Coronamonate. November 2021.


30. November | Plateau

Der R-Wert fällt unter eins, die Neuinfektionszahlen stagnieren, die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt, von einem Plateau wird gesprochen: das erste Mal seit vielen Wochen ein Trend, der das Wachsen unterbricht. Gute Nachrichten, möglicherweise in der Summe die Folgen der eingeführten Beschränkungen, einer allgemeinen Verhaltensänderung, den steigenden Impfzahlen. Ich höre das gern, fühle bereitwillig anders als in den letzten langen Tagen.

Zugleich ist von einem Meldeverzug die Rede, von den überlasteten Labors, davon, dass wegen der Nachmeldungen der R-Wert zuletzt stets nachträglich nach oben korrigiert werden musste, den rotbeleuchtenden Krankenhäuser, die auf ihre Fassaden SOS schreiben, lauter Hinweise, dass die Zahlen nicht das vollständige Bild zeigen, dass das scheinbare Plateau viel zu früh als Zeichen für eine Entspannung dienen könnte. Wie wird dieses Plateau gedeutet werden? Wie werden sich die Entscheidungen und Ankündigungen des heutigen Tages auf die nächsten Wochen auswirken? Gibt es wirklich eine neue Tendenz oder weiterhin die Überlastung, die Eskalation?

Und wenn ich länger über diesen Eintrag nachdenke, merke ich, wie sehr ich in den letzten zwanzig Monaten mein Wohlbefinden auch von den täglichen Coronazahlen abgehängig gemacht habe, wie sehr sich meine Stimmung in Richtung des Corona-Trend-Pfeils justiert. Selbst wenn diesem nicht zu trauen ist, genügt es, mich heben zu lassen.

Ansonsten: Der zukünftige Bundeskanzler spricht sich für eine Impfpflicht aus. Laut einer Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichts war die Notbremse verfassungsgemäß. Ein General wird den zukünftigen Corona-Krisenstab leiten. Nach einem Urteil kann das Verfremden eines Judensterns (z.B. ungeimpft) nun strafrechtlich verfolgt werden. In Sachsen und Thüringen wird gegen die Maßnahmen demonstriert. Weil immer wieder Mitarbeiterinnen beschimpft werden, schließt ein Testzentrum in Zittau.

29. November | Kontrollverlust

Gestern habe ich (wieder) die wenig originelle Metapher des Gefrierens verwendet, um das allmähliche Aussetzen der Welt zu beschreiben. Dieses Pausieren trifft bestenfalls auf nur einen Teil dieser Tage zu. An anderer Stelle ist die Geschwindigkeit immens, gibt es keine Ruhe, kein Innehalten. Dort ist von allem zu viel, ist Überlastung, sind Notfallpläne, wird sich gestemmt gegen das Auftürmen der Versäumnisse der letzten Monate, verliert sich dennoch die Kontrolle über das Geschehen. Wie soll auch die Kontrolle gehalten werden bei 60000 Neuinfektionen täglich, bei Inzidenzen von über 1000, wenn es heißt, dass die Ämter nur bis zu einer Inzidenz bis 50 Schritt halten können?

Und auch wenn der R-Wert sinkt, die Steigerungsraten nicht mehr im mittleren zweistelligen Bereich liegen, wenn Virologinnen in einem Papier einen Lockdown für vermeidbar halten – nichts fühlt sich so an, als wäre es geschafft. Das Aussetzen und das Entgleiten läuft nebeneinander, parallel, einander bedingend.

28. November | erstes Eis

Auf dem Wasser das erste dünne Eis und auch wenn ich versuche zu vermeiden, es in den Einträgen allzu deutlich zu formulieren, nehmen mich diese Wochen mit, belasten mich, habe ich mich längst auf der Bahn eines Mahlstroms eingefunden, ein Sog in den Winter hinein. Es macht mich mutlos zuzusehen, wie eine vierte Welle trotz verfügbarem Impfstoff und so viel Wissen, Erfahrung und Warnungen nicht zu verhindern ist, wie sie sich auswächst und das Vorherige zu übertreffen droht. Die Tage lassen mich müde und antriebslos sein. Es ist nicht nur Fassungslosigkeit. Die war im letzten Jahr um diese Zeit. Diesmal ist es eher Leere, Stille, Resignation, der Wunsch danach, sich einzuigeln und die kommende Zeit über sich ergehen zu lassen, ohne große Gefühlsregung ausharren.  

Ich verstehe vieles nicht. Das Gesundheitsamt erlaubt 50.000 Menschen den Zutritt zu einem Fußballspiel in Köln, die Bitte um das Tragen von Masken wird nachgeschoben, verschämt fast. In Hamburg stehen hunderte Menschen vor einem Impfzentrum stundenlang in der Kälte, um den angekündigten Impftermin wahrzunehmen, der aber nicht wahrgenommen werden kann, weil die Stadt »vergisst«, das Impfzentrum zu öffnen.

Ich verstehe nicht, wie in dieser Situation nicht alles an das so offensichtliche Vermeiden von Coronasituationen gesetzt wird, wieso nicht alles auf Impfen gesetzt wird, wie stattdessen Impfstoffe zurückgehalten werden und diskutiert wird, welche Ärztinnen impfen dürften und welche nicht. Stattdessen wird in Ruhe evaluiert und überlegt, wann Maßnahmen ergriffen werden müssten und Maßnahmen werden ausgeschlossen und in sächsischen Landkreisen liegt die Inzidenz bei über 2000 und und und die Modellierer, die seit Wochen Szenarien für den kommenden Verlauf erstellen, streichen nach und nach die Szenarien mit den günstigeren Verläufen weg.

Ich verstehe es nicht und will es auch gar nicht mehr verstehen, will auch nicht mehr schreiben, dass man nach zwei Jahren Pandemie mehrmals gelernt haben müsste, was Abwarten in der Pandemie bedeutet. Die Zahlen werden nicht ewig steigen, vielleicht ist in der übernächsten Woche schon ein Maximum erreicht. Vielleicht auch nicht. Aber die Zahlen laufen nach, wie die nächsten sechs bis acht Wochen bestenfalls aussehen werden, ist schon geschrieben. Wie quälend es ist, die Zahlen herunterzulockdownen, weiß jeder aus dem letzten Winter. Wahrscheinlich wird es einen Lockdown geben und wenn nicht, dann wird er vielleicht nicht so genannt werden und wahrscheinlich wird es eine Impfpflicht geben, weil es ohne das Impfen der meisten keine Flucht aus dem Mahlstrom geben kann. Und wahrscheinlich wird es in den Monaten keine Veranstaltungen geben, im Mai vielleicht wieder, es wäre das dritte geschlossene Jahr in Folge, es sind keine temporären Strukturen mehr, das Geschlossene hat sich verfestigt und es wird schwer, sich davon zu lösen.

Die Wochen sind ein Mahlstrom, das Eis wird dick werden, unumkehrbar die Überlastung, das Gefrieren, die Abläufe, selbst wenn heute allen nach Anne Will eine gemeinschaftliche Erkenntnis käme und das Verhalten so angepasst werden würde, der Winter ist geschrieben, die Frage ist, wie lang wird er dauern?

Ansonsten: Die Omicron-Mutante wird in verschiedenen Ländern nachgewiesen, u.a. auch Deutschland. Israel schließt für 14 Tage die Grenzen. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung habe eine Auffrischungsimpfung erhalten. Die Polizei beendet am Flughafen Lübeck eine Impfaktion mit unzulässigem Impfstoff des Unternehmers Winfried Stöcker. Die Landeskriminalämter melden, dass in den vergangenen Wochen der Handel mit gefälschten Impfzertifikaten spürbar zugenommen habe.

27. November | Omicron

Nun erhält B.1.1.529 einen Namen, omicron, und es ist kein zuversichtlich stimmendes Signal, wenn eine Mutante nach einem Buchstaben des griechischen Alphabets benannt wird. So besteht eine Aufgabe des heutigen Tages auch darin, Informationen zu sammeln, eine vernünftige Balance zu finden zwischen Skepsis und Besorgnis, um nicht sofort in einen Panikmodus zu verfallen, wenn in Texten von 32 Mutationen im Spikeprotein die Rede ist, weil alles, was man an einem Tag mit 76000 Neuinfektionen nicht braucht, wäre die Aussicht auf eine schlimmere Version des Schlimmen, ansteckender, tödlicher vielleicht.

Also lese ich und beruhige mich, weil nichts gewiss ist und alles sein könnte (Verbindung mit HIV? Übertragung durch ein Tier? starke Verbreitung wegen geringer Impfrate in Südafrika?), aber einigermaßen konkrete Erkenntnisse erst in ein, zwei Wochen zur Verfügung stehen werden, weiß zu schätzen, dass, im Gegensatz zu den anderen bedeutsamen Griechischen-Buchstaben-Mutanten diesmal sofort Maßnahmen ergriffen werden, dass der (Flug)Verkehr nach Südafrika innerhalb eines Tages zum Erliegen kommt, was das bedeutet, lese, dass es einen ersten Fall in Belgien gibt und weiß im Grunde, dass, wenn Omicron sein sollte, wie der Panikmodus es annimmt, es ohnehin so kommen wird, dass man sich in einigen Monaten Delta zurückwünschen wird.

Aber vielleicht ja auch ganz anders. Und dann frage ich mich: Wozu dieses Spekulieren, dieses Doomscrollen, dieses Wissen, was noch kein Wissen ist? Ich lese über Dinge, von denen ich keine Ahnung habe, von Furin-Spaltstellen, Enzymen und Spike Gene Target Failure, habe nicht die geringste Chance, ohne Einordnung von außen ansatzweise zu begreifen, ob eine Gefahr vorliegt oder nicht, auch nicht die geringste Möglichkeit, etwas zu ändern an der Verbreitung oder Gefährlichkeit von Omicron und bin im Grunde nur froh, dass heute offiziell eine Lesung im Landkreis Hildburghausen abgesagt wurde, wo die Inzidenz bei 1400 liegt.

26. November | einhunderttausend

Die Tage stolpern, greifen ineinander, einander vor, verhaken sich, bleiben stehen. Den Eintrag, der dieses Datum trägt, schreibe ich am Abend des vorherigen Tages über den vorherigen Tag. An diesem Tag überschreitet die Zahl der Coronatoten die einhunderttausend. Die Süddeutsche Zeitung druckt einhunderttausend Kreuze, viele Beiträge, welche die Zahl zum Anlass für eine Betrachtung nehmen, fast möchte ich schreiben, pflichtschuldig registrieren und weitereilen, weil am Tag des heutigen Datums die Zahl schon wieder bei einhunderttausendfünfhundert steht. Und weiter gerechnet wird, 78.000 Neuinfektionen x Todesrate 0,8 macht so und so viele Tote in sechs bis acht Wochen, eine Sieben-Tages-Inzidenz von 50.000 mal 0,8 macht so und so viele Tote pro Tag in sechs bis acht Wochen, all die Berechnungen, all die stillen Kreuze, die Tage stolpern, greifen vor.

Ansonsten: Die Europäische Arzneimittelagentur empfiehlt eine Impfung von Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren. In Südafrika verbreitet sich die Mutante B.1.1.529. Der Apothekerverband meldet, dass Schnelltests knapp werden. Die neue Regierung will sich zehn Tage Zeit geben, um die Notwendigkeit anderer Coronamaßnahmen zu analysieren. São Paulo gibt bekannt, dass jede erwachsene Einwohnerin geimpft ist. Um Intensivbetten für Covid-Patentinnen freizuhalten, stellen mehrere niederländische Kliniken Chemotherapien ein. Wegen der 3G-Regel am Arbeitsplatz und deshalb fehlenden Mitarbeiterinnen erschienen die Thüringer Regionalzeitung in deutlich geringerem Umfang. . Die Inzidenz in Sachsen übersteigt die 1000 und ist damit fast doppelt so hoch wie im zweitplatzierten Thüringen. Sachsens Ministerpräsident erklärt, Bergamo in Sachsen nicht zulassen zu wollen. Allein unter Todkranken.

25. November | Weimarer Weihnacht

Jeden Tag sah ich, wie der Weimarer Weihnachtsmarkt aufgebaut wurde; Buden gehämmert, Lichterketten aufgehängt, Bäume aufgerichtet, Glühweinstände präpariert. Und jedes Mal fragte ich mich, wie es wohl ist, aufzubauen und dabei zu ahnen, dass man sehr wahrscheinlich in wenigen Tagen wieder abbauen muss.

Dienstagmorgen wurde eröffnet, Dienstagnachmittag kam der Erlass, dass in Thüringen keine Weihnachtsmärkte stattfinden dürfen. Fast zeitgleich die Meldung, dass die Städte Weimar, Erfurt, Eisenach eine Klage gegen den Erlass prüfen. Gestern 18.00 Uhr schloss der Weihnachtsmarkt, ab heute wird abgebaut. Die Buden, Stände, Karussells, Pyramiden werden entfernt, Theaterplatz, Markt, Schillerstraße werden entleert, allein die Eisbahn beim Denkmal wird bleiben.

Der Weihnachtsmarkt in Zeiten der Pandemie ist kein unpassendes Symbol für all die Hoffnungen, Illusionen und Versäumnisse, auch das Bizarre und Widersprüchliche. Da ist die Gesellschaft für Aerosolforschung, deren Mitglieder erklären, dass sie Absagen von Weihnachtsmärkten für wenig sinnvoll halten; die geringere Ansteckungsgefahr an der Luft, zudem träfen sich die Leute dann eben drinnen und feiern doch.

Und doch: Ich laufe über den Weihnachtsmarkt, sehe jemand Bekanntes, wir halten an, wir reden, vermeiden im Atem des anderen zu stehen, tun es dennoch. Die Wahrscheinlichkeit solcher Treffen so viel größer, wenn mehr Menschen zusammenkommen. Sie stehen am Glühweinstand, am Lángosstand, wo ein Schild hängt »Kein Verzehr hier«, stehen sie daneben und verzehren, überall hängen die Schilder 2G, doch gefragt werde ich nirgends, gefragt wird niemand beim Betreten der Innenstadt nach 2G, nach Tests, nach Symptomen, niemand guckt nach den Masken, auf Eigenverantwortung wird gesetzt, auch beim dritten Glühwein. An einem Stand gibt es zu den Bohnen gratis eine Erklärung dazu, weshalb wir jetzt in einer Diktatur leben.

Seit Tagen wurde aufgebaut, seit Wochen verdoppeln sich die Zahlen. Und auch wenn es rechtliche Gründe möglicher Entschädigungszahlungen geben kann, den Weihnachtsmarkt erst aufgrund einer Verordnung von außen abzusagen, muss es bizarr gewesen sein anzunehmen, dass dieser November, die dunkelgefärbten Landkreis Mitteldeutschlands keine Folgen haben werden für den Markt; dieses trotzige Aufbauen und Aufbäumen, das auch verzweifelte Weitermachen, als wäre es ist wie im Juni des letzten Jahres, als es in der Stadt vier Wochen lang keine einzige Neuinfektion gab. Dieses bockige Ignorieren der Gegebenheiten auch ein passendes Symbol für die deutschlandweite Coronapolitik dieses Herbstes.

Am Mittwochabend schiebe ich das Fahrrad über den nun geschlossenen Weihnachtsmarkt. Kein Karussell wird sich noch drehen, keinen Lebkuchen werde ich hier kaufen können. Kleinere Menschengruppen laufen an den geschlossenen Buden vorbei. In einigen Hütten brennt hinter heruntergelassenen Rollladen inoffizielles Licht, man steht auch davor, trinkt, spricht vor allem. »Das ganze Jahr über haben sie die Händler gefickt. Den größten Fick haben sie sich für den Schluss aufgehoben«, sagt jemand.

Ansonsten: Mit 67000 Neuinfektionen ein neuer Negativwert. Mit über 600000 Impfungen wird der höchste Tageswert seit Juli vermeldet. In der Bundeswehr wird die Coronaimpfung Pflicht. Die neue Regierung kündigt an, einen Corona-Krisenstab einzuberufen. Joshua Kimmich wird positiv getestet. Russische Ärztinnen wollen Impfgegnerinnen aus Politik, Medien und Kunst durch Coronastationen führen, »Sie sollen mit eigenen Augen sehen, wie die Menschen um jeden Atemzug kämpfen, sie sollen die Geschichten unserer Patienten hören, die ihnen geglaubt haben und nicht uns.«

24. November | zum Bersten

Seit einundzwanzig Monaten laufe ich durch die Stadt und fotografiere, wie die Pandemie auf die Stadt wirkt. Ganz am Anfang gab es fast nichts festzuhalten, dann war es die Leere und das Geschlossene, dann die Hygienehinweise, dann die Maskenschilder, dann Geschwurbelkritzeleien an Litfaßsäulen, die weggeworfenen Masken, die Mitnehmmenüs der Gaststätten. Diesen Sommer wurde es von allem weniger, fiel es mir schwerer, Coronamotive zu entdecken. Nur die weggeworfenen Masken blieben. Seit einigen Wochen hat sich das geändert. Auf jedem meiner Spaziergänge finden sich mehrere Bilder, meist Variationen von 3G- und 2G-Beschilderungen.

Auch in den Worten wachsen die Motive wieder. Fiel es mir im Sommer, besonders im anbrechenden Herbst schwer, Einträge zu verfassen, fehlte die Kraft dafür, die Aufmerksamkeit, auch das Interesse, mich mit der Pandemie zu beschäftigen, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten, Beobachtungen zu erinnern, stapeln sich die Themen für die Einträge seit einigen Wochen, lasse ich aus Platzgründen vieles ungeschrieben, was mir im Kopf herumgeht.

Ich merke es auch in den Newstickern, aus denen sich mein Ansonsten oft speist. Zeitweise waren die Newsticker ausgesetzt, nur wenige Artikel erschienen, sie brachten wenig, was meine Aufmerksamkeit erregte, der Strom an Informationen versickerte, auch die Debatten, die Widersprüche, die mich beschäftigten, ich war dankbar dafür.

Nun sind die Ticker wieder angeworfen, die Corona-Ressorts der Medien sind bis zum Bersten gefüllt, die Titelbilder sind zurück, die Brennpunkte, die Pro und Contras. Ich hätte gern darauf verzichtet, hätte gern den Schlusspunkt hinter den 24. August 2021 gesetzt, anderthalb Jahre Coronamonate hätte mir gereicht. Jetzt werden es zwei geschriebene Jahre und ich ahne, auch das wird nicht genügen.

Ansonsten: Österreich gibt eine Impflotterie bekannt; die Gewinnerinnen werden zu Weihnachten in einer großen Fernsehshow ermittelt. Mit gefälschter Approbationsurkunde gibt sich ein Theologe bei München als Arzt aus und impft 1400 Menschen. 3G am Arbeitsplatz tritt in Kraft. Diskussionen darüber, ob das Impfzertifikat ohne Boostern verfallen sollte. Thüringen bereitet die Verlegung von Patientinnen in andere Bundesländer vor. Die Thüringer Regierung verschärft die Coronamaßnahmen u.a. nächtliche Ausgehsperre für Ungeimpfte und die Absage aller Weihnachtsmärkte. Aerosolforscher halten die Absage von Weihnachtsmärkten und nächtliche Ausgehverbote für kontraproduktiv. Fotos tauchen auf, die den gekündigten Trainer von Werder Bremen, der sein Impfzertifikat fälschte, beim Feiern auf dem Kölner Karneval zeigen.

23. November | Enttäuschung

Ein Gespräch vor einigen Tagen. Mein Gegenüber meinte, neben vielen anderem wäre da auch ein Gefühl von Enttäuschung, Enttäuschung darüber, dass nach der 2. Impfung nicht alles vorbei sei, dass die Pandemie weitergehe, sogar schlimmer werde, dass es, anders als angekündigt, eine weitere Impfung brauche, mehr Maßnahmen.

Ich verstehe diese Enttäuschung, ich fühle sie auch. Ich hatte mir das anders gedacht. Ich bin enttäuscht; ich habe mich im Großen und Ganzen an die Regeln gehalten, habe mitgetragen, mitgesprochen, mich zwei Mal impfen lassen. Ich habe alles richtig gemacht. Und nun bin ich wieder in einer Welle, doppelt so hoch wie bisher schlägt sie, lese wieder von den überfüllten Intensivstationen, werde eingeschränkt, schränke mich vernünftigerweise freiwillig ein. Dabei war das anders ausgemacht.

Ich weiß, dass es ein Privileg ist, nur enttäuscht zu sein, aber nicht gesundheitlich betroffen, nicht selbst in einem Beruf zu arbeiten, in dem ich täglich mit den Folgen der Krankheit direkt konfrontiert werde. Natürlich ist meine Enttäuschung irrelevant zu der Meldung, dass in so und so vielen bayrischen Landkreisen keine Intensivbetten mehr zur Verfügung stehen, die Wortmeldungen all der Menschen, deren Operationen nun auf unbestimmte Zeit verschoben werden müssen.

Dennoch kann ich gegen das Gefühl nicht argumentieren. Ein Gefühl ist ein Gefühl. Es ist eines von sehr vielen zur Zeit. Und es ist da. An wen adressiere ich meine Enttäuschung? An das Virus? An ein Paralleluniversum, in dem mir direkt nach der 2. Impfung gesagt worden wäre: Es braucht aber drei Impfungen? Was hätte das mit meiner Erwartung gemacht, meinem Verhalten? Ein Paralleluniversum, in dem man die Erfahrungen aus Israel schon im Sommer auf Deutschland übertragen hätte und das Boostern entsprechend vorbereitet hätte? Ein Universum, in dem die Impfquote bei 90% liegen würde und längst schon die Impfung der Kinder begonnen hätte? Ein Universum, in dem 2G und 3G ernsthaft kontrolliert worden wären? Ein Universum, in dem Politikerinnen (und alle anderen) prognostizierte Szenarien lesen, verstehen und ihr Handeln danach ausrichten können? Ein Universum, in dem Sarah Wagenknecht in keiner einzigen Pandemie-Talkshow säße?

Nein, meine Enttäuschung ist wesentlich unspezifischer. Sie ist von allgemeiner Natur. Enttäuschung über den ungeraden Lauf der Welt, Enttäuschung über etwas Grundsätzliches, das sogenannte Schicksal, weil, egal was ich getan hätte, die Welle wäre dennoch so, wie sie gerade ist, eine pathetische, vielleicht auch wehleidige Enttäuschung über die Ohnmacht bei all dem, Enttäuschung, weil das Schlechte passiert, obwohl so viel Gutes getan wird und ich mich bei aller Enttäuschung glücklich schätzen kann, nur Enttäuschung zu spüren.

Ansonsten: Aus Protest gegen die geplante Biontech-Rationierung wollen Ärztinnen aus dem Saarland das Impfen einstellen. Der Lockdown in Österreich beginnt. Von verschiedenen Verbänden die Forderung nach einer Impfpflicht, in einigen Umfragen spricht sich eine knappe Mehrheit dafür aus. Nach einem Brandanschlag auf ein Polizeiauto in Linz erklären die Tatverdächtigen, dass sie die Polizisten, die sie zuvor bei Coronamaßnahmen kontrollierten, töten wollten. Hat man ein Recht auf Krankheit?

22. November | Dunkelziffern

Die hohen Zahlen bringen es mit sich, dass nicht mehr alle Zahlen erhoben werden können. Angesichts der vielen Fälle melden Gesundheitsämter nur mit großer Verzögerung, Labore stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen, durch die Nachmeldungen sind oft auch die Hospitalisierungsraten fehlerhaft. Die Zahlen stimmen nicht, weil nicht alle in der Zeit erfasst werden, weshalb die Zahlen scheinbar nicht mehr wie zuvor weiterwachsen, vielleicht sogar sinken, obwohl das Gegenteil stattfindet, eine scheinbare Entspannung, dabei ein Blindflug.

Ansonsten: Kritik am Gesundheitsminister, der die Auslieferung von Biontech-Impfstoff beschränkt. Nachdem sich die Hinweise verdichten, dass der Trainer von Werder Bremen sein Impfzertifikat fälschte, wird er vom Verein entlassen. Ungeimpften Spielern des FC Bayern München soll das Gehalt gekürzt werden. Bei einem Spiel von Dynamo Dresden skandieren die Gästefans: »Sachsen, lasst euch impfen.«

21. November | hohe Stiefel alles dicht

Da demonstrieren sie, die Querdenker und Impfgegnerinnen und Nazis und Esoterikerinnen und normalen Leute, 35000 in Wien, an einem Samstag in einem Land mit einer Inzidenz jenseits der 1000 und einem Triageteam in Salzburg und einem Mann, der das vom FPÖ-Chef empfohlene Viehentwurmungsmittel falsch dosierte und starb, da stehen sie auf dem Heldenplatz mit ihren selbstgemalten gelben Sternen und hoffen auf den Beginn eines Bürgerkriegs und größer als ihre Angst vor der Coronadiktatur ist nur die vor den Systemschafen, die unter Kanaldeckeln hocken und die Demonstrierenden heimlich in die Waden impfen, deshalb die Empfehlung: hohe Stiefel tragen, noch größer nur die Angst, dass Hubschrauber flüssiges Pfizer versprühen, deshalb die Empfehlung auf Telegram: alle Körperöffnungen dicht halten.

20. November | anstehen

Vor dem Weimarer Impfzentrum heute etwas, das ich dort in den Coronamonaten nie sah: anstehende Menschen. In Schlaufen zieht sich die Schlange über den Goetheplatz, endet in den Arkaden beim Kasseturm, 150, vielleicht 200 Personen. A. steht ebenfalls an, vor einer halben Stunde ist sie gekommen, wird wahrscheinlich noch zwei Stunden stehen. Sie holt ihre Boosterimpfung. Heute ist kein Termin dafür notwendig, freies Impfen. Die Atmosphäre ist ruhig, fast gelassen. G. kommt hinzu und erzählt, dass die Stimmung vor dem Testzentrum am Markt anders sei, »revolutionär« sagt er, die Anstehenden dort seien eher wütend und gefrustet, weil sie sich testen lassen müssen, 2G. Während sie dort und hier anstehen, ist der Aufbau des Weihnachtsmarkts fast beendet, aus den ersten Buden heraus werden Kerzen verkauft.

Ansonsten: Ausschreitungen in Rotterdam bei Antimaßnahmen-Demonstrationen. In Sachsen ist es nun gestattet, Krematorien auch sonntags zu betreiben. Österreich beschließt einen Lockdown und eine Impfpflicht ab Februar. In Österreich sichert die Polizei Krankenhäuser und Intensivstationen vor den Angriffen von Impfgegnerinnen. Bayern sagt alle Weihnachtsmärkte ab.

19. November | Eimer Wasser

Heute müsste ich von den weichenstellenden Entscheidungen in der Politik schreiben, der offizielle Verabschiedung von der epidemischen Lage von nationaler Tragweite und der Neugestaltung des Infektionsschutzgesetzes, wie die einen verteidigen, die anderen kritisieren, wie es um Formalitäten geht, auch darum, allgemeingültige Maßnahme zu unterbinden, um zielgerichtet vor Ort agieren zu können, grundsätzlich keine komplett unkluge Sache.

Und von maximal verunglückter Kommunikation müsste ich schreiben, eben in den Tagen des Höchststandes eine Notlage zu beenden und nicht erklären zu können, was das meint, schreiben, dass der Eindruck von HickHack bleibt, von unwürdigem Ankreiden des Gegners, obwohl es in diesen Tagen eine gemeinsame Stimme bräuchte, ein einiges Signal, dass zwei Regierungen zugleich alle in Verantwortung nimmt und darin auch eine Chance läge.

Und schreiben müsste ich auch von Nüßlein und Sauter, den beiden CSUlern, die Millionen an den sogenannten Maskendeals verdienten und denen nun die Millionen vom Gericht zugesprochen wurden, weil sie gegen kein Gesetz verstießen und auch das mag formal gerecht sein und damit gerecht, aber gerecht wäre etwas anders, das versteht jeder außer Nüßlein und Sauter.

Stattdessen schreibe ich über den Eimer Wasser, von dem der RKI-Chef sprach in einem Gespräch mit dem sächsischen Ministerpräsidenten. Der Eimer als Metapher dafür, dass von den 65000 Neuinfizierten statistisch gesehen mindestens 400 sterben werden, mehrmals weist Wiehler darauf hin, die Unerbittlichkeit der Zahlen, die Zahlen von heute sind jene von morgen. Und später wirft ihm ein Medizinjournalist in einem Interview mit dem DLF Panikmache vor und für einen Moment denke ich, ja, statistisch gesehen werden von den 65000 Infizierten 61000 überleben, 55000 werden nicht behandelt werden müssen, vielleicht 40000 werden nichts weiter mitbekommen als ein bisschen Kopfweh und Fieber, viele nicht mal das.

Aber darum ging es bei der Corona-Pandemie ja noch nie. Die meisten bleiben unbetroffen vom Virus, zum Glück. Es ging stets, um jene, die dieses Glück nicht haben. Und die Erkenntnis, dass dies glücklicherweise nicht allein eine Sache des »Glücks« ist, sondern zu großen Teilen in unser aller Händen liegt. Wie groß dieser Teil ist und wie viel Hände daran mitwirken, das wird ausgehandelt, gerade wieder.

Donnerstag vor zwei Wochen hieß der Eintrag »Höchststand I«, 34000 Neuinfektionen. Zwei Wochen später waren es 65000 Neuinfektionen, nicht ganz, aber ungefähr eine Verdopplung. In diesem Tempo wären es Anfang Dezember 120000 Neuinfektionen. Einiges spricht dafür, dass dies nicht geschehen wird. Vielleicht wird ein Peak bei 80000 erreicht, vielleicht waren die 65000 schon der Peak, auch, weil z.B. Sachsen aktuell keine Zahlen mehr meldet.

Ich sehe, dass in den Graphen die Skalen verschoben werden. Die Höchstzahlen vom letzten Winter wirken so kleiner, fast harmlos, unerhebliche Erhebungen zum Vergleich zu diesen Tagen. Aber die Tage damals waren nicht harmlos, heute sind sie es auch nicht. Ich fürchte, dass die veränderten Skalen meinen Blick ändern, dass ich, wenn der Lockdown kommt und unser Verhalten eingefroren ist und die Zahlen auf 50000, auf 40000 sinken, ich das Erfolg sehe, als etwas Gutes, als Glück. Ich fürchte, weil Eimer Wasser werden auch dann ausgeschüttet.

Ansonsten: Die Preise für Schnelltests in den Drogerien verdoppeln sich. Auf sogenannten »Lebkas-Partya« stecken sich Jugendliche in Bayern bei Positiv-Getesteten an, um zukünftig die 80€ für einen PCR-Test für Clubbesuche zu sparen. In Österreich stirbt ein Mann, der sich vorsätzlich mit dem Sars-Cov2-Virus ansteckte. Ein schwäbischer Arzt, der hunderte Patentinnen eine Corona-Impfung vortäuschte, wird mit einem Berufsverbot belegt.

18. November | Markus Lanz sagt leise ist nicht egal

Bei Markus Lanz sitzt Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission. Er spricht davon, dass Infektionsketten schnell unterbrochen werden müssen, sagt über die Boosterimpfungen, dass Ältere deutlich gefährdeter sind, sagt: »Wir wissen aus der derzeit laufenden Welle, dass die Kinder erfreulicherweise für die Überlastung des Gesundheitssystems keine Rolle spielen. Wenn ich das richtig im Kopf habe, sind 32 Kinder über die ganze Pandemie auf Intensiv gelandet.«

Markus Lanz: »Ich habe eine andere Zahl im Kopf … 35, die gestorben sind.«

Thomas Mertens: »… 32 sind gestorben, Entschuldigung.«

»Ich hatte die 35 im Kopf … wie auch immer.«

»32 … ist egal …«

»… äh … ist nicht egal …«

»Von denen waren aber 20 vorerkrankt.«

Ich weiß, bei diesem Gespräch gibt es einen Kontext, es wird davor gesprochen und danach weiter. Dennoch beschäftigen mich zwei Momente darin sehr. Einmal der Schluss, das aber beim Verweis auf die Vorerkrankung der gestorbenen Kinder, so, als würde die Vorerkrankung etwas plausibel machen, unabwendbar, letztlich akzeptabel, so, als wären Vorerkrankungen eine Entschuldigung, wie selbstverständlich klingt dieses aber.

Mehr noch aber wirft mich das wie auch immer von Markus Lanz, besonders das ist egal von Thomas Mertens zu Boden. Es ist kein schriftlicher Text, es ist ein Gespräch, beide Äußerungen entstehen im Gesagten und weil das so ist, sind die Worte auch Impuls, vielleicht innere Annahme. 32 tote Kinder oder 35 tote Kinder, wie auch immer, ist egal.

Markus Lanz wird nach dem Aussprechen etwas bewusst. Und er schiebt ein leises, verhaltenes, zögerliches, ist nicht egal hinterher, viel zu leise, viel zu leise.

Ansonsten: In Österreich liegt die Inzidenz bei 953. Sachsen erreicht die Überlastungsstufe bei der Belegung von Krankenhausbetten. Nach einem Coronaausbruch an einer Waldorfschule in Freiburg stellt sich heraus, dass fast alle Atteste, die Schüler und Lehrer von der Maskenpflicht befreiten, gefälscht waren. Die Brandenburger AfD muss ihren Parteitag absagen, nachdem am Veranstaltungsort 2G gilt und dadurch die Hälfte der Mitglieder nicht teilnehmen könnte.

17. November | mittendrin

Ein Intensivmediziner schlägt vor, aus den Krankenhäusern in den am stärksten betroffenen Bundesländern (Sachsen, Thüringen, Bayern) schon heute die Patientinnen in die nördlichen Länder zu bringen, damit in den kommenden Wochen dort mehr Kapazitäten vorhanden sind. Und in Salzburg werden Triageteams gebildet, die in den nächsten Wochen entscheiden, wer behandelt werden soll und wer nicht. Und in (meinem) Wels blockieren Impfgegnerinnen auf einer Demonstration den Haupteingang des Spitals und die Rettungsausfahrt des Roten Kreuzes.

Und in Deutschland steigt die Inzidenz mit 52000 auf einen neuen Höchstwert. Und auf der Übersichtskarte werden die Farben geändert, um die neuen Inzidenzwerte unterbringen zu können. Und in einem Text über die Coronapolitik wird geschrieben, dass es im Sommer in der CDU-Regierung eine Tendenz zu 2G gab, gegen das sich aber der damalige Kanzlerkandidat Armin Laschet aussprach. Und im gleichen Text steht, dass das Gesundheitsministerium nur verspätet Unterlagen an die zukünftige Regierung schickt.

Und in Sachsen stoßen die Labore an ihre Kapazitäten. Und im ZDF läuft ein Spielfilm über ein historisches Ereignis, die ersten Tage der Pandemie. Und in Thüringen wird landesweit 2G eingeführt. Und in Weimar ist mittlerweile fast jeder Hundertste ein »aktiver Fall«. Und in der Schillerstraße werden die Weihnachtsbuden aufgebaut, auf dem Markt die Glühweinstände.

Und ich könnte das alles auch anders schreiben; über all die Städte schreiben, die kein Triageteam bilden, all die unblockierten Krankenhäuser, all die Filme, die nicht von Corona erzählen, aber würde das diesen November beschreiben.

16. November | Kindergarten

Wie ganz Weimar ist auch der Kindergarten in Warnstufe 3 versetzt. Die Kinder sind in verschiedene Gruppe aufgeteilt, die sich untereinander nicht begegnen dürfen; kein gemeinsames Spielen, kein gemeinsames Essen, keine gemeinsamen Unternehmungen. Abgesagt sind Feierlichkeiten wie das Lichterfest, Musikkurse können nur Kinder einer Gruppe besuchen. Die Gruppen dürfen nur zu bestimmten Zeiten auf dem Hof gehen, ein Plan muss erstellt werden. Letztens lief das Kind einer Erzieherin, das in einer anderen Gruppe ist, draußen zu ihrer Mutter. Die Erzieherin erschrak, rief »Aber du darfst doch gar nicht hier sein« und sagte später »Jetzt erschrecke ich schon, wenn mein eigenes Kind zu mir kommt.«

Obwohl die Regelungen aus den vergangenen Warnstufen-Zeiten bekannt sind, braucht es einige Tage, bis sie sich eingefunden haben, bis die Absprachen stimmen. Momentan gibt es viele Krankschreibungen, Gruppen werden zwangsweise zusammengelegt, die Öffnungszeiten sind verkürzt. Es gibt keine Alternative dazu, der Kindergarten tut, was ihm möglich ist, oft mehr als das. Die gekürzten Öffnungszeiten kollidieren mit den Arbeitszeiten. Wer um sieben Uhr zur Arbeit geht oder bis um vier Uhr arbeitet, der muss eine Lösung finden. Die Lösung heißt immer Verzicht. Manchmal gibt es nur Lösungen, die andere Kollisionen nach sich ziehen. Wenn die Lehrerin ihr Kind erst um acht Uhr abgeben kann, dann fällt die erste Schulstunde aus. Oder Kollegen müssen einspringen, die dafür wieder auf anderes verzichten müssen, lauter Dominosteine. Die Eltern-WhatsUp-Gruppen quellen über voll Emotionen, Aushänge werden gemacht, Mails verschickt, in vielen Gesprächen viel Frust.

Aufgeschrieben klingt es fast harmlos, lauter Banalitäten, alles irgendwie handhabbar, wegorganisierbar. Und natürlich ist nicht alles auf Corona zurückführbar, ist jeder Kindergartenwinter eine Zeit der Kompromisse, ist der Personalschlüssel stets unzureichend. In der Summe aber fügen sich all diese »Kleinigkeiten« momentan zusammen, explodieren und fliegen um die Ohren, trifft Verzicht auf Druck und das Wissen, dass es eigentlich anders sein könnte.

Die Erzieherinnen im Kindergarten arbeiten seit über zwanzig Monaten unter Pandemiebedingungen. Sie sind erschöpft, Zeit für Regeneration ist kaum vorhanden. Auch deshalb mehr Krankschreibungen, die wiederum die Belastung für die verbleibenden Erzieherinnen erhöht. Die Eltern, auch seit zwanzig Monaten in der Pandemie, wollen ihre Kinder unter guten Bedingungen wissen. Noch mehr Dominosteine. Der Winter beginnt gerade erst.

Ansonsten: Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft warnt vor Absagen von Weihnachtsmärkten als einen »Todesstoß für die Branche«. Diskussionen über die Impfpflicht in verschiedenen Berufsgruppen. Der neunte Tag in Folge mit einem Inzidenz-Höchstwert. In Österreich, wo die Inzidenz bei 919 liegt, ist das Vieh-Entwurmungsmedikament Ivermectin, das gegen eine Covid-Erkrankung helfen soll, ausverkauft.

15. November | Machtvakuum

»Machtvakuum« ist eines der Wörter, das seit Wochen durch Texte schwirrt und längst hätte Titel eines Eintrags werden sollen. »Machtvakuum« meint eine Situation, in der die amtierende Regierung abgewählt ist und sich darauf beschränkt, der noch nicht im Amt befindlichen Regierung vorzuwerfen, nichts gegen die Pandemie zu unternehmen und die noch nicht zusammengefundene Regierung panisch darauf bedacht ist, möglichst wenig zur Pandemie zu verlautbaren.

Ein Vakuum entsteht und das zur ungünstigsten aller Zeiten, weil es zwar auch anrührend ist, wie die 16-Jahre-Kanzlerin auf Abschiedstournee geht und dabei unbeholfen den französischen Präsidenten umarmt, es zugleich aber auch angenehm wäre, wenn die amtierende Regierungschefin Stellung zur Lage bezieht. Oder auch ihr Nachfolger irgendwie Position einnimmt, sich in irgendeiner Weise präsentiert als jemand, der den Ernst der Situation erfasst hat und in seinem Verhalten als Führungspersönlichkeit den Weg der kommenden Monate vorzeichnet.

So war das und ist in gewisser Weise weiterhin und doch hat sich mittlerweile das Vakuum etwas geschlossen. Es gibt (verabschiedete) Maßnahmen, die vor allem daraufhin zielen, Verantwortung an andere abzugeben. Dazu weist jener Teil der neuen Regierung, der öffentlich spricht, wenig missverständlich daraufhin, dass er den Sinn von Kontaktbeschränkungen für wissenschaftlich nicht erwiesen sieht.

Das Ausbleiben von Signalen, die Symbolkraft der gesendeten Signale sind fatal. Erst werden die Warnungen für den Winter nicht ernstgenommen, als das expotionelle Wachstum seine Dynamik entfaltet, verhindert das Machtvakuum, das eigentlich keines sein dürfte, ein sofortiges Eingreifen und nun wird deutlich, dass wieder ein relevanter Teil der Entscheiderinnen nicht begreift, was geschieht. Oder nicht begreifen will.

Und natürlich muss ich differenzieren, muss zwischen Bund, Land, Stadt unterscheiden, was ist schon »die Politik«? Doch was hilft die Differenzierung, wenn die Inzidenzzahlen jede Woche um 50% wachsen, die Intensivbettenzahl in der Pandemiezeit aber gesunken ist. Nicht alles davon ist außerschließlich politisch, ist auch wirtschaftlich, medial, sozial. Aber da ist auch Panik in den Augen, weil jedem, der spricht, auch bewusst ist, dass es eine große Menge Schuld gibt und damit auch eine Menge Schuldige.

Bei der zweiten und dritten Welle habe ich geschrieben, dass die Pandemie deutlich macht, dass das System, in dem wir leben, nicht für Krisen gemacht ist. Nun schreibe ich: Das System, in dem wir leben, ist für Krisen gemacht. Dafür gemacht, in Nichtkrisen und Krisen einen bestimmten Teil der Gesellschaft um jeden Preis zu verteidigen und schützen. Und den anderen nicht. Der andere läuft mit, wird ertragen, geduldet, überlastet. Selten war das deutlicher als bei einem 7-Tage-Mittelwert von 37505.

Ansonsten: Kritik an einer möglich Homeoffice-Pflicht, weil das »wäre das falsche Signal für eine sich langsam wieder normalisierende Wirtschaft«. Diskussion um eine 3G-Regel im öffentlichen Nahverkehr; die Betreiber halten sie nicht für umsetzbar. Der Maori-Stamm Ngati Toa spricht sich gegen die Aufführung des traditionellen Haka-Tanzes bei Demonstrationen von Impfgegnern aus. Weil in einem Landkreis in Bayern die Intensivstation voll belegt sind, werden Covidkranke nach Italien verlegt.

14. November | Diskursinzidenz

Gerade jeden Tag wieder zehn neue Aspekte der Pandemie, zwanzig argumentative Schlachten die durch miteinander konkurrierende Hashtags (#allesindenArm #ihrsprechtnichtfüruns #impfteuchinsknie #zurückzurvernunft #lindner #mailab ) geführt werden, dreißig zugespitzte Artikel, vierzig Gesprächsrunden, fünfzig Coronameinungskacheln von Sarah Wagenknecht und Oskar Lafontaine, sechzig Facebookposts von Facebookfreunden, siebzig Corona-Smalltalks auf dem Weg zum Bäcker, achtzig Titelseiten in Signalrot, neunzig trending Corona-Youtube-Videos, dazu die wieder mit Einträgen überquellenden Corona-Newsticker, so viel Gesprächsbedarf, so viel Information und Desinformation, so viel Dringlichkeit, der Diskurs, gekoppelt an die Inzidenz, je höher die Zahlen desto mehr Einträge hier, so viel, was in Worte drängt.

12. November | Bilder von Narren

Die Bilder vom Karnevalsauftakt zeigen feiernde Menschen während einer Pandemie. Die Narren haben sich korrekt verhalten. Sie haben sich impfen lassen, geimpft sind sie zu einer erlaubten Veranstaltung gegangen, an der nur Geimpfte teilnehmen dürfen, deren letzter Test nicht älter als 24 Stunden sein darf. Die Narren sind im Recht.

Doch es fühlt sich so falsch an, diese Bilder vom Karneval zu sehen, viele tausend Menschen eng beisammen. Es fühlt sich falsch an, weil es naiv wäre anzunehmen, dass alle Narrenzertifikate kontrolliert wurden, alle Narrentests korrekt verliefen. Es fühlt sich falsch an an einem Tag, an dem 50000 Ansteckungen gemeldet sind und Deutschland damit weltweit das Land mit den meisten Neuinfektionen ist. Falsch an, weil ich die übervolle Zülpicher Straße stehe und weiß, dass, gerechnet nach dem bisherigen Verlauf, von den 50000 Neuinfizierten 1% sterben werden und bis sie gestorben sind, werden tausende Menschen um deren Leben kämpfen, Tage, Woche an den Intensivbetten stehen, Körper drehen, Zugänge legen.

Ich setze die zehntausend Feiernden gegen die 48-Stunden-Schichten der ECMO-Ärztinnen, setze die Erlaubnis, Karneval durchzuführen gegen all die untersagten Veranstaltungen, die Martinszüge und Lichterfeste der Kinder, gegen all die Entbehrungen der letzten Wochen und Monate. Ich sehe jene, die regelkonform feiern, und sehe jene, die regelkonform verzichten, eine Unwucht wird sichtbar.

Ich weiß, diese Art der Unwucht ist immer da. Wie kann ich essen, wenn andere verhungern? Wie kann ich Squid Game schauen, während an der polnischen Grenze Soldaten Kinder mit Tränengas beschießen? Doch das Narrenfest bringt die Unwucht in einen unmittelbaren Zusammenhang. Auch wenn jede der Närrinnen den Gesetzen folgt, auch wenn es ein unstillbares Bedürfnis gibt, die letzten zwanzig Monate feiernd hinter sich zu lassen, werfe ich den Narren ihre Gesetzestreue vor. Ich muss einen spießigen Satz schreiben, einen, der auch bei Nanu-Nana auf einer hässlichen Tasse stehen könnte; Nur weil es erlaubt ist, muss ich es nicht machen. Und vielleicht es auch so: Wenn sich Gesetzestreue falsch anfühlt, dann müssen auch die Gesetze falsch sein.

Jemand schreibt: »Bitte jetzt nicht wieder diese Pandemiephase wo alle Bilder von Menschengruppen posten um sich mal so richtig dolle aufzuregen« und fügt hinzu: »regt euch lieber über ein kaputtgespartes Gesundheitssystem chaotische Impfstrategie oder Querdenker-Desinformation auf als über ein paar hundert Leute die im Rahmen aller geltenden Regelungen einer etwas eigenartigen Tradition nachgehen«.

Ja, ich möchte nicht das junge Mädchen beschuldigen, das sagt, wenn der Alkoholpegel hoch genug sei, müsse man sich über Corona keine Gedanken mehr machen. Aber Freunde und Bekannte haben in den letzten Tagen auf Reisen und Veranstaltungen verzichtet, um für sich und andere kein Risiko einzugehen. Dem Erlaubten nach hätten sie anders handeln können. Sie haben es nicht getan. Ist es wirklich möglich, sich über Corona keine Gedanken zu machen, sollte das in diesem November ein erstrebenswertes Ziel sein?

Ansonsten: Aufgrund des in Mainz ansässigen Unternehmens Biontech kann die Stadt Mainz mit Mehreinnahmen von über einer Milliarde Euro rechnen und damit schuldenfrei werden. Laut einer Umfrage wählen 2/3 der Ungeimpften die AfD oder Die Basis. Oberösterreich verhängt ab Montag einen Lockdown für Ungeimpfte. Der bayrische Vizeministerpräsident lässt sich nun doch impfen. Deutschsprachige Länder haben den höchsten Anteil Ungeimpfter in Westeuropa.

11. November | Karneval

Heute beginnt Karneval und in Nordrhein-Westfalen ist mit 24-Stunden-Test das Schunkeln ohne Maske ausdrücklich erlaubt und der Prinz im Kölner Dreigestirn wird positiv auf Corona getestet und Christian Drosten sagt in einem Interview, dass er das Narrativ der »Pandemie der Ungeimpften« für falsch halte, weil »die Delta-Variante hat leider die Eigenschaft, sich trotz der Impfung zu verbreiten« und die Neuinfektionszahl übersteigt die 50000 und die Verdopplungszahl liegt bei 12 Tagen und der Generalsekretär der FDP löscht den Tweet, in dem er schreibt, dass unser Gesundheitssystem stabil und die Gesundheitsversorgung der Bürger gesichert sei, nach wenigen Stunden, und Bayern ruft den Katastrophenfall aus und der erste große Coronaausbruch in Deutschland fand Mitte Februar 2020 in Gangelt auf einer Karnevalssitzung statt und was ist dieser Eintrag, ein Newsticker, eine Montage, ein weiterer sich schließender Kreis, ein ewiger Pandemieloop.

Nach 11.11 Uhr kommen die erwartbaren Bilder, mit dem Hinweis versehen 2G, die sind geimpft, mehrheitlich unter 40 etc. Aber ein wahnwitziger Kontrast; dort die Zülpicher Straße, dort die Krankenhäuser in Bayern, die keine Intensivbetten mehr freihaben, 11.11 gegen 50000 gestellt, ein Nebeneinander von Welten.

10. November | Stimmungsbild

Gestern an tausend Teichen gewesen, Reiher dort, Kraniche, hundert Schwäne, ein notwendiges Rausnehmen aus der Gegenwart, die Coronawelt weit weg, wenn die Schuhe im weichen Grund der abgelassenen Teiche einsinken. Und doch ist dieses Stimmungsbild von den Tagen, wenn ich die Zeit mit der vor einem Jahr vergleiche; viel düsterer die Äußerungen, die Ahnungen von der nahen Zukunft.

Viel besorgter die Warnungen der Wissenschaftlerinnen, viel besorgniserregender die Berichte der Ärztinnen, mehr Wut auf das Zulassen dieser Situation auf Entscheiderinnen, mehr Unverständnis, Fassungslosigkeit, auch Resignation, Enttäuschung, Fatalismus, das Wissen um das Eintreten des nun Unvermeidlichen. All dem gemein ist, dass nach den Erfahrungen des letzten Coronawinters gewiss ist, was kommt; Schließungen, Belastungen, Überlastung, ein Wachsen der Zahlen, viele Kranke, viele Tote. Krankenhäuser sagen Operationen ab, weil Intensivbetten für (mehrheitlich) ungeimpfte Covid-Patentinnen gebraucht werden, das berechnete Szenario, das eine notwendige Senkung des R-Werts um 15% bis Monatsmitte beinhaltet, trägt den Titel »ein Wunder geschieht«, Christian Drosten schließt aufgrund der aktuellen Lage weitere hunderttausend Coronatote nicht aus und nichts muss genauso kommen, aber die Ahnung, nein die Erfahrung ist, dass die Wahrscheinlichkeit für vieles davon hoch ist, weil die jetzige Dynamik nur mit großer Verzögerung aufzuhalten ist, weil bei vielen der Wille fehlt, diese Dynamik überhaupt zu erkennen und ernst zu nehmen, weil die letzten zwanzig Monate gezeigt haben, dass vieles in dem Raum, in dem wir leben, nicht dafür gedacht ist, eine bestimmte Form von Gerechtigkeit zu ermöglichen. In den Äußerungen, den Erwartungen geht es mittlerweile nicht mehr um die Frage, was das Schlimmste verhindern könnte, sondern darum, wie es sich in diesem Schlimmen einigeln lässt. Dass es in diesem Jahr keine Weihnachtsmärke geben wird, kein Weihnachten, dass diese Dynamik bis ins Frühjahr reichen wird, scheint sowieso abgemacht.

Das, was ich an diesem Abend an den Teichen dagegensetze, ist eine andere Dynamik. Aus den Erfahrungen zeigt sich auch, dass jetzt eine Zeit beginnt, in der vielen das Gefährdende deutlich wird und sich das Verhalten wegen dieses gestiegenen Gefahrenbewusstseins ändert, noch bevor Maßnahmen ergriffen werden. Aber ist das so? Wird sich wirklich das Verhalten vieler ändern, der Geimpften bei 2G, der Ungeimpften überhaupt? Ich sehe aufs Wasser, es wird kalt und dunkel, und ich weiß, dass sich dieser Schlusssatz auch als Metapher für diesen Eintrag verwenden lässt.

8. November | Booster

Über das »Boostern« wollte ich länger schon schreiben, eher als Folklore, als ein Testat des Zeitgeists; über Schaubilder, die aufschlüsseln, welcher Booster-Impfstoff mit welchem Impfstoff am effektivsten wirkt, über den »Booster« als weiteren Raketenbegriff nach Sputnik V und was das symbolisch sagen könnte etc.

Stattdessen nun ein Eintrag, der wenig poetisch ist, sondern mir eher als Vergegenwärtigung von Wissen dienen soll. Denn nach den letzten Tagen verstehe ich, dass der Begriff »Booster« kein passender ist. Eigentlich sollte es »Impfung« heißen. So, wie ich es lese, verliert sich nach den Monaten die Wirkung der zweiten Impfung, sinkt der Schutz vor einer Ansteckung (und auch Krankheit) deutlich. Nach sechs Monaten ist dieser noch immer signifikant besser als ohne Impfung, gerät aber in Bereiche, in denen Geimpfte zur Ausbreitung beitragen.

Zu verstehen, dass die dritte Impfung kein nice-to-have ist, nichts, das man sich irgendwann mal irgendwie holen sollte, um sich zwei Prozentpunkte sicherer zu fühlen, sondern elementar für einen selbst ist sowie für die Bekämpfung der Pandemie, stellt für mich eine ähnliche Erkenntnis dar wie damals die Sache mit den Masken oder den Aerosolen: etwas Grundsätzliches in der Pandemie muss ich neu verstehen lernen. Es gab Erkenntnisse, ich habe danach gehandelt, es gibt neue Erkenntnisse, nun muss ich meinen Blick und mein Handeln ändern.

Dieses Ändern stellt nicht die Wissenschaft, nicht mein Vertrauen, nicht mal den Impfstoff in Frage. Diese Art der Veränderung ist etwas, das ich im Laufe der letzten beiden Jahre mehrmals schon beobachten konnte. Sie macht einen Widerspruch auf, vielleicht sogar ein Paradoxon. Von der liebgewonnenen Überzeugung – mit zwei Impfungen bin ich auf der sicheren Seite und kann mich verhalten, als gäbe es keinen Virus – muss ich mich verabschieden, wenn ich weiter durch die Pandemie kommen will.

Ich muss mich davon verabschieden, dass 2G so etwas wie Schutz garantiert. Im Gegenteil: Paradoxerweise erhöht 2G die Gefahr, weil 2G Sicherheit verspricht und ich mich deshalb anders verhalte. Die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung steigt, weil ich glaube, wenn ich mich als Geimpfter unter Geimpften bewege, kann ich mich nicht anstecken. Wohl auch deshalb lese ich vermehrt von 2G+G: Zutritt zu einem Ort gibt es nur geimpft oder genesen plus tagesaktuellem Test.

Ich hoffe, dass in den nächsten Wochen offen ausgesprochen wird, dass zweimalige Impfungen nicht ausreichend schützen, dass erklärt wird, wie es zu dieser Erkenntnis kam und nicht verschwiegen, sondern offen mit dem Widerspruch umgegangen wird. Dass erklärt wird, dass die Aussage von gestern gestern korrekt war und heute nicht mehr, dass dieser »Fehler« offen besprochen und nicht unter den Tisch gekehrt wird, dass so schnell Wege gefunden werden, diese dritte Impfung vielen zu ermöglichen, weil paradoxerweise jene, die zuerst geschützt wurden, weil sie am verwundbarsten sind, nun wieder am verwundbarsten sind.

Das ist der Boostereintrag, den ich schreibe, über einen weiteren Wendepunkt innerhalb der Pandemie. Und füge hinzu, welcher Luxus, über eine dritte Impfung zu schreiben, während so viele nicht einmal die Chance auf eine erste hatten.

Ansonsten: Mit 201 wird der bisher höchste Inzidenzwert in Deutschland gemeldet. Weil in den USA Big Bird in der Sesamstraße die Impfung für Kinder empfiehlt, sprechen führende Republikaner von »Gehirnwäsche« und »Propaganda«. In einer Talkshow über Corona fallen die Worte »Tyrannei der Ungeimpften«. Wie Corona endemisch wird.

7. November | Feindbilder

Von einem »Feindbild« habe ich geschrieben, als ich von der Wut geschrieben habe und in diesem Zusammenhang auf die Ungeimpften verwiesen, was natürlich auch Unsinn ist, weil Feindbilder meistens Ablenkung sind, eine Vereinfachung von Komplexem ist und »die Ungeimpften« auch keine homogene Gruppe darstellen.

Aber manchmal denke ich schon: Wenn alle, die sich impfen lassen dürfen, sich hätten impfen lassen, dann wäre die Situation an diesem Novembersonntag eine andere. Ich denke auch: Da gibt es zwei Jahre nach Entdeckung eines Virus einen Impfstoff, der schon in milliardenfachen Mengen produziert ist und »wir« leben in einem Land, das reich genug ist, sich ausreichend Impfstoff für alle leisten zu können und das außerdem innerhalb kurzer Zeit eine Infrastruktur schafft, die kostenloses Impfen für alle ermöglicht und alle ernstzunehmenden Expertinnen versichern, dass für die allermeisten das Risiko bei einer Erkrankung wesentlich höher ist als bei einer Impfung und dennoch entscheiden Millionen gegen eine Impfung. Ich denke: Was denn noch? Ist es wirklich ein Warten auf Totimpfstoffe aus China? Oder geht es eigentlich um etwas ganz anderes?

Es gibt mittlerweile eine Menge Allegorien zu dem Verhalten von Ungeimpften. Die meisten stimmen irgendwie, ein egoistisches, unsolidarisches, trotziges, unüberlegtes, schlampiges, verantwortungsloses, provokantes, gefährliches, eigensinniges, zynisches Verhalten. Aber es ist auch nicht so, dass Impfen allein die Pandemie beendet, zumindest nicht in diesem zweiten Coronawinter. Auch Geimpfte stecken sich und andere an und je mehr Zeit vergeht, desto mehr. Es sind verschiedene Maßnahmen, die zusammen vorgenommen werden müssen, damit die Zahlen unten bleiben. Diese Maßnahmen sind kein Hexenwerk, sie müssen, anders als im März 2020, auch nicht neu gefunden werden.

Und damit kommt das zweite Feindbild, Entscheidungsträgerinnen, die diese Maßnahmen nicht planen, nicht wollen, nicht durchsetzen, die letztlich Versagen in ihrer Funktion. Wenn der bayrische Gesundheitsminister im November 2021 sagt, dass bestimmte Dynamiken in der Pandemie nicht vorhersehbar sind, dann ist das erst einmal nicht zu fassen. Schließlich gibt es Ordner voll mit Studien, über sechshundert Tage von Erfahrungen, hundertfach Prognosen und Verlaufserwartungen mit Exponentialfunktion, es ist nicht so, dass diese Gegenwart mal eine Zukunft war, die niemand annehmen konnte.

Oder vielleicht doch? Heute erst führe ich ein Gespräch, in dem es um die Schließungsfeier eines Impfzentrums in Erfurt für 200.000€ geht. Im Gespräch fällt der Satz: »Die [Politiker] haben wirklich und ohne böse Hintergedanken geglaubt, mit der zweiten Impfung wäre die Pandemie vorbei.« Vielleicht haben die meisten das geglaubt, mich eingeschlossen, und wenn nicht geglaubt, dann zumindest gehofft, zumindest bis Herbstbeginn. Glauben wollen, hoffen wollen. Aber es ist eben Aufgabe von Entscheidungsträgerinnen über das Glauben und Hoffen noch andere Strategien parat zu haben und dabei die Lasten gerecht zu verteilen.

Es ist wieder einer dieser Sätze, die naiv klingen und vielleicht so gemeint sind. Aber angenommen eine Impfpflicht kommt. Wer soll sie in den Weg leiten? Die lustlose aktuelle Regierung noch? Die neue Regierung, die sich erst Anfang/Mitte Dezember bilden wird? Und dann? Impfpflicht heißt ja nicht, dass morgens die GSG9 vor deiner Tür steht und drei Männer dich festhalten, damit ein vierter dir eine Nadel in den Oberarm rammen kann. Impfpflicht ist 2G für alles, der effektive Ausschluss aus vielen Teilen des öffentlichen und beruflichen Lebens. In Österreich funktioniert das gerade. Der sogenannte »Schnitzellockdown« animiert viele »Impfmuffel«, sich doch noch schnell impfen zu lassen.

Aber selbst dann: Wie viele Millionen können heute an einem Tag noch geimpft werden? Wieviel Zeit vergeht bis zum vollstber selbst dann: Wie viele Millionen können heute an einem Tag noch geimpft werden? Wieviel Zeit vergeht bis zum vollständigen Impfschutz? Wo steht der R-Wert dann, stehen die Inzidenzen? Ich weiß um die Gefahr von Feindbildern, ich pflege sie in diesen Tagen mit besonderer Hingabe, lasse sie bei allem Bemühen um Rationalität und Ambiguität gewähren in diesen Tagen.

Ansonsten: Pfizer stellt ein Medikament gegen Covid19 vor, dass innerhalb 5 Tagen alle Todesfälle und einen Großteil der Hospitalisationen verhindert hat. In Griechenland besticht ein Impfgegner den Arzt mit 400€, um anstatt der Impfung Kochsalzlösung zu bekommen, um so als geimpft zu gelten, woraufhin hin der Arzt normalen Impfstoff verimpft. Verschärfung von Coronamaßnahmen in verschiedenen Ländern.

6. November | das haben wir uns nicht ausgedacht

Vor einem beliebten Weimarer Restaurant ist eine Tafel aufgestellt, darauf geschrieben die 3G-Regeln, nur mit denen der Zutritt erlaubt ist, darunter: »Das haben wir uns nicht ausgedacht«. Ich frage mich, warum dem Wirt diesen Zusatz so wichtig ist, dass er ihn auf der Tafel notiert haben wollte. Will er mit dem Zusatz seinen Unmut äußern? Ist es als Entschuldigung gedacht? Wofür? Für die Unannehmlichkeiten? Wäre es nicht ein Argument für den Besuch seines Restaurants zu wissen, dass es dort unwahrscheinlicher wäre, sich zu infizieren? Und wenn er sich entschuldigen möchte, bei wem? Bei denen, die 3G für überflüssig halten? Hofft er auf Beifall, auf ein Schulterklopfen?

Mich bringt dieser Zusatz dazu, ihn einzuordnen. Ich ahne, wie ich den Satz zu interpretieren habe, ich sortiere ihn ein, den Schreiber, das Restaurant. Ich ahne, dass es genauso gewollt ist.

5. November | Höchststand II

37120 Neuinfektionen, der nächste Höchststand, was kann ich sonst festhalten als diese Zahl, es kann ja nicht darum gehen, die nächsten Einträge ausschließlich mit Höchstständen zu bestreiten. Vielleicht das: gestern schrieb ich von Wut und befrage mich heute danach. So viele arbeiten gegen die Pandemie; jene, die die Intensivbetten betreuen, die täglich Impfungen verabreichen, die Tests vornehmen, Tests auswerten, Daten sammeln, eingeben, die Erkenntnisse gewinnen, darüber öffentlich sprechen, die Impfzertifikate kontrollieren, auf Masken bestehen, die organisieren, möglich machen, warnen, helfen, so viele. Und trotz all der vielen heißt der Eintrag Höchststand II und was deutet darauf hin, dass es nicht noch einen dritten solchen Eintrag geben wird?

Ich versuche, in den Einträgen scheinbar Eindeutiges zu vermeiden, versuche, so nüchtern wie es mir möglich ist zu formulieren. Etwas wie Wut ist eindeutig, ist etwas, das ich vermeide in Worte zu gießen, weil sie Feindbilder produziert, Dinge vereinfacht, die komplexer sind als ein Feindbild es jemals sein könnte.

Aber natürlich ist sie da, diese Wut, die Wut darauf, dass »es« schon wieder passiert. Worauf die Wut? Weiterhin auf jene, die ihr Ungeimpftsein als Agenda betrachten. Auf jene, die Pläne parat haben sollten für diese erwartbare Situation. Wut auf das letztlich fassungslos machende Unvermögen, aus mehrmals gemachten Fehlern zu lernen. Wut auf den November, das System, das Virus.

Als Sinnbild dieser Tage die Nachricht, dass in Erfurt die Schließung des dortigen Impfzentrums gefeiert wird, Motto: »Danke fürs Impfen«. Jan Delay spielt, die Kosten für die Feier sollen bei 200.000€ liegen. Und natürlich, wer fast ein Jahr lang impft, der soll auch feiern, der soll gefeiert werden. Aber das Symbol ist kaum zu schlagen in diesem Coronanovember 2021, 200.000€ für das Beenden von etwas, das jetzt dringend benötigt wird, ein Ende, wenn es gerade einen nächsten Anfang gibt.

Ein anderes Symbol: Der Kindergarten rutscht in die rote Warnstufe, was bedeutet, dass Gruppen getrennt und alle gemeinsamen Aktivitäten abgesagt werden. Ich könnte schreiben, warum nicht viel früher in der Stadt, in der die Inzidenz bei den 5-14jährigen tagelang jenseits der tausend lag. Ich schreibe: Die Gruppen sind getrennt, die Kinder können nicht miteinanderspielen.

Die nächste Stufe wäre die Schließung und wer ehrlich ist, hält das nicht für ausgeschlossen. Und da ist die Wut, weil die Ungeimpften mit ihrer Agenda so oft sie wollen sagen können, dass sich Astrid Lindgren angesichts der Coronamaßnahmen im Grab umdrehen würde; am Ende tragen sie als eine gesellschaftlich und epidemiologisch relevante Einheit eine der Hauptschulden daran, dass mein Kind nicht mit seinen Freunden spielen kann, dass dieser Eintrag so heißt, wie er heißt.

Ansonsten: Thüringens Ministerpräsident sagt: »Wir werden in den nächsten Tagen an die Situation kommen, dass wir nicht mehr genügend Intensivbetten haben.« Und: »Wir werden niemandem mehr garantieren können, der ungeimpft ins Krankenhaus kommt, dass er überhaupt noch hier behandelt wird.«

4. November | Höchststand I

33949. Die Zahl der heutigen Neuinfektionen und damit der bisherige Höchststand in Deutschland. Ich füge hinzu: Die Inzidenz 2021 wird anders gesehen als vor einem Jahr. Dennoch. 34000 Infizierte bedeuten über den symbolischen Wert hinaus viele Kranke und Tote in den nächsten Wochen und Monaten.

Auf einer Pressekonferenz wird gesagt, dass diese DynamikDer bayrische Gesundheitsminister sagt: »Ich glaube, dass wir eine Dynamik momentan erleben, die wirklich nicht vorhersehbar war«. Vielleicht in dieser Höhe, vielleicht in der Schnelligkeit. Grundsätzlich nicht. Vielleicht war es angemessen, nach dem Sommer den Großteil der Impfzentren zu schließen, vielleicht auch, Teststationen zu verringern und Tests kostenpflichtig zu machen. Vielleicht war es das für eine gewisse Zeit. Aber es war nicht angemessen, nichts für den Winter bereitzuhalten, nicht ständig die Zahlen im Blick zu haben, um jederzeit Entscheidungen überdenken und widerrufen zu können.

Man, wir, die Gesellschaft, die Politik hat sich darauf verlassen, dass allein die Impfung genügt, die Pandemie in Deutschland zu beenden. Es gab keinen anderen offiziellen Plan als dieses Verlassen. Ein Blick nach Israel hätte gereicht: sich dort die Wellen anschauen, die Wirkung der Impfauffrischungen und zu dem Schluss kommen, dass ohne dritte Impfung nichts enden wird.

Es ist leicht, so etwas am Tag des Höchststands zu schreiben, ich habe es in den Einträgen vom Sommer, vom September nicht getan, nichts von Boostern oder wieder zu öffnenden Impfzentren geschrieben. Dennoch: Das Ende der epidemischen Notlage erklären und Maskenpflichten abschaffen und zwei Wochen später ein Höchststand, passt nicht zusammen, nicht die Schließungen und die scheinbar plötzliche Notwendigkeit, in den nächsten Monaten 60 Millionen impfen zu müssen, nicht die geringeren Testgelegenheiten und die hohen Zahlen.

Ein Déjà-vu im Déjà-vu im Déjà-vu. Nur sind »wir« jetzt später dran mit höheren Zahlen. Und haben doch all die erprobten Hilfsmittel zur Verfügung, die helfen könnten. Und haben doch zwei Regierungen, die momentan beide nicht regieren. Und haben die Wut auf jene, welche vorausschauend hätten handeln müssen und die Dynamik jetzt für »überraschend« halten. Haben die Ahnung, dass dieser Höchststand nicht der letzte bleiben wird, nun die Gewissheit, dass sich der kommende Winter in vielen nicht unterscheiden wird von dem im letzten Jahr.

Ansonsten: Nachdem ein zwölfjähriges Kind vermutlich in Folge einer Coronaimpfung starb, trendet auf Twitter der Hashtag #EsKoennteDeinKindSein. Der Fußballverein Sandhausen meldet 18 Coronafälle im Mannschaftsumfeld. Laut einer Umfrage sind 57% der Befragten für eine Impfflicht. Die Stadt Wien bietet Impfungen für Kinder an.

3. November | Angst IX

Ich habe die Seite http://www.mein-laborergebnis.de aufgerufen, den zweiunddreißigstelligen Code, der mir in der Abstrichstelle überreicht wurde, eingegeben und aktualisiere. Warte, aktualisiere, warte, aktualisiere, warte, aktualisiere. Gegen Mittag kommt das Ergebnis. Es ist mit grüner Farbe hinterlegt. Negativ. Das entsprechende Attest ist downloadbar. Ich downloade, verschicke das PDF gleich an den Kindergarten. Als Entwarnung. Auch die anderen informierten Kontakte werden benachrichtigt, Puh, Super, Glückwunsch, das Daumen-Hoch-Emoji kommen als Antwort.

Da ist Erleichterung, natürlich, zuallererst Erleichterung. Keine Infektion an einem Tag, an dem in Weimar 40 Neuinfektionen bestätigt werden, keine Quarantäne, keine unmittelbare Angst vor den nächsten Wochen. Bei dem Wort Angst stolpere ich erneut. Als ich gestern und vorgestern vom positiven Schnelltest erzählte, war da Besorgnis, viel Anteilnahme. Aber keine Angst. Ich denke zurück an den März 2020, als so wenig über das Virus bekannt war, als ich zögerte, Türklinken zu berühren, wir uns die Spielplätze versagten, die Rutschen und Schaukeln. Das war Angst. Die Angst vor dem Unbekannten, das Nichtwissen, dass das Schlimmste für alle jederzeit annehmen musste.

Dieses Nichtwissen gibt es nicht mehr. Deshalb auch nicht die Angst. Wer hat noch Angst? Die Geimpften nicht, sie sind vor dem Schlimmsten geschützt. Die Kinder nicht, ihr Immunsystem wird in der Regel fertig mit dem Virus, sagen die Wahrscheinlichkeiten. Die Ungeimpften nicht, für sie das Virus ein Hoax oder der Impfstoff die größte Gefahr. Niemand verspürt mehr Angst, ich schreibe das als allgemeingültige Aussage Anfang November 2021.

Ich denke an die Wellen. Die erste Welle, so die gemeinschaftliche Übereinkunft, so die Erinnerung, hat Deutschland gut bewältigt. »Wir« sind glimpflich durch das Frühjahr 2020 gekommen, im Vergleich. Diese Annahme bestimmt das Bild bis heute irgendwie. »Wir« handhaben das ganz gut mit der Pandemie. Durch die anderen Wellen sind wir nicht so glimpflich gekommen, auch nicht im Vergleich. Gerade scheint es, kommen wir ebenfalls nicht glimpflich durch.

Was ist der Unterschied zwischen der ersten und den anderen Wellen? Ich denke, es ist auch die Angst. Die Angst ist geschrumpft. Das ist ein Gewinn, ein Fortschritt. Ihr Fehlen macht diesen Coronawinter auch gefährlicher.

Ansonsten: Weil überproportional viele Dialysepatienten an Covid19 sterben, bricht der Umsatz der Dialysefirma Fresenius Medical Care stark ein, so dass diese 5000 Stellen streichen will. Die Polizei meldet fast zweitausend Fälle von gefälschten Impfpässen.

2. November | Anruf

Ein Anruf aus dem Kindergarten. Ein positiver Schnelltest, einmal wiederholt, ebenfalls positiv. Ich will sofort losfahren, mein Kind abholen. Mir wird gesagt: Am besten erst einen Termin für den PCR-Test machen. Ich rufe bei der Corona-Hotline Weimar an. Mehrmals nur der Anrufbeantworter, die Inzidenz liegt bei über 300, die Nachfrage ist groß. Dann erreiche ich jemanden. Er fragt freundlich Daten ab, erkundigt sich nach Symptomen, beruhigt, falsch-positiv sei denkbarer, ich solle ruhig bleiben.

Tatsächlich bin ich ruhig. Da ist erst einmal weniger Angst. Die Wahrscheinlichkeit für Folgen bei Kindern besteht, ist aber gering, erinnere ich mich, beruhige ich mich. Ich bin geimpft, sehr dramatisch sollte es nicht werden, beruhige ich mich. Da ist eher ein Gefühl von Das passt mir jetzt gerade überhaupt nicht. Der Positivtest bedeutet das Umorganisieren des Tages, möglicherweise der nächsten beiden Wochen, das Erinnern an Kontakte, das Informieren dieser Kontakte, all die Unannehmlichkeiten, die ein positiver Test mit sich bringt. Ja, ich denke Unannehmlichkeiten. Denke nicht: Existenziell. Ist es gut so, dass ich so denken kann? Ein Privileg?

An diesem Tag, sagt die Stimme in der Hotline, seien keine Testtermine mehr verfügbar. Die Ansturm groß, die Testorte wurden in den letzten Wochen abgebaut. 7.35 Uhr sei der nächste freie Termin. Ich feilsche, frage nach einem Termin eine Stunde später, wieder die Unannehmlichkeiten als Priorität.

Im Kindergarten wurde kein weiteres Kind positiv getestet. Ich solle unbedingt Bescheid geben, wenn ich das Testergebnis habe, das Gesundheitsamt informiere mit Verzögerung. Mein Einwand, dass es unwahrscheinlich sei, dass nur mein Kind infiziert sei, wird zur Kenntnis genommen, aber: Irgendwo müsse es ja anfangen. In Gedanken gehe ich meine Kontakte der letzten Tage durch. Es sind erstaunlich wenige. Im Vergleich zu anderen Wochen habe ich mich recht verantwortungsvoll verhalten, im Kino sogar die Maske aufbehalten, 160 Minuten lang geschützt.

Am nächsten Morgen der frühe Test. Vor dem Abstrichpunkt, der eine Art Vereinsheim neben einem Fußballstadion ist, stehen einige, warten auf die Öffnung. Jeder blickt jede an, jeder und jede weiß: Wenn wer um diese Zeit hier steht, dann ist es etwas Ernstes. Ein geschützter Mann ruft die Anstehenden nach und nach auf und rein. Drinnen sind mehrere Testkabinen in Benutzung. Der eigentliche Testvorgang geht schnell, so schnell, dass keine Zeit für die vielen Fragen bleibt (Im Fall eines Negativtest – wie bekomme ich eine entsprechende Bestätigung? Sollen sich die Erwachsenen ebenfalls testen lassen? Wie genau ist das mit der Quarantäne? Wann werde ich informiert über mögliche weitere Schritte?) Ein Zettel mit QR-Code wird mir in die Hand gedrückt. Damit kann ich das Laborergebnis über die Warn-App abrufen, das gehe schneller als ein Anruf vom Gesundheitsamt.

Dann ist immer noch Morgen und der Tag schon gelaufen, irgendwie. Irgendwie auch nicht, weil ich froh bin, dass es ein System gibt, das sich kümmert. Und doch denke ich an das gestrige Ansonsten, an Hamburg und die vielen fehlerhaften Schnelltests in Kindergärten, hoffe auf ein solches fehlerhaft, weiß, dass ich die Warn-App nun minütlich aktualisieren werde, warten werde, warten, warten.

Ansonsten: Wegen der hohen Inzidenz führt Sachsen landesweit 2G ein. Diskussionen, weil Paul Breitner seine Tafel nur noch für Geimpfte öffnet. Mehr als fünf Millionen Coronatote weltweit.

1. November | dramatischer

Beim gestrigen Eintrag gezögert, dramatischer in den Satz »Die Situation heute ist dramatischer wie zu Beginn des ersten Coronawinters« einzubauen. Trotz der höheren Zahlen werden die Impfungen viele schwere Verläufe und Tode verhindern, das ist die Versicherung, das ist die Beruhigung. Weniger werden sterben, keine tausend mehr am Tag. Ist es das, was zählt, was die Dramatik ausmacht? Ist es heute wirklich dramatischer als vor einem Jahr?

Doch wem mache ich etwas vor? Für wen sind diese Überlegungen gedacht? Muss ich jedes Wort abzirkeln, stets den sachlichen Ausdruck verwenden, weil alles andere gegen mich verwendet werden könnte, mich des Schürens von Panik überführt? Doch muss ich die Einträge vor denen rechtfertigen, die dramatischer auf die Goldwaage legen würden? Würden diese nicht auch bei einer Inzidenz von 100.000 und 10.000 belegten Intensivbetten von unzulässiger Panikmache sprechen, weil sie erstes für nicht relevant halten und zweites nicht glauben?

Vor einem Jahr schreibe ich in den Coronamonaten vom Lockdown Light, »Der Himmel ist grau, das Laub ist nass, die Verabschiedung vom normalen Leben ist im vollen Gang.« Bei niedrigeren Zahlen werden damals Maßnahmen ergriffen. Heute ist davon nur sehr leise die Rede. Heute gehört das Reden dem Ende der Maskenpflicht, dem Ende der Pandemie. Auch anders als damals heute die geringere Anzahl an verfügbaren Betten, das ausgelaugte Krankenhauspersonal, das anderthalb Jahre Pandemie hinter sich hat, das momentan fehlende Bewusstsein, dass eine Krise kommt, längst da ist, dass das allgemeine Verhalten, das Maßnahmen meist vorausläuft, nicht der Krise angemessen ist.

Gelernt habe ich aus zwanzig Coronamonaten, dass Erfahrungswerte und Warnungen nur zäh einsickern ins Bewusstsein. Dass es stets die Ablenkungen gibt, den mäandernden Diskurs, der auf Nebenschauplätzen Aufmerksamkeit beansprucht. Heute sind es Sarah Wagenknecht und Richard David Precht, welche die Diskussionsströme führen und Wogen schlagen mit Forderungen und Gedankengängen zu Öffnungen aller Art.

Diese Diskussionen muss ich aushalten, denke ich, das ist gelebte Demokratie. Ich denke: Ich empfinde die Situation heute dramatischer, weil sie nur wenige als dramatisch empfinden, viele nicht einmal irgendetwas empfinden, das mit Besorgnis zu tun hat. Das macht mich besorgt, mich auch in gewisser Weise fassungs-, ratlos.

Doch ich denke auch: Für die Mehrzahl der Einzelnen ist es November 2021 nicht dramatischer als 2020. Die Mehrzahl ist geimpft. Bei aller Unsicherheit können sie sehr sicher sein, dass das Schlimmste, das Dramatischste für sie nicht eintreffen wird; sehr viel wahrscheinlicher als 2020 werden sie keine schweren Verläufe haben, nicht sterben an Covid19. Dieser Verlust an individueller Dramatik ist mehr als relevant. Er ist elementar.

Dramatisch wird es (wieder) für Wenige; die Ungeimpften, nicht alle, aber einige Kinder, für die mit den Impfdurchbrüchen, für die, deren Operationen in den nächsten Monaten verschoben werden, für jene, die sich um die Wenigen kümmern müssen und sowieso längst am Limit agieren. Von ihnen wird wenig die Rede sein. Für sie wird es dramatisch. Vielleicht, vielleicht nicht dramatischer als vor einem Jahr. Aber sicher unnötig dramatisch. Es müsste nicht dramatischer sein. Wem mache ich etwas vor. Dramatischer.

Ansonsten: Ins Gespräch gebracht werden die Wiedereröffnungen von Impfzentren und die Rückkehr zu kostenlosten Tests. Thüringen bundesweit mit der höchsten Inzidenz. Nach knapp zwei Jahren öffnen in Neu-Delhi wieder die staatlichen Schulen. An Hamburgs Schulen führen neue Schnelltests zu vielen falschen Positivergebnissen, weil diese auch auf Erkältungsviren reagieren.


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