Männer mit Zöpfen in Filmen mit Untertiteln. Dok Leipzig 57.

Dokfilm Leipzig 2014

Im Museum der bildenden Künste das Akkreditierungspaket inklusive des roten Jutebeutels abholen und sich vornehmen, beim nächsten Mal für den Pass einen möglichst absurden Schnappschuss als visuellen Identifikationsbeweis zu wählen. Danach den Programmplan überfliegen und hastig einen Ablauf der nächsten Tage zu erstellen, der interessante Filme mit einem guten Zeitmanagement verbindet. Fünf Karten pro Tag dürfen geholt werden, fünf hole ich. Der Snowdenfilm ist da schon längst ausverkauft.

#Harvest (Frankreich, 2014)

Jährlich trifft sich ein bunter Haufen unterschiedlichster Typen zur Weinernte in Toulouse.

Bunt ist hier nicht viel, unterschiedlich wenig. Eher ein Haufen von nichts. Denn dem Film gelingt kaum etwas. Weder stellt er Spannung her, noch hat er Wissenswertes über die Weinernte zu berichten oder begeistert sich für ein besonderes ästhetisches Konzept. Lieber stellt er wahllos Gesprächsfetzen nebeneinander und glaubt, dadurch etwas über seine Figuren zu erzählen. So gibt #Harvest nur bruchstückhaft deren Geschichten preis, viel zu wenig allerdings, um ihnen damit näher kommen zu können. Am Ende geradezu mit null Erkenntnis den Wintergarten im Passagekino verlassen. Außer: Männer mit Zöpfen sollten niemals in Filmen mit Untertiteln in der Reihe vor einem sitzen dürfen.

Dokfilm Leipzig 2014

Durch die Höfe am Brühl schlendern und endlich verstehen, warum dieser Ort der perfekte Schauplatz einer postapokalyptischen Konsumdystopie wäre: da ist also Leipzig, sogar die Innenstadt (an deren Historie mit gigantischem Banner gerade erinnert wird) und jemand beschließt dennoch, dass dieser öffentliche Raum keinem Anspruch genügt, weshalb dieser Mensch – nennen wir ihn verallgemeinernd Investor – denkt, er müsse einen Ort schaffen, der sich offenkundig feindlich gegen dieses Außen abschirmen sollte, einen Ort, in dem der Investor verfügen kann, welche Farben die Sitzbänke haben sollten und wie groß Papierkörbe maximal sein könnten.

Ein Ort im Ort wird geschaffen, um maximale Kontrolle erlangen zu können. Und maximale Kontrolle bedeutet verständlicherweise maximalen Ertrag. All die gegrillte Biohähnchen und veganen Frozen-Yogurth-Toppings sind nur schwache Tröste dagegen. Dennoch etwas gekauft in diesen Höfen, was sich letztlich erstaunlich clean angefühlt hat.

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Kino. Der Autor als Gott, ein herzloses Wesen.

When Animals dream
So geht das also. Einen Film komplett als Metapher erzählen und dennoch nur selten in bedeutungsschwangeren Pathos verfallen. Die Parabel ist hier, dass sich ein junges Mädchen in eine Werwölfin verwandelt und dafür von ihrer Umwelt – ein gottverlassenes dänisches Fischerdorf – geächtet wird. Mit der Transformation von Körper und Geist ist sehr offensichtlich das Erwachsenwerden gemeint.

Ähnlich wie der grandiose, ebenfalls aus Skandinavien stammende »So finster die Nacht« werden Blut und Horror ebenso wie Worte nur sparsam und sehr überlegt eingesetzt. Viel wichtiger sind verrostete Kutterwände, Bottiche mit toten Fischköpfen, verwaschener Strandhafer und Haare auf Körpern. Details eben, wo andere die Totale auffahren. Hat zudem mit 84 Minuten genau die richtige Länge, um all die wunderbare Symbolik nicht überzustrapazieren.

Her

Alles, was man über Liebe, Verlust, Sehnsucht, Einsamkeit, die Zukunft und Schnauzbärte wissen muss. Man könnte Lobeshymnen singen auf die Ausstattung, das dezente Design, natürlich wie immer auf Joaquín Phoenix, auf Spike Jonze, die Fähigkeit, sich sehr gegenwärtiger Fragen durch eine leichte Überhöhung intelligent anzunehmen, auf das finale »Moon Song« von Karen O. Stattdessen lieber »Her« ein nächstes Mal sehen und staunen. Weiterlesen

Oscar 2014. Das Selfie der Stars.

Nach dem roten Teppich

Nicht viel passiert auf der Oscarverleihung in diesem Jahr. Nach dem Totalausfall von Seth MacFarlane sollte die Verleihung 2014 möglichst unauffällig, risikolos und damit überraschungsarm ablaufen. Was geschehen sollte, geschah, die erwartbaren Filme wurden ausgezeichnet und die Dankesredenredner hielten sich vorbildlich an die 0:45 Minuten Redezeitvorgabe.

Interessanter schien diesmal die Rolle, die den Stars zugeteilt wurde. Denn es ist unwahrscheinlich, eine Oscarverleihung hauptsächlich mit der Erwartung zu schauen, dass dort tatsächlich der »beste« Film ausgezeichnet werden könnte. Oder die Verleihung in der Annahme schauen, das Kino als solches würde gefeiert werden. Spätestens, seitdem aus Zeit- und Quotengründen die Veranstaltung auf die Sekunde hin getaktet ist, beschränkt sich das Feiern von Kino in lieblosen Zusammenschnitten von Filmszenen, die überwiegend aus Blockbustern der letzten fünfzehn Jahren bestehen.

Nein. Oscar heißt doch, Stars zu schauen. Auf Twitter schreiben zu können: Botox! Mager! Fett! Haarteil! Kleid! Schuhe! Schwanger! Überbewertet! Hach! Cumberbatch! Scientologe! Kollektives Ausflippen! Urgh! Und 2014 musste das Anliegen sein, dem entrückten Star menschliche Züge zu verleihen, ihn gewissermaßen als potentiellen Follower zu zeichnen.

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Kino. Ein Ziegenbock von einem Film.

American Hustle | The Wolf of Wall Street | Blue Is the Warmest Color | The Secret Life of Walter Mitty | 12 Years a Slave | Nebraska | Inside Llewyn Davis | Blue Jasmine

American Hustle

American Hustle ist kein schlechter Film, aber weit davon entfernt, einer der besten zu sein, auch des letzten Jahres. Und ehrlich gesagt, hat es mich bald gelangweilt, dieses permanente Ausstellen der Skurrilität, diese dicken Oberschenkel von Christian Bale, diese bis zum Bauchnabel geschlitzten Kleider von Amy Adams, diese Hans-Peter-Friedrich-Gedächtnisfrisur von Bradley Cooper, überhaupt diese ständigen Kostümwechsel, dieser Zeitgeist, der sich in den Frisuren und karierten Mänteln manifestieren soll.

Dann aber, vielleicht genau dann, als Bale und Adams in der Reinigung stehen, umkreist von in Plastiksäcken verstauten Kleidungsstücken, wird mir klar, dass es hier eben genau um das Verkleiden geht. Um das jemand-anders-sein, jemand-besseres-sein, reicher, mächtiger, schöner, erfolgreicher. Der ewige amerikanische Traum. Aus dem Nichts zu etwas kommen, allein durch persönlichen Einsatz. Keine Schicksalsergebenheit. Und plötzlich ergibt die Kostümierung, das Überdrehte, das Vorgeben, das Vorspielen, das Fassadenhafte der Geschichte und aller Figuren mehr Sinn, auch wenn die Figuren im Laufe der 130 Minuten zu viel reden und zu wenig sagen.

Klar, das Mixen von Genres ist immer auch irgendwie interessant. Eine Gaunerkomödie addiert mit dem Drama von Menschen, die alles aufs Spiel setzen, um der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Schade trotzdem, dass der Film kein Interesse hat, die Gaunergeschichte angemessen zu Ende zu führen, schade auch, dass Jennifer Lawrence nicht den gesamten Film über »Live and Let Die« singt und dazu putzt.

Und, als Nachtrag: Nach der Anfangsszene, in der sich Bale mit großer Hingabe ein Toupet auf die Halbglatze klebt, drehen sich zwei 13jährige in der Reihe vor mir ebenso entgeistert wie entsetzt um und fragen leicht angewidert, was das für ein Film sei. Gleich darauf stehen sie auf und laufen ins Kino 3, hin zu »Vaterfreuden«.

The Wolf of Wall Street

The Wolf of Wall Street ist ein ziemlich langweiliger Film, suhlt er sich doch drei Stunden lang ausschließlich in einer Emotion, der Maßlosigkeit. Oh, wie abgefahren, diese verrückten Drogenexzesse und die Cheerleader im Traderroom, diese Jachten und Villen, diese abgefuckten Motherfucker der Prasserei, diese Masters der Universen, gegen die sich Nero oder Sherman McCoy wie Schuljungen ausnehmen. Weiterlesen

Gravity. Das Fehlen der Stille.

Am Anfang von »Gravity« wird Sandra Bullock gefragt, was ihr im Weltall am besten gefällt.

»Die Stille«, antwortet sie.

Nur genau die fehlt in »Gravity«. Oder, anders gesagt: Das Problem von »Gravity« ist die Tonspur.

Dagegen die Bilder. Regisseur Alfonso Cuarón ist ein Zauberer der Bilder, ein Magier der minutenlangen Plansequenzen, in denen die Kamera scheinbar befreit von allen physikalischen Gesetzen mühelos durch die Geschichten seiner Welt schwebt, rast, stoppt, gleitet, hastet und dabei mehr erzählt, als durch Schnitte möglich wäre.

Dieser Satz galt im Besonderen für den außergewöhnlichen »Children of Men« und gilt ebenso für »Gravity«. Die Erde, vom All aus gesehen, riesig, blau, unnahbar, eine Raumstation, ein Teleskop schwebt heran, die Kamera findet es, findet die Astronauten, umkreist sie, ein, zwei, dreimal.

Die Kamera schaut von der Unendlichkeit aus auf Sandra Bullock. Wandert zu ihr, nähert sich ihrem Körper, der in einem Raumanzug steckt, nähert sich ihrem Gesicht, dringt durch die Scheibe ihres Helm, dreht sich dort um 180°, nimmt ihre Subjektive ein, schaut nun mit den Augen von Sandra Bullock auf die Unendlichkeit.

Solche Bilder in Worte zu fassen ist möglich. Ihre Wirkung zu beschreiben hingegen nicht. Ein Ort, der kein unten oder oben kennt, kein vorn oder hinten, kein Anfang oder Ende, eine Kamera, die losgelöst von allem Vertrauten darin dennoch die dritte Dimension findet und sie auf die Leinwand bannen kann – wer das nicht sieht, wird nichts ähnliches die nächsten Jahre mehr sehen.

Nur – das sind die Bilder. Der Ton ist: bombastische Orchestermusik in nahezu jeder Sekunde des Films. Der Ton ist: die von George Clooney eingespielten Countrysongs. Der Ton ist: Dialoge im Sprechfunk.

Die Dialoge sollen eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte findet nicht statt. Denn diese Geschichte erzählt nichts über ihre beiden Hauptfiguren. Allein: George Clooney ist ein charmanter, optimistischer Pragmatiker, ist selbst im Angesicht des unausweichlichen Todes gutgelaunt. Eindimensional, das Klischee im ungebrochenen Einklang mit dem Image des Schauspielers. Was weiß man von Sandra Bullock? Sie fühlt sich nicht wohl im Weltraum. Und sie hat ihre Tochter verloren und damit das, was sie erden könnte.

Mehr passiert nicht. Mehr haben sich die beiden nicht zu sagen, haben die beiden dem Zuschauer nicht zu sagen. Zwei Astronauten, gefangen in der Unendlichkeit und alle Worte, die fallen, alle Gefühle, die sie sich zugestehen, verbleiben an der Oberfläche, sparen aus, was tiefer gehen sollte als: »Meine Augen sind stahlblau, sind haselnußbraun«.

Clooney und Bullock sind keine Menschen, die um ihr Überleben in einer aussichtslosen Situation kämpfen. Clooney und Bullock sind Helden. Manche Helden müssen sterben, andere überleben. Was letztlich egal sind. Weil sie egal sind.

Vielleicht war das Cuaróns Absicht. Vielleicht wollte er mit Bullock von Raumstation zu Raumstation springen, wollte zerschossene Satelliten auf den Zuschauer feuern, wollte das Äußere über das Innere triumphieren lassen. Vielleicht gönnt er seinem Film deshalb keine ruhige Sekunde, keinen Moment, der innehält, der sich Zeit nimmt, Bilder jenseits der hastenden Suche nach dem Überleben zu finden, dem Trudeln hinein ins Schwarze, Bilder, welche den Seelenzustand Bullocks, ihre Angst, ihre Zweifel, ihre Panik, ihren unbedingten Willen zum Überleben in Bilder übersetzt.

Halt. Einen Moment gibt es ja. Als Bullock |Spoiler] die russische Raumstation erreicht, sich beinahe aggressiv aus ihrem Raumanzug befreit und viele Sekunden lang in einer fötusähnlichen Haltung schwebt [/Spoiler] da findet der Film die Stille, da findet der Film zu sich.

Da gibt »Gravity« der Unendlichkeit, die so wunderbar, so bedrohlich wirken kann, Raum. Gibt Zeit, sie fassbar zu machen. Macht die Unmöglichkeit bewusst, dass in einer derart lebensfeindlichen Umgebung Leben existieren kann. Zeigt, dass dieses Leben alles daran setzen wird, weiter zu leben. Entgegen jeder Aussicht auf Erfolg das Unmögliche versuchen wird. Weiterleben. Da ist »Gravity« bei sich, da ist »Gravity« eine Einheit aus Bild, aus Ton, aus Inhalt. In diesem Moment ist »Gravity« perfekt.

Gleich darauf allerdings bricht ein dramatisches Feuer aus, schwellt das Orchester mit lauten Streichern an, vertreibt so die Stille, die Ruhe, die Unendlichkeit.

Elysium. Neill Blomkamp hat gute Absichten.

Symbolbild Paradies

Südafrika, vor drei Jahren

Produzent: Du, Neill Blomkamp, wir mochten »District 9« total gern. Gesellschaftskritisch, visuell originell, trotzdem konventionell genug, um die Zuschauer nicht zu verstören.

Neil: Das freut mich.

Produzent: Wir würden gern was Neues mit dir machen. Hast du schon eine Idee?

Neil: Klar.

Produzent: Dann lass mal hören.

Neil: Ich würde gern einen Science-Fiction-Film machen…

Produzent: Super. Genauso hatten wir uns das vorgestellt.

Neil: … aber so im ursprünglichen Sinn.

Produzent: Eine Alieninvasion?

Neil: Nein. Eine Utopie. Eine Geschichte spielt in der Zukunft, erzählt aber etwas über Probleme der Gegenwart.

Produzent: Hm. Probleme. Außerirdische greifen an.

Neil: Nein. Mir geht es um die klaffende Schere zwischen Reich und Arm.

Produzent: Das ist wirklich ein Problem. Vielleicht möchtest du »Iron Man 4« machen. Da geht es um einen Milliardär.

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Oscar 2013. 3D mit dem POTUS.

(1) Die Oscarverleihung ist gut oder schlecht, weil die Filme, die man gut oder schlecht findet, den Oscar erhalten oder nicht.
(2) Die Oscarverleihung ist gut oder schlecht, weil es spannend ist oder nicht, ob die Filme, von denen man glaubt, dass sie den Oscar erhalten oder nicht, den Oscar erhalten oder nicht.
(3) Die Oscarverleihung ist gut oder schlecht, weil die Präsentation gut oder schlecht ist.

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