Coronamonate. April 2021

15. April | selbstverständlich

Dafür, dass die Situation wenig Anlass zu Zuversicht bietet, bin ich relativ gelassen. Ich esse sogar Spargel. Und dass, obwohl die Notbremse des geänderten Infektionsschutzgesetzes noch einige gemütliche Runden drehen wird, bis sie wirksam wird, was ohnehin nicht von entscheidender Bedeutung ist angesichts der nicht geplanten Änderungen am Bisherigen, die weiterhin das Private verknappen und das Andere zu wenig die Pflicht nehmen. Dass trotz zumindest in Thüringen nur lauwarm funktionierenden Selbsttests in Schulen. Dem Aussetzen des Impfstoffes von Johnson&Johnson. Dass trotz der knapp 30000 Neuinfektionen, dem höchsten Stand seit Anfang des Jahres. Den unablässigen Warnungen der Intensivmediziner:innen, die vorrechnen, wie die Situation angesichts heutiger Zahlen in drei Wochen aussehen wird; jüngere Kranke, die länger die Betten belegen. Dass trotz des Einsatzes von Wirtschaftsverbänden, die gegen die Bitte der Regierung, doch wenn möglich ab und an zu testen, aus Kostengründen klagen. Dass die Coronapolitik der Union momentan nur eine Funktion hat: die des Gradmessers für die Tauglichkeit des noch zu bestimmenden Kanzlerkandidaten.

Warum bin ich gelassen? Vielleicht weil in dieser Phase der Pandemie so viel selbstverständlich geworden ist. Es ist selbstverständlich, dass die Maßnahmen nicht wirksamer gestaltet werden, weshalb meine Beschwerden darüber selbstverständlich geworden sind. Es ist selbstverständlich, dass es in den Schulen während der Pandemie nicht läuft. Es ist selbstverständlich, dass die Grenzwerte, anhand derer eine Bedrohungslage zu erkennen ist, je nach Bedarf verschoben werden. Selbstverständlich, dass Teile der Wirtschaft die Lasten tragen, genauso wie es selbstverständlich ist, dass der Großteil der restlichen Wirtschaft diese Lasten nicht trägt, sondern klagt, wenn es Teile der Last tragen soll. Es ist selbstverständlich, dass ich davon ausgehe, dass alles irgendwie auf dieser Ebene bleiben wird, selbstverständlich, dass ich keine Kraft/Interesse/Zeit habe, einen anderen Blickwinkel auf die Pandemie zu finden als das erschöpfte Klagen, selbstverständlich, dass diese Einträge selbstverständlich sind, sie ist mir selbst unverständlich diese Selbstverständlichkeit.

Ansonsten: Überlegungen, dass die seltenen schweren Nebenwirkungen nach einer Impfung AstraZeneca und Johnson & Johnson mit dem Vektorimpfstoff in Verbindung stehen können. Wegen Corona sinkt die Zahl der Ausbildungen um zehn Prozent. Deutsche Aerolsol-Forscher halten Ausgehverbote für kontraproduktiv und fordern stärkere Maßnahmen in Innenräumen. Mehr als 50 Millionen Biontech-Impfstoffdosen sollen bis Ende Juni zusätzlich an die EU geliefert werden. Weil Dänemark kein AstraZeneca mehr impfen will, will Tschechien diese Dosen abkaufen. In England entstehen 83 Long-Covid-Zentren, in denen die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung behandelt werden. Alltag in Flüchtlingsunterkünften während der Pandemie.

14. April | Weimarer Urteil

Auch wenn ich in diesen Einträgen öfter festhalte, dass das, was Ursache der Pandemie ist, in meiner unmittelbaren Umgebung kaum stattfindet, findet die Pandemie doch statt. Aber anders, geradezu als Gegenteil der Pandemie.

Eine kurze Chronologie über Corona-Weimar. Weimar ist die erste Stadt, die nach der ersten Welle die Außengastronomie wieder öffnet. Im Juni ist Weimar einen Monat lang die Stadt mit der Inzidenz von Null. Im Oktober, während der ansteigenden Zahlen der zweiten Welle, findet in Weimar ein Volksfest mit 70000 Besucher:innen statt. Erst kurz vor Weihnachten wird der Weimarer Weihnachtsmarkt abgesagt. Mitten in der dritten Welle öffnet Weimar im Rahmen des »Weimarer Modells« die Geschäfte.

Und dann sind noch Urteile und Beschlüsse, die am Weimarer Amtsgericht, in dem Gebäude, das Drehort des Polizeipräsidiums des Weimarer Tatorts ist, getroffen werden. Anfang des Jahres erklärt ein Richter aus Weimar die während der ersten Welle getroffenen Maßnahmen für rechtswidrig. Und vor wenigen Tagen der Beschluss, der die Maskenpflicht an Schulen aufheben soll.

Der Beschluss umfasst fast zweihundert Seiten. Wenig liegt mir ferner, als diese zu lesen, aus Zeitgründen, aus Gründen der juristischen, der wissenschaftlichen Verständlichkeit. Andererseits wüsste ich schon gern, was darinsteht. Ich bin, wie nahezu ausschließlich in der Pandemie, auf Texte angewiesen, die Sachverhalte zusammenfassen und erklären.

Juristisch wird der Beschluss auseinandergenommen. Von Rechtsbeugung ist die Rede, unzureichender Begründung, einem Einzelfall, der unrechtmäßig aufs Ganze hochskaliert wird, von einer gezielten Klage, die an einen bestimmten Richter adressiert war, Unstimmigkeiten, Unsauberkeiten werden benannt, »wird nicht haltbar sein« wird in den Metatexten deutlich.

Wissenschaftlich ebenso vernichtende Beurteilungen. Der Beschluss als eine Art Greatest Hits der Coronaleugnermythen; von Virenzyklen über PCR-Tests bis hin zur Maskenfrage finden sich dort jene Beweisführungen, die auch in den Channels kursieren. Durch diese Channels wandert der Beschluss, wird gefeiert, das »Weimarer Urteil« wird selbst Mythos, als Beweis eingereiht zu den anderen Beweisen, das Gegenteil der Pandemie.

Ansonsten: Eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes tritt den Weg durch Beschlussrunden an. Mehrere Wirtschaftsverbände kündigen an, gegen das geplante Angebotsgebot zum Testen in Firmen zu klagen. Für vollständige Geimpfte sollen zukünftig keine Tests oder Quarantäne mehr nötig sein. Laut einer Studie ist B117 ansteckender, aber nicht tödlicher als der Wildtyp. Coronagegner:innen machen mobil gegen Dr. Kasperls Coronatest, ein Video der Augsburger Puppenkiste, in dem Kindern Coronatests erklärt werden. Coronagegner:innen machen mobil gegen Schülervertreter:innen, die eine Coronatestpflicht an Schulen fordern.

13. April | kleiner Klopfer

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Samstagvormittag lief ich durch den Park. Auf einer Bank vor dem Bauhaus-Museum sah ich mehrere leergetrunkene Kleinstflaschen alkoholischer Getränke. Ich fotografierte, wie so vieles, und stellte wenig später das Bild auf Instagram. Dazu schrieb ich »Symbolbild nächtliche Ausgangssperre«. Wie immer verwendete ich drei Hashtags, diesmal #pandemie #parkbank sowie #kleinerklopfer, weil die Flaschen sogenannte Kleiner Klopfer waren.

Zwei Tage später kommentierte kleiner.klopfer unter dem Bild. Er schrieb, dass ich einer von drei Preisträgern der Aktion »Kleiner Klopfer auf Fotoreisen« sei und den 25er Sunshine Mix inklusive einem Sun Visor gewonnen habe. Das ist das Gute an der Pandemie: Ohne sie hätte ich nie das Foto hochgeladen, weil es ohne pandemiebezogene Bildunterschrift keinen Grund dafür gegeben hätte; es wären einfach nur leere Alkoflaschen gewesen. Die Pandemie lieferte den Kontext, ohne Pandemie hätte ich diesen Preis nie erringen können. Und auch wenn ich lieber ein Asthmaspray Budesonid von AstraZeneca gewonnen hätte, ist angesichts der angestrebten Beschlüsse zur Notfallbremse ein 25er Sunshine Mix möglicherweise nicht vollkommen nutzlos.

Ansonsten: Aufgrund des Todes von Prinz Philip verschiebt Boris Johnson das angekündigte Trinken eines Bieres in einem nun wieder geöffneten Pub. Kritik an der geplanten Ausgangssperre. Mit einer Million Coronatoten ist Europa die am stärksten von der Pandemie betroffene Region der Welt. Über leere Intensivstationen.

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Coronamonate. März 2021

31. März | AstraZeneca III

Die letzten Tage wieder mehrere Gespräche über die Bedenken vor dem Impfen. Sorgen und Befürchtungen werden geäußert, auch die Absicht, abzuwarten, lange abzuwarten. Meine Meinung hat sich während dieser Gespräche nicht geändert: Weiterhin würde ich mich umgehend impfen lassen. Der Grund ist ein hoffender, vor allem ein mathematischer: Die Wahrscheinlichkeit eines schweren, möglicherweise tödlichen Krankheitsverlaufs ist so viel größer als der einer schweren, möglicherweise tödlichen Impfreaktion.

Heute der Beschluss, dass AstraZeneca, dessen Impfstoff nun den Namen »Vaxzevria« trägt, aufgrund einer Häufung von Hirnvenenthrombosenfällen nur noch an Über-60jährige geimpft werden kann. Fast alle Expert:innen begrüßen die Entscheidung. Die Häufung ist statistisch auffällig, neun Todesfälle werden damit in Verbindung gebracht. Automatisch könnte ich diese neun Todesfälle über einen Zeitraum von mehreren Wochen gegen die Todesfälle durch Covid in Relation setzen.

Zugleich wäre das auch wohlfein. Die Häufung der Fälle fand bei Frauen unter 50 statt. Was, wenn sie bei Männern unter 50 stattgefunden hätte? Würde ich dann auch leichthin in Relation setzen, hätte ich nicht zumindest ein mulmiges Gefühl, wenn ich im Spätsommer einen Termin bekäme und erführe, dass mein Impfstoff Vaxzevria wäre? Und sollte bei einem Heilmittel nicht das einzig mulmige Gefühl sein, dass man es zu spät bekommt?

Viele Fragen sind offen, z.B. weshalb es in Großbritannien, wo wesentlich mehr Impfungen mit Vaxzevria stattfanden, es keine Häufung gibt, offenbar auch keine Todesfälle. Dazu die Irritation: Als AstraZeneca zugelassen wurde, wurde es nur für unter 65 zugelassen. Nun nur für über 60. Expert:innen, die sich vor zwei Wochen noch energisch dafür aussprachen, trotz einer Häufung weiter zu impfen, unterstützen nun die veränderten Maßgaben.

Es sind diese schon mehrmals geschehenen Widersprüche der Pandemie – der bekannteste die veränderte Bewertung der Schutzwirkung von Masken – die Zweifel säen an den Aussagen der Expert:innen, Zweifel an der Wissenschaft. Es ist nicht einfach, diese auszuhalten, sich das Gegensätzliche selbst zu erklären. Auch die nächsten Gespräche über Impfbedenken werden dadurch nicht leichter, das mulmige Gefühl wird nicht mehr verfliegen.

Ansonsten: Sachsen erklärt, nach Ostern unabhängig von den Inzidenzwerten die Schulen und Kindergärten zu öffnen. In Tübingen, wo seit einigen Tagen das Modellprojekt einer offenen Stadt stattfindet, vervierfacht sich die Inzidenz seit Mitte März, verdoppelt sich seit Donnerstag. Kanzler Kurz droht mit einer Bestellblockade von 100 Millionen Impfdosen für Europa, wenn Österreich nicht zusätzliche Menge Impfstoff bekommt – Kanzler Kurz hatte im vergangenen Jahr aus Kostengründen deutlich weniger Impfstoff geordert, als Österreich eigentlich zugestanden hätte. »Testen ist auch eine Bürgerpflicht«, sagt Ministerpräsidentin Dreyer. Mehrere Einzelhandelsketten planen den Aufbau von Schnelltest-Zentren. Thüringen ist das Bundesland, in dem die meisten der gelieferten Impfstoffdosen schon verabreicht wurden. Wegen der inhaltlichen Ähnlichkeit zur Coronapandemie hält der Kindersender Nickelodeon die Folge »Kwarantined Crab« der Serie SpongeBob zurück; darin findet ein Gesundheitsinspektor im Restaurant Krosse Krabbe einen Fall von Muschelgrippe und stellt deshalb alle Gäste unter Quarantäne. Verdopplung der deutschlandweiten Inzidenz innerhalb drei Wochen.

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Coronamonate. Februar 2021

24. Februar | Coronajahr

12 Monate Coronamonate, ein Coronajahr. Am 24. Februar beginne ich mit dem Notieren, damals unvorstellbar, dass ich ein Jahr daran sitzen werde. Heute, 130000 Wörter später, schreibe ich: Es gab nie ein anderes Ziel außer aufschreiben, wenn notwendig. Notwendig heißt jeden Abend. Als mir klar wird, dass Coronamonate nicht den Plural von zwei Monaten meint, wird das Ziel erweitert auf: bis Sommer weiterzumachen. Dann bis Jahresende. Dann ein Jahr vollzuschreiben. Das Jahr ist vorbei, die Pandemie noch lange nicht.

Ist es noch notwendig zu schreiben? Und selbst wenn: Was ist notwendiger für mich? Ich fühle mich ausgelaugt und erschöpft, leergeschrieben, leergedacht, leerempfunden. Ich nehme mir vor, von nun an tatsächlich weniger zu notieren, weniger Einträge die Woche, keinesfalls täglich. Das ständige Kreisen um das Eine, das anfangs so geholfen hat, zerrt an mir, drückt mich ständig in eine Ecke, lässt mich nicht heraus.

Ich wäre gern in der Lage, eine Art Resümee zu ziehen, rückblickend zu schauen und Erkenntnisse mich selbst und alles andere betreffend aus den Untiefen des Ansonsten zu ziehen. Was ist noch nicht geschrieben, was nicht geschehen? Dass ein Impfstoff verschmäht wird? Die Zahlen, die gerade heute »rund« werden? Eine weitere Welle, eine weitere Skepsis, eine weitere Maske auf dem Gehweg? Corona ist Bestandteil meiner Biografie, Bestandteil jeder Biografie. Die Monate, die Jahre werden bleiben, die Zeit angeheftet, stets mit mir tragend, auch geimpft wird sich das Virus niemals mehr abschütteln lassen.

Ich bin froh, mein Coronagedächtnis hier abgelegt zu haben. Der Ballast ist ausgelagert, von hier an kann ich weitergehen. Ich kann zurückschauen und alles anders betrachten, aber dann werde ich nicht mehr mittendrin sein, nicht mehr schwimmen. Ich werde an Land stehen und aus der Ferne ein Urteil fällen.

Ich laufe durch den Park. Von der Ilm weht kühle Luft, der Winter steigt aus dem Wasser. Von oben arbeitet die klimakatastrophenerprobte Februarsonne die Schneeberge ab. Auf den Wiesen längst mehr Grün als Weiß. Am Römischen Haus spielen Trompeten, bei der Ruine des Tempelherrenhauses schlagen Männer den Rhythmus von They Don’t Care About Us gegen Cajóns. Ich bleibe nicht stehen, ich höre nicht zu, ich laufe weiter, immer weiter, spüre nichts als den Wunsch, etwas Neues zu beginnen, etwas, das die Tage nicht füllt mit Corona.

Ansonsten: AstraZeneca plant, die zugesagte Impfstoff-Menge für das zweite Jahresquartal zu halbieren. Weiterhin verbleiben viele AstraZeneca-Impfdosen unverimpft. In England wird für das geplante Ende der Coronamaßnahmen am 21. Juni ein Feiertag gefordert. Der B117-Anteil in Deutschland liegt bei 30%, eine Steigerung von 10% im Vergleich zur letzten Woche. Zum Impfstart in Afghanistan wird zuerst eine Journalistin geimpft, die für ihre Berichterstattung über Corona bekannt ist. Attila Hildmann wird per Haftbefehl gesucht. Das Virus als Animation. 68000 Coronatote in Deutschland. Eine halbe Million Coronatote in den USA. Weltweit fast 2,5 Millionen Coronatote.

23. Februar | was notwendig ist

Endlich bekomme ich Antwort auf eine Frage, die ich mich beschäftigt, seitdem bekannt ist, welche Rolle Aerosole bei der Übertragung spielen: Wie viele Viren sind eigentlich für eine Ansteckung notwendig? Ich lese, dass »man zwischen 400 und 3000 Viren einatmen muss, damit eine Infektion starten kann.« Eine weitere Zahl: Bis zu 400000 Viren pro Minute werden ausgeatmet. Und: 75% der Infizierten atmen keine Viren aus. Und: »Wenn ich im Büro sitze und vier Stunden arbeite, dann habe ich ungefähr 100 Millionen Viren in den Raum gepustet.« Und: All diese Zahlen gelten für die alte Variante.

Ansonsten: In den meisten Bundesländern öffnen die Kindergärten und Grundschulen wieder. In mehreren Bundesländern soll Schul- und Kindergartenpersonal schnell eine Impfung mit dem Wirkstoff von AstraZeneca angeboten werden. Boris Johnson erklärt, dass bis Ende Juni alle Corona-Maßnahmen in Großbritannien beendet sein sollen.

22. Februar | Handlungsverläufe

Es wäre so viel schöner, wenn kurz vor dem Finale zu einem Jahr Coronamonate die Geschichte auf ein Ende zusteuern würde: die Handlungsbögen, ebenso wie die 2. Welle, allmählich auslaufend und vertrocknend, die wenige Zeit, die es bis zur Impfung braucht, lässt sich angesichts niedriggehaltener Zahlen bedenkenlos überbrücken, bis dahin ein vernünftiges und vorfreudiges Spazieren durch einen Frühling hinein in einen Sommer, der die Pandemie beenden wird.

Doch nichts endet, niemand spaziert. Stattdessen die Aussicht auf ein weitergehendes Nebeneinander sich widersprechender Ersetzungen: das Virus, das uns ein Jahr begleitet hat, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit, während eine aggressivere Variante davon die Zahlen steigen lassen wird. In dieses Steigen hinein erfolgen die Öffnungen, die Wünsche nach weiteren Öffnungen.

Weiterhin ein Fahren auf Sicht, obwohl die Kurven längst viel weiter in die Zukunft hineinragen. Die Risikogruppe bald geimpft (und ich kann nicht oft genug schreiben, was für ein Wunder, was für ein Triumph, schon nach einem Jahr Pandemie zweihundert Millionen Mal geimpft zu haben) und deshalb die Gefahr für alle anderen um so größer.

Die Impfzahlen, die nicht schlecht sind im Vergleich zu anderen Ländern, im Vergleich zu anderen Ländern aber jede Menge Zweifel am Vorwärtsgehen wecken. Ein Mangel an Impfstoffen und zugleich zehntausende Dosen verschmäht, weil viele lieber auf das »gute« Impfen warten. Impfen als einzige Möglichkeit, das Virus zu kontrollieren und zugleich die Bedrohung von Impfzentren, von Fehlinformationen, Agitationen.

Ich weiß nicht, wie dieses Nebeneinander auszuhalten sein wird, diese unterschiedlichen Stimmen und Situationen, welche Reibung entsteht, wohin die Energie fließen wird, wohin die Aufmerksamkeit, was mit der Kraft geschieht, die dabei freigesetzt wird, ob gemeinschaftlich noch eine Kraftanstrengung möglich sein wird, wie diese ausgesprochen werden sollte, wie ich und alle anderen angesprochen werden müssten, wie wir uns selbst ansprechen müssten.

Dabei liegt im Briefkasten das Flugblatt eines Professors, der gegen das Virus, dessen Existenz und Gefährlichkeit er ausdrücklich anerkennt, Vitamin D empfiehlt und keine Angst zu haben. Weil Ängste und Sorgen das Immunsystem schwächten und so dem Virus leichter Zugriff auf den Körper gewährten. Selbstverständlich habe ich das Flugblatt so wie die Spitzen der CDU ihre Hanau-Rassismus-Zettel zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Sonne scheint genug, so dass die Schlange vor dem 40-Sorten-Eiscafé wortwörtlich mehrere hundert Meter lang ist. Ohne Angst hätte ich nur wenige Worte geschrieben von diesen Coronamonaten.

Diese Coronamonate sind fast ein Jahr alt und die Geschichten gehen weiter, anders, ähnlich, nichts hört auf, obwohl es das ist, was jetzt stehen sollte: ein Ende.

Ansonsten: Fast zehn Millionen Menschen sehen »Heile Welt«, den ersten Tatort, der in der Coronawelt stattfindet. Die Macherinnen des Kinderbuchs »Conni macht Mut in Zeiten von Corona« erhalten Morddrohungen von Coronaleugnerinnen. Im Ostseebad Kühlungsborn löst die Polizei eine Line-Dance-Aufführung mit 50 Beteiligten auf. Der Landesgruppenchef der CSU spricht sich für nationale Alleingänge bei Versäumnissen der EU aus. Um die Impfbereitschaft anzukurbeln, öffnet in Tel Aviv eine Bar, in der man sich auch impfen lassen. Auch im israelischen IKEA kann man sich impfen lassen. Ein Friseur aus Bayreuth versteigert den ersten Termin nach dem Lockdown für 422 Euro (für einen guten Zweck). Russland lässt mit Cowiwac den dritten Impfstoff zu. Der katholische Präsident Tansanias erklärt, dass sein Land keine Impfstoffe brauche, weil Gott das Land beschützen werde.

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Coronamonate. Januar

31. Januar | Denkmal

Jeden Morgen werfe ich einen schnellen Blick auf die Zahlen. Wenn die Zahl der Toten unter 800 liegt, freue ich mich, es ist ein guter Tag, es sind nicht tausend Tote. Diese Form der Freude ist ein Ritual der Pandemie, ich reflektiere nicht mehr, wie schrecklich diese Freude ist.

Ich frage mich, ob es einmal ein Denkmal für die Coronatoten geben wird. So wie Pestsäulen? Wie die Weltkriegsdenkmäler in den Dörfern? Oder ein zentrales Denkmal in Berlin, in Heinsberg, in Zittau oder Tirschenreuth? Wie wird man den Toten gedenken? Wird man ihnen gedenken? Wird es einen Tag im Jahr für das Gedenken geben, mit einem Staatsakt, einer Kranzniederlegung? Ein Datum, an dem in einigen Jahren Deutschlandfunk verlässlich Features senden und in den Feuilletons Aufmacher erscheinen werden? Wird es einen Eventfilm mit Florian David Fitz als Virologen, der vergeblich warnt, und Karoline Herfurth als sich aufopfernde Krankenschwester geben, der an diesem Tag ausgestrahlt werden wird?

Wird das Gedenken in Romanen fortgeschrieben werden, Romane, die in den nächsten Jahrzehnten die Pandemie in ihre Geschichten über das 21. Jahrhundert wie selbstverständlich einweben werden? Wird das so geschehen, wie die Weltkriege dauerhaft Stoff für Geschichten bieten, wird das in kleinerer Form geschehen wie bei 9/11, wo Andeutungen – Hochhaus, Flugzeugschatten, Teppichmesser – genügen, um das Bild einer Epoche zu zeichnen? Werden die Erzählungen redundant sein, das Gleiche und Gleiche wieder und wieder darstellen, so, wie die 1920er heute entweder der Börsencrash oder Roaring Twenties sind, werden wir den Bildern von Masken und irrsten Trumpcoronaaktionen überdrüssig werden?

Werden wir das Gedenken wegschieben wollen? Wird es uns lästig werden, an die Coronajahre erinnert zu werden? Werden wir das Gedenken ins Private verlegen? Wird es mit Scham behaftet sein, nicht nur das Gedenken an die Toten, auch die Erinnerung, wie man selbst die Zeit verbracht hat – das Verstummen, das Verschwinden, das Nichtgeschaffte, die Wut, die Belastung, der Druck? Wie wird dieses Gedenken aussehen? Welche Fotos von den Coronajahren werden wir in unsere Fotoalben von dm drucken lassen, welche Gedenksäulen werden wir sehen, werden wir uns dann erinnern, woran?

Ansonsten: Für Freitag werden 794 Tote vermeldet. Expertinnen der WHO untersuchen in Wuhan den Ursprung der Pandemie. Die Lieferungen des Moderna-Impfstoffs werden reduziert, dafür soll es mehr Lieferungen des BionTech-Impfstoffes geben. Nur sieben Intensivbetten sind in Portugal frei. Bei einer Razzia im Skigebiet Tirol werden 96 Anzeigen gegen Briten, Dänen, Schweden, Rumänen, Deutsche, Australier, Iren und Polen erstattet. Nachdem die Stadt chinesische Stadt Tonghua über Nacht in einen Lockdown versetzt wird und Türen mit Eisenstangen zugeschweißt werden, gibt es Berichte, dass Menschen aus Hunger ihre eigenen Haustiere, z.B. Schildkröten, essen.

30. Januar | stoppen sprengen auflösen

Was die Polizei stoppt sprengt auflöst

eine Firmenfeier in Nürnberg, einen Frisörsalon im Keller, Hochzeiten, Gottesdienste, Kindergeburtstage, eine Party in einer Düsseldorfer Apotheke, auf Koh Phangan eine Party mit hundert, in London eine Party mit dreihundert, in Frankreich eine Party mit 2000, einen Weihnachtsmarkt, Glühweinspaziergänge, eine Fetischparty, eine Karaokeparty, eine Garagenparty, eine Kleingartenparty

Ich bin gewöhnt an diese Art von Meldungen. In der Pandemie bin ich gewöhnt daran, dass die Polizei stoppt sprengt auflöst Veranstaltungen, die im weitesten Sinne gute Zusammenkünfte sind, Treffen, die dazu gedacht sind, Wohlbefinden zu verbreiten. Die Polizei unterbindet sie, bestraft die Teilnehmenden dafür.

Ich nehme diese Meldungen hin. Sie erzählen etwas Absurdes, sie unterhalten mich. In gewisser Weise lauere ich darauf, auf die exzentrischen Verfehlungen anderer, bei manchen spüre ich eine Spur Genugtuung, jemand verstößt gegen Regeln, an die ich mich halte und wird dafür zu Recht gemaßregelt.

Was gestoppt gesprengt und aufgelöst wird, sind Dinge der Freude. In so gut wie jeder denkbaren Situation wäre es grotesk, einen Kindergeburtstag mit einem Sondereinsatzkommando zu stürmen, die Erwachsenen verstecken sich mit den Kindern im Schrank vor den Einsatzkräften. Aber jetzt ist Pandemie, jetzt ist ein gesprengter Kindergeburtstag der Normalfall, eine Sprengung, die ich nicht nur nachvollziehen kann, die ich bejahen und fordern muss. Draußen sind die Mutanten unterwegs und drinnen feiern dreißig Kinder.

Ich bin es gewöhnt bin, ich nehme es hin, ich teile. Ich hoffe, dass diese Gewöhnung so schnell wie möglich verschwinden wird.

Ansonsten: Nach zwei Fällen mit der Mutante B117 am Weimarer Krankenhaus wird dort ein Besuchsverbot von einer Woche verhängt. Der Impfstoff von AstraZeneca erhält die Zulassung für die EU, in Deutschland wird er für alle unter 65jährige empfohlen, was bedeutet, dass unter 65jährige eher als geplant geimpft werden können. Pharmakonzerne, die mit der EU Lieferverträge geschlossen haben, müssen Ausfuhrgenehmigungen beantragen. Die Europäische Arzneimittel Behörde stellt einen Monat nach Impfbeginn keinen Todesfall in Zusammenhang mit den Impfungen fest.

Die Regierung beschließt ein Einreiseverbote aus Ländern mit den Mutanten. Der Kanzleramtsminister lobt die Deutschen für ihr vorbildliches Verhalten, weil der befürchtete Anstieg der Infektionen wegen Weihnachten ausblieb. Nach falschen Attesten für Maskenbefreiungen findet bei einem Arzt in Hessen eine Razzia statt. Bis zum Frühjahr werden im Gesundheitsbereich mehr als eine Milliarde FFP2-Masken benötigt.

Die Leipziger Buchmesse wird erneut abgesagt. Nachdem der neue James-Bond-Film von April 2020 auf Winter 2021 verschoben ist, fordern mehrere Sponsoren den Nachdreh bestimmter Szenen, in denen veraltete Produkte mit neuen ersetzt werden können. Nachdem ein Radiosender in fiktiven Nachrichten von 2022 vom Ende der Pandemie berichtet, melden sich »aufgeregte Bürger« beim Sender. Der Gesundheitsminister sagt: Der Weg aus der Jahrhundertpandemie hat begonnen. Übersterblichkeit 2020.

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Coronamonate. Dezember

31. Dezember | ein Jahr zur Faust geballt

Das Ende eines jeden Jahres, besonders eines Jahres wie diesen, erfordert besondere Worte, denke ich, Worte, die die gepresste Zeit fassen und eine Art Klammer für das noch nicht verarbeitete Geschehene finden. Ich habe diese Worte gesucht, ich habe sie nicht gefunden.

Ich sage mir: Der letzte Tag im Jahr ist ein Tag, der einem anderen Tag folgt und einem vorausgeht. Er ist keine Zäsur, kein Bruch, morgen wird wie heute sein, gerade im Lockdown, was ist, verlängert sich, das Neue, das nach ihm kommen soll, ist imaginiert, ein anderes Morgen ist Wunschdenken. Dennoch ist ein Ende, so wenig Ende es auch ist, Symbol für etwas, es wäre Unsinn, das zu verneinen.

Der Abend wird klein, Wunderkerzen auf dem Balkon und Ofenkäse. Manche Freunde feiern mit 2+x Haushalten, manche fahren umher, manche haben einen ebenso kleinen Abend, andere treffen sich auf Zoom, stoßen dort an und singen gemeinsam Karaoke. Wenn es diesmal nach zwölf knallt, weiß ich: Dafür ist extra jemand nach Polen gefahren. Ich verspüre keinen Drang, Jahresrückblicke zu sehen und noch weniger Bedürfnis, in den Januar vorzuschauen. Alle Vorsätze beschränken sich vorerst darauf: Erstmal irgendwie durchkommen.

Dann gibt es doch etwas, was noch zu schreiben ist. Mehrmals in Coronamonaten habe ich nach dem Bild gefragt, was für diese Zeit stehen könnte, neben all den anderen Bildern: den gestapelten Särgen aus Zittau, den Armeefahrzeugen aus Bergamo, dem Absperrband vor den Spielplätzen, den überfüllten Skikabinen, den Treppen des Reichstags, Masken Masken Masken natürlich, den Abdrücken der Masken in den Gesichtern der erschöpften Krankenschwestern und Ärztinnen.

Und da ist eines, ich möchte, dass es so ist: Christoph Wenisch, Leiter der Infektionsabteilung am Klinikum Favoriten in Wien, der beim Impfen den Arm hochreißt, die Hand zur Faust geballt, eine Siegerfaust.

Das ist das Bild, welches ich gern von 2020 behalten möchte: ein Infektiologe, der eine Siegerfaust macht.

Ansonsten: Großbritannien erteilt die Zulassung für den Impfstoff von AstraZeneca. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA fordert für die Zulassung weitere Daten von AstraZeneca. Die Gesundheitsministerinnen mehrerer Bundesländer reagieren verärgert wegen der Lieferengpässe des Biontech-Impfstoffes und kritisieren die Organisation des Impfstarts in Deutschland. Baden-Württemberg beschwert sich bei Rheinland-Pfalz über deren »Impftouristen«. Im November lagen in Deutschland die Todeszahlen elf Prozent über den Durchschnitt der letzten Jahre. Wegen des großen Besucherandrangs im Wintersportort Winterberg wird der Einsatz von Sicherheitsdiensten angekündigt. Aufgrund der hohen Infektionszahlen werden in Hollywood alle Dreharbeiten bis auf Weiteres unterbrochen. Laut einer Studie liegt die Zahl der Coronainfektionen in Wuhan zehnmal so hoch wie gemeldet.

30. Dezember | Wenn ich Feuerwehrmann wäre

Ich lese eine Zahl: In zwei Wochen sind 800.000 Britinnen geimpft. Ich bin beeindruckt. Wer hätte das Anfang November für möglich gehalten: fast eine Million vor dem Virus geschützt. Dann rechne ich hoch. Zwei Wochen, ein Monat, knapp 2 Millionen Impfungen. UK hat 66 Millionen Einwohnerinnen. Bei diesem Tempo wäre man in 2 ½ Jahren einmal durch, die Herdenimmunität dazu gedacht, sind es immer noch zwei Jahre.

Ich lese nicht, wie viele Impfungen die 440 deutschen Impfzentren im Monat ermöglichen können. In Bayern sind es bei 99 Zentren 30000 Impfungen am Tag, hochgerechnet wären das eine knappe Million Impfungen im Monat, wahrscheinlich wird die Zahl höher sein. Eine wahnsinnige Zahl; all die Vorgänge, Gespräche, Kanülen, Wattebäusche, die Hoffnungen, die Furcht, die einzelnen Minuten addiert zu hunderten Jahren an Arbeitszeit, dazu die notwendige Doppelinjektion. Deutschland hat über achtzig Millionen Einwohnerinnen.

Es sind Milchmädchenrechnungen, weil sich die Zahlen verschieben, weitere Impfstoffe dazukommen werden, Hausärztinnen werden impfen, viele werden sich dem Impfen verweigern. Aber, konfrontiert mit dem nun tatsächlichen Prozess des Impfens, bleibt die Überlegung: Es geht nichts von heut auf morgen, es ist eine langwierige Angelegenheit, die viele Ketten erfordert, die funktionieren müssen, eine logistische Herausforderung.

Bei einem Gespräch mit einem Freund beruhigt er mich: Wenn erst einmal die Hochrisikogruppen geimpft sind, werden die Todeszahlen deutlich nach unten gehen, dann sei das Gröbste geschafft. Ich lasse mich beruhigen, denke, ab April, vielleicht im Mai, werden die besonders Gefährdeten geschützt sein können.

Und ich denke: Dann wird Frühling sein und jeder wird wissen, die besonders Gefährdeten sind nun geschützt. Was wird das mit dem großen Rest machen? Was für ein Gefühl wird das nach einem langen Winter sein, nach den Lockdowns, welcher Drang wird bestehen, im April endlich das Seuchenjahr 2020 abzuschütteln? Wird es dann noch die Masken geben, den Abstand, werden sich zu viele dann sagen: Für mich ist die Wahrscheinlichkeit gering, ich brauche jetzt die Nähe, keine Prävention mehr? Was macht das Wissen – die besonders Gefährdeten sind geschützt – mit den Gefährdeten? Werden die Zahlen sinken, so bleiben, steigen, weil sich April 2021 wie April 2019 anfühlen wird, obwohl die Hälfte des Landes erst in der sechsten Gruppe der zu Impfenden gelistet ist?

Ich denke, eine Million im Monat ist beeindruckend und sehe die übervollen Skigondeln. Ich lese in den Berichten über die mittlerweile zahlreichen Erstimpfungen im jeweiligen Bundesland / der jeweiligen Stadt die auffallend ähnlichen Informationen: 2/3 der Bewohner ließen sich impfen, ein Viertel der Pflegekräfte stimmten einer Impfung zu, oder: »In Essen beispielsweise wollen sich am Sonntag nur 54 von 120 Mitarbeitern impfen lassen. Um keine der wertvollen Dosen wegwerfen zu müssen, die ohne extreme Kühlung nicht haltbar sind, werden kurzerhand 24 Feuerwehrleute bedacht.«

Den Impfstoff vor Augen wird sich gegen das Impfen entschieden. Ich denke an ein anderes Gespräch, über das Zögern beim Impfen, die Bedenken, die gemachten Erfahrungen mit Nebenwirkungen. Wäre ich Feuerwehrmann und käme unverhofft an eine Dosis, wie würde ich entscheiden? Würde ich mögliche, bis kaum aufgetretene Nebenwirkungen gegen einen 95% Schutz vor einem Virus stellen, der weltweit fast zwei Millionen Menschenleben gefordert hat? Wäre da nur der Luxus für nur eine Sekunde des Überlegens?

Ansonsten: Das Robert-Koch-Institut meldet – einschließlich der Nachmeldungen über die Weihnachtstage – 1129 in Zusammenhang mit dem Coronavirus Verstorbene.
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Coronamonate. November

30. November | parallel II

Am letzten Tag des Novembers ein Blick zurück auf einen Monat mit höchsten Zahlen, exponentiell gewachsen bis zum Verharren auf Höchstständen, Ampeln schalten um und Inzidenzwerte färben Landkreise pink, ein Monat des wiederholten Runterfahrens, aber nicht so richtig, dem Ausfallen und Einstellen, den vollen Krankenhäusern und denen, die aus Erschöpfung nicht mehr können, ein Zurückfallen in die Anfangszeiten, ein Präsentieren von Konsequenzen, träge die Tage, ein mühseliges Schleppen hin zum Weihnachtsfest.

Und zugleich der Monat, der das Ende der Pandemie in Aussicht stellt, weil er gleich drei Heilmittel verkündet. Tief und hoch zugleich, das gegenwärtige Eingefrorensein und die zukünftige Wärme, ein erneutes paralleles Laufen der Zeiten und Zustände.

Und bei allem, was in diesem Jahr geschehen ist, muss gesagt werden: Gegen ein Virus, das eine Pandemie auslöste, welche die Welt in kaum gekannter Wucht zum Aussetzen brachte, wird innerhalb von elf Monaten ein Heilmittel gefunden, das im selben Jahr noch produziert und zum Einsatz gebracht werden kann. Eine ungeheure, kaum zu überschätzende Kraftanstrengung, eine Mondlandung.

Ansonsten: In Singapur wird ein Baby mit Antikörpern geboren, die Mutter hatte sich während der Schwangerschaft infiziert. Großbritannien ernennt einen Impfstoffminister. Papst Franziskus trifft auf Papst Benedikt XVI. und erntet dafür Kritik, weil beide jeweils keine Maske tragen, ebenso die anwesenden Kardinäle. Das BKA rechnet mit Anschlägen auf Impfzentren durch extremistische Impfgegner.

28. November | parallel

Weiterhin ist das parallel Verlaufende, die Gleichzeitigkeit von allen, was passiert, nur schwer zu fassen. Beispielsweise gestern: Black Friday, in den Saturns und Media Märkten die Einkaufskörbe längst alle in Benutzung und dennoch ein unbeeindrucktes Strömen hin zu den herabgesetzten Elektrogeräten bei gleichzeitiger Diskussion, ob eine Kritik am Black Friday nicht eine Form von Klassismus wäre etc.

Zugleich der österreichische Arzt, der erklärt, dass Covid19-Patientinnen über 80 Jahren nicht auf die Intensivstation verlegt werden, weil erfahrungsgemäß fast hundert Prozent dort die Intubation nicht überleben. Die österreichische Krankenschwester, die von den Krematorien berichtet, die mit der Arbeit nicht nachkommen. Der Arzt aus Arizona, der schreibt, dass während seiner letzten Schicht im gesamten Bundesstaat keine Intensiv-Patientinnen mehr aufgenommen wurden. Das amerikanische Krankenpersonal, das sagt, sie seien nicht die Frontline: »The public is the front line and the front line is failing us.«

Gleichzeitig ansonsten: Der Räuchermännchen-Virologe ist ausverkauft.

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Coronamonate. Oktober

31. Oktober | Warten III

An diesem Wochenende das nächste Warten, weiterhin ein Aufschieben des Notwendigen, ein Verlängern des Luftholens in der Pandemie, so lange, bis er losgeht, der Lockdown Light. Einmal noch Essengehen, einmal noch eine Lesung, ein klassisches Konzert, einmal noch ins Spaßbad, mit Freunden aus x+2 Haushalten treffen, eine WG-Party, Fondue mit den Nachbarn.

Aus Sicht einer Epidemiologin kann es wenig sinnvoll scheinen, nicht augenblicklich in den Lockdown Light zu switchen. Das Virus stellt ja nicht von Donnerstag bis Sonntag 23:59 Uhr seine Aktivitäten ein und legt erst ab Verbotszeit wieder los. Aus Sicht einer Epidemiologin müssen diese vier Tage Aufschub verhängnisvoll klingen; die Ankündigung ließe ausreichend Raum, das zukünftig Verlorengehende schnell noch als Erfahrung einsammeln, sich jetzt extra eng aneinanderzudrücken, weil es ab Montag nicht mehr erlaubt sein wird.

Der Himmel ist grau, das Laub ist nass, auf den aufgeweichten Herbstwiesen liegt eine durchfeuchtete Corona-Extra-Pappe. Die Verabschiedung vom normalen Leben ist im vollen Gang, ein Leben, das gar nicht mal so unnormal weitergehen könnte, misst man die Normalität anhand der Standards einer Pandemie. Trost spendet wieder einmal der Instagram-Account von Soyeon Schröder-Kim. Sie postet ein Foto von einer selbstgenähten Maske, schreibt dazu: »Ich habe den Stoff drucken lassen mit dem Muster „Solidarität – GSK“. GSK steht für Gerhard Schröder und Soyeon Schröder-Kim. Genäht und gedruckt in Hannover.«

Eine mitfühlende und herzerwärmende Geste, mitmenschlich und solidarisch, zugleich kalkuliert und eigennützig und doch in ihrer Selbstbezogenheit tapsig, fast rührig, weil sie in aller Egozentrik etwas Gutes will. Seltsamerweise fühle ich mich beim Betrachten des Instagrambildchen dieser in Hannover gefertigten Maske zuversichtlich, gerüstet für das Kommende.

Ansonsten: Mit über 19000 Neuinfektionen wird die Weihnachtsprognose zum Reformationstag erreicht. In Slowenien startet der Massentest für die gesamte Bevölkerung. Museumsdirektoren protestieren gegen Schließungen: »Es ist uns unverständlich, warum es möglich ist, Baumärkte, Autohäuser und andere Geschäfte offenzuhalten, Museen aber, die über dieselben oder großzügigere Flächen für einen Corona-gerechten Publikumsverkehr verfügen, geschlossen werden.« Heidi Klum postet auf Instagram: » Bleibt dieses Jahr an Halloween zu Hause. Verbringt eine gute Zeit mit eurer Familie. Und versucht einfach, euch nicht gegenseitig umzubringen.«

30. Oktober | Tod im Supermarkt

Durch das Weimarer Einkaufszentrum, das im ehemaligen Gau-Forum beheimatet ist, läuft der Tod. Ihm folgt ein Kürbis. Bald ist Halloween.

Wie das in Marketingabteilung beschlossen wurde: Wir müssen zum anstehenden Fest unseren Kunden etwas Besonderes bieten, etwas, das sie fröhlich stimmt und sie bestenfalls zum Kaufen animiert. Wie wäre es, im Jahr der Pandemie, gerade dann, wenn ein zweiter Lockdown beschlossen ist, einen Studenten als Tod zu verkleiden, ihm eine Sense in die Hand zu geben und ihn unter den maskentragenden Kunden wandeln zu lassen, vorbei an den Hygieneschildern und Desinfektionsbehältern, wie wäre das, der Tod beim Konsum?

Und tatsächlich, wie so oft, behält die Marketingabteilung recht. Die Kunden kommen, schieben sich und ihre mit Mehl vollgepackten Einkaufswagen zwischen Sensenmann und Kürbis, jemand sagt »Käsekuchen« und drückt ab, das Lachen bleibt hinter der Maske versteckt, aber der Moment mit dem Tod ist für alle Zeit im Smartphone gefangen.

Ansonsten: Ministerpräsident Armin Laschet ruft zum Verzicht von Halloween-Partys auf. Die WHO warnt vor den negativen Folgen landesweiter Lockdowns. Die EU finanziert den Transport von Covid-Patienten in andere Länder. In Rio de Janeiro wird der Straßenkarneval abgesagt. Laut einer Studie hält nach eine Infektion die Immunität gegen Covid19 ein halbes Jahr. Laut einer Studie über ein Tim-Bendzko-Konzert würden Abstand und Belüftung auch Konzerte in Zeiten der Pandemie ermöglichen.

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Coronamonate. September.

30. September | Spannungsbogen

Was diesen Einträgen, die ja eine Art Tagebuch sein sollen, komplett abgeht, ist ein Spannungsbogen. Hier gibt es keine fortlaufende Erzählung. Weil es keine Figur gibt, die etwas erlebt. Die Figur ist die Welt und die Welt ist abstrakt.

Ich, der eine Figur sein könnte, ich, der das Komplexe anhand meines individuellen Seins erlebbar und damit für außen verständlich machen könnte, halte mich bedeckt. Ich gebe kaum etwas Privates preis. Auch wenn ich die Einträge von mir schreibe, finde ich nur selten darin statt. Mein Ich bleibt – abgesehen von einigen Analysen meiner Wahrnehmung – fremd. Es gibt nur wenige Einblicke in Persönliches, mein Fühlen ist abgesichert.

Weil es mich nicht gibt, kann ich mich nicht ändern. Es kann zu keiner Spannung kommen, weil ich nirgendwo starte und nirgendwo hinstrebe. Auf den Weg dahin gibt es keine Hürden. Weder kann ich triumphieren noch kann ich scheitern. Mir passiert nichts.

Dabei wäre es einfach, Spannung zu erzeugen. Anstatt den gestrigen Tag auszulassen, könnte ich vom Kranksein berichten. Ich könnte mein Unwohlsein beschreiben, das Verschlechtern, vielleicht eine Genesung. Ich könnte detalliert berichten und es wäre nicht langweilig, weil es echt wäre. Ich könnte vom Kindergarten erzählen, von Freunden, der Familie. Ich könnte mein Zuhause beschreiben, meine Beziehung zu Menschen, die mir wichtig sind. Das mache ich nicht. Ich schütze sie, vor allem schütze ich mich.

Diese Abwesenheit nimmt Spannung aus den Einträgen. Sie macht es schwer, auch für mich, den Einträgen dauerhaft zu folgen. Ich bin keine Erzählung, obwohl ich eine sein könnte. Ich kann den interessantesten Gedankengang zu Christian Drosten haben, er wird immer weniger aufregend sein als das banalste Persönliche. Das eine ist ein Gedanke, das andere ist etwas, das nur mir passiert ist. Es ist echt, es ist ungewiss, wie es weitergeht, wie es weitergehen wird, kann nur ich berichten. Aber ich berichte nicht. Ich halte mich aus meinen eigenen Einträgen heraus. Ich ziehe mich auf die Welt zurück, damit ich schreiben kann.

Ansonsten: Ich bin davon entfernt, mein gesundheitliches Befinden als okay beschreiben zu können.

28. September | 2019 banal, heute relevant

Ich huste, ich niese, ich habe Kopfschmerzen. Es ist der vielleicht banalste Beginn eines Eintrages hier, Informationen, die für niemanden von Interesse sind. Dennoch schreibe ich sie nieder. In Coronazeiten bekommen sie eine bestimmte Wertigkeit. Ich muss mein Unwohlsein einordnen. Zuerst die Überlegung: Sind es die Symptome, über die seit sieben Monaten ausgiebig berichtet wird? Wie kann ich sicher sein, dass sie es nicht sind? Und was, wenn ich nicht sicher bin?

Etwas Gutes in alledem: Ich überlege, intensiver als vor der Pandemie, ob meine Verfassung andere beeinträchtigt. Ich muss abwägen: Gefährde ich mit meiner Anwesenheit andere? Und falls ja: Wie vermeide ich Kontakt? Auf welche Vorhaben verzichte ich? Gehe ich unter Menschen? Und wie?

Wenn, dann mit Maske. Vor März 2020 wäre mir das niemals in den Sinn gekommen. Ich hätte keine Maske vorrätig gehabt, ich hätte wenig darüber gewusst, wo ich sie außerhalb der Apotheke erwerben kann, wie sie funktioniert. Ich hätte mich gescheut, sie anzulegen. Meine Maske wäre krankenhausgrün gewesen und nicht anthrazit. So schaue ich auf einen Zustand, den ich schon oft durchlebt habe, anders. Ich huste, ich niese, ich habe Kopfschmerzen. Ich reagiere darauf als ein Produkt der Pandemie.

Ansonsten: Nach einer Familienfeier in Bielefeld befinden sich 1700 Personen in Quarantäne. Der erste Test des russischen Impfstoffes Sputnik V im Ausland findet in Weißrussland statt. In einem offenen Brief fordert die AG Kino-Gilde Deutscher Filmkunsttheater bundesweit einheitliche Regeln – ein Sitz frei zwischen Besuchergruppen, ohne Maske am Platz – da ansonsten die maximale Auslastung bei zwanzig Prozent lege. Die Nachrichtenagentur AFP zählt in der Nacht zum Montag 1.000.009 Todesfälle.

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