Was für ein Drama.

[Dieser Text ist in der RP Plus erschienen und auch hier zu finden.]

Am Sonntag wurden in den USA die Emmys für die besten Serien vergeben. Viele der Favoriten wie „Mad Man“ oder „Homeland“ gehören zu einer neuen Art von Fernsehen: Die komplexen Serien haben sich fest etabliert. Der Weg dorthin war lang – ein Überblick.

Es gibt Musik, Bücher oder Filme, die zur kulturellen Grundausstattung des modernen Menschen gehören. Doch mittlerweile existiert ein ebensolcher Kanon auch von Fernsehserien. Dazu gehören „The Sopranos“, „The Wire“ oder „Lost“, Serien, über die sich wie über die großen Klassiker der Kulturgeschichte diskutieren lässt.

Da steht Don Draper („Mad Men“) ebenbürtig neben Jay Gatsby, Walter White („Breaking Bad“) übt die gleiche Faszination wie „Taxi Driver“ Travis Bickle aus und die Dialoge in „West Wing“ haben eine ähnliche Musikalität wie „Sgt. Pepper“. Denn auch wenn die komplexen Serien eine noch vergleichsweise junge Erscheinung in der Geschichte des Fernsehens sind, haben sie die Sehgewohnheiten verändert.

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Mein erstes Mal: House sehen.

Vorurteile reloaded.

Sehr wahrscheinlich kommt dieser Text etwa fünf Jahre zu spät und enthält nicht viele wissenswerte Informationen außer dieser: ich habe gestern bei Freunden meine erste Folge „House“ gesehen. „Dr. House“, der verlässliche Quotengigant, der in Amerika und Deutschland Woche für Woche Milliarden Menschen begeistert, weil der Hauptdarsteller Gregory House ein zynischer, gehbehinderter, medikamentenabhängiger Doktor ist, der seltene Erkrankungen errät. Der Erfolg der Serie, so las ich, lag am Verschmelzen zweier sehr erfolgreicher TV-Serien-Genres, der Kriminal- und der Krankenhausserie.

Wie auch immer. Serien schau ich grundsätzlich nur von der ersten Folge an an, wenn sie noch niemand kennt und ich später behaupten kann: „Super Serie, musste du sehen, Hammer“. Wenn allerdings andere kommen und zu mir sagen: „Super Serie, musste du sehen, Hammer“, blocke ich meistens automatisch ab und erfinde viele Gründe, warum mich diese Serie gerade nicht interessiert. Dieser Reflex rührt noch aus den 90er mit all ihren Alternativerockbands her. Bei „House“ war das so, dass ich „Scrubs“ sehr mag und Gregory House sehr offensichtlich eine Kopie des zynischen Dr, Cox ist. Das war so offensichtlich, dass „Scrubs“ selbst darauf Bezug nahm und in der Folge „My House“ Dr, Dox als eine Dr. House-Parodie auftreten ließ. Und da es nie gut ist, vor dem Original die Parodie zu sehen, stand spätestens ab diesem Zeitpunkt meine Entscheidung fest, dass „House“ alles, nur nicht eine Chance verdient.

Gestern dann aber doch. Zuerst ein seltsames Gefühl: Nach den langen „Lost“, „Heros“, „Jericho“, „Nemesis“, „Six Feet Under“, „Twin Peaks“, „E.R“, „Brothers & Sisters“ etc. Sitzungen eine dramatische Serie, die keinen größeren Handlungsbogen aufbaut und sauber alle Angelegenheiten innerhalb von 42 Minuten klärt. Mit dem tragischen Patienten der Woche und dem lustigen Nebenpatienten der Woche, der keine weitere Funktion hat, außer lustig zu sein. Wie auch immer. Meine erste „House“-Folge begann mit einem Anfangsklassiker: Finger greifen nach einer Uhr, Finger gehören zu jemanden, der aufsteht. Darüber sentimentale Indiekrammusik. Nach und nach setzt sich die Geschichte zusammen – Model bricht auf dem Catwalk zusammen, zwielichtiger Vater/Manager, Drogenverdacht, Missbrauchsverdacht, Fragezeichen Krebs. Was schnell auffällt: Der Doktor darf eine Menge unkonkreter, lakonischer, sarkastischer Sprüche ablassen, die alle eines gemeinsam haben – sie sprechen die Wahrheit aus. Zum Beispiel über die Sexualisierung von Minderjährigen. Deshalb dürfen sie drastisch sein. Viel wichtiger allerdings; sie dürfen drastisch sein, weil die Nebenbesetzung, das junge, hübsche Ärzteteam um Dr. House immer wieder lenkend eingreifend, vorwurfsvoll die Köpfe schüttelt und damit Gregory Hose wie ein exotisches Tier erscheinen lassen, welches seltsame Sachen macht, diese aber machen darf, weil jeder weiß, dass dieses Tier nun mal exotisch ist. House hat damit die Rolle des Narren inne und der darf alles. Ansonsten bleiben die Nebenfiguren blass, die sich im Ärztezimmer auf Bürostühlen fläzen und Dr. House Stichworte für die Lösung des medizinischen Kriminalfalls geben.

Komplex geht anders, gerade bei Charakteren. Vielleicht war die Folge gestern eine der ersten, vielleicht aus der fünften Staffel, jedenfalls ließ sich nicht gerade viel Leben hinter allen Figuren außer dem Doktor spüren. Trotzdem und natürlich sah ich die Folge bis ans Ende. Weil: Bei Kriminalfällen zählt ja meist die Auflösung. Die war in diesem Fall erstaunlich, weil Hoden dabei eine Rolle spielten. Der Fall war gelöst, der Doktor nicht morphinsüchtig und in der nächsten Woche würden alle Geschichten zurück auf Null gefahren werden. Wie das bei Serien oft so ist. Ein abschließendes Fazit kann es nicht geben, gerade weil Serien niemals nur an einer Folge bemessen werden können. Vielleicht sehe ich in naher Zukunft „CSI“ an, denn es gibt noch eine Menge sinnvoller Vorurteile, die es zu pflegen gilt.