Coronamonate. Januar 2021.

20. Januar | Berglandschaft

133.536, ein nächster Höchstwert. Ich schaue auf die Grafik der Neuinfektionen, der Graph beginnt am 12. März 2020 zu zählen. Die Kurve wie ein Gebirge, Erhebungen, Täler, Steilwände, Rundungen, Plateaus, fast zwei Jahre reicht dieser Höhenzug in die Zeit zurück. Die erste Welle nimmt sich in dieser Berglandschaft wie ein sanfter Hügel aus, eine unauffällige Ausbuchtung, eine sachte, fast unscheinbare Rundung, gefolgt von einer langgezogenen Ebene. In diesem Bild ist die erste Welle kaum der Rede wert, kaum vorstellbar, dass mit dieser zwergenhaften Ausstülpung eine veränderte Welt einhergegangen sein soll, die ersten Wochen der Pandemie, alles anders.

Ansonsten: Österreich führt die Impfpflicht für alle ab 18. Jahre ein. Österreich führt eine Impflotterie ein, bei der pro Impfung 500€ zu gewinnen sind, die als Gutscheine eingelöst werden können. Querdenkerinnen demonstrieren vor einem Hort in Linz und rufen den verängstigenden Kindern zu: »Eure Eltern töten euch mit der Impfung.« Die AfD-Fraktion reicht beim Bundesverfassungsgericht Klage gegen die Coronaregeln im Bundestag ein. Im Hamburger Senat müssen nicht geimpfte oder getestete Abgeordnete Platz auf der sogenannten »Seuchenempore« nehmen.

19. Januar | sechsstellig

Heute im Kindergarten gewesen, beim Bäcker, eingekauft, per Mail korrespondiert, mit Freunden gesprochen, gelesen, geschrieben, gekocht etc. lauter übliche Dinge drinnen wie draußen, keine besonderen Vorkommnisse. Dagegen steht die Zahl, als andere als üblich, eine Zahl, die für viele keine üblichen Dinge zulässt, 112.323 Neuinfektionen an einem Tag, erstmals sechsstellig, eine, ich muss das so schreiben, erwartbare Entwicklung.

Eine andere Zahl, die mich ebenso beschäftigt: Wien baut die Testkapazitäten auf 800.000 Tests pro Tag aus und kann damit doppelt so viele Tests auswerten wie ganz Deutschland. Ich verstehe diese ungeheure Diskrepanz weiterhin nicht. Nur eine mögliche Erklärung finde ich: In Deutschland werden Pooltests (10 Tests auf einmal) als 1 Test gezählt, in Österreich fließt jeder Test in die Berechnung ein. Dennoch bleibt auch diese Zahl: In Deutschland werden 25 PCR-Tests pro Woche und 1.000 Einwohner gemacht, in Dänemark sind es 240, in Österreich 400.

Dazu passt die Nachricht, dass der Zugang zu PCR-Tests zukünftig stark eingeschränkt werden soll. Eine Priorisierung soll stattfinden, um der Überlastung der Labore entgegenzuwirken. Eine Notlösung, die so scheint, als gäbe es keinen Bedarf, die Zahlen ernsthaft erfassen zu wollen. Doch um die Gegenwart zu verstehen, muss sie auch vermessen werden. Geschieht das nicht, bleibt jegliches Handeln ein Ahnen und Tappen.

Oder braucht es die Zahlen bei Omikron gar nicht mehr? Keine Zahlen, keine Kontaktverfolgung, keine Quarantäne, weil sich laut einer Prognose jeder Zweite in den nächsten Wochen ohnehin anstecken wird? Welchen Nutzen haben dann noch Tests, außer die Newsticker mit neuen Höchstwerten zu versorgen? Ist es zynisch, so zu schreiben? Ist es die Beschreibung eines pragmatischen und realistischen Umgangs mit einer Extremsituation? Die Beschreibung einer Kapitulation?

Ansonsten: Die Zahlen auf den Intensivstationen sinken. Am amerikanischen Supreme Court weigert sich der konservative Richter Neil Gorsuch eine Maske zu tragen, um seine vorerkrankte Kollegin zu schützen. Fast 500.000 Neuinfektionen in Frankreich. Die US-Regierung verteilt kostenlos 400 Millionen Masken. Boris Johnson kündigte die Aufhebung aller geltenden Coronabeschränkungen in England an. In Amsterdam bieten Theater, Museen und Konzertsäle in ihren Räumlichkeiten Friseurdienste an, um gegen die Coronaschließungen zu protestieren. In Halle stürmt eine infizierte Querdenkerin in ein Pflegeheim und versucht, die dortigen Bewohnerinnen anzustecken.

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Alben 2021. Die guten Momente dieses Winters.

Black Country, New Road – For the First Time

Ungewohnt, wenn nach wenigen Wochen im Jahr schon das Album feststeht, welches mich das Jahr über begleiten wird. Eine Mischung aus allem, was mich an Musik begeistert, ein unfassbares Zusammenspiel so unterschiedlicher Elemente, so viel wunderbare Dissonanz, so viel Kraft, so viel Musikalität, so, als würde die Band seit Dekaden zusammenspielen und doch erst in dieser Minute das unberechenbare Neue schaffen. Was für eine Reise. Wenn ich nur ein Konzert frei hätte für den Rest meines Lebens, es wäre diese Band. Im Zentrum das irre, wahnwitzige Sunglasses, zehn Minuten Spoken Word, für die Jonathan Franzen drei Romanzyklen braucht.

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Coronamonate. Dezember 2021.


31. Dezember | Rauhnacht

Wir sitzen im Garten, das Abendrot über uns längst verschwunden, in den Zonen der Stadt, wo Feuerwerk erlaubt ist, knallt es schon, in den anderen auch. Weil wir keinen Stift bei uns haben, flüstern wir die Dinge, die wir hinter uns lassen wollen, in Zettel hinein, ein Ritual der Rauhnächte. Wir werfen sie in die Feuerschale, die Papiere und damit die Dinge, von denen wir uns lösen wollen. Das Holz zur Glut runtergebrannt, reicht das Feuer noch für einen letzten Brand, fressen die Flammen die unsichtbaren Worte. Ich flüstere die gesamten Einträge, auch wenn das Papier dafür nicht reicht und das Feuer ebensowenig, ist es das, was ich vom neuen Jahr begehre.

Ansonsten: In Israel beginnen die vierten Coronaimpfungen für Immungeschwächte. Mehrere Länder melden Höchstwerte an Neuinfektionen.

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Coronamonate. November 2021.


30. November | Plateau

Der R-Wert fällt unter eins, die Neuinfektionszahlen stagnieren, die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt, von einem Plateau wird gesprochen: das erste Mal seit vielen Wochen ein Trend, der das Wachsen unterbricht. Gute Nachrichten, möglicherweise in der Summe die Folgen der eingeführten Beschränkungen, einer allgemeinen Verhaltensänderung, den steigenden Impfzahlen. Ich höre das gern, fühle bereitwillig anders als in den letzten langen Tagen.

Zugleich ist von einem Meldeverzug die Rede, von den überlasteten Labors, davon, dass wegen der Nachmeldungen der R-Wert zuletzt stets nachträglich nach oben korrigiert werden musste, den rotbeleuchtenden Krankenhäuser, die auf ihre Fassaden SOS schreiben, lauter Hinweise, dass die Zahlen nicht das vollständige Bild zeigen, dass das scheinbare Plateau viel zu früh als Zeichen für eine Entspannung dienen könnte. Wie wird dieses Plateau gedeutet werden? Wie werden sich die Entscheidungen und Ankündigungen des heutigen Tages auf die nächsten Wochen auswirken? Gibt es wirklich eine neue Tendenz oder weiterhin die Überlastung, die Eskalation?

Und wenn ich länger über diesen Eintrag nachdenke, merke ich, wie sehr ich in den letzten zwanzig Monaten mein Wohlbefinden auch von den täglichen Coronazahlen abgehängig gemacht habe, wie sehr sich meine Stimmung in Richtung des Corona-Trend-Pfeils justiert. Selbst wenn diesem nicht zu trauen ist, genügt es, mich heben zu lassen.

Ansonsten: Der zukünftige Bundeskanzler spricht sich für eine Impfpflicht aus. Laut einer Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichts war die Notbremse verfassungsgemäß. Ein General wird den zukünftigen Corona-Krisenstab leiten. Nach einem Urteil kann das Verfremden eines Judensterns (z.B. ungeimpft) nun strafrechtlich verfolgt werden. In Sachsen und Thüringen wird gegen die Maßnahmen demonstriert. Weil immer wieder Mitarbeiterinnen beschimpft werden, schließt ein Testzentrum in Zittau.

29. November | Kontrollverlust

Gestern habe ich (wieder) die wenig originelle Metapher des Gefrierens verwendet, um das allmähliche Aussetzen der Welt zu beschreiben. Dieses Pausieren trifft bestenfalls auf nur einen Teil dieser Tage zu. An anderer Stelle ist die Geschwindigkeit immens, gibt es keine Ruhe, kein Innehalten. Dort ist von allem zu viel, ist Überlastung, sind Notfallpläne, wird sich gestemmt gegen das Auftürmen der Versäumnisse der letzten Monate, verliert sich dennoch die Kontrolle über das Geschehen. Wie soll auch die Kontrolle gehalten werden bei 60000 Neuinfektionen täglich, bei Inzidenzen von über 1000, wenn es heißt, dass die Ämter nur bis zu einer Inzidenz bis 50 Schritt halten können?

Und auch wenn der R-Wert sinkt, die Steigerungsraten nicht mehr im mittleren zweistelligen Bereich liegen, wenn Virologinnen in einem Papier einen Lockdown für vermeidbar halten – nichts fühlt sich so an, als wäre es geschafft. Das Aussetzen und das Entgleiten läuft nebeneinander, parallel, einander bedingend.

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Coronamonate. Oktober 2021.

31. Oktober | zwei Karten Ende Oktober

Zwei Karten nebeneinander, beide zeigen Inzidenzdeutschland. Eine Karte ist von Ende Oktober 2020, die andere von Ende Oktober 2021. Auf der frühen Karte sind die Landkreise mehrheitlich gelb und hellrot, auf der heutigen dunkelrot, auch violett. Die Zahlen auf der aktuellen Karte liegen alle über denen der Pandemie von vor einem Jahr; Inzidenz, Intensivpatentinnen, Tote. Auch die Impfquote ist höher: 2020 0%, 2021 69%.

Die Karte und die Zahlen sagen, dass die Situation heute nicht allein ähnlich ist wie am Beginn des ersten Coronawinters. Sie ist dramatischer. Die Erklärung dafür lässt die Gegenüberstellung offen. Unterhalb der Karten wird spekuliert: Sind es die Impfungen, die sich unwirksam erweisen? Delta im Vergleich zum Wildtyp? Die Maßnahmen vom 2020 im Vergleich zu 2021? Ein verändertes Verhalten der Menschen?

Momentan liegt der R-Wert bei 1,25, eine Verdopplung etwa alle zwei Wochen. Bis Ende November, wenn die die epidemische Lage nationaler Tragweite für beendet erklärt ist, würde nach dieser Verdopplung die Inzidenz bei 600 liegen. Ich weiß, dass diese Rechnungen nie so aufgehen, ich weiß es, ich gehe davon, was könnte die Kartenfarben ändern bis dahin?

Ansonsten: Die Inzidenz für Kinder zwischen 5-14 Jahren liegt in Weimar bei 1147.

30. Oktober | das überwältigende Wiedereinsetzen des Vermissten

Gestern erstmals seit Pandemiebeginn wieder einen Film im Kino gesehen. Wie bei vielem, was man lange aussetzt, überwältigt das Wiedereinsetzen des Vermissten alle Sinne, selten so benommen und entrückt gewesen.

Im Rückblick, gestern Nacht noch, heute, erscheint es irre, absolut unverhältnismäßig, sich das zwanzig Monate versagt zu haben, aus Gründen verzichtet zu haben, die vernünftig waren, aber vielleicht nicht in jedem der zwanzig Monate. Die verpassten Filme, das verpasste Sehen wird sich nicht nachholen lassen, für immer wird eine Lücke in meiner Kinobiographie klaffen. Ich kann mir auf die Schultern klopfen, weil ich verantwortungsvoll gehandelt habe. Aber mit Glück erfüllt mich das nicht, eher ein Bedauern über das Nichtgeschehene, das Nichtgesehene.

Und dann gehe ich, in der Woche der höchsten Weimarer Inzidenz, wieder ins Kino. Es gilt die 3G-Regel, das Haus bietet an, sich vor Ort testen zu lassen. Maske bis zum Platz, dort wird sie abgenommen, zwei Plätze zwischen jedem belegtem Platz bleiben frei. Zumindest in der Theorie. Im Saal selbst sieht das anders aus, ich entscheide, während des Sehens die Maske aufzubehalten, vergesse während des Sehens die Maske, liegt das am Film, an der Maske?

Ansonsten: Wegen einer Corona-Erkrankung bei The Masked Singer fällt der Teddy aus.

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Coronamonate. September 2021

30. September | Tisch

Mit #allesaufdentisch gibt es eine Art Nachfolgeaktion zu #allesdichtmachen und ich bin froh, dass es mich nicht drängt, mehr darüber zu schreiben als das, weil ich so wenig Interesse verspüre, Wotan Wilke Möhring im Gespräch mit Joachim Steinhöfel über die Meinungsfreiheit zu erleben.

28. September | wie Idar-Oberstein

In einem Zug bei Bad Kreuznach tritt eine Maskenverweigerin eine Mitfahrerin und droht: »Sie wissen ja, was in Idar-Oberstein passiert ist, Sie gehören ebenfalls abgeknallt.«

Nachdem die Kassiererin den Mann auf das korrekte Tragen der Mund-Nasen-Maske hingewiesen und den Kassiervorgang abgeschlossen hat, äußert dieser, er könne sie auch erschießen und verlässt anschließend den Markt.

Nachdem ein Wirt in Herford die 2G-Regel für sein Restaurant einführt, wird ihm gedroht: »Hoffentlich kommt der Tankstellenschießer rum.«

In dessen Verlauf äußerte der junge Mann, dass er es gut finde, wenn Personen, die andere zum Tragen einer Maske aufforderten, in den Kopf geschossen würde, wie jüngst in Idar-Oberstein geschehen.

27. September | 3Gs

Im nächsten Frühjahr … wird es wohl so sein, dass wir andere 3Gs haben werden: Genesen – und das heißt beispielsweise mit Blick auf Long-Covid nicht immer gesund – geimpft oder gestorben.

26. September | Wahltag

Vor der Wahl die Empfehlung, per Brief abzustimmen, damit im Fall einer kurzfristigen Quarantäne die Stimme nicht verfällt. Außerdem die Bitte, zur Wahl einen eigenen Stift mitzubringen. Im Wahllokal wird mir ein Stift ausgehändigt, an der Urne wieder abgenommen, einer der Wahlhelfer reinigt ihn augenblicklich mit einem desinfizierenden Tuch.

In anderen Wahllokalen werden Urnen vor die Lokale getragen, um auch Maskenverweigerinnen die Stimmabgabe zu ermöglichen. In Berlin droht die Polizei den Wahlhelferinnen Zwang an, wenn sie Maskenverweigerer nicht ins überfüllte Wahllokal lassen. Als anderswo jemand ohne Maske versucht, die Stimmabgabe zu blockieren, wird er von der Polizei abgeführt. In Oberösterreich zieht die impfkritischere Liste MFG ins Landesparlament ein, in Deutschland bleibt die coronamaßnahmenkritische Basis unter 2%. Ansonsten ist Corona kein Thema heute, es geht um Zukunftskoalitionen und diese Zukunft wird ohne die Pandemie gedacht.

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Coronamonate. August 2021

31. August | lieber die Pferde

Ein Artikel einer großen deutschen Tageszeitung macht auf mit der Schlagzeile, dass Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten nicht Todesursache sei. Beim Lesen wird deutlich, dass damit die (vergleichsweise geringen) Zahlen seit Anfang Juli 2021 gemeint sind und dass »die zugrundeliegende Infektion schon länger als fünf Wochen zurückliegt und man daher eher davon ausgehen muss, dass Corona nicht die wirkliche Todesursache war.« Später distanziert sich der befragte Wissenschaftler davon, die Überschrift sei »in ihrer Allgemeinheit falsch und würde von uns niemals so vertreten werden.« Dennoch wird der Artikel entsprechend verbreitet, der Tenor der Überschrift – kaum Tote durch Corona – bleibt bestehen.

Eine andere große Tageszeitung veröffentlicht einen Beitrag, der behauptet, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zur Gefährlichkeit des mRNA-Impfstoffes unterdrückt werden. Als Beleg bezieht sich der Artikel auf Studien, die nirgends auffindbar sind.

In Amerika warnt die Behörde für Nahrungsmittel und Medikamente: »Sie sind kein Pferd. Sie sind keine Kuh«, weil Impfgegnerinnen ein Entwurmungsmedikamente für Pferde einnehmen, lieber nehmen sie ein Entwurmungsmedikament für Pferde ein, als sich impfen zu lassen und ich frage mich, wie oft ich Einträge wie diese schreiben werde, ob ich solche Einträge schreiben werde, so lange ich über die Pandemie schreibe.

Ansonsten: Mehrere Ministerien sprechen sich gegen eine 3G-Regel in Zügen aus. In Hamburg schließt Deutschlands größtes Impfzentrum. Das Bundeskabinett beschließt, dass zukünftig die Hospitalisierungsrate das entscheidende Kriterium für Coronamaßnahmen ist. Nach mehr als einem Jahr Fernunterricht kehren die mexikanischen Schülerinnen zurück in die Klassenräume. In Amerika schalten mehrere Kinderkrankenhäuser eine Anzeige, in der sie dazu aufrufen, Kinder vor Covid19 zu schützen.

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Coronamonate. Juli 2021

31. Juli | Coronamonate, ausgestellt

Heute eröffnet die Ausstellung. Wie seltsam, die Worte und Momente an die Wand zu hängen und in Vitrinen zu packen, so, als wären die Coronamonate schon vorbei. Wie beruhigend.

Die Tagebucheinträge sind wie ein Zeitstrahl, eher eine Schneise, die einen Weg durch meine Pandemie schlägt. Vermessen zu glauben, es wäre möglich, etwas so Unübersichtliches und Gewaltiges komprimieren zu können auf einen Gang. Andererseits stellt sich beim Schauen auf die Wände, die Rahmen und Fotos ein tiefes, fast sattes Gefühl der Ordnung ein, so sortiert erscheint die Pandemie gezähmt auf seltsame Weise.

Später die erste Lesung aus den Coronamonaten. In fünfzehn Minuten durch siebzehn Monate. Eine Raffung, die sich auch ein wenig wie ein Ausschlachten der eigenen Beobachtungen anfühlt, gerade bei Auswahl; für jedes Wort, das ich lese, lasse ich hundert weg, für jedes Argument, jeden Eindruck, jede Ambivalenz gilt das ebenso. Auf die gelesenen Einträge wird reagiert. Ich bin überrascht und auch überfordert von den Gefühlen anderer darauf und ich frage mich, weshalb das so ist.

Gestern habe ich das Wort »Corona-Nostalgie« gehört, die Verklärung der ersten Monate. Nostalgie sind die Coronamonate nicht, aber mittlerweile Material. Material, aus dem ich Textblöcke breche, die ich rahme, an denen ich feile und formuliere, Sätze, die nicht mehr die Funktion haben, einen gegenwärtigen Eindruck festzuhalten, sondern die im Rückblick für ein Ganzes stehen sollen. Das verändert meine Worte, ich baue eine Distanz auf. Ich, der geschrieben hat, ist ein anderer als der, der sie auswählt. Ich muss nicht mehr fühlen, ich lektoriere. Mein Corona-Empfinden wird mir beim Ausstellen der Coronamonate fremd, was gut ist, was notwendig ist, was die Überforderung erklärt.

Im Zwischenraum unserer gemeinsamen Ausstellung (Y. stellt wunderbare Foto- und Textarbeiten über Weimar aus) hängen Schnüre, liegen Zettel, stehen desinfizierte Stifte bereit. Wer will, kann eigene Worte zu Corona und der Zeit davor finden. Nach der Vernissage, als die meisten gegangen sind, machen wir einen letzten Rundgang durch die letzten Monate. An der Schnur hängen vier beschriebene Zettel. Sie alle berichten von der Pandemie. Es ist ein Auftakt, etwas Neues, dieses Erinnern, noch während das Große weiterhin geschieht.

Ansonsten: wird es die nächste Woche keinen Eintrag geben. Nach dem 9. geht es weiter. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. September auf Schloß Burgk zu sehen.

30. Juli | endlich Covid wie Grippe

Die Stimmen werden harscher. Ein Verhaltensforscher schlägt vor, dass, sollte es erneut zu Triagesituationen kommen, der Impfstatus bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen sollte, weshalb andere ihn Impffaschisten nennen und die Zahlen zeigen, dass der Übertragungsschutz mit den Monaten deutlich abnimmt und allmählich wird zum Allgemeinwissen, dass eine Impfung keinen absoluten Schutz vor einer Infektion garantiert und ich frage mich, wenn ich endlich schreiben kann: Covid ist wie Grippe.

Covid ist wie Grippe, wenn die Mehrheit einen Grundschutz besitzt und die schlimmen Verläufe stattfinden können, aber nicht in überwältigender Zahl und damit das so bleibt, muss sich nur regelmäßig geimpft werden und wer geimpft ist, kann sich anstecken und dem kann es auch ein paar Tage dreckig gehen, aber nicht mehr und wer nicht geimpft ist, der riskiert mehr und je nach Jahr und Saison werden die Zahlen anders sein und es wird auch zu Überlastungen kommen können, aber keine Pandemie mehr, kein Flächenbrand, sondern Covid als Teil des Herbstes und Winter, nicht mehr als Ausnahmezustand.

Wann werde ich das schreiben können, weil schreiben werde ich es müssen, weil ansonsten lebenslang Covid wäre, lebenslang Masken und Wellen und Modelle und Newsticker und dauerhafter Abstand, lebenslang die Coronamonate und das wäre bei aller Hingabe zum Schreiben etwas, dass nicht nur nicht wünschenswert wäre, sondern vollkommen realitätsfern, das Jahr 2020 auf ewig auf alle Jahre legen.

Wann werde ich schreiben, Covid ist eine Grippe, dann, wenn alle geimpft sein können, die geimpft sein wollen und wenn es genug sind, um einen Flächenbrand auszuschließen, wenn es die Kinder sind, ohne dies bleibt Covid keine Grippe, sondern eine Ausnahme, eine Katastrophe.

Ansonsten: Im thüringischen Sonneberg löst das »Bratwurst-Impfen«, mit dem der zunehmenden Impfmüdigkeit begegnet werden soll, löst einen Ansturm Impfwilliger aus. Laut der US-Gesundheitsbehörde ist Delta so ansteckend wie die Windpocken. Wegen stark steigender Zahlen weitet Olympia-Gastgeber Japan den Notstand aus. Die allgemeine Testpflicht für Reiserückkehrerinnen wird beschlossen. Impfpflicht bei Google und Facebook. Peter Sloterdijk schlägt ein Aussteigerprogramme für Querdenkerinnen vor. Weil die deutschen Haushalte nach den Hamsterkäufen gut versorgt sind mit Toilettenpapier, produzieren die Papierfabriken im ersten Halbjahr weniger Toilettenpapier. Mehr als die Hälfte aller Deutschen sind komplett geimpft.

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Coronamonate. Juni 2021

30. Juni | vierte Welle

Allmählich beginne ich zu begreifen, dass eine vierte Welle sehr wahrscheinlich kommen wird und wie sie aussehen könnte.

Die Annahme: Die Deltamutante ist wesentlich ansteckender als die bisherigen Varianten. Sie trifft auf dreißig Millionen Ungeimpfte oder nicht vollständig Geimpfte, der Sommer wird vorbei sein, das Außen wird schwinden, die Maßnahmen ebenfalls, auch der Wahl wegen. Die Ungeimpften werden jünger sein, es wird weniger Tote geben, weniger Überlastung, mehr LongCovid, mehr Quarantäne und weniger Bereitschaft, sich auch den zweiten Herbst in Folge einzuschränken. Die Zukunft liegt wie so oft bisher ausgebreitet in verschiedenen Orten, in Israel, in Großbritannien, zwei Beispiele, wie es kommen könnte.

Die vierte Welle wird anders sein als die bisherigen Zuspitzungen. Sie wird ein anderes Reagieren erfordern, auch ein anderes Verstehen und Argumentieren benötigen. Was mache ich mit dieser Annahme? Ändert sie mein Verhalten, wenn ich das nächste Mal vor die Türe geht? Ändere ich meine Pläne für den Herbst, die vereinbarten Termine, auf die ich so lange warten musste? Ändern sich meine Sorgen um die Ungeimpften, die es nicht freiwillig sind? Ich ändere meine Erwartungen an das Ende der Pandemie, ändere erneut meinen Blick, nehme an, mir vor, schaue zurück, schaue vor.

Ansonsten: Die Quote der Erstimpfungen liegt in Deutschland höher als in den USA. In mehreren Bundesländern ist Impfen nun auch ohne vorherigen Termin möglich. Wegen der starken Verbreitung der Deltamutante werden Russland und Portugal in die höchste Risikokategorie eingestuft. Quarantäne für hunderte spanische Schülerinnen auf Mallorca.

29. Juni | Europameisterschaft

Ich schaue Spiele der Fußball-Europameisterschaft. Die Spiele zu schauen passt in diese Tage, Tage der Öffnung, Tage, in denen es ist wie vor der Pandemie, laue Abende, Sonne, kühle Getränke. Die Spiele gehören zur alten Normalität, ich lasse mich bereitwillig in die bekannten Bilder fallen.

Anfangs bin ich irritiert. Leere Stadien waren die Coronanorm, jetzt sind es vierzigtausend Zuschauerinnen in Budapest. Länger darüber nachzudenken gestatte ich mir nicht, denn es erscheint mir wie ein Unken, eine Panikmache. Die Ausgelassenheit ist verdient, denke ich. Ich erinnere mich an mein Raunen über die Wiederaufnahme des Fußballspielens im letzten Jahr; trotz aller Befürchtungen nur wenige Folgen. Anders will ich es diesmal handhaben; die Spiele schauen, ein Grundvertrauen gegen die Menschenmassen setzen.

Die Bilder wiederholen sich. Zehntausende zusammen in den Stadien, davor ebenfalls. Die Meldungen häufen sich; so und so viele Infektionen bei den Zuschauern, ein Anstieg der heimischen Zahlen einige Tage nach deren Rückkehr. Dazu die Berichte über Delta, dessen Verbreitung, Verdopplung, Überwindung.

Ich würde es mir schönreden, wenn ich dieses Turnier, das darauf ausgerichtet ist, dass so viel wie möglich gereist wird, zu diesem Zeitpunkt nicht als Irrsinn, zumindest als grob verantwortungslos zu betrachten. Ich denke an die Spiele Liverpool gegen Madrid, Bergamo gegen Valencia im Frühjahr 2020, beide gelten als Superspreader-Ereignisse, ein Spiel bringt das Virus nach Spanien, das andere das Virus von Spanien nach Großbritannien.

Und heute? Von Petersburg nach Helsinki? Von Kopenhagen nach Cardiff? Wie wenig wahrscheinlich ist es, dass diese vier Wochen keinen Einfluss auf die Verbreitung der Deltamutante haben wird? Dass 60000 Zuschauer im Finale in einem Land, in dem die Mutante momentan für die höchsten Zahlen seit Jahresbeginn sorgt, ohne Folgen bleibt? Die EM ein weiterer Beleg dafür, dass alle Fehler immer wieder gemacht werden? Und scheint es realistisch, dass sich in den nächsten Tagen ein offizielles Umdenken stattfindet? Wie realitisch, dass ich deshalb keine Spiele mehr schaue?

Ansonsten: Wegen steigender Zahlen – täglich werden an die zweitausend Infizierte in die städtischen Krankenhäuser eingeliefert – verschärft Moskau die Maßnahmen und führt einen »Anti-Covid-Pass« ein. Jeder zehnte deutsche Landkreis hat in den letzten sieben Tagen keinen einzigen Coronafall verzeichnet. Jede dritte Neuinfektion ist hierzulande die Deltamutante. TUI sagt bis Juli alle Pauschalreisen nach Portugal ab.

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