Alben 2016 | brodeln wispern wüten

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The Sweet Release of Death – The Sweet Release of Death

Ich finde ja, dass Gitarren genau so klingen müssen: verwaschen, verhallt, tausend Töne in einem, vermischt mit Wolken und Erde, ein Flirten mit dem weißen Rauschen, ein Flirren im Nichts, ein irritierendes Schweben über dem Abgrund, bereit, jeder Zeit abstürzen zu können und doch getragen von dem Willen, so etwas wie Ordnung anzustreben und sei es durch die Andeutung einer Melodie. Kein Riff, keine Pose, kein Mackertum, kein Gegnidel, kein Solo, sondern eine ewige Flut von brodeln, wispern, wüten. Bass, Schlagzeug und auch Gesang ordnen sich diesem Fließen bedingungslos unter. Das ist dann der Limbus, in dem ich gefangen sein will für den Rest aller Tage.

Kate Tempest – Let Them Eat Chaos

Horst Seehofer würde diese Platte lieben. Er mag ja keine ausdruckslose Lyrik mehr hören wollen. Dann also Kate Tempest. Wenn die Welt in Flammen steht, braucht es diesen Ausdruck von Poesie, Alltag, Wut, Cockney. Gern mit absoluter Mehrheit. The kids are alright, but the kids will get older. 

Radiohead – A Moon Shaped Pool

Musik, die Türen öffnet, hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten haben Radiohead immer schon gemacht. Aber hier. »Daydreaming« wie das rätselhafte Schlussbild von »Barton Fink«, »True Love Waits« endlich auf Platte und »Glass Eyes« der melancholischste James-Joyce-Roman, den John Irving nie geschrieben hat.

Savages – Adore Life

Das hat es in diesem Jahr gebraucht: Zornig, angepisst und außer sich die Faust zu ballen. Und dann Ja zum Leben zu sagen.

David Bowie – Blackstar
Leben, Tod & Jazz.

Julien Baker – Sprained Ankle

Eine Stimme wie ein ewiger Flageolettton, so fragil wie das erste Eis des Winters und dennoch eine Supernova.



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Alben 2015 | Besonders gegen Erwartungen.

zugezogen

Zugezogen Maskulin – Alles Brennt
Zu HipHop und Rap kann ich nicht viel sagen. Dabei müsste mich Musik, die so viel Wert auf das Wort legt, eigentlich unablässig begeistern. Dass dem nicht so ist, liegt möglicherweise an den Weltbildern, auf welche die verwendeten Worte zu oft Bezug nehmen, Ansichten zur Gesellschaft, die natürlich die Gesellschaft abbilden. Aber eben auch Haltungen, die zu oft nicht mit meinen kompatibel sind. Sicher finde ich es interessant, wenn Haftbefehl eine neue Sprache erfindet. Aber ihn allein deshalb abfeiern, geht dann eben doch nicht.

Anders Zugezogen Maskulin. Die erfinden keine Sprache. Aber sie verwenden sie, um die Gegenwart zu beschreiben. Grimmig, schlau, poetisch, genau, direkt und vor allem empathisch und wütend. Wütend auf die Umstände, die wir trotz aller Widersprüche weiterhin zulassen. Und empathisch genug, um Opfer nicht als Schimpfwort zu verwenden. Wenn ein Jahr gemacht war für ein Album wie »Alles Brennt«, dann 2015. Mein Liveticker des Jahres.

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Alben 2014. Lauter goldene Tugenden.

1. Die Nerven – Fun

Auf ein solches Album habe ich lange gehofft: im besten Sinne so minimal, dass kein Ton zu viel ist und dennoch ätzend im Detail, die Texte kryptisch und gleichzeitig direkt, die Attitüde wissend, aber uneinsichtig. Dazu der beste Bandname seit den fiktiven Grindcorern »Dreschflegel«: Hier kulminiert alles, was Gitarren und Teenage Angst in den letzten sechzig Jahren gelernt haben.

2. Kate Tempest – Everybody Down

Würde ich gern als Serie auf HBO sehen: Kate Tempests Erzählungen über den Mensch im gegenwärtigen Großbritannien. Titelsong wäre natürlich »The Beigeness«, auch weil dessen Beat wäre noch einen Tick intensiver ist als der des Vorspanns bei »Mad Men«. Atemlos, furchtlos, genau.

3. Cold Specks – Neuroplasticity

Strenggenommen müsste hier auch mindestens das 2012er Album »I Predict a Graceful Expulsion« stehen. Selten wurde über die Hölle so betörend gesungen. Falls es eine Kategorisierung braucht, dann diese: Doomsoul. Nicht nur für die schönen Stunden des Tages. Weiterlesen

Lieder 2014. Objektiv die ganz großartigen Fünfzig.

Nach 365  Tagen Musik die abhängige, vollkommen subjektive Auswahl der fünfzig intensivsten, verstörendsten, mitreißendsten Stücke des launischen Jahres 2014. Am Ende auch noch einmal als Spotify-Playliste.

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Die Nerven – Angst

Versteckst du dich? / Oder drehst du dich weg?

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 Kate Tempest – The Beigeness
I know this space exists / so do you if your hearts beats

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Mogwai – Teenage Exorcists

I tried to want it back / I tried to turn it back

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Alben 2013. Schlagbohrhämmer in Zeitlupe.

Zweitausenddreizehn war ein seltsames Musikjahr, eines ohne Platte, deren ich mein Leben vom ersten bis zum letzten Ton anvertrauen würde. Deshalb anstatt einer sowieso unsinnigen Nummerierung die Nennung einiger Alben, die mich in den letzten zwölf Monaten begleitet haben.

Savages – Silence Yourself

Gegen-etwas-sein erfordert viel Kraft. Und wird diese Kraft in Musik umgesetzt, klingt das 2013 wie Savages. Für Savages und besonders deren Sängerin Jehnny Beth ist jeder Ton Kampf, jedes Wort Antihaltung. Dafür schont sie weder sich noch ihre Hörer. Postpunk, als wäre 1980 und Banshee von den Sioux auferstanden. Ein zorniges Schlagzeug, kalte Gitarren, der Bass kompromisslos – das ist nichts, was Freude bereitet. Oder was eine Band länger als zwei Alben aushalten kann, ohne zerrissen zu werden. Deshalb gilt es »Silence Yourself« hier und jetzt mit einem dunkeln Feuerwerk in eisiger Nacht zu feiern.

Girls In Hawaii – Everest

Debüt in Schleife gehört. Nachfolger komplett ignoriert. Drittes Album wieder in Schleife gehört. Auch ohne Wissen von der Tragödie nah dran an dem, was Eisgletscher in Täler stürzen und alles darunter begraben lässt. Elektronik da, wo sie notwendig ist, ansonsten ziehen Worte und Töne wie Gespenster vorbei.

Nadine Shah – Love Your Dum and Mad

Nein, Nadine Shah ist keine zweite PJ Harvey. Nadine Shah ist Nadine Shah und die ist zuerst einmal eine Stimme, die gräbt und gräbt und gräbt und was sie ans Licht bringt, ist etwas, nun, tief. Erden, voller Schlacke sind die Lieder, jedes ein eigenes Seil über dem Abgrund. Nichts, was man sofort ins Herz schließt, aber etwas, das ein Herz allmächlich packt und in Silberpapier einwickelt. Abgelegt dann entfaltet sich ein …  – und hier enden die Metaphern, hier beginnt der Augenblick, in dem du »Love Your Dum and Mad« hörst. Weiterlesen