The Revenant | Das Atmen des Menschen auf die Kamera

Dieser Film ist nicht kalt. Und das ist erstaunlich. Denn oft laufen Männer oberkörperfrei durch die Schneeweite des nördlichen Amerikas. Männer waten in eiskaltem Flusswasser. Eiskristalle verfangen sich in Barthaaren, an Nasen hängen Eiszapfen und wenn im Todeskampf Spucke spritzt, gefriert sie, sobald sie den Mund verlässt. Dennoch ist mir nie kalt.

Dieser Film ist nicht warm. Dabei gibt es diese Szene: Leonardo DiCaprio weidet einen Schimmel aus, um in der sterblichen Pferdehülle Wärme zu finden. Mit beiden Händen hebt er Herz und Gedärme aus dem Kadaver, Dampf steigt auf und als DiCaprio nackt im Tier verschwunden ist, müsste mir warm sein. Aber warm ist mir nicht.

Dieser Film erzählt von Weite und Größe der Welt. Vom kleinen, winzigen, unbedeutenden Menschen darin. Dem Universum, Gott, dem Zufall, den Tieren ist es egal, ob der Mensch lebt. Ob er Flechten von Steinen kratzt, die Zähne in Fische schlägt, mit Wölfen um Bisonfleisch kämpft. Dem Universum ist es gleich, was der Mensch denkt, wenn er zu den Sternen aufblickt und das grüne Nordlicht sieht und was für Metaphern ihm beim Anblick von majestätisch vorbeiziehenden Wolken in den Sinn kommen. Weiterlesen

Köln. Einself ist kein Dialog.

Es ist kompliziert.

Birgit Kelle fordert einen Aufschrei.
Die CSU setzt sich für die Gleichberechtigung von Frau und Mann ein.
Ein Linker agiert mit antisemitischen Äußerungen.
Ein Rechter verteidigt Israel.
Ein Konservativer macht sich für Schwulenrechte stark.
Ein TTIP-Gegner möchte Sigmar Gabriel am Galgen hängen sehen.
Ein Putin-Sympathisant kritisiert die amerikanischen Drohneneinsätze.

Es gibt viele Positionen. Einige teile ich, einigen würde ich unter allen Umständen entgegentreten. Diese Positionen werden von Leuten vertreten, mit deren Meinung ich oft übereinstimme oder deren Weltbilder meinen fremd sind.

In letzter Zeit vermischt sich das oft. Leute, denen ich stets widersprochen habe, vertreten Meinungen, die auch meine sind. Meistens zögere ich dann. Meistens kann ich dann nicht so ohne weiteres zustimmen. Meistens brauche ich dann etwas Zeit, um darüber zu nachzudenken.

Was nicht schlecht ist. Sich und die eigenen Positionen zu hinterfragen. Den Blick auf andere zu hinterfragen. Schubladen schließen. Vermeintliche Gewissheiten prüfen.

Gestern war so ein Tag. Weiterlesen

Star Wars | Das Nachstellen der Macht

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Nach etwa dreißig Minuten gibt es eine unerwartete Szene: Die alten Helden – Leia Organa, Han Solo, Luke Skywalker, Chewbacca – laden die neuen Helden zu sich nach Hause ein. Es gibt Kaffee und Kuchen, man plaudert miteinander und schaut dann gemeinsam »A New Hope« in der originalen Fassung an.

An dieser Stelle des Films hat der Film schon einiges geschafft: Er hat die neuen Helden – eine entschlossene Schrottsammlerin, einen draufgängerischen Stormtroopers-Deserteur, einen mutigen X-Fighter-Piloten, eine pfeifende Kugelrobotereinheit – so in das Universum geführt, dass sie sympathisch erscheinen und man interessiert ist an dem weiteren Verlauf ihrer fiktiven Leben. Außerdem hat der Film klar gemacht, was geschafft werden muss, damit er ein Ende finden kann. Ein Ziel ist definiert, mehrere Zwischenstationen, ein Bösewicht, einige Mysterien, die in den kommenden Episoden gelöst werden sollen.sw1 Weiterlesen

Alben 2015 | Besonders gegen Erwartungen.

zugezogen

Zugezogen Maskulin – Alles Brennt
Zu HipHop und Rap kann ich nicht viel sagen. Dabei müsste mich Musik, die so viel Wert auf das Wort legt, eigentlich unablässig begeistern. Dass dem nicht so ist, liegt möglicherweise an den Weltbildern, auf welche die verwendeten Worte zu oft Bezug nehmen, Ansichten zur Gesellschaft, die natürlich die Gesellschaft abbilden. Aber eben auch Haltungen, die zu oft nicht mit meinen kompatibel sind. Sicher finde ich es interessant, wenn Haftbefehl eine neue Sprache erfindet. Aber ihn allein deshalb abfeiern, geht dann eben doch nicht.

Anders Zugezogen Maskulin. Die erfinden keine Sprache. Aber sie verwenden sie, um die Gegenwart zu beschreiben. Grimmig, schlau, poetisch, genau, direkt und vor allem empathisch und wütend. Wütend auf die Umstände, die wir trotz aller Widersprüche weiterhin zulassen. Und empathisch genug, um Opfer nicht als Schimpfwort zu verwenden. Wenn ein Jahr gemacht war für ein Album wie »Alles Brennt«, dann 2015. Mein Liveticker des Jahres.

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Theater in Weimar.

dnt weimar - diskussion

Wir sitzen im Deutschen Nationaltheater Weimar. Das allein ist schon eine Sensation. Denn das DNT existiert, wie jemand später anmerken wird, seit den Kreuzzügen. Dann kam die Entdeckung Amerikas, dann Goethe, dann Friedrich Ebert, dann die Nazis, dann der Sozialismus, dann der Kapitalismus.

Heute kommen der Oberbürgermeister und der Intendant, der Kulturminister und die Staatssekretärin ins DNT. Sie sitzen auf der Bühne und sprechen vor vielen Weimarern über die Zukunft des Theaters. Oder anders: So gut wie alle sprechen über die Zukunft des Weimarer Theaters. Der Minister spricht über die Zukunft der Theater in Thüringen.

Auch in Zukunft wird es Geld geben. Für Theater. Aber weniger. Oder mehr. Auf jeden Fall anders. Dafür reist der Minister in Thüringens Theaterstädte und spricht in den Theatern über die Zukunft dieser Theater. Jede Theaterstadt wird zu Recht erklären, dass gerade dieses eine Theater unverzichtbar sei; Arbeitsplätze, Stadtidentität, Lebensmittelpunkt, über Jahre gewachsenes Kulturbiotop, Integrationsarbeit, Bildungsort. Für Weimar und die Weimarer, wird in Weimar gesagt, sei das Theater die Seele der Stadt.

Schnell werden zwei Dinge klar: Weiterlesen

Kino | All die Lebensläufe, so lustvoll in Gesichter gemeißelt.

Steve Jobs | Inside Out | Spectre | Bridge of Spies | Irrational Man

Steve Jobs

Hier ist die Frage: Warum ein Theaterstück im Kino anschauen? Welchen Mehrwert bietet die Leinwand gegenüber der Bühne?

Die Form, für die sich Aaron Sorkin entschieden hat, um nicht unbedingt von Jobs Leben, als vielmehr von dessen Persönlichkeit zu erzählen, ist ein Drama in drei Aufzügen vor jeweils einer ähnlich kargen Kulisse: die Zeit unmittelbar vor einer der bekannten Jobs-Präsentationen (Macintosh / NeXT / iMac). Dabei treten dreimal die selben Personen auf, die dadurch die verschiedenen Facetten von Jobs Charakter vermitteln sollen.

Der Mehrwert zum Theater sind die sorkintypischen langen Kamerafahrten mit den pointierten, unendlich spitzfindigen Dialogen, die kein Mensch jemals so aufsagen würde und die mehr Informationen auslassen als vermitteln. Kann man als interessierter Zuschauer Teile davon decodieren, fühlt man sich gleich um zehn IQ-Punkte intelligenter.

Schwer macht es sich »Steve Jobs«, weil er einen Unsympathen porträtiert und sich keine Mühe gibt, seine Hauptfigur sympathisch zu zeichnen. Falls man also dem  Film eine Botschaft unterstellen möchte, dann für 98% der Laufzeit diese: Wer Großes leisten will, darf keinerlei Rücksicht auf seine Mitmenschen nehmen.

In den letzten zwei Minuten dreht sich das dann leider ins Gegenteil: Wirklich Großes kann nur schaffen, wer menschlich handelt. Vielleicht, weil es sich Sorkin und Boyle nicht mehr den Applejüngern verscherzen möchte. Oder weil Helden geläutert werden müssen.

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