Kampfquallen mit Freisprechanlagen

swag-1+++ ???! +++ Storch +++ Sport +++ Fakenews +++ Tresentwitter +++

# Kampfqualle, unangeleint

Bei Max Goldt den schönen Satz gefunden: »Weltgeschichte kotzt mich gerade an wie eine unangeleinte Kampfqualle.« Wird man bestimmt häufiger gebrauchen können in diesem Jahr.

# Schnee

Woher dieses Bedürfnis, sowie sich eine Schneedecke gebildet hat, diese mit Salz wegzuätzen? Natürlich Gesetze, natürlich Beinbruch. Aber müsste es nicht einen Moment des Zögerns geben, einen offensichtlichen Widerwillen, vielleicht einen Akt des Ungehorsams, weil so eine allumfassende Schneedecke doch meistens anmutiger ist als alles darunter und selten dazu?

# Sport

Kamil Stoch, dem Gewinner der diesjährigen Vierschanzentournee, fehlt nur ein r zum nahezu perfekten Namen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann und auch zum Biathlon und der Handball-WM. Das fehlende Interesse liegt weniger an den Sportarten selbst, als vielmehr an der Häufigkeit, mit der Sieger darin gekürt werden. Jedes neue Jahr bringt neue Gewinnerinnen, was den einzelnen Gewinn entwert, fast möchte ich schreiben, bedeutungslos macht.

Selbst beim heiligen Fußball sinkt die Spannung mit jedem Jahr, in dem ich Fußball verfolge und ich frage mich, was in fünfhundert Jahren sein wird, wenn Deutschland oder Brasilien jeweils vierzigmaliger Weltmeister sind.

# Twittertrump

Was geschähe, wenn Twitter Trumps Account stilllegen würde?

# Twittercharakter

Noch mal Twitter. Twitter hat ja nur die eine Funktion: den Charakter des Twitternden zu offenbaren; aufgeweckt, wortgewandt, fad, engagiert, lakonisch, hämisch, niederträchtig etc. 140 Zeichen sind Gedanken wie unvermittelt aufgestoßene Luft, nichts, was relevanter wäre als ein Gespräch am Tresen. Probleme entstehen, wenn den 140 Zeichen mehr Bedeutung zugeschrieben wird, z.B. eine inhaltliche.

# ???!
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Nafri und die Babelbibliothek von Trump

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+++ Nafri +++ Racial Profiling +++ Trump +++ Star Wars +++

# Trump und die Bibliothek von Babel

Archive.org hat 520 Stunden Fernsehinterviews mit Donald Trump gesammelt, verschriftet und mit einer Stichwortsuche versehen. 520 Stunden sind 31200 Minuten sind zwei Millionen Sekunden Worte. Quasi die Babelbiblothek von Jorge Luis Borges, die alle jemals formulierten und zu formulierenden Sätze enthält.

Auch in diesen (bisher) 520 Stunden wird sich für jeden Anlass und jede Absicht das passende Zitat finden und aus dem Kontext nehmen lassen. Ein gigantisches Rauschen, in dem jedes Wort, jede Äußerung, jede hasserfüllte, absurde, zutreffende, belanglose Aussage genau so wichtig wie unwichtig ist und darin aufgeht und nur durch eine bewusste Bewegung von außen Bedeutung erfährt. Vielleicht das zentrale Erfolgsmoment von Trump: Die Produktion eines solchen Rauschens.

# Nafri

Kaum etwas schätzen deutsche Behörden mehr als Abkürzungen. Dahingehend ist Nafri durchaus eine Wortkonstruktion, die innerhalb des Systems Polizei Sinn ergeben und Funktionen erfüllen kann. Problematisch wird es, wenn das Wort das System verlässt. Gerade, wenn es so unscharf formuliert ist und sowohl Nordafrikaner wie Nordafrikanischer Intensivtäter bedeuten kann und somit impliziert, dass jeder Nordafrikaner kriminell ist.

Nun, da der Begriff in der Welt ist, wird er entsprechend lustvoll von der Neuen Rechten gebraucht. Erweiterungen der BILD (Grüfris) sind wenig hilfreich. In Österreich hingegen größte Verwirrung:

# Racial Profiling

Vor zwanzig Jahren erschien die Dokumentation Blauäugig, einem verfilmten sozialen Experiment, in der Teilnehmer eines Workshops in zwei Gruppen eingeteilt werden, den Braunaugen und den Blauaugen. Es schadet sicher nicht, sich in diesen Tagen den Film wieder anzuschauen oder zumindest den Wikieintrag zu lesen.

Wie wenig die Neuen Rechten das Wesen des Racial Profiling verstanden haben oder böswillig missverstehen wollen, zeigt dieser Tweet.

# Offenheit vs. Abschottung

Ein interessanter Gedankengang ist es, Parteien nicht in Links und Rechts einzuordnen, sondern in Offenheit und Abschottung. Und diese Überlegung auf die rechtspopulistische Bewegung anzuwenden. So würden in Deutschland nahezu alle Parteien (selbst mit Einschränkungen die CSU und Wagenknechtlinke) einer Seite angehören und die AfD würden dem entgegen stehen. Das wäre tatsächlich das von AfD so oft beschworene wir-gegen-alle-Narrativ. Vielleicht bräuchte es dann auch einen neuen Sammelbegriff für solche Parteien, Schottis klänge natürlich albern.

# Polarisierung
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11/9 in Zitaten.

»Und wir – ich auch – müssen unsere Fehler erkennen. Dringend. Wir, die publizistisch und aktivistisch gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus gekämpft haben, hier in Europa. Wir müssen unsere Fehler in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren analysieren und daraus Konsequenzen ziehen. Wo haben wir gehofft, statt zu erkennen? Wo haben wir ignoriert, statt hinzusehen? Wo haben wir geschwiegen und geduldet, statt zu sprechen und zu handeln? Wo lagen wir schlicht und ergreifend falsch? Denn wir haben es hier in Deutschland, in Europa mit denselben Leuten, denselben Gefühlen zu tun wie in den USA. Wir haben oft dieselben Instrumente und Ansätze für politische Bildung, inhaltliche Überzeugung, moralische Grenzsetzung benutzt, die offensichtlich nicht funktionieren. Die Wahl von Trump ist damit das Ende unserer Gewissheit, wir wüssten, wie die dunkle, wütende, hassende Seite in uns allen zu besiegen sei.«

»Diesbezüglich ist die Wahl von Trump auch als Rache am korrupten Neoliberalismus zu lesen, die gleichzeitig den Verlust linker Werte spiegelt: Die Wähler der weißen Mittelschicht verweigern ihren schwarzen und muslimischen Nachbarn die Solidarität und ermöglichen damit letztlich eine Institutionalisierung und Normalisierung jetzt bereits rassistischer Strukturen, die bereits vor der Wahl jede Menge Todesopfer forderten. Das taten sie für die scheinbare Sicherheit von Industriejobs und sie nehmen dafür Trumps Normalisierung von Rassismus in Kauf, der sich jetzt bereits in Gewalt an Schwarzen und Homosexuellen äußert.«

»Blacks riot, Muslims set bombs, gays spread AIDS, Mexican cartels behead children, atheists tear down Christmas trees. Meanwhile, those liberal Lena Dunhams in their $5,000-a-month apartments sip wine and say, „But those white Christians are the real problem!“ Terror victims scream in the street next to their own severed limbs, and the response from the elites is to cry about how men should be allowed to use women’s restrooms and how it’s cruel to keep chickens in cages.« Weiterlesen

Stranger Things mit Pokémon Go

Biss Finte Kratzer

Da ist die Wirklichkeit. Sie ist grausam. Messer tauchen darin auf, Macheten, Äxte, Bomben, LKWs, Metallsplitter, eine Glock 17 Kaliber 9mm, das Mittelmeer, Aleppo, Brexit, Sniper.

Da ist die Wirklichkeit. Sie ist banal. Aufstehen, Zähneputzen, Kaffee, Computer an, Computer aus. Da ist eine Wirklichkeit, die nervt mit ihren Anforderungen, die farblos ist, längst erobert, viel zu verwirrend mit ihren ständigen Widersprüchen, eine durchtechnologisierte Wirklichkeit ohne zauberhafte Ecken, ausgeleuchtet, festgezurrt, eingelegt und abgesperrt, formatiert und optimiert.

Doch plötzlich ist da eine zweite Wirklichkeit. Sie legt sich über diese so auslaugende Wirklichkeit wie eine wundersame Schicht. In dieser zweiten Wirklichkeit hocken Wesen vor Geldautomaten und warten vor Bäckereikettenzweigstellen. Bunt sind die Wesen und tragen hinreißende Namen, Rattikarl, Rattfratz, Pummeluff und Taubsi, Taubsi. Sie sind rosa Bälle mit Rüsseln, Hasen mit Schneckenhäuserstirnen, Katzen mit Hörnern und Bäuchen so zutraulich, dass Kinder ihn als Platz zum Spielen nutzen. Weiterlesen

Gedanken zu pray for München.

#Twitter = Bewusstseinsstrom
In der Literatur gibt es die Erzählweise des streams of consciousness, des Bewusstseinsstroms, vereinfacht gesagt, dem subjektiven Fließen von Gedanken und Empfindungen. So flossen die Gedanken und Empfindungen: Überraschung, Bestürzung, Trauer, Resignation, Wut, Hass. Videos wurden gepostet, Reaktionen auf die Videos, Kritik am Teilen geteilt. Geschrieben wurde, dass es besser sei, nichts zu schreiben. Katzenbilder wurden geteilt und Kritik an Katzenbildern. Es wurde vorverurteilt und davor gewarnt, vorzuverurteilen. Es wurde kritisiert, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht live berichten und kritisiert, dass die Öffentlich-Rechtlichen live berichten, aber keine Fakten liefern. Karikaturen wurden geteilt, Wahlempfehlungen ausgesprochen, Angela Merkel wurde für die Schüsse verantwortlich gemacht.

#Twitter = jeder
Anders gesagt: Gestern war Twitter ein Organismus, der unter einem Hashtag gleichberechtigt alle Gedanken und Empfindungen zu einem Geschehnis teilte. Das zu beklagen, hieße Twitter grundsätzlich in Frage zu stellen. Oder Empfindungen. Oder Gedanken.

#Schrödingers Täter
Während der Tat war der Täter Islamist, im Auftrag des IS unterwegs, Arbeitsloser, Türke, in stationärer Behandlung, Psychopath, Amokläufer, Rechtsradikaler, Breivikimitator. Er war allein, zu zweit, zu dritt, auf der Flucht, schon tot, schoss im Einkaufszentrum, am Stachus, am Bahnhof.

#Fakten
Bestätigte Tatsachen gab es während der Tat wenige. Die meisten der wenigen kamen von der Polizei München. Auch sie teilte Informationen, die sich später als unwahr erwiesen.

#Die öffentlich-rechtlichen Medien
Haben nach einigem Zögern live berichtet. Um die wenigen bestätigten Informationen haben sie viele Stunden Programm gebaut. Zwangsläufig bestand der größte Teil der Berichterstattung aus Wiederholung des Bekannten. Und Spekulationen. Dafür wurden die öffentlich-rechtlichen Medien kritisiert wie auch dafür, viel zu spät live berichtet zu haben. Weiterlesen

Mit Rechtspopulisten sprechen.

nicht füttern

Üblicherweise hat der Rechtspopulist nicht viel: schniekes Auftreten, schneidige Rhetorik und seinen Hass hauptsächlich. Dann hört es meistens schon auf.

Das reicht gerade so, um stabile ein bis zehn Prozent der Menschen eines Landes hinter sich zu scharren. Am Wochenende genügte es, um 49,7 Prozent der Österreicher einen rechtsnationalistischen Kandidaten wählen zu lassen, der Mitglied einer deutschnationalen Burschenschaft ist und sich in die Tradition von Faschisten stellt. Kleinigkeiten, Zufälle, Zungenschläge haben seinen Sieg verhindert. Es hätte auch anders kommen können.

In den letzten Jahren hat der Rechtspopulist eine steile Karriere hingelegt. Er sagt sich: Geht es so weiter, werde ich bei der nächsten Wahl gewinnen. Ich werde österreichischer Kanzler sein. Ich werde französische Präsidentin sein. Selbst in Deutschland wird ein Regieren ohne meine Partei nur mehr unter großen Anstrengungen möglich sein. Und ist es ausgeschlossen, dass ich nicht auch die amerikanische Präsidentschaftswahl gewinne?

Hat der Rechtspopulisten recht, wenn er das Regieren als zwangsläufige Konsequenz einer Entwicklung sähe? Und falls ja: Gäbe es Möglichkeiten, dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Weiterlesen

Jan Böhmermann hat recht und alle anderen auch.

schranke

Alle haben recht.
Die, die sagen, Jan Böhmermann habe eine widerliche, unter-die-Gürtellinie-zielende, eh­ren­rüh­rige Schmähung vorgenommen, die verboten gehöre.
Die, die sagen, Jan Böhmermann habe auf besondere Weise die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung / Satire / Kritik und Verleumdung gezeigt.
Die, die sagen, es gäbe Wichtigeres zu besprechen als diese Angelegenheit.
Die, die sagen, es gäbe nichts Wichtigeres zu besprechen als diese Angelegenheit, weil sie ganz grundsätzliche Fragen an ein Miteinander und damit die Sprache stellt.

Das eine lässt sich ohne das andere nicht denken. Die Schmähung nicht ohne den Kontext, in dem sie geschehen ist. Jan Böhmermann hat gesagt: Das muss erlaubt sein. Das andere darf nicht erlaubt sein. Indem er das Nichterlaubte ausgesprochen hat, hat er ein Paradoxon geschaffen. Diesem Paradoxon ist mit Logik, mit Empörung, schon gar nicht mit Politik, Facebookkommentaren und Talkshows beizukommen. Es wird sich nicht auflösen lassen, niemals. Weiterlesen

#JeSuisBerlin #JeSuisHamburg #JeSuisMünchen

lichter

Am Montag war ich in Brüssel. Am Vormittag kam der Eurostar am Bahnhof an. Verspätet, so dass ich vier Stunden in Brüssel hätte bleiben können – mit der U-Bahn noch mal in die Stadt fahren, vielleicht über die Station Maelbeek.

Dienstag bin ich nicht mehr in Brüssel. Zwischen acht und neun Uhr sterben dort vierunddreißig Menschen. Ein Tag liegt zwischen mir und Brüssel und dem Terror. Es war eine zufällige Entscheidung, montags in Brüssel zu sein. Genauso gut hätte es Sonntag oder Dienstag sein können.

Es ist Willkür. Wo es passiert und wo ich gerade stehe und an was ich denke und wen ich interessiert oder misstrauisch mustere und trotz der höchsten Warnstufe, trotz Fahndungserfolgen, trotz der Soldaten mit den schussbereiten Maschinengewehren. Nichts schützt, alles ist möglich, jederzeit, die einzige Gewissheit ist die der fehlenden Sicherheit.

Ich hätte also panisch werden sollen. Zu wissen, dass mein Montag auch dieser Dienstag hätte sein können. Stattdessen laufen die üblichen Muster ab: Überschriften lesen, erfahren, dass etwas passiert ist. Sofort, ohne etwas Konkretes zu wissen, die ersten Bilder schon im Kopf haben. Liveticker durchscrollen, die Kopfbilder präzisieren. Spärliche Informationen zu spärlichen Informationen stapeln. Die ersten von Storchs und Lengsfelds lesen, die unmöglichen Äußerungen unmöglicher Leute. Deshalb empört sein. Empört sein über mich, dass ich darüber mehr empört bin als betroffen über die Tatsache, dass Menschen gerade ihre Körper zerfetzt haben, um andere Menschen zu zerfetzen. Weiterlesen

Welt von morgen.

Da saßen sie also im Fernsehstudio einer der großen deutschen Politikgesprächsrunden: ein Schweizer, der offenließ, ob Hermann Göring nicht doch mit »vermeintlich besten Absichten« gehandelt haben könnte, und eine Deutsche, die forderte, in Notfällen eben auf die Geflüchteten schießen zu müssen.

Sie waren rechtspopulistische Reaktionäre und hier waren sie in der Mehrzahl. Sie wussten, dass in politischen Gesprächsrunden weder Gäste ihre Standpunkte überdenken noch Zuschauer ihre Meinung ändern sollten. Aber solche Runden zeigten, in welchem Rahmen ein Thema gegenwärtig diskutiert wurde.

Das hieß: Gerade bestimmten sie den Diskurs. Weiterlesen

Köln. Einself ist kein Dialog.

Es ist kompliziert.

Birgit Kelle fordert einen Aufschrei.
Die CSU setzt sich für die Gleichberechtigung von Frau und Mann ein.
Ein Linker agiert mit antisemitischen Äußerungen.
Ein Rechter verteidigt Israel.
Ein Konservativer macht sich für Schwulenrechte stark.
Ein TTIP-Gegner möchte Sigmar Gabriel am Galgen hängen sehen.
Ein Putin-Sympathisant kritisiert die amerikanischen Drohneneinsätze.

Es gibt viele Positionen. Einige teile ich, einigen würde ich unter allen Umständen entgegentreten. Diese Positionen werden von Leuten vertreten, mit deren Meinung ich oft übereinstimme oder deren Weltbilder meinen fremd sind.

In letzter Zeit vermischt sich das oft. Leute, denen ich stets widersprochen habe, vertreten Meinungen, die auch meine sind. Meistens zögere ich dann. Meistens kann ich dann nicht so ohne weiteres zustimmen. Meistens brauche ich dann etwas Zeit, um darüber zu nachzudenken.

Was nicht schlecht ist. Sich und die eigenen Positionen zu hinterfragen. Den Blick auf andere zu hinterfragen. Schubladen schließen. Vermeintliche Gewissheiten prüfen.

Gestern war so ein Tag. Weiterlesen