Lesungstagebuch Henry Sy (6). Das Geräusch von Kreide auf falschem Schiefer.

alte post

Buchmesse, Leipzig, 13./14./15. März 2013

Die Buchmesse beginnt mit dem Geräusch einer mit Sanddornsaft gefüllten Braunglasflasche, die auf Steinkacheln zerspringt. Das Geräusch kommt unerwartet und heftig. Sanddornsaft läuft über die Kacheln, rinnt in die Fugen, schwemmt kleine, fiese Glassplitter mit sich. Griffe ich jetzt in die Sanddornpfütze, griffe ich in einen Splitter, der sich in meine Haut bohren und dann durch meinen Körper wandern würde, bis er eines Tages mein Herz erreicht hätte. Splitter im Herzen gilt es zu vermeiden. Dennoch rieche ich jetzt nach Sanddorn, dennoch wird mir in den kommenden Tagen jedes Mal der hiddenseeige Geruch von Sanddorn in die Nase steigen, jedes Mal, wenn sich etwas von Bedeutung ereignet.

wundermaschine schweiz

Von Bedeutung kann alles sein. Das Geräusch, mit dem sich Straßenbahntüren schließen. Das Geräusch, mit dem ein Fahrkartenkontrolleur nach meiner Fahrkarte fragt und das Geräusch, mit dem ich entgegen meiner Absicht, auf eine Kurzstreckenfahrkarte zu verzichten, doch eine Fahrkarte aus dem Automaten zog, Geldstücke in Schlitze, das Rattern im Inneren der Maschine, das Geräusch, mit dem die Karte in die Entnahmschale fällt. Weiterlesen

Lesungstagebuch Henry Sy (3). Hamburg in Substantiven, Verben, Wieworten und Personalpronomen.

gelb wie Solar

Literaturzentrum, Hamburg, 13.05.2013

Substantive

Kulturbahnhof Fahrtkartenautomat Ciabattabrötchen Regionalexpress Sitzplatz Schulklasse Wald Fluss Brücke Graffiti Tunnel Göttingen Einkaufsbahnhof Mai-Mai Intercity Ehepaar Raps Solaranlage Strommast Windrad Radiohead Schaffner Verteidigung Missionarsstellung Hamburg Altona Regen Tee Hemd U-Bahn Cityticket Hauptbahnhof U-Bahn Mundsburg Literaturhaus Bar Beamer Laptop W-Lan Zettel Fotos Mikrophon Screenshot Video Lesung Maus Blickkontakt Henry Magda Rottmann Beatles Ägypten Raumschiff Pferdeforum Email Alina Ende Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort Frage Antwort etc. Diskussion Hikikomori Laptop Tasche Restaurant Rotwein Quark Taxi Luhmann Bett Traum

bis zum Horizont: gelb

Verben

Weiterlesen

Lesungstagebuch Henry Sy (2). Pop-Ups blocken in Bremen.

Stadtbibliothek, Bremen, 19.02.2013 | Wilhelm 13, Oldenburg, 20.02.2013

Am Anfang war die Sache mit dem Pop-up-Blocker.
»Der muss ausgeschaltet sein«, hieß es, »ansonsten geht das Internet nicht.«
Also deaktivierte ich den Pop-up-Blocker und das Internet ging, beim Technikcheck in der Stadtbibliothek Bremen. In Bremen sollte heute die erste Lesung stattfinden, die sich dem Gegenteil von Henry Sy komplett annahm und damit an dem Ort, an welchem die Geschichte ihr auslösendes Moment hatte.

Großes Haus also. Dazu einiges an Technik: Laptop, Beamer, kabellose Eingabegeräte, Funkverbindung ins www. Und dazwischen Lesen, Texte hauptsächlich oder auch Graphen mit x-y-Achsen. Da erschien es sinnvoll, das Funktionieren der Technik im Vorfeld zu überprüfen. Beim Technikcheck funktioniert die Technik, das Internet geht, weil der Pop-up-Blocker deaktiviert ist und somit den W-Lan-Zugang störungsfrei ermöglicht.

Weiterlesen

Lesungstagebuch Henry Sy (1). Transmediale Frischkäseschnittchen.

Wir fertigen aus ihren Passfotos Postkarten

Fotothek, Weimar. 1.11.2012

In Weimar gibt es ein Fachgeschäft für vergessene Privatfotografien. Zu behaupten, alles dort ist mit Liebe zum Detail gestaltet, wäre eine maßlose Untertreibung. Gerahmte Bilder drehen sich auf Plattenspielern, an allen Orten Blumen, bunt eingeschlagene Fotoalben in Regalen, Frischkäseschnittchen mit Radieschenscheibchen auf Tischchen, Tee im Samowar, Kinoklappstühle in Reihe, Schuhkartons voll mit ungehobenen Fotoschätzen, sepiafarbene Porträtaufnahmen, gigantische Lupen, mit denen sich die Bilder genauer betrachten lassen – die Fotothek ist weit mehr als ein simples Fotoarchiv.

Lesen, als wäre 1995

Weiterlesen

Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Hamburg, Harburg, Uferbar, Kulturwerkstatt, 29., 30. Januar

Als ich losfahre, sind die Zahlen auf der Wetterkarte im Großraum Norden höher als die in der Landesmitte. Da denke ich noch: „Das ist ja ungewöhnlich, ansonsten ist es an der See so oft kälter als anderswo, das ist doch mal ein gutes Omen, da brauch ich die dicken Socken nicht extra einzupacken.“ Fünf Minuten später denke ich: „Sollte ich jemals über die Lesereise nach Hamburg schreiben, sollte ich keinesfalls darüber schreiben.“ Denn wer über Wetter schreibt, hat im Grunde genommen schon kapituliert.

In Hamburg angekommen kapituliert zuerst einmal mein Körper. Was ich bin, verfängt sich im Wind und das ist garantiert nicht poetisch gemeint. Der Westwind treibt den Geruch der Stadt in den Osten, weshalb die Stadtgebiete der Reichen auch im Westen liegen. Zudem verwandelt mich der Westwind prompt in ein Iglu, in dem eine Gefriertruhe offensteht. Kristalle bilden sich, Haar bricht, es sieht wunderschön aus und fühlt sich an wie die Amundsenexpedition, nur eben ohne Happy End. Da die Kälte bleibt und bleiben wird, beschließe ich, auf den beiden Lesungen dreimal Hager zu lesen, ein Vorhaben, welches ich später tatsächlich in die Tat umsetze.

Weiterlesen

Lesungskontent. Mit Dreamteam.

dom

Eine Menge Lesungskontent hier auf dieser Seite zur Zeit. Und wird vermutlich noch ein paar Wochen so weitergehen. Aber: Darauf muss hingewiesen werden: An diesem Sonntag, den 15.11. findet in Ilmenau eine Lesebühne statt. Lesemarathon wäre der passendere Namen dafür. Denn was 16.00 Uhr beginnt, soll bis in die Abendstunden dauern. Und dabei ist das, was ich persönliches Dreamteam bezeichnen muss. Vier Autoren, die ich kurz, lang und länger kenne. Außergewöhnlich auf jeden Fall. Das sind (in alphabetischer Reihenfolge): Christian Schulteisz, Sebastian Dalkowski, Katharina Hartwell und Martin Zerrenner. Ich freue mich sehr darauf, mit ihnen gemeinsam zu lesen. Wer auch, der kommt in den bc–club ab vier Uhr.

Weiter geht auch die Lesereise zu „Der Schlaf und das Flüstern“. Vier Termine stehen an.

18.11.2009, Berlin: Yuma-Bar, mit Xóchil Schütz & Steffen Roye
19.11.2009, Köln: Lesebühne im Raketenklub
20.11.2009, Köln: Café Duddel
29.11.2009, Bochum: Macondo-Festival/Riff-Halle

Zu letzerem gibt es auch nettes Programm, welches man hier ansehen kann.

Das sind die Pläne. Darüber geschrieben wird auch. Bald.

Es ist Zeit, die Sprache wiederzufinden.

in_chemnitz

Das waren also vier Tage im Ausnahmezustand, die am Montag begannen, mit den Voodoopuppen von Kilian, die er gebastelt hatte und seit einem Monat mit Nadeln durchstach. Eigentlich war das alles schon in dem Moment unwirklich, als die Nachricht von der Finalteilnahme kam. Und war weitaus unrealer, selbst im Haus des Buches zu sein, selbst schnell einen Mikrofoncheck zu machen, bevor es losging. Dann wurden Lose in die Mitte des Tisches geworfen und jeder zieht und keiner die Nummer, die wirklich ideal ist. Aber was ist schon ideal? Der Fotograf bittet uns, während der Lesungen schön geradeaus ins Publikum zu schauen, damit er ideale Fotos machen kann. Fotos?

Nichts liegt in diesem Moment ferner als gut auszusehen. Ist schon schwer genug, nicht vollkommen durchzudrehen, weil die nächsten dreieinhalb Stunden über die Bühne gebracht werden müssen, ohne unvermittelt in hysterisches Gelächter auszubrechen oder die Lautsprecher aus Versehen oder mit voller Absicht umzuwerfen. Oder gerade zu sitzen. Oder zu ignorieren, wie die siebenköpfige Jury sich während des Lesens eifrig Notizen macht. Jeder Bleistiftstrich ist wie ein Todesurteil und auch wenn wir zahlenmäßig der Jury gleichgestellt sind, ist das alles andere als Gleichberechtigung. Erstmal Folter. Der Mund trocken, kein Blut fließt von den Beinen zurück in den Kopf und alle lesen sowieso besser. Von der Moderation, der Musik, dem Interview mit Feridun Zaimoglu kann man nichts verstehen, auch von den Texten nicht. Nur Bruchstücke flashen kurz durch die Ohren, bis wieder nur das eigene, doppelt so heftig wie sonst schlagende Herz (und es schlägt das Selbstbewußtsein in diesen Momenten zu Boden) zu hören ist.

Weiterlesen