Fünf Phasen der Betrachtung der Betonstelen in Björn Höckes Vorgarten


Eine Künstlergruppe hat in Sichtweise von Björn Höckes Wohnhaus im thüringischen Bornhagen eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet und nimmt damit Bezug auf Höckes Rede von Februar, in der dieser das Denkmal als »Schande« bezeichnete.

Fünf Reaktionen meinerseits:

(1) omg

(2) ungut

Ähnlich ungutes Gefühl wie schon bei Yolocaust, die diffuse Ahnung, dass hier benutzt, vielleicht instrumentalisiert wird, dass ich glaube zu verstehen, was die jeweiligen Aktionen anzuprangern versuchen, dass ich die Ausführung in Teilen zweifelhaft finde, dass es es mehr oder zumindest zu viel um die Macher selbst geht, mehr um die Kritik als das Gedenken.

Dazu erschließt sich mir der Teil mit der Observierung nicht, mehr noch, ich halte es für falsch und fahrlässig, in Tarnkleidung und mit Feldstechern Menschen zu überwachen, ihre Mülltonnen zu durchwühlen, auf diese Weise Informationen für Dossiers zusammenzutragen.

(3) Bedenkenträger Weiterlesen

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Der Reiher

Im Herbst lief ich an der Ilm. Es hatte die Blätter von den Bäumen geregnet, auf dem Wasser trieb der ermattete Himmel. Dort war die Stelle, wo sich jenseits des Ufers einmal ein Straßenbahndepot befunden hatte. Auf einer vorgelagerten Stelle des schmalen Flusses erblickte ich einen Reiher; das Gefieder aschgrau, die Schopffedern schwarz, die langen Stelzenbeine, auf denen er unbeweglich stand. Ich erschauerte beim Anblick; Enten war ich hier gewöhnt, aber nicht Wasservögel in dieser Größe, nicht mit diesem Stolz, dieser majestätischen Schönheit.

Zwei Tage später spazierte ich erneut an dieser Stelle vorbei. Und wieder stand der Reiher am Wasser; der identische Ort, die identische Haltung, das identische Tier. Wind blies in sein Gefieder und verwirbelte grauweiß. Wieder bewegte er sich nicht, wieder stand er starr, ein Zaubervogel an der Ilm.

Es war der nächste Tag und es war das nächste Mal, dass ich den Reiher so sah. Diesmal misstraute ich dem Bild. Wie groß die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Tier an dieser Stelle zu jeder Zeit sein konnte und dem Wind, dem Wasser, meinem Blick ohne Regung standhielt?

Es konnte nicht sein. Weiterlesen

Momente, September 2017.

Weimar, 2. September 2017

Tagesprogramm für heute:
13:00 Uhr – Sigmar Gabriel auf dem Platz der Demokratie
18:00 Uhr – Scooter im Gauforum Atrium

Außerminister und Hardtranceband erscheinen deutlich später als angekündigt, sprechen volksnah, agieren professionell und spielen ihre größten Hits (älteste Partei Europas / Maria, I Like It Loud). Sigmar Gabriel erwähnt öfter seine Großmutter (»Omma«) und einen gewissen Konstantin, einen Jungen, den er zuvor traf und ein Eis versprach. Das Eis kauft er ihm später beim Dolomiti am Markt.

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Auf dem Goetheplatz neben dem Bratwurststand neben dem Bibelstand neben dem Stand der Initiative für den Erhalt des Ur-und Frühzeitlichen Museums neben dem AfD-Stand, keine fünfzig Meter entfernt eine vom Kunstfest in Auftrag gegebene Weltkarte des Kommunismus. Am AfD-Stand müssen alle entweder beige Sonnenhüte tragen oder die Aufschriften auf ihren T-Shirts unter Jacken verbergen.

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Auch beim Erotik-Fachgeschäft erwünscht: Buy Local. Weiterlesen

Ghostbusters: AfD

In Ghostbusters II droht ein unterirdischer Schleimfluss New York zu zerstören. Dieser Schleimfluss speist sich aus negativer Energie, er wächst, je mehr man hasst und wütet und schlechte Gedanken hat.

An diesen Schleimfluss muss ich denken, wenn ich an die AfD denke.

Letztes wurde in Weimar das Hinterzimmer, eine studentische Kneipe, von einem AfD-Sympathisanten übernommen, der dort einen AfD-Stammtisch einrichtete. Es kam zu Protesten, mit Bannern und Dudelsäcken und Trillerpfeifen, Menschen hielten ihre Ärsche in die Kamera, Biomüll wurde vor der Kneipentür abgelegt, ein halbverwester Schweinekopf.

Jede Form dieses Protests nahmen die lokalen AfDler nicht nur hin, sondern schienen daran zu wachsen, so wie der Schleimfluss aus Ghostbusters, der Hass schien sie größer und stärker zu machen, stolz posteten sie Smartphonefotos auf ihren Facebookseiten, wir gegen die Welt, je wutentbrannter der Protest, desto mehr Berechtigung für unsere Politik.

Protest also, Hass auch und am Wochenende eine Wahl. Sehr wahrscheinlich wird dann die Alternative für Deutschland von den wahlberechtigten Deutschen mindestens zur drittstärksten Partei des Landes gekürt werden.

Zeit bliebe bis dahin noch, um mit Freunden, Bekannten, Verwandten zu sprechen, welche die AfD wählen wollen. Man könnte nach Gründen fragen und wenn diese Gründe kommen -»aus Protest«, »für eine starke Opposition«, »gegen andere Parteien«, »gegen Merkel«, »weil die kein Blatt vor den Mund nehmen« etc. – klar machen, dass die AfD zu wählen eben auch bedeutet, Rassismus, Nationalismus, Revisionismus, etc. billigend in Kauf zu nehmen und damit zu unterstützen.

Man könnte den Freunden, Bekannten, Verwandten vor Augen führen: Du bist kein Neonazi, wenn du die AfD wählst, aber du machst dich gemein mit den Schandmalen, Menschenentsorgungswünschen, der Renaissance des Völkischen.

Doch würde dies nichts am wahrscheinlichen Ergebnis ändern. Ab Herbst wird die Alternative im Bundestag sitzen, Teil von Gremien sein, die über Kultur, Wissenschaft, Familienpolitik und Soziales debattieren, Papiere schreiben und Empfehlungen aussprechen. Und sicher ist nur eines: der Schleimfluss wird größer werden. Weiterlesen

Carsten Schneiders Augen.

Vor meinem Fenster hängt Carsten Schneider. Präziser: Vor meinem Fenster hängt das Bildnis von Carsten Schneider. Es ist ein Plakat, sein Plakat für den Bundestagswahlkampf. Es hängt an einem Laternenpfahl vor dem Haus, in dem ich wohne.

Hundert Fotos, vielleicht weniger, vielleicht mehr, wird ein Fotograf von Carsten Schneiders Gesicht gemacht haben. Der Fotograf, Carsten Schneider, sein Team, haben diese Fotos betrachtet und für dieses entschieden. Mittig gesetzt sein Antlitz, keine formalen Extravaganzen, kein angeschnittener Kopf, einiges Weiß um ihn, auch Schatten,  frontal blickt er. Er trägt eine Brille, ähnlich wie ich, dahinter versinken die Augen, die Mundwinkel sind ansatzweise nach oben gezogen, der oberste Knopf des weißen Hemds ist geöffnet und hat dennoch nichts christianlindnerhaftes an sich.

Seit Tagen schon sieht mich Carsten Schneider an, jeden Morgen, wenn ich die Vorhänge beiseite ziehe und aus dem Fenster schaue, ist da Carsten Schneider. Sein Blick folgt mir in meinem Alltag. Er ist dabei, wenn ich esse, die Topfpflanzen gieße und staubsauge, er schaut zu mir, wenn ich mich an imaginären Kriegen in Westeros erfreue, ist dabei, wenn ich vom Atomscharmützel höre, das der amerikanische Präsident gern mit Nordkorea anfinge, wenn ich lese, dass der erfolgreichste Artikel auf Spiegel Online an diesem Atomkriegtag »Wer Bier trinkt, bricht seltener das Studium ab« ist, ist beim Dieselgipfel dabei, beim 177. Tag von Deniz Yücel im türkischen Gefängnis, bei den Neymarmillionen. Nachbarn haben Carsten Schneider vom Pfahl entfernt, doch er war schneller als Jesus, keinen Tag später hing er wieder, die Lippen seeheimkreisig aufeinandergepresst.

Einen Pfahl weiter hängt seine Konkurrentin. Ihr Bild ist unvorteilhaft, der Fotograf ist zu nah an ihr gewesen, nun drängt sie mit ihrem Kopf tief in meine Distanzzone hinein, zu tief, ich fühle mich bedrängt. Dabei richtet sie ihren Blick – anders als Carsten Schneider – nicht auf mich, sondern über mich hinweg. Möglicherweise wird eines Tages auch ein AfDler an den Pfählen hängen, wahrscheinlich ganz oben, die AfD hängt sich immer ganz oben auf, als ob Fipronileier sie dort nicht auch erreichen könnten.

Bis zum 24. September wird Carsten Schneider bei mir sein. In der Nacht wird er mir sozialdemokratische Träume zaubern, tagsüber mein bundesrepublikanisches Gewissen prüfen, mit seinen weisen Steueraugen zuversichtlich über meinen rechtschaffenden Bürgerkörper streicheln und mir versprechen, dass vieles so bleiben wird und manches gerechter werden könnte. Dann werden die Genossen kommen und Carsten Schneider mit sich nehmen, den Blick, das offene Hemd, die in Plakat gegossene Zuversicht.

Die KADYA-Girls. Jaffa / Weimar.

Der Kadyachor. Fünfundzwanzig Mädchen aus Israel und Deutschland kommen in Israel und Weimar zusammen, um in achtzehn Tagen zwölf Lieder der jiddischen Dichterin Kadya Molodowsky einzusingen. Die Texte sind in Jiddisch, eine Sprache, die sie nicht sprechen, zu Teilen aber verstehen können. Ihre Sprachen sind Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch. Proben stehen an, zwei Konzerte, ein Besuch in Jerusalem, Flüge in andere Länder, ein Leben in der Ferne. Eine Reise, in vielerlei Hinsicht.

Jaffa, Jafo. Die viele tausend Jahre alte, mehrheitlich arabische Hafenstadt, die in den 1950er Jahren mit Tel Aviv vereint wurde. Wer auf der Straße läuft, dem tropft Wasser von den Klimaanlagen in den Nacken. Auf der Sderot Yerushalayim alle drei Häuser ein Kiosk, darin gekühlte Getränke, Auberginen so groß wie Wassermelonen und Wassermelonen so groß wie zwei Wassermelonen. Das wahnsinnigste Fortbewegungsmittel sind die E-Bikes, die auf Straßen und zwischen Passanten wie in einem GTA Jaffa agieren, oft mit Beifahrer stehend auf dem Gepäckträger. Die wichtigste Information in Städten ist: Halten Autos an Zebrastreifen? Hier tun sie das.

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Bücher. Der letzte Rest Wahnsinn.

Sybille Berg – Der Mann schläft

Wunderbarer Hass auf das Mittelmäßige und Erbärmliche. Seite für Seite ließe sich hier durchgehend rot unterstreichen. Im besten Sinne ein Klassiker – das Innenleben einer Figur gegen die Welt gestellt und beide scheitern. Der Mann kriegt keinen Namen ab und wirkt damit so herrlich hohl wie »der Mann«, »Kind 1«, »Kind 2« in deinem Lieblingselternblog, nur dass hier keine Ratschläge gegeben werden und sich alles, nur nicht Wohlfühlmomente einstellen sollen.

Ronja von Rönne – Wir kommen

Es gehört Größe dazu zu erkennen, dass Provokation allein eine leere Hülle ist, gerade, wenn einem dafür zu viele von den Falschen auf die Schultern klopfen. Ronja von Rönne hat sich von ihrem provokanten, sehr dummen Feminismustext mittlerweile distanziert. Um so schöner, dass dieses Buch keine Provokation sein will, sondern lakonisch und sehr entspannt in sich ruhend unaufgeregt Befindlichkeiten von Menschen erkundet, die im wahren Leben zuerst das ZEIT-Magazin statt die ZEIT lesen würden.

Boualem Sansal – 2084

Wie gern ich mir vorstelle, dass Lutz Bachmann oder André Poggenburg »2084« kaufen, weil: Dystopie durch Islam. Und nach zwei Seiten aufgeben, weil: Verstehn se nicht. Die Sprache ist dicht und getränkt und voller schweren Blumen, Sätze ohne Komma und wenn Komma, dann sind diese Brücken zwischen großen Gedanken. Sansal geht es um die Mechanismen von Religion, wenn Religion Machtinstanz ist. Der Islam ist da nur Platzhalter, vielleicht auch nicht. Vielleicht auch schön, dass sowohl er als auch Hollebecque es ihren potentiellen »Fans« nicht allzu einfach machen, sondern sie zwingen, eigene Sicherheiten zu hinterfragen bzw. tief in Geschichte einzusteigen. Weil: Wo lässt sich mehr Widerspruch finden als in der Religion? Weiterlesen