über die Pandemie vorbereite. Erschien es unwirklich, dass ich, eben doppelt geimpft, schon aus den Coronamonaten lese und sie an Wände hänge, jedes Bild wie ein Schlusspunkt. Und nun ist dieses Abgeschlossene selbst schon Vergangenheit, während die Gegenwart weiterhin wütet, geprägt von den all den bekannten Coronathema – 2G, 3G, Triage, Intensivbettenbelegungsdiskussion, zu denen ich tatsächlich gerade gern mehr schreiben würde als nur eine Aufzählung. Aber andererseits würde es möglicherweise auch genügen, diese Seite hinunterzuscrollen.

2. Oktober | 700000

700.000 Covid-Tote in den USA. 100.000 davon in den letzten hundert Tagen, zu einer Zeit, als für jeden Impfstoff kostenlos zur Verfügung stand, so viele vermeidbare Tragödien.


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