Alben 2019. Beurteile eine Platte anhand ihres Covers.

Ilgen-Nur – Power Nap

Offensichtlich ist Tag. Licht fällt in ein Zimmer, in dem nur ein Bett zu stehen scheint. Nahe des Kissens sitzt eine Frau. Skeptisch schaut sie den Betrachter an. Sie weiß, die Musik, die sie spielt, gab es vor fünfundzwanzig Jahren schon. Ändert das irgendetwas an der Brillanz?

Anorak – Sleep Well

Eine Straßenbahnfahrt. Unbequeme Holzsitze, ein Brummelkreisel liegt auf einem Sitz. Eine Frau greift in ihre Tasche, eine andere hört Musik. Jede ist auf ihre Weise allein. Nur dem stehenden Mann in den kurzen Hosen ist ein lachendes Gesicht ins Gesicht gemalt. Er weiß, eine Endstation wird es für Gitarren niemals geben.

Josin – In The Blank Space

In der Mitte der Lippen ein A, in der Mitte der Stirn ebenfalls. Ansonsten weiß, so viel weiß, dass die schwarzen Haare das Gesicht der Frau zu rahmen scheinen. Ihr Blick wandert aus dem Bild hinaus in eine unbekannte und deshalb bessere Ferne. Sie weiß, Soundscapes sind nicht das Gegenteil von Hingabe. Weiterlesen

Lieder 2019. Everything is better in the sun.

anorak – The Sun

It’s just a sunny day / Probably not a good day to say what’s in my heart

The Screenshots – Wir lieben uns und bauen uns ein Haus

Mit harter Arbeit werden Träume wahr

Mac DeMarco – On The Square

Live a life that isn’t there Weiterlesen

Alben 2018. Jede Menge Unendlichkeiten.

Snail Mail – Lush

Internet gibt nur absolut unzureichend das strahlende Rot des Covers wieder, das schleichende Blau als Kontrast. Ebenso unvollständig Worte die Musik von Lindsey Jordan. Eine Operation am offenen Herzen vielleicht, alles liegt vor einem, lauter Details, jeder Schnitt ein Zauber.

Die Nerven – Fake

Die flammenrote Artefakte eines schlecht komprimierten Fotos fragen: Wie kann man wütend sein, ohne zum Wutbürger zu werden? Oder geht es gar nicht darum, Antworten zu liefern, sondern Fragen in Form von musikalischer Entäußerung zu stellen? Sträuben als Kraftakt.

Tocotronic – Die Unendlichkeit

Leuchtet im Dunkel. Funktioniert als Metapher für diese Rockoper über das Aufwachsen in der Provinz. Und wortwörtlich, wenn man das Plattencover nur lang genau mit Licht bestrahlt.

The Screenshots – Ein starkes Team / Übergriff

Indierock wie ein guter alter 140-Zeichen-Tweet.
Weiterlesen

Alles Sonnen. Alben 2017.

 

Belgrad – Belgrad
Einige Platten sehr gern gehört, gerade diese und die folgenden beiden haben mich aus unterschiedlichen Gründen glücklicherweise stark angegriffen. Hier – trotz blödem Cover – das schlauste, trübsinnigste Wühlen in Grauzonen. Erdacht und gespielt von Menschen, die früher bei u.a den verehrten Kommando Sonne-nmilch oder Slime gewirkt haben. Anspiel: Niemand

Priests – Nothing Feels Natural
Als würden Sleater-Kinney im Jazzklub wüten. Jede Menge Zorn und Haltung und dazu die wunderschönsten, weil diffusesten Gitarren. Anspiel: Nothing Feels Natural

Arca – Arca
So viele Schichten und jede hat mich zum Heulen gebracht. Vor Unverständnis, Glück, Vollkommenheit. Ist einerseits ohne Kompromisse und zugleich unendlich verletzlich. Björk denkt übrigens ähnlich. Anspiel: Reverie

Julien Baker – Turn Out the Lights
Ihr Debüt hat mich weggerammt wie der Bus aus There Is a Light That Never Goes Out. Es ist so verdammt naheliegend, hier von „zerbrechlich“ und „zart“ zu schreiben. Dabei lauern eine Menge Verzweiflung unter all den Flageoletttönen. Erschütternd wie die letzten zehn Minuten von „Six Feet Under“ in Endlosschleife. Anspiel: Appointments Weiterlesen

Alben 2016 | brodeln wispern wüten

cvr2016

The Sweet Release of Death – The Sweet Release of Death

Ich finde ja, dass Gitarren genau so klingen müssen: verwaschen, verhallt, tausend Töne in einem, vermischt mit Wolken und Erde, ein Flirten mit dem weißen Rauschen, ein Flirren im Nichts, ein irritierendes Schweben über dem Abgrund, bereit, jeder Zeit abstürzen zu können und doch getragen von dem Willen, so etwas wie Ordnung anzustreben und sei es durch die Andeutung einer Melodie. Kein Riff, keine Pose, kein Mackertum, kein Gegnidel, kein Solo, sondern eine ewige Flut von brodeln, wispern, wüten. Bass, Schlagzeug und auch Gesang ordnen sich diesem Fließen bedingungslos unter. Das ist dann der Limbus, in dem ich gefangen sein will für den Rest aller Tage.

Kate Tempest – Let Them Eat Chaos

Horst Seehofer würde diese Platte lieben. Er mag ja keine ausdruckslose Lyrik mehr hören wollen. Dann also Kate Tempest. Wenn die Welt in Flammen steht, braucht es diesen Ausdruck von Poesie, Alltag, Wut, Cockney. Gern mit absoluter Mehrheit. The kids are alright, but the kids will get older. 

Radiohead – A Moon Shaped Pool

Musik, die Türen öffnet, hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten haben Radiohead immer schon gemacht. Aber hier. »Daydreaming« wie das rätselhafte Schlussbild von »Barton Fink«, »True Love Waits« endlich auf Platte und »Glass Eyes« der melancholischste James-Joyce-Roman, den John Irving nie geschrieben hat.

Savages – Adore Life

Das hat es in diesem Jahr gebraucht: Zornig, angepisst und außer sich die Faust zu ballen. Und dann Ja zum Leben zu sagen.

David Bowie – Blackstar
Leben, Tod & Jazz.

Julien Baker – Sprained Ankle

Eine Stimme wie ein ewiger Flageolettton, so fragil wie das erste Eis des Winters und dennoch eine Supernova.



Weiterlesen