Weimar, Kabul

Wir fahren mit N. zu einem Handballspiel. N. kommt aus Kabul. In Afghanistan hat er Politik studiert. Nach mehreren Mordanschlägen auf Kommilitonen gibt er das Studium auf. Danach arbeitet er fürs Fernsehen – auch für afghanische Ableger europäischer Sender –, trainiert einen Fußballverein, engagiert sich im Nachwuchsbereich. 2015 kommt er nach Deutschland, lebt jetzt in Weimar.

Es ist sein erstes Handballspiel. In der Halle macht er Selfies mit einer Nationalspielerin, Fotos und Videos, die er auf Facebook teilt, wo sie umgehend kommentiert werden.

N. hat Sprachkurse besucht. Ab und an fragt er nach Wendungen, bittet um Korrektur seiner Aussprache, seiner Wortwahl. Er hat Abitur, sucht eine Arbeit. Gefunden hat er bisher keine. Für einen lokalen Radiosender hat er Beiträge gemacht, war auf Workshops in Schulen dabei. Ansonsten – nichts.

Arbeiten will er, etwas tun. Für eine Arbeit, eine Ausbildung muss er tagsüber verfügbar sein. Tagsüber sind Kurse, Gänge zu den Ämtern. Auf die Ämter muss er oft, viele Stellen mit verschiedenen Zuständigkeitsbereichen.  Er muss selbst einen Weg finden, durch die Gespräche, das Amtsdeutsch, die Zuständigkeiten, die Nichtzuständigkeiten. Eine Streetworkerin unterstützt ihn dabei, beide sind nach Monaten ergebnisloser Suche ernüchtert und frustriert. Weiterlesen

Stefanie Sargnagels Babykatzengate. Klingt lustig, ist es nicht

Wels, Volksgarten, Juni 2015. Stefanie Sargnagel hat am Tabak Pavillon eine furiose Lesung gehalten. Danach zusammensitzen, der Abend, die Nacht ist mild. Die Anwesenden sprechen über vieles, wir später über Hildesheim und das Prosanova, Wanda, Wien, über das Schreiben fiktionaler Literatur und die Schwierigkeiten dabei, die Grenzen, die sich auftun, wenn sich Reales in den Text schiebt und das Erdachte überlagert und umgekehrt.

Anfang 2017 verfasst sie mit den Autorinnen Lydia Haider und Maria Hofer für die Literaturbeilage des Standards ein Tagebuch über eine Reise nach Marokko, grandioser Gonzo, in dem sie Erlebtes mit Erdachtem mischt, überhöht natürlich und damit genau die Klischees vorwegnimmt, die ihr von rechter, kleinbürgerlicher Seite so oft zugeschrieben werden.

Wenige Wochen danach erscheint ein Artikel in der Kronen Zeitung, der beabsichtigt oder nicht diese Überhöhungen für bare Münze nimmt. Der Artikel wird von einschlägigen Seiten geteilt, FPÖ-Landesgruppen klinken sich ein, Trotteltrolle kommentieren, Onlinehasser, Morddrohungen, Verwaltigungsdrohungen inklusive. Ein ehemaliger Haiderspindoktor und der Schriftsteller Thomas Glavinic mischen ebenfalls irgendwie mit. In einem niederträchtigen Nachfolgeartikel der Kronen Zeitung wird Stefanies Wohnort in Kärnten – dort ist sie nach Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis momentan Stadtschreiberin – demonstrativ veröffentlicht, mit dem Hinweis, dass sie »willig« sei.

Dazu muss man wissen, dass sich Stefanie Sargnagel klar gegen Nationalismus, Rechtspopulismus, damit die FPÖ, Sexismus, all das ganze Dumpfe und Bequeme und Selbstherrliche positioniert hat. Dazu muss man auch wissen, dass sie Teil der Hysteria ist – kein Satireprojekt – einer Burschenschaft, die allein Frauen in ihren Reihen akzeptiert und damit die Burschenschaften zur Weißglut treibt, weil sie deren Gebaren eins zu eins imitiert und auf nahezu ideale Weise deren lächerliches Wesen offenbart.

Nach den Gewaltandrohungen hat Facebook eine Sperrung verfügt – gegen Stefanie. Und das ist war deshalb ein so fatales Zeichen, weil es hier nicht um die Frage geht, was Kunst ist, darf und ob und wie sie gefördert wird. Sondern weil es sich um gezielte Angriffe gegen jemanden handelt, die eine Sprache gefunden hat gegen das Rechtsnationale und der nun durch die persönlichen Anfeindungen und Todesdrohungen die Courage genommen werden soll, weiter zu sprechen.

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– Drei Autorinnen in Marokko: „Jetzt haben wir ein Pferd und Haschisch“

– Saufen und kiffen auf Kosten der Steuerzahler

– Stellungsnahme auf Twitter

– Die Alpha-Männchen gegen Stefanie Sargnagel

– Wirbel um Marokko-Reisebericht von Sargnagel, Haider und Hofer: Der Einfachheit erlegen

– auf Deutschlandradio

 

Edit: Mittlerweile ist die Sperrung aufgehoben und gegen die Verfasser bestimmter Posts wird ermittelt.

Der Mann, der Hollywood vergeigte.

Du bist Clyde Barrow, du bist Dick Tracy, du bist Bugsy Siegel.

Du bist Warren Beatty.

Du stehst im Dolby Theatre Los Angeles. Vor dir deine Kollegen, Freunde, Feinde natürlich. Deine Welt. Hollywood.

Du öffnest einen Umschlag und entnimmst einen Zettel. Du liest. Du bist verwirrt. Da steht zwar der Name eines Films – des Films, den du, den alle erwartet haben – aber da steht auch der Name einer Schauspielerin. Du zögerst. Liest erneut. Schaust auf. Hörst das Publikum deine vermeintliche Kunstpause vergnügt belachen. Zögerst. Schaust zu Faye – zu Bonnie Parker – liest wieder. Spürst die Unruhe, die sich breit macht.

Was sollst du tun?

Du willst es nicht vergeigen. Du weißt, es wird sehr wahrscheinlich einer deiner letzten großen Auftritte sein. Dein letzter Erfolg liegt lange zurück. Du bist achtzig Jahre, du bist eine Legende, kein Star mehr.

Irgendwie ahnst du: Die Sache ist schon vergeigt.

Was sind deine Optionen hier? Du kannst den Namen des Films vorlesen, dabei annehmen, dass der Academy keine Fehler unterlaufen, dass sie dir niemals einen falschen Umschlag reichen würden. Aber es ist 2017, Donald J. Trump amerikanischer Präsident. Du weißt, es könnte auch ein alternatives Universum sein, in dem wir uns befinden, 2017 kannst du nicht mehr darauf vertrauen, dass alles seine Richtigkeit hat, nur weil es davor so war.

Du könntest um Hilfe bitten. Zu Jimmy gehen, zu einem der Männer mit den Headsets, dich vergewissern. Doch wie würdest du dann aussehen? Wie ein verwirrter Tattergreis, zerstreut, senil, schwach, unfähig, selbst so etwas simples wie Kartenvorlesen noch auf die Bühne zu bringen.

Du schaust auf. Hunderte vor dir, das Business, die Kollegen, die hämischen Feinde. Millionen schauen zu dir. Du musst dich entscheiden. Weiterlesen

Nicht plärren. Nicht schubsen. Nur Schneebälle.

Buchenwald

# Buchenwald

Am Freitag war ich in Buchenwald. Strahlend blau der Himmel, weit und weiß lag Schnee auf dem Gelände, die entsetzliche Leere. Zehn vor zwei liefen ein paar Jungs Richtung Parkplatz, »Da isser, er kommt« riefen sie einander zu und »Nicht plärren. Nicht schubsen. Nur Schneebälle.« Gleich darauf kehrten sie unverrichteter Dinge zurück, der Fraktionsvorsitzende hatte einen sehr kurzen Auftritt gehabt.

Die Gedenkveranstaltung begann mit einiger Verzögerung. Einer der Sätze war: »Innehalten genügt nicht mehr.« Zwei Landtagsabgeordnete der Alternative, einer im schwarzen Mantel, eine im weißen Pelz, hatten sich unter die Anwesenden gemischt. Sie wurden erkannt, »Sie sind eine Schande für das Land« wurde gerufen und der im Mantel zückte sofort sein Smartphone, filmte, rief: »Nein, Sie sollten sich schämen.« Nachdem sie einem Journalisten Antworten in den Block diktiert hatten, verließen sie das Gelände.

Es ist die Schrödingers Katze der Alternative, nur ein Zustand ist letztlich möglich: Entweder legt man einen Kranz in Buchenwald nieder. Oder man belässt einen mit einer Dresdner Rede in der Partei. Beide Zustände zugleich sind unmöglich. In beiden Zuständen agieren zu wollen, ist die Entscheidung für einen Zustand, eine Schlussfolgerung so lange schon so offensichtlich, dass sie nicht aufgeschrieben werden müsste, selbst für Wähler*innen der Alternative nicht mehr.

# 15:30

Das Hausverbot für Björn Höcke galt bis 15:29 Uhr. Danach hätte er auf dem Gelände in aller Ruhe, gemessen und still, der Ermordeten gedenken können. Allerdings hatten da die Kameraleute ihre Kameras eingepackt, waren die Redakteurinnen schon am Schneiden und hatten den Namen Höcke längst in den nächsten Nachrichtenzyklus eingespeist.

# Mann am Tisch

Der Präsident sitzt am Tisch, umgeben von anderen Männern, einige in Uniform, viele in Anzügen, nur Stephen Bannon in heller Cargohose, als einziger entspannt, fast beschwingt. Der Präsident unterzeichnet ein Dekret, hält das Papier in die Kamera, mit einer Miene, die er als staatstragend empfindet – er hat etwas getan. Er ist aktiv geworden. Er ist ein Macher. Er hat einen seiner Tweets unterschrieben und sein Amt lässt nun diesen Tweet Wirklichkeit werden. Weiterlesen

La La Land. Seltsame Unschuld in Zeiten von Tinder.

Alte Damen

Im Publikum größtenteils ältere Damen, was mich wehmütig werden lässt, so, als möchte ich glauben, die Damen würden diesen altmodischen Film sehen und sich dabei an die Musicalfilme ihrer Jugend erinnern und damit in ihre Jugend zurückversetzen wollen.

Kapern, kopieren, zerstören

Der Film beginnt mit einem Tanz während eines Staus auf dem Highway. Menschen reißen Autotüren auf, bewegen sich tanzend aufeinander zu,  die Individuen vereinen sich zu einer gut gelaunten Masse, die ein alltägliches Ärgernis in eine Feier der guten Laune verwandelt.

Ich fühle mich unangenehm an die Werbung von Mobilfunkanbietern erinnert und frage mich, ob nicht alle filmischen Augenblicke längst von der Werbung gekapert, kopiert, imitiert und damit zerstört wurden und ob ich gute Laune in Kinofilmen überhaupt noch aushalten möchte.

Rothaarig, mit blasser Haut

Schnell wird eines der zentralen Themen von La La Land deutlich: Individualität. Vielleicht am eindringlichsten geschieht das in der Castingszene, in der Mia auf dutzende, ebenfalls rothaarige Schauspielerinnen mit blasser Haut und großen Augen trifft und klar wird: Es gibt viel zu viele wie mich, als dass ich besonders sein könnte. Und dennoch muss ich natürlich vom Gegenteil überzeugt sein.

Primärfarben

Ich mag die starken Farben der Kleider. Überhaupt sollten Filme mehr mit starken Farben arbeiten. Das Matrixgrüne-Zeitalter sollte niemals wiederkehren.

Die Wange Ingrid Bergmans

Eine Wand von Mias Zimmer ist mit dem Abbild von Ingrid Bergmans Gesicht bedeckt. So raumgreifend ist das Gesicht, dass die Wange allein größer als Mia wirkt und aus einer glatten, einfarbigen und damit konturenlosen Fläche zu bestehen scheint, ein Star, der sich beim Näherkommen auflöst.

Mit Legenden bemalte Häuserwände

Auffällig oft läuft Mia an mit Bildern von Filmlegenden bemalten Häuserwänden vorbei; Marlon, Humphrey, W.C., Marilyn, James etc.

Die zwei Ryans

In der ersten halben Stunde sieht Ryan Gosling wie Ryan Reynolds aus.

Mia & Sebastian

Froh bin ich auch, wenn das Zeitalter der Mias vorbei sein wird. Den unaufgeregten Klang des Namen Sebastian empfinde ich als angenehm. Die Abkürzung Seb hingegen jagt mir einen Schauer über den Rücken.

Emma Stones Augen

In Emma Stones Augen passen Ryan Goslings Augen mindestens fünfmal hinein. Weiterlesen

Kampfquallen mit Freisprechanlagen

swag-1+++ ???! +++ Storch +++ Sport +++ Fakenews +++ Tresentwitter +++

# Kampfqualle, unangeleint

Bei Max Goldt den schönen Satz gefunden: »Weltgeschichte kotzt mich gerade an wie eine unangeleinte Kampfqualle.« Wird man bestimmt häufiger gebrauchen können in diesem Jahr.

# Schnee

Woher dieses Bedürfnis, sowie sich eine Schneedecke gebildet hat, diese mit Salz wegzuätzen? Natürlich Gesetze, natürlich Beinbruch. Aber müsste es nicht einen Moment des Zögerns geben, einen offensichtlichen Widerwillen, vielleicht einen Akt des Ungehorsams, weil so eine allumfassende Schneedecke doch meistens anmutiger ist als alles darunter und selten dazu?

# Sport

Kamil Stoch, dem Gewinner der diesjährigen Vierschanzentournee, fehlt nur ein r zum nahezu perfekten Namen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann und auch zum Biathlon und der Handball-WM. Das fehlende Interesse liegt weniger an den Sportarten selbst, als vielmehr an der Häufigkeit, mit der Sieger darin gekürt werden. Jedes neue Jahr bringt neue Gewinnerinnen, was den einzelnen Gewinn entwert, fast möchte ich schreiben, bedeutungslos macht.

Selbst beim heiligen Fußball sinkt die Spannung mit jedem Jahr, in dem ich Fußball verfolge und ich frage mich, was in fünfhundert Jahren sein wird, wenn Deutschland oder Brasilien jeweils vierzigmaliger Weltmeister sind.

# Twittertrump

Was geschähe, wenn Twitter Trumps Account stilllegen würde?

# Twittercharakter

Noch mal Twitter. Twitter hat ja nur die eine Funktion: den Charakter des Twitternden zu offenbaren; aufgeweckt, wortgewandt, fad, engagiert, lakonisch, hämisch, niederträchtig etc. 140 Zeichen sind Gedanken wie unvermittelt aufgestoßene Luft, nichts, was relevanter wäre als ein Gespräch am Tresen. Probleme entstehen, wenn den 140 Zeichen mehr Bedeutung zugeschrieben wird, z.B. eine inhaltliche.

# ???!
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Nafri und die Babelbibliothek von Trump

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+++ Nafri +++ Racial Profiling +++ Trump +++ Star Wars +++

# Trump und die Bibliothek von Babel

Archive.org hat 520 Stunden Fernsehinterviews mit Donald Trump gesammelt, verschriftet und mit einer Stichwortsuche versehen. 520 Stunden sind 31200 Minuten sind zwei Millionen Sekunden Worte. Quasi die Babelbiblothek von Jorge Luis Borges, die alle jemals formulierten und zu formulierenden Sätze enthält.

Auch in diesen (bisher) 520 Stunden wird sich für jeden Anlass und jede Absicht das passende Zitat finden und aus dem Kontext nehmen lassen. Ein gigantisches Rauschen, in dem jedes Wort, jede Äußerung, jede hasserfüllte, absurde, zutreffende, belanglose Aussage genau so wichtig wie unwichtig ist und darin aufgeht und nur durch eine bewusste Bewegung von außen Bedeutung erfährt. Vielleicht das zentrale Erfolgsmoment von Trump: Die Produktion eines solchen Rauschens.

# Nafri

Kaum etwas schätzen deutsche Behörden mehr als Abkürzungen. Dahingehend ist Nafri durchaus eine Wortkonstruktion, die innerhalb des Systems Polizei Sinn ergeben und Funktionen erfüllen kann. Problematisch wird es, wenn das Wort das System verlässt. Gerade, wenn es so unscharf formuliert ist und sowohl Nordafrikaner wie Nordafrikanischer Intensivtäter bedeuten kann und somit impliziert, dass jeder Nordafrikaner kriminell ist.

Nun, da der Begriff in der Welt ist, wird er entsprechend lustvoll von der Neuen Rechten gebraucht. Erweiterungen der BILD (Grüfris) sind wenig hilfreich. In Österreich hingegen größte Verwirrung:

# Racial Profiling

Vor zwanzig Jahren erschien die Dokumentation Blauäugig, einem verfilmten sozialen Experiment, in der Teilnehmer eines Workshops in zwei Gruppen eingeteilt werden, den Braunaugen und den Blauaugen. Es schadet sicher nicht, sich in diesen Tagen den Film wieder anzuschauen oder zumindest den Wikieintrag zu lesen.

Wie wenig die Neuen Rechten das Wesen des Racial Profiling verstanden haben oder böswillig missverstehen wollen, zeigt dieser Tweet.

# Offenheit vs. Abschottung

Ein interessanter Gedankengang ist es, Parteien nicht in Links und Rechts einzuordnen, sondern in Offenheit und Abschottung. Und diese Überlegung auf die rechtspopulistische Bewegung anzuwenden. So würden in Deutschland nahezu alle Parteien (selbst mit Einschränkungen die CSU und Wagenknechtlinke) einer Seite angehören und die AfD würden dem entgegen stehen. Das wäre tatsächlich das von AfD so oft beschworene wir-gegen-alle-Narrativ. Vielleicht bräuchte es dann auch einen neuen Sammelbegriff für solche Parteien, Schottis klänge natürlich albern.

# Polarisierung
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