Carsten Schneiders Augen.

Vor meinem Fenster hängt Carsten Schneider. Präziser: Vor meinem Fenster hängt das Bildnis von Carsten Schneider. Es ist ein Plakat, sein Plakat für den Bundestagswahlkampf. Es hängt an einem Laternenpfahl vor dem Haus, in dem ich wohne.

Hundert Fotos, vielleicht weniger, vielleicht mehr, wird ein Fotograf von Carsten Schneiders Gesicht gemacht haben. Der Fotograf, Carsten Schneider, sein Team, haben diese Fotos betrachtet und für dieses entschieden. Mittig gesetzt sein Antlitz, keine formalen Extravaganzen, kein angeschnittener Kopf, einiges Weiß um ihn, auch Schatten,  frontal blickt er. Er trägt eine Brille, ähnlich wie ich, dahinter versinken die Augen, die Mundwinkel sind ansatzweise nach oben gezogen, der oberste Knopf des weißen Hemds ist geöffnet und hat dennoch nichts christianlindnerhaftes an sich.

Seit Tagen schon sieht mich Carsten Schneider an, jeden Morgen, wenn ich die Vorhänge beiseite ziehe und aus dem Fenster schaue, ist da Carsten Schneider. Sein Blick folgt mir in meinem Alltag. Er ist dabei, wenn ich esse, die Topfpflanzen gieße und staubsauge, er schaut zu mir, wenn ich mich an imaginären Kriegen in Westeros erfreue, ist dabei, wenn ich vom Atomscharmützel höre, das der amerikanische Präsident gern mit Nordkorea anfinge, wenn ich lese, dass der erfolgreichste Artikel auf Spiegel Online an diesem Atomkriegtag »Wer Bier trinkt, bricht seltener das Studium ab« ist, ist beim Dieselgipfel dabei, beim 177. Tag von Deniz Yücel im türkischen Gefängnis, bei den Neymarmillionen. Nachbarn haben Carsten Schneider vom Pfahl entfernt, doch er war schneller als Jesus, keinen Tag später hing er wieder, die Lippen seeheimkreisig aufeinandergepresst.

Einen Pfahl weiter hängt seine Konkurrentin. Ihr Bild ist unvorteilhaft, der Fotograf ist zu nah an ihr gewesen, nun drängt sie mit ihrem Kopf tief in meine Distanzzone hinein, zu tief, ich fühle mich bedrängt. Dabei richtet sie ihren Blick – anders als Carsten Schneider – nicht auf mich, sondern über mich hinweg. Möglicherweise wird eines Tages auch ein AfDler an den Pfählen hängen, wahrscheinlich ganz oben, die AfD hängt sich immer ganz oben auf, als ob Fipronileier sie dort nicht auch erreichen könnten.

Bis zum 24. September wird Carsten Schneider bei mir sein. In der Nacht wird er mir sozialdemokratische Träume zaubern, tagsüber mein bundesrepublikanisches Gewissen prüfen, mit seinen weisen Steueraugen zuversichtlich über meinen rechtschaffenden Bürgerkörper streicheln und mir versprechen, dass vieles so bleiben wird und manches gerechter werden könnte. Dann werden die Genossen kommen und Carsten Schneider mit sich nehmen, den Blick, das offene Hemd, die in Plakat gegossene Zuversicht.

Die KADYA-Girls. Jaffa / Weimar.

Der Kadyachor. Fünfundzwanzig Mädchen aus Israel und Deutschland kommen in Israel und Weimar zusammen, um in achtzehn Tagen zwölf Lieder der jiddischen Dichterin Kadya Molodowsky einzusingen. Die Texte sind in Jiddisch, eine Sprache, die sie nicht sprechen, zu Teilen aber verstehen können. Ihre Sprachen sind Arabisch, Hebräisch, Deutsch und Englisch. Proben stehen an, zwei Konzerte, ein Besuch in Jerusalem, Flüge in andere Länder, ein Leben in der Ferne. Eine Reise, in vielerlei Hinsicht.

Jaffa, Jafo. Die viele tausend Jahre alte, mehrheitlich arabische Hafenstadt, die in den 1950er Jahren mit Tel Aviv vereint wurde. Wer auf der Straße läuft, dem tropft Wasser von den Klimaanlagen in den Nacken. Auf der Sderot Yerushalayim alle drei Häuser ein Kiosk, darin gekühlte Getränke, Auberginen so groß wie Wassermelonen und Wassermelonen so groß wie zwei Wassermelonen. Das wahnsinnigste Fortbewegungsmittel sind die E-Bikes, die auf Straßen und zwischen Passanten wie in einem GTA Jaffa agieren, oft mit Beifahrer stehend auf dem Gepäckträger. Die wichtigste Information in Städten ist: Halten Autos an Zebrastreifen? Hier tun sie das.

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Bücher. Der letzte Rest Wahnsinn.

Sybille Berg – Der Mann schläft

Wunderbarer Hass auf das Mittelmäßige und Erbärmliche. Seite für Seite ließe sich hier durchgehend rot unterstreichen. Im besten Sinne ein Klassiker – das Innenleben einer Figur gegen die Welt gestellt und beide scheitern. Der Mann kriegt keinen Namen ab und wirkt damit so herrlich hohl wie »der Mann«, »Kind 1«, »Kind 2« in deinem Lieblingselternblog, nur dass hier keine Ratschläge gegeben werden und sich alles, nur nicht Wohlfühlmomente einstellen sollen.

Ronja von Rönne – Wir kommen

Es gehört Größe dazu zu erkennen, dass Provokation allein eine leere Hülle ist, gerade, wenn einem dafür zu viele von den Falschen auf die Schultern klopfen. Ronja von Rönne hat sich von ihrem provokanten, sehr dummen Feminismustext mittlerweile distanziert. Um so schöner, dass dieses Buch keine Provokation sein will, sondern lakonisch und sehr entspannt in sich ruhend unaufgeregt Befindlichkeiten von Menschen erkundet, die im wahren Leben zuerst das ZEIT-Magazin statt die ZEIT lesen würden.

Boualem Sansal – 2084

Wie gern ich mir vorstelle, dass Lutz Bachmann oder André Poggenburg »2084« kaufen, weil: Dystopie durch Islam. Und nach zwei Seiten aufgeben, weil: Verstehn se nicht. Die Sprache ist dicht und getränkt und voller schweren Blumen, Sätze ohne Komma und wenn Komma, dann sind diese Brücken zwischen großen Gedanken. Sansal geht es um die Mechanismen von Religion, wenn Religion Machtinstanz ist. Der Islam ist da nur Platzhalter, vielleicht auch nicht. Vielleicht auch schön, dass sowohl er als auch Hollebecque es ihren potentiellen »Fans« nicht allzu einfach machen, sondern sie zwingen, eigene Sicherheiten zu hinterfragen bzw. tief in Geschichte einzusteigen. Weil: Wo lässt sich mehr Widerspruch finden als in der Religion? Weiterlesen

Letzte Nacht in Dortmund.


Eins
Kurz nachdem die Bomben explodiert sind, wird entschieden, dass sich die Männer, die den Bomben knapp entgangen sind, wenige Stunden später auf dem Spielfeld einzufinden haben. Die Verantwortlichen des BVB – nicht die Mannschaft, nicht der Trainer – heißen diese Vorgehen gut. Sie legen keine Beschwerde ein, verlangen keine Pause, zumindest, bis die Umstände geklärt sind, der Täter gefasst ist, das Motiv geklärt ist, geklärt ist, ob weitere Anschläge zu erwarten sind.

Nichts davon. Vielmehr verkünden die Verantwortlichen des börsennotierten Fußballvereins, dass bei einem Spielabbruch die Terroristen gewonnen hätten. Für die Freiheit, unsere Werte, unsere Gesellschaft etc. müssen die Männer nun antreten. Würden sie nicht antreten, würden sie nicht für die Freiheit, unsere Werte etc. einstehen, wären unehrenhaft, wären Feiglinge. Die Mannschaft, elf Männer, ein Trainer, tritt also an, damit der börsennotierte Fußballverein ein Halbfinale erreichen kann. Weiterlesen

Der weiße Globus

In diesen Tagen ist mein neues Buch erschienen, Der weiße Globus, ein Geschichtenband mit achtzehn Texten aus den letzten zwölf Jahren, Erzählungen hauptsächlich, auch andere Formen, Tribunale, Märchen, Reiseberichte, Geschichten über Nachbarn, ASMR, schwebende Städte, Syrien, Schollen, Superhelden, Automobilisten, rote Riesen, Prinzessinnen, Zungen, Käfer, Söhne, Töchter, Enkel.

Der weiße Globus
Geschichten
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Weimar, Kabul

Wir fahren mit N. zu einem Handballspiel. N. kommt aus Kabul. In Afghanistan hat er Politik studiert. Nach mehreren Mordanschlägen auf Kommilitonen gibt er das Studium auf. Danach arbeitet er fürs Fernsehen – auch für afghanische Ableger europäischer Sender –, trainiert einen Fußballverein, engagiert sich im Nachwuchsbereich. 2015 kommt er nach Deutschland, lebt jetzt in Weimar.

Es ist sein erstes Handballspiel. In der Halle macht er Selfies mit einer Nationalspielerin, Fotos und Videos, die er auf Facebook teilt, wo sie umgehend kommentiert werden.

N. hat Sprachkurse besucht. Ab und an fragt er nach Wendungen, bittet um Korrektur seiner Aussprache, seiner Wortwahl. Er hat Abitur, sucht eine Arbeit. Gefunden hat er bisher keine. Für einen lokalen Radiosender hat er Beiträge gemacht, war auf Workshops in Schulen dabei. Ansonsten – nichts.

Arbeiten will er, etwas tun. Für eine Arbeit, eine Ausbildung muss er tagsüber verfügbar sein. Tagsüber sind Kurse, Gänge zu den Ämtern. Auf die Ämter muss er oft, viele Stellen mit verschiedenen Zuständigkeitsbereichen.  Er muss selbst einen Weg finden, durch die Gespräche, das Amtsdeutsch, die Zuständigkeiten, die Nichtzuständigkeiten. Eine Streetworkerin unterstützt ihn dabei, beide sind nach Monaten ergebnisloser Suche ernüchtert und frustriert. Weiterlesen

Stefanie Sargnagels Babykatzengate. Klingt lustig, ist es nicht

Wels, Volksgarten, Juni 2015. Stefanie Sargnagel hat am Tabak Pavillon eine furiose Lesung gehalten. Danach zusammensitzen, der Abend, die Nacht ist mild. Die Anwesenden sprechen über vieles, wir später über Hildesheim und das Prosanova, Wanda, Wien, über das Schreiben fiktionaler Literatur und die Schwierigkeiten dabei, die Grenzen, die sich auftun, wenn sich Reales in den Text schiebt und das Erdachte überlagert und umgekehrt.

Anfang 2017 verfasst sie mit den Autorinnen Lydia Haider und Maria Hofer für die Literaturbeilage des Standards ein Tagebuch über eine Reise nach Marokko, grandioser Gonzo, in dem sie Erlebtes mit Erdachtem mischt, überhöht natürlich und damit genau die Klischees vorwegnimmt, die ihr von rechter, kleinbürgerlicher Seite so oft zugeschrieben werden.

Wenige Wochen danach erscheint ein Artikel in der Kronen Zeitung, der beabsichtigt oder nicht diese Überhöhungen für bare Münze nimmt. Der Artikel wird von einschlägigen Seiten geteilt, FPÖ-Landesgruppen klinken sich ein, Trotteltrolle kommentieren, Onlinehasser, Morddrohungen, Verwaltigungsdrohungen inklusive. Ein ehemaliger Haiderspindoktor und der Schriftsteller Thomas Glavinic mischen ebenfalls irgendwie mit. In einem niederträchtigen Nachfolgeartikel der Kronen Zeitung wird Stefanies Wohnort in Kärnten – dort ist sie nach Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis momentan Stadtschreiberin – demonstrativ veröffentlicht, mit dem Hinweis, dass sie »willig« sei.

Dazu muss man wissen, dass sich Stefanie Sargnagel klar gegen Nationalismus, Rechtspopulismus, damit die FPÖ, Sexismus, all das ganze Dumpfe und Bequeme und Selbstherrliche positioniert hat. Dazu muss man auch wissen, dass sie Teil der Hysteria ist – kein Satireprojekt – einer Burschenschaft, die allein Frauen in ihren Reihen akzeptiert und damit die Burschenschaften zur Weißglut treibt, weil sie deren Gebaren eins zu eins imitiert und auf nahezu ideale Weise deren lächerliches Wesen offenbart.

Nach den Gewaltandrohungen hat Facebook eine Sperrung verfügt – gegen Stefanie. Und das ist war deshalb ein so fatales Zeichen, weil es hier nicht um die Frage geht, was Kunst ist, darf und ob und wie sie gefördert wird. Sondern weil es sich um gezielte Angriffe gegen jemanden handelt, die eine Sprache gefunden hat gegen das Rechtsnationale und der nun durch die persönlichen Anfeindungen und Todesdrohungen die Courage genommen werden soll, weiter zu sprechen.

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– Drei Autorinnen in Marokko: „Jetzt haben wir ein Pferd und Haschisch“

– Saufen und kiffen auf Kosten der Steuerzahler

– Stellungsnahme auf Twitter

– Die Alpha-Männchen gegen Stefanie Sargnagel

– Wirbel um Marokko-Reisebericht von Sargnagel, Haider und Hofer: Der Einfachheit erlegen

– auf Deutschlandradio

 

Edit: Mittlerweile ist die Sperrung aufgehoben und gegen die Verfasser bestimmter Posts wird ermittelt.