Coronamonate. Dezember 2021.


2. Dezember | Impfpflicht

Vieles deutet auf eine allgemeine Impfpflicht hin. In den letzten Tagen und Wochen auch mehrere Gespräche darüber geführt, die unterschiedlich waren in Tonalität, auch in ihren Schlüssen.

Dabei dachte ich zurück an meine Impfhistorie. Ich habe Impfen nie hinterfragt. Mich nicht eingelesen in Herstellung und Wirkungsweise, nie informiert über unterschiedliche Anbieter der Impfstoffe. Ich ließ mich impfen, weil die Annahme war: Der Impfstoff schützt mich. Der Stoff ist millionenfach verimpft, Expertinnen haben viel Zeit damit verbracht, ihn sicher und wirksam zu machen. Auch beim Coronaimpfstoff war es so: Nachdem klar war, dass es nicht AstraZeneca wird, war ich froh, nun geschützt zu sein. Angst hatte ich nicht, im Gegenteil, Angst war mir genommen, eine große Erleichterung.

Die Angst beim Impfen kam erst als Vater. Einerseits das sichere Wissen, dass Impfen mein Kind schützt. Und dennoch im Kopf die Berichte von Folgen. Und so gab es bei entsprechenden Us immer auch ein leichtes Unbehagen, das ich rational vertreiben wollte, was dennoch blieb, ein, zwei Tage lang.

Ich habe es hier schon mehrmals geschrieben, was für eine Leistung es ist, innerhalb eines Jahres mehrere Wirkstoffe gegen ein neues Virus zu entdecken und in milliardenfachen Mengen zu produzieren. Und was für ein Luxus, in einem Land zu leben, das sich diesen Lebensschutz leisten kann und für alle die Infrastruktur zum Impfen bereitstellt. Dass ich rein logisch nicht begreifen kann, weshalb man beim Impfen zögert, gerade beim Blick auf die Zahlen; auf die acht Milliarden Impfungen, auf die 260 Millionen Infektionen, die 5.2 Millionen Toten. Rational ergibt es für mich keinen Sinn, auf das Impfen zu verzichten, die Wahrscheinlichkeiten so klar und eindeutig verteilt.

Eine fast wahre Geschichte, weil ich gehört habe, wie Kinder Ungeimpfter als Schimpfwort verwenden. Ich stehe am Spielplatz, die Kinder teilen sich in zwei Gruppen. Eine große, das sind die Geimpften, eine kleine, die Ungeimpften. Das Spiel geht so: Die Ungeimpften müssen vor den Geimpften weglaufen, die Geimpften versuchen zu fangen. Gelingt das, ruft das Kind »geimpft« und der ehemals Ungeimpfte wird der großen Gruppe zugeschlagen.

Ich habe mit Ungeimpften gesprochen. Auch hier verschiedene Tonalitäten. Es gab Gespräche, in denen das Ungeimpftsein als stolze Ideologie präsentiert wurde, in denen der Widerstand gegen das Impfen den Widerstand gegen vieles andere mehr beinhaltete. Aber auch Gespräche, die überraschend leise waren, in denen die typischen Argumente (mögliche Langzeitfolgen, Veränderung der DNA, ich warte lieber auf den Totimpfstoff) verdruckst, fast beschämt vorgetragen wurden.

Zum Glück gab es auch diese Gespräche. Denn ich merke, dass, wenn ich erfahre, dass mein Gegenüber ungeimpft ist, sofort die Dominosteine umfallen, eins kommt zum anderen. Aus dem Ungeimpftsein wird ein Querdenker wird jemand, der auch Reichskriegsflaggen schwenken könnte etc. Die Schublade ist sofort auf und sie ist oft auch passend. Aber oft eben nicht. Oft ist es auch anders, komplizierter, das möchte ich annehmen, das möchte ich hoffen.

Auf Twitter bietet ein Arzt Hilfe beim Finden von Erst-Impfterminen an. Er sagt, jede könne sich an ihn wenden: jene, denen es peinlich ist, sich erst jetzt erstmalig zu impfen, jene, die sich schämen, die es versäumt haben, die nicht in der Lage sind, Termine zu machen, die ihre Meinung geändert haben. Ein Grund brauche er nicht, sagt der Arzt, ihm reiche die Bereitschaft zum Impfen. Ich finde das gut, auch wichtig, so zu denken, so zu helfen, nicht zu beschämen, nicht zu hassen, nicht immer sofort die Dominosteine umzustoßen.

Und dennoch weiß ich ganz sicher, dass es nicht ausreichen wird, dass es mehr Impfungen braucht, auch bei denen, die weder verschämt noch hilflos sind. Es braucht diese Impfungen als eines von mehreren Mitteln, um aus der Pandemie herauszukommen. Ohne wird es nicht gehen, es wird nicht gehen, ohne dass die meisten geimpft sind.

Und wenn sich in den nächsten Wochen nicht zeigt, dass die Mehrzahl bisher Ungeimpften ihre Meinung ändert, dann braucht es mehr, denke ich, diesen Eingriff, diese Abwägung des Einzelnen gegen alle. Ich versuche es rational zu formulieren. Die Gesellschaft rechnet die Schäden gegeneinander auf und kommt zu dem Entschluss, dass die Impfpflicht der kleinere Schaden gegenüber einer fortwährenden Pandemie ist mit all ihren Folgen.

Es ist ein sachliches Argument, denn am Ende verstehe ich es doch nicht, wie man freiwillig auf Schutz verzichten kann, ich verstehe es nicht und möchte dennoch nicht, dass Ungeimpfter ein Wort in einem Kinderspiel ist.

Ansonsten: Erneut sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz leicht. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz warnt, dass es bei einer Impfpflicht eine entsprechende dauerhafte Infrastruktur mit Mitarbeiterinnen brauche. Momentan gibt es mehr Covidtote in Bundesländern mit niedriger Impfquote. Eine knappe Millionen Coronaimpfungen an einem Tag. Bund und Länder beschließen verschiedene Maßnahmen, darunter ein Böllerverbot zu Silvester. Die britische Arbeitsministerin Coffey rät vom vorweihnachtlichen Küssen unter dem Mistelzweig ab.

1. Dezember | Cancel Culture

Flashback in den Mai sitze ich und aktualisiere alle fünf Sekunden http://www.impfen-thueringen.de, weil offenbar gerade einige Impftermine gecancelt werden – die einzige Cancel Culture, die ich ernstnehmen kann. Die letzten Tage schon mehrere Optionen im Kopf durchgespielt, wie ich an einen Impftermin gelangen könnte; Hausarzt, private Kontakte, terminloses Impfen.

Dabei gibt es genügend freie Termine. Ich könnte nach Suhl, Sonneberg oder auch wieder nach Gera fahren. Doch diesmal soll es nicht so umständlich sein, will ich nicht mehrere Stunden mit der Reise zur Spritze verbringen, auch nicht stundenlang anstehen. An der Weimarer Impfstelle laufe ich täglich vorbei. Ab nächster Woche sind die fünf vorgeschriebenen Monate seit der zweiten Impfung vergangen. Damit erlange ich das Recht, mich boostern zu lassen, meine Antikörper aufzufrischen, den Wirkungsgrad wieder über neunzig Prozent zu hieven. Diesmal soll es in Weimar geschehen.

Ich habe keine schlaflosen Nächte deshalb. Wenn es dieses Jahr nichts wird, dann im nächsten. Doch je mehr ich mich damit beschäftige, desto größer das Bedürfnis, rasch einen Termin festzumachen. Alle fünf Sekunden das Aktualisieren, immer fordernder der Klick, und dazwischen, während des Aktualisierens, tippe ich diesen Eintrag, obwohl ich eigentlich über die Impfpflicht schreiben wollte. Und nun beim letzten Satz, erhalte ich einen Termin, in weniger als zwei Wochen wird er sein, ich werde geboostert sein.

Ansonsten: Der Städtetag fordert einen »Impfknall«. Die Abstimmung im Bundestag über die Impfpflicht soll ohne Fraktionszwang erfolgen. In Nigeria wird nachträglich die Omikron-Mutante schon für den Oktober nachgewiesen. NRW führt die Maskenpflicht im Unterricht wieder ein. Wegen der starken Belastung von Intensivstationen sind mittlerweile mehr als 80 Covid-Patentinnen nach dem Kleeblattsystem in andere Regionen Deutschlands verlegt worden. Die Inzidenz sinkt, aber was heißt das wirklich? Mit 446 wird die höchste Zahl Coronatoter seit Februar gemeldet.

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Coronamonate. November 2021.


30. November | Plateau

Der R-Wert fällt unter eins, die Neuinfektionszahlen stagnieren, die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt, von einem Plateau wird gesprochen: das erste Mal seit vielen Wochen ein Trend, der das Wachsen unterbricht. Gute Nachrichten, möglicherweise in der Summe die Folgen der eingeführten Beschränkungen, einer allgemeinen Verhaltensänderung, den steigenden Impfzahlen. Ich höre das gern, fühle bereitwillig anders als in den letzten langen Tagen.

Zugleich ist von einem Meldeverzug die Rede, von den überlasteten Labors, davon, dass wegen der Nachmeldungen der R-Wert zuletzt stets nachträglich nach oben korrigiert werden musste, den rotbeleuchtenden Krankenhäuser, die auf ihre Fassaden SOS schreiben, lauter Hinweise, dass die Zahlen nicht das vollständige Bild zeigen, dass das scheinbare Plateau viel zu früh als Zeichen für eine Entspannung dienen könnte. Wie wird dieses Plateau gedeutet werden? Wie werden sich die Entscheidungen und Ankündigungen des heutigen Tages auf die nächsten Wochen auswirken? Gibt es wirklich eine neue Tendenz oder weiterhin die Überlastung, die Eskalation?

Und wenn ich länger über diesen Eintrag nachdenke, merke ich, wie sehr ich in den letzten zwanzig Monaten mein Wohlbefinden auch von den täglichen Coronazahlen abgehängig gemacht habe, wie sehr sich meine Stimmung in Richtung des Corona-Trend-Pfeils justiert. Selbst wenn diesem nicht zu trauen ist, genügt es, mich heben zu lassen.

Ansonsten: Der zukünftige Bundeskanzler spricht sich für eine Impfpflicht aus. Laut einer Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichts war die Notbremse verfassungsgemäß. Ein General wird den zukünftigen Corona-Krisenstab leiten. Nach einem Urteil kann das Verfremden eines Judensterns (z.B. ungeimpft) nun strafrechtlich verfolgt werden. In Sachsen und Thüringen wird gegen die Maßnahmen demonstriert. Weil immer wieder Mitarbeiterinnen beschimpft werden, schließt ein Testzentrum in Zittau.

29. November | Kontrollverlust

Gestern habe ich (wieder) die wenig originelle Metapher des Gefrierens verwendet, um das allmähliche Aussetzen der Welt zu beschreiben. Dieses Pausieren trifft bestenfalls auf nur einen Teil dieser Tage zu. An anderer Stelle ist die Geschwindigkeit immens, gibt es keine Ruhe, kein Innehalten. Dort ist von allem zu viel, ist Überlastung, sind Notfallpläne, wird sich gestemmt gegen das Auftürmen der Versäumnisse der letzten Monate, verliert sich dennoch die Kontrolle über das Geschehen. Wie soll auch die Kontrolle gehalten werden bei 60000 Neuinfektionen täglich, bei Inzidenzen von über 1000, wenn es heißt, dass die Ämter nur bis zu einer Inzidenz bis 50 Schritt halten können?

Und auch wenn der R-Wert sinkt, die Steigerungsraten nicht mehr im mittleren zweistelligen Bereich liegen, wenn Virologinnen in einem Papier einen Lockdown für vermeidbar halten – nichts fühlt sich so an, als wäre es geschafft. Das Aussetzen und das Entgleiten läuft nebeneinander, parallel, einander bedingend.

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Coronamonate. Oktober 2021.

31. Oktober | zwei Karten Ende Oktober

Zwei Karten nebeneinander, beide zeigen Inzidenzdeutschland. Eine Karte ist von Ende Oktober 2020, die andere von Ende Oktober 2021. Auf der frühen Karte sind die Landkreise mehrheitlich gelb und hellrot, auf der heutigen dunkelrot, auch violett. Die Zahlen auf der aktuellen Karte liegen alle über denen der Pandemie von vor einem Jahr; Inzidenz, Intensivpatentinnen, Tote. Auch die Impfquote ist höher: 2020 0%, 2021 69%.

Die Karte und die Zahlen sagen, dass die Situation heute nicht allein ähnlich ist wie am Beginn des ersten Coronawinters. Sie ist dramatischer. Die Erklärung dafür lässt die Gegenüberstellung offen. Unterhalb der Karten wird spekuliert: Sind es die Impfungen, die sich unwirksam erweisen? Delta im Vergleich zum Wildtyp? Die Maßnahmen vom 2020 im Vergleich zu 2021? Ein verändertes Verhalten der Menschen?

Momentan liegt der R-Wert bei 1,25, eine Verdopplung etwa alle zwei Wochen. Bis Ende November, wenn die die epidemische Lage nationaler Tragweite für beendet erklärt ist, würde nach dieser Verdopplung die Inzidenz bei 600 liegen. Ich weiß, dass diese Rechnungen nie so aufgehen, ich weiß es, ich gehe davon, was könnte die Kartenfarben ändern bis dahin?

Ansonsten: Die Inzidenz für Kinder zwischen 5-14 Jahren liegt in Weimar bei 1147.

30. Oktober | das überwältigende Wiedereinsetzen des Vermissten

Gestern erstmals seit Pandemiebeginn wieder einen Film im Kino gesehen. Wie bei vielem, was man lange aussetzt, überwältigt das Wiedereinsetzen des Vermissten alle Sinne, selten so benommen und entrückt gewesen.

Im Rückblick, gestern Nacht noch, heute, erscheint es irre, absolut unverhältnismäßig, sich das zwanzig Monate versagt zu haben, aus Gründen verzichtet zu haben, die vernünftig waren, aber vielleicht nicht in jedem der zwanzig Monate. Die verpassten Filme, das verpasste Sehen wird sich nicht nachholen lassen, für immer wird eine Lücke in meiner Kinobiographie klaffen. Ich kann mir auf die Schultern klopfen, weil ich verantwortungsvoll gehandelt habe. Aber mit Glück erfüllt mich das nicht, eher ein Bedauern über das Nichtgeschehene, das Nichtgesehene.

Und dann gehe ich, in der Woche der höchsten Weimarer Inzidenz, wieder ins Kino. Es gilt die 3G-Regel, das Haus bietet an, sich vor Ort testen zu lassen. Maske bis zum Platz, dort wird sie abgenommen, zwei Plätze zwischen jedem belegtem Platz bleiben frei. Zumindest in der Theorie. Im Saal selbst sieht das anders aus, ich entscheide, während des Sehens die Maske aufzubehalten, vergesse während des Sehens die Maske, liegt das am Film, an der Maske?

Ansonsten: Wegen einer Corona-Erkrankung bei The Masked Singer fällt der Teddy aus.

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Coronamonate. September 2021

30. September | Tisch

Mit #allesaufdentisch gibt es eine Art Nachfolgeaktion zu #allesdichtmachen und ich bin froh, dass es mich nicht drängt, mehr darüber zu schreiben als das, weil ich so wenig Interesse verspüre, Wotan Wilke Möhring im Gespräch mit Joachim Steinhöfel über die Meinungsfreiheit zu erleben.

28. September | wie Idar-Oberstein

In einem Zug bei Bad Kreuznach tritt eine Maskenverweigerin eine Mitfahrerin und droht: »Sie wissen ja, was in Idar-Oberstein passiert ist, Sie gehören ebenfalls abgeknallt.«

Nachdem die Kassiererin den Mann auf das korrekte Tragen der Mund-Nasen-Maske hingewiesen und den Kassiervorgang abgeschlossen hat, äußert dieser, er könne sie auch erschießen und verlässt anschließend den Markt.

Nachdem ein Wirt in Herford die 2G-Regel für sein Restaurant einführt, wird ihm gedroht: »Hoffentlich kommt der Tankstellenschießer rum.«

In dessen Verlauf äußerte der junge Mann, dass er es gut finde, wenn Personen, die andere zum Tragen einer Maske aufforderten, in den Kopf geschossen würde, wie jüngst in Idar-Oberstein geschehen.

27. September | 3Gs

Im nächsten Frühjahr … wird es wohl so sein, dass wir andere 3Gs haben werden: Genesen – und das heißt beispielsweise mit Blick auf Long-Covid nicht immer gesund – geimpft oder gestorben.

26. September | Wahltag

Vor der Wahl die Empfehlung, per Brief abzustimmen, damit im Fall einer kurzfristigen Quarantäne die Stimme nicht verfällt. Außerdem die Bitte, zur Wahl einen eigenen Stift mitzubringen. Im Wahllokal wird mir ein Stift ausgehändigt, an der Urne wieder abgenommen, einer der Wahlhelfer reinigt ihn augenblicklich mit einem desinfizierenden Tuch.

In anderen Wahllokalen werden Urnen vor die Lokale getragen, um auch Maskenverweigerinnen die Stimmabgabe zu ermöglichen. In Berlin droht die Polizei den Wahlhelferinnen Zwang an, wenn sie Maskenverweigerer nicht ins überfüllte Wahllokal lassen. Als anderswo jemand ohne Maske versucht, die Stimmabgabe zu blockieren, wird er von der Polizei abgeführt. In Oberösterreich zieht die impfkritischere Liste MFG ins Landesparlament ein, in Deutschland bleibt die coronamaßnahmenkritische Basis unter 2%. Ansonsten ist Corona kein Thema heute, es geht um Zukunftskoalitionen und diese Zukunft wird ohne die Pandemie gedacht.

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Coronamonate. August 2021

31. August | lieber die Pferde

Ein Artikel einer großen deutschen Tageszeitung macht auf mit der Schlagzeile, dass Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten nicht Todesursache sei. Beim Lesen wird deutlich, dass damit die (vergleichsweise geringen) Zahlen seit Anfang Juli 2021 gemeint sind und dass »die zugrundeliegende Infektion schon länger als fünf Wochen zurückliegt und man daher eher davon ausgehen muss, dass Corona nicht die wirkliche Todesursache war.« Später distanziert sich der befragte Wissenschaftler davon, die Überschrift sei »in ihrer Allgemeinheit falsch und würde von uns niemals so vertreten werden.« Dennoch wird der Artikel entsprechend verbreitet, der Tenor der Überschrift – kaum Tote durch Corona – bleibt bestehen.

Eine andere große Tageszeitung veröffentlicht einen Beitrag, der behauptet, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zur Gefährlichkeit des mRNA-Impfstoffes unterdrückt werden. Als Beleg bezieht sich der Artikel auf Studien, die nirgends auffindbar sind.

In Amerika warnt die Behörde für Nahrungsmittel und Medikamente: »Sie sind kein Pferd. Sie sind keine Kuh«, weil Impfgegnerinnen ein Entwurmungsmedikamente für Pferde einnehmen, lieber nehmen sie ein Entwurmungsmedikament für Pferde ein, als sich impfen zu lassen und ich frage mich, wie oft ich Einträge wie diese schreiben werde, ob ich solche Einträge schreiben werde, so lange ich über die Pandemie schreibe.

Ansonsten: Mehrere Ministerien sprechen sich gegen eine 3G-Regel in Zügen aus. In Hamburg schließt Deutschlands größtes Impfzentrum. Das Bundeskabinett beschließt, dass zukünftig die Hospitalisierungsrate das entscheidende Kriterium für Coronamaßnahmen ist. Nach mehr als einem Jahr Fernunterricht kehren die mexikanischen Schülerinnen zurück in die Klassenräume. In Amerika schalten mehrere Kinderkrankenhäuser eine Anzeige, in der sie dazu aufrufen, Kinder vor Covid19 zu schützen.

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Coronamonate. Juli 2021

31. Juli | Coronamonate, ausgestellt

Heute eröffnet die Ausstellung. Wie seltsam, die Worte und Momente an die Wand zu hängen und in Vitrinen zu packen, so, als wären die Coronamonate schon vorbei. Wie beruhigend.

Die Tagebucheinträge sind wie ein Zeitstrahl, eher eine Schneise, die einen Weg durch meine Pandemie schlägt. Vermessen zu glauben, es wäre möglich, etwas so Unübersichtliches und Gewaltiges komprimieren zu können auf einen Gang. Andererseits stellt sich beim Schauen auf die Wände, die Rahmen und Fotos ein tiefes, fast sattes Gefühl der Ordnung ein, so sortiert erscheint die Pandemie gezähmt auf seltsame Weise.

Später die erste Lesung aus den Coronamonaten. In fünfzehn Minuten durch siebzehn Monate. Eine Raffung, die sich auch ein wenig wie ein Ausschlachten der eigenen Beobachtungen anfühlt, gerade bei Auswahl; für jedes Wort, das ich lese, lasse ich hundert weg, für jedes Argument, jeden Eindruck, jede Ambivalenz gilt das ebenso. Auf die gelesenen Einträge wird reagiert. Ich bin überrascht und auch überfordert von den Gefühlen anderer darauf und ich frage mich, weshalb das so ist.

Gestern habe ich das Wort »Corona-Nostalgie« gehört, die Verklärung der ersten Monate. Nostalgie sind die Coronamonate nicht, aber mittlerweile Material. Material, aus dem ich Textblöcke breche, die ich rahme, an denen ich feile und formuliere, Sätze, die nicht mehr die Funktion haben, einen gegenwärtigen Eindruck festzuhalten, sondern die im Rückblick für ein Ganzes stehen sollen. Das verändert meine Worte, ich baue eine Distanz auf. Ich, der geschrieben hat, ist ein anderer als der, der sie auswählt. Ich muss nicht mehr fühlen, ich lektoriere. Mein Corona-Empfinden wird mir beim Ausstellen der Coronamonate fremd, was gut ist, was notwendig ist, was die Überforderung erklärt.

Im Zwischenraum unserer gemeinsamen Ausstellung (Y. stellt wunderbare Foto- und Textarbeiten über Weimar aus) hängen Schnüre, liegen Zettel, stehen desinfizierte Stifte bereit. Wer will, kann eigene Worte zu Corona und der Zeit davor finden. Nach der Vernissage, als die meisten gegangen sind, machen wir einen letzten Rundgang durch die letzten Monate. An der Schnur hängen vier beschriebene Zettel. Sie alle berichten von der Pandemie. Es ist ein Auftakt, etwas Neues, dieses Erinnern, noch während das Große weiterhin geschieht.

Ansonsten: wird es die nächste Woche keinen Eintrag geben. Nach dem 9. geht es weiter. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. September auf Schloß Burgk zu sehen.

30. Juli | endlich Covid wie Grippe

Die Stimmen werden harscher. Ein Verhaltensforscher schlägt vor, dass, sollte es erneut zu Triagesituationen kommen, der Impfstatus bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen sollte, weshalb andere ihn Impffaschisten nennen und die Zahlen zeigen, dass der Übertragungsschutz mit den Monaten deutlich abnimmt und allmählich wird zum Allgemeinwissen, dass eine Impfung keinen absoluten Schutz vor einer Infektion garantiert und ich frage mich, wenn ich endlich schreiben kann: Covid ist wie Grippe.

Covid ist wie Grippe, wenn die Mehrheit einen Grundschutz besitzt und die schlimmen Verläufe stattfinden können, aber nicht in überwältigender Zahl und damit das so bleibt, muss sich nur regelmäßig geimpft werden und wer geimpft ist, kann sich anstecken und dem kann es auch ein paar Tage dreckig gehen, aber nicht mehr und wer nicht geimpft ist, der riskiert mehr und je nach Jahr und Saison werden die Zahlen anders sein und es wird auch zu Überlastungen kommen können, aber keine Pandemie mehr, kein Flächenbrand, sondern Covid als Teil des Herbstes und Winter, nicht mehr als Ausnahmezustand.

Wann werde ich das schreiben können, weil schreiben werde ich es müssen, weil ansonsten lebenslang Covid wäre, lebenslang Masken und Wellen und Modelle und Newsticker und dauerhafter Abstand, lebenslang die Coronamonate und das wäre bei aller Hingabe zum Schreiben etwas, dass nicht nur nicht wünschenswert wäre, sondern vollkommen realitätsfern, das Jahr 2020 auf ewig auf alle Jahre legen.

Wann werde ich schreiben, Covid ist eine Grippe, dann, wenn alle geimpft sein können, die geimpft sein wollen und wenn es genug sind, um einen Flächenbrand auszuschließen, wenn es die Kinder sind, ohne dies bleibt Covid keine Grippe, sondern eine Ausnahme, eine Katastrophe.

Ansonsten: Im thüringischen Sonneberg löst das »Bratwurst-Impfen«, mit dem der zunehmenden Impfmüdigkeit begegnet werden soll, löst einen Ansturm Impfwilliger aus. Laut der US-Gesundheitsbehörde ist Delta so ansteckend wie die Windpocken. Wegen stark steigender Zahlen weitet Olympia-Gastgeber Japan den Notstand aus. Die allgemeine Testpflicht für Reiserückkehrerinnen wird beschlossen. Impfpflicht bei Google und Facebook. Peter Sloterdijk schlägt ein Aussteigerprogramme für Querdenkerinnen vor. Weil die deutschen Haushalte nach den Hamsterkäufen gut versorgt sind mit Toilettenpapier, produzieren die Papierfabriken im ersten Halbjahr weniger Toilettenpapier. Mehr als die Hälfte aller Deutschen sind komplett geimpft.

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Coronamonate. Juni 2021

30. Juni | vierte Welle

Allmählich beginne ich zu begreifen, dass eine vierte Welle sehr wahrscheinlich kommen wird und wie sie aussehen könnte.

Die Annahme: Die Deltamutante ist wesentlich ansteckender als die bisherigen Varianten. Sie trifft auf dreißig Millionen Ungeimpfte oder nicht vollständig Geimpfte, der Sommer wird vorbei sein, das Außen wird schwinden, die Maßnahmen ebenfalls, auch der Wahl wegen. Die Ungeimpften werden jünger sein, es wird weniger Tote geben, weniger Überlastung, mehr LongCovid, mehr Quarantäne und weniger Bereitschaft, sich auch den zweiten Herbst in Folge einzuschränken. Die Zukunft liegt wie so oft bisher ausgebreitet in verschiedenen Orten, in Israel, in Großbritannien, zwei Beispiele, wie es kommen könnte.

Die vierte Welle wird anders sein als die bisherigen Zuspitzungen. Sie wird ein anderes Reagieren erfordern, auch ein anderes Verstehen und Argumentieren benötigen. Was mache ich mit dieser Annahme? Ändert sie mein Verhalten, wenn ich das nächste Mal vor die Türe geht? Ändere ich meine Pläne für den Herbst, die vereinbarten Termine, auf die ich so lange warten musste? Ändern sich meine Sorgen um die Ungeimpften, die es nicht freiwillig sind? Ich ändere meine Erwartungen an das Ende der Pandemie, ändere erneut meinen Blick, nehme an, mir vor, schaue zurück, schaue vor.

Ansonsten: Die Quote der Erstimpfungen liegt in Deutschland höher als in den USA. In mehreren Bundesländern ist Impfen nun auch ohne vorherigen Termin möglich. Wegen der starken Verbreitung der Deltamutante werden Russland und Portugal in die höchste Risikokategorie eingestuft. Quarantäne für hunderte spanische Schülerinnen auf Mallorca.

29. Juni | Europameisterschaft

Ich schaue Spiele der Fußball-Europameisterschaft. Die Spiele zu schauen passt in diese Tage, Tage der Öffnung, Tage, in denen es ist wie vor der Pandemie, laue Abende, Sonne, kühle Getränke. Die Spiele gehören zur alten Normalität, ich lasse mich bereitwillig in die bekannten Bilder fallen.

Anfangs bin ich irritiert. Leere Stadien waren die Coronanorm, jetzt sind es vierzigtausend Zuschauerinnen in Budapest. Länger darüber nachzudenken gestatte ich mir nicht, denn es erscheint mir wie ein Unken, eine Panikmache. Die Ausgelassenheit ist verdient, denke ich. Ich erinnere mich an mein Raunen über die Wiederaufnahme des Fußballspielens im letzten Jahr; trotz aller Befürchtungen nur wenige Folgen. Anders will ich es diesmal handhaben; die Spiele schauen, ein Grundvertrauen gegen die Menschenmassen setzen.

Die Bilder wiederholen sich. Zehntausende zusammen in den Stadien, davor ebenfalls. Die Meldungen häufen sich; so und so viele Infektionen bei den Zuschauern, ein Anstieg der heimischen Zahlen einige Tage nach deren Rückkehr. Dazu die Berichte über Delta, dessen Verbreitung, Verdopplung, Überwindung.

Ich würde es mir schönreden, wenn ich dieses Turnier, das darauf ausgerichtet ist, dass so viel wie möglich gereist wird, zu diesem Zeitpunkt nicht als Irrsinn, zumindest als grob verantwortungslos zu betrachten. Ich denke an die Spiele Liverpool gegen Madrid, Bergamo gegen Valencia im Frühjahr 2020, beide gelten als Superspreader-Ereignisse, ein Spiel bringt das Virus nach Spanien, das andere das Virus von Spanien nach Großbritannien.

Und heute? Von Petersburg nach Helsinki? Von Kopenhagen nach Cardiff? Wie wenig wahrscheinlich ist es, dass diese vier Wochen keinen Einfluss auf die Verbreitung der Deltamutante haben wird? Dass 60000 Zuschauer im Finale in einem Land, in dem die Mutante momentan für die höchsten Zahlen seit Jahresbeginn sorgt, ohne Folgen bleibt? Die EM ein weiterer Beleg dafür, dass alle Fehler immer wieder gemacht werden? Und scheint es realistisch, dass sich in den nächsten Tagen ein offizielles Umdenken stattfindet? Wie realitisch, dass ich deshalb keine Spiele mehr schaue?

Ansonsten: Wegen steigender Zahlen – täglich werden an die zweitausend Infizierte in die städtischen Krankenhäuser eingeliefert – verschärft Moskau die Maßnahmen und führt einen »Anti-Covid-Pass« ein. Jeder zehnte deutsche Landkreis hat in den letzten sieben Tagen keinen einzigen Coronafall verzeichnet. Jede dritte Neuinfektion ist hierzulande die Deltamutante. TUI sagt bis Juli alle Pauschalreisen nach Portugal ab.

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Coronamonate. Mai 2021

31. Mai | Nachweise der Unbedenklichkeit

Heute den Besuch einer Lesung (der ersten seit letztem Herbst) verpasst, weil ich vergessen hatte, dass ich dafür einen negativen Test benötige. Ich könnte schreiben, dass die Lesung an der Luft stattfindet, aber im Ganzen ist es ein Luxusproblem während einer Pandemie.

Zugleich bei fast allen Geschäften in der Stadt der Hinweis, dass es fürs Eintreten, sofern nicht zweitgeimpft oder genesen, ebenfalls einen Test braucht. Ich schreibe fast, weil vor den Buchläden, Drogerien und Supermärkten explizite Aushänge angebracht sind: Bei uns benötigen Sie keinen Test. Der Grund dafür ist die weiterhin gültige Unterscheidung zwischen systemrelevanten und optionalen Einkaufsmöglichkeiten. Deshalb braucht es für den Schmuckladen, den am Tag vielleicht zehn Personen betreten, einen Test und für den Supermarkt, wo vor einer Kasse zehn Personen stehen und das viele Stunden am Tag, keine Nachweise der Unbedenklichkeit.

Logisch wird diese Unwucht nicht, auch wenn ich eine Stunde darüber nachdenke. Ähnliches hörte ich von anderen Bereichen; Musikschulen, in denen nach jeder halben Unterrichtsstunde alle Flächen desinfiziert werden müssen und das ein Jahr nachdem Aerosole zum Wort der Stunde erklärt wurde. Es sind Regeln, die einmal nach dem damaligen Wissensstand aufgestellt wurden und heute weiter gelten, weil sie einmal gegolten haben. Sie folgen einer bürokratischen Logik.

Ansonsten: Als letztes Bundesland sinkt in Thüringen die Inzidenz unter 50. Wegen der niedrigen Inzidenz kehren viele Schulen zurück in den Präsenzunterricht. In mehreren asiatischen Ländern steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder. Für ein Konzert der Band Teenage Bottlerocket im amerikanischen St. Petersburg sollen Ungeimpfte 55x mal so viel Eintritt zahlen wie Geimpfte. Weitere Untersuchungen bezüglich der betrügerischen Abrechnungen in Testzentren. Staatshilfen für die wegen der Coronakeulung von Nerzen geschlossenen 150 Pelzfarmen in Höhe von 31 Millionen Euro. Um die Kopplung von Mutanten an Ländernamen zu vermeiden, werden die Varianten nach dem griechischen Alphabet benannt. B117 heißt nun Alpha, P1 und B16172 Delta.

30. Mai | nächste Stufe

Jeder ist erschöpft, überfordert, verzweifelt, ängstlich, muss sich irgendwie zurechtfinden anhand der Informationsflut. Jeder sollte kritisieren; Bürokratie, Korruption, Ungleichheit, Unverhältnismäßigkeiten, fehlende Transparenz, ungenügende Kommunikation, Trägheit, Schludrigkeit, Selbstdarstellung, Bereicherung, fehlende Fehlerkultur. Jeder ist wütend auf die letzten anderthalb Jahre und hat alles Recht dazu, alles Verständnis für diese Wut. Aber da ist meinerseits kein Verständnis für Leute, die, weil sie keine Maske (Lappen) tragen oder nicht auf andere Rücksicht nehmen wollen, Leid relativieren oder negieren.

Das ist das eine. Das zu schreiben fällt leicht. Ich schreibe diesen Text seit über einem Jahr. Was neuer ist, ist die Radikalisierung der Relativier und Negierer. Ein Koch, der vor einem Jahr mit Megafon vor dem Reichstag stand, ruft zum Töten von Juden auf und verweist auf den Waffenshop eines NPD-Mitglieds. Einer der beliebtesten Popsänger des Landes nimmt zusammen mit Rechtsradikalen ein Lied auf, in dem zum bewaffneten Widerstand aufgerufen und ein Impfzentrum gesprengt wird. In Belgien kündigt ein schwerbewaffneter Exsoldat und Scharfschütze ein Attentat auf einen Virologen an. Eine Wissenschaftsjournalistin kann das Haus nur noch mit Personenschutz verlassen. In Österreich planen Coronaleugner Attentate auf Polizisten, bei ihnen werden Sprengkörper gefunden.

Das sind keine Walddorfesoteriker, keine tanzenden Pippi Langstrumpfs, keine Tante, die mal ein Youtube-Video gesehen hat, kein Onkel, der WhatsApp-Nachrichten schickt, kein Arbeitskollege, der von der Grippe spricht. Das ist eine nächste Stufe, eine Folge all der Vorstufen. Das ist Gewalt.

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Coronamonate. April 2021

30. April | zeitnahe Zuversicht

Die Zahlen sinken leicht, sie stagnieren, zumindest wachsen sie nicht in dem exponentiellen Maße, wie die Modelle es erwarteten, Modelle, die vor Tagen, Wochen und Monaten auch die Einträge hier bestimmten, Prognosen von Zahlen jenseits bisheriger Höchstwerte. Eine richtige Erklärung – doch die Notbremse, die wegen der Notbremse vorsorgliche Verhaltensänderung, die Saisonalität, die Ausgangsbeschränkungen, das Impfen, die Summe von allen – findet sich noch nicht.

Und auch wenn dieses Sinken bei den Werten der Kinder nicht eintritt, sondern wächst, trotz der Bilder der beklemmenden Situation in Indien, spüre ich das erste Mal seit langem wieder so etwas wie ein Lösen der Anspannung, zeitnahe Zuversicht. Die Unkenrufe auf die Zukunft, auch die meinigen, scheinen mir an diesem letzten Apriltag aus der Gegenwart gefallen, ich wünschte, ich könnte in einem halben Jahr hinter diese Worte einen dicken roten Haken setzen.

Ansonsten: Mehr als eine Millionen Impfungen an einem Tag. Wegen der weltweiten Konjunkturerholung steigen die Exporterwartungen der deutschen Industrie auf ein Zehn-Jahres-Hoch. Biontech kündigt an, dass im Laufe des Jahres Kinder und Jugendliche geimpft werden können. Im Impfstoff Sputnik V werden vermehrungsfähige Viren entdeckt. Mit 379257 Infektionen wird in Indien ein Tageshöchstwert gemeldet. Wegen der Pandemie soll das Oktoberfest nach Dubai verlegt werden. Erstmals seit neun Monaten keine Coronatoten in Portugal.

29. April | Suppe

Ich sehe die Videos aus Schmalkalden, in denen Querdenkerinnen Polizisten angreifen. Ich sehe ein Video aus Schwäbisch-Gmünd, in dem ein Querdenker mit ruhiger Stimme den Polizisten erklärt, dass sie sich bald in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten müssten. Ich lese von Todeslisten für Politikerinnen, die für das Infektionsschutzgesetz stimmten. Ich lese, dass der Verfassungsschutz Teile der Querdenker unter Beobachtung stellt und dafür einen zweifelhaften Phänomenbereich einführt, die Delegitimierung des Staates. Ich lese, dass einer der führenden Köpfe der Querdenker zu einer Demonstration in Weimar aufruft, um gegen die Hausdurchsuchung des Weimarer Richters, der die Maskenpflicht für zwei Schüler aufhob, zu protestieren, der dazu schreibt: »Wer jetzt nicht sieht, dass wir inzwischen in einem faschistischen Land leben, dem kann nur entgegengehalten werden, dass er Teil dieses Systems ist.«

Es ist unmöglich, Abstand zu den Worten und Bildern zu gewinnen. Alles vermischt sich. Die Worte. Die Taten. Die Vergleiche. Die Aggressivität. Die Normalität. Die, die in den Videos die Polizisten zu Boden werfen, sind Männer und Frauen in Outdoorjacken, mit denen sie im Sommer in die Alpen zum Wandern fahren und im Herbst ihre Scotland Terrier im Stadtpark ausführen. Ich sehe sie von meinem Fenster aus.

Ich lese all die Texte über allesdichtmachen. Jemand schreibt mir, die Videos seien köstlich. Jemand anderes, der von den Videos nur am Rande mitbekommen hat, sagt, dass er es schwierig findet, dass die Videos nur kritisiert werden. Ich höre das Lied von Dietrich Brüggemann, Steckt euch euren Polizeistaat in den Arsch, steckt euch eure Hygienemaßnahmen in den Arsch. Ich höre, wie Jan Josef Liefers einem Moderator sagt, dass ihm das letzte Mal eine solche Frage in der DDR gestellt wurde und wie Jan Josef Liefers im Gespräch mit Jens Spahn sagt, dass er für ein solches Videos in der DDR verhaftet worden wäre und wie Jan Josef Liefers plant, eine Schicht im Krankenhaus mitzumachen und wie das vom Klinikchef abgelehnt wird, wie Jan Josef Liefers seit Dezember keine Nachrichten mehr empfangen hat, weil er sich überfordert fühlte von den Nachrichten und das fühle ich auch, fühle mich jeden Tag überfordert und ich sehe Jan Josef Liefers in Talkshows sitzen und sagen, dass er den Faden verloren habe und jemand in Outdoorjacke stürmt ins Studio und umarmt ihn herzlich klopfend auf die Schulter und jemand schreibt über das Klopfen und jemand, der nur diese Umarmung gesehen hat, bildet sich daran eine Meinung über die Gleichschaltung der Medienlandschaft und jemand vergleicht, wir leben in der DDR und ein anderer telegramt, wir leben in einem faschistischen Staat und jemand ruft Merkelfaschist und jemand aus Stuttgart sichert sich die Markenrechte an Weiße Rose und verdient daran, wenn jemand in Weimar unter diesem Namen demonstriert und jemand klagt gegen die Maskenpflicht für Kinder und eine SAT1-Moderatorin ruft »Denkt doch mal einer an die Kinder« und auf dem Titel der ZEIT fragen drei literarische Intellektuelle, ob wir zu wissenschaftsgläubig wären und eine Zeitung nimmt Jan Josef Liefers auf die Titelseite und schreibt darunter Plötzlich Staatsfeind und darüber wird Jan Josef Liefers zitiert Man kann alles sagen aber nicht ungestraft und Jan Josef Liefers verlängert seinen Tatortvertrag um sechs Folgen und jemand wartet ab, welche Position Sophie Passmann dazu einnimmt bevor er eine eigene Position einnimmt und vor meinen Augen wird alles eins, das Querdenken, der Faschismus, FCK NZS und der Tatort und die Meinungsfreiheit und die Titelbilder und die Hashtags und die Kritik, die immer gleich Shitstorm und Cancel Culture ist.

Die Grenzen zerfließen, was ich grundsätzlich begrüße, weil sehr wenig nur binär sein sollte und ich frage mich wie man von NPD zu Querdenken zu Outdoorjacke zu Liefers zu ich darf nichts mehr kritisieren kommt oder umgedreht oder überhaupt nicht kommt oder sich etwas zusammenreimt und was mit wem und welchen Worten zusammenhängt und wer irgendwann mal in Den Haag stehen wird und wo diskutiert wird wo sich eingegraben wird in Standpunkten wo mein Ekel angebracht ist und wo ich verstehen wollen sollte wovon ich abrücken sollte, was das ist, dieses Querdenken, was es mal war und wieso es heute so ist und niemals anders gemeint war und was es nicht ist und wo es anfängt ob es aufhört und weshalb Jan Josef Liefers kein Querdenken ist sondern ein Mensch der keine Nachrichten schaut und wieso hier viel zu viel über Jan Josef Liefers steht ob dieses Fragen danach schon eingepreist ist in diese riesige Suppe, die meine Augen täglich auslöffeln.

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Coronamonate. März 2021

31. März | AstraZeneca III

Die letzten Tage wieder mehrere Gespräche über die Bedenken vor dem Impfen. Sorgen und Befürchtungen werden geäußert, auch die Absicht, abzuwarten, lange abzuwarten. Meine Meinung hat sich während dieser Gespräche nicht geändert: Weiterhin würde ich mich umgehend impfen lassen. Der Grund ist ein hoffender, vor allem ein mathematischer: Die Wahrscheinlichkeit eines schweren, möglicherweise tödlichen Krankheitsverlaufs ist so viel größer als der einer schweren, möglicherweise tödlichen Impfreaktion.

Heute der Beschluss, dass AstraZeneca, dessen Impfstoff nun den Namen »Vaxzevria« trägt, aufgrund einer Häufung von Hirnvenenthrombosenfällen nur noch an Über-60jährige geimpft werden kann. Fast alle Expert:innen begrüßen die Entscheidung. Die Häufung ist statistisch auffällig, neun Todesfälle werden damit in Verbindung gebracht. Automatisch könnte ich diese neun Todesfälle über einen Zeitraum von mehreren Wochen gegen die Todesfälle durch Covid in Relation setzen.

Zugleich wäre das auch wohlfein. Die Häufung der Fälle fand bei Frauen unter 50 statt. Was, wenn sie bei Männern unter 50 stattgefunden hätte? Würde ich dann auch leichthin in Relation setzen, hätte ich nicht zumindest ein mulmiges Gefühl, wenn ich im Spätsommer einen Termin bekäme und erführe, dass mein Impfstoff Vaxzevria wäre? Und sollte bei einem Heilmittel nicht das einzig mulmige Gefühl sein, dass man es zu spät bekommt?

Viele Fragen sind offen, z.B. weshalb es in Großbritannien, wo wesentlich mehr Impfungen mit Vaxzevria stattfanden, es keine Häufung gibt, offenbar auch keine Todesfälle. Dazu die Irritation: Als AstraZeneca zugelassen wurde, wurde es nur für unter 65 zugelassen. Nun nur für über 60. Expert:innen, die sich vor zwei Wochen noch energisch dafür aussprachen, trotz einer Häufung weiter zu impfen, unterstützen nun die veränderten Maßgaben.

Es sind diese schon mehrmals geschehenen Widersprüche der Pandemie – der bekannteste die veränderte Bewertung der Schutzwirkung von Masken – die Zweifel säen an den Aussagen der Expert:innen, Zweifel an der Wissenschaft. Es ist nicht einfach, diese auszuhalten, sich das Gegensätzliche selbst zu erklären. Auch die nächsten Gespräche über Impfbedenken werden dadurch nicht leichter, das mulmige Gefühl wird nicht mehr verfliegen.

Ansonsten: Sachsen erklärt, nach Ostern unabhängig von den Inzidenzwerten die Schulen und Kindergärten zu öffnen. In Tübingen, wo seit einigen Tagen das Modellprojekt einer offenen Stadt stattfindet, vervierfacht sich die Inzidenz seit Mitte März, verdoppelt sich seit Donnerstag. Kanzler Kurz droht mit einer Bestellblockade von 100 Millionen Impfdosen für Europa, wenn Österreich nicht zusätzliche Menge Impfstoff bekommt – Kanzler Kurz hatte im vergangenen Jahr aus Kostengründen deutlich weniger Impfstoff geordert, als Österreich eigentlich zugestanden hätte. »Testen ist auch eine Bürgerpflicht«, sagt Ministerpräsidentin Dreyer. Mehrere Einzelhandelsketten planen den Aufbau von Schnelltest-Zentren. Thüringen ist das Bundesland, in dem die meisten der gelieferten Impfstoffdosen schon verabreicht wurden. Wegen der inhaltlichen Ähnlichkeit zur Coronapandemie hält der Kindersender Nickelodeon die Folge »Kwarantined Crab« der Serie SpongeBob zurück; darin findet ein Gesundheitsinspektor im Restaurant Krosse Krabbe einen Fall von Muschelgrippe und stellt deshalb alle Gäste unter Quarantäne. Verdopplung der deutschlandweiten Inzidenz innerhalb drei Wochen.

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