Lesungstagebuch Henry Sy (6). Das Geräusch von Kreide auf falschem Schiefer.

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Buchmesse, Leipzig, 13./14./15. März 2013

Die Buchmesse beginnt mit dem Geräusch einer mit Sanddornsaft gefüllten Braunglasflasche, die auf Steinkacheln zerspringt. Das Geräusch kommt unerwartet und heftig. Sanddornsaft läuft über die Kacheln, rinnt in die Fugen, schwemmt kleine, fiese Glassplitter mit sich. Griffe ich jetzt in die Sanddornpfütze, griffe ich in einen Splitter, der sich in meine Haut bohren und dann durch meinen Körper wandern würde, bis er eines Tages mein Herz erreicht hätte. Splitter im Herzen gilt es zu vermeiden. Dennoch rieche ich jetzt nach Sanddorn, dennoch wird mir in den kommenden Tagen jedes Mal der hiddenseeige Geruch von Sanddorn in die Nase steigen, jedes Mal, wenn sich etwas von Bedeutung ereignet.

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Von Bedeutung kann alles sein. Das Geräusch, mit dem sich Straßenbahntüren schließen. Das Geräusch, mit dem ein Fahrkartenkontrolleur nach meiner Fahrkarte fragt und das Geräusch, mit dem ich entgegen meiner Absicht, auf eine Kurzstreckenfahrkarte zu verzichten, doch eine Fahrkarte aus dem Automaten zog, Geldstücke in Schlitze, das Rattern im Inneren der Maschine, das Geräusch, mit dem die Karte in die Entnahmschale fällt. Weiterlesen

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Lesungstagebuch Henry Sy (5). Das Handy der Kanzlerin.

Plakate auf grüner Tür

Stadtbibliothek, Nordhausen, 24. Oktober 2013

Am Tag, als die Kanzlerin feststellt, dass die NSA womöglich doch ein Problem sein könnte, fahre ich nach Nordhausen. Daraus ergeben sich verschiedene Fragen. Warum ist dieser Tag nicht schon im Frühsommer? Wieso heißt eine Stadt, die in der Mitte Deutschlands liegt, NORDhausen? Und weshalb bin ich eigentlich nicht öfter in diesem Teil Thüringens?

Vielleicht ja, weil im Zug die Fahrt nach Nordhausen bis zu drei Stunden in Anspruch nehmen kann. Drei Stunden. So lange soll es einmal von München nach Berlin dauern, mit den superschnellen Siemensices und auf der superschnellen Trasse mit den dreißig Tunneln, vorausgesetzt natürlich, unterwegs gibt es keinen Stopp. Lieber Spitze als Breite, denn alles, was abseits des Großen liegt, muss schwer zu erreichen sein, ansonsten wäre die Spitze weniger exklusiv. Das ist im Transportwesen so, in der Gesellschaft, in der Literatur ohnehin.

polnischer Apfel vor Neubau

Aber: Zumindest bedeutet ein längerer Aufenthalt im Zug eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, Dinge zu erleben, die man sonst nur von Hörsagen kennen würde. Drei Badener zum Beispiel, die über Hochwasserschutz und den Vorteil von Umzugsfirmen sprechen und dass es bei Umzügen immer – desch isch ei Naturgesetz – regnet. Das klingt dann so, als ob drei Jogi Löws zugleich reden. Stellte man in diesem Moment verschiedene Dialekte nebeneinander, keiner würde einen längeren Schatten werfen als das Badisch-Alemannische. Weiterlesen

Lesereise (16). Bamberg. Im Liveticker.

Lesungstagebuch: »Ausschau halten nach Tigern«

˜Im Regen

Bamberg, Bamberg liest, Kontakt Festival, 25. Mai 2013

11:37 Uhr
Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
wer lange sitzt, muss rosten.
Den allerschönsten Sonnenschein
lässt uns der Himmel kosten.
Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid
der fahrenden Scholaren.
Ich will zur schönen Sommerszeit
ins Land der Franken fahren,
valeri, valera, valeri, valera,
ins Land der Franken fahren!

15:07 Uhr
Der allerschönste Sonnenschein ist dann doch Regen. Was natürlich keine Rechtfertigung ist, über Wetter zu schreiben.

16:13 Uhr

Weltkulturerbe schauen. Später hören, dass die Gärtnerstadt allmählich verschwindet. Stattdessen: der übliche Prozess der Gentrifizierung.

16:52 Uhr
An der Regnitz entlang. Unter Brückenpfeilern Zusammenrottungen. In der Ferne das Hallenbad sehen, wo die Lesung stattgefunden hätte, wenn heute 2012 wäre.

17:01 Uhr
Ankunft am JuZe. Geruch von Soja und Waffeln in der Luft. In der Lounge Loungemusik und gepolsterte Sitzgelegenheiten. Versinke vorerst darin. Weiterlesen

Lesungstagebuch Henry Sy (3). Hamburg in Substantiven, Verben, Wieworten und Personalpronomen.

gelb wie Solar

Literaturzentrum, Hamburg, 13.05.2013

Substantive

Kulturbahnhof Fahrtkartenautomat Ciabattabrötchen Regionalexpress Sitzplatz Schulklasse Wald Fluss Brücke Graffiti Tunnel Göttingen Einkaufsbahnhof Mai-Mai Intercity Ehepaar Raps Solaranlage Strommast Windrad Radiohead Schaffner Verteidigung Missionarsstellung Hamburg Altona Regen Tee Hemd U-Bahn Cityticket Hauptbahnhof U-Bahn Mundsburg Literaturhaus Bar Beamer Laptop W-Lan Zettel Fotos Mikrophon Screenshot Video Lesung Maus Blickkontakt Henry Magda Rottmann Beatles Ägypten Raumschiff Pferdeforum Email Alina Ende Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort etc. Diskussion Hikikomori Laptop Tasche Restaurant Rotwein Quark Taxi Luhmann Bett Traum

bis zum Horizont: gelb

Verben

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Lesungstagebuch Henry Sy (2). Pop-Ups blocken in Bremen.

Stadtbibliothek, Bremen, 19.02.2013 | Wilhelm 13, Oldenburg, 20.02.2013

Am Anfang war die Sache mit dem Pop-up-Blocker.
»Der muss ausgeschaltet sein«, hieß es, »ansonsten geht das Internet nicht.«
Also deaktivierte ich den Pop-up-Blocker und das Internet ging, beim Technikcheck in der Stadtbibliothek Bremen. In Bremen sollte heute die erste Lesung stattfinden, die sich dem Gegenteil von Henry Sy komplett annahm und damit an dem Ort, an welchem die Geschichte ihr auslösendes Moment hatte.

Großes Haus also. Dazu einiges an Technik: Laptop, Beamer, kabellose Eingabegeräte, Funkverbindung ins www. Und dazwischen Lesen, Texte hauptsächlich oder auch Graphen mit x-y-Achsen. Da erschien es sinnvoll, das Funktionieren der Technik im Vorfeld zu überprüfen. Beim Technikcheck funktioniert die Technik, das Internet geht, weil der Pop-up-Blocker deaktiviert ist und somit den W-Lan-Zugang störungsfrei ermöglicht.

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Lesereise (15). Leipzig. Ich will.

Kein Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Leipzig, Café Stein, Theater Fact, 15./16. März 2012

(Dieser Text wäre ohne Wie soll ich schreiben? von Katharina Luger nicht entstanden.)

Ich will nach Leipzig auf die Buchmesse fahren.
Ich will dort Freunde treffen.
Ich will dort nicht aus Ausschau halten nach Tigern lesen.
Aber ich will dort lesen.
Ich will ganz wichtig Kontakte knüpfen, ich will mein Netzwerk erweitern, ich will BusinessBusiness.
Ich will mit meiner Bahncard keine Bonuspunkte sammeln, mit denen ich mir nach hundert Fahrten ein Käsebrett Natur, einen Standby-Killer oder ein Linien-Laser Quigo bestellen kann.
Ich will den Kopf gegen die Scheibe lehnen, während im Sonnenuntergang die Chemiefabriken von Leuna an mir vorbeiziehen und dabei einen Einfall bekommen, der Grundlage wird für einen übernächsten Roman, aus dem ich auf fünf Veranstaltungen der Leipziger Buchmesse 2014 lesen werde.
Ich will, dass niemals wesentlich mehr als 500.000 Menschen in Leipzig leben.
Ich will, dass das nächste sächsische Tatortteam mal nicht in Leipzig ermittelt.
Ich will jetzt ein Brötchen mit Mett.

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Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste sonst.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Krefeld, Schule, 8. Februar

Ich glaube oft zu wissen, wie etwas ist. Und dann ist es ganz anders. Krefeld beispielsweise. Ich dachte: eine eher dreckige Stadt im Ruhrpott. Da sind mindestens zwei Annahmen falsch. Ersetze Ruhrpott mit Niederrhein und dreckig mit „zweit grünste Stadt der Bundesrepublik Deutschland.“ Ansonsten statte ich sehr gern dem Petermannplatz einen Besuch ab und bestaune vor Fotoläden die penibel in deutsch und türkisch aufgeteilten Schaufenster.

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