Coronamonate. September 2021

30. September | Tisch

Mit #allesaufdentisch gibt es eine Art Nachfolgeaktion zu #allesdichtmachen und ich bin froh, dass es mich nicht drängt, mehr darüber zu schreiben als das, weil ich so wenig Interesse verspüre, Wotan Wilke Möhring im Gespräch mit Joachim Steinhöfel über die Meinungsfreiheit zu erleben.

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Coronamonate. August 2021

31. August | lieber die Pferde

Ein Artikel einer großen deutschen Tageszeitung macht auf mit der Schlagzeile, dass Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten nicht Todesursache sei. Beim Lesen wird deutlich, dass damit die (vergleichsweise geringen) Zahlen seit Anfang Juli 2021 gemeint sind und dass »die zugrundeliegende Infektion schon länger als fünf Wochen zurückliegt und man daher eher davon ausgehen muss, dass Corona nicht die wirkliche Todesursache war.« Später distanziert sich der befragte Wissenschaftler davon, die Überschrift sei »in ihrer Allgemeinheit falsch und würde von uns niemals so vertreten werden.« Dennoch wird der Artikel entsprechend verbreitet, der Tenor der Überschrift – kaum Tote durch Corona – bleibt bestehen.

Eine andere große Tageszeitung veröffentlicht einen Beitrag, der behauptet, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zur Gefährlichkeit des mRNA-Impfstoffes unterdrückt werden. Als Beleg bezieht sich der Artikel auf Studien, die nirgends auffindbar sind.

In Amerika warnt die Behörde für Nahrungsmittel und Medikamente: »Sie sind kein Pferd. Sie sind keine Kuh«, weil Impfgegnerinnen ein Entwurmungsmedikamente für Pferde einnehmen, lieber nehmen sie ein Entwurmungsmedikament für Pferde ein, als sich impfen zu lassen und ich frage mich, wie oft ich Einträge wie diese schreiben werde, ob ich solche Einträge schreiben werde, so lange ich über die Pandemie schreibe.

Ansonsten: Mehrere Ministerien sprechen sich gegen eine 3G-Regel in Zügen aus. In Hamburg schließt Deutschlands größtes Impfzentrum. Das Bundeskabinett beschließt, dass zukünftig die Hospitalisierungsrate das entscheidende Kriterium für Coronamaßnahmen ist. Nach mehr als einem Jahr Fernunterricht kehren die mexikanischen Schülerinnen zurück in die Klassenräume. In Amerika schalten mehrere Kinderkrankenhäuser eine Anzeige, in der sie dazu aufrufen, Kinder vor Covid19 zu schützen.

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Coronamonate. Juli 2021

31. Juli | Coronamonate, ausgestellt

Heute eröffnet die Ausstellung. Wie seltsam, die Worte und Momente an die Wand zu hängen und in Vitrinen zu packen, so, als wären die Coronamonate schon vorbei. Wie beruhigend.

Die Tagebucheinträge sind wie ein Zeitstrahl, eher eine Schneise, die einen Weg durch meine Pandemie schlägt. Vermessen zu glauben, es wäre möglich, etwas so Unübersichtliches und Gewaltiges komprimieren zu können auf einen Gang. Andererseits stellt sich beim Schauen auf die Wände, die Rahmen und Fotos ein tiefes, fast sattes Gefühl der Ordnung ein, so sortiert erscheint die Pandemie gezähmt auf seltsame Weise.

Später die erste Lesung aus den Coronamonaten. In fünfzehn Minuten durch siebzehn Monate. Eine Raffung, die sich auch ein wenig wie ein Ausschlachten der eigenen Beobachtungen anfühlt, gerade bei Auswahl; für jedes Wort, das ich lese, lasse ich hundert weg, für jedes Argument, jeden Eindruck, jede Ambivalenz gilt das ebenso. Auf die gelesenen Einträge wird reagiert. Ich bin überrascht und auch überfordert von den Gefühlen anderer darauf und ich frage mich, weshalb das so ist.

Gestern habe ich das Wort »Corona-Nostalgie« gehört, die Verklärung der ersten Monate. Nostalgie sind die Coronamonate nicht, aber mittlerweile Material. Material, aus dem ich Textblöcke breche, die ich rahme, an denen ich feile und formuliere, Sätze, die nicht mehr die Funktion haben, einen gegenwärtigen Eindruck festzuhalten, sondern die im Rückblick für ein Ganzes stehen sollen. Das verändert meine Worte, ich baue eine Distanz auf. Ich, der geschrieben hat, ist ein anderer als der, der sie auswählt. Ich muss nicht mehr fühlen, ich lektoriere. Mein Corona-Empfinden wird mir beim Ausstellen der Coronamonate fremd, was gut ist, was notwendig ist, was die Überforderung erklärt.

Im Zwischenraum unserer gemeinsamen Ausstellung (Y. stellt wunderbare Foto- und Textarbeiten über Weimar aus) hängen Schnüre, liegen Zettel, stehen desinfizierte Stifte bereit. Wer will, kann eigene Worte zu Corona und der Zeit davor finden. Nach der Vernissage, als die meisten gegangen sind, machen wir einen letzten Rundgang durch die letzten Monate. An der Schnur hängen vier beschriebene Zettel. Sie alle berichten von der Pandemie. Es ist ein Auftakt, etwas Neues, dieses Erinnern, noch während das Große weiterhin geschieht.

Ansonsten: wird es die nächste Woche keinen Eintrag geben. Nach dem 9. geht es weiter. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. September auf Schloß Burgk zu sehen.

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Coronamonate. Juni 2021

30. Juni | vierte Welle

Allmählich beginne ich zu begreifen, dass eine vierte Welle sehr wahrscheinlich kommen wird und wie sie aussehen könnte.

Die Annahme: Die Deltamutante ist wesentlich ansteckender als die bisherigen Varianten. Sie trifft auf dreißig Millionen Ungeimpfte oder nicht vollständig Geimpfte, der Sommer wird vorbei sein, das Außen wird schwinden, die Maßnahmen ebenfalls, auch der Wahl wegen. Die Ungeimpften werden jünger sein, es wird weniger Tote geben, weniger Überlastung, mehr LongCovid, mehr Quarantäne und weniger Bereitschaft, sich auch den zweiten Herbst in Folge einzuschränken. Die Zukunft liegt wie so oft bisher ausgebreitet in verschiedenen Orten, in Israel, in Großbritannien, zwei Beispiele, wie es kommen könnte.

Die vierte Welle wird anders sein als die bisherigen Zuspitzungen. Sie wird ein anderes Reagieren erfordern, auch ein anderes Verstehen und Argumentieren benötigen. Was mache ich mit dieser Annahme? Ändert sie mein Verhalten, wenn ich das nächste Mal vor die Türe geht? Ändere ich meine Pläne für den Herbst, die vereinbarten Termine, auf die ich so lange warten musste? Ändern sich meine Sorgen um die Ungeimpften, die es nicht freiwillig sind? Ich ändere meine Erwartungen an das Ende der Pandemie, ändere erneut meinen Blick, nehme an, mir vor, schaue zurück, schaue vor.

Ansonsten: Die Quote der Erstimpfungen liegt in Deutschland höher als in den USA. In mehreren Bundesländern ist Impfen nun auch ohne vorherigen Termin möglich. Wegen der starken Verbreitung der Deltamutante werden Russland und Portugal in die höchste Risikokategorie eingestuft. Quarantäne für hunderte spanische Schülerinnen auf Mallorca.

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Coronamonate. Mai 2021

31. Mai | Nachweise der Unbedenklichkeit

Heute den Besuch einer Lesung (der ersten seit letztem Herbst) verpasst, weil ich vergessen hatte, dass ich dafür einen negativen Test benötige. Ich könnte schreiben, dass die Lesung an der Luft stattfindet, aber im Ganzen ist es ein Luxusproblem während einer Pandemie.

Zugleich bei fast allen Geschäften in der Stadt der Hinweis, dass es fürs Eintreten, sofern nicht zweitgeimpft oder genesen, ebenfalls einen Test braucht. Ich schreibe fast, weil vor den Buchläden, Drogerien und Supermärkten explizite Aushänge angebracht sind: Bei uns benötigen Sie keinen Test. Der Grund dafür ist die weiterhin gültige Unterscheidung zwischen systemrelevanten und optionalen Einkaufsmöglichkeiten. Deshalb braucht es für den Schmuckladen, den am Tag vielleicht zehn Personen betreten, einen Test und für den Supermarkt, wo vor einer Kasse zehn Personen stehen und das viele Stunden am Tag, keine Nachweise der Unbedenklichkeit.

Logisch wird diese Unwucht nicht, auch wenn ich eine Stunde darüber nachdenke. Ähnliches hörte ich von anderen Bereichen; Musikschulen, in denen nach jeder halben Unterrichtsstunde alle Flächen desinfiziert werden müssen und das ein Jahr nachdem Aerosole zum Wort der Stunde erklärt wurde. Es sind Regeln, die einmal nach dem damaligen Wissensstand aufgestellt wurden und heute weiter gelten, weil sie einmal gegolten haben. Sie folgen einer bürokratischen Logik.

Ansonsten: Als letztes Bundesland sinkt in Thüringen die Inzidenz unter 50. Wegen der niedrigen Inzidenz kehren viele Schulen zurück in den Präsenzunterricht. In mehreren asiatischen Ländern steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder. Für ein Konzert der Band Teenage Bottlerocket im amerikanischen St. Petersburg sollen Ungeimpfte 55x mal so viel Eintritt zahlen wie Geimpfte. Weitere Untersuchungen bezüglich der betrügerischen Abrechnungen in Testzentren. Staatshilfen für die wegen der Coronakeulung von Nerzen geschlossenen 150 Pelzfarmen in Höhe von 31 Millionen Euro. Um die Kopplung von Mutanten an Ländernamen zu vermeiden, werden die Varianten nach dem griechischen Alphabet benannt. B117 heißt nun Alpha, P1 und B16172 Delta.

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Coronamonate. April 2021

30. April | zeitnahe Zuversicht

Die Zahlen sinken leicht, sie stagnieren, zumindest wachsen sie nicht in dem exponentiellen Maße, wie die Modelle es erwarteten, Modelle, die vor Tagen, Wochen und Monaten auch die Einträge hier bestimmten, Prognosen von Zahlen jenseits bisheriger Höchstwerte. Eine richtige Erklärung – doch die Notbremse, die wegen der Notbremse vorsorgliche Verhaltensänderung, die Saisonalität, die Ausgangsbeschränkungen, das Impfen, die Summe von allen – findet sich noch nicht.

Und auch wenn dieses Sinken bei den Werten der Kinder nicht eintritt, sondern wächst, trotz der Bilder der beklemmenden Situation in Indien, spüre ich das erste Mal seit langem wieder so etwas wie ein Lösen der Anspannung, zeitnahe Zuversicht. Die Unkenrufe auf die Zukunft, auch die meinigen, scheinen mir an diesem letzten Apriltag aus der Gegenwart gefallen, ich wünschte, ich könnte in einem halben Jahr hinter diese Worte einen dicken roten Haken setzen.

Ansonsten: Mehr als eine Millionen Impfungen an einem Tag. Wegen der weltweiten Konjunkturerholung steigen die Exporterwartungen der deutschen Industrie auf ein Zehn-Jahres-Hoch. Biontech kündigt an, dass im Laufe des Jahres Kinder und Jugendliche geimpft werden können. Im Impfstoff Sputnik V werden vermehrungsfähige Viren entdeckt. Mit 379257 Infektionen wird in Indien ein Tageshöchstwert gemeldet. Wegen der Pandemie soll das Oktoberfest nach Dubai verlegt werden. Erstmals seit neun Monaten keine Coronatoten in Portugal.

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Coronamonate. März 2021

31. März | AstraZeneca III

Die letzten Tage wieder mehrere Gespräche über die Bedenken vor dem Impfen. Sorgen und Befürchtungen werden geäußert, auch die Absicht, abzuwarten, lange abzuwarten. Meine Meinung hat sich während dieser Gespräche nicht geändert: Weiterhin würde ich mich umgehend impfen lassen. Der Grund ist ein hoffender, vor allem ein mathematischer: Die Wahrscheinlichkeit eines schweren, möglicherweise tödlichen Krankheitsverlaufs ist so viel größer als der einer schweren, möglicherweise tödlichen Impfreaktion.

Heute der Beschluss, dass AstraZeneca, dessen Impfstoff nun den Namen »Vaxzevria« trägt, aufgrund einer Häufung von Hirnvenenthrombosenfällen nur noch an Über-60jährige geimpft werden kann. Fast alle Expert:innen begrüßen die Entscheidung. Die Häufung ist statistisch auffällig, neun Todesfälle werden damit in Verbindung gebracht. Automatisch könnte ich diese neun Todesfälle über einen Zeitraum von mehreren Wochen gegen die Todesfälle durch Covid in Relation setzen.

Zugleich wäre das auch wohlfein. Die Häufung der Fälle fand bei Frauen unter 50 statt. Was, wenn sie bei Männern unter 50 stattgefunden hätte? Würde ich dann auch leichthin in Relation setzen, hätte ich nicht zumindest ein mulmiges Gefühl, wenn ich im Spätsommer einen Termin bekäme und erführe, dass mein Impfstoff Vaxzevria wäre? Und sollte bei einem Heilmittel nicht das einzig mulmige Gefühl sein, dass man es zu spät bekommt?

Viele Fragen sind offen, z.B. weshalb es in Großbritannien, wo wesentlich mehr Impfungen mit Vaxzevria stattfanden, es keine Häufung gibt, offenbar auch keine Todesfälle. Dazu die Irritation: Als AstraZeneca zugelassen wurde, wurde es nur für unter 65 zugelassen. Nun nur für über 60. Expert:innen, die sich vor zwei Wochen noch energisch dafür aussprachen, trotz einer Häufung weiter zu impfen, unterstützen nun die veränderten Maßgaben.

Es sind diese schon mehrmals geschehenen Widersprüche der Pandemie – der bekannteste die veränderte Bewertung der Schutzwirkung von Masken – die Zweifel säen an den Aussagen der Expert:innen, Zweifel an der Wissenschaft. Es ist nicht einfach, diese auszuhalten, sich das Gegensätzliche selbst zu erklären. Auch die nächsten Gespräche über Impfbedenken werden dadurch nicht leichter, das mulmige Gefühl wird nicht mehr verfliegen.

Ansonsten: Sachsen erklärt, nach Ostern unabhängig von den Inzidenzwerten die Schulen und Kindergärten zu öffnen. In Tübingen, wo seit einigen Tagen das Modellprojekt einer offenen Stadt stattfindet, vervierfacht sich die Inzidenz seit Mitte März, verdoppelt sich seit Donnerstag. Kanzler Kurz droht mit einer Bestellblockade von 100 Millionen Impfdosen für Europa, wenn Österreich nicht zusätzliche Menge Impfstoff bekommt – Kanzler Kurz hatte im vergangenen Jahr aus Kostengründen deutlich weniger Impfstoff geordert, als Österreich eigentlich zugestanden hätte. »Testen ist auch eine Bürgerpflicht«, sagt Ministerpräsidentin Dreyer. Mehrere Einzelhandelsketten planen den Aufbau von Schnelltest-Zentren. Thüringen ist das Bundesland, in dem die meisten der gelieferten Impfstoffdosen schon verabreicht wurden. Wegen der inhaltlichen Ähnlichkeit zur Coronapandemie hält der Kindersender Nickelodeon die Folge »Kwarantined Crab« der Serie SpongeBob zurück; darin findet ein Gesundheitsinspektor im Restaurant Krosse Krabbe einen Fall von Muschelgrippe und stellt deshalb alle Gäste unter Quarantäne. Verdopplung der deutschlandweiten Inzidenz innerhalb drei Wochen.

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Coronamonate. Februar 2021

24. Februar | Coronajahr

12 Monate Coronamonate, ein Coronajahr. Am 24. Februar beginne ich mit dem Notieren, damals unvorstellbar, dass ich ein Jahr daran sitzen werde. Heute, 130000 Wörter später, schreibe ich: Es gab nie ein anderes Ziel außer aufschreiben, wenn notwendig. Notwendig heißt jeden Abend. Als mir klar wird, dass Coronamonate nicht den Plural von zwei Monaten meint, wird das Ziel erweitert auf: bis Sommer weiterzumachen. Dann bis Jahresende. Dann ein Jahr vollzuschreiben. Das Jahr ist vorbei, die Pandemie noch lange nicht.

Ist es noch notwendig zu schreiben? Und selbst wenn: Was ist notwendiger für mich? Ich fühle mich ausgelaugt und erschöpft, leergeschrieben, leergedacht, leerempfunden. Ich nehme mir vor, von nun an tatsächlich weniger zu notieren, weniger Einträge die Woche, keinesfalls täglich. Das ständige Kreisen um das Eine, das anfangs so geholfen hat, zerrt an mir, drückt mich ständig in eine Ecke, lässt mich nicht heraus.

Ich wäre gern in der Lage, eine Art Resümee zu ziehen, rückblickend zu schauen und Erkenntnisse mich selbst und alles andere betreffend aus den Untiefen des Ansonsten zu ziehen. Was ist noch nicht geschrieben, was nicht geschehen? Dass ein Impfstoff verschmäht wird? Die Zahlen, die gerade heute »rund« werden? Eine weitere Welle, eine weitere Skepsis, eine weitere Maske auf dem Gehweg? Corona ist Bestandteil meiner Biografie, Bestandteil jeder Biografie. Die Monate, die Jahre werden bleiben, die Zeit angeheftet, stets mit mir tragend, auch geimpft wird sich das Virus niemals mehr abschütteln lassen.

Ich bin froh, mein Coronagedächtnis hier abgelegt zu haben. Der Ballast ist ausgelagert, von hier an kann ich weitergehen. Ich kann zurückschauen und alles anders betrachten, aber dann werde ich nicht mehr mittendrin sein, nicht mehr schwimmen. Ich werde an Land stehen und aus der Ferne ein Urteil fällen.

Ich laufe durch den Park. Von der Ilm weht kühle Luft, der Winter steigt aus dem Wasser. Von oben arbeitet die klimakatastrophenerprobte Februarsonne die Schneeberge ab. Auf den Wiesen längst mehr Grün als Weiß. Am Römischen Haus spielen Trompeten, bei der Ruine des Tempelherrenhauses schlagen Männer den Rhythmus von They Don’t Care About Us gegen Cajóns. Ich bleibe nicht stehen, ich höre nicht zu, ich laufe weiter, immer weiter, spüre nichts als den Wunsch, etwas Neues zu beginnen, etwas, das die Tage nicht füllt mit Corona.

Ansonsten: AstraZeneca plant, die zugesagte Impfstoff-Menge für das zweite Jahresquartal zu halbieren. Weiterhin verbleiben viele AstraZeneca-Impfdosen unverimpft. In England wird für das geplante Ende der Coronamaßnahmen am 21. Juni ein Feiertag gefordert. Der B117-Anteil in Deutschland liegt bei 30%, eine Steigerung von 10% im Vergleich zur letzten Woche. Zum Impfstart in Afghanistan wird zuerst eine Journalistin geimpft, die für ihre Berichterstattung über Corona bekannt ist. Attila Hildmann wird per Haftbefehl gesucht. Das Virus als Animation. 68000 Coronatote in Deutschland. Eine halbe Million Coronatote in den USA. Weltweit fast 2,5 Millionen Coronatote.

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Coronamonate. Januar

31. Januar | Denkmal

Jeden Morgen werfe ich einen schnellen Blick auf die Zahlen. Wenn die Zahl der Toten unter 800 liegt, freue ich mich, es ist ein guter Tag, es sind nicht tausend Tote. Diese Form der Freude ist ein Ritual der Pandemie, ich reflektiere nicht mehr, wie schrecklich diese Freude ist.

Ich frage mich, ob es einmal ein Denkmal für die Coronatoten geben wird. So wie Pestsäulen? Wie die Weltkriegsdenkmäler in den Dörfern? Oder ein zentrales Denkmal in Berlin, in Heinsberg, in Zittau oder Tirschenreuth? Wie wird man den Toten gedenken? Wird man ihnen gedenken? Wird es einen Tag im Jahr für das Gedenken geben, mit einem Staatsakt, einer Kranzniederlegung? Ein Datum, an dem in einigen Jahren Deutschlandfunk verlässlich Features senden und in den Feuilletons Aufmacher erscheinen werden? Wird es einen Eventfilm mit Florian David Fitz als Virologen, der vergeblich warnt, und Karoline Herfurth als sich aufopfernde Krankenschwester geben, der an diesem Tag ausgestrahlt werden wird?

Wird das Gedenken in Romanen fortgeschrieben werden, Romane, die in den nächsten Jahrzehnten die Pandemie in ihre Geschichten über das 21. Jahrhundert wie selbstverständlich einweben werden? Wird das so geschehen, wie die Weltkriege dauerhaft Stoff für Geschichten bieten, wird das in kleinerer Form geschehen wie bei 9/11, wo Andeutungen – Hochhaus, Flugzeugschatten, Teppichmesser – genügen, um das Bild einer Epoche zu zeichnen? Werden die Erzählungen redundant sein, das Gleiche und Gleiche wieder und wieder darstellen, so, wie die 1920er heute entweder der Börsencrash oder Roaring Twenties sind, werden wir den Bildern von Masken und irrsten Trumpcoronaaktionen überdrüssig werden?

Werden wir das Gedenken wegschieben wollen? Wird es uns lästig werden, an die Coronajahre erinnert zu werden? Werden wir das Gedenken ins Private verlegen? Wird es mit Scham behaftet sein, nicht nur das Gedenken an die Toten, auch die Erinnerung, wie man selbst die Zeit verbracht hat – das Verstummen, das Verschwinden, das Nichtgeschaffte, die Wut, die Belastung, der Druck? Wie wird dieses Gedenken aussehen? Welche Fotos von den Coronajahren werden wir in unsere Fotoalben von dm drucken lassen, welche Gedenksäulen werden wir sehen, werden wir uns dann erinnern, woran?

Ansonsten: Für Freitag werden 794 Tote vermeldet. Expertinnen der WHO untersuchen in Wuhan den Ursprung der Pandemie. Die Lieferungen des Moderna-Impfstoffs werden reduziert, dafür soll es mehr Lieferungen des BionTech-Impfstoffes geben. Nur sieben Intensivbetten sind in Portugal frei. Bei einer Razzia im Skigebiet Tirol werden 96 Anzeigen gegen Briten, Dänen, Schweden, Rumänen, Deutsche, Australier, Iren und Polen erstattet. Nachdem die Stadt chinesische Stadt Tonghua über Nacht in einen Lockdown versetzt wird und Türen mit Eisenstangen zugeschweißt werden, gibt es Berichte, dass Menschen aus Hunger ihre eigenen Haustiere, z.B. Schildkröten, essen.

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