Der in Gold gegossene Moment

Diesen Donnerstag fuhr ein Truck zum Schiller-Goethe-Denkmal. Er hatte den WM Pokal von 2014 geladen. Der Deutsche Fußballbund hatte eine sogenannte »Ehrenrunde« organisiert und den Pokal, die »2014 FIFA World Cup Winner’s Trophy«, auf Deutschlandtour geschickt. Um den Pokal zu sehen, musste man sich ein grünes Bändchen holen und für fünfzehn bis fünfundvierzig Minuten in der sattprallen Sonne stehen. Dazu gab es Würstchen, Bier, Torwandschießen, Livemusik und zahlreiche Aufsteller, die rund um die WM in Brasilien informierten.

Eines dieser Schild fragte: »Wo warst Du in der 113. Minute?« In dieser Minute fiel ein Tor, das über Vize- und Weltmeisterschaft entschied. Ein eigentlich unmöglicher Moment: Flanke, Annahme mit Brust, Ablegen auf Fuß, Schuss, spitzer Winkel, dennoch am Torwart vorbei. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Zusammenspiel solch komplexer Aktionen zum Erfolg führt, ist gering. Doch es gelang.

Der Pokal ist dieser in Gold gegossene unwahrscheinliche Moment. Dieser Moment hat dieses Danach ermöglicht: Die Ehrenrunde, die Trucks, die Aufsteller, die Vitrine, die grünen Bändchen, die Livemusik, die Fanfotos, auf denen Mütter mit Töchtern stolz den Daumen recken, die Fotos, auf denen sonnenrotgebrannte Väter schwarz-rot-goldene Papierketten tragen.

Aufgrund dieses einen Moments ist dieser Donnerstag auf dem Theaterplatz in Weimar genau so, wie er ist.

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Miteinander reden am Wielandplatz

wieland (4) Da ist ein Platz in einer Stadt. Und der Platz liegt mitten in dieser Stadt. Am Abend kommen Menschen dorthin. Sie holen Bier aus dem angrenzenden Supermarkt, sie sitzen auf Steinbänken und sie reden miteinander.

Da sind Anwohner. Sie wollen schlafen, wenn es dunkel wird, weil sie am nächsten Morgen früh aufstehen müssen. Sie können nicht schlafen, weil sie hören, wie auf dem Platz Menschen miteinander reden.

Da sind Geschäftsleute und eines der Geschäfte ist ein Hotel und einigen Hotelgästen geht es wie den Anwohnern, sie können nicht schlafen und vielleicht bewerten sie deshalb das Hotel auf Portalen mit wenigen Sternen, weshalb sich zukünftig Gäste gegen einen Aufenthalt in diesem Hotel entscheiden könnten.

Da ist das Zitat einer Hoteldirektorin:

»Wer aber Weimar besucht, glaubt, eine Kleinstadt zu besuchen. Man erwartet keine belebte Piazza, in der auch nachts das Leben tobt. Gäste, die Weimar besuchen, kommen mit einer ganz anderen Vorstellung.« Weiterlesen

Glätten von Wogen. Das neue Bauhaus-Museum in Weimar.

Neues Bauhaus-Museum Weimar - Plan

In Weimar soll ein neues Bauhaus-Museum entstehen. Ein Großprojekt, lange angekündigt, lange geplant, lange diskutiert. Und es ist ja immer spannend zu sehen, wie Dynamiken entstehen. Wann wer aus welchem Grund sich dafür oder dagegen ausspricht, was geschehen muss, damit die Diskussion vom kleinen Kreis ins Bewusstsein der Öffentlichkeit springt und sich möglicherweise sogar zu einer Kontroverse auswächst.

Beim Bauhaus-Museum geschah das vor zwei Wochen. Die »Initiative Stadtforum« hatte in der Zeitung eine Simulation mit falschen Größenangaben veröffentlichen lassen, welche den Eindruck erweckte, das Gebäude wäre ein monströser, den Park verschandelnder Betonklotz. Dass direkt nach der Veröffentlichung eine maßstabsgetreue Ansicht dagegen gesetzt wurde, half nicht mehr viel.

Ein Bild war in der Welt, ein Streit entbrannt – über mangelhafte Kommunikation, fehlende Einbeziehung der Bürger, die ewige Frage von Kosten und Nutzen gestellt. Weiterlesen

Lesungstagebuch Henry Sy (1). Transmediale Frischkäseschnittchen.

Wir fertigen aus ihren Passfotos Postkarten

Fotothek, Weimar. 1.11.2012

In Weimar gibt es ein Fachgeschäft für vergessene Privatfotografien. Zu behaupten, alles dort ist mit Liebe zum Detail gestaltet, wäre eine maßlose Untertreibung. Gerahmte Bilder drehen sich auf Plattenspielern, an allen Orten Blumen, bunt eingeschlagene Fotoalben in Regalen, Frischkäseschnittchen mit Radieschenscheibchen auf Tischchen, Tee im Samowar, Kinoklappstühle in Reihe, Schuhkartons voll mit ungehobenen Fotoschätzen, sepiafarbene Porträtaufnahmen, gigantische Lupen, mit denen sich die Bilder genauer betrachten lassen – die Fotothek ist weit mehr als ein simples Fotoarchiv.

Lesen, als wäre 1995

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Pietro Lombardi schreibt Autogramme in Weimar und lacht sich dabei ins Fäustchen.

2001 schloss Anke Schäferkordt einen Pakt mit dem Teufel. Sie sagte zu Dieter Bohlen: „Ich fände es schön, wenn RTL auch in zehn Jahren noch der erfolgreichste Fernsehsender in Europa wäre.“ Der Teufel hatte dagegen nichts einzuwenden, bestand jedoch darauf, zukünftig das Gesicht des Senders zu sein. Anke Schäferkordt nickte zustimmend und zufrieden gaben sich beide die Hand.

Gott schaute sich einige Zeit lang an, was geschah. Dann beschloss er, Pietro Lombardi zu Deutschland sucht den Superstar zu schicken.

Heute sitzt Pietro Lombardi auf der Bühne neben einem einst als Gauforum geplanten Gebäude, welches nun als Einkaufszentrum genutzt wird. Ein großer Elektromarkt hat Pietro thüringenweit exklusiv für Weimar verpflichtet. Die Sonne brennt und Körper pressen sich gegen die zahlreichen Absperrgitter. Die häufigste Haarfarbe der Frauen ist lila, viele Männer tragen Shirts von Camp David. Ein Bruder von Michael Wendler steht neben Pietro und moderiert die öffentliche Autogrammstunde. Er fragt „Wer ist Pietro-Fan?“ und Arme gehen hoch und er fragt „Habt ihr eine gute Zeit?“ und Arme gehen hoch und er ruft “Drückt nicht so, hier vorn stehen ein paar ganz kleine Mäuse“ und die Arme blieben unten und als sie wieder hochgehen und ihn fotografieren, ruft er „Mich braucht ihr nicht fotografieren, mich kennt doch niemand.“

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It-ten Mu-che Maz- daz- nan.

22.00 Uhr. Weimar. Theaterplatz. Goethe/Schillerdenkmal. Der wahrgewordene Traum jedes Diplommediengestalters: Eine Videoprojektion mit Livemusik, die den zentralen Ort der Stadt für eine Stunde mit Farben und Klängen überschüttet, die auch noch eine Geschichte erzählen. In diesem Fall die Geburt des Bauhauses. Dance like it`s 1919. Oder Kulturhauptstadtjahr.

bauhaus_9bauhaus_1bauhaus_4 Weiterlesen