Das Gegenteil von Henry Sy. Der Roman.

Das Gegenteil von Henry Sy - Buch

»Das Gegenteil von Henry Sy« hat zwei Anfänge.

Die eine Geschichte beginnt am 9. Juni 1946. Sie erzählt von einem Leben zwischen den Welten, vom Reisen und Ankommen, vom gelben Haus am Fluss und dem Tagebuch der geheimen Gedanken, der ewig brennenden Glühlampe und Obsidian, von Huck, der Mondlandung, den Spießbürgern, dem einen Moment auf der Welle, die einen emportragen kann. Oder eben nicht.

Weiterlesen

Werbeanzeigen

Lesungstagebuch Henry Sy (6). Das Geräusch von Kreide auf falschem Schiefer.

alte post

Buchmesse, Leipzig, 13./14./15. März 2013

Die Buchmesse beginnt mit dem Geräusch einer mit Sanddornsaft gefüllten Braunglasflasche, die auf Steinkacheln zerspringt. Das Geräusch kommt unerwartet und heftig. Sanddornsaft läuft über die Kacheln, rinnt in die Fugen, schwemmt kleine, fiese Glassplitter mit sich. Griffe ich jetzt in die Sanddornpfütze, griffe ich in einen Splitter, der sich in meine Haut bohren und dann durch meinen Körper wandern würde, bis er eines Tages mein Herz erreicht hätte. Splitter im Herzen gilt es zu vermeiden. Dennoch rieche ich jetzt nach Sanddorn, dennoch wird mir in den kommenden Tagen jedes Mal der hiddenseeige Geruch von Sanddorn in die Nase steigen, jedes Mal, wenn sich etwas von Bedeutung ereignet.

wundermaschine schweiz

Von Bedeutung kann alles sein. Das Geräusch, mit dem sich Straßenbahntüren schließen. Das Geräusch, mit dem ein Fahrkartenkontrolleur nach meiner Fahrkarte fragt und das Geräusch, mit dem ich entgegen meiner Absicht, auf eine Kurzstreckenfahrkarte zu verzichten, doch eine Fahrkarte aus dem Automaten zog, Geldstücke in Schlitze, das Rattern im Inneren der Maschine, das Geräusch, mit dem die Karte in die Entnahmschale fällt. Weiterlesen

Lesungstagebuch Henry Sy (5). Das Handy der Kanzlerin.

Plakate auf grüner Tür

Stadtbibliothek, Nordhausen, 24. Oktober 2013

Am Tag, als die Kanzlerin feststellt, dass die NSA womöglich doch ein Problem sein könnte, fahre ich nach Nordhausen. Daraus ergeben sich verschiedene Fragen. Warum ist dieser Tag nicht schon im Frühsommer? Wieso heißt eine Stadt, die in der Mitte Deutschlands liegt, NORDhausen? Und weshalb bin ich eigentlich nicht öfter in diesem Teil Thüringens?

Vielleicht ja, weil im Zug die Fahrt nach Nordhausen bis zu drei Stunden in Anspruch nehmen kann. Drei Stunden. So lange soll es einmal von München nach Berlin dauern, mit den superschnellen Siemensices und auf der superschnellen Trasse mit den dreißig Tunneln, vorausgesetzt natürlich, unterwegs gibt es keinen Stopp. Lieber Spitze als Breite, denn alles, was abseits des Großen liegt, muss schwer zu erreichen sein, ansonsten wäre die Spitze weniger exklusiv. Das ist im Transportwesen so, in der Gesellschaft, in der Literatur ohnehin.

polnischer Apfel vor Neubau

Aber: Zumindest bedeutet ein längerer Aufenthalt im Zug eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, Dinge zu erleben, die man sonst nur von Hörsagen kennen würde. Drei Badener zum Beispiel, die über Hochwasserschutz und den Vorteil von Umzugsfirmen sprechen und dass es bei Umzügen immer – desch isch ei Naturgesetz – regnet. Das klingt dann so, als ob drei Jogi Löws zugleich reden. Stellte man in diesem Moment verschiedene Dialekte nebeneinander, keiner würde einen längeren Schatten werfen als das Badisch-Alemannische. Weiterlesen

Lesungstagebuch Henry Sy (3). Hamburg in Substantiven, Verben, Wieworten und Personalpronomen.

gelb wie Solar

Literaturzentrum, Hamburg, 13.05.2013

Substantive

Kulturbahnhof Fahrtkartenautomat Ciabattabrötchen Regionalexpress Sitzplatz Schulklasse Wald Fluss Brücke Graffiti Tunnel Göttingen Einkaufsbahnhof Mai-Mai Intercity Ehepaar Raps Solaranlage Strommast Windrad Radiohead Schaffner Verteidigung Missionarsstellung Hamburg Altona Regen Tee Hemd U-Bahn Cityticket Hauptbahnhof U-Bahn Mundsburg Literaturhaus Bar Beamer Laptop W-Lan Zettel Fotos Mikrophon Screenshot Video Lesung Maus Blickkontakt Henry Magda Rottmann Beatles Ägypten Raumschiff Pferdeforum Email Alina Ende Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort etc. Diskussion Hikikomori Laptop Tasche Restaurant Rotwein Quark Taxi Luhmann Bett Traum

bis zum Horizont: gelb

Verben

Weiterlesen

Lesungstagebuch Henry Sy (2). Pop-Ups blocken in Bremen.

Stadtbibliothek, Bremen, 19.02.2013 | Wilhelm 13, Oldenburg, 20.02.2013

Am Anfang war die Sache mit dem Pop-up-Blocker.
»Der muss ausgeschaltet sein«, hieß es, »ansonsten geht das Internet nicht.«
Also deaktivierte ich den Pop-up-Blocker und das Internet ging, beim Technikcheck in der Stadtbibliothek Bremen. In Bremen sollte heute die erste Lesung stattfinden, die sich dem Gegenteil von Henry Sy komplett annahm und damit an dem Ort, an welchem die Geschichte ihr auslösendes Moment hatte.

Großes Haus also. Dazu einiges an Technik: Laptop, Beamer, kabellose Eingabegeräte, Funkverbindung ins www. Und dazwischen Lesen, Texte hauptsächlich oder auch Graphen mit x-y-Achsen. Da erschien es sinnvoll, das Funktionieren der Technik im Vorfeld zu überprüfen. Beim Technikcheck funktioniert die Technik, das Internet geht, weil der Pop-up-Blocker deaktiviert ist und somit den W-Lan-Zugang störungsfrei ermöglicht.

Weiterlesen

Lesungstagebuch Henry Sy (1). Transmediale Frischkäseschnittchen.

Wir fertigen aus ihren Passfotos Postkarten

Fotothek, Weimar. 1.11.2012

In Weimar gibt es ein Fachgeschäft für vergessene Privatfotografien. Zu behaupten, alles dort ist mit Liebe zum Detail gestaltet, wäre eine maßlose Untertreibung. Gerahmte Bilder drehen sich auf Plattenspielern, an allen Orten Blumen, bunt eingeschlagene Fotoalben in Regalen, Frischkäseschnittchen mit Radieschenscheibchen auf Tischchen, Tee im Samowar, Kinoklappstühle in Reihe, Schuhkartons voll mit ungehobenen Fotoschätzen, sepiafarbene Porträtaufnahmen, gigantische Lupen, mit denen sich die Bilder genauer betrachten lassen – die Fotothek ist weit mehr als ein simples Fotoarchiv.

Lesen, als wäre 1995

Weiterlesen