ALF an der Urne. Landtagswahl in Meusebach.


Am Tag, an dem jeder vierte Thüringer einen Faschisten wählt, fahren wir nach Meusebach. Meusebach ist eines jener kleinsten Dörfer des Landes, das wir schon mehrmals besucht haben. Meusebach hat 92 Einwohner, 78 sind wahlberechtigt, am Ende des Tages werden 69 von ihnen gewählt haben.

Das kleine Dorf liegt etwa zwanzig Kilometer südlich von Jena, eingebettet in einem Tal. Neben einem schmalen Bach schlängelt sich die Dorfstraße, die nach der Wendeschleife in einen Wald übergeht. Hier stehen keine großen Höfe, sondern Häuschen, nicht wenige davon Fachwerk. Aus einer alten Scheune haben die Dorfbewohner selbst ein Gemeindehaus gebaut, die Spatzenjägerhalle. Wo sie sonst Fasching, Weihnachten, Dorffest feiern, ist heute das Wahllokal. Weiterlesen

Fünf Phasen der Betrachtung der Betonstelen in Björn Höckes Vorgarten


Eine Künstlergruppe hat in Sichtweise von Björn Höckes Wohnhaus im thüringischen Bornhagen eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet und nimmt damit Bezug auf Höckes Rede von Februar, in der dieser das Denkmal als »Schande« bezeichnete.

Fünf Reaktionen meinerseits:

(1) omg

(2) ungut

Ähnlich ungutes Gefühl wie schon bei Yolocaust, die diffuse Ahnung, dass hier benutzt, vielleicht instrumentalisiert wird, dass ich glaube zu verstehen, was die jeweiligen Aktionen anzuprangern versuchen, dass ich die Ausführung in Teilen zweifelhaft finde, dass es es mehr oder zumindest zu viel um die Macher selbst geht, mehr um die Kritik als das Gedenken.

Dazu erschließt sich mir der Teil mit der Observierung nicht, mehr noch, ich halte es für falsch und fahrlässig, in Tarnkleidung und mit Feldstechern Menschen zu überwachen, ihre Mülltonnen zu durchwühlen, auf diese Weise Informationen für Dossiers zusammenzutragen.

(3) Bedenkenträger Weiterlesen

Theater in Weimar.

dnt weimar - diskussion

Wir sitzen im Deutschen Nationaltheater Weimar. Das allein ist schon eine Sensation. Denn das DNT existiert, wie jemand später anmerken wird, seit den Kreuzzügen. Dann kam die Entdeckung Amerikas, dann Goethe, dann Friedrich Ebert, dann die Nazis, dann der Sozialismus, dann der Kapitalismus.

Heute kommen der Oberbürgermeister und der Intendant, der Kulturminister und die Staatssekretärin ins DNT. Sie sitzen auf der Bühne und sprechen vor vielen Weimarern über die Zukunft des Theaters. Oder anders: So gut wie alle sprechen über die Zukunft des Weimarer Theaters. Der Minister spricht über die Zukunft der Theater in Thüringen.

Auch in Zukunft wird es Geld geben. Für Theater. Aber weniger. Oder mehr. Auf jeden Fall anders. Dafür reist der Minister in Thüringens Theaterstädte und spricht in den Theatern über die Zukunft dieser Theater. Jede Theaterstadt wird zu Recht erklären, dass gerade dieses eine Theater unverzichtbar sei; Arbeitsplätze, Stadtidentität, Lebensmittelpunkt, über Jahre gewachsenes Kulturbiotop, Integrationsarbeit, Bildungsort. Für Weimar und die Weimarer, wird in Weimar gesagt, sei das Theater die Seele der Stadt.

Schnell werden zwei Dinge klar: Weiterlesen

Beisitzer der Demokratie.

7:30 Uhr kommen die Beisitzer. Da liegt die Demokratie noch in einem silbernen Koffer: die dokumentensicheren Stifte, das Klebeband, Flachsband aus Naturfaser. Auf der Wahlliste sind noch keine Haken hinter Namen gesetzt, die Wahlzettel sind in einer Plastikbox verwahrt. Alles ist möglich und damit das so sein kann, ist jeder Augenblick einer Wahl genau geregelt.

Die meisten Beisitzer kennen sich von anderen Wahlen – Europa, Kommunal, Bundestag. Sie wissen, was zu tun ist. Verrücken die Tische. Klappen drei Wahlkabinen auf. Binden mit dem Flachsgarn Stifte daran fest. Hängen Muster der Wahlzettel aus. Der Vorstand ist zufrieden. So kann er die Einsatzfähigkeit seiner Wahlgruppe melden.

Schon 7:59 Uhr erscheint die erste Wählerin. Frühschicht. Eine Minute wird gewartet, denn erst um acht darf die Wahl beginnen. Sie zeigt ihre Wahlbenachrichtigung vor. Darauf steht eine Nummer. Diese wird in der Wahlliste gesucht. So wird der Name gefunden, das Geburtsdatum, die Adresse. Die Beisitzer vergleichen diese Daten mit dem Ausweis. Alles korrekt. Die erste Wählerin erhält einen Wahlschein, geht damit zur Kabine, setzt zwei Kreuze. Vielleicht auch zehn und macht so den Schein ungültig. Davon dürfen die Beisitzer aber nichts wissen.

Anschließend wird ihr die leere, offene Urne gezeigt. Sie bezeugt, dass bisher keine Wahlscheine darin liegen. Der stellvertretende Wahlvorstand verschließt die Urne und versiegelt sie. Die Wählerin wirft ihren Schein ein. Die erste Stimme dieses Tages.

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Reflexe. Guttenberg und die Zwickauer Zelle.

Eine Folge der Affäre um Karl-Theodor zu Guttenbergs Doktorarbeit ist Humor. Kurz vor Veröffentlichung meines Buches sollte ein kleines Porträt in der Beilage einer Lokalzeitung erscheinen. Dazu führte ich im März ein Telefongespräch mit der dafür verantwortlichen freien Redakteurin.

Sie: Wie lange haben Sie an ihrem Erzählband gearbeitet?
Ich: Die erste Geschichte entstand … [und dann folgte die Standardantwort auf diese Frage]
Sie: Na, da haben Sie hoffentlich nichts abgeschrieben.
Ich: Das verstehe ich nicht.
Sie: Na, wegen dem Guttenberg. Und der Doktorarbeit. Der hat doch abgeschrieben.
[langes Schweigen]
Sie: Das war ein Witz. Weil der doch abgeschrieben hat.

So ungefähr fand der Dialog statt. Auch in den folgenden Wochen wurde auf die Auskunft, dass ich ein Buch geschrieben hatte, mehrmals scherzhaft gefragt, ob schreiben nicht abschreiben bedeuten würde. Dazu ein verschwörerisches Zwinkern, so, als wäre man Komplize in einem besonders medienreflexiven Spiel.

Nur: Mit dieser Reaktion befand ich mich noch in einer komfortablen Position. Denn in meinem Freundes- und BekanntInnenkreis gibt es einige DoktorandInnen. Und da hatte zu Guttenberg und die Berichterstattung über ihn schon ganze Arbeit geleistet. Ab Ende Februar war der Begriff „Doktorarbeit“ unmittelbar mit dem Begriff „Plagiat“ verbunden. Dabei war selbstverständlich jede im privaten Kreis geäußerte Unterstellung, man hätte bei der Doktorarbeit betrogen, niemals ernst gemeint, sondern ein reflexhafter Kommentar, der seine einzige inhaltliche Berechtigung aus der unmoralischen Handlung eines Prominenten und der entsprechenden Berichterstattung über ihn bezog. Schön fürs Kabarett, weniger schön für, sagen wir mal, DoktorandInnen.

Warum ich gerade jetzt darüber schreibe? Angenommen, terroristische Naziserienkiller hätten erst in Jena und später in Zwickau gelebt. Und weiter angenommen, ich würde momentan in der Nähe von Jena wohnen. Und wäre in einem Ort geboren, der nahe Zwickau liegt, ein Ort, zu dem ich meistens anfüge: liegt nahe Zwickau. Zwickau ist eine gute Referenz, denn vielen ist Zwickau ein Begriff. Zwickau wäre einmal fast in die 1. Bundesliga aufgestiegen und Zwickau ist Bestandteil vieler rhetorischer Konstruktionen wie beispielsweise „Von Aachen bis Zwickau.“

Jedenfalls war ich gespannt, welcher Stadt die terroristischen Naziserienkiller zuordnet werden würden: Jena oder Zwickau? Während Thüringen ohne zu zögern stellvertretend für Jena in die Presche sprang und die negativen Assoziationen somit auf ein komplettes Bundesland umlenkte, war ansonsten von der Zwickauer Zelle die Rede, vom abgebrannten Haus in Zwickau, vom braunen Sumpf in Zwickau. Zwickau Zwickau Zwickau.

Damit war schnell klar, dass Zwickau zukünftig in einer Reihe mit Orten wie Winnenden, Hoyerswerda, Mölln, Sebnitz, Solingen, Erfurt, Rostock-Lichtenhagen stehen würde. Ein Ort, eine negative Assoziation. Da halfen hundert Lichterketten und hundert Aktionsbündnisse nicht, da bleibt ein Stutzen, wenn man man den Namen hört, da kramt man aus Schubladen Erinnerungsfetzen heraus und versucht sich erinnern, was in diesem Ort einmal Schlimmes geschah. Auch wenn man das vielleicht nicht mehr exakt zuordnen kann, irgendetwas war da und das reicht schon fürs Abhaken.

Für Zwickau kann der Bundespräsident einladen oder die Justizministerin Geld auszahlen – den Reflex wirds wenig scheren. Zukünftig werde ich sagen müssen: ich wurde in einem Ort geboren, der gar nicht mal so weit entfernt von Plauen liegt. Oder Leipzig. Oder Dresden. Bis auch dort etwas geschieht, das die Liveticker und Talkshows viele Tage lang beherrscht.

Nachtrag:
Wenn man wissen will, in welchem Umfeld sich so ein Reflex besonders wohlfühlt, sollte man den aspekte-Beitrag mit dem Titel „Extreme Gewaltbereitschaft“ anschauen. Dort reist der Münchner Schriftsteller eines Romans über V-Männer nach Jena, kommt am Bahnhof Jena-Paradies an und sieht seine Vorurteile bestätigt.

Der Beitrag beginnt mit der Äußerung des Autoren: „Ich sehe nicht deutsch aus und ich würde gern den Osten bereisen, aber ich habe einfach zu viel Angst, um mich hier frei zu bewegen.“ Dann läuft er durch die Fußgängerzone, spricht mit einem Exnazi und einem Pfarrer. Am Ende des sechsminütigen Beitrags wird er gefragt, ob sich sein Bild vom Osten gewandelt. „Nö“, sagt er und lacht, „hat sich nicht gewandelt. War aber jetzt auch nicht so schlimm.“ Er steigt am Bahnhof Paradies in den Zug und der Offkommentar ergänzt: „Trotz mutiger Menschen wie Pfarrer König oder dem Aussteiger Uwe Luthart fährt Steven Uhly eher erleichtert zurück nach München.“

Da ist er auch. Der Reflex. Jena. Thüringen. Der Osten. Extreme Gewaltbereitschaft.

Zum aspekte Beitrag

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Reflex: Ein Reflex ist eine unwillkürliche, rasche und gleichartige Reaktion eines Organismus auf einen bestimmten Reiz. Reflexe werden medial vermittelt.

It-ten Mu-che Maz- daz- nan.

22.00 Uhr. Weimar. Theaterplatz. Goethe/Schillerdenkmal. Der wahrgewordene Traum jedes Diplommediengestalters: Eine Videoprojektion mit Livemusik, die den zentralen Ort der Stadt für eine Stunde mit Farben und Klängen überschüttet, die auch noch eine Geschichte erzählen. In diesem Fall die Geburt des Bauhauses. Dance like it`s 1919. Oder Kulturhauptstadtjahr.

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