Teilen und Nichtteilen

we hate hate

Gestern habe ich auf meiner Facebookseite den Verweis zu einem Artikel geteilt. Der Artikel berichtete vom Roboter hitchBOT, der als eine Art soziales Experiment auf eine Reise selbstständig durch die USA geschickt und nach zwei Wochen mutwillig zerstört wurde. Ich glaubte in dieser Nachricht einige Aspekte des menschlichen Wesens zu entdecken: das Streben nach mehr Wissen, das Bedürfnis, eine künstliche Intelligenz erschaffen zu wollen, der Altruismus der Menschen, die sich zwei Wochen lang um eine Maschine kümmerten und die Brutalität des Menschen, die ihn zerstörten. Auf bemerkenswerte Weise fand hier Grundsätzliches zusammen, weshalb ich beschloss, die Informationen darüber zu teilen.

Kurz darauf las ich einen Artikel, der vom Tod eines sechzehnjährigen Mädchens berichtete, das vor wenigen Tagen auf der Gay Pride Parade in Jerusalem von einem ultraorthodoxen Juden mit einem Messer attackiert worden war.

Ich hatte Fotos gesehen; der Attentäter Sekunden vor seiner Tat, wie er in seiner Jackentasche nach dem Messer greift. Der Attentäter, wie er in die Masse der Feiernden läuft und wahllos mit dem Messer in Menschen hineinsticht. Ein schwer zu ertragendes Fotos, wie der Attentäter das Messer in den Rücken eines Mädchens im grünen Shirt rammt, in den Rücken wohlgemerkt, knapp unterhalb des Hals, so dass das Mädchen nicht die geringste Möglichkeit hatte, sich irgendwie zur Wehr zu setzen. Der Attentäter, wie er mit leeren, schuldunbewussten Augen von Sicherheitskräften auf den Asphalt niedergedrückt wird.

Diesen Artikel habe ich nicht geteilt.

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Das beliebteste Volk der Welt


Wisst ihr noch, als wir Deutschen das beliebteste Volk der Welt waren? Als wir wieder unbeschwert Fähnchen schwenken konnten und Sommermärchen rufend durch Berlin zogen, als wir stolz und zufrieden die Umfragen auswendig lernten, die bestätigten, dass Völker uns mehr liebten als andere Völker, selbst als Touristen waren wir beliebt, weil wir weltoffen und bescheiden waren, zwar noch immer ein wenig hüftsteif und akribisch, aber das war sympathisch, auf eine entzückend altmodische Weise liebenswert und wir wollten auch tanzen und nicht mehr verbissen sein und das Entspannt sein wollten wir lernen, wir wollten uns Mühe geben, uns weniger Mühe zu geben und wir hatten den Gürtel enger geschnallt und dafür den Wind geerntet und wir hatten aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und uns eine angemessene Zeit lang angemessen verhalten.

Wisst ihr noch? Weiterlesen

Die guten Anliegen

anliegen 1 Mehrmals die Woche werde ich angesprochen. Von Menschen, die ein Anliegen haben. Meistens stehen sie am Goetheplatz in Weimar. Sie haben Stände aufgebaut, halten Mappen in den Händen und tragen ein zupackendes Callcenterfreundlichkeitslächeln auf den Lippen. Wer von dieser Seite in die Stadt will, muss über den Goetheplatz gehen. Deshalb ist es Ihnen ein Leichtes, dort Passanten anzusprechen.

Vermutlich legt mein Äußeres die Vermutung nah, ich könnte mich für Anliegen interessieren. Ich werde gefragt, ob ich mich für die Rechte von Tieren interessiere, die Rechte von Menschen, die Rechte von Kindern. Ich werde gefragt, ob ich mich für Umweltschutz stark machen möchte, für Delfine, für Resozialisierungmaßnahmen. Ich werde gefragt, ob ich mich gegen Kinderarbeit positionieren möchte, gegen Massentierhaltung, gegen Gentechnik. Ich werde gefragt, ob ich soziale Dienstleistungen unterstützen will, demokratische Entscheidungsprozesse, nachhaltige Landwirtschaft. Ich werde gefragt, ob ich Älteren, Schwächeren, Hungernden Hilfe leisten möchte. Weiterlesen

Miteinander reden am Wielandplatz

wieland (4) Da ist ein Platz in einer Stadt. Und der Platz liegt mitten in dieser Stadt. Am Abend kommen Menschen dorthin. Sie holen Bier aus dem angrenzenden Supermarkt, sie sitzen auf Steinbänken und sie reden miteinander.

Da sind Anwohner. Sie wollen schlafen, wenn es dunkel wird, weil sie am nächsten Morgen früh aufstehen müssen. Sie können nicht schlafen, weil sie hören, wie auf dem Platz Menschen miteinander reden.

Da sind Geschäftsleute und eines der Geschäfte ist ein Hotel und einigen Hotelgästen geht es wie den Anwohnern, sie können nicht schlafen und vielleicht bewerten sie deshalb das Hotel auf Portalen mit wenigen Sternen, weshalb sich zukünftig Gäste gegen einen Aufenthalt in diesem Hotel entscheiden könnten.

Da ist das Zitat einer Hoteldirektorin:

»Wer aber Weimar besucht, glaubt, eine Kleinstadt zu besuchen. Man erwartet keine belebte Piazza, in der auch nachts das Leben tobt. Gäste, die Weimar besuchen, kommen mit einer ganz anderen Vorstellung.« Weiterlesen

Jede Generation hat das Recht auf eine eigene Chantal

Ich habe den Teaser zu Fack Ju Göthe 2 gesehen. Fack Ju Göthe 2 ist die Fortsetzung der erfolgreichen Komödie Fack Ju Göthe. Im Teaser von Fack Ju Göthe 2 steht die aus dem ersten Teil bekannte und beliebte Figur Chantal im Mittelpunkt. Chantal fährt auf Klassnfart nach Bangkok. Sie hat einen Selfiestick bei sich und verliebt sich in einen Affen. Chantal-Darstellerin Jella Haase erklärt zu Fack Ju Göthe 2: »Das Publikum kann sich auf sehr viel Chaos, Bikinis und verrückte Abende freuen

Unter dem Video stehen Kommentare. Etliche Kommentatoren zeigen sich begeistert vom Fack Ju Göthe 2-Teaser. Sie schreiben:

»Ey dieser Film wird abnormal bombe ya«

»Wer hätte das gedacht…dass man sich soo sehr auf einen deutschen Film freut ne :)«

»Kanns kaum erwarten! :)«

»that’s gonna be fucking awesome :D« Weiterlesen

90 Tage in Wels.

reinberglicht

Die Zeit als Welser Stadtschreiber ist vorbei. Drei Monate habe ich in Oberösterreich verbracht und zu vierundzwanzig verschiedenen Stunden vierundzwanzig verschiedene Orte besucht.

Ich war im Gericht, auf der Trabrennbahn, im alten Rom, im Zirkus, im Nebel unterwegs, auf dem ESC, auf einer Gemeinderatssitzung, im Wettbüro, auf einer Kuchenmesse, auf dem Richard-Wagner-Festival, auf einem Maibaumfest, an einer Müllverbrennungsanlage und hab Proteine gekauft.

Anders gesagt: Ich habe eine Menge von Wels gesehen. Und darüber geschrieben.

»24 Stunden Wels«

trabrennbahn-15 Weiterlesen

Ein Flugzeug ist abgestürzt.

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Ein Flugzeug ist abgestürzt. Ich muss nicht zwangsläufig dazu einen Standpunkt beziehen. Ich müsste nicht zwangsläufig davon betroffen sein. Ich bin es dennoch und ich frage mich, aus welchem Grund ich das bin. Weil viele der Opfer aus dem Land stammen, in dem auch ich lebe? Gäbe es eine ähnlich starke Verbundenheit mit Menschen, die grüne Augen haben oder halblanges hellbraunes Haar oder Linkshänder sind?

Ich müsste mich von so vielem mehr betroffen zeigen. So viel Leid geschieht. Ich muss das so kaltherzig schreiben: Das meiste Leid ist erwartbar. Ich könnte in Erfahrung bringen, wie viele Menschen jeden Tag verhungern und verdursten und an Armut sterben und im Krieg und an nicht behandelten Krankheiten. Es gibt Durchschnittswerte, das Leid ist erwartbar.

Ein Flugzeugabsturz ist auch zu erwarten. Jedes Jahr stürzen Flugzeuge ab. Dennoch geschieht dies unerwarteter. Welches Flugzeug, wo und wann – eine Vorhersage ist unmöglich. Dieses Leid erscheint willkürlich. Ich weiß, Leid kann nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Und ich weiß auch, dass ich mich nicht entschuldigen muss, wenn mich etwas stärker berührt als anderes.
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