asphalt & anders-Verlag. Die wunderbaren Jahre.

Ich sehe auf die Fotos und augenblicklich kehren die Momente zurück, Zeiten und Orte, 2009, 2011, 2015, Altona, Leipzig, lauter gute Tage, viele besonders, viele wichtig. Ein weiterer Moment stellt sich dazu, jetzt und hier geschieht er, der Moment, der sagt: Den asphalt & anders-Verlag gibt es nicht mehr.

2009, ich schicke eine Erzählung ins unbekannte Hamburg, kurz darauf die Anfrage nach etwas »Größerem«, ich schicke das Manuskript von Der Schlaf und das Flüstern, wenige Tage später die Zusage. So schnell geht das und von da an laufen wir gemeinsam.

Für Stefan, Nico und mich ist dieses 2009 der Beginn. Im Frühjahr erscheint das erste Buch des Verlags – Schau gen Horizont und lausche, eine Anthologie mit Geschichten über Städte. Im Herbst dann unser aller erster Roman, eben Der Schlaf und das Flüstern. Dem voraus geht ein Frühsommer / Sommer, in dem wir daran arbeiten, schreiben, gestalten, setzen, verknüpfen. Zu dieser Zeit bin ich in Israel, tagsüber Dreharbeiten, am Abend und in der Nacht lese ich die Anmerkungen im Manuskript, ergänze später in den Fahnen. Weiterlesen

Lesereise (16). Bamberg. Im Liveticker.

Lesungstagebuch: »Ausschau halten nach Tigern«

˜Im Regen

Bamberg, Bamberg liest, Kontakt Festival, 25. Mai 2013

11:37 Uhr
Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
wer lange sitzt, muss rosten.
Den allerschönsten Sonnenschein
lässt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
der fahrenden Scholaren.
Ich will zur schönen Sommerszeit
ins Land der Franken fahren,
valeri, valera, valeri, valera,
ins Land der Franken fahren!

15:07 Uhr
Der allerschönste Sonnenschein ist dann doch Regen. Was natürlich keine Rechtfertigung ist, über Wetter zu schreiben.

16:13 Uhr

Weltkulturerbe schauen. Später hören, dass die Gärtnerstadt allmählich verschwindet. Stattdessen: der übliche Prozess der Gentrifizierung.

16:52 Uhr
An der Regnitz entlang. Unter Brückenpfeilern Zusammenrottungen. In der Ferne das Hallenbad sehen, wo die Lesung stattgefunden hätte, wenn heute 2012 wäre.

17:01 Uhr
Ankunft am JuZe. Geruch von Soja und Waffeln in der Luft. In der Lounge Loungemusik und gepolsterte Sitzgelegenheiten. Versinke vorerst darin. Weiterlesen

Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste sonst.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Krefeld, Schule, 8. Februar

Ich glaube oft zu wissen, wie etwas ist. Und dann ist es ganz anders. Krefeld beispielsweise. Ich dachte: eine eher dreckige Stadt im Ruhrpott. Da sind mindestens zwei Annahmen falsch. Ersetze Ruhrpott mit Niederrhein und dreckig mit „zweit grünste Stadt der Bundesrepublik Deutschland.“ Ansonsten statte ich sehr gern dem Petermannplatz einen Besuch ab und bestaune vor Fotoläden die penibel in deutsch und türkisch aufgeteilten Schaufenster.

Weiterlesen

Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Hamburg, Harburg, Uferbar, Kulturwerkstatt, 29., 30. Januar

Als ich losfahre, sind die Zahlen auf der Wetterkarte im Großraum Norden höher als die in der Landesmitte. Da denke ich noch: „Das ist ja ungewöhnlich, ansonsten ist es an der See so oft kälter als anderswo, das ist doch mal ein gutes Omen, da brauch ich die dicken Socken nicht extra einzupacken.“ Fünf Minuten später denke ich: „Sollte ich jemals über die Lesereise nach Hamburg schreiben, sollte ich keinesfalls darüber schreiben.“ Denn wer über Wetter schreibt, hat im Grunde genommen schon kapituliert.

In Hamburg angekommen kapituliert zuerst einmal mein Körper. Was ich bin, verfängt sich im Wind und das ist garantiert nicht poetisch gemeint. Der Westwind treibt den Geruch der Stadt in den Osten, weshalb die Stadtgebiete der Reichen auch im Westen liegen. Zudem verwandelt mich der Westwind prompt in ein Iglu, in dem eine Gefriertruhe offensteht. Kristalle bilden sich, Haar bricht, es sieht wunderschön aus und fühlt sich an wie die Amundsenexpedition, nur eben ohne Happy End. Da die Kälte bleibt und bleiben wird, beschließe ich, auf den beiden Lesungen dreimal Hager zu lesen, ein Vorhaben, welches ich später tatsächlich in die Tat umsetze.

Weiterlesen

Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Frankfurt, Buchmesse, 13. Oktober

Die Buchmesse beginnt in diesem Jahr an einem Montag im Thüringer Wirtschaftsministerium. Unten im Foyer sind in einer Glasvitrine verschiedene Bücher aufgestellt. Da steht Sarah Wagenknecht neben dem Ratgeber Gelassen bleiben und einem mehrere hundert Seiten dicken Bericht über die Kreativwirtschaft in Thüringen. Wegen letzterem bin ich hier. Ich wohne in Thüringen, bin ab und an kreativ und stehe damit prototypisch für einen wichtigen Standortfaktor des Freistaates. Um diesen Standortfaktor hinaus in die Welt zu tragen, wird seit kurzem Öffentlichkeitsarbeit betrieben, die darüber informiert, was Thüringen alles ist – Erbauer der Brooklyn Bridge, Unterstützer von Raumfahrtmissionen, Eva Padberg. Als Teil dieser Kampagne sponsert das Wirtschaftsministerium einen blauen Stand auf der Buchmesse, auf dem sich Verlage präsentieren und zudem gelesen wird.

Weiterlesen

Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Köln, Microsoft, Cafè Duddel, 9. September, mit The Mount St. Helen Duet

Spannend ist die Frage, wie oft man eigentlich originell sein kann. Und ich meine keine Originalität, die „ansonsten“ mit „weiterhin“ ersetzt und deshalb schon zufrieden die Hände hinter dem Nacken verschränkt, sondern Worte, die mich selbst beim Schreiben überraschen und die vielleicht mal etwas vollkommen Neues probieren. Wobei es vollkommen neu natürlich längst nicht mehr geben kann. Aber es würde schon genügen, auf ein vertrautes System mit Insektenaugen zu schauen und allein dadurch das vertraute System bestenfalls gehörig zu erschüttern. Außerdem wäre es durch Abweichungen von sattsam Bekannten auch für Andere interessanter, sich ein weiteres Mal in die zu oft schon ausgeleuchete Troposphäre von Lesereisen zu begeben.

Weiterlesen

Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“



Hamburg, Literaturhaus, 5. September, mit Xóchil A. Schütz

Anzahl der Lesungen in Hamburg: 8
Anzahl der Lesungen in Weimar: 1
(einschließlich Der Schlaf und das Flüstern)

Lesungen, an denen Autoren beteiligt waren, die auch bei asphalt & anders veröffentlicht haben: 4
(einschließlich Der Schlaf und das Flüstern)

Anzahl der fotografierten Leseorte: 16
Anzahl der Eintragungen ins Lesetagebuch: 10

Anzahl der verbrachten Lesungszeit (in Stunden): 12
Anzahl der verbrachten Zeit im Zug: 75
Anzahl der im Zug verbrachten Zeit mit dem Schreiben des Lesetagebuchs: 10
Anzahl der im Zug verbrachten Zeit mit dem Hören von Beziehungsgesprächen Mitreisender per Handy : 5
Anzahl der im Zug verbrachten Zeit mit dem Hören von Aufforderungen das Bordbistro zu besuchen: 2
Anzahl der im Zug verbrachten Zeit mit dem Lesen von mobil: 0,2

Anzahl des verspäteten Erscheinens auf einer Lesung: 2
Anzahl der Lesungen mit Anfahrt per Auto: 2

Weiterlesen

Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Hamburg, BeLaMi, 20. Juli, Zwischenraum, 21. Juli

Es wäre schön, wenn jeder Text über eine Lesung nicht nur von der Lesung erzählt, sondern durch ein übergeordnetes Thema persönliche Erlebnisse für Außenstehende anhand eines roten Fadens greifbar macht. Das Thema könnte banal erscheinen (eine allgemeine Betrachtung von unterschiedlichen Wegen, Bühnen zu betreten), vermeintlich tiefschürfend (Kapitalismuskritik), vermeintlich unterhaltsam (kulinarische Abweichungen von Herkömmlichem) oder auch ein abstraktes Gedankenkonstrukt. Für Hamburg entscheide ich mich für das Gedankenkonstrukt. Ich entscheide mich für zu viel.

Weiterlesen

Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Köln, WDR 1Live Klubbing, 08. Juli

Wenn man nicht täglich in Millionenstädten ist, kann es einen überfordern, wenn man dann doch mal wieder eine Millionenstadt besucht. Das liegt auch an den Dienstleistern. Es gibt einfach zu viele. Verlässt man zum Beispiel den Kölner Hauptbahnhof, ist da ein Mann, der Luftballons zu Tieren knotet. Dafür will er Geld. Eine Straßenmusikerin vor dem Media Markt spielt Gitarre und will dafür Geld. Ein fliegender Händler verkauft Schmuck und will dafür Geld. Eine Limbotanzgruppe tanzt unter einer brennenden Stange hindurch und will dafür Geld. Italienische Kellner versuchen einen in ein italienisches Restaurant zu locken, um dort Geld einzufordern. Nur die sieben Männer vor der Kölner Philharmonie wollen kein Geld. Sie wollen verhindern, dass man den Platz vor der Kölner Philharmonie betritt. Die Schritte würden Schwingungen erzeugen und so Proben in der Philharmonie stören. Deshalb scheuchen sie, ganz kostenfrei, einfach nur fort.

Weiterlesen

Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Zwickau, Baumhaus/Gasometer, 30. Juni

Die Frage ist ja auch, wie sich Gruppen definieren. Durch Äußerlichkeiten zum Beispiel. Bunte Haare, ein Anarchie-A auf der Lederjacke, vielleicht mit Hund. Das muss alternativ, möglicherweise sogar Punk sein. Und wenn zum Beispiel ein Verein ein Gebäude finden will, in dem sich alternative Jugendliche treffen könnten, kann es durchaus passieren, dass dieser Verein für Außenstehende als verantwortlich für alle alternativ ausschauende Jugendliche der Stadt wahrgenommen wird, auch die, die bunte Haare haben und ein Anarchie-A auf der Lederjacke tragen. Und wenn alternative Jugendliche vor dem sanierten Rathaus sitzen und manche zum Beispiel gegen das Rathaus urinieren, dann ist das irgendwie auch so, als hätte der Verein gegen das Rathaus uriniert. Und wenn der Verein gerade mit dem Rathaus in Verhandlungen über ein Gebäude für alternative Jugendliche steht, dann kann es sein, dass plötzlich die Frage wichtig wird, wer wo wie dazugehört und wie sich Gruppenzugehörigkeit definiert und was der Verein zu seiner Verteidigung zu sagen hat.

Solche Fragen werden vom Verein jeden Donnerstag in der Volxküche diskutiert. Und seltsam. Direkt nebenan ist das Gasometer, ein Ort mit Bühne, auf der wir zwischen 1998 und 2007 schon mehrmals standen, da allerdings mit Instrumenten in den Händen. Heute ist in unseren Händen Papier und die Bühne ein Café, ein alternatives Jugendcafé, mit den üblichen Zubehör alternativer Jugendcafés – Billardtisch, Kicker, eine Möglichkeit, in aller Ruhe youtube-Videos anschauen zu können und eine Modelleisenbahn.

Weiterlesen