Mesut oder nicht – Die große Samstagabendshow mit Markus Lanz

Markus Lanz ist zufrieden. Ihn und seinen Leuten ist es gelungen, innerhalb weniger Tage eine große, ach, die größte Samstagabendshow auf die Beine zu stellen. Das war wichtig. Immerhin geht es um das Thema, das die Nation wie kein zweites spaltet. Mesut Özil. Also Fußball. Also das Mitsingen der Nationalhymne. Also der Verlust von Fußball als gesellschaftlicher Konsens. Also Vorbildfunktion als sportlicher Repräsentant. Also eklige Medienkampagne. Also wie man mit freiheitsfeindlichen Meinungen in einer freien Gesellschaft umgehen soll. Also Leben zwischen verschiedenen Kulturen. Also wer welche Kultur wie begründet. Also wer für sich in Anspruch nimmt zu entscheiden, wer wo dazu gehört. Also Diskriminierungserfahrungen. Also wie ernst nichtdiskriminierte Deutsche Diskriminierungserfahrungen anderer Deutscher nehmen. Also systemische Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Also Deutschsein.

Es ist wahnsinnig kompliziert. Deshalb haben sich Markus Lanz und seine Leute überlegt, wie es ganz einfach wäre. Was wäre einfacher zu verstehen als eine Samstagabendshow? Ihre Idee: In Mesut oder nicht entscheidet sich jeder für eine von zwei Seiten. Mesut. Oder eben nicht. Das Besondere daran: Jeder Deutsche – gleich, aus welchem Land ihre Eltern kommen – nimmt daran teil. Zwei Hot Buttons, einer MUSS gedrückt werden. Damit ist die Sache dann erledigt. Weiterlesen

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Horst Seehofer hält drauf


Horst Seehofer hält drauf. Der Zug fährt im Kreis und rast auf einen anderen zu. Wenn Horst wollte, könnte er das verhindern; Weiche umstellen, abbremsen, anhalten, aussteigen. Horst will das nicht. Der Zug kracht hinein. Frontalcrash. Horst verzieht keine Miene. Macht er nie. Wenn er lächelt, dann mit der Milz.

Es ist Samstag Abend. Gerade hat Kroatien Dänemark aus der WM geschossen. Horst hat sich in sein mobiles Modelleisenbahnzimmer zurückgezogen. Das hat er immer dabei, kann er jederzeit aufbauen. Seine Züge lässt er über ein Deutschland im kleinen Maßstab rollen. Dafür hat er sich ein eigenes Deutschland gebaut; fünfundneunzig Prozent der Fläche nimmt Bayern ein, der Osten und der Norden kommen gar nicht vor, ein kleiner Provinzbahnhof ist Berlin. Hier kann er schalten, wie er will.

Horst überlegt, was er eigentlich will. Im Grunde ging es immer darum, den größtmöglichen Schaden anzurichten; für die Parteien, das Land und Angela, vor allem für Angela. Im Finale hat er sie dort angegriffen, wo sie sowieso verwundbar ist. Ist bedingungslos Kontra gegangen und hat noch drei drauf gesetzt, sicherheitshalber zwei mehr als Kruzifixsöder und Asylindustriealex. Weiterlesen

Alexander Gauland badet im Heiligen See

Auch wenn es den Klimawandel nur in den Fieberträumen linksversiffter Systemlinge gibt, ist der Tag doch recht mollig, denkt Alexander Gauland und zieht sich aus. Er steht am Ufer des Heiligen Sees. Gleich wird er den Körper in das kühle Nass tauchen und ein paar Runden im Wasser drehen. Das braucht er jetzt. Den Kopf mal freikriegen.

Die letzten Tage waren turbulent. Erst der Vogelschiss-Kommentar. Das lief nicht gut. Eigentlich wollte er ja Fliegenschiss sagen. Im Deutschen nennt man unbedeutende Kleinigkeiten Fliegenschiss. Nicht Vogelschiss. So geht die Metapher nicht auf. Alexander ärgert sich. Dabei gehört das Deutsche doch seinen besonderen Skills.

Er schmunzelt. Egal. Haben dennoch alle verstanden, deutsche Sprache hin und oder. Der Frank hat ihn daraufhin aus der Talkshow verbannt. Den Björn auch. Naja. Auch egal. Frank hat ja was zu den Zugewanderten, also Nichtdeutschen, also Ausländern, also Muslimen als Kriminelle gemacht. Und die Maischberger fragt direkt nach der Houellebecq-Verfilmung, ob wir den Islam tolerieren dürften.

Wieder muss Alexander schmunzeln. Rhetorische Frage natürlich. Geht ja eigentlich um das wir. Wir gegen die Nichtdeutschen. Also den Islam. Wenn die schon so anfangen, da muss er auch nicht mehr zum Frank oder der Sandra. Da kann er auch schwimmen gehen im Heiligen See. Weiterlesen

Lindner. Bäcker. Jeder in der Schlange.

Vor vielen Jahren wurde ich gefragt, wer einer der schönsten Männer der Welt sei. Ich sagte: Jude Law. Weil Christian Lindner laut Gala und Spiegel eine entfernte Ähnlichkeit mit Jude Law aufweisen soll, hatte er bei mir einen gewissen Stein im Brett, eine sehr oberflächliche und dumme Schlussfolgerung, gerade in Zeiten der eiskalten, im vollen Unterbewusstsein ihrer Bedeutung getätigten Bäcker»anekdote«, die u.a. impliziert, anhand der Hautfarbe ließe sich die Rechtschaffenheit eines Menschen ablesen.

#Bäcker

Bernd Ulrich: »Wie nennt man Leute, die in der Schlange beim Bäcker darüber nachdenken, ob DIE ANDEREN illegale Migranten, Steuerhinterzieher, oder Ehebrecher sind, während man selbst ein rechtschaffener Bürger 😇 ist? Genau: man nennt sie bigotte Spießer.«

Kunstseidene: ‏»Keine Partei war in den letzten 50 Jahren so häufig an der Bundesregierung beteiligt wie die FDP. Ein Einwanderungsgesetz – durchaus Kern liberal-meritokratischer Politik – haben wir nicht, dafür Salonrassismus und keinen Regierungswillen.« Weiterlesen

Trypophobia. Das Unbehagen beim Anblick von Insektenhotels.

Am Strand von St. Pete finde ich eine Muschel, deren Gehäuse mit vielen kleinen Muscheln besetzt ist. Wie leere Augen starren sie zurück. Ein Schaudern überkommt mich, wenn ich eine Metapher verwenden wollte, dann die einer Gänsehaut, die sich innen kräuselt, mehr noch ein Gänsehauttier, das mit weichem Flaum langsam meinen Körper entlangwandert und sich in meinem Kopf einnistet und auf jede Nervenzelle eine Hand mit kaltem Pelz legt.

Keine Augen sind es, die mich anstarren, ich starre in Löcher, winzige Löcher. Ich google »Angst von kleinen Löchern« und finde das Wort Trypophobia: die Angst von unregelmäßigen Löchern in natürlichem Gewebe, asymmetrische Cluster, Einzelteilchen, die als ein Ganzes betrachtet werden könnten, Waben, Poren, Schwämme. Ursache des Ekels könnte die Urangst vor giftigen Tieren sein, die durch bunte Farbmuster warnen – der blaugeringelte Kraken – oder die Furcht vor Parasiten und Krankheiten, welche die Haut befallen und sie durchlöchern, pockenartige Objekte, vielleicht das Internet, wenn das Sprechen über die Bilder erst die unangenehmen Assoziationen weckt, eine Art Priming. Weiterlesen

Avicii. Nicht am Strand von Madagaskar.

Gestern Abend, als ich mit dem Fahrrad nach Connewitz unterwegs bin, erfahre ich, dass Avicii gestorben ist. Wenige Tage zuvor hätte ich diese Nachricht unbewegt zur Kenntnis genommen, bestenfalls festgestellt, dass Avicii einer von denen mit den besonders lästigen Liedern ist. Doch war das gestern nicht mehr möglich. Tags zuvor hatte ich eine Dokumentation gesehen – Avicii: True Stories.

Der Film erzählt von einem jungen schwedischen Teenager, der in seinem Schlafzimmer sitzt und Musik macht, so wie man Musik macht, wenn man Musik liebt: tausend Stunden lang Musik spielen, dafür die Stücke der Vorbilder kopieren, sie Ton für Ton nachbauen, um zu verstehen, schließlich beginnen, Eigenes hinzuzufügen. Tim Bergling schickt seine Tracks an Blogs, ein Blog postet sie, sie werden gehört, ein Manager wird aufmerksam, verspricht dem Jungen, ihn groß raus zu bringen. Weiterlesen

Über Spahn, Storch, Kollegah und den Hund von Jens Jessen

Jens Spahn

Ich weiß noch genau, wann ich Jens Spahn zum ersten Mal als Jens Spahn wahrnahm. Es war in einer dieser sogenannten politischen Gesprächsrunden, die ich seither nur noch anschaue, um den Kontext mancher Tweets zu verstehen. Das Thema hieß Rente und Jens Spahn war so jung wie ein Fußballprofi im besten Alter, jünger als Thomas Müller also, jünger als Toni Kroos, irgendwo zwischen Joshua Kimmich und Mario Götze. Ich dachte noch, warum CDU, warum schickst du einen so jungen Menschen in diese Gesprächsrunde, du musst doch von Haus aus für Rente sein.

Aber Jens Spahn war kritisch der Rente gegenüber, er wollte die Rente abschaffen, er wollte, dass alle Alten ihre bisher erhaltene Rente an Junge wie Kimmich (der damals noch in der Jugendmannschaft des VfB Bösingen gespielt haben musste) oder Jens Spahn zurückzahlen sollten. Ich dachte, was für ein pauschaler Unsinn, Jens Spahn, und hatte keine Ehrfurcht vor seiner Meinung, nicht mal Respekt vor seiner kühnen Aggressivität, weil mir Spahn schien wie einer, der aus Karrieregründen in die Haut eines strebsamen Trolls geschlüpft war, einer, der sagt, was niemand hören will, was alle aber ganz gern hören, weil einer muss es ja sagen, weil sich sonst alle einer Meinung sind – boring. Jens Spahn war einer, der badete darin, der verlangte sogar noch mehr von dem kopfschüttelnden Abscheu, mit dem man ihn übergoss. Und man goss bereitwillig.

Ebenfalls kam mir der Gedanke, dass man von dem Spahn noch was hören würde und war gespannt, ob seine Meinung irgendwann zählen würde, ob man seinen Aussagen tatsächlich einmal Bedeutung zuschreiben würde, dass aus seinem Widerspruch des Widerspruchs willen einmal Konsequenzen folgen würden. Anders gesagt, ich war gespannt, ob Jens Spahn eines Tages ein erfolgreicher Politiker werden würde, also einer mit Macht. Weiterlesen