The Wire. Der Hauptdarsteller ist das System.

In „The Wire“ versucht eine Spezialeinheit der Polizei Drogendealer zu überführen. Warum die Fernsehserie aber weitaus vielschichtiger ist, erklärt Daniel Eschkötter in seinem Buch „The Wire“. Ein Gespräch über Schimpfwortexzesse, die Mythen einer Stadt und eine Serie ohne Hauptdarsteller.

Was unterscheidet „The Wire“ von anderen Krimiserien?

Daniel Eschkötter: Der Akzent, der in Copserien üblicherweise auf den Polizisten liegt, verschiebt sich schon in der ersten Folge. Es wird schnell klar, dass das Interesse nicht dem Lösen von Fällen gilt, sondern der Arbeit an ihnen. Dabei wird die Gegenseite nicht als Verbrecher behandelt, sondern als gleichwertige Protagonisten. So wird eine Landkarte des Sozialen einer amerikanischen Großstadt erstellt.

„The Wire“ ist sehr langsam erzählt. Was ergeben sich daraus für Möglichkeiten?

Während es in einem klassischen Police Procedural pro Folge einen Fall gibt, findet bei „The Wire“ eine Verschleppung von Fällen statt. Die Chance besteht darin, dabei unglaublich viel mit zu erzählen. Also den großen Zusammenhang des Sozialen und die kleinen Alltagsgeschichten. Man könnte „The Wire“ auch als einen einzigen Fall sehen, gewissermaßen als Downfall einer amerikanischen Großstadt. Dabei haben die Figuren durchaus die Funktion, verschiedene Schichten des Sozialen, der ethnischen Ausdifferenzierung, der Unterschiede zwischen Arm und Reich erzählbar zu machen.

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Was für ein Drama.

[Dieser Text ist in der RP Plus erschienen und auch hier zu finden.]

Am Sonntag wurden in den USA die Emmys für die besten Serien vergeben. Viele der Favoriten wie „Mad Man“ oder „Homeland“ gehören zu einer neuen Art von Fernsehen: Die komplexen Serien haben sich fest etabliert. Der Weg dorthin war lang – ein Überblick.

Es gibt Musik, Bücher oder Filme, die zur kulturellen Grundausstattung des modernen Menschen gehören. Doch mittlerweile existiert ein ebensolcher Kanon auch von Fernsehserien. Dazu gehören „The Sopranos“, „The Wire“ oder „Lost“, Serien, über die sich wie über die großen Klassiker der Kulturgeschichte diskutieren lässt.

Da steht Don Draper („Mad Men“) ebenbürtig neben Jay Gatsby, Walter White („Breaking Bad“) übt die gleiche Faszination wie „Taxi Driver“ Travis Bickle aus und die Dialoge in „West Wing“ haben eine ähnliche Musikalität wie „Sgt. Pepper“. Denn auch wenn die komplexen Serien eine noch vergleichsweise junge Erscheinung in der Geschichte des Fernsehens sind, haben sie die Sehgewohnheiten verändert.

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The Wire. Ein schmaler Grat zwischen Himmel und hier.

Bubbles: „Thin line between heaven and here.“

Einige Zeit lag sie unangetastet da. Die DVD-Box von „The Wire.“ Denn: Eine Copserie? Kann etwas langweiliger sein als unkonventionelle Ermittler, die Mordfälle aufklären müssen? Noch dazu im Drogenmilieu, untermalt von HipHopMusik bzw. irischem Folk? Auf der anderen Seite standen zwei Superlative: komplexeste und beste Serie aller Zeiten. Aller Zeiten. Das kann es natürlich niemals geben. Wobei: nach 60 Folgen mit McNulty, Bubbs, Daniels und The Bunk kommen mir da erste Zweifel.

„The Wire“ erzählt die Geschichte verschiedener Systeme. Davon, wie diese Systeme funktionieren, weshalb sie korrumpierbar sind, weshalb sie scheitern und sich dennoch vor dem Kollaps bewahren. Im Mittelpunkt – und das ist schon falsch. Im Mittelpunkt steht hier nichts und niemand. Sondern verschiedene Gruppen agieren miteinander, manipulieren sich, weil sie einander letztlich bedingen und deshalb brauchen.

Trotzdem: Im Mittelpunkt steht eine Spezialeinheit der Polizei in Baltimore. Die versucht durch eine raffinierte Abhöraktion (eben das titelgebende „Wire“) den Drogenhändler Avon Barksdale zu überführen. Dabei muss die Gruppe sowohl gegen innere wie auch äußere Feinde vorgehen. Im Laufe der fünf Staffeln gesellen sich weitere Organisationen hinzu: die Gewerkschaft, die Politik, die Justiz, das Schulsystem sowie die Medien. Figuren treten auf und ab, Ebenen stapeln sich übereinander, Handlungsstränge verdichten sich.

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