Coronamonate. April 2021

15. April | selbstverständlich

Dafür, dass die Situation wenig Anlass zu Zuversicht bietet, bin ich relativ gelassen. Ich esse sogar Spargel. Und dass, obwohl die Notbremse des geänderten Infektionsschutzgesetzes noch einige gemütliche Runden drehen wird, bis sie wirksam wird, was ohnehin nicht von entscheidender Bedeutung ist angesichts der nicht geplanten Änderungen am Bisherigen, die weiterhin das Private verknappen und das Andere zu wenig die Pflicht nehmen. Dass trotz zumindest in Thüringen nur lauwarm funktionierenden Selbsttests in Schulen. Dem Aussetzen des Impfstoffes von Johnson&Johnson. Dass trotz der knapp 30000 Neuinfektionen, dem höchsten Stand seit Anfang des Jahres. Den unablässigen Warnungen der Intensivmediziner:innen, die vorrechnen, wie die Situation angesichts heutiger Zahlen in drei Wochen aussehen wird; jüngere Kranke, die länger die Betten belegen. Dass trotz des Einsatzes von Wirtschaftsverbänden, die gegen die Bitte der Regierung, doch wenn möglich ab und an zu testen, aus Kostengründen klagen. Dass die Coronapolitik der Union momentan nur eine Funktion hat: die des Gradmessers für die Tauglichkeit des noch zu bestimmenden Kanzlerkandidaten.

Warum bin ich gelassen? Vielleicht weil in dieser Phase der Pandemie so viel selbstverständlich geworden ist. Es ist selbstverständlich, dass die Maßnahmen nicht wirksamer gestaltet werden, weshalb meine Beschwerden darüber selbstverständlich geworden sind. Es ist selbstverständlich, dass es in den Schulen während der Pandemie nicht läuft. Es ist selbstverständlich, dass die Grenzwerte, anhand derer eine Bedrohungslage zu erkennen ist, je nach Bedarf verschoben werden. Selbstverständlich, dass Teile der Wirtschaft die Lasten tragen, genauso wie es selbstverständlich ist, dass der Großteil der restlichen Wirtschaft diese Lasten nicht trägt, sondern klagt, wenn es Teile der Last tragen soll. Es ist selbstverständlich, dass ich davon ausgehe, dass alles irgendwie auf dieser Ebene bleiben wird, selbstverständlich, dass ich keine Kraft/Interesse/Zeit habe, einen anderen Blickwinkel auf die Pandemie zu finden als das erschöpfte Klagen, selbstverständlich, dass diese Einträge selbstverständlich sind, sie ist mir selbst unverständlich diese Selbstverständlichkeit.

Ansonsten: Überlegungen, dass die seltenen schweren Nebenwirkungen nach einer Impfung AstraZeneca und Johnson & Johnson mit dem Vektorimpfstoff in Verbindung stehen können. Wegen Corona sinkt die Zahl der Ausbildungen um zehn Prozent. Deutsche Aerolsol-Forscher halten Ausgehverbote für kontraproduktiv und fordern stärkere Maßnahmen in Innenräumen. Mehr als 50 Millionen Biontech-Impfstoffdosen sollen bis Ende Juni zusätzlich an die EU geliefert werden. Weil Dänemark kein AstraZeneca mehr impfen will, will Tschechien diese Dosen abkaufen. In England entstehen 83 Long-Covid-Zentren, in denen die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung behandelt werden. Alltag in Flüchtlingsunterkünften während der Pandemie.

14. April | Weimarer Urteil

Auch wenn ich in diesen Einträgen öfter festhalte, dass das, was Ursache der Pandemie ist, in meiner unmittelbaren Umgebung kaum stattfindet, findet die Pandemie doch statt. Aber anders, geradezu als Gegenteil der Pandemie.

Eine kurze Chronologie über Corona-Weimar. Weimar ist die erste Stadt, die nach der ersten Welle die Außengastronomie wieder öffnet. Im Juni ist Weimar einen Monat lang die Stadt mit der Inzidenz von Null. Im Oktober, während der ansteigenden Zahlen der zweiten Welle, findet in Weimar ein Volksfest mit 70000 Besucher:innen statt. Erst kurz vor Weihnachten wird der Weimarer Weihnachtsmarkt abgesagt. Mitten in der dritten Welle öffnet Weimar im Rahmen des »Weimarer Modells« die Geschäfte.

Und dann sind noch Urteile und Beschlüsse, die am Weimarer Amtsgericht, in dem Gebäude, das Drehort des Polizeipräsidiums des Weimarer Tatorts ist, getroffen werden. Anfang des Jahres erklärt ein Richter aus Weimar die während der ersten Welle getroffenen Maßnahmen für rechtswidrig. Und vor wenigen Tagen der Beschluss, der die Maskenpflicht an Schulen aufheben soll.

Der Beschluss umfasst fast zweihundert Seiten. Wenig liegt mir ferner, als diese zu lesen, aus Zeitgründen, aus Gründen der juristischen, der wissenschaftlichen Verständlichkeit. Andererseits wüsste ich schon gern, was darinsteht. Ich bin, wie nahezu ausschließlich in der Pandemie, auf Texte angewiesen, die Sachverhalte zusammenfassen und erklären.

Juristisch wird der Beschluss auseinandergenommen. Von Rechtsbeugung ist die Rede, unzureichender Begründung, einem Einzelfall, der unrechtmäßig aufs Ganze hochskaliert wird, von einer gezielten Klage, die an einen bestimmten Richter adressiert war, Unstimmigkeiten, Unsauberkeiten werden benannt, »wird nicht haltbar sein« wird in den Metatexten deutlich.

Wissenschaftlich ebenso vernichtende Beurteilungen. Der Beschluss als eine Art Greatest Hits der Coronaleugnermythen; von Virenzyklen über PCR-Tests bis hin zur Maskenfrage finden sich dort jene Beweisführungen, die auch in den Channels kursieren. Durch diese Channels wandert der Beschluss, wird gefeiert, das »Weimarer Urteil« wird selbst Mythos, als Beweis eingereiht zu den anderen Beweisen, das Gegenteil der Pandemie.

Ansonsten: Eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes tritt den Weg durch Beschlussrunden an. Mehrere Wirtschaftsverbände kündigen an, gegen das geplante Angebotsgebot zum Testen in Firmen zu klagen. Für vollständige Geimpfte sollen zukünftig keine Tests oder Quarantäne mehr nötig sein. Laut einer Studie ist B117 ansteckender, aber nicht tödlicher als der Wildtyp. Coronagegner:innen machen mobil gegen Dr. Kasperls Coronatest, ein Video der Augsburger Puppenkiste, in dem Kindern Coronatests erklärt werden. Coronagegner:innen machen mobil gegen Schülervertreter:innen, die eine Coronatestpflicht an Schulen fordern.

13. April | kleiner Klopfer

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Samstagvormittag lief ich durch den Park. Auf einer Bank vor dem Bauhaus-Museum sah ich mehrere leergetrunkene Kleinstflaschen alkoholischer Getränke. Ich fotografierte, wie so vieles, und stellte wenig später das Bild auf Instagram. Dazu schrieb ich »Symbolbild nächtliche Ausgangssperre«. Wie immer verwendete ich drei Hashtags, diesmal #pandemie #parkbank sowie #kleinerklopfer, weil die Flaschen sogenannte Kleiner Klopfer waren.

Zwei Tage später kommentierte kleiner.klopfer unter dem Bild. Er schrieb, dass ich einer von drei Preisträgern der Aktion »Kleiner Klopfer auf Fotoreisen« sei und den 25er Sunshine Mix inklusive einem Sun Visor gewonnen habe. Das ist das Gute an der Pandemie: Ohne sie hätte ich nie das Foto hochgeladen, weil es ohne pandemiebezogene Bildunterschrift keinen Grund dafür gegeben hätte; es wären einfach nur leere Alkoflaschen gewesen. Die Pandemie lieferte den Kontext, ohne Pandemie hätte ich diesen Preis nie erringen können. Und auch wenn ich lieber ein Asthmaspray Budesonid von AstraZeneca gewonnen hätte, ist angesichts der angestrebten Beschlüsse zur Notfallbremse ein 25er Sunshine Mix möglicherweise nicht vollkommen nutzlos.

Ansonsten: Aufgrund des Todes von Prinz Philip verschiebt Boris Johnson das angekündigte Trinken eines Bieres in einem nun wieder geöffneten Pub. Kritik an der geplanten Ausgangssperre. Mit einer Million Coronatoten ist Europa die am stärksten von der Pandemie betroffene Region der Welt. Über leere Intensivstationen.

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Coronamonate. Februar 2021

24. Februar | Coronajahr

12 Monate Coronamonate, ein Coronajahr. Am 24. Februar beginne ich mit dem Notieren, damals unvorstellbar, dass ich ein Jahr daran sitzen werde. Heute, 130000 Wörter später, schreibe ich: Es gab nie ein anderes Ziel außer aufschreiben, wenn notwendig. Notwendig heißt jeden Abend. Als mir klar wird, dass Coronamonate nicht den Plural von zwei Monaten meint, wird das Ziel erweitert auf: bis Sommer weiterzumachen. Dann bis Jahresende. Dann ein Jahr vollzuschreiben. Das Jahr ist vorbei, die Pandemie noch lange nicht.

Ist es noch notwendig zu schreiben? Und selbst wenn: Was ist notwendiger für mich? Ich fühle mich ausgelaugt und erschöpft, leergeschrieben, leergedacht, leerempfunden. Ich nehme mir vor, von nun an tatsächlich weniger zu notieren, weniger Einträge die Woche, keinesfalls täglich. Das ständige Kreisen um das Eine, das anfangs so geholfen hat, zerrt an mir, drückt mich ständig in eine Ecke, lässt mich nicht heraus.

Ich wäre gern in der Lage, eine Art Resümee zu ziehen, rückblickend zu schauen und Erkenntnisse mich selbst und alles andere betreffend aus den Untiefen des Ansonsten zu ziehen. Was ist noch nicht geschrieben, was nicht geschehen? Dass ein Impfstoff verschmäht wird? Die Zahlen, die gerade heute »rund« werden? Eine weitere Welle, eine weitere Skepsis, eine weitere Maske auf dem Gehweg? Corona ist Bestandteil meiner Biografie, Bestandteil jeder Biografie. Die Monate, die Jahre werden bleiben, die Zeit angeheftet, stets mit mir tragend, auch geimpft wird sich das Virus niemals mehr abschütteln lassen.

Ich bin froh, mein Coronagedächtnis hier abgelegt zu haben. Der Ballast ist ausgelagert, von hier an kann ich weitergehen. Ich kann zurückschauen und alles anders betrachten, aber dann werde ich nicht mehr mittendrin sein, nicht mehr schwimmen. Ich werde an Land stehen und aus der Ferne ein Urteil fällen.

Ich laufe durch den Park. Von der Ilm weht kühle Luft, der Winter steigt aus dem Wasser. Von oben arbeitet die klimakatastrophenerprobte Februarsonne die Schneeberge ab. Auf den Wiesen längst mehr Grün als Weiß. Am Römischen Haus spielen Trompeten, bei der Ruine des Tempelherrenhauses schlagen Männer den Rhythmus von They Don’t Care About Us gegen Cajóns. Ich bleibe nicht stehen, ich höre nicht zu, ich laufe weiter, immer weiter, spüre nichts als den Wunsch, etwas Neues zu beginnen, etwas, das die Tage nicht füllt mit Corona.

Ansonsten: AstraZeneca plant, die zugesagte Impfstoff-Menge für das zweite Jahresquartal zu halbieren. Weiterhin verbleiben viele AstraZeneca-Impfdosen unverimpft. In England wird für das geplante Ende der Coronamaßnahmen am 21. Juni ein Feiertag gefordert. Der B117-Anteil in Deutschland liegt bei 30%, eine Steigerung von 10% im Vergleich zur letzten Woche. Zum Impfstart in Afghanistan wird zuerst eine Journalistin geimpft, die für ihre Berichterstattung über Corona bekannt ist. Attila Hildmann wird per Haftbefehl gesucht. Das Virus als Animation. 68000 Coronatote in Deutschland. Eine halbe Million Coronatote in den USA. Weltweit fast 2,5 Millionen Coronatote.

23. Februar | was notwendig ist

Endlich bekomme ich Antwort auf eine Frage, die ich mich beschäftigt, seitdem bekannt ist, welche Rolle Aerosole bei der Übertragung spielen: Wie viele Viren sind eigentlich für eine Ansteckung notwendig? Ich lese, dass »man zwischen 400 und 3000 Viren einatmen muss, damit eine Infektion starten kann.« Eine weitere Zahl: Bis zu 400000 Viren pro Minute werden ausgeatmet. Und: 75% der Infizierten atmen keine Viren aus. Und: »Wenn ich im Büro sitze und vier Stunden arbeite, dann habe ich ungefähr 100 Millionen Viren in den Raum gepustet.« Und: All diese Zahlen gelten für die alte Variante.

Ansonsten: In den meisten Bundesländern öffnen die Kindergärten und Grundschulen wieder. In mehreren Bundesländern soll Schul- und Kindergartenpersonal schnell eine Impfung mit dem Wirkstoff von AstraZeneca angeboten werden. Boris Johnson erklärt, dass bis Ende Juni alle Corona-Maßnahmen in Großbritannien beendet sein sollen.

22. Februar | Handlungsverläufe

Es wäre so viel schöner, wenn kurz vor dem Finale zu einem Jahr Coronamonate die Geschichte auf ein Ende zusteuern würde: die Handlungsbögen, ebenso wie die 2. Welle, allmählich auslaufend und vertrocknend, die wenige Zeit, die es bis zur Impfung braucht, lässt sich angesichts niedriggehaltener Zahlen bedenkenlos überbrücken, bis dahin ein vernünftiges und vorfreudiges Spazieren durch einen Frühling hinein in einen Sommer, der die Pandemie beenden wird.

Doch nichts endet, niemand spaziert. Stattdessen die Aussicht auf ein weitergehendes Nebeneinander sich widersprechender Ersetzungen: das Virus, das uns ein Jahr begleitet hat, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit, während eine aggressivere Variante davon die Zahlen steigen lassen wird. In dieses Steigen hinein erfolgen die Öffnungen, die Wünsche nach weiteren Öffnungen.

Weiterhin ein Fahren auf Sicht, obwohl die Kurven längst viel weiter in die Zukunft hineinragen. Die Risikogruppe bald geimpft (und ich kann nicht oft genug schreiben, was für ein Wunder, was für ein Triumph, schon nach einem Jahr Pandemie zweihundert Millionen Mal geimpft zu haben) und deshalb die Gefahr für alle anderen um so größer.

Die Impfzahlen, die nicht schlecht sind im Vergleich zu anderen Ländern, im Vergleich zu anderen Ländern aber jede Menge Zweifel am Vorwärtsgehen wecken. Ein Mangel an Impfstoffen und zugleich zehntausende Dosen verschmäht, weil viele lieber auf das »gute« Impfen warten. Impfen als einzige Möglichkeit, das Virus zu kontrollieren und zugleich die Bedrohung von Impfzentren, von Fehlinformationen, Agitationen.

Ich weiß nicht, wie dieses Nebeneinander auszuhalten sein wird, diese unterschiedlichen Stimmen und Situationen, welche Reibung entsteht, wohin die Energie fließen wird, wohin die Aufmerksamkeit, was mit der Kraft geschieht, die dabei freigesetzt wird, ob gemeinschaftlich noch eine Kraftanstrengung möglich sein wird, wie diese ausgesprochen werden sollte, wie ich und alle anderen angesprochen werden müssten, wie wir uns selbst ansprechen müssten.

Dabei liegt im Briefkasten das Flugblatt eines Professors, der gegen das Virus, dessen Existenz und Gefährlichkeit er ausdrücklich anerkennt, Vitamin D empfiehlt und keine Angst zu haben. Weil Ängste und Sorgen das Immunsystem schwächten und so dem Virus leichter Zugriff auf den Körper gewährten. Selbstverständlich habe ich das Flugblatt so wie die Spitzen der CDU ihre Hanau-Rassismus-Zettel zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Sonne scheint genug, so dass die Schlange vor dem 40-Sorten-Eiscafé wortwörtlich mehrere hundert Meter lang ist. Ohne Angst hätte ich nur wenige Worte geschrieben von diesen Coronamonaten.

Diese Coronamonate sind fast ein Jahr alt und die Geschichten gehen weiter, anders, ähnlich, nichts hört auf, obwohl es das ist, was jetzt stehen sollte: ein Ende.

Ansonsten: Fast zehn Millionen Menschen sehen »Heile Welt«, den ersten Tatort, der in der Coronawelt stattfindet. Die Macherinnen des Kinderbuchs »Conni macht Mut in Zeiten von Corona« erhalten Morddrohungen von Coronaleugnerinnen. Im Ostseebad Kühlungsborn löst die Polizei eine Line-Dance-Aufführung mit 50 Beteiligten auf. Der Landesgruppenchef der CSU spricht sich für nationale Alleingänge bei Versäumnissen der EU aus. Um die Impfbereitschaft anzukurbeln, öffnet in Tel Aviv eine Bar, in der man sich auch impfen lassen. Auch im israelischen IKEA kann man sich impfen lassen. Ein Friseur aus Bayreuth versteigert den ersten Termin nach dem Lockdown für 422 Euro (für einen guten Zweck). Russland lässt mit Cowiwac den dritten Impfstoff zu. Der katholische Präsident Tansanias erklärt, dass sein Land keine Impfstoffe brauche, weil Gott das Land beschützen werde.

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Coronamonate. Januar

31. Januar | Denkmal

Jeden Morgen werfe ich einen schnellen Blick auf die Zahlen. Wenn die Zahl der Toten unter 800 liegt, freue ich mich, es ist ein guter Tag, es sind nicht tausend Tote. Diese Form der Freude ist ein Ritual der Pandemie, ich reflektiere nicht mehr, wie schrecklich diese Freude ist.

Ich frage mich, ob es einmal ein Denkmal für die Coronatoten geben wird. So wie Pestsäulen? Wie die Weltkriegsdenkmäler in den Dörfern? Oder ein zentrales Denkmal in Berlin, in Heinsberg, in Zittau oder Tirschenreuth? Wie wird man den Toten gedenken? Wird man ihnen gedenken? Wird es einen Tag im Jahr für das Gedenken geben, mit einem Staatsakt, einer Kranzniederlegung? Ein Datum, an dem in einigen Jahren Deutschlandfunk verlässlich Features senden und in den Feuilletons Aufmacher erscheinen werden? Wird es einen Eventfilm mit Florian David Fitz als Virologen, der vergeblich warnt, und Karoline Herfurth als sich aufopfernde Krankenschwester geben, der an diesem Tag ausgestrahlt werden wird?

Wird das Gedenken in Romanen fortgeschrieben werden, Romane, die in den nächsten Jahrzehnten die Pandemie in ihre Geschichten über das 21. Jahrhundert wie selbstverständlich einweben werden? Wird das so geschehen, wie die Weltkriege dauerhaft Stoff für Geschichten bieten, wird das in kleinerer Form geschehen wie bei 9/11, wo Andeutungen – Hochhaus, Flugzeugschatten, Teppichmesser – genügen, um das Bild einer Epoche zu zeichnen? Werden die Erzählungen redundant sein, das Gleiche und Gleiche wieder und wieder darstellen, so, wie die 1920er heute entweder der Börsencrash oder Roaring Twenties sind, werden wir den Bildern von Masken und irrsten Trumpcoronaaktionen überdrüssig werden?

Werden wir das Gedenken wegschieben wollen? Wird es uns lästig werden, an die Coronajahre erinnert zu werden? Werden wir das Gedenken ins Private verlegen? Wird es mit Scham behaftet sein, nicht nur das Gedenken an die Toten, auch die Erinnerung, wie man selbst die Zeit verbracht hat – das Verstummen, das Verschwinden, das Nichtgeschaffte, die Wut, die Belastung, der Druck? Wie wird dieses Gedenken aussehen? Welche Fotos von den Coronajahren werden wir in unsere Fotoalben von dm drucken lassen, welche Gedenksäulen werden wir sehen, werden wir uns dann erinnern, woran?

Ansonsten: Für Freitag werden 794 Tote vermeldet. Expertinnen der WHO untersuchen in Wuhan den Ursprung der Pandemie. Die Lieferungen des Moderna-Impfstoffs werden reduziert, dafür soll es mehr Lieferungen des BionTech-Impfstoffes geben. Nur sieben Intensivbetten sind in Portugal frei. Bei einer Razzia im Skigebiet Tirol werden 96 Anzeigen gegen Briten, Dänen, Schweden, Rumänen, Deutsche, Australier, Iren und Polen erstattet. Nachdem die Stadt chinesische Stadt Tonghua über Nacht in einen Lockdown versetzt wird und Türen mit Eisenstangen zugeschweißt werden, gibt es Berichte, dass Menschen aus Hunger ihre eigenen Haustiere, z.B. Schildkröten, essen.

30. Januar | stoppen sprengen auflösen

Was die Polizei stoppt sprengt auflöst

eine Firmenfeier in Nürnberg, einen Frisörsalon im Keller, Hochzeiten, Gottesdienste, Kindergeburtstage, eine Party in einer Düsseldorfer Apotheke, auf Koh Phangan eine Party mit hundert, in London eine Party mit dreihundert, in Frankreich eine Party mit 2000, einen Weihnachtsmarkt, Glühweinspaziergänge, eine Fetischparty, eine Karaokeparty, eine Garagenparty, eine Kleingartenparty

Ich bin gewöhnt an diese Art von Meldungen. In der Pandemie bin ich gewöhnt daran, dass die Polizei stoppt sprengt auflöst Veranstaltungen, die im weitesten Sinne gute Zusammenkünfte sind, Treffen, die dazu gedacht sind, Wohlbefinden zu verbreiten. Die Polizei unterbindet sie, bestraft die Teilnehmenden dafür.

Ich nehme diese Meldungen hin. Sie erzählen etwas Absurdes, sie unterhalten mich. In gewisser Weise lauere ich darauf, auf die exzentrischen Verfehlungen anderer, bei manchen spüre ich eine Spur Genugtuung, jemand verstößt gegen Regeln, an die ich mich halte und wird dafür zu Recht gemaßregelt.

Was gestoppt gesprengt und aufgelöst wird, sind Dinge der Freude. In so gut wie jeder denkbaren Situation wäre es grotesk, einen Kindergeburtstag mit einem Sondereinsatzkommando zu stürmen, die Erwachsenen verstecken sich mit den Kindern im Schrank vor den Einsatzkräften. Aber jetzt ist Pandemie, jetzt ist ein gesprengter Kindergeburtstag der Normalfall, eine Sprengung, die ich nicht nur nachvollziehen kann, die ich bejahen und fordern muss. Draußen sind die Mutanten unterwegs und drinnen feiern dreißig Kinder.

Ich bin es gewöhnt bin, ich nehme es hin, ich teile. Ich hoffe, dass diese Gewöhnung so schnell wie möglich verschwinden wird.

Ansonsten: Nach zwei Fällen mit der Mutante B117 am Weimarer Krankenhaus wird dort ein Besuchsverbot von einer Woche verhängt. Der Impfstoff von AstraZeneca erhält die Zulassung für die EU, in Deutschland wird er für alle unter 65jährige empfohlen, was bedeutet, dass unter 65jährige eher als geplant geimpft werden können. Pharmakonzerne, die mit der EU Lieferverträge geschlossen haben, müssen Ausfuhrgenehmigungen beantragen. Die Europäische Arzneimittel Behörde stellt einen Monat nach Impfbeginn keinen Todesfall in Zusammenhang mit den Impfungen fest.

Die Regierung beschließt ein Einreiseverbote aus Ländern mit den Mutanten. Der Kanzleramtsminister lobt die Deutschen für ihr vorbildliches Verhalten, weil der befürchtete Anstieg der Infektionen wegen Weihnachten ausblieb. Nach falschen Attesten für Maskenbefreiungen findet bei einem Arzt in Hessen eine Razzia statt. Bis zum Frühjahr werden im Gesundheitsbereich mehr als eine Milliarde FFP2-Masken benötigt.

Die Leipziger Buchmesse wird erneut abgesagt. Nachdem der neue James-Bond-Film von April 2020 auf Winter 2021 verschoben ist, fordern mehrere Sponsoren den Nachdreh bestimmter Szenen, in denen veraltete Produkte mit neuen ersetzt werden können. Nachdem ein Radiosender in fiktiven Nachrichten von 2022 vom Ende der Pandemie berichtet, melden sich »aufgeregte Bürger« beim Sender. Der Gesundheitsminister sagt: Der Weg aus der Jahrhundertpandemie hat begonnen. Übersterblichkeit 2020.

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Coronamonate. Dezember

31. Dezember | ein Jahr zur Faust geballt

Das Ende eines jeden Jahres, besonders eines Jahres wie diesen, erfordert besondere Worte, denke ich, Worte, die die gepresste Zeit fassen und eine Art Klammer für das noch nicht verarbeitete Geschehene finden. Ich habe diese Worte gesucht, ich habe sie nicht gefunden.

Ich sage mir: Der letzte Tag im Jahr ist ein Tag, der einem anderen Tag folgt und einem vorausgeht. Er ist keine Zäsur, kein Bruch, morgen wird wie heute sein, gerade im Lockdown, was ist, verlängert sich, das Neue, das nach ihm kommen soll, ist imaginiert, ein anderes Morgen ist Wunschdenken. Dennoch ist ein Ende, so wenig Ende es auch ist, Symbol für etwas, es wäre Unsinn, das zu verneinen.

Der Abend wird klein, Wunderkerzen auf dem Balkon und Ofenkäse. Manche Freunde feiern mit 2+x Haushalten, manche fahren umher, manche haben einen ebenso kleinen Abend, andere treffen sich auf Zoom, stoßen dort an und singen gemeinsam Karaoke. Wenn es diesmal nach zwölf knallt, weiß ich: Dafür ist extra jemand nach Polen gefahren. Ich verspüre keinen Drang, Jahresrückblicke zu sehen und noch weniger Bedürfnis, in den Januar vorzuschauen. Alle Vorsätze beschränken sich vorerst darauf: Erstmal irgendwie durchkommen.

Dann gibt es doch etwas, was noch zu schreiben ist. Mehrmals in Coronamonaten habe ich nach dem Bild gefragt, was für diese Zeit stehen könnte, neben all den anderen Bildern: den gestapelten Särgen aus Zittau, den Armeefahrzeugen aus Bergamo, dem Absperrband vor den Spielplätzen, den überfüllten Skikabinen, den Treppen des Reichstags, Masken Masken Masken natürlich, den Abdrücken der Masken in den Gesichtern der erschöpften Krankenschwestern und Ärztinnen.

Und da ist eines, ich möchte, dass es so ist: Christoph Wenisch, Leiter der Infektionsabteilung am Klinikum Favoriten in Wien, der beim Impfen den Arm hochreißt, die Hand zur Faust geballt, eine Siegerfaust.

Das ist das Bild, welches ich gern von 2020 behalten möchte: ein Infektiologe, der eine Siegerfaust macht.

Ansonsten: Großbritannien erteilt die Zulassung für den Impfstoff von AstraZeneca. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA fordert für die Zulassung weitere Daten von AstraZeneca. Die Gesundheitsministerinnen mehrerer Bundesländer reagieren verärgert wegen der Lieferengpässe des Biontech-Impfstoffes und kritisieren die Organisation des Impfstarts in Deutschland. Baden-Württemberg beschwert sich bei Rheinland-Pfalz über deren »Impftouristen«. Im November lagen in Deutschland die Todeszahlen elf Prozent über den Durchschnitt der letzten Jahre. Wegen des großen Besucherandrangs im Wintersportort Winterberg wird der Einsatz von Sicherheitsdiensten angekündigt. Aufgrund der hohen Infektionszahlen werden in Hollywood alle Dreharbeiten bis auf Weiteres unterbrochen. Laut einer Studie liegt die Zahl der Coronainfektionen in Wuhan zehnmal so hoch wie gemeldet.

30. Dezember | Wenn ich Feuerwehrmann wäre

Ich lese eine Zahl: In zwei Wochen sind 800.000 Britinnen geimpft. Ich bin beeindruckt. Wer hätte das Anfang November für möglich gehalten: fast eine Million vor dem Virus geschützt. Dann rechne ich hoch. Zwei Wochen, ein Monat, knapp 2 Millionen Impfungen. UK hat 66 Millionen Einwohnerinnen. Bei diesem Tempo wäre man in 2 ½ Jahren einmal durch, die Herdenimmunität dazu gedacht, sind es immer noch zwei Jahre.

Ich lese nicht, wie viele Impfungen die 440 deutschen Impfzentren im Monat ermöglichen können. In Bayern sind es bei 99 Zentren 30000 Impfungen am Tag, hochgerechnet wären das eine knappe Million Impfungen im Monat, wahrscheinlich wird die Zahl höher sein. Eine wahnsinnige Zahl; all die Vorgänge, Gespräche, Kanülen, Wattebäusche, die Hoffnungen, die Furcht, die einzelnen Minuten addiert zu hunderten Jahren an Arbeitszeit, dazu die notwendige Doppelinjektion. Deutschland hat über achtzig Millionen Einwohnerinnen.

Es sind Milchmädchenrechnungen, weil sich die Zahlen verschieben, weitere Impfstoffe dazukommen werden, Hausärztinnen werden impfen, viele werden sich dem Impfen verweigern. Aber, konfrontiert mit dem nun tatsächlichen Prozess des Impfens, bleibt die Überlegung: Es geht nichts von heut auf morgen, es ist eine langwierige Angelegenheit, die viele Ketten erfordert, die funktionieren müssen, eine logistische Herausforderung.

Bei einem Gespräch mit einem Freund beruhigt er mich: Wenn erst einmal die Hochrisikogruppen geimpft sind, werden die Todeszahlen deutlich nach unten gehen, dann sei das Gröbste geschafft. Ich lasse mich beruhigen, denke, ab April, vielleicht im Mai, werden die besonders Gefährdeten geschützt sein können.

Und ich denke: Dann wird Frühling sein und jeder wird wissen, die besonders Gefährdeten sind nun geschützt. Was wird das mit dem großen Rest machen? Was für ein Gefühl wird das nach einem langen Winter sein, nach den Lockdowns, welcher Drang wird bestehen, im April endlich das Seuchenjahr 2020 abzuschütteln? Wird es dann noch die Masken geben, den Abstand, werden sich zu viele dann sagen: Für mich ist die Wahrscheinlichkeit gering, ich brauche jetzt die Nähe, keine Prävention mehr? Was macht das Wissen – die besonders Gefährdeten sind geschützt – mit den Gefährdeten? Werden die Zahlen sinken, so bleiben, steigen, weil sich April 2021 wie April 2019 anfühlen wird, obwohl die Hälfte des Landes erst in der sechsten Gruppe der zu Impfenden gelistet ist?

Ich denke, eine Million im Monat ist beeindruckend und sehe die übervollen Skigondeln. Ich lese in den Berichten über die mittlerweile zahlreichen Erstimpfungen im jeweiligen Bundesland / der jeweiligen Stadt die auffallend ähnlichen Informationen: 2/3 der Bewohner ließen sich impfen, ein Viertel der Pflegekräfte stimmten einer Impfung zu, oder: »In Essen beispielsweise wollen sich am Sonntag nur 54 von 120 Mitarbeitern impfen lassen. Um keine der wertvollen Dosen wegwerfen zu müssen, die ohne extreme Kühlung nicht haltbar sind, werden kurzerhand 24 Feuerwehrleute bedacht.«

Den Impfstoff vor Augen wird sich gegen das Impfen entschieden. Ich denke an ein anderes Gespräch, über das Zögern beim Impfen, die Bedenken, die gemachten Erfahrungen mit Nebenwirkungen. Wäre ich Feuerwehrmann und käme unverhofft an eine Dosis, wie würde ich entscheiden? Würde ich mögliche, bis kaum aufgetretene Nebenwirkungen gegen einen 95% Schutz vor einem Virus stellen, der weltweit fast zwei Millionen Menschenleben gefordert hat? Wäre da nur der Luxus für nur eine Sekunde des Überlegens?

Ansonsten: Das Robert-Koch-Institut meldet – einschließlich der Nachmeldungen über die Weihnachtstage – 1129 in Zusammenhang mit dem Coronavirus Verstorbene.
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Coronamonate. November

30. November | parallel II

Am letzten Tag des Novembers ein Blick zurück auf einen Monat mit höchsten Zahlen, exponentiell gewachsen bis zum Verharren auf Höchstständen, Ampeln schalten um und Inzidenzwerte färben Landkreise pink, ein Monat des wiederholten Runterfahrens, aber nicht so richtig, dem Ausfallen und Einstellen, den vollen Krankenhäusern und denen, die aus Erschöpfung nicht mehr können, ein Zurückfallen in die Anfangszeiten, ein Präsentieren von Konsequenzen, träge die Tage, ein mühseliges Schleppen hin zum Weihnachtsfest.

Und zugleich der Monat, der das Ende der Pandemie in Aussicht stellt, weil er gleich drei Heilmittel verkündet. Tief und hoch zugleich, das gegenwärtige Eingefrorensein und die zukünftige Wärme, ein erneutes paralleles Laufen der Zeiten und Zustände.

Und bei allem, was in diesem Jahr geschehen ist, muss gesagt werden: Gegen ein Virus, das eine Pandemie auslöste, welche die Welt in kaum gekannter Wucht zum Aussetzen brachte, wird innerhalb von elf Monaten ein Heilmittel gefunden, das im selben Jahr noch produziert und zum Einsatz gebracht werden kann. Eine ungeheure, kaum zu überschätzende Kraftanstrengung, eine Mondlandung.

Ansonsten: In Singapur wird ein Baby mit Antikörpern geboren, die Mutter hatte sich während der Schwangerschaft infiziert. Großbritannien ernennt einen Impfstoffminister. Papst Franziskus trifft auf Papst Benedikt XVI. und erntet dafür Kritik, weil beide jeweils keine Maske tragen, ebenso die anwesenden Kardinäle. Das BKA rechnet mit Anschlägen auf Impfzentren durch extremistische Impfgegner.

28. November | parallel

Weiterhin ist das parallel Verlaufende, die Gleichzeitigkeit von allen, was passiert, nur schwer zu fassen. Beispielsweise gestern: Black Friday, in den Saturns und Media Märkten die Einkaufskörbe längst alle in Benutzung und dennoch ein unbeeindrucktes Strömen hin zu den herabgesetzten Elektrogeräten bei gleichzeitiger Diskussion, ob eine Kritik am Black Friday nicht eine Form von Klassismus wäre etc.

Zugleich der österreichische Arzt, der erklärt, dass Covid19-Patientinnen über 80 Jahren nicht auf die Intensivstation verlegt werden, weil erfahrungsgemäß fast hundert Prozent dort die Intubation nicht überleben. Die österreichische Krankenschwester, die von den Krematorien berichtet, die mit der Arbeit nicht nachkommen. Der Arzt aus Arizona, der schreibt, dass während seiner letzten Schicht im gesamten Bundesstaat keine Intensiv-Patientinnen mehr aufgenommen wurden. Das amerikanische Krankenpersonal, das sagt, sie seien nicht die Frontline: »The public is the front line and the front line is failing us.«

Gleichzeitig ansonsten: Der Räuchermännchen-Virologe ist ausverkauft.

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Coronamonate. Oktober

31. Oktober | Warten III

An diesem Wochenende das nächste Warten, weiterhin ein Aufschieben des Notwendigen, ein Verlängern des Luftholens in der Pandemie, so lange, bis er losgeht, der Lockdown Light. Einmal noch Essengehen, einmal noch eine Lesung, ein klassisches Konzert, einmal noch ins Spaßbad, mit Freunden aus x+2 Haushalten treffen, eine WG-Party, Fondue mit den Nachbarn.

Aus Sicht einer Epidemiologin kann es wenig sinnvoll scheinen, nicht augenblicklich in den Lockdown Light zu switchen. Das Virus stellt ja nicht von Donnerstag bis Sonntag 23:59 Uhr seine Aktivitäten ein und legt erst ab Verbotszeit wieder los. Aus Sicht einer Epidemiologin müssen diese vier Tage Aufschub verhängnisvoll klingen; die Ankündigung ließe ausreichend Raum, das zukünftig Verlorengehende schnell noch als Erfahrung einsammeln, sich jetzt extra eng aneinanderzudrücken, weil es ab Montag nicht mehr erlaubt sein wird.

Der Himmel ist grau, das Laub ist nass, auf den aufgeweichten Herbstwiesen liegt eine durchfeuchtete Corona-Extra-Pappe. Die Verabschiedung vom normalen Leben ist im vollen Gang, ein Leben, das gar nicht mal so unnormal weitergehen könnte, misst man die Normalität anhand der Standards einer Pandemie. Trost spendet wieder einmal der Instagram-Account von Soyeon Schröder-Kim. Sie postet ein Foto von einer selbstgenähten Maske, schreibt dazu: »Ich habe den Stoff drucken lassen mit dem Muster „Solidarität – GSK“. GSK steht für Gerhard Schröder und Soyeon Schröder-Kim. Genäht und gedruckt in Hannover.«

Eine mitfühlende und herzerwärmende Geste, mitmenschlich und solidarisch, zugleich kalkuliert und eigennützig und doch in ihrer Selbstbezogenheit tapsig, fast rührig, weil sie in aller Egozentrik etwas Gutes will. Seltsamerweise fühle ich mich beim Betrachten des Instagrambildchen dieser in Hannover gefertigten Maske zuversichtlich, gerüstet für das Kommende.

Ansonsten: Mit über 19000 Neuinfektionen wird die Weihnachtsprognose zum Reformationstag erreicht. In Slowenien startet der Massentest für die gesamte Bevölkerung. Museumsdirektoren protestieren gegen Schließungen: »Es ist uns unverständlich, warum es möglich ist, Baumärkte, Autohäuser und andere Geschäfte offenzuhalten, Museen aber, die über dieselben oder großzügigere Flächen für einen Corona-gerechten Publikumsverkehr verfügen, geschlossen werden.« Heidi Klum postet auf Instagram: » Bleibt dieses Jahr an Halloween zu Hause. Verbringt eine gute Zeit mit eurer Familie. Und versucht einfach, euch nicht gegenseitig umzubringen.«

30. Oktober | Tod im Supermarkt

Durch das Weimarer Einkaufszentrum, das im ehemaligen Gau-Forum beheimatet ist, läuft der Tod. Ihm folgt ein Kürbis. Bald ist Halloween.

Wie das in Marketingabteilung beschlossen wurde: Wir müssen zum anstehenden Fest unseren Kunden etwas Besonderes bieten, etwas, das sie fröhlich stimmt und sie bestenfalls zum Kaufen animiert. Wie wäre es, im Jahr der Pandemie, gerade dann, wenn ein zweiter Lockdown beschlossen ist, einen Studenten als Tod zu verkleiden, ihm eine Sense in die Hand zu geben und ihn unter den maskentragenden Kunden wandeln zu lassen, vorbei an den Hygieneschildern und Desinfektionsbehältern, wie wäre das, der Tod beim Konsum?

Und tatsächlich, wie so oft, behält die Marketingabteilung recht. Die Kunden kommen, schieben sich und ihre mit Mehl vollgepackten Einkaufswagen zwischen Sensenmann und Kürbis, jemand sagt »Käsekuchen« und drückt ab, das Lachen bleibt hinter der Maske versteckt, aber der Moment mit dem Tod ist für alle Zeit im Smartphone gefangen.

Ansonsten: Ministerpräsident Armin Laschet ruft zum Verzicht von Halloween-Partys auf. Die WHO warnt vor den negativen Folgen landesweiter Lockdowns. Die EU finanziert den Transport von Covid-Patienten in andere Länder. In Rio de Janeiro wird der Straßenkarneval abgesagt. Laut einer Studie hält nach eine Infektion die Immunität gegen Covid19 ein halbes Jahr. Laut einer Studie über ein Tim-Bendzko-Konzert würden Abstand und Belüftung auch Konzerte in Zeiten der Pandemie ermöglichen.

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Coronamonate. August

31. August | Bequeme Zahlen

Es ist anstrengend, auf dem Laufenden zu bleiben. Auf dem Laufenden zu bleiben bedeutet, sich ständig zu informieren, dazuzulernen, deshalb liebgewonnene Erklärungen permanent zu hinterfragen, neue Zahlen zu lesen, alte anders zu interpretieren und damit den bekannten Blick auf das Geschehene neu zu werfen, Fehlinformationen zu benennen und vergangene Überzeugungen, die ich mit ganzer Kraft vertreten habe, möglicherweise zu verwerfen.

Das erfordert viel Kraft, oft bin ich zu bequem dazu. Ich lese weniger als im März, überfliege, nehme mir lieber Erkenntnisse aus der Überschrift mit, als einen Text bis zum Ende zu lesen. Es braucht mehrere Texte, Videos, Argumentreihen, bis ich etwas widerrufe, bis ich mich löse von: Flatten the Curve. The Hammer and The Dance. Die Höhe der Infektionszahlen ist die einzige Zahl, auf die ich jeden Tag gebannt starren muss.

Ich könnte sagen: Ich bin Laie. Ich muss nichts verstehen. Aber in der Pandemie muss ich wie ein Experte auftreten. Ich muss vieles wissen, was mich unter anderen Umständen keinesfalls interessiert hätte. Auch wenn es mir schwerfällt, muss ich verstehen lernen. Für mich und wie ich mich in meinem Umfeld verhalte, so dass ich mich und andere so wenig wie möglich gefährde. Ich muss verstehen, um nachvollziehen zu können, warum sich was gerade ändert. Das Verstehen hilft zu akzeptieren, hilft Kritik zu üben und zu dulden.

Verweigere ich mich dem Verstehen, werde ich bald einer von denen sein, die in Berlin demonstrieren. Ich muss verstehen, damit ich argumentieren kann, damit ich denen, die vom Maulkorb sprechen, etwas entgegensetzen kann. Dabei bin ich Laie, bis auf wenige Ausnahmen sind es alles Laien in der Pandemie. Wir Laien müssen irgendwie klarkommen mit dem Überangebot an Informationen, die komplex sind, ständig mehr werden, sich zum Teil widersprechen.

Ich muss verstehen, warum am Anfang der Pandemie die Experten den Mundschutz nicht empfahlen, warum sie ihre Meinung bald darauf widerriefen und nun nachdrücklich darauf drängen. Ich muss verstehen, weshalb es im März eine Übersterblichkeit gab und im Mai eine Untersterblichkeit und dass letzteres kein Beleg für die Ungefährlichkeit des Virus ist. Ich muss verstehen, aus welchem Grund momentan die Infektionszahlen steigen, aber die Todesfälle sinken. Ich muss begreifen, warum kaum jemand mehr von Schmierinfektion spricht und alle von Aerosolen. Ich muss verstehen, dass die leeren Betten auf der Intensivstation nicht das Ende der Pandemie bedeuten.

Will ich das nicht begreifen, werde ich bequem. Ich niste mich ein in einfachen Erklärungen, ignoriere, was nicht zu dem Einfachen passt. Es ist bequem, Ende August noch die Rhetorik von Bhakdi zu verwenden. Es ist bequem, weil es einfach ist, weil es mir die Angst nehmen würde.

Es ist bequem auch für mich, wenn ich gedanklich im März verbliebe. Wenn ich immer noch Lockdown rufe, wenn eine bestimmte Zahl erreicht wäre. Es wäre bequem, wenn ich jetzt die Tabs schließe und sage: Dieses Wissen reicht bis zum Ende der Pandemie. Ich muss verstehen, dass ich das, was ich aktuell verteidige, wonach ich handele, ich im Laufe der nächsten 1 ½ Jahre mehrmals überdenken, vielleicht widerrufen werde. Ich muss akzeptieren, dass sich daraus Widersprüche ergeben werden. Ich werde lernen müssen, diese zu erklären und zu verteidigen. Höre ich auf damit, die einfache Erklärung, die mögliche Abkürzung, das scheinbar Offensichtliche, das verlockende Bequeme nicht doppelt und dreifach zu hinterfragen, wird die Pandemie über mich triumphieren.

Ansonsten: Auf Drängen des amerikanischen Präsidenten werden die Bemühungen intensiviert und Richtlinien gelockert, um noch vor der Wahl am 3. November einen Impfstoff präsentieren zu können. Bei einer Veranstaltung wird der Gesundheitsminister von Demonstranten bespuckt, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren. Beim MTV-Music Award werden Trophäen in den neugeschaffenen Preiskategorien »Bestes Musik-Video von Zuhause« und »beste Quarantäne-Darbietung« vergeben. Während der Liveübertragung einer Wreslingshow werden von einem der anstatt anwesenden Fans zugeschalteten Zuschauer die Bilder einer Hinrichtung eingespielt. In der Coronazeit werden in Deutschland Kartoffelprodukte überdurchschnittlich häufig gekauft.
[Foto: Yvonne Andrä]

30. August | Das Bild von gestern

Ich frage mich, warum mich die Demonstration in Berlin so beschäftigt. In den immer wieder zitierten Umfragen gibt es eine Zustimmung von unter zehn Prozent dafür, wesentlich mehr befürworten stärkere Maßnahmen gegen Corona als weniger, die deutliche Mehrheit findet die Maßnahmen in Ordnung, bei Fridays for Future waren die Millionen auf der Straße, die die Querdenker gern hätten. Anders gesagt: die Relevanz der gestrigen Demonstration ist wesentlich geringer, als die Berichte, Bilder, Augenzeugenberichte, Kolumnen, Tweets, Screenshots aus Telegramchats suggerieren.

Ich bin aufgeregt. Wenn die Demonstranten gegen Absperrungen drücken, spüre ich den Druck. Skandieren sie, ist es, als brüllten sie ihre Sprechchöre direkt in mein Ohr. Ihre Transparente lerne ich auswendig. Ich tanze angewidert und belustigt, wenn ihre Körper zu einer Version zu Bella Ciao zucken, in der es heißt: Corona Ciao Corona Ciao Corona Ciao Ciao Ciao. Es ist eine Freakshow, es ist ernsthafte Besorgnis, es ist Adrenalin allein vom fernen Zuschauen, der Wunsch, sich dagegenstemmen, obwohl Berlin dreihundert Kilometer weit weg liegt, abstrakte Gedanken, die sich durch die Demonstration in etwas Körperliches übertragen, das Verlangen, bestätigt und entzündet zu werden.

Ich zitiere die vielen Texte, die Corona als Brennglas bezeichnen, als Verstärker der Gegenwart, als ein Überdeutlichmachen dessen, was ohnehin da ist. Dass es bei den Coronademonstrationen nicht um Corona geht, zeigt sich an den Reichskriegsflaggen, die geschwenkt werden, den 18-Codes, den QAnon-Shirts. Corona ist nicht Ursache, Corona ist ein weiterer Anlass für eine allgemeine, tiefergehende Unmutsbekundung, eine Unzufriedenheit, letztlich der Wunsch nach einem radikalen Umbruch. Wäre es nicht Corona, wäre es etwas anderes, weshalb die Demonstranten sich in einer Diktatur wähnten. Sie wären auf der Straße, so oder so.

Vor allem aber geht es bei der Demonstration um die Produktion von Bildern. Die Demonstranten gehen auf die Straße und wollen damit Bilder schaffen, die stärker sein sollen als die Bilder, die jene schaffen, gegen die die Demonstranten antreten.

Das Bild von gestern, das alle anderen Bilder überlagert, das Bild, das bleiben wird, das einmal für diese Zeit stehen wird, entweder als Zenit oder als Anfang, ist das Bild, wie die Demonstranten die Absperrung vor dem Reichstag durchbrechen und die Treppen hinaufstürmen. Vor dem Eingang des Reichstags, dem Ort, an dem die Politik dieses Landes gemacht wird, stehen drei Polizisten. Einer trägt keinen Helm. Diese drei Polizisten verteidigen die Türen des Reichstags. Sie stellen sich den Menschen entgegen, die Reichsflaggen schwenken, einer hat eine Fahne bei sich, auf der der Reichsadler abgebildet ist.

Das Bild sagt: Nazis stürmen den Reichstag. Nicht Coronagegner, nicht Coronawütende, nicht besorgte Bürger, die man ernst nehmen muss, keine Ärztinnen, die andere Meinungen haben als Christian Drosten. Es sind Menschen mit Reichsflaggen und dem Reichsadler, die den Reichstag stürmen. Wenn es ein Bild gibt, dass all diese Menschen und ihre Unterstützer gern an diesem Samstag produzieren wollten, dann dieses: Es ist 2020. Nazis stürmen den Reichstag, das Volk hinter sich wissend.

Die Aktion war angekündigt in Telegramchats. Vor dem Reichstag stehen drei Polizisten, in Hamburg waren es letztens acht, die einen E-Scooterfahrer überwältigten. Diese drei Polizisten verteidigen den Reichstag, sie stehen Vielen gegenüber. Vor drei Tagen schrieb ich, dass es surreal sei zu schreiben, »#SturmAufBerlin klingt wie ein kleiner Krieg«. Heute schreibe ich: Drei Polizisten verteidigen den Reichstag vor Nazis.

Das Bild ist da. Der Sturm ist geglückt. Er ist nicht geglückt. Der Reichstag wurde nicht gestürmt, auch Berlin nicht. Nur ein paar Demonstranten sind eine Treppe hinaufgerannt. Es fühlt sich surreal an, das zu schreiben, so, als gäbe es etwas Zuversichtliches, was ich in diesem Samstag sehen könnte.
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Coronamonate. Juli.

24. Juli | in Aspik

Fünf Monate Coronamonate. Weiterhin ist der 24. eines jeden Monats die Gelegenheit zu prüfen, ob, und falls ja, was ich noch fühle, ob die Wahrnehmung stumpf geworden ist, ob das, was mich erreichen sollte, noch durchdringt. Was spornt mich noch zu Gedanken an, besteht weiterhin eine Notwendigkeit, diese mit jemanden anderen als mit mir selbst zu teilen? Wie pflichtschuldig leiste ich das Schreiben dieser privaten Chronik ab?

Ich brauche, wie alle sie brauchen, eine Pause, ich werde sie mir nehmen. Dabei duldet die Pandemie keine Pause, es gibt keinen Stopp, kein Ausscheren und Ignorieren, denn, falls doch, könnte ich mir die Maske auch übers Kinn ziehen und denken: Ich trage doch eine Maske.

Weimar ist ein gutes Beispiel. Fast fünf Wochen lang keine offiziell festgestellte Infektion. Dann drei nach einer Party. Dann eine neunköpfige Familie, die Besuch aus Hof empfing, sich unbemerkt ansteckte, die Kinder gehen zur Zeugnisübergabe, jetzt sind 120 in Quarantäne.

Der Lebensmittelpunkt der Familie, deren Kindergarten und Schule befinden sich in einem Teil der Stadt, der auf einem Berg liegt, damit außerhalb ist und immer noch weit genug weg. Das ist einer der ersten Gedanken: Wo ist die Gefahr, wo bin ich, wie viele Meter liegen zwischen uns, werden diese genügen? Andere diskutieren in Foren darüber, dass die Familie keine Muttersprachler ist und was diese Information mit der Ansteckung zu tun hat, es ist keine Diskussion, es ist das Abstecken rassistischer Gedanken.

Fünf Monate Coronamonate. Grundsätzlich ist die Hälfte eines Jahres jedes Jahr ein seltsames Spiel: Silvester ist scheinbar eben erst geschehen und die Tage daran sind schon Erinnerung. Der Sommer hat gerade erst begonnen und doch ist der längste Tag des Jahres einen Monat lang vorbei. Anfang wie Ende befinden sich zugleich in Reichweite und großer Ferne.

Eine Studie hat festgestellt, dass in der Pandemie ein anderes Zeitgefühl herrscht; langsamer für die Getroffenen, schneller für die Zufriedenen. Ich kann nicht sagen, was die letzten Monate für mich waren: Sind sie gerast, stehengeblieben, habe ich die Veränderung akzeptiert, verstanden, ertragen, bin ich zuversichtlich, weiterhin furchtsam? Habe ich mich mittlerweile eingerichtet? Und wenn ja: Wie geht es mir damit? Wie lange geht das gut? Wie stelle ich gegeneinander, was in den letzten Monaten nicht geschah und was dafür eintrat? Das Tragische, das Wundersame? Wie lässt sich eine Bewertung finden, die einen Sinn ergibt und sei es nur, um mich zu beruhigen?

Es wird notwendig sein, weiter zu beobachten, zu überprüfen und diese verwirrende Zeit in Worte zu binden, sie wie in Aspik einzulegen, umhüllt von einer Schicht, die das Wesentliche nur verwackelt zeigt, aber so immerhin ermöglicht, dass diese Monate überdauern können als das, was sie sind: unmittelbar.

Im Juli wird es keine neuen Einträge geben. Ab August geht es an dieser Stelle weiter mit dem Mittendrin.

Ansonsten: Mit 815 Neuinfektionen gibt es so viele an einem Tag wie seit Juni nicht mehr, weltweit sind es dreihunderttausend Neuinfektionen. Ein Update der Corona-Warnapp behebt ein Problem, aufgrund dessen die App auf vielen Geräten nicht funktionierte. In der wiederaufgenommenen amerikanischen Baseballliga werden für die TV-Übertragung virtuelle Zuschauerinnen in die leeren Stadien projiziert.

23. Juli | Schutz im Holster

Über den Goetheplatz läuft ein Mädchen. An ihrer Jeans hängt eine Desinfektionsspritzflasche wie eine Pistole in einem Holster, der Covidschutz nur einen Handgriff entfernt.

Ansonsten: In Weimar steigt die Zahl der gleichzeitig Infizierten auf 11, der höchste Stand seit Pandemiebeginn, 81 insgesamt. In einem Video fordert Deutschrapper Farid Bang zur Einhaltung des Mindestabstands auf und droht bei Verstößen mit dem Langziehen von Ohren. Ein Superspreader-Vorfall an einem Fließband löste den Ausbruch bei Schlachthof Tönnies aus. Amsterdam fordert Touristen auf, am Wochenende die Stadt zu meiden. Nach der Meisterfeier in Liverpool gibt es mehrere Festnahmen wegen Verstößen gegen Coronaregeln. Mehr als die Hälfte aller Coronainfektionen verteilen sich auf drei Länder: USA, Brasilien, Indien. Corona in Kuba.

22. Juli | mittendrin

Ich sehe ein Video. Offenbar trägt der Filmende einen Schutzanzug, der Helm aus durchsichtigem Plastik, die Welt, die er oder sie dadurch sieht, verschwommen und unvollständig. Die Filmende läuft durch ein Krankenhaus. An den Wänden Stühle und Krankenhausbetten eng an eng, darauf sitzen und liegen Kranke. Die Sitzenden mit Atemschläuchen, große Zylinder mit Sauerstoff neben ihnen, ein unablässiges Zischen bläst in den Filmton. Die Liegenden regungslos, einige sind auf den Bauch gedreht, um den Druck von der Lunge zu nehmen. Der gesamte Gang voller Menschen, das Bild: Sie warten, erdulden, ertragen, sie leiden. Am Ende des Films ein Schwenk zu Angestellten. Sie ziehen den Reißverschluss eines grauen Plastiksacks zu, wenig Zweifel, wofür er verwendet wird.

Es ist unklar, woher das Video stammt. Jemand schreibt Texas, eine andere Mexiko. Vielleicht ist die Herkunft nicht von entscheidender Bedeutung. Das Video stammt aus der Gegenwart. Und selbst wenn nicht, selbst, wenn es zwei Monate alt ist, sagt es mir: Wir sind mittendrin. Das ist nicht Anfang, längst nicht Ende, das ist die Jetztzeit, die ewig lange Strecke zwischen damals und zukünftig. Wenn mich später jemand fragen wird, wie es denn war, während der Pandemie zu leben, dann muss ich auch von diesem 22. Juli 2020 sprechen, von diesem Video.

Ein Einschub. Ich denke an dieses mittendrin, wenn ich die Bilder aus Portland sehe. Schwarzbekleidete, ungekennzeichnete Militärs springen aus tarnfarbenen Trucks und schießen Menschen in den Kopf, verhaften sie, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Die Geheimpolizei auf der Straße, Techniken einer Diktatur, selbst wenn Mütter dagegen »Hands Up Please Don`t Shoot Me« singen oder eine Unbekleidete sich den Schwergerüsteten entgegenstellt, ist das eine Junta. Es ist nicht der Beginn von schlechten Zeiten, etwas, das sich andeutet und einmal Bahn brechen wird. Die Zeit ist jetzt da, geschieht in diesem Augenblick. Nichts muss mehr kippen, gekippt ist es längst schon. Wenn man später fragt, wie war es, während der Undemokratie zu leben, dann werde ich auch von diesen Bildern sprechen.

Ich denke an Portland und ich denke an das überfüllte Krankenhaus. Ich denke an die vielen verschiedenen Orte, welche die Zeit verbindet, in der sich alle zugleich befinden. Ich denke daran, dass mittendrin niemals zu greifen ist; ein Anfang schon, ein Ende auch. Aber mittendrin fließt weg, zwischen Fingern strömen die Ereignisse hindurch, mittendrin ist nichts Einzelnes, kein Tropfen, sondern Bewegung. Ich kann nicht innehalten und Distanz erzeugen, nur später einmal schauen und sagen: Hier bin ich getrieben, den Kopf geradeso über Wasser, habe ich während des Schwimmens das Schwimmen bemerkt?

Ansonsten: In einigen Bundesländern ist wieder die Betreuung verschnupfter Kinder im Kindergarten möglich. Laut einem Test hat hochgerechnet jeder vierte Mensch in der Region Delhi Coronaantikörper im Blut. Österreich führt wieder die Maskenpflicht im Supermarkt ein. Berlin lockert die Abstandsregeln für Gaststätten. Auf einer Pressekonferenz sagt Donald Trump: »Es wird wahrscheinlich leider schlimmer werden, bevor es besser wird« und fordert zum Tragen von Masken auf.

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Coronamonate. Juni

30. Juni | Rote Punkte

Die Zukunft wird viele Farben haben. Eine wird rot sein, rot wie die Punkte, die auf der Landkarte aufpoppen werden und daneben werden Städtenamen stehen, die wir alle tagelang lustvoll schaudernd als Synonym für Unbedachtsamkeit verwenden werden, weil dort das Virus ausbrach, in Fabriken, in Wohnblöcken, in Schulen, Göttingen, Gütersloh, Magdeburg.

Die roten Punkte und die temporär ins Bewusstsein des Landes rückenden, mittelgroßen Städte werden uns begleiten, bis ein Impfstoff gefunden sein wird. 365 Tage lang Detmold, Wernigerode, Erlangen.

Vielleicht auch Weimar. Weimar, das seit fast einem Monat keine neue Infektion hatte, keinen Todesfall bisher, insgesamt 69 ehemalige Infizierte, in den umliegenden Kreisen sind die Zahlen ähnlich, in ganz Thüringen etwa ein Zehntel der Infizierten wie in Schlachterei Tönnies. Weimar, das als eine der ersten Städte die Gastronomie wieder öffnete, Weimar, das so gut wie keine Erfahrung mit dem Virus gemacht hat, Weimar, das ein sicherer Ort war und sich deshalb in Sicherheit wiegt, Weimar, eine Gegenwelt zu den sich täglich übertrumpfenden globalen Zahlen.

Ist davon auszugehen, dass dies zu bleibt? Dass keine Touristin aus Göttingen, Gütersloh, Magdeburg fünfzehn Minuten am Grill mit dem Rostbratwurstverkäufer steht, dass das Virus weiterhin einen Bogen schlägt um die Ilm? Und was, wenn Weimar trotz der sicheren vier Monate einmal ein roter Punkt sein wird, wenn Freunde und Verwandte besorgt anrufen und fragen: »Hats Euch auch erwischt?«, wenn die Bundeswehr Massentests auf dem Stéphane-Hessel-Platz vor dem Bauhaus-Museum macht? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bilder ausbleiben?

Ansonsten: Aufgrund steigender Infektionszahlen schottet die britische Regierung Leicester ab. Am New Yorker Broadway werden alle Vorstellungen für den Rest des Jahres abgesagt. Die isländische Regierung rät ihren Einwohnern, gegen Berührungsmangel und Einsamkeit in Coronazeiten Bäume zu umarmen.

29. Juni | Ischgl. Das Unglück der 15 Prozent

Vor drei Monaten schaue ich eine Dokumentation über Ischgl. Die Dokumentation zeigt ein Dorf, das vom Wintersport nicht nur lebt, sondern sich komplett darin verloren hat. Im Zentrum steht die Seilbahn, die wichtigsten Männer des Dorfes verdienen daran, sie entscheiden im Gemeinderat über das Wohl des Dorfes, Seilbahnprofiteure ausschließlich. Die Dokumentation zeigt die Feiernden, sie zeigt das Saufen, sie zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der Après-Ski die Welt um sich herum vereinnahmt. Wenn die Hölle gefriert, sieht sie aus wie Ischgl im Winter. Weil die Doku das zeigt, zeigt sie, weshalb das Virus alle Freiheiten genoss und von hier aus europaweit durchstarten konnte.

Vorgestern lese ich einen Text über Ischgl. Dort steht, dass bei über vierzig Prozent der Bewohnerinnen Antikörper vorhanden sind, sie sich mit dem Virus infizierten. Von diesen vierzig Prozent haben 85% keine Symptome gezeigt. Das Virus hat ihnen nicht nur nicht geschadet; sie haben es nicht einmal bemerkt.

Letztere Zahl ist nicht erstaunlich. Sie bestätigt, was von Anfang an Wissen war: Die überwiegende Mehrzahl hat vor SARS-CoV-2 nichts zu befürchten. Es sind glückliche 85 Prozent. Und inwieweit sie bereit sind, das Unglück der 15% zu mindern, ist eine der Grundfragen der Pandemie, von Beginn an war sie das.

Später erzähle ich in größerer Runde von diesem Zahlen. »Interessant«, ist eine Antwort, »Aber müsste man dann nicht noch mal über die Gefährlichkeit des Virus nachdenken? Was ist denn mit denen, die Herzinfarkte oder Krebs bekommen? Wo ist die Solidarität mit denen?«

Ich weiß, was ich darauf zu sagen habe, nenne auch einige der argumentativen Entgegnungen. Dennoch beschäftigt mich der Gedanke, diese Frage nach den 15% der Unglücklichen bei jeder Sache, länger, vielleicht, als sie das sollte. Oder nicht.

Ansonsten: Österreich führt verpflichtende Coronatests für Reisende aus Gütersloh ein. In Indien werden 10000 Betten aus Kartons in Krankenhäusern aufgestellt. Die Zahl der Coronatoten übersteigt die halbe Million. Reportage: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik.

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Coronamonate. Mai.

31. Mai | Alles andere

Gestern kein Eintrag, weil ich dachte, es gäbe nichts zu berichten. Dabei passiert gerade so viel: Raketenstart, Unruhen in Hongkong, vor allem die Proteste in den USA. Doch haben all diese Geschehnisse nichts mit dem Thema zu tun, das seit drei Monaten alles andere beiseitedrängt.

Ich bemerke, dass ich alles, was passiert, unter dem Gesichtspunkt betrachte: Was hat das mit dem Virus zu tun? Das liegt auch an diesen Notizen. Ich scanne die Wahrnehmung meiner eigenen kleinen und die der großen Welt und ignoriere, was nicht zu verwerten ist, was nicht auf das Paradigma passt, das ich seit drei Monaten über alles lege. Alles andere wird zweitrangig.

Dabei entgehen mir Zusammenhänge. Das Größte, was geschehen kann – der Mensch bricht zu fremden Sternen auf – ist mir eine Randnotiz. Es ist mir die Mühe nicht wert, in Erfahrung zu bringen, warum die Menschen in Hongkong auf die Straße strömen und wie erfindungsreich sie das tun, weil ich lieber über den Methoden der Bild-Zeitungen brüten möchte.

Ich sehe nicht das Video an, das eine weiße Frau zeigt, die einem schwarzen Mann droht, die Polizei mit einer Lügengeschichte zu rufen, in vollem Bewusstsein, was das für Folgen für ihn haben könnte. Ich sehe nicht das Video an, in dem ein weißer Polizist viele Minuten auf dem Hals eines schwarzen Mannes kniet, so lange, bis der Mann gestorben ist, der Polizist gefilmt, wohlwissend, dass dieser Mord keine Konsequenzen für ihn haben wird, dieser gefilmte Mord vor aller Augen stellt kein Gefahr für den Mörder da. Ich sehe nicht zu den Protesten, der Wut und ihrer Größe.

Dann sehe ich, dann lese ich, dann höre ich.

Und während ich das tue, verstehe ich das meiste weiterhin nicht, aber doch manches mehr. Es ist niederschmetternd, es ist genauso verzweifelt und hoffnungslos wie die vielen Male davor und während ich das fühle, beginne ich, entgegen jeder bewusster Absicht, Verbindungen zur Pandemie zu ziehen, denke an die erhöhten Todesraten in bestimmten Bevölkerungsgruppen, die im Zuge der Pandemie ausgeweiteten Machtbefugnisse von Autoritäten, die Gewissheiten, die die Pandemie hinweggefegt hat und dass es so selbstverständlicher geworden ist, das Bestehende in Frage zu stellen, vermute wider besseren Wissens: Ohne die Pandemie wäre vielleicht das gleiche geschehen, aber nur mit der Pandemie geschieht es weiter, wie es gerade weitergeschieht.

Ansonsten: Die Stadt München verbietet auf Coronakundgebungen das Tragen von gelben Sternen, mit denen Demonstranten gegen eine vermeintlich drohende Impfpflicht protestieren. Sicherheitsexperten warnen vor einem dreihundert Euro teurem Anti-5G-Stick, der nur ein leerer 128 MB USB-Stick ist. Laut einer Untersuchung war während des Lockdowns das Fahrrad zeitweise das am häufigsten benutzte Verkehrsmittel, noch vor dem Auto.

Um den Abstand zwischen Gruppen zu gewährleisten, werden in Parks mit Rasenmarkierfarbe weiße Kreise auf die Wiesen gemalt. Der dänische Fußballklub Aarhus GF schaltet während eines Geisterspiels Fans auf mehreren großen Leinwänden zu. Die weltweite Infiziertenzahl steigt über sechs Millionen.

29. Mai | Unkenrufe

Neben vielem anderen offenbart die Pandemie auch die jeweilige Haltung zur Welt und den Dingen: wer geht vom Besten aus, wer lässt es eher locker angehen, wer schaut rational, wer vorsichtig, wer skeptisch, wer vermutet hinter allem, was geschieht, böse Absichten – jeder wird sich in der Pandemie irgendwann einmal bestätigt finden. An diesen ausgewählten Momenten, in denen sich Annahme und Wirklichkeit kurzzeitig übereinanderschieben und dann synchron erscheinen, lässt sich die Bestätigung für das eigene Weltbetrachtungsmodell ableiten.

Ich jedenfalls halte es so und sehe ich mich deshalb oft bestätigt. Ich beende Gespräche mit einem Satz wie »In zwei Wochen ist dann Lockdown« oder »Wir sehen uns in der Zweiten Welle.« Von den täglich neu bestimmten Reproduktionszahlen schreibe ich, wenn sie über 1 liegen, nicht, wenn sie darunter sind. Lokalen Infektionsausbrüchen messe ich besondere Bedeutung zu, weil sie mir Indiz sind dafür, dass die Sache mit der Lockerung nicht aufgeht.

Die Pandemie zeigt mir: Tendenziell gehe ich vom möglichen Katastrophalen aus, davon, dass das Gewarnte passiert, im Spektrum orientiere ich mich unterhalb der X-Achse. Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Es ist der Ton, der in den Beobachtungen hier und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen klingt, so sind sie einzuordnen.

Gerade wird diese Weltsicht ganz schön auf den Prüfstand gestellt. Wissenschaftler sprechen davon, dass Deutschland ohne zweiten Lockdown und ohne zweite Welle davonkommen, dass die Pandemie auch ohne Impfstoff beendet werden könnte. Die Zahlen geben dem recht, denn trotz Lockerungsmaßnahmen steigen – bis auf wenige regionale Ausnahmen – die Infektionszahlen nicht. Das sind gute Nachrichten für Menschen und schlechte für Pessimisten. Aber die rechnen ja sowieso mit nichts anderem.

Noch ein Nachtrag zu gestern. Ein Interview mit Christian Drosten wird ab morgen Titelgeschichte des Spiegels sein. Darin erklärt Christian Drosten auf die Frage, ob er sich mit den selbstlosen Mentorenprototypen Gandalf oder Obi Wan Kenobi vergleichen würde: »Wer ist das? Ich kenne die Figuren nicht.« Zur Bild-Zeitung sagt er: »Sollte ich mich fürchten? … In meinem Alltag kommt die Bild-Zeitung nicht vor.« Und zu Bild-Chef Julian Reichelt: »Wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag.«

Besonders die letzten beiden Antworten sind in ihrer trocken vorgetragenen Unkenntnis wunderbar. Das Prinzip der Bild-Zeitung beruht darauf, dass Menschen Angst vor ihr haben und die Bild deshalb über sie verfügen kann. Wenn jetzt jemand kommt und sagt, die Bild sei ihm unbekannt, interessiere ihn nicht, spiele auch keine Rolle in seinem Leben, dann muss dieses Angstprinzip ins Leere laufen. Das ist die Pflicht. Die Kür ist, der Bildchefredaktion, die für sich gar nicht so heimlich in Anspruch nimmt, Mitbestimmen zu wollen, ins Gesicht zu sagen, euch kenne nicht ich, ihr seid zu unwichtig für mich. Das ist Drostens nächster Mic Drop.

Natürlich ist es dann doch nicht so einfach. Die Titelgeschichte ist mit den Worten überschrieben: »Verehrt und Verhasst – der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten.« Und da reibt sich die Bild-Chefredaktion doch wieder die Hände: Weil es die Wissenschaft in eine Glaubensfrage überführt, so, wie es von Anfang an intendiert war.

Ansonsten: Laut Statistischem Bundesamt sind im April in Deutschland acht Prozent mehr Menschen als im Schnitt der vier Vorjahre gestorben, ein Zusammenhang der Entwicklung mit der Corona-Pandemie sei naheliegend. Laut einer Umfrage findet eine Mehrheit der Deutschen Maskenpflicht fairer als eine freiwillige Regelung. Während eines Gottesdienstes in einer Bremerhavener Pfingstgemeinde haben sich 44 Menschen infiziert, hundert sind in Quarantäne.

Nachdem sie einen Laborassistenten angegriffen haben, entkommen mehrere zu Testzwecken mit Corona infizierte Affen aus einem indischen Labor, was in etwa die Prämisse der beiden dystopischen Filme 28 Tage später und 12 Monkeys ist. Knuffelberen als Werbeträger für einen wiedergeöffneten Vergnügungspark:

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