Kino. Ein Ziegenbock von einem Film.

American Hustle | The Wolf of Wall Street | Blue Is the Warmest Color | The Secret Life of Walter Mitty | 12 Years a Slave | Nebraska | Inside Llewyn Davis | Blue Jasmine

American Hustle

American Hustle ist kein schlechter Film, aber weit davon entfernt, einer der besten zu sein, auch des letzten Jahres. Und ehrlich gesagt, hat es mich bald gelangweilt, dieses permanente Ausstellen der Skurrilität, diese dicken Oberschenkel von Christian Bale, diese bis zum Bauchnabel geschlitzten Kleider von Amy Adams, diese Hans-Peter-Friedrich-Gedächtnisfrisur von Bradley Cooper, überhaupt diese ständigen Kostümwechsel, dieser Zeitgeist, der sich in den Frisuren und karierten Mänteln manifestieren soll.

Dann aber, vielleicht genau dann, als Bale und Adams in der Reinigung stehen, umkreist von in Plastiksäcken verstauten Kleidungsstücken, wird mir klar, dass es hier eben genau um das Verkleiden geht. Um das jemand-anders-sein, jemand-besseres-sein, reicher, mächtiger, schöner, erfolgreicher. Der ewige amerikanische Traum. Aus dem Nichts zu etwas kommen, allein durch persönlichen Einsatz. Keine Schicksalsergebenheit. Und plötzlich ergibt die Kostümierung, das Überdrehte, das Vorgeben, das Vorspielen, das Fassadenhafte der Geschichte und aller Figuren mehr Sinn, auch wenn die Figuren im Laufe der 130 Minuten zu viel reden und zu wenig sagen.

Klar, das Mixen von Genres ist immer auch irgendwie interessant. Eine Gaunerkomödie addiert mit dem Drama von Menschen, die alles aufs Spiel setzen, um der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Schade trotzdem, dass der Film kein Interesse hat, die Gaunergeschichte angemessen zu Ende zu führen, schade auch, dass Jennifer Lawrence nicht den gesamten Film über »Live and Let Die« singt und dazu putzt.

Und, als Nachtrag: Nach der Anfangsszene, in der sich Bale mit großer Hingabe ein Toupet auf die Halbglatze klebt, drehen sich zwei 13jährige in der Reihe vor mir ebenso entgeistert wie entsetzt um und fragen leicht angewidert, was das für ein Film sei. Gleich darauf stehen sie auf und laufen ins Kino 3, hin zu »Vaterfreuden«.

The Wolf of Wall Street

The Wolf of Wall Street ist ein ziemlich langweiliger Film, suhlt er sich doch drei Stunden lang ausschließlich in einer Emotion, der Maßlosigkeit. Oh, wie abgefahren, diese verrückten Drogenexzesse und die Cheerleader im Traderroom, diese Jachten und Villen, diese abgefuckten Motherfucker der Prasserei, diese Masters der Universen, gegen die sich Nero oder Sherman McCoy wie Schuljungen ausnehmen. Weiterlesen

Gravity. Das Fehlen der Stille.

Am Anfang von »Gravity« wird Sandra Bullock gefragt, was ihr im Weltall am besten gefällt.

»Die Stille«, antwortet sie.

Nur genau die fehlt in »Gravity«. Oder, anders gesagt: Das Problem von »Gravity« ist die Tonspur.

Dagegen die Bilder. Regisseur Alfonso Cuarón ist ein Zauberer der Bilder, ein Magier der minutenlangen Plansequenzen, in denen die Kamera scheinbar befreit von allen physikalischen Gesetzen mühelos durch die Geschichten seiner Welt schwebt, rast, stoppt, gleitet, hastet und dabei mehr erzählt, als durch Schnitte möglich wäre.

Dieser Satz galt im Besonderen für den außergewöhnlichen »Children of Men« und gilt ebenso für »Gravity«. Die Erde, vom All aus gesehen, riesig, blau, unnahbar, eine Raumstation, ein Teleskop schwebt heran, die Kamera findet es, findet die Astronauten, umkreist sie, ein, zwei, dreimal.

Die Kamera schaut von der Unendlichkeit aus auf Sandra Bullock. Wandert zu ihr, nähert sich ihrem Körper, der in einem Raumanzug steckt, nähert sich ihrem Gesicht, dringt durch die Scheibe ihres Helm, dreht sich dort um 180°, nimmt ihre Subjektive ein, schaut nun mit den Augen von Sandra Bullock auf die Unendlichkeit.

Solche Bilder in Worte zu fassen ist möglich. Ihre Wirkung zu beschreiben hingegen nicht. Ein Ort, der kein unten oder oben kennt, kein vorn oder hinten, kein Anfang oder Ende, eine Kamera, die losgelöst von allem Vertrauten darin dennoch die dritte Dimension findet und sie auf die Leinwand bannen kann – wer das nicht sieht, wird nichts ähnliches die nächsten Jahre mehr sehen.

Nur – das sind die Bilder. Der Ton ist: bombastische Orchestermusik in nahezu jeder Sekunde des Films. Der Ton ist: die von George Clooney eingespielten Countrysongs. Der Ton ist: Dialoge im Sprechfunk.

Die Dialoge sollen eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte findet nicht statt. Denn diese Geschichte erzählt nichts über ihre beiden Hauptfiguren. Allein: George Clooney ist ein charmanter, optimistischer Pragmatiker, ist selbst im Angesicht des unausweichlichen Todes gutgelaunt. Eindimensional, das Klischee im ungebrochenen Einklang mit dem Image des Schauspielers. Was weiß man von Sandra Bullock? Sie fühlt sich nicht wohl im Weltraum. Und sie hat ihre Tochter verloren und damit das, was sie erden könnte.

Mehr passiert nicht. Mehr haben sich die beiden nicht zu sagen, haben die beiden dem Zuschauer nicht zu sagen. Zwei Astronauten, gefangen in der Unendlichkeit und alle Worte, die fallen, alle Gefühle, die sie sich zugestehen, verbleiben an der Oberfläche, sparen aus, was tiefer gehen sollte als: »Meine Augen sind stahlblau, sind haselnußbraun«.

Clooney und Bullock sind keine Menschen, die um ihr Überleben in einer aussichtslosen Situation kämpfen. Clooney und Bullock sind Helden. Manche Helden müssen sterben, andere überleben. Was letztlich egal sind. Weil sie egal sind.

Vielleicht war das Cuaróns Absicht. Vielleicht wollte er mit Bullock von Raumstation zu Raumstation springen, wollte zerschossene Satelliten auf den Zuschauer feuern, wollte das Äußere über das Innere triumphieren lassen. Vielleicht gönnt er seinem Film deshalb keine ruhige Sekunde, keinen Moment, der innehält, der sich Zeit nimmt, Bilder jenseits der hastenden Suche nach dem Überleben zu finden, dem Trudeln hinein ins Schwarze, Bilder, welche den Seelenzustand Bullocks, ihre Angst, ihre Zweifel, ihre Panik, ihren unbedingten Willen zum Überleben in Bilder übersetzt.

Halt. Einen Moment gibt es ja. Als Bullock |Spoiler] die russische Raumstation erreicht, sich beinahe aggressiv aus ihrem Raumanzug befreit und viele Sekunden lang in einer fötusähnlichen Haltung schwebt [/Spoiler] da findet der Film die Stille, da findet der Film zu sich.

Da gibt »Gravity« der Unendlichkeit, die so wunderbar, so bedrohlich wirken kann, Raum. Gibt Zeit, sie fassbar zu machen. Macht die Unmöglichkeit bewusst, dass in einer derart lebensfeindlichen Umgebung Leben existieren kann. Zeigt, dass dieses Leben alles daran setzen wird, weiter zu leben. Entgegen jeder Aussicht auf Erfolg das Unmögliche versuchen wird. Weiterleben. Da ist »Gravity« bei sich, da ist »Gravity« eine Einheit aus Bild, aus Ton, aus Inhalt. In diesem Moment ist »Gravity« perfekt.

Gleich darauf allerdings bricht ein dramatisches Feuer aus, schwellt das Orchester mit lauten Streichern an, vertreibt so die Stille, die Ruhe, die Unendlichkeit.

Elysium. Neill Blomkamp hat gute Absichten.

Symbolbild Paradies

Südafrika, vor drei Jahren

Produzent: Du, Neill Blomkamp, wir mochten »District 9« total gern. Gesellschaftskritisch, visuell originell, trotzdem konventionell genug, um die Zuschauer nicht zu verstören.

Neil: Das freut mich.

Produzent: Wir würden gern was Neues mit dir machen. Hast du schon eine Idee?

Neil: Klar.

Produzent: Dann lass mal hören.

Neil: Ich würde gern einen Science-Fiction-Film machen…

Produzent: Super. Genauso hatten wir uns das vorgestellt.

Neil: … aber so im ursprünglichen Sinn.

Produzent: Eine Alieninvasion?

Neil: Nein. Eine Utopie. Eine Geschichte spielt in der Zukunft, erzählt aber etwas über Probleme der Gegenwart.

Produzent: Hm. Probleme. Außerirdische greifen an.

Neil: Nein. Mir geht es um die klaffende Schere zwischen Reich und Arm.

Produzent: Das ist wirklich ein Problem. Vielleicht möchtest du »Iron Man 4« machen. Da geht es um einen Milliardär.

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Oscar 2013. 3D mit dem POTUS.

(1) Die Oscarverleihung ist gut oder schlecht, weil die Filme, die man gut oder schlecht findet, den Oscar erhalten oder nicht.
(2) Die Oscarverleihung ist gut oder schlecht, weil es spannend ist oder nicht, ob die Filme, von denen man glaubt, dass sie den Oscar erhalten oder nicht, den Oscar erhalten oder nicht.
(3) Die Oscarverleihung ist gut oder schlecht, weil die Präsentation gut oder schlecht ist.

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Django Unchained. Ist ja irre – Blutfontänen aus bösen Rassistenkörpern.

Es gibt mindestens zwei Möglichkeiten, über Filme zu schreiben. Man kann sie beurteilen und über die bloße Meinungsäußerung hinaus erläutern, mit welchen Mitteln der Film arbeitet. Oder man beschreibt – unabhängig von der Qualität – was der Film erzählt, was für Bilder er verwendet, wie diese wirken. Nach dieser Methode steht Hobgoblins 2 gleichberechtigt neben Vertigo oder in diesem Fall, steht Django Unchained gleichberechtigt neben Pulp Fiction.

[Spoiler]
Was ich sehe. Ich sehe einen smarten, wortgewandten Kopfgeldjäger, der einem Sklaven die Freiheit schenkt und schließlich eine Partnerschaft mit ihm eingeht. Der Kopfgeldjäger ist in nahezu jeder Sekunde der Aktivere, der Präsentere des Duos. Dieses Verhältnis dreht sich erst am Ende. Erst mit dem Tod des Kopfgeldjägers wird Django wahrhaftig entfesselt.

Ich sehe Weiße, die bis auf ein, zwei Ausnahmen sadistisch oder idiotisch sind, oftmals beides. Ich sehe Schwarze, die bis auf ein, zwei Ausnahmen unterwürfig sind, denen keine Persönlichkeit zugeschrieben wird und die deshalb Objekte bleiben, welche in Fußketten dem Horizont entgegenlaufen oder in Herrschaftshäusern Saucieren reichen.

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Coming soon. Kino 2013.

Was: Knight of Cups / To The Wonder / …
Von: Terrence Malick
Mit: Christan Bale, Natalie Portman, Michael Fassbender, Ryan Gosling, Cate Blanchett, Rachel McAdams, Javier Bardem etc.
Inhalt Das Leben, die Liebe, das Drama. Lensflare.
Hoffnung: In einem Jahr mehr Filme als in 25. Nach Tree of Life aus gutem Grund.
Befürchtung: Entweder Ultimatives über den Menschen an sich. Oder Scheitern im Pathos.

Was: Her
Von: Spike Jonze Weiterlesen

Kino. Affen im Arm, Melancholie

Skyfall

Die eine Frage: Wie weit kann man sich eigentlich vom Kern entfernen, ohne den Kern zu verlieren? Das Überwesen James Bond als alkoholkranker, alterschwacher, danebenschießender, fast toter, grübelnder, psychologisierender, sich um Andere kümmernder Agent? Welcher zudem in keiner Sekunde Leichtigkeit verbreitet, sondern alle Last der Welt auf seinen Schultern trägt? Kann das noch James Bond sein?

Die zweite, fast wichtigere Frage: Wie kann ein Film, der so viel Wert legt auf „Realismus“, auf Glaubwürdigkeit, auf psychologische Tiefe so viele doofe Logiklöcher lassen? Und wieso gab es die stärkste, beschönigend beschriebend „irritierte“ Zuschauerreaktion in der Szene, in der Männerhände Männerschenkel streicheln?

Fraktus

Das Problem vieler sogenannter Mockumentarys ist, dass das ironische Spiel mit der Authentizität seinen Reiz nach fünfzehn Minuten verliert. Danach fällt unweigerlich ins Gewicht, was Sache aller Geschichten ist: die Geschichte. Hier nicht. Hier werden sowohl unfassbare Bezüge zur Realität hergestellt (so dass es nicht mehr möglich sein wird, die Musikgeschichte OHNE Fraktus zu verstehen) als auch Spannungsbögen erzeugt.

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The Dark Knight Rises. Ächzen, wagen, scheitern.

Ach, Batman. Du hast dir so viel vorgenommen. Willst den Kapitalismus und damit ein aus dem Ruder gelaufenes Gesellschaftssystem sezieren. Entscheidest dich bei beim Schurken nicht für einen bequemen Weg, sondern für Bane. Gehst sogar das Wagnis ein und bringst Catwoman zurück, obwohl du weißt, dass du dich im Guten (an Michelle Pfeiffer) wie im Schlechten (an Halle Berry) messen lassen musst. Willst den Schwarzen Ritter als Gefallenen zeigen, körperlich und geistig gebrochen. Hast nicht zwei oder fünf Nebenfiguren, sondern mindestens zwanzig.

Und, Batman. Du liebst die Zwischentöne. Bei dir ist niemand nur Held, nur Bösewicht. Bei dir lässt sich die entfesselte 1% Elite ebenso leicht manipulieren wie die 99%. Instrumentalisiert durch die Aussicht auf mehr Geld und mehr Macht, benutzt durch Schlagworte wie saubere Energie, Freiheit des Einzelnen, Entmachtung der herrschenden Klasse. Beide am Ende Opfer der 0,0001%, der ultimativen Schurken.

Ach, Bane. Deine Physis. Deine Kälte. Deine Effizienz. Deine Maske. Deine Maske. Wenn du in deiner Maske gegen den maskierten Batman antrittst, ist es, als würden Kinder leblose Actionfiguren gegeneinander kämpfen lassen und dazu mit verstellter Stimme sprechen. Es sieht ja keiner, was sich in euren Gesichtern abspielt. Da könnt ihr nur über eure Stimmen etwas hervorrufen, Gefühlszustände beispielsweise. Aber diese Tonmischung, Bane. Deine Stimme von deinem Körper getrennt, schwebt über dir, nein, flattert. Kennst du diese amerikanischen Teleshoppingsendungen, in denen überkandidelte Moderatoren dir Küchenhäcksler andrehen wollen? Kennst du die eingedeutschten Versionen davon, die sogenannten Synchronisationen, in denen der Ton niemals synchron zum Bild läuft? So ist das. So sprichst du. Keine Bane, sondern Walter Freiwald.

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Kino. Ein Gesicht wie ein Weltuntergang.

Take Shelter | Chronicle | The Iron Lady | John Carter | John Irving | Schilf | The Hunger Games | Shame | Dame, König, As, Spion | Empire Me

Take Shelter

Eigentlich müsste man nur das Gesicht von Michael Shannon in Großaufnahme zeigen. 120 Minuten lang. Und darin würde sich dann der Weltuntergang erzählen. Michael Shannon durfte in Revolutionary Road als Irrer die Wahrheit benennen und ist in Boardwalk Empire hin- und hergerissen zwischen Gesetzen, Religion und Versuchungen. Ein Titan, sollte ich schreiben, der hoffentlich zukünftig nicht nur in A-Hollywoodfilmen die Nebenrolle mit dem markanten Äußeren besetzen wird.

In Take Shelter bricht Michael Shannon aus und mit dem Gewohnten, weil er den Weltuntergang vorhersieht. Er baut einen Bunker zum Zufluchtsort um und zerstört damit seine Stellung innerhalb der Dorfgemeinschaft. Das wird in zahlreichen Episoden fast schon penibel aufgedröselt. Denn der Film lässt Shannon machen. Shannon tut etwas und der Film hält sich raus. Er bietet keinen Über- oder Unterbau an, verzichtet auf Psychologie, selbst eine metaphernreiche Bebilderung der Untergangsvision findet dezent statt. Klar gibt es Stürme, dunkle Wolken, Regen und abstürzende Vogelschwärme. Doch nie drängt sich der Film in den Vordergrund und sagt: „Ich erzähle euch eine Allegorie auf eine verängstigte amerikanische Gesellschaft, die sich in der Auflösung befindet.“ Das ist sehr nett vom Filmmacher und garantiert nicht selbstverständlich.

Am Ende dann das Ende. Das zerstört entweder alle Subtilität oder setzt wahlweise eins drauf. Da muss sich jeder selbst eine Meinung bilden. Ich habe das Problem gelöst, indem ich mir ein eigenes Ende ausgedacht habe.

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Der zerbrochene Klang. Im Kino.

Wie hätte ich damals, 2008 auf der ersten Reise nach Krakau und Wien, annehmen können, dass vier Jahre bis zum fertigen Film vergehen werden?

Ich zitiere mal aus der Inhaltsbeschreibung: „Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten jüdische und Roma-Musikerfamilien in Bessarabien zusammen, heirateten untereinander und musizierten gemeinsam. Diese jüdischen Klezmer- und Roma-Lautarmusiker formten eine einzigartige Musikkultur, die durch den Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. 70 Jahre später begeben sich 14 international bekannte Musiker aus aller Welt auf eine Reise in diese Vergangenheit. Die Suche nach den alten Klängen entwickelt sich zur schmerzhaften Erfahrung mit der eigenen Identität.“


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