Songs sound like cake.

Musik ist ja oft besonders großartig, wenn sie laut gehört wird. In den folgenden Fällen gilt das erst recht.


Street Chant
aus Neuseeland zum Beispiel. Die sind genau der Funken, der einer gewaltigen Explosion vorausgeht. Less Chat, More Sewing fordern sie und machen damit so ungeheuer mitreißenden Postpunk, dass die einzelnen Teile viel mehr als die bekannte Summe sind. Glücklicherweise. Kann man anhören auf soundcloud. Angenehm auch, dass die Band eine gehörige Portion Wut mit sich trägt: There is no point in hating but I´ll do it anyway

Wie auch Street Chant könnten mit Musik und Verhalten Yuck direkt den 90er Jahren entsprungen sein. Das kann man fad finden oder eine längst überfällige Retrobewegung. Jedenfalls erklärt es möglicherweise, warum Yuck gerade ziemlich viel Aufmerksamkeit erfahren. Weil: Wer solche Musik vor fünfzehn Jahren gehört hat, sitzt heute möglicherweise an den Schaltstellen der Organe, die Musik für andere beschreiben sollen. Und gerade bei Yuck ist das auch mehr als gerechtfertigt. Empfehlen möchte ich das siebenminütige Rubber (mit einem stylischen Video, welches mich trotzdem unentschlossen zurücklässt). Und dann ist da noch Get Away. Das wäre damals bei MTV Alternative Nation auf Dauerrotation gelaufen. Wenn Nostalgie immer so frisch klingen würde, bräuchte es keine Zukunft mehr.

Länger dabei sind Thursday. Deren letzte Platten sind nur knapp in meinen Aufmerksamkeitsradius gelangt. Bei No Devolución ist anders. Immer noch die gewohnte Perfektion aus Geoff Ricklys eindringlichem Gesang und wütenden Schreiattacken. Diesmal aber auch dabei: Shoegazer, Postrock, Wave, Synthesizer. Auch deshalb schreibe ich No Devolución ist Thursdays spannendste, mutigste, verwirrendste und damit beste Platte seit Full Collapse. Full Collapse wiederum ist mindestens das Sgt. Pepper’s des Postcores.

Von Postcore zu Slowcore: Die Ausnahme von Musik ist ja oft besonders großartig, wenn sie laut gehört wird sind diesmal Low. Wegen Especially Me. „Some songs feel like butter / some songs sound like cake“ heißt es da und eine bessere Beschreibung für die hypnotische Grundstimmung dieses schwebenden Liedes ließe sich nicht finden. Die Begeisterung überträgt sich auch auf das komplette Album C’mon.

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Musik. Keine anderen Möglichkeiten.

Wer an Musik interessiert ist, hat ja gerade überhaupt keine Möglichkeit, etwas anderes zu tun als Musik zu hören. Am Samstag schon erscheint „The King Of Limbs“, das neue Album von Radiohead. Die großartigen And You Will Know Us By The Trail Of Dead haben mit „Tao Of The Dead“ etwas veröffentlicht, das etliche Durchläufe braucht, um dessen Komplexität auch nur ansatzweise zu erfassen.

Während zu „Simon Werner A Disparu“ von Sonic Youth eher das Wort verstörend passt, haben sich Bright Eyes mit „The People’S Key“ vorgenommen, wieder an alte Tugenden (also „Digital Ash in a Digital Urn“) anzuknüpfen und schreiben auch dank Liedern wie „Shell Games“ zugänglich in kursiv.

Auch schön, dass PJ Harvey zurück ist, gerade mit „Let England Shake.“ Mit Hall und Wahn nahezu perfekt in diese Zeit passt „Violet Cries“ von Esben and the Witch. „Our Songbook“ der Family of the Year hingegen wäre vermutlich besser im Frühsommer aufgehoben, was der Freude beim Hören jedoch keinen Abbruch tut.

Und dann ist da noch Mogwai. Deren „Hardcore Will Never die, But You Will“ findet tatsächlich neue Facetten im Genre, was bei Postrock eigentlich nicht so einfach ist. Weit obenstehendes Video zeigt, weshalb ich die zehn Lieder (plus 23minütigen Bonustrack „Music For A Forgotten Future“) gern in Dauerschleife laufen lassen würde, wenn es nicht so viel geben würde, was sonst zu hören wäre.

Zum Beispiel auch Jamie xx von The XX, dessen Remix von Gil Scott-Herons „N.Y. Is Killing Me“ mich Ende des letzten Jahres aus den Socken gehauen hat. Jetzt mit kompleten Remix-Album, das gerade hier im Stream zu hören ist.

Und desweiteren gibt es ja noch die kleinen Freuden. Lieder wie „Whip my Hair“, selbstverständlich nicht in der Originalversion von Will Smiths Tochter, sondern von Jimmy Fallon, der sich in eine 1:1 Kopie von Neil Young verwandelt und gemeinsam mit Bruce Springsteen beweist, dass sich auch im größten Übel noch Schönheit finden lässt.

Zum Schluss die bedauerliche Nachricht, dass die unglaublichen Audrey eine Schaffenspause einlegen (was ja eigentlich eine Euphemismus ist für Trennung.) Dafür setzen fünfzig Prozent des Quartetts den einmal eingeschlagenen Weg fort und machen als Mire Kay gar nicht mal so unterschiedliche Musik. „Sea Monkey“ wird die bezaubernde erste Single und kann auf ihrer Seite sogar heruntergeladen werden.

Stars. Yuill. They had lights inside their eyes.

Besser wird`s in diesem Jahr nicht mehr. Was Wohlklang, Melodie und Vollkommenheit angeht. Was an STARS liegt. Die haben gerade ihr fünftes Album veröffentlicht. Das heißt „The Five Ghosts“ und ist ein Konzeptalbum. Das Konzept ist hier: von einem perfekten Lied zum nächsten perfekten Lied. Ein Konzept, das alle begeistern sollte, die sich für Musik interessieren. Und alle anderen auch. „Wasted Daylight“, „Changes“ und oben gezeigtes „Fixed“: lauter Juwelen unter Brillanten, die heller und länger strahlen werden, als das jemand das Wort „Pop“ in einer Kaugummiblase zu einer Sonne aufpusten kann. (und hier ist der gute Pop gemeint, nicht der Plastikpop, der $-Zeichen zwischen Namen schreiben muss und den Rock so kurz trägt, das er als Stirnband durchgeht, nicht der Pop, der Gesichter retuschiert und den Elektrogeschäfteketten zum Händlerrabatt einkaufen, um ihn zu Sonderaktionstagen zu verschleudern, während ein längst vergessener Castingjüngling halbjenseitige Interpretationen schlechter Raggastücke vor gelangweilten Familienvätern hinjammert). Deshalb vielleicht korrekter: Indiepop. Im Zenit.

Es ist ja nicht so, dass jeder, der eine akustische Gitarre spielt und traurige Lieder spielt, sich Singer/Songwriter nennen sollen dürfte. Weil über Qualität sagt das erstmal nichts aus. Sondern ist mehr eine Vermutung. Angenommen, jemand käme aus England, trüge eine dicke Brille und machte Musik mit dem Laptop. Mit Beats, die in Rezensionen als tanzbar umschreiben würden und lauter Synthieklängen, für die Bands wie die Eurythmics damals ihre Seele verkauft haben. Und angenommen, jemand besäße seine Seele noch, soviel Seele noch, dass man ganz uneins wäre, wie man im Angesicht von „Movement in a Storm“ richtigerweise reagieren sollte. Im Zimmer, auf dem Bett liegend, die Vorhänge zugezogen, die Texte auswendig lernen und kaum verzagen? Oder sich hingeben, außerhalb, an der Luft im Park in der Zeit, in der die Sonne untergeht (eine Zeit, die glücklicherweise gerade die Hälfte der Tage ausmacht)? Fakt ist: James Yuill. Und bitte keine Schubladen. Sondern im Stream hören.

Musik 2008. Die Kleinen.

1. Portishead – Machine Gun

Ein Lied wie das Ende der Welt. Nur dramatischer. Reduziert auf den titelgebenden Beat, der den Gefrierpunkt neu definiert. Gefangen in den unnachgiebigsten fünf Minuten deines Lebens. Bis zuletzt für etwa 30 Sekunden so etwas wie Erlösung einsetzt. Möglicherweise. Terminatorstyle.

2. Vicky Pollard – Tender Demand

Eine Band, die sich nach einer Figur aus Little Britain benennt, macht erstmal grundsätzlich nichts falsch. Ein Album kommt erst im nächsten Jahr, bisher existieren wohl drei Songs. Einer davon ist „Tender Demand“. Eine Stimme wie zu besten Sleater-Kinney-Zeiten, die richtige Balance aus Aggression und Bedauern und ein Refrain wie ein Faustschlag. Kein Video, nur eine Myspaceseite. 2009 dann auch in anderen Jahrespolls weit oben. myspace

3. Black Kids – I’m Not Gonna Teach Your Boyfriend How To Dance With You

Die schwarzen Jugendlichen mit dem Lied des Jahres was positive Energie angeht auch für Leute, die das sonst als Beleidigung ihrer Lebensweise empfinden. Dazu, ich schreibe es mal so, ein cheesy Keyboard, eine Strophe, dreimal wiederholt, DanceDanceDance. Das Lied, das „I Kissed A Girl“ gern gewesen wäre. Oder auch das Lied, dass jede andere Band einmal im Leben schreiben sollte. Video. Und.

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