Der Reiher

Im Herbst lief ich an der Ilm. Es hatte die Blätter von den Bäumen geregnet, auf dem Wasser trieb der ermattete Himmel. Dort war die Stelle, wo sich jenseits des Ufers einmal ein Straßenbahndepot befunden hatte. Auf einer vorgelagerten Stelle des schmalen Flusses erblickte ich einen Reiher; das Gefieder aschgrau, die Schopffedern schwarz, die langen Stelzenbeine, auf denen er unbeweglich stand. Ich erschauerte beim Anblick; Enten war ich hier gewöhnt, aber nicht Wasservögel in dieser Größe, nicht mit diesem Stolz, dieser majestätischen Schönheit.

Zwei Tage später spazierte ich erneut an dieser Stelle vorbei. Und wieder stand der Reiher am Wasser; der identische Ort, die identische Haltung, das identische Tier. Wind blies in sein Gefieder und verwirbelte grauweiß. Wieder bewegte er sich nicht, wieder stand er starr, ein Zaubervogel an der Ilm.

Es war der nächste Tag und es war das nächste Mal, dass ich den Reiher so sah. Diesmal misstraute ich dem Bild. Wie groß die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Tier an dieser Stelle zu jeder Zeit sein konnte und dem Wind, dem Wasser, meinem Blick ohne Regung standhielt?

Es konnte nicht sein. Weiterlesen

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Momente, September 2017.

Weimar, 2. September 2017

Tagesprogramm für heute:
13:00 Uhr – Sigmar Gabriel auf dem Platz der Demokratie
18:00 Uhr – Scooter im Gauforum Atrium

Außerminister und Hardtranceband erscheinen deutlich später als angekündigt, sprechen volksnah, agieren professionell und spielen ihre größten Hits (älteste Partei Europas / Maria, I Like It Loud). Sigmar Gabriel erwähnt öfter seine Großmutter (»Omma«) und einen gewissen Konstantin, einen Jungen, den er zuvor traf und ein Eis versprach. Das Eis kauft er ihm später beim Dolomiti am Markt.

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Auf dem Goetheplatz neben dem Bratwurststand neben dem Bibelstand neben dem Stand der Initiative für den Erhalt des Ur-und Frühzeitlichen Museums neben dem AfD-Stand, keine fünfzig Meter entfernt eine vom Kunstfest in Auftrag gegebene Weltkarte des Kommunismus. Am AfD-Stand müssen alle entweder beige Sonnenhüte tragen oder die Aufschriften auf ihren T-Shirts unter Jacken verbergen.

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Auch beim Erotik-Fachgeschäft erwünscht: Buy Local. Weiterlesen

Ghostbusters: AfD

In Ghostbusters II droht ein unterirdischer Schleimfluss New York zu zerstören. Dieser Schleimfluss speist sich aus negativer Energie, er wächst, je mehr man hasst und wütet und schlechte Gedanken hat.

An diesen Schleimfluss muss ich denken, wenn ich an die AfD denke.

Letztes wurde in Weimar das Hinterzimmer, eine studentische Kneipe, von einem AfD-Sympathisanten übernommen, der dort einen AfD-Stammtisch einrichtete. Es kam zu Protesten, mit Bannern und Dudelsäcken und Trillerpfeifen, Menschen hielten ihre Ärsche in die Kamera, Biomüll wurde vor der Kneipentür abgelegt, ein halbverwester Schweinekopf.

Jede Form dieses Protests nahmen die lokalen AfDler nicht nur hin, sondern schienen daran zu wachsen, so wie der Schleimfluss aus Ghostbusters, der Hass schien sie größer und stärker zu machen, stolz posteten sie Smartphonefotos auf ihren Facebookseiten, wir gegen die Welt, je wutentbrannter der Protest, desto mehr Berechtigung für unsere Politik.

Protest also, Hass auch und am Wochenende eine Wahl. Sehr wahrscheinlich wird dann die Alternative für Deutschland von den wahlberechtigten Deutschen mindestens zur drittstärksten Partei des Landes gekürt werden.

Zeit bliebe bis dahin noch, um mit Freunden, Bekannten, Verwandten zu sprechen, welche die AfD wählen wollen. Man könnte nach Gründen fragen und wenn diese Gründe kommen -»aus Protest«, »für eine starke Opposition«, »gegen andere Parteien«, »gegen Merkel«, »weil die kein Blatt vor den Mund nehmen« etc. – klar machen, dass die AfD zu wählen eben auch bedeutet, Rassismus, Nationalismus, Revisionismus, etc. billigend in Kauf zu nehmen und damit zu unterstützen.

Man könnte den Freunden, Bekannten, Verwandten vor Augen führen: Du bist kein Neonazi, wenn du die AfD wählst, aber du machst dich gemein mit den Schandmalen, Menschenentsorgungswünschen, der Renaissance des Völkischen.

Doch würde dies nichts am wahrscheinlichen Ergebnis ändern. Ab Herbst wird die Alternative im Bundestag sitzen, Teil von Gremien sein, die über Kultur, Wissenschaft, Familienpolitik und Soziales debattieren, Papiere schreiben und Empfehlungen aussprechen. Und sicher ist nur eines: der Schleimfluss wird größer werden. Weiterlesen

Die KADYA-Girls. Jaffa / Weimar.

Der Kadyachor. Fünfundzwanzig Mädchen aus Israel und Deutschland kommen in Israel und Weimar zusammen, um in achtzehn Tagen zwölf Lieder der jiddischen Dichterin Kadya Molodowsky einzusingen. Die Texte sind in Jiddisch, eine Sprache, die sie nicht sprechen, zu Teilen aber verstehen können. Ihre Sprachen sind Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch. Proben stehen an, zwei Konzerte, ein Besuch in Jerusalem, Flüge in andere Länder, ein Leben in der Ferne. Eine Reise, in vielerlei Hinsicht.

Jaffa, Jafo. Die viele tausend Jahre alte, mehrheitlich arabische Hafenstadt, die in den 1950er Jahren mit Tel Aviv vereint wurde. Wer auf der Straße läuft, dem tropft Wasser von den Klimaanlagen in den Nacken. Auf der Sderot Yerushalayim alle drei Häuser ein Kiosk, darin gekühlte Getränke, Auberginen so groß wie Wassermelonen und Wassermelonen so groß wie zwei Wassermelonen. Das wahnsinnigste Fortbewegungsmittel sind die E-Bikes, die auf Straßen und zwischen Passanten wie in einem GTA Jaffa agieren, oft mit Beifahrer stehend auf dem Gepäckträger. Die wichtigste Information in Städten ist: Halten Autos an Zebrastreifen? Hier tun sie das.

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Weimar, Kabul

Wir fahren mit N. zu einem Handballspiel. N. kommt aus Kabul. In Afghanistan hat er Politik studiert. Nach mehreren Mordanschlägen auf Kommilitonen gibt er das Studium auf. Danach arbeitet er fürs Fernsehen – auch für afghanische Ableger europäischer Sender –, trainiert einen Fußballverein, engagiert sich im Nachwuchsbereich. 2015 kommt er nach Deutschland, lebt jetzt in Weimar.

Es ist sein erstes Handballspiel. In der Halle macht er Selfies mit einer Nationalspielerin, Fotos und Videos, die er auf Facebook teilt, wo sie umgehend kommentiert werden.

N. hat Sprachkurse besucht. Ab und an fragt er nach Wendungen, bittet um Korrektur seiner Aussprache, seiner Wortwahl. Er hat Abitur, sucht eine Arbeit. Gefunden hat er bisher keine. Für einen lokalen Radiosender hat er Beiträge gemacht, war auf Workshops in Schulen dabei. Ansonsten – nichts.

Arbeiten will er, etwas tun. Für eine Arbeit, eine Ausbildung muss er tagsüber verfügbar sein. Tagsüber sind Kurse, Gänge zu den Ämtern. Auf die Ämter muss er oft, viele Stellen mit verschiedenen Zuständigkeitsbereichen.  Er muss selbst einen Weg finden, durch die Gespräche, das Amtsdeutsch, die Zuständigkeiten, die Nichtzuständigkeiten. Eine Streetworkerin unterstützt ihn dabei, beide sind nach Monaten ergebnisloser Suche ernüchtert und frustriert. Weiterlesen

Blut spucken im Supermarkt

supermarkt

Weimars schönster Supermarkt befindet sich im Kellergeschoss des  ehemaligen Gauforums. Kürzlich wurde umgestaltet. Ein Optimierer kam und setzte neuste Erkenntnisse über das Kaufverhalten der Deutschen praktisch um. Gern wäre ich dabei gewesen, als er sagte: Im Obst- und Gemüsebereich braucht es vulkangesteinsimulierende Bodenbeläge! Fleisch und Käse ans weit entfernte Supermarktende! In Gangmitte die sinnlichen Gewürze! Den nutzlosen Plastikschnickschnack in den Teil, durch die Kunden sowieso müssen!

Der Supermarkt ist nun optimiert. Aus versteckten Lautsprechern plätschern gefällige Radiomelodien, Leuchtstoffröhren dimmen Wohlgefühl auf die Netzhäute, die Räder der Wagen drehen sich widerstandslos und führen wie von selbst zu den benötigten Produkten. Mehr als zuvor ist der Supermarkt eine Fruchtblase, welche die Keime der feindlichen Welt vom Konsumenten fern hält.

Nur in einem Bereich nicht. Denn in jedem Paradies gibt es eine Stelle, an der die Grenze zur Hölle durchlässig ist. Weiterlesen

Theater in Weimar.

dnt weimar - diskussion

Wir sitzen im Deutschen Nationaltheater Weimar. Das allein ist schon eine Sensation. Denn das DNT existiert, wie jemand später anmerken wird, seit den Kreuzzügen. Dann kam die Entdeckung Amerikas, dann Goethe, dann Friedrich Ebert, dann die Nazis, dann der Sozialismus, dann der Kapitalismus.

Heute kommen der Oberbürgermeister und der Intendant, der Kulturminister und die Staatssekretärin ins DNT. Sie sitzen auf der Bühne und sprechen vor vielen Weimarern über die Zukunft des Theaters. Oder anders: So gut wie alle sprechen über die Zukunft des Weimarer Theaters. Der Minister spricht über die Zukunft der Theater in Thüringen.

Auch in Zukunft wird es Geld geben. Für Theater. Aber weniger. Oder mehr. Auf jeden Fall anders. Dafür reist der Minister in Thüringens Theaterstädte und spricht in den Theatern über die Zukunft dieser Theater. Jede Theaterstadt wird zu Recht erklären, dass gerade dieses eine Theater unverzichtbar sei; Arbeitsplätze, Stadtidentität, Lebensmittelpunkt, über Jahre gewachsenes Kulturbiotop, Integrationsarbeit, Bildungsort. Für Weimar und die Weimarer, wird in Weimar gesagt, sei das Theater die Seele der Stadt.

Schnell werden zwei Dinge klar: Weiterlesen