Coronamonate. Juli 2021

30. Juli | endlich Covid wie Grippe

Die Stimmen werden harscher. Ein Verhaltensforscher schlägt vor, dass, sollte es erneut zu Triagesituationen kommen, der Impfstatus bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen sollte, weshalb andere ihn Impffaschisten nennen und die Zahlen zeigen, dass der Übertragungsschutz mit den Monaten deutlich abnimmt und allmählich wird zum Allgemeinwissen, dass eine Impfung keinen absoluten Schutz vor einer Infektion garantiert und ich frage mich, wenn ich endlich schreiben kann: Covid ist wie Grippe.

Covid ist wie Grippe, wenn die Mehrheit einen Grundschutz besitzt und die schlimmen Verläufe stattfinden können, aber nicht in überwältigender Zahl und damit das so bleibt, muss sich nur regelmäßig geimpft werden und wer geimpft ist, kann sich anstecken und dem kann es auch ein paar Tage dreckig gehen, aber nicht mehr und wer nicht geimpft ist, der riskiert mehr und je nach Jahr und Saison werden die Zahlen anders sein und es wird auch zu Überlastungen kommen können, aber keine Pandemie mehr, kein Flächenbrand, sondern Covid als Teil des Herbstes und Winter, nicht mehr als Ausnahmezustand.

Wann werde ich das schreiben können, weil schreiben werde ich es müssen, weil ansonsten lebenslang Covid wäre, lebenslang Masken und Wellen und Modelle und Newsticker und dauerhafter Abstand, lebenslang die Coronamonate und das wäre bei aller Hingabe zum Schreiben etwas, dass nicht nur nicht wünschenswert wäre, sondern vollkommen realitätsfern, das Jahr 2020 auf ewig auf alle Jahre legen.

Wann werde ich schreiben, Covid ist eine Grippe, dann, wenn alle geimpft sein können, die geimpft sein wollen und wenn es genug sind, um einen Flächenbrand auszuschließen, wenn es die Kinder sind, ohne dies bleibt Covid keine Grippe, sondern eine Ausnahme, eine Katastrophe.

Ansonsten: Im thüringischen Sonneberg löst das »Bratwurst-Impfen«, mit dem der zunehmenden Impfmüdigkeit begegnet werden soll, löst einen Ansturm Impfwilliger aus. Laut der US-Gesundheitsbehörde ist Delta so ansteckend wie die Windpocken. Wegen stark steigender Zahlen weitet Olympia-Gastgeber Japan den Notstand aus. Die allgemeine Testpflicht für Reiserückkehrerinnen wird beschlossen. Impfpflicht bei Google und Facebook. Peter Sloterdijk schlägt ein Aussteigerprogramme für Querdenkerinnen vor. Weil die deutschen Haushalte nach den Hamsterkäufen gut versorgt sind mit Toilettenpapier, produzieren die Papierfabriken im ersten Halbjahr weniger Toilettenpapier. Mehr als die Hälfte aller Deutschen sind komplett geimpft.

28. Juli | Vorbereitung

Heute Aufbau der kommenden Ausstellung zu den Coronamonaten. Lauter Bilder und Einträge gerahmt, aufgehangen und abgegangen. Wegen Funkloch wenig von der aktuellen Welt mitbekommen.

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Coronamonate. Juni 2021

30. Juni | vierte Welle

Allmählich beginne ich zu begreifen, dass eine vierte Welle sehr wahrscheinlich kommen wird und wie sie aussehen könnte.

Die Annahme: Die Deltamutante ist wesentlich ansteckender als die bisherigen Varianten. Sie trifft auf dreißig Millionen Ungeimpfte oder nicht vollständig Geimpfte, der Sommer wird vorbei sein, das Außen wird schwinden, die Maßnahmen ebenfalls, auch der Wahl wegen. Die Ungeimpften werden jünger sein, es wird weniger Tote geben, weniger Überlastung, mehr LongCovid, mehr Quarantäne und weniger Bereitschaft, sich auch den zweiten Herbst in Folge einzuschränken. Die Zukunft liegt wie so oft bisher ausgebreitet in verschiedenen Orten, in Israel, in Großbritannien, zwei Beispiele, wie es kommen könnte.

Die vierte Welle wird anders sein als die bisherigen Zuspitzungen. Sie wird ein anderes Reagieren erfordern, auch ein anderes Verstehen und Argumentieren benötigen. Was mache ich mit dieser Annahme? Ändert sie mein Verhalten, wenn ich das nächste Mal vor die Türe geht? Ändere ich meine Pläne für den Herbst, die vereinbarten Termine, auf die ich so lange warten musste? Ändern sich meine Sorgen um die Ungeimpften, die es nicht freiwillig sind? Ich ändere meine Erwartungen an das Ende der Pandemie, ändere erneut meinen Blick, nehme an, mir vor, schaue zurück, schaue vor.

Ansonsten: Die Quote der Erstimpfungen liegt in Deutschland höher als in den USA. In mehreren Bundesländern ist Impfen nun auch ohne vorherigen Termin möglich. Wegen der starken Verbreitung der Deltamutante werden Russland und Portugal in die höchste Risikokategorie eingestuft. Quarantäne für hunderte spanische Schülerinnen auf Mallorca.

29. Juni | Europameisterschaft

Ich schaue Spiele der Fußball-Europameisterschaft. Die Spiele zu schauen passt in diese Tage, Tage der Öffnung, Tage, in denen es ist wie vor der Pandemie, laue Abende, Sonne, kühle Getränke. Die Spiele gehören zur alten Normalität, ich lasse mich bereitwillig in die bekannten Bilder fallen.

Anfangs bin ich irritiert. Leere Stadien waren die Coronanorm, jetzt sind es vierzigtausend Zuschauerinnen in Budapest. Länger darüber nachzudenken gestatte ich mir nicht, denn es erscheint mir wie ein Unken, eine Panikmache. Die Ausgelassenheit ist verdient, denke ich. Ich erinnere mich an mein Raunen über die Wiederaufnahme des Fußballspielens im letzten Jahr; trotz aller Befürchtungen nur wenige Folgen. Anders will ich es diesmal handhaben; die Spiele schauen, ein Grundvertrauen gegen die Menschenmassen setzen.

Die Bilder wiederholen sich. Zehntausende zusammen in den Stadien, davor ebenfalls. Die Meldungen häufen sich; so und so viele Infektionen bei den Zuschauern, ein Anstieg der heimischen Zahlen einige Tage nach deren Rückkehr. Dazu die Berichte über Delta, dessen Verbreitung, Verdopplung, Überwindung.

Ich würde es mir schönreden, wenn ich dieses Turnier, das darauf ausgerichtet ist, dass so viel wie möglich gereist wird, zu diesem Zeitpunkt nicht als Irrsinn, zumindest als grob verantwortungslos zu betrachten. Ich denke an die Spiele Liverpool gegen Madrid, Bergamo gegen Valencia im Frühjahr 2020, beide gelten als Superspreader-Ereignisse, ein Spiel bringt das Virus nach Spanien, das andere das Virus von Spanien nach Großbritannien.

Und heute? Von Petersburg nach Helsinki? Von Kopenhagen nach Cardiff? Wie wenig wahrscheinlich ist es, dass diese vier Wochen keinen Einfluss auf die Verbreitung der Deltamutante haben wird? Dass 60000 Zuschauer im Finale in einem Land, in dem die Mutante momentan für die höchsten Zahlen seit Jahresbeginn sorgt, ohne Folgen bleibt? Die EM ein weiterer Beleg dafür, dass alle Fehler immer wieder gemacht werden? Und scheint es realistisch, dass sich in den nächsten Tagen ein offizielles Umdenken stattfindet? Wie realitisch, dass ich deshalb keine Spiele mehr schaue?

Ansonsten: Wegen steigender Zahlen – täglich werden an die zweitausend Infizierte in die städtischen Krankenhäuser eingeliefert – verschärft Moskau die Maßnahmen und führt einen »Anti-Covid-Pass« ein. Jeder zehnte deutsche Landkreis hat in den letzten sieben Tagen keinen einzigen Coronafall verzeichnet. Jede dritte Neuinfektion ist hierzulande die Deltamutante. TUI sagt bis Juli alle Pauschalreisen nach Portugal ab.

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Coronamonate. Mai 2021

31. Mai | Nachweise der Unbedenklichkeit

Heute den Besuch einer Lesung (der ersten seit letztem Herbst) verpasst, weil ich vergessen hatte, dass ich dafür einen negativen Test benötige. Ich könnte schreiben, dass die Lesung an der Luft stattfindet, aber im Ganzen ist es ein Luxusproblem während einer Pandemie.

Zugleich bei fast allen Geschäften in der Stadt der Hinweis, dass es fürs Eintreten, sofern nicht zweitgeimpft oder genesen, ebenfalls einen Test braucht. Ich schreibe fast, weil vor den Buchläden, Drogerien und Supermärkten explizite Aushänge angebracht sind: Bei uns benötigen Sie keinen Test. Der Grund dafür ist die weiterhin gültige Unterscheidung zwischen systemrelevanten und optionalen Einkaufsmöglichkeiten. Deshalb braucht es für den Schmuckladen, den am Tag vielleicht zehn Personen betreten, einen Test und für den Supermarkt, wo vor einer Kasse zehn Personen stehen und das viele Stunden am Tag, keine Nachweise der Unbedenklichkeit.

Logisch wird diese Unwucht nicht, auch wenn ich eine Stunde darüber nachdenke. Ähnliches hörte ich von anderen Bereichen; Musikschulen, in denen nach jeder halben Unterrichtsstunde alle Flächen desinfiziert werden müssen und das ein Jahr nachdem Aerosole zum Wort der Stunde erklärt wurde. Es sind Regeln, die einmal nach dem damaligen Wissensstand aufgestellt wurden und heute weiter gelten, weil sie einmal gegolten haben. Sie folgen einer bürokratischen Logik.

Ansonsten: Als letztes Bundesland sinkt in Thüringen die Inzidenz unter 50. Wegen der niedrigen Inzidenz kehren viele Schulen zurück in den Präsenzunterricht. In mehreren asiatischen Ländern steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder. Für ein Konzert der Band Teenage Bottlerocket im amerikanischen St. Petersburg sollen Ungeimpfte 55x mal so viel Eintritt zahlen wie Geimpfte. Weitere Untersuchungen bezüglich der betrügerischen Abrechnungen in Testzentren. Staatshilfen für die wegen der Coronakeulung von Nerzen geschlossenen 150 Pelzfarmen in Höhe von 31 Millionen Euro. Um die Kopplung von Mutanten an Ländernamen zu vermeiden, werden die Varianten nach dem griechischen Alphabet benannt. B117 heißt nun Alpha, P1 und B16172 Delta.

30. Mai | nächste Stufe

Jeder ist erschöpft, überfordert, verzweifelt, ängstlich, muss sich irgendwie zurechtfinden anhand der Informationsflut. Jeder sollte kritisieren; Bürokratie, Korruption, Ungleichheit, Unverhältnismäßigkeiten, fehlende Transparenz, ungenügende Kommunikation, Trägheit, Schludrigkeit, Selbstdarstellung, Bereicherung, fehlende Fehlerkultur. Jeder ist wütend auf die letzten anderthalb Jahre und hat alles Recht dazu, alles Verständnis für diese Wut. Aber da ist meinerseits kein Verständnis für Leute, die, weil sie keine Maske (Lappen) tragen oder nicht auf andere Rücksicht nehmen wollen, Leid relativieren oder negieren.

Das ist das eine. Das zu schreiben fällt leicht. Ich schreibe diesen Text seit über einem Jahr. Was neuer ist, ist die Radikalisierung der Relativier und Negierer. Ein Koch, der vor einem Jahr mit Megafon vor dem Reichstag stand, ruft zum Töten von Juden auf und verweist auf den Waffenshop eines NPD-Mitglieds. Einer der beliebtesten Popsänger des Landes nimmt zusammen mit Rechtsradikalen ein Lied auf, in dem zum bewaffneten Widerstand aufgerufen und ein Impfzentrum gesprengt wird. In Belgien kündigt ein schwerbewaffneter Exsoldat und Scharfschütze ein Attentat auf einen Virologen an. Eine Wissenschaftsjournalistin kann das Haus nur noch mit Personenschutz verlassen. In Österreich planen Coronaleugner Attentate auf Polizisten, bei ihnen werden Sprengkörper gefunden.

Das sind keine Walddorfesoteriker, keine tanzenden Pippi Langstrumpfs, keine Tante, die mal ein Youtube-Video gesehen hat, kein Onkel, der WhatsApp-Nachrichten schickt, kein Arbeitskollege, der von der Grippe spricht. Das ist eine nächste Stufe, eine Folge all der Vorstufen. Das ist Gewalt.

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Coronamonate. April 2021

30. April | zeitnahe Zuversicht

Die Zahlen sinken leicht, sie stagnieren, zumindest wachsen sie nicht in dem exponentiellen Maße, wie die Modelle es erwarteten, Modelle, die vor Tagen, Wochen und Monaten auch die Einträge hier bestimmten, Prognosen von Zahlen jenseits bisheriger Höchstwerte. Eine richtige Erklärung – doch die Notbremse, die wegen der Notbremse vorsorgliche Verhaltensänderung, die Saisonalität, die Ausgangsbeschränkungen, das Impfen, die Summe von allen – findet sich noch nicht.

Und auch wenn dieses Sinken bei den Werten der Kinder nicht eintritt, sondern wächst, trotz der Bilder der beklemmenden Situation in Indien, spüre ich das erste Mal seit langem wieder so etwas wie ein Lösen der Anspannung, zeitnahe Zuversicht. Die Unkenrufe auf die Zukunft, auch die meinigen, scheinen mir an diesem letzten Apriltag aus der Gegenwart gefallen, ich wünschte, ich könnte in einem halben Jahr hinter diese Worte einen dicken roten Haken setzen.

Ansonsten: Mehr als eine Millionen Impfungen an einem Tag. Wegen der weltweiten Konjunkturerholung steigen die Exporterwartungen der deutschen Industrie auf ein Zehn-Jahres-Hoch. Biontech kündigt an, dass im Laufe des Jahres Kinder und Jugendliche geimpft werden können. Im Impfstoff Sputnik V werden vermehrungsfähige Viren entdeckt. Mit 379257 Infektionen wird in Indien ein Tageshöchstwert gemeldet. Wegen der Pandemie soll das Oktoberfest nach Dubai verlegt werden. Erstmals seit neun Monaten keine Coronatoten in Portugal.

29. April | Suppe

Ich sehe die Videos aus Schmalkalden, in denen Querdenkerinnen Polizisten angreifen. Ich sehe ein Video aus Schwäbisch-Gmünd, in dem ein Querdenker mit ruhiger Stimme den Polizisten erklärt, dass sie sich bald in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten müssten. Ich lese von Todeslisten für Politikerinnen, die für das Infektionsschutzgesetz stimmten. Ich lese, dass der Verfassungsschutz Teile der Querdenker unter Beobachtung stellt und dafür einen zweifelhaften Phänomenbereich einführt, die Delegitimierung des Staates. Ich lese, dass einer der führenden Köpfe der Querdenker zu einer Demonstration in Weimar aufruft, um gegen die Hausdurchsuchung des Weimarer Richters, der die Maskenpflicht für zwei Schüler aufhob, zu protestieren, der dazu schreibt: »Wer jetzt nicht sieht, dass wir inzwischen in einem faschistischen Land leben, dem kann nur entgegengehalten werden, dass er Teil dieses Systems ist.«

Es ist unmöglich, Abstand zu den Worten und Bildern zu gewinnen. Alles vermischt sich. Die Worte. Die Taten. Die Vergleiche. Die Aggressivität. Die Normalität. Die, die in den Videos die Polizisten zu Boden werfen, sind Männer und Frauen in Outdoorjacken, mit denen sie im Sommer in die Alpen zum Wandern fahren und im Herbst ihre Scotland Terrier im Stadtpark ausführen. Ich sehe sie von meinem Fenster aus.

Ich lese all die Texte über allesdichtmachen. Jemand schreibt mir, die Videos seien köstlich. Jemand anderes, der von den Videos nur am Rande mitbekommen hat, sagt, dass er es schwierig findet, dass die Videos nur kritisiert werden. Ich höre das Lied von Dietrich Brüggemann, Steckt euch euren Polizeistaat in den Arsch, steckt euch eure Hygienemaßnahmen in den Arsch. Ich höre, wie Jan Josef Liefers einem Moderator sagt, dass ihm das letzte Mal eine solche Frage in der DDR gestellt wurde und wie Jan Josef Liefers im Gespräch mit Jens Spahn sagt, dass er für ein solches Videos in der DDR verhaftet worden wäre und wie Jan Josef Liefers plant, eine Schicht im Krankenhaus mitzumachen und wie das vom Klinikchef abgelehnt wird, wie Jan Josef Liefers seit Dezember keine Nachrichten mehr empfangen hat, weil er sich überfordert fühlte von den Nachrichten und das fühle ich auch, fühle mich jeden Tag überfordert und ich sehe Jan Josef Liefers in Talkshows sitzen und sagen, dass er den Faden verloren habe und jemand in Outdoorjacke stürmt ins Studio und umarmt ihn herzlich klopfend auf die Schulter und jemand schreibt über das Klopfen und jemand, der nur diese Umarmung gesehen hat, bildet sich daran eine Meinung über die Gleichschaltung der Medienlandschaft und jemand vergleicht, wir leben in der DDR und ein anderer telegramt, wir leben in einem faschistischen Staat und jemand ruft Merkelfaschist und jemand aus Stuttgart sichert sich die Markenrechte an Weiße Rose und verdient daran, wenn jemand in Weimar unter diesem Namen demonstriert und jemand klagt gegen die Maskenpflicht für Kinder und eine SAT1-Moderatorin ruft »Denkt doch mal einer an die Kinder« und auf dem Titel der ZEIT fragen drei literarische Intellektuelle, ob wir zu wissenschaftsgläubig wären und eine Zeitung nimmt Jan Josef Liefers auf die Titelseite und schreibt darunter Plötzlich Staatsfeind und darüber wird Jan Josef Liefers zitiert Man kann alles sagen aber nicht ungestraft und Jan Josef Liefers verlängert seinen Tatortvertrag um sechs Folgen und jemand wartet ab, welche Position Sophie Passmann dazu einnimmt bevor er eine eigene Position einnimmt und vor meinen Augen wird alles eins, das Querdenken, der Faschismus, FCK NZS und der Tatort und die Meinungsfreiheit und die Titelbilder und die Hashtags und die Kritik, die immer gleich Shitstorm und Cancel Culture ist.

Die Grenzen zerfließen, was ich grundsätzlich begrüße, weil sehr wenig nur binär sein sollte und ich frage mich wie man von NPD zu Querdenken zu Outdoorjacke zu Liefers zu ich darf nichts mehr kritisieren kommt oder umgedreht oder überhaupt nicht kommt oder sich etwas zusammenreimt und was mit wem und welchen Worten zusammenhängt und wer irgendwann mal in Den Haag stehen wird und wo diskutiert wird wo sich eingegraben wird in Standpunkten wo mein Ekel angebracht ist und wo ich verstehen wollen sollte wovon ich abrücken sollte, was das ist, dieses Querdenken, was es mal war und wieso es heute so ist und niemals anders gemeint war und was es nicht ist und wo es anfängt ob es aufhört und weshalb Jan Josef Liefers kein Querdenken ist sondern ein Mensch der keine Nachrichten schaut und wieso hier viel zu viel über Jan Josef Liefers steht ob dieses Fragen danach schon eingepreist ist in diese riesige Suppe, die meine Augen täglich auslöffeln.

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Coronamonate. März 2021

31. März | AstraZeneca III

Die letzten Tage wieder mehrere Gespräche über die Bedenken vor dem Impfen. Sorgen und Befürchtungen werden geäußert, auch die Absicht, abzuwarten, lange abzuwarten. Meine Meinung hat sich während dieser Gespräche nicht geändert: Weiterhin würde ich mich umgehend impfen lassen. Der Grund ist ein hoffender, vor allem ein mathematischer: Die Wahrscheinlichkeit eines schweren, möglicherweise tödlichen Krankheitsverlaufs ist so viel größer als der einer schweren, möglicherweise tödlichen Impfreaktion.

Heute der Beschluss, dass AstraZeneca, dessen Impfstoff nun den Namen »Vaxzevria« trägt, aufgrund einer Häufung von Hirnvenenthrombosenfällen nur noch an Über-60jährige geimpft werden kann. Fast alle Expert:innen begrüßen die Entscheidung. Die Häufung ist statistisch auffällig, neun Todesfälle werden damit in Verbindung gebracht. Automatisch könnte ich diese neun Todesfälle über einen Zeitraum von mehreren Wochen gegen die Todesfälle durch Covid in Relation setzen.

Zugleich wäre das auch wohlfein. Die Häufung der Fälle fand bei Frauen unter 50 statt. Was, wenn sie bei Männern unter 50 stattgefunden hätte? Würde ich dann auch leichthin in Relation setzen, hätte ich nicht zumindest ein mulmiges Gefühl, wenn ich im Spätsommer einen Termin bekäme und erführe, dass mein Impfstoff Vaxzevria wäre? Und sollte bei einem Heilmittel nicht das einzig mulmige Gefühl sein, dass man es zu spät bekommt?

Viele Fragen sind offen, z.B. weshalb es in Großbritannien, wo wesentlich mehr Impfungen mit Vaxzevria stattfanden, es keine Häufung gibt, offenbar auch keine Todesfälle. Dazu die Irritation: Als AstraZeneca zugelassen wurde, wurde es nur für unter 65 zugelassen. Nun nur für über 60. Expert:innen, die sich vor zwei Wochen noch energisch dafür aussprachen, trotz einer Häufung weiter zu impfen, unterstützen nun die veränderten Maßgaben.

Es sind diese schon mehrmals geschehenen Widersprüche der Pandemie – der bekannteste die veränderte Bewertung der Schutzwirkung von Masken – die Zweifel säen an den Aussagen der Expert:innen, Zweifel an der Wissenschaft. Es ist nicht einfach, diese auszuhalten, sich das Gegensätzliche selbst zu erklären. Auch die nächsten Gespräche über Impfbedenken werden dadurch nicht leichter, das mulmige Gefühl wird nicht mehr verfliegen.

Ansonsten: Sachsen erklärt, nach Ostern unabhängig von den Inzidenzwerten die Schulen und Kindergärten zu öffnen. In Tübingen, wo seit einigen Tagen das Modellprojekt einer offenen Stadt stattfindet, vervierfacht sich die Inzidenz seit Mitte März, verdoppelt sich seit Donnerstag. Kanzler Kurz droht mit einer Bestellblockade von 100 Millionen Impfdosen für Europa, wenn Österreich nicht zusätzliche Menge Impfstoff bekommt – Kanzler Kurz hatte im vergangenen Jahr aus Kostengründen deutlich weniger Impfstoff geordert, als Österreich eigentlich zugestanden hätte. »Testen ist auch eine Bürgerpflicht«, sagt Ministerpräsidentin Dreyer. Mehrere Einzelhandelsketten planen den Aufbau von Schnelltest-Zentren. Thüringen ist das Bundesland, in dem die meisten der gelieferten Impfstoffdosen schon verabreicht wurden. Wegen der inhaltlichen Ähnlichkeit zur Coronapandemie hält der Kindersender Nickelodeon die Folge »Kwarantined Crab« der Serie SpongeBob zurück; darin findet ein Gesundheitsinspektor im Restaurant Krosse Krabbe einen Fall von Muschelgrippe und stellt deshalb alle Gäste unter Quarantäne. Verdopplung der deutschlandweiten Inzidenz innerhalb drei Wochen.

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Coronamonate. Februar 2021

24. Februar | Coronajahr

12 Monate Coronamonate, ein Coronajahr. Am 24. Februar beginne ich mit dem Notieren, damals unvorstellbar, dass ich ein Jahr daran sitzen werde. Heute, 130000 Wörter später, schreibe ich: Es gab nie ein anderes Ziel außer aufschreiben, wenn notwendig. Notwendig heißt jeden Abend. Als mir klar wird, dass Coronamonate nicht den Plural von zwei Monaten meint, wird das Ziel erweitert auf: bis Sommer weiterzumachen. Dann bis Jahresende. Dann ein Jahr vollzuschreiben. Das Jahr ist vorbei, die Pandemie noch lange nicht.

Ist es noch notwendig zu schreiben? Und selbst wenn: Was ist notwendiger für mich? Ich fühle mich ausgelaugt und erschöpft, leergeschrieben, leergedacht, leerempfunden. Ich nehme mir vor, von nun an tatsächlich weniger zu notieren, weniger Einträge die Woche, keinesfalls täglich. Das ständige Kreisen um das Eine, das anfangs so geholfen hat, zerrt an mir, drückt mich ständig in eine Ecke, lässt mich nicht heraus.

Ich wäre gern in der Lage, eine Art Resümee zu ziehen, rückblickend zu schauen und Erkenntnisse mich selbst und alles andere betreffend aus den Untiefen des Ansonsten zu ziehen. Was ist noch nicht geschrieben, was nicht geschehen? Dass ein Impfstoff verschmäht wird? Die Zahlen, die gerade heute »rund« werden? Eine weitere Welle, eine weitere Skepsis, eine weitere Maske auf dem Gehweg? Corona ist Bestandteil meiner Biografie, Bestandteil jeder Biografie. Die Monate, die Jahre werden bleiben, die Zeit angeheftet, stets mit mir tragend, auch geimpft wird sich das Virus niemals mehr abschütteln lassen.

Ich bin froh, mein Coronagedächtnis hier abgelegt zu haben. Der Ballast ist ausgelagert, von hier an kann ich weitergehen. Ich kann zurückschauen und alles anders betrachten, aber dann werde ich nicht mehr mittendrin sein, nicht mehr schwimmen. Ich werde an Land stehen und aus der Ferne ein Urteil fällen.

Ich laufe durch den Park. Von der Ilm weht kühle Luft, der Winter steigt aus dem Wasser. Von oben arbeitet die klimakatastrophenerprobte Februarsonne die Schneeberge ab. Auf den Wiesen längst mehr Grün als Weiß. Am Römischen Haus spielen Trompeten, bei der Ruine des Tempelherrenhauses schlagen Männer den Rhythmus von They Don’t Care About Us gegen Cajóns. Ich bleibe nicht stehen, ich höre nicht zu, ich laufe weiter, immer weiter, spüre nichts als den Wunsch, etwas Neues zu beginnen, etwas, das die Tage nicht füllt mit Corona.

Ansonsten: AstraZeneca plant, die zugesagte Impfstoff-Menge für das zweite Jahresquartal zu halbieren. Weiterhin verbleiben viele AstraZeneca-Impfdosen unverimpft. In England wird für das geplante Ende der Coronamaßnahmen am 21. Juni ein Feiertag gefordert. Der B117-Anteil in Deutschland liegt bei 30%, eine Steigerung von 10% im Vergleich zur letzten Woche. Zum Impfstart in Afghanistan wird zuerst eine Journalistin geimpft, die für ihre Berichterstattung über Corona bekannt ist. Attila Hildmann wird per Haftbefehl gesucht. Das Virus als Animation. 68000 Coronatote in Deutschland. Eine halbe Million Coronatote in den USA. Weltweit fast 2,5 Millionen Coronatote.

23. Februar | was notwendig ist

Endlich bekomme ich Antwort auf eine Frage, die ich mich beschäftigt, seitdem bekannt ist, welche Rolle Aerosole bei der Übertragung spielen: Wie viele Viren sind eigentlich für eine Ansteckung notwendig? Ich lese, dass »man zwischen 400 und 3000 Viren einatmen muss, damit eine Infektion starten kann.« Eine weitere Zahl: Bis zu 400000 Viren pro Minute werden ausgeatmet. Und: 75% der Infizierten atmen keine Viren aus. Und: »Wenn ich im Büro sitze und vier Stunden arbeite, dann habe ich ungefähr 100 Millionen Viren in den Raum gepustet.« Und: All diese Zahlen gelten für die alte Variante.

Ansonsten: In den meisten Bundesländern öffnen die Kindergärten und Grundschulen wieder. In mehreren Bundesländern soll Schul- und Kindergartenpersonal schnell eine Impfung mit dem Wirkstoff von AstraZeneca angeboten werden. Boris Johnson erklärt, dass bis Ende Juni alle Corona-Maßnahmen in Großbritannien beendet sein sollen.

22. Februar | Handlungsverläufe

Es wäre so viel schöner, wenn kurz vor dem Finale zu einem Jahr Coronamonate die Geschichte auf ein Ende zusteuern würde: die Handlungsbögen, ebenso wie die 2. Welle, allmählich auslaufend und vertrocknend, die wenige Zeit, die es bis zur Impfung braucht, lässt sich angesichts niedriggehaltener Zahlen bedenkenlos überbrücken, bis dahin ein vernünftiges und vorfreudiges Spazieren durch einen Frühling hinein in einen Sommer, der die Pandemie beenden wird.

Doch nichts endet, niemand spaziert. Stattdessen die Aussicht auf ein weitergehendes Nebeneinander sich widersprechender Ersetzungen: das Virus, das uns ein Jahr begleitet hat, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit, während eine aggressivere Variante davon die Zahlen steigen lassen wird. In dieses Steigen hinein erfolgen die Öffnungen, die Wünsche nach weiteren Öffnungen.

Weiterhin ein Fahren auf Sicht, obwohl die Kurven längst viel weiter in die Zukunft hineinragen. Die Risikogruppe bald geimpft (und ich kann nicht oft genug schreiben, was für ein Wunder, was für ein Triumph, schon nach einem Jahr Pandemie zweihundert Millionen Mal geimpft zu haben) und deshalb die Gefahr für alle anderen um so größer.

Die Impfzahlen, die nicht schlecht sind im Vergleich zu anderen Ländern, im Vergleich zu anderen Ländern aber jede Menge Zweifel am Vorwärtsgehen wecken. Ein Mangel an Impfstoffen und zugleich zehntausende Dosen verschmäht, weil viele lieber auf das »gute« Impfen warten. Impfen als einzige Möglichkeit, das Virus zu kontrollieren und zugleich die Bedrohung von Impfzentren, von Fehlinformationen, Agitationen.

Ich weiß nicht, wie dieses Nebeneinander auszuhalten sein wird, diese unterschiedlichen Stimmen und Situationen, welche Reibung entsteht, wohin die Energie fließen wird, wohin die Aufmerksamkeit, was mit der Kraft geschieht, die dabei freigesetzt wird, ob gemeinschaftlich noch eine Kraftanstrengung möglich sein wird, wie diese ausgesprochen werden sollte, wie ich und alle anderen angesprochen werden müssten, wie wir uns selbst ansprechen müssten.

Dabei liegt im Briefkasten das Flugblatt eines Professors, der gegen das Virus, dessen Existenz und Gefährlichkeit er ausdrücklich anerkennt, Vitamin D empfiehlt und keine Angst zu haben. Weil Ängste und Sorgen das Immunsystem schwächten und so dem Virus leichter Zugriff auf den Körper gewährten. Selbstverständlich habe ich das Flugblatt so wie die Spitzen der CDU ihre Hanau-Rassismus-Zettel zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Sonne scheint genug, so dass die Schlange vor dem 40-Sorten-Eiscafé wortwörtlich mehrere hundert Meter lang ist. Ohne Angst hätte ich nur wenige Worte geschrieben von diesen Coronamonaten.

Diese Coronamonate sind fast ein Jahr alt und die Geschichten gehen weiter, anders, ähnlich, nichts hört auf, obwohl es das ist, was jetzt stehen sollte: ein Ende.

Ansonsten: Fast zehn Millionen Menschen sehen »Heile Welt«, den ersten Tatort, der in der Coronawelt stattfindet. Die Macherinnen des Kinderbuchs »Conni macht Mut in Zeiten von Corona« erhalten Morddrohungen von Coronaleugnerinnen. Im Ostseebad Kühlungsborn löst die Polizei eine Line-Dance-Aufführung mit 50 Beteiligten auf. Der Landesgruppenchef der CSU spricht sich für nationale Alleingänge bei Versäumnissen der EU aus. Um die Impfbereitschaft anzukurbeln, öffnet in Tel Aviv eine Bar, in der man sich auch impfen lassen. Auch im israelischen IKEA kann man sich impfen lassen. Ein Friseur aus Bayreuth versteigert den ersten Termin nach dem Lockdown für 422 Euro (für einen guten Zweck). Russland lässt mit Cowiwac den dritten Impfstoff zu. Der katholische Präsident Tansanias erklärt, dass sein Land keine Impfstoffe brauche, weil Gott das Land beschützen werde.

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Coronamonate. Januar

31. Januar | Denkmal

Jeden Morgen werfe ich einen schnellen Blick auf die Zahlen. Wenn die Zahl der Toten unter 800 liegt, freue ich mich, es ist ein guter Tag, es sind nicht tausend Tote. Diese Form der Freude ist ein Ritual der Pandemie, ich reflektiere nicht mehr, wie schrecklich diese Freude ist.

Ich frage mich, ob es einmal ein Denkmal für die Coronatoten geben wird. So wie Pestsäulen? Wie die Weltkriegsdenkmäler in den Dörfern? Oder ein zentrales Denkmal in Berlin, in Heinsberg, in Zittau oder Tirschenreuth? Wie wird man den Toten gedenken? Wird man ihnen gedenken? Wird es einen Tag im Jahr für das Gedenken geben, mit einem Staatsakt, einer Kranzniederlegung? Ein Datum, an dem in einigen Jahren Deutschlandfunk verlässlich Features senden und in den Feuilletons Aufmacher erscheinen werden? Wird es einen Eventfilm mit Florian David Fitz als Virologen, der vergeblich warnt, und Karoline Herfurth als sich aufopfernde Krankenschwester geben, der an diesem Tag ausgestrahlt werden wird?

Wird das Gedenken in Romanen fortgeschrieben werden, Romane, die in den nächsten Jahrzehnten die Pandemie in ihre Geschichten über das 21. Jahrhundert wie selbstverständlich einweben werden? Wird das so geschehen, wie die Weltkriege dauerhaft Stoff für Geschichten bieten, wird das in kleinerer Form geschehen wie bei 9/11, wo Andeutungen – Hochhaus, Flugzeugschatten, Teppichmesser – genügen, um das Bild einer Epoche zu zeichnen? Werden die Erzählungen redundant sein, das Gleiche und Gleiche wieder und wieder darstellen, so, wie die 1920er heute entweder der Börsencrash oder Roaring Twenties sind, werden wir den Bildern von Masken und irrsten Trumpcoronaaktionen überdrüssig werden?

Werden wir das Gedenken wegschieben wollen? Wird es uns lästig werden, an die Coronajahre erinnert zu werden? Werden wir das Gedenken ins Private verlegen? Wird es mit Scham behaftet sein, nicht nur das Gedenken an die Toten, auch die Erinnerung, wie man selbst die Zeit verbracht hat – das Verstummen, das Verschwinden, das Nichtgeschaffte, die Wut, die Belastung, der Druck? Wie wird dieses Gedenken aussehen? Welche Fotos von den Coronajahren werden wir in unsere Fotoalben von dm drucken lassen, welche Gedenksäulen werden wir sehen, werden wir uns dann erinnern, woran?

Ansonsten: Für Freitag werden 794 Tote vermeldet. Expertinnen der WHO untersuchen in Wuhan den Ursprung der Pandemie. Die Lieferungen des Moderna-Impfstoffs werden reduziert, dafür soll es mehr Lieferungen des BionTech-Impfstoffes geben. Nur sieben Intensivbetten sind in Portugal frei. Bei einer Razzia im Skigebiet Tirol werden 96 Anzeigen gegen Briten, Dänen, Schweden, Rumänen, Deutsche, Australier, Iren und Polen erstattet. Nachdem die Stadt chinesische Stadt Tonghua über Nacht in einen Lockdown versetzt wird und Türen mit Eisenstangen zugeschweißt werden, gibt es Berichte, dass Menschen aus Hunger ihre eigenen Haustiere, z.B. Schildkröten, essen.

30. Januar | stoppen sprengen auflösen

Was die Polizei stoppt sprengt auflöst

eine Firmenfeier in Nürnberg, einen Frisörsalon im Keller, Hochzeiten, Gottesdienste, Kindergeburtstage, eine Party in einer Düsseldorfer Apotheke, auf Koh Phangan eine Party mit hundert, in London eine Party mit dreihundert, in Frankreich eine Party mit 2000, einen Weihnachtsmarkt, Glühweinspaziergänge, eine Fetischparty, eine Karaokeparty, eine Garagenparty, eine Kleingartenparty

Ich bin gewöhnt an diese Art von Meldungen. In der Pandemie bin ich gewöhnt daran, dass die Polizei stoppt sprengt auflöst Veranstaltungen, die im weitesten Sinne gute Zusammenkünfte sind, Treffen, die dazu gedacht sind, Wohlbefinden zu verbreiten. Die Polizei unterbindet sie, bestraft die Teilnehmenden dafür.

Ich nehme diese Meldungen hin. Sie erzählen etwas Absurdes, sie unterhalten mich. In gewisser Weise lauere ich darauf, auf die exzentrischen Verfehlungen anderer, bei manchen spüre ich eine Spur Genugtuung, jemand verstößt gegen Regeln, an die ich mich halte und wird dafür zu Recht gemaßregelt.

Was gestoppt gesprengt und aufgelöst wird, sind Dinge der Freude. In so gut wie jeder denkbaren Situation wäre es grotesk, einen Kindergeburtstag mit einem Sondereinsatzkommando zu stürmen, die Erwachsenen verstecken sich mit den Kindern im Schrank vor den Einsatzkräften. Aber jetzt ist Pandemie, jetzt ist ein gesprengter Kindergeburtstag der Normalfall, eine Sprengung, die ich nicht nur nachvollziehen kann, die ich bejahen und fordern muss. Draußen sind die Mutanten unterwegs und drinnen feiern dreißig Kinder.

Ich bin es gewöhnt bin, ich nehme es hin, ich teile. Ich hoffe, dass diese Gewöhnung so schnell wie möglich verschwinden wird.

Ansonsten: Nach zwei Fällen mit der Mutante B117 am Weimarer Krankenhaus wird dort ein Besuchsverbot von einer Woche verhängt. Der Impfstoff von AstraZeneca erhält die Zulassung für die EU, in Deutschland wird er für alle unter 65jährige empfohlen, was bedeutet, dass unter 65jährige eher als geplant geimpft werden können. Pharmakonzerne, die mit der EU Lieferverträge geschlossen haben, müssen Ausfuhrgenehmigungen beantragen. Die Europäische Arzneimittel Behörde stellt einen Monat nach Impfbeginn keinen Todesfall in Zusammenhang mit den Impfungen fest.

Die Regierung beschließt ein Einreiseverbote aus Ländern mit den Mutanten. Der Kanzleramtsminister lobt die Deutschen für ihr vorbildliches Verhalten, weil der befürchtete Anstieg der Infektionen wegen Weihnachten ausblieb. Nach falschen Attesten für Maskenbefreiungen findet bei einem Arzt in Hessen eine Razzia statt. Bis zum Frühjahr werden im Gesundheitsbereich mehr als eine Milliarde FFP2-Masken benötigt.

Die Leipziger Buchmesse wird erneut abgesagt. Nachdem der neue James-Bond-Film von April 2020 auf Winter 2021 verschoben ist, fordern mehrere Sponsoren den Nachdreh bestimmter Szenen, in denen veraltete Produkte mit neuen ersetzt werden können. Nachdem ein Radiosender in fiktiven Nachrichten von 2022 vom Ende der Pandemie berichtet, melden sich »aufgeregte Bürger« beim Sender. Der Gesundheitsminister sagt: Der Weg aus der Jahrhundertpandemie hat begonnen. Übersterblichkeit 2020.

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Coronamonate. Dezember

31. Dezember | ein Jahr zur Faust geballt

Das Ende eines jeden Jahres, besonders eines Jahres wie diesen, erfordert besondere Worte, denke ich, Worte, die die gepresste Zeit fassen und eine Art Klammer für das noch nicht verarbeitete Geschehene finden. Ich habe diese Worte gesucht, ich habe sie nicht gefunden.

Ich sage mir: Der letzte Tag im Jahr ist ein Tag, der einem anderen Tag folgt und einem vorausgeht. Er ist keine Zäsur, kein Bruch, morgen wird wie heute sein, gerade im Lockdown, was ist, verlängert sich, das Neue, das nach ihm kommen soll, ist imaginiert, ein anderes Morgen ist Wunschdenken. Dennoch ist ein Ende, so wenig Ende es auch ist, Symbol für etwas, es wäre Unsinn, das zu verneinen.

Der Abend wird klein, Wunderkerzen auf dem Balkon und Ofenkäse. Manche Freunde feiern mit 2+x Haushalten, manche fahren umher, manche haben einen ebenso kleinen Abend, andere treffen sich auf Zoom, stoßen dort an und singen gemeinsam Karaoke. Wenn es diesmal nach zwölf knallt, weiß ich: Dafür ist extra jemand nach Polen gefahren. Ich verspüre keinen Drang, Jahresrückblicke zu sehen und noch weniger Bedürfnis, in den Januar vorzuschauen. Alle Vorsätze beschränken sich vorerst darauf: Erstmal irgendwie durchkommen.

Dann gibt es doch etwas, was noch zu schreiben ist. Mehrmals in Coronamonaten habe ich nach dem Bild gefragt, was für diese Zeit stehen könnte, neben all den anderen Bildern: den gestapelten Särgen aus Zittau, den Armeefahrzeugen aus Bergamo, dem Absperrband vor den Spielplätzen, den überfüllten Skikabinen, den Treppen des Reichstags, Masken Masken Masken natürlich, den Abdrücken der Masken in den Gesichtern der erschöpften Krankenschwestern und Ärztinnen.

Und da ist eines, ich möchte, dass es so ist: Christoph Wenisch, Leiter der Infektionsabteilung am Klinikum Favoriten in Wien, der beim Impfen den Arm hochreißt, die Hand zur Faust geballt, eine Siegerfaust.

Das ist das Bild, welches ich gern von 2020 behalten möchte: ein Infektiologe, der eine Siegerfaust macht.

Ansonsten: Großbritannien erteilt die Zulassung für den Impfstoff von AstraZeneca. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA fordert für die Zulassung weitere Daten von AstraZeneca. Die Gesundheitsministerinnen mehrerer Bundesländer reagieren verärgert wegen der Lieferengpässe des Biontech-Impfstoffes und kritisieren die Organisation des Impfstarts in Deutschland. Baden-Württemberg beschwert sich bei Rheinland-Pfalz über deren »Impftouristen«. Im November lagen in Deutschland die Todeszahlen elf Prozent über den Durchschnitt der letzten Jahre. Wegen des großen Besucherandrangs im Wintersportort Winterberg wird der Einsatz von Sicherheitsdiensten angekündigt. Aufgrund der hohen Infektionszahlen werden in Hollywood alle Dreharbeiten bis auf Weiteres unterbrochen. Laut einer Studie liegt die Zahl der Coronainfektionen in Wuhan zehnmal so hoch wie gemeldet.

30. Dezember | Wenn ich Feuerwehrmann wäre

Ich lese eine Zahl: In zwei Wochen sind 800.000 Britinnen geimpft. Ich bin beeindruckt. Wer hätte das Anfang November für möglich gehalten: fast eine Million vor dem Virus geschützt. Dann rechne ich hoch. Zwei Wochen, ein Monat, knapp 2 Millionen Impfungen. UK hat 66 Millionen Einwohnerinnen. Bei diesem Tempo wäre man in 2 ½ Jahren einmal durch, die Herdenimmunität dazu gedacht, sind es immer noch zwei Jahre.

Ich lese nicht, wie viele Impfungen die 440 deutschen Impfzentren im Monat ermöglichen können. In Bayern sind es bei 99 Zentren 30000 Impfungen am Tag, hochgerechnet wären das eine knappe Million Impfungen im Monat, wahrscheinlich wird die Zahl höher sein. Eine wahnsinnige Zahl; all die Vorgänge, Gespräche, Kanülen, Wattebäusche, die Hoffnungen, die Furcht, die einzelnen Minuten addiert zu hunderten Jahren an Arbeitszeit, dazu die notwendige Doppelinjektion. Deutschland hat über achtzig Millionen Einwohnerinnen.

Es sind Milchmädchenrechnungen, weil sich die Zahlen verschieben, weitere Impfstoffe dazukommen werden, Hausärztinnen werden impfen, viele werden sich dem Impfen verweigern. Aber, konfrontiert mit dem nun tatsächlichen Prozess des Impfens, bleibt die Überlegung: Es geht nichts von heut auf morgen, es ist eine langwierige Angelegenheit, die viele Ketten erfordert, die funktionieren müssen, eine logistische Herausforderung.

Bei einem Gespräch mit einem Freund beruhigt er mich: Wenn erst einmal die Hochrisikogruppen geimpft sind, werden die Todeszahlen deutlich nach unten gehen, dann sei das Gröbste geschafft. Ich lasse mich beruhigen, denke, ab April, vielleicht im Mai, werden die besonders Gefährdeten geschützt sein können.

Und ich denke: Dann wird Frühling sein und jeder wird wissen, die besonders Gefährdeten sind nun geschützt. Was wird das mit dem großen Rest machen? Was für ein Gefühl wird das nach einem langen Winter sein, nach den Lockdowns, welcher Drang wird bestehen, im April endlich das Seuchenjahr 2020 abzuschütteln? Wird es dann noch die Masken geben, den Abstand, werden sich zu viele dann sagen: Für mich ist die Wahrscheinlichkeit gering, ich brauche jetzt die Nähe, keine Prävention mehr? Was macht das Wissen – die besonders Gefährdeten sind geschützt – mit den Gefährdeten? Werden die Zahlen sinken, so bleiben, steigen, weil sich April 2021 wie April 2019 anfühlen wird, obwohl die Hälfte des Landes erst in der sechsten Gruppe der zu Impfenden gelistet ist?

Ich denke, eine Million im Monat ist beeindruckend und sehe die übervollen Skigondeln. Ich lese in den Berichten über die mittlerweile zahlreichen Erstimpfungen im jeweiligen Bundesland / der jeweiligen Stadt die auffallend ähnlichen Informationen: 2/3 der Bewohner ließen sich impfen, ein Viertel der Pflegekräfte stimmten einer Impfung zu, oder: »In Essen beispielsweise wollen sich am Sonntag nur 54 von 120 Mitarbeitern impfen lassen. Um keine der wertvollen Dosen wegwerfen zu müssen, die ohne extreme Kühlung nicht haltbar sind, werden kurzerhand 24 Feuerwehrleute bedacht.«

Den Impfstoff vor Augen wird sich gegen das Impfen entschieden. Ich denke an ein anderes Gespräch, über das Zögern beim Impfen, die Bedenken, die gemachten Erfahrungen mit Nebenwirkungen. Wäre ich Feuerwehrmann und käme unverhofft an eine Dosis, wie würde ich entscheiden? Würde ich mögliche, bis kaum aufgetretene Nebenwirkungen gegen einen 95% Schutz vor einem Virus stellen, der weltweit fast zwei Millionen Menschenleben gefordert hat? Wäre da nur der Luxus für nur eine Sekunde des Überlegens?

Ansonsten: Das Robert-Koch-Institut meldet – einschließlich der Nachmeldungen über die Weihnachtstage – 1129 in Zusammenhang mit dem Coronavirus Verstorbene.
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