Irritierend… Notre-Dame.


Irritierend, den Brand mit der Verzweiflung der Geflüchteten in Verbindung zu bringen und zu unterstellen, wer entsetzt sei über die Zerstörung von Notre-Dame, habe keine Herz. Als wäre es nicht möglich, Trauer auf verschiedenen Ebenen zu empfinden, für vieles und das zugleich, dass ich über die Zerstörung von Palmyra erschüttet und zugleich empathisch sein kann mit den Menschen im Krieg, an der Seite der Opfer der Taliban bin und mich zugleich die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan zutiefst berührt.

Irritierend, der Entstehung von Verschwörungstheorien in Echtzeit beizuwohnen, von Menschen zu lesen, die noch während des Brandes mutmaßen, dass ihnen etwas verschwiegen werden soll, weil sie noch nichts über die Brandursachen erfahren haben. Schon Filme von verdächtigen Männern auf der Balustrade sehen, veränderte Tonspuren hören, in die »allahu akbar« gemixt ist, in den Statusmeldungen Hinweise auf das kommende Osterwochenende lesen und dahinter ein bedeutungsschweres Fragezeichen gesetzt sehen etc. Und zu wissen, dass für alle, die daran glauben möchten, ausreichend Möglichkeiten gegeben sind, den Brand von Notre-Dame zukünftig als Beweis für das Lügen der aufgeklärten Gesellschaft anzuführen. Weiterlesen

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Fridays For Future. Der Schrei.

Jemand steht vor den Kindern und ist dagegen. Niemand fragt ihn, warum er dagegen ist. Also sagt er es laut. Er sagt, die Erderwärmung gibt es nicht. Er sagt, die sind doch von der Umweltlobby gezwungen. Er sagt, so wird die Dummheit unterstützt, die dieses Regime oben hält. Er sagt, dieses Mädchen mit den Zöpfen ist doch krank. Er sagt, die mit ihrem Ökofaschismus ist schuld am Terroranschlag in Christchurch. Er sagt, die Kinder sind doch naiv. Er sagt, die Kinder sollen doch mal selbst denken und nicht wie Schafe einer Herde sein. Er sagt, die sollen lieber Müllsammeln gehen anstatt mit Schildern durch die Stadt. Er sagt, die sollen samstags streiken, Schulschwänzer sind nicht glaubwürdig.

Jedenfalls ist er aufgebracht. Die Kinder und ihre Schilder triggern ihn. Sie rühren etwas in ihm an. Ansonsten würde er nicht so heftig empfinden. Wenn er sonst nichts einräumt, zumindest das muss er einräumen. Weiterlesen

Alben 2018. Jede Menge Unendlichkeiten.

Snail Mail – Lush

Internet gibt nur absolut unzureichend das strahlende Rot des Covers wieder, das schleichende Blau als Kontrast. Ebenso unvollständig Worte die Musik von Lindsey Jordan. Eine Operation am offenen Herzen vielleicht, alles liegt vor einem, lauter Details, jeder Schnitt ein Zauber.

Die Nerven – Fake

Die flammenrote Artefakte eines schlecht komprimierten Fotos fragen: Wie kann man wütend sein, ohne zum Wutbürger zu werden? Oder geht es gar nicht darum, Antworten zu liefern, sondern Fragen in Form von musikalischer Entäußerung zu stellen? Sträuben als Kraftakt.

Tocotronic – Die Unendlichkeit

Leuchtet im Dunkel. Funktioniert als Metapher für diese Rockoper über das Aufwachsen in der Provinz. Und wortwörtlich, wenn man das Plattencover nur lang genau mit Licht bestrahlt.

The Screenshots – Ein starkes Team / Übergriff

Indierock wie ein guter alter 140-Zeichen-Tweet.
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Martin Sonneborn als Graf von Stauffenberg versucht auf eine Lesung von Björn Höcke zu gelangen

Martin Sonneborn steht auf einer Frankfurter Toilette. Er will sich umziehen. Das Kostüm hat er auf die Buchmesse geschmuggelt. Aus seinem Rucksack fummelt er eine Uniform, die wie alle Uniformen schneidig ist, niemand würde unschneidige Uniformen tragen wollen. Vor allem aber ist es die Uniform von Graf von Stauffenberg.

Martin Sonneborn hat die größte patriotische Tat begangen, größer als alles, was die AfD in ihrer tausendjährigen Geschichte jemals geschafft hat: Er hat die Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland geholt. Heute sitzt er im Europarlament, arbeitet dort engagierter als viele seiner Kollegen und hat zu oft ranzige Witze über Frauen auf Lager.

Jetzt steht er unten an der Rolltreppe. Oben im Konferenzraum Concordia stellt Björn Höcke sein neues Buch vor: ein Fluss, eine Zeit, ein Gedankengut, das niemals dasselbe ist, aber sehr ähnlich sein kann. Martin Sonneborn trägt eine schwarze Augenklappe und hat eine Aktentasche aus braunem Leder bei sich, so eine, wie Stauffenberg sie damals unter dem Tisch in der Wolfschanze platziert hatte. Doch Sonneborn kommt nicht weit. Sicherheitsleute verweigern ihm den Zutritt zur Lesung.

An dieser Stelle endet der Text. Man kann keine launigen Texte über eine Lesung von Björn Höcke schreiben. In seinem neuen Buch schreibt Björn Höcke von einem kommenden »Aderlass«, fragt, ob »ein Volk überhaupt in der Lage ist, sich selbst aus dem Sumpf wieder herauszuziehen«. »Es braucht eine starke Persönlichkeit und eine feste Hand an langer Leine, um die zentrifugalen Kräfte zu bändigen und zu einer politischen Stoßkraft zu bündeln« schreibt er und folgert, dass »wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind« mitzumachen. Weiterlesen

Jan-Philipp hebt in Chemnitz die Hand zum Hitlergruß

Jan-Philipp hat vorgeglüht. Leim schnüffeln, den Leim, mit dem Freiherr Götz von Kubitschek seine Antaios-Bücher in Polen binden lässt und dazu Sing meinen Song gehört, die Folge, in der Xavier Naidoo die emotionalsten Lieder von Frei.Wild neuinterpretiert. Noch zwei Dosen Sterni nachgekippt und dann ab zum Nischel.

Dort treffen sich die Kollegen, um zu trauern. Die Kollegen kommen vom Sonnenberg. »Nazikiez« schrieben die aus dem Feuilleton. Für Jan-Philipp ist es Heimat. Deutsche Heimat. Ein Pleonasmus. Jan-Philipp lacht. Wie ostdeutscher Patriot.

Am Nischel ist die Hölle los. Joachim Gauck liest seinen vielbeachteten ZEIT-Artikel vor, Michael Kretschmer bittet die Gegendemonstranten eindringlich, das Image von Sachsen nicht nachhaltig zu schädigen und Frank Plasberg macht ein spontanes Hart aber Fair, weil Faschismus eine Meinung ist und die auch ihren Platz haben muss im Diskurs. Mäßig interessiert hört Jan-Philipp zu. Lieber geht er jagen; Gutmenschen, Ölaugen, Schmierfinken, Volksverräter eben. Oder wie es in der Nationalelf heißen würde: Kartoffeln gegen Kanaken. Weiterlesen

Mesut oder nicht – Die große Samstagabendshow mit Markus Lanz

Markus Lanz ist zufrieden. Ihm und seinen Leuten ist es gelungen, innerhalb weniger Tage eine große, ach, die größte Samstagabendshow auf die Beine zu stellen. Das war wichtig. Immerhin geht es um das Thema, das die Nation wie kein zweites spaltet. Mesut Özil. Also Fußball. Also das Mitsingen der Nationalhymne. Also der Verlust von Fußball als gesellschaftlicher Konsens. Also Vorbildfunktion als sportlicher Repräsentant. Also eklige Medienkampagne. Also wie man mit freiheitsfeindlichen Meinungen in einer freien Gesellschaft umgehen soll. Also Leben zwischen verschiedenen Kulturen. Also wer welche Kultur wie begründet. Also wer für sich in Anspruch nimmt zu entscheiden, wer wo dazu gehört. Also Diskriminierungserfahrungen. Also wie ernst nichtdiskriminierte Deutsche Diskriminierungserfahrungen anderer Deutscher nehmen. Also systemische Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Also Deutschsein.

Es ist wahnsinnig kompliziert. Deshalb haben sich Markus Lanz und seine Leute überlegt, wie es ganz einfach wäre. Was wäre einfacher zu verstehen als eine Samstagabendshow? Ihre Idee: In Mesut oder nicht entscheidet sich jeder für eine von zwei Seiten. Mesut. Oder eben nicht. Das Besondere daran: Jeder Deutsche – gleich, aus welchem Land ihre Eltern kommen – nimmt daran teil. Zwei Hot Buttons, einer MUSS gedrückt werden. Damit ist die Sache dann erledigt. Weiterlesen