Martin Sonneborn als Graf von Stauffenberg versucht auf eine Lesung von Björn Höcke zu gelangen

Martin Sonneborn steht auf einer Frankfurter Toilette. Er will sich umziehen. Das Kostüm hat er auf die Buchmesse geschmuggelt. Aus seinem Rucksack fummelt er eine Uniform, die wie alle Uniformen schneidig ist, niemand würde unschneidige Uniformen tragen wollen. Vor allem aber ist es die Uniform von Graf von Stauffenberg.

Martin Sonneborn hat die größte patriotische Tat begangen, größer als alles, was die AfD in ihrer tausendjährigen Geschichte jemals geschafft hat: Er hat die Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland geholt. Heute sitzt er im Europarlament, arbeitet dort engagierter als viele seiner Kollegen und hat zu oft ranzige Witze über Frauen auf Lager.

Jetzt steht er unten an der Rolltreppe. Oben im Konferenzraum Concordia stellt Björn Höcke sein neues Buch vor: ein Fluss, eine Zeit, ein Gedankengut, das niemals dasselbe ist, aber sehr ähnlich sein kann. Martin Sonneborn trägt eine schwarze Augenklappe und hat eine Aktentasche aus braunem Leder bei sich, so eine, wie Stauffenberg sie damals unter dem Tisch in der Wolfschanze platziert hatte. Doch Sonneborn kommt nicht weit. Sicherheitsleute verweigern ihm den Zutritt zur Lesung.

An dieser Stelle endet der Text. Man kann keine launigen Texte über eine Lesung von Björn Höcke schreiben. In seinem neuen Buch schreibt Björn Höcke von einem kommenden »Aderlass«, fragt, ob »ein Volk überhaupt in der Lage ist, sich selbst aus dem Sumpf wieder herauszuziehen«. »Es braucht eine starke Persönlichkeit und eine feste Hand an langer Leine, um die zentrifugalen Kräfte zu bändigen und zu einer politischen Stoßkraft zu bündeln« schreibt er und folgert, dass »wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind« mitzumachen. Weiterlesen

Werbeanzeigen

Lesungstagebuch Henry Sy (6). Das Geräusch von Kreide auf falschem Schiefer.

alte post

Buchmesse, Leipzig, 13./14./15. März 2013

Die Buchmesse beginnt mit dem Geräusch einer mit Sanddornsaft gefüllten Braunglasflasche, die auf Steinkacheln zerspringt. Das Geräusch kommt unerwartet und heftig. Sanddornsaft läuft über die Kacheln, rinnt in die Fugen, schwemmt kleine, fiese Glassplitter mit sich. Griffe ich jetzt in die Sanddornpfütze, griffe ich in einen Splitter, der sich in meine Haut bohren und dann durch meinen Körper wandern würde, bis er eines Tages mein Herz erreicht hätte. Splitter im Herzen gilt es zu vermeiden. Dennoch rieche ich jetzt nach Sanddorn, dennoch wird mir in den kommenden Tagen jedes Mal der hiddenseeige Geruch von Sanddorn in die Nase steigen, jedes Mal, wenn sich etwas von Bedeutung ereignet.

wundermaschine schweiz

Von Bedeutung kann alles sein. Das Geräusch, mit dem sich Straßenbahntüren schließen. Das Geräusch, mit dem ein Fahrkartenkontrolleur nach meiner Fahrkarte fragt und das Geräusch, mit dem ich entgegen meiner Absicht, auf eine Kurzstreckenfahrkarte zu verzichten, doch eine Fahrkarte aus dem Automaten zog, Geldstücke in Schlitze, das Rattern im Inneren der Maschine, das Geräusch, mit dem die Karte in die Entnahmschale fällt. Weiterlesen

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.

Kein Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Leipzig, Café Stein, Theater Fact, 15./16. März 2012

(Dieser Text wäre ohne Wie soll ich schreiben? von Katharina Luger nicht entstanden.)

Ich will nach Leipzig auf die Buchmesse fahren.
Ich will dort Freunde treffen.
Ich will dort nicht aus Ausschau halten nach Tigern lesen.
Aber ich will dort lesen.
Ich will ganz wichtig Kontakte knüpfen, ich will mein Netzwerk erweitern, ich will BusinessBusiness.
Ich will mit meiner Bahncard keine Bonuspunkte sammeln, mit denen ich mir nach hundert Fahrten ein Käsebrett Natur, einen Standby-Killer oder ein Linien-Laser Quigo bestellen kann.
Ich will den Kopf gegen die Scheibe lehnen, während im Sonnenuntergang die Chemiefabriken von Leuna an mir vorbeiziehen und dabei einen Einfall bekommen, der Grundlage wird für einen übernächsten Roman, aus dem ich auf fünf Veranstaltungen der Leipziger Buchmesse 2014 lesen werde.
Ich will, dass niemals wesentlich mehr als 500.000 Menschen in Leipzig leben.
Ich will, dass das nächste sächsische Tatortteam mal nicht in Leipzig ermittelt.
Ich will jetzt ein Brötchen mit Mett.

Weiterlesen

Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Frankfurt, Buchmesse, 13. Oktober

Die Buchmesse beginnt in diesem Jahr an einem Montag im Thüringer Wirtschaftsministerium. Unten im Foyer sind in einer Glasvitrine verschiedene Bücher aufgestellt. Da steht Sarah Wagenknecht neben dem Ratgeber Gelassen bleiben und einem mehrere hundert Seiten dicken Bericht über die Kreativwirtschaft in Thüringen. Wegen letzterem bin ich hier. Ich wohne in Thüringen, bin ab und an kreativ und stehe damit prototypisch für einen wichtigen Standortfaktor des Freistaates. Um diesen Standortfaktor hinaus in die Welt zu tragen, wird seit kurzem Öffentlichkeitsarbeit betrieben, die darüber informiert, was Thüringen alles ist – Erbauer der Brooklyn Bridge, Unterstützer von Raumfahrtmissionen, Eva Padberg. Als Teil dieser Kampagne sponsert das Wirtschaftsministerium einen blauen Stand auf der Buchmesse, auf dem sich Verlage präsentieren und zudem gelesen wird.

Weiterlesen

Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Schnitzelalarm / und du genießt das / und dir gefällt das / und du brauchst das / du Schatzstadt

Am Morgen dieses Tages blinkt in einem Radiostudio in Erfurt eine Leuchte auf. Denn draußen vor der Tür wird geklingelt. Draußen vor der Tür stehe ich und kurz darauf vor einem Mikrophon und sage einige Sätze, die sich bald versenden. Vor exakt einem Jahr gab es eine nahezu identische Situation. Nur das Buch war ein anderes. Seitdem hat sich nicht alles, aber einiges geändert. So macht mittlerweile die Gentrifizierung auch vor Erfurt nicht Halt. Ich erfahre, dass ein sicheres Zeichen einer beginnenden Gentrifizierung das Bauen von Komplexen ist, die ein „Höfe“ im Namen tragen. Vor dem Radio hier wird gerade das Fundament für die Schottenhöfe gelegt.

Wenige Stunden später im Zug nach Hamburg. Auf Feldern ruhen Schwäne und ich gehe eine der Lieblingsbeschäftigungen von Zugreisenden nach: Zugreisende anhand ihrer Lektüre zu beurteilen. Die Frau neben mir liest „Solar“ von Ian McEwan. Sie erhält eine relative hohe Punktzahl auf der nach oben offenen Sympathieskala. Begünstigt wird dieser Umstand, dass auch ich momentan „Solar“ von Ian McEwan lese. Bis Hannover also reisen wir beide gemeinsam einmal zu Arktis und zurück und erfahren Wissenswertes über das Beard-Einstein-Theorem und die Photosynthese.

Weiterlesen

Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Gewissermaßen ist das ein Anfang. Und außerdem geht es weiter. Ein neues Buch, die bekannten Orte. Leipzig, die Moritzbastei, die Lange Lesenacht, 50 Lesungen, etliche zur gleichen Zeit. Da könnte ich schreiben, was ich vor einem Jahr schon geschrieben habe. Dann sitze ich aber im Backstageraum vor einem gigantischen Spiegel mit Glühbirnen am Rahmen, ein Spiegel, wie er in Filmen über das Showbiz immer eine große Rolle spielt. Hier spielt das Nichtrauchergebot eine noch größere Rolle, weshalb etwa ein Viertel des Spiegels von einem entsprechenden Verbotsschild bedeckt ist. Vor dem Spiegel stehen Moderator und Autor und rauchen. Das ist keine Geste des Aufbegehrens, sondern sind, naja, einfach zwei Menschen, die vor dem Gang auf die Bühne noch einmal rauchen.

Stunden zuvor hatte Tino Hanekamp in der Veranstaltungstonne einen Schuss aus einer Pistole abgefeuert. Der Klang von Platzpatronen wurde Minuten später noch von den Steinwänden zurückgeworfen. Danach traf ich K. fünf Minuten vor ihrer Lesung. Sie sagte etwas wie „Es ist sehr heiß hier“, was stimmte, weil es in der Ratstonne geradezu unerträglich heiß war. Ich hätte nicken oder „Ja“ sagen oder ihr viel Erfolg wünschen können. Stattdessen allerdings antwortete ich, aus Gründen, die in diesem Moment, aber auch später nicht mehr nachvollziehbar waren: „Dann lies doch einfach schneller.“ Das war interessant, weil überhaupt kein logischer Zusammenhang zwischen der Lesegeschwindigkeit und der Raumtemperatur existiert. Und wieso sollte man jemanden auffordern, schneller zu lesen, fünf Minuten vor Beginn der Lesung? In der nächsten Stunde jedenfalls, jedesmal, wenn K. das Tempo auch nur minimal anzog, traf mich das schlechte Gewissen hart. Fast wünschte ich mir vor meiner Lesung eine Retourkutsche, etwas wie „Iss doch fix noch Spinat, auf dass die Blätter zwischen deinen Zähnen hängenbleiben“ oder „Kippe doch das Mineralwasser über dein Buch“ oder „Beleidige doch das Publikum grob“, eine Form von Ratschlag eben, die man vernünftigerweise niemanden erteilt.

Weiterlesen

Lesereise (9). In Leipzig. Die Messe.

Lesungstagebuch: Der Schlaf und das Flüstern.

Was meteorologisch Sinn ergibt, ist eine stilistische Kapitulationserklärung für den Anfang jedes Textes. Aber man muss mit dem Wetter beginnen, wenn man diese Tage beschreiben will. Der Frühling kommt, weil Buchmesse in Leipzig ist. Oder umgedreht. Klar ist jedenfalls, dass alle im Vorfeld gehegten Bekleidungsabsichten mit dem ersten Schritt aus der Bahn hinfällig werden. Das schwarze Shirt, das darüber gezogene helle Hemd, der darüber gezogene Rautenpullover mit V-Ausschnitt, das darüber gezogene legere Sacko, der schwere Mantel, der dicke Schal, die norwegische Bommelmütze, das übergroße Kassenbrillengestell – man sollte alles ablegen angesichts der Sonne. Aber man kann nicht, weil: ist ja Buchmesse.

Der erste Abend, die L3, die Lange Leipziger Lesenacht, findet in der Moritzbastei statt. Die Moritzbastei ist ein gigantischer Ameisenbau, ein Wimmelbild, in dem sich viele interessante Details entdecken ließen, wenn Zeit dafür wäre. Aber es fällt hauptsächlich die eine Stelle im Oberkeller auf, an der besonderes Licht die Augen aller Anwesenden in Katzenaugen verwandelt. Eine wunderbare Metapher, viel besser als Frühling und so wunderbar, dass man sich darin solange suhlt, bis die eigene Lesung beginnt. Vorher liest noch Ulrike Almut Sandig mit so betörender Stimme, dass alle Anwesenden andächtig schweigen, die Bionade von sich schieben, ihre Hände auf den Tischen verschränken und die Köpfe darauf betten um zu lauschen, nur dieser eine Typ mit Bart am Tisch nebenan nicht, der stöhnt und ächzt und ist „richtig genervt“, aber anstatt zu gehen, erzählt er den Kollegen etwas über das SadoMaso-Buch, welches ihn kürzlich so begeistert hatte.

Weiterlesen