Coronamonate. Juli 2021

31. Juli | Coronamonate, ausgestellt

Heute eröffnet die Ausstellung. Wie seltsam, die Worte und Momente an die Wand zu hängen und in Vitrinen zu packen, so, als wären die Coronamonate schon vorbei. Wie beruhigend.

Die Tagebucheinträge sind wie ein Zeitstrahl, eher eine Schneise, die einen Weg durch meine Pandemie schlägt. Vermessen zu glauben, es wäre möglich, etwas so Unübersichtliches und Gewaltiges komprimieren zu können auf einen Gang. Andererseits stellt sich beim Schauen auf die Wände, die Rahmen und Fotos ein tiefes, fast sattes Gefühl der Ordnung ein, so sortiert erscheint die Pandemie gezähmt auf seltsame Weise.

Später die erste Lesung aus den Coronamonaten. In fünfzehn Minuten durch siebzehn Monate. Eine Raffung, die sich auch ein wenig wie ein Ausschlachten der eigenen Beobachtungen anfühlt, gerade bei Auswahl; für jedes Wort, das ich lese, lasse ich hundert weg, für jedes Argument, jeden Eindruck, jede Ambivalenz gilt das ebenso. Auf die gelesenen Einträge wird reagiert. Ich bin überrascht und auch überfordert von den Gefühlen anderer darauf und ich frage mich, weshalb das so ist.

Gestern habe ich das Wort »Corona-Nostalgie« gehört, die Verklärung der ersten Monate. Nostalgie sind die Coronamonate nicht, aber mittlerweile Material. Material, aus dem ich Textblöcke breche, die ich rahme, an denen ich feile und formuliere, Sätze, die nicht mehr die Funktion haben, einen gegenwärtigen Eindruck festzuhalten, sondern die im Rückblick für ein Ganzes stehen sollen. Das verändert meine Worte, ich baue eine Distanz auf. Ich, der geschrieben hat, ist ein anderer als der, der sie auswählt. Ich muss nicht mehr fühlen, ich lektoriere. Mein Corona-Empfinden wird mir beim Ausstellen der Coronamonate fremd, was gut ist, was notwendig ist, was die Überforderung erklärt.

Im Zwischenraum unserer gemeinsamen Ausstellung (Y. stellt wunderbare Foto- und Textarbeiten über Weimar aus) hängen Schnüre, liegen Zettel, stehen desinfizierte Stifte bereit. Wer will, kann eigene Worte zu Corona und der Zeit davor finden. Nach der Vernissage, als die meisten gegangen sind, machen wir einen letzten Rundgang durch die letzten Monate. An der Schnur hängen vier beschriebene Zettel. Sie alle berichten von der Pandemie. Es ist ein Auftakt, etwas Neues, dieses Erinnern, noch während das Große weiterhin geschieht.

Ansonsten: wird es die nächste Woche keinen Eintrag geben. Nach dem 9. geht es weiter. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. September auf Schloß Burgk zu sehen.

30. Juli | endlich Covid wie Grippe

Die Stimmen werden harscher. Ein Verhaltensforscher schlägt vor, dass, sollte es erneut zu Triagesituationen kommen, der Impfstatus bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen sollte, weshalb andere ihn Impffaschisten nennen und die Zahlen zeigen, dass der Übertragungsschutz mit den Monaten deutlich abnimmt und allmählich wird zum Allgemeinwissen, dass eine Impfung keinen absoluten Schutz vor einer Infektion garantiert und ich frage mich, wenn ich endlich schreiben kann: Covid ist wie Grippe.

Covid ist wie Grippe, wenn die Mehrheit einen Grundschutz besitzt und die schlimmen Verläufe stattfinden können, aber nicht in überwältigender Zahl und damit das so bleibt, muss sich nur regelmäßig geimpft werden und wer geimpft ist, kann sich anstecken und dem kann es auch ein paar Tage dreckig gehen, aber nicht mehr und wer nicht geimpft ist, der riskiert mehr und je nach Jahr und Saison werden die Zahlen anders sein und es wird auch zu Überlastungen kommen können, aber keine Pandemie mehr, kein Flächenbrand, sondern Covid als Teil des Herbstes und Winter, nicht mehr als Ausnahmezustand.

Wann werde ich das schreiben können, weil schreiben werde ich es müssen, weil ansonsten lebenslang Covid wäre, lebenslang Masken und Wellen und Modelle und Newsticker und dauerhafter Abstand, lebenslang die Coronamonate und das wäre bei aller Hingabe zum Schreiben etwas, dass nicht nur nicht wünschenswert wäre, sondern vollkommen realitätsfern, das Jahr 2020 auf ewig auf alle Jahre legen.

Wann werde ich schreiben, Covid ist eine Grippe, dann, wenn alle geimpft sein können, die geimpft sein wollen und wenn es genug sind, um einen Flächenbrand auszuschließen, wenn es die Kinder sind, ohne dies bleibt Covid keine Grippe, sondern eine Ausnahme, eine Katastrophe.

Ansonsten: Im thüringischen Sonneberg löst das »Bratwurst-Impfen«, mit dem der zunehmenden Impfmüdigkeit begegnet werden soll, löst einen Ansturm Impfwilliger aus. Laut der US-Gesundheitsbehörde ist Delta so ansteckend wie die Windpocken. Wegen stark steigender Zahlen weitet Olympia-Gastgeber Japan den Notstand aus. Die allgemeine Testpflicht für Reiserückkehrerinnen wird beschlossen. Impfpflicht bei Google und Facebook. Peter Sloterdijk schlägt ein Aussteigerprogramme für Querdenkerinnen vor. Weil die deutschen Haushalte nach den Hamsterkäufen gut versorgt sind mit Toilettenpapier, produzieren die Papierfabriken im ersten Halbjahr weniger Toilettenpapier. Mehr als die Hälfte aller Deutschen sind komplett geimpft.

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