Game of Thrones. War of Thrones.

Die große Stärke von Game of Thrones: Welche Befreiung für die Geschichte der Tod einer zentralen Figur sein kann. Dabei geht es weniger um die Überraschung über ein unverhofftes Ableben als darum, dass das Entfernen einer zentralen Figur aus der Geschichte und damit das Eliminieren des vermeintlich wichtigen Handlungsstrangs bedeutet, dass in diese Leerstelle andere Figuren rücken können und so neue Geschichten geschrieben werden müssen.

Dafür gibt es gerade in den ersten Staffeln einige gute Beispiele. Ohne den Tod Ned Starks hätten Sansa oder Arya keine so starken Protagonistinnen werden können, ähnlich bei Daenerys der Tod Khal Drogos. Auch hier weniger die Frage nach der Überraschung, sondern danach: Wessen Geschichte wird überhaupt erzählt? Der Tod der für die Erzählwelt wichtigen Figuren (Könige, Strippenzieher, Herrschaftsanwärter) schafft Luft für andere Charaktere und zwingt sie zu agieren. Weiterlesen

Carsten Schneiders Augen.

Vor meinem Fenster hängt Carsten Schneider. Präziser: Vor meinem Fenster hängt das Bildnis von Carsten Schneider. Es ist ein Plakat, sein Plakat für den Bundestagswahlkampf. Es hängt an einem Laternenpfahl vor dem Haus, in dem ich wohne.

Hundert Fotos, vielleicht weniger, vielleicht mehr, wird ein Fotograf von Carsten Schneiders Gesicht gemacht haben. Der Fotograf, Carsten Schneider, sein Team, haben diese Fotos betrachtet und für dieses entschieden. Mittig gesetzt sein Antlitz, keine formalen Extravaganzen, kein angeschnittener Kopf, einiges Weiß um ihn, auch Schatten,  frontal blickt er. Er trägt eine Brille, ähnlich wie ich, dahinter versinken die Augen, die Mundwinkel sind ansatzweise nach oben gezogen, der oberste Knopf des weißen Hemds ist geöffnet und hat dennoch nichts christianlindnerhaftes an sich.

Seit Tagen schon sieht mich Carsten Schneider an, jeden Morgen, wenn ich die Vorhänge beiseite ziehe und aus dem Fenster schaue, ist da Carsten Schneider. Sein Blick folgt mir in meinem Alltag. Er ist dabei, wenn ich esse, die Topfpflanzen gieße und staubsauge, er schaut zu mir, wenn ich mich an imaginären Kriegen in Westeros erfreue, ist dabei, wenn ich vom Atomscharmützel höre, das der amerikanische Präsident gern mit Nordkorea anfinge, wenn ich lese, dass der erfolgreichste Artikel auf Spiegel Online an diesem Atomkriegtag »Wer Bier trinkt, bricht seltener das Studium ab« ist, ist beim Dieselgipfel dabei, beim 177. Tag von Deniz Yücel im türkischen Gefängnis, bei den Neymarmillionen. Nachbarn haben Carsten Schneider vom Pfahl entfernt, doch er war schneller als Jesus, keinen Tag später hing er wieder, die Lippen seeheimkreisig aufeinandergepresst.

Einen Pfahl weiter hängt seine Konkurrentin. Ihr Bild ist unvorteilhaft, der Fotograf ist zu nah an ihr gewesen, nun drängt sie mit ihrem Kopf tief in meine Distanzzone hinein, zu tief, ich fühle mich bedrängt. Dabei richtet sie ihren Blick – anders als Carsten Schneider – nicht auf mich, sondern über mich hinweg. Möglicherweise wird eines Tages auch ein AfDler an den Pfählen hängen, wahrscheinlich ganz oben, die AfD hängt sich immer ganz oben auf, als ob Fipronileier sie dort nicht auch erreichen könnten.

Bis zum 24. September wird Carsten Schneider bei mir sein. In der Nacht wird er mir sozialdemokratische Träume zaubern, tagsüber mein bundesrepublikanisches Gewissen prüfen, mit seinen weisen Steueraugen zuversichtlich über meinen rechtschaffenden Bürgerkörper streicheln und mir versprechen, dass vieles so bleiben wird und manches gerechter werden könnte. Dann werden die Genossen kommen und Carsten Schneider mit sich nehmen, den Blick, das offene Hemd, die in Plakat gegossene Zuversicht.