Alben 2018. Jede Menge Unendlichkeiten.

Snail Mail – Lush

Internet gibt nur absolut unzureichend das strahlende Rot des Covers wieder, das schleichende Blau als Kontrast. Ebenso unvollständig Worte die Musik von Lindsey Jordan. Eine Operation am offenen Herzen vielleicht, alles liegt vor einem, lauter Details, jeder Schnitt ein Zauber.

Die Nerven – Fake

Die flammenrote Artefakte eines schlecht komprimierten Fotos fragen: Wie kann man wütend sein, ohne zum Wutbürger zu werden? Oder geht es gar nicht darum, Antworten zu liefern, sondern Fragen in Form von musikalischer Entäußerung zu stellen? Sträuben als Kraftakt.

Tocotronic – Die Unendlichkeit

Leuchtet im Dunkel. Funktioniert als Metapher für diese Rockoper über das Aufwachsen in der Provinz. Und wortwörtlich, wenn man das Plattencover nur lang genau mit Licht bestrahlt.

The Screenshots – Ein starkes Team / Übergriff

Indierock wie ein guter alter 140-Zeichen-Tweet.
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Avicii. Nicht am Strand von Madagaskar.

Gestern Abend, als ich mit dem Fahrrad nach Connewitz unterwegs bin, erfahre ich, dass Avicii gestorben ist. Wenige Tage zuvor hätte ich diese Nachricht unbewegt zur Kenntnis genommen, bestenfalls festgestellt, dass Avicii einer von denen mit den besonders lästigen Liedern ist. Doch war das gestern nicht mehr möglich. Tags zuvor hatte ich eine Dokumentation gesehen – Avicii: True Stories.

Der Film erzählt von einem jungen schwedischen Teenager, der in seinem Schlafzimmer sitzt und Musik macht, so wie man Musik macht, wenn man Musik liebt: tausend Stunden lang Musik spielen, dafür die Stücke der Vorbilder kopieren, sie Ton für Ton nachbauen, um zu verstehen, schließlich beginnen, Eigenes hinzuzufügen. Tim Bergling schickt seine Tracks an Blogs, ein Blog postet sie, sie werden gehört, ein Manager wird aufmerksam, verspricht dem Jungen, ihn groß raus zu bringen. Weiterlesen

Die KADYA-Girls. Jaffa / Weimar.

Der Kadyachor. Fünfundzwanzig Mädchen aus Israel und Deutschland kommen in Israel und Weimar zusammen, um in achtzehn Tagen zwölf Lieder der jiddischen Dichterin Kadya Molodowsky einzusingen. Die Texte sind in Jiddisch, eine Sprache, die sie nicht sprechen, zu Teilen aber verstehen können. Ihre Sprachen sind Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch. Proben stehen an, zwei Konzerte, ein Besuch in Jerusalem, Flüge in andere Länder, ein Leben in der Ferne. Eine Reise, in vielerlei Hinsicht.

Jaffa, Jafo. Die viele tausend Jahre alte, mehrheitlich arabische Hafenstadt, die in den 1950er Jahren mit Tel Aviv vereint wurde. Wer auf der Straße läuft, dem tropft Wasser von den Klimaanlagen in den Nacken. Auf der Sderot Yerushalayim alle drei Häuser ein Kiosk, darin gekühlte Getränke, Auberginen so groß wie Wassermelonen und Wassermelonen so groß wie zwei Wassermelonen. Das wahnsinnigste Fortbewegungsmittel sind die E-Bikes, die auf Straßen und zwischen Passanten wie in einem GTA Jaffa agieren, oft mit Beifahrer stehend auf dem Gepäckträger. Die wichtigste Information in Städten ist: Halten Autos an Zebrastreifen? Hier tun sie das.

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Alben 2016 | brodeln wispern wüten

cvr2016

The Sweet Release of Death – The Sweet Release of Death

Ich finde ja, dass Gitarren genau so klingen müssen: verwaschen, verhallt, tausend Töne in einem, vermischt mit Wolken und Erde, ein Flirten mit dem weißen Rauschen, ein Flirren im Nichts, ein irritierendes Schweben über dem Abgrund, bereit, jeder Zeit abstürzen zu können und doch getragen von dem Willen, so etwas wie Ordnung anzustreben und sei es durch die Andeutung einer Melodie. Kein Riff, keine Pose, kein Mackertum, kein Gegnidel, kein Solo, sondern eine ewige Flut von brodeln, wispern, wüten. Bass, Schlagzeug und auch Gesang ordnen sich diesem Fließen bedingungslos unter. Das ist dann der Limbus, in dem ich gefangen sein will für den Rest aller Tage.

Kate Tempest – Let Them Eat Chaos

Horst Seehofer würde diese Platte lieben. Er mag ja keine ausdruckslose Lyrik mehr hören wollen. Dann also Kate Tempest. Wenn die Welt in Flammen steht, braucht es diesen Ausdruck von Poesie, Alltag, Wut, Cockney. Gern mit absoluter Mehrheit. The kids are alright, but the kids will get older. 

Radiohead – A Moon Shaped Pool

Musik, die Türen öffnet, hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten hinter denen Türen warten haben Radiohead immer schon gemacht. Aber hier. »Daydreaming« wie das rätselhafte Schlussbild von »Barton Fink«, »True Love Waits« endlich auf Platte und »Glass Eyes« der melancholischste James-Joyce-Roman, den John Irving nie geschrieben hat.

Savages – Adore Life

Das hat es in diesem Jahr gebraucht: Zornig, angepisst und außer sich die Faust zu ballen. Und dann Ja zum Leben zu sagen.

David Bowie – Blackstar
Leben, Tod & Jazz.

Julien Baker – Sprained Ankle

Eine Stimme wie ein ewiger Flageolettton, so fragil wie das erste Eis des Winters und dennoch eine Supernova.



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Jahreslisten: Lieder 2011. Fünfundsiebzig außerkörperliche Erfahrungen.

Jede Liste ist ein Ausdruck von Scheitern. Deshalb könnte hier auch die Top 4, 8, 15, 16, 23 oder 42 stehen. Würde genausoviel Sinn ergeben und ebenso wenig. Sind aber 75 Lieder geworden, von denen ich hoffe, dass sie mich weit über 2011 hinaus begleiten werden.

1. Adele – Rolling In The Deep

Wie schrieb ich vor knapp einem Jahr: Kaum sind jedoch meine Die besten Lieder 2010 gewählt, ist mir klar, was „Rolling in the Deep“ ist: ein Klassiker. Jetzt schon unverzichtbar. Anders gesagt: Ich möchte, dass die kommenden Tage nur aus diesen drei Minuten dreiundfünfzig Sekunden bestehen. Ersetze „die kommenden Tage“ durch „2011“ und es ist das Lied, was ich etwa 200+ mal gehört habe (und davon etwa die Hälfte im Supermarkt). Aber egal. Denn spätestens ab There’s a fire starting in my heart sind alle eventuellen Übersättigungsgefühle auf Null gesetzt.

And you played it to the beat

2. Heather Nova – Everything Changes


Even the pain hurts like it should

3. Street Chant – Less Chat More Sewing

Wenn man von Musik begeistert ist, dann spricht man oft davon, dass sie einen direkt erwischt. Ohne Vorwarnung, aus dem Nichts taucht etwas auf und krallt sich fest. Im Kopf, im Körper, womit man Musik eben erfassen kann. Erst viel später wird klar, was eigentlich passiert ist. Oder auch nicht. Was meistens auch besser so ist. Musik nicht verstehen, sondern eine Hand zur Faust und mit der anderen sich die Gegenwart krallen. Und weil man ich ist, schreibe ich: Ich habe nichts verstanden. Möchte aber, dass die nächste Revolution von diesem Lied angeführt wird.

There’s no point in hating / but`ll do it anyway

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Songs sound like cake.

Musik ist ja oft besonders großartig, wenn sie laut gehört wird. In den folgenden Fällen gilt das erst recht.


Street Chant
aus Neuseeland zum Beispiel. Die sind genau der Funken, der einer gewaltigen Explosion vorausgeht. Less Chat, More Sewing fordern sie und machen damit so ungeheuer mitreißenden Postpunk, dass die einzelnen Teile viel mehr als die bekannte Summe sind. Glücklicherweise. Kann man anhören auf soundcloud. Angenehm auch, dass die Band eine gehörige Portion Wut mit sich trägt: There is no point in hating but I´ll do it anyway

Wie auch Street Chant könnten mit Musik und Verhalten Yuck direkt den 90er Jahren entsprungen sein. Das kann man fad finden oder eine längst überfällige Retrobewegung. Jedenfalls erklärt es möglicherweise, warum Yuck gerade ziemlich viel Aufmerksamkeit erfahren. Weil: Wer solche Musik vor fünfzehn Jahren gehört hat, sitzt heute möglicherweise an den Schaltstellen der Organe, die Musik für andere beschreiben sollen. Und gerade bei Yuck ist das auch mehr als gerechtfertigt. Empfehlen möchte ich das siebenminütige Rubber (mit einem stylischen Video, welches mich trotzdem unentschlossen zurücklässt). Und dann ist da noch Get Away. Das wäre damals bei MTV Alternative Nation auf Dauerrotation gelaufen. Wenn Nostalgie immer so frisch klingen würde, bräuchte es keine Zukunft mehr.

Länger dabei sind Thursday. Deren letzte Platten sind nur knapp in meinen Aufmerksamkeitsradius gelangt. Bei No Devolución ist anders. Immer noch die gewohnte Perfektion aus Geoff Ricklys eindringlichem Gesang und wütenden Schreiattacken. Diesmal aber auch dabei: Shoegazer, Postrock, Wave, Synthesizer. Auch deshalb schreibe ich No Devolución ist Thursdays spannendste, mutigste, verwirrendste und damit beste Platte seit Full Collapse. Full Collapse wiederum ist mindestens das Sgt. Pepper’s des Postcores.

Von Postcore zu Slowcore: Die Ausnahme von Musik ist ja oft besonders großartig, wenn sie laut gehört wird sind diesmal Low. Wegen Especially Me. „Some songs feel like butter / some songs sound like cake“ heißt es da und eine bessere Beschreibung für die hypnotische Grundstimmung dieses schwebenden Liedes ließe sich nicht finden. Die Begeisterung überträgt sich auch auf das komplette Album C’mon.

Musik. Keine anderen Möglichkeiten.

Wer an Musik interessiert ist, hat ja gerade überhaupt keine Möglichkeit, etwas anderes zu tun als Musik zu hören. Am Samstag schon erscheint „The King Of Limbs“, das neue Album von Radiohead. Die großartigen And You Will Know Us By The Trail Of Dead haben mit „Tao Of The Dead“ etwas veröffentlicht, das etliche Durchläufe braucht, um dessen Komplexität auch nur ansatzweise zu erfassen.

Während zu „Simon Werner A Disparu“ von Sonic Youth eher das Wort verstörend passt, haben sich Bright Eyes mit „The People’S Key“ vorgenommen, wieder an alte Tugenden (also „Digital Ash in a Digital Urn“) anzuknüpfen und schreiben auch dank Liedern wie „Shell Games“ zugänglich in kursiv.

Auch schön, dass PJ Harvey zurück ist, gerade mit „Let England Shake.“ Mit Hall und Wahn nahezu perfekt in diese Zeit passt „Violet Cries“ von Esben and the Witch. „Our Songbook“ der Family of the Year hingegen wäre vermutlich besser im Frühsommer aufgehoben, was der Freude beim Hören jedoch keinen Abbruch tut.

Und dann ist da noch Mogwai. Deren „Hardcore Will Never die, But You Will“ findet tatsächlich neue Facetten im Genre, was bei Postrock eigentlich nicht so einfach ist. Weit obenstehendes Video zeigt, weshalb ich die zehn Lieder (plus 23minütigen Bonustrack „Music For A Forgotten Future“) gern in Dauerschleife laufen lassen würde, wenn es nicht so viel geben würde, was sonst zu hören wäre.

Zum Beispiel auch Jamie xx von The XX, dessen Remix von Gil Scott-Herons „N.Y. Is Killing Me“ mich Ende des letzten Jahres aus den Socken gehauen hat. Jetzt mit kompleten Remix-Album, das gerade hier im Stream zu hören ist.

Und desweiteren gibt es ja noch die kleinen Freuden. Lieder wie „Whip my Hair“, selbstverständlich nicht in der Originalversion von Will Smiths Tochter, sondern von Jimmy Fallon, der sich in eine 1:1 Kopie von Neil Young verwandelt und gemeinsam mit Bruce Springsteen beweist, dass sich auch im größten Übel noch Schönheit finden lässt.

Zum Schluss die bedauerliche Nachricht, dass die unglaublichen Audrey eine Schaffenspause einlegen (was ja eigentlich eine Euphemismus ist für Trennung.) Dafür setzen fünfzig Prozent des Quartetts den einmal eingeschlagenen Weg fort und machen als Mire Kay gar nicht mal so unterschiedliche Musik. „Sea Monkey“ wird die bezaubernde erste Single und kann auf ihrer Seite sogar heruntergeladen werden.

Stars. Yuill. They had lights inside their eyes.

Besser wird`s in diesem Jahr nicht mehr. Was Wohlklang, Melodie und Vollkommenheit angeht. Was an STARS liegt. Die haben gerade ihr fünftes Album veröffentlicht. Das heißt „The Five Ghosts“ und ist ein Konzeptalbum. Das Konzept ist hier: von einem perfekten Lied zum nächsten perfekten Lied. Ein Konzept, das alle begeistern sollte, die sich für Musik interessieren. Und alle anderen auch. „Wasted Daylight“, „Changes“ und oben gezeigtes „Fixed“: lauter Juwelen unter Brillanten, die heller und länger strahlen werden, als das jemand das Wort „Pop“ in einer Kaugummiblase zu einer Sonne aufpusten kann. (und hier ist der gute Pop gemeint, nicht der Plastikpop, der $-Zeichen zwischen Namen schreiben muss und den Rock so kurz trägt, das er als Stirnband durchgeht, nicht der Pop, der Gesichter retuschiert und den Elektrogeschäfteketten zum Händlerrabatt einkaufen, um ihn zu Sonderaktionstagen zu verschleudern, während ein längst vergessener Castingjüngling halbjenseitige Interpretationen schlechter Raggastücke vor gelangweilten Familienvätern hinjammert). Deshalb vielleicht korrekter: Indiepop. Im Zenit.

Es ist ja nicht so, dass jeder, der eine akustische Gitarre spielt und traurige Lieder spielt, sich Singer/Songwriter nennen sollen dürfte. Weil über Qualität sagt das erstmal nichts aus. Sondern ist mehr eine Vermutung. Angenommen, jemand käme aus England, trüge eine dicke Brille und machte Musik mit dem Laptop. Mit Beats, die in Rezensionen als tanzbar umschreiben würden und lauter Synthieklängen, für die Bands wie die Eurythmics damals ihre Seele verkauft haben. Und angenommen, jemand besäße seine Seele noch, soviel Seele noch, dass man ganz uneins wäre, wie man im Angesicht von „Movement in a Storm“ richtigerweise reagieren sollte. Im Zimmer, auf dem Bett liegend, die Vorhänge zugezogen, die Texte auswendig lernen und kaum verzagen? Oder sich hingeben, außerhalb, an der Luft im Park in der Zeit, in der die Sonne untergeht (eine Zeit, die glücklicherweise gerade die Hälfte der Tage ausmacht)? Fakt ist: James Yuill. Und bitte keine Schubladen. Sondern im Stream hören.