Avicii. Nicht am Strand von Madagaskar.

Gestern Abend, als ich mit dem Fahrrad nach Connewitz unterwegs bin, erfahre ich, dass Avicii gestorben ist. Wenige Tage zuvor hätte ich diese Nachricht unbewegt zur Kenntnis genommen, bestenfalls festgestellt, dass Avicii einer von denen mit den besonders lästigen Liedern ist. Doch war das gestern nicht mehr möglich. Tags zuvor hatte ich eine Dokumentation gesehen – Avicii: True Stories.

Der Film erzählt von einem jungen schwedischen Teenager, der in seinem Schlafzimmer sitzt und Musik macht, so wie man Musik macht, wenn man Musik liebt: tausend Stunden lang Musik spielen, dafür die Stücke der Vorbilder kopieren, sie Ton für Ton nachbauen, um zu verstehen, schließlich beginnen, Eigenes hinzuzufügen. Tim Bergling schickt seine Tracks an Blogs, ein Blog postet sie, sie werden gehört, ein Manager wird aufmerksam, verspricht dem Jungen, ihn groß raus zu bringen. Weiterlesen

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Über Spahn, Storch, Kollegah und den Hund von Jens Jessen

Jens Spahn

Ich weiß noch genau, wann ich Jens Spahn zum ersten Mal als Jens Spahn wahrnahm. Es war in einer dieser sogenannten politischen Gesprächsrunden, die ich seither nur noch anschaue, um den Kontext mancher Tweets zu verstehen. Das Thema hieß Rente und Jens Spahn war so jung wie ein Fußballprofi im besten Alter, jünger als Thomas Müller also, jünger als Toni Kroos, irgendwo zwischen Joshua Kimmich und Mario Götze. Ich dachte noch, warum CDU, warum schickst du einen so jungen Menschen in diese Gesprächsrunde, du musst doch von Haus aus für Rente sein.

Aber Jens Spahn war kritisch der Rente gegenüber, er wollte die Rente abschaffen, er wollte, dass alle Alten ihre bisher erhaltene Rente an Junge wie Kimmich (der damals noch in der Jugendmannschaft des VfB Bösingen gespielt haben musste) oder Jens Spahn zurückzahlen sollten. Ich dachte, was für ein pauschaler Unsinn, Jens Spahn, und hatte keine Ehrfurcht vor seiner Meinung, nicht mal Respekt vor seiner kühnen Aggressivität, weil mir Spahn schien wie einer, der aus Karrieregründen in die Haut eines strebsamen Trolls geschlüpft war, einer, der sagt, was niemand hören will, was alle aber ganz gern hören, weil einer muss es ja sagen, weil sich sonst alle einer Meinung sind – boring. Jens Spahn war einer, der badete darin, der verlangte sogar noch mehr von dem kopfschüttelnden Abscheu, mit dem man ihn übergoss. Und man goss bereitwillig.

Ebenfalls kam mir der Gedanke, dass man von dem Spahn noch was hören würde und war gespannt, ob seine Meinung irgendwann zählen würde, ob man seinen Aussagen tatsächlich einmal Bedeutung zuschreiben würde, dass aus seinem Widerspruch des Widerspruchs willen einmal Konsequenzen folgen würden. Anders gesagt, ich war gespannt, ob Jens Spahn eines Tages ein erfolgreicher Politiker werden würde, also einer mit Macht. Weiterlesen

Tocotronic. Objektiv die hundert elementarsten Lieder.

Anlässlich des Erscheinens der Unendlichkeit die objektiv hundert elementarsten Lieder von TOCOTRONIC bis dato.

Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren
Dieses Jahr
Explosion
Im Zweifel für den Zweifel
Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit
Michael Ende, du hast mein Leben zerstört
Kapitulation
Das Geschenk
Neues vom Trickser
Deine Party

Der schönste Tag in meinem Leben
Die Verbesserung der Erde
Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk
Pure Vernunft darf niemals siegen
Ich mag dich einfach nicht mehr so
Samstag ist Selbstmord
Ein Abend im Rotary Club
Ich heirate eine Familie
17
Die Unendlichkeit

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Alles Sonnen. Alben 2017.

 

Belgrad – Belgrad
Einige Platten sehr gern gehört, gerade diese und die folgenden beiden haben mich aus unterschiedlichen Gründen glücklicherweise stark angegriffen. Hier – trotz blödem Cover – das schlauste, trübsinnigste Wühlen in Grauzonen. Erdacht und gespielt von Menschen, die früher bei u.a den verehrten Kommando Sonne-nmilch oder Slime gewirkt haben. Anspiel: Niemand

Priests – Nothing Feels Natural
Als würden Sleater-Kinney im Jazzklub wüten. Jede Menge Zorn und Haltung und dazu die wunderschönsten, weil diffusesten Gitarren. Anspiel: Nothing Feels Natural

Arca – Arca
So viele Schichten und jede hat mich zum Heulen gebracht. Vor Unverständnis, Glück, Vollkommenheit. Ist einerseits ohne Kompromisse und zugleich unendlich verletzlich. Björk denkt übrigens ähnlich. Anspiel: Reverie

Julien Baker – Turn Out the Lights
Ihr Debüt hat mich weggerammt wie der Bus aus There Is a Light That Never Goes Out. Es ist so verdammt naheliegend, hier von „zerbrechlich“ und „zart“ zu schreiben. Dabei lauern eine Menge Verzweiflung unter all den Flageoletttönen. Erschütternd wie die letzten zehn Minuten von „Six Feet Under“ in Endlosschleife. Anspiel: Appointments Weiterlesen

Die KADYA-Girls. Jaffa / Weimar.

Der Kadyachor. Fünfundzwanzig Mädchen aus Israel und Deutschland kommen in Israel und Weimar zusammen, um in achtzehn Tagen zwölf Lieder der jiddischen Dichterin Kadya Molodowsky einzusingen. Die Texte sind in Jiddisch, eine Sprache, die sie nicht sprechen, zu Teilen aber verstehen können. Ihre Sprachen sind Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch. Proben stehen an, zwei Konzerte, ein Besuch in Jerusalem, Flüge in andere Länder, ein Leben in der Ferne. Eine Reise, in vielerlei Hinsicht.

Jaffa, Jafo. Die viele tausend Jahre alte, mehrheitlich arabische Hafenstadt, die in den 1950er Jahren mit Tel Aviv vereint wurde. Wer auf der Straße läuft, dem tropft Wasser von den Klimaanlagen in den Nacken. Auf der Sderot Yerushalayim alle drei Häuser ein Kiosk, darin gekühlte Getränke, Auberginen so groß wie Wassermelonen und Wassermelonen so groß wie zwei Wassermelonen. Das wahnsinnigste Fortbewegungsmittel sind die E-Bikes, die auf Straßen und zwischen Passanten wie in einem GTA Jaffa agieren, oft mit Beifahrer stehend auf dem Gepäckträger. Die wichtigste Information in Städten ist: Halten Autos an Zebrastreifen? Hier tun sie das.

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Alben 2016 | brodeln wispern wüten

cvr2016

The Sweet Release of Death – The Sweet Release of Death

Ich finde ja, dass Gitarren genau so klingen müssen: verwaschen, verhallt, tausend Töne in einem, vermischt mit Wolken und Erde, ein Flirten mit dem weißen Rauschen, ein Flirren im Nichts, ein irritierendes Schweben über dem Abgrund, bereit, jeder Zeit abstürzen zu können und doch getragen von dem Willen, so etwas wie Ordnung anzustreben und sei es durch die Andeutung einer Melodie. Kein Riff, keine Pose, kein Mackertum, kein Gegnidel, kein Solo, sondern eine ewige Flut von brodeln, wispern, wüten. Bass, Schlagzeug und auch Gesang ordnen sich diesem Fließen bedingungslos unter. Das ist dann der Limbus, in dem ich gefangen sein will für den Rest aller Tage.

Kate Tempest – Let Them Eat Chaos

Horst Seehofer würde diese Platte lieben. Er mag ja keine ausdruckslose Lyrik mehr hören wollen. Dann also Kate Tempest. Wenn die Welt in Flammen steht, braucht es diesen Ausdruck von Poesie, Alltag, Wut, Cockney. Gern mit absoluter Mehrheit. The kids are alright, but the kids will get older. 

Radiohead – A Moon Shaped Pool

Musik, die Türen öffnet, hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten haben Radiohead immer schon gemacht. Aber hier. »Daydreaming« wie das rätselhafte Schlussbild von »Barton Fink«, »True Love Waits« endlich auf Platte und »Glass Eyes« der melancholischste James-Joyce-Roman, den John Irving nie geschrieben hat.

Savages – Adore Life

Das hat es in diesem Jahr gebraucht: Zornig, angepisst und außer sich die Faust zu ballen. Und dann Ja zum Leben zu sagen.

David Bowie – Blackstar
Leben, Tod & Jazz.

Julien Baker – Sprained Ankle

Eine Stimme wie ein ewiger Flageolettton, so fragil wie das erste Eis des Winters und dennoch eine Supernova.



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