Coronamonate. August

8. August | 1,3

In Gera gewesen. Bei der Amthorstraße mehrere Polizistinnen gesehen. Aus welchen Gründen auch immer der erste Gedanke: Die sichern den Ort bestimmt für einen Coronaspaziergang.

Die Tatsache, dass eine Woche nach der Demonstration in Berlin immer noch über die Teilnehmerzahl diskutiert wird, zeigt, wie gut die Öffentlichkeitsarbeit der Sympathisanten ist. Die so oft wiederholte Zahl von 1,3 Millionen Teilnehmerinnen ist so absurd und wanderte vielleicht gerade deshalb so erfolgreich durch youtube, Facebook und das Whatsapp mancher Familiengruppe. Einen Streit darum, ob nun 20000 oder 30000 dabei waren, könnte man unter geduldete Unschärfe abspeichern. Aber wer an die Zahl 1,3 Millionen glauben möchte, möchte auch glauben, dass Strukturen existieren, die diese Zahl vertuschen wollen.

Mittlerweile kenne ich jemanden aus dem weiteren Bekanntenkreis, der an der Demonstration teilgenommen hat. Der Beweggrund war die Sorge um den Datenschutz. Diese teile ich auch, z.B. bei der polizeilichen Verwendung der Kontaktlisten in Gastronomien. Würde ich mich deshalb hinter Reichsflaggen und »Lügenpresse«-Ruferinnen einordnen? Eher nicht.

Ansonsten: Bei einer Umfrage erklären 87% der Befragten, dass die Menschen, die gegen Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen, nur eine Minderheit der Bevölkerung repräsentieren. Wegen steigender Infektionszahlen ordnet Paris eine Maskenpflicht auch im Freien an. Das Friends-Comeback muss wegen Corona erneut verschoben werden.

7. August | In den Dörfern

In den letzten Tagen wieder Fahrten zurück in die kleinsten Dörfer. Im Gegensatz zu Anfang April, als vor Jena Rehe auf der Autobahn liefen, fließt diesmal der Verkehr gewohnt. Autos rollen, LKWs überholen, auf der verengten Fahrbahn staut es sich kurzzeitig wie in Vorpandemiezeiten.

Obwohl unsere Absichten andere sind, kommen in den Dörfern die Gespräche auch auf Corona. Nur in wenigen Orten gab es bisher Fälle. Thema ist die Pandemie dennoch. In einem Dorf schlägt jetzt jeden Mittwoch um 19.00 Uhr im Kirchturm die Coronaglocke, um an die Pandemie zu erinnern. »Im Gebet füreinander einstehen, mit Lob und Dank, mit Klage und Bitte vor Gott treten« steht auf dem angeschlagenen Zettel im Infokasten, »stellen Sie eine Kerze ins Fenster, dann werden unsere Orte etwas heller.«

In den Kirchen sind die Bänke mit Absperrband markiert, nur auf jeder dritten oder zweiten Bank darf gesessen werden, nach Möglichkeit jede Familie für sich. Auch das Singen ist reduziert; nur zwei Lieder pro Gottesdienst und Messe, die erste Strophe jeweils. Viele Ältere bleiben ganz weg und schauen mit Sicherheitsabstand die Übertragungen von Gottesdiensten in den Öffentlich-Rechtlichen.

Alle geplanten Feste sind ausgefallen oder abgesagt; keine Sportturniere, Osterfeierlichkeiten, Wasserfeste, Kirmessen, das erste Mal seit langer langer Zeit kein Maibaumsetzen. Auch die ansonsten regelmäßig stattfindenden Feuerwehrübungen und Fortbildungskurse gibt es seit März nicht mehr; »die Jungs sind aus der Übung«, sagt jemand.

Bei denen, die bei Autozulieferbetrieben arbeiten, ist Kurzarbeit. Einige werden ihre Arbeit verlieren, weil die Firmen die Schichten zum Teil um die Hälfte runterfahren oder gleich ganz schließen. »Das wird jetzt auf Corona geschoben, aber da gab es vorher schon Probleme«, heißt es. Im Museum sind die Besucherzahlen gerade sehr hoch, Urlaub in Deutschland bedeutet dann eben auch einen Tagesausflug an die Saale. Die am und mit dem Wald leben, sorgen sich auch um den heißen Sommer, die trockenen Fichten und die Borkenkäfer, die braunen Nadelbäume.

Bei allen, mit denen wir reden, spricht aus den Worten Sorge über das Virus, dessen Schädlichkeit, den weiteren Verlauf der Pandemie. Grundsätzliche Zweifel hören wir nicht, sondern ein Bemühen, sich zu arrangieren; im Gemeinderat die sieben Stühle der Mitglieder im entsprechenden Abstand aufstellen, die regelmäßigen dörflichen Bierabende auf Eis zu legen und nur zögerlich wieder aufnehmen. Zugleich läuft der Alltag weiter; Hühner füttern, sich um den Forst kümmern, das Land.

Ansonsten: Die Zahl der Neuinfektionen steigt in Deutschland über tausend. Um eine Verbreitung von virenhaltigen Aerosolen zu unterbinden, raten die Salzburger Festspiele trotz der Hitzewelle vom Gebrauch von Fächern während der Vorstellungen ab.

6. August | Im Zenit im Schwimmbad

Der Pandemie wegen hat das Weimarer Schwanseebad zwei sogenannte Zeitfenster eingerichtet: 10-14 Uhr und 15-19 Uhr. Die Karten können nur online gekauft werden, siebenhundert Karten sind pro Fenster vorhanden. Eine halbe Stunde vor Ablauf des Zeitfensters weist die lautsprecherverstärkte Bademeisterstimme darauf hin, dass das Zeitfenster bald ablaufen wird und gibt letztmalig den 10er frei. Eine Viertelstunde vor dem Ende fordert die Stimme auf, nun das Wasser zu verlassen und sich zum Ausgang zu begeben.

Innerhalb weniger Minuten verlöschen die typischen Freibad-Geräusche; Platschen, Kreischen, Lachen, Rufen, Prusten, Schwappen. Die siebenhundert Besucher wechseln von Bade- zu Unterhose, legen die Handtücher zusammen, packen die angebrochenen Prinzenrollen in die Taschen, schütteln die Decken aus und laufen in kleinen Gruppen zur großen Schwanseebadtreppe.

Siebenhundert Menschen verlassen nahezu geräuschlos das Freibad. Leise plätschert SARS-CoV-2-Genmaterial, unschädlich gemacht vom aggressiven Chlor, gegen den Beckenrand. Der Sprungturm unbetreten, die Wiesen unbelegt, das Wasser eine glattgestrichene Fläche. Es ist kurz vor zwei Uhr am bisher heißesten Tag des Jahres, noch für Stunden wird die Sonne über dem leeren Schwanseebad im Zenit stehen, in diesem Sommer der Pandemie.

Ansonsten: Weil die Gummibänder an den Ohren anstatt am Kopf befestigt werden, erweisen sich fünfzig Millionen von der britischen Regierung eingekauften Schutzmasken für den Krankenhausgebrauch als untauglich. Wer in Stuttgart trotz entsprechender Vorschriften keine Maske trägt, muss zukünftig ein Bußgeld von 75€ zahlen. Weil nach der Explosion die Versorgung der Verletzten Priorität hat, stellen viele Krankenhäuser in Beirut den Coronavirustest vorläufig ein. Die Zahl der Coronatoten steigt auf über siebenhunderttausend.

5. August | Die Gedichte dieser Zeit

(1) In was ich kaum noch hineinlese: Informationen, die von einem möglichen Impfstoff berichten. Zu viele ähnliche Texte schon gelesen und zwei Wochen später die Einordung, aus welchen Gründen dieser doch nicht den erhofften Erfolg verspricht. Außerdem nicht lesen: die stetig zunehmenden Informationen, welche die gesundheitlichen Folgen des Virus beschreiben (Herz, Niere, Gehirn etc.). Dieses Ignorieren geschieht aus Selbstschutz.

(2) Der Bundestagsvizepräsident, welcher einer Oppositionspartei angehört, sagt in einem Interview, dass die Politik es versäumt habe, den Menschen genau zu erklären, was das Ziel der gesamten Maßnahmen sei. Ich stutze. Nicht ein zu wenig an Informationen, sondern ein Überangebot davon scheint es in den letzten Monaten gegeben zu haben; monothematische Zeitungsstrecken, Podcasts, Talkshows, längere Reportagen, Newsticker, Interviews mit Experten, Pressekonferenzen etc. Wer wollte, hat sich informieren lassen können. Alles an der Aussage des Bundestagsvizepräsidenten dient einem Zweck; es ist nicht Informationsvermittlung.

(3) Am Abend am Frauenplan zusammensitzen. Zuerst muss eine Kontaktliste ausgefüllt werden. Seit dem Anstieg der Neuinfektionen vor zwei Wochen in Weimar ist das wieder Pflicht. Gespräch sind kommende Veranstaltungen. Zum ersten Mal seit März können die ausgefallenen Lesungen, Workshops, Ausstellungseröffnungen nachgeholt werden. Oftmals in kleinem Kreis (Lohnt sich eine Vernissage in einer Galerie, in der aktuell nur sieben Personen gleichzeitig sein dürfen?). Aber immerhin. Es ist ein Arrangieren mit den Umständen, es geht auch um die Existenz.

Fast einhellig ist die Meinung, dass im Herbst, wenn draußen keine Termine mehr möglich sein werden, diese drinnen nicht stattfinden können. Stattdessen ein Einrichten auf einen langen, veranstaltungslosen Winter, der bis ins späte Frühjahr ziehen könnte. Und ein Einrichten auf die Folgen, die das mit sich bringt.

Auf meine Frage, ob die Pandemie schon Eingang gefunden hat in das aktuelle Schreiben ein eher vorsichtiges Kopfschütteln. Die Gegenwart ist noch in vollem Gang, die Gedanken im Kopf ungeordnet, der Abstand zu gering, aktuell nur ein sachtes Hintasten in wenigen Sätzen. Die Gedichte über diese Zeit, so die Vermutung, werden erst nach dieser Zeit geschrieben werden.

Ansonsten: NRW erhebt zukünftig eine Strafzahlung von 150€ für das Nichttragen von Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der wegen Corona verschobene Kinostart des Disney-Films Mulan entfällt, dafür wird der Film gestreamt, 30$ wird das Anschauen kosten. Bolivien setzt die Schule für ein Jahr aus. Laut einer Studie dauert ein durchschnittlicher (Home Office)-Arbeitstag während der Pandemie 48,5 Minuten länger als zuvor. Den mit dem SARS-CoV-2 infizierten Robin Hanbury-Tenison aus Cornwall hält während seines Kampfes gegen das Virus der Gedanken am Leben, dass er nach seiner Genesung einen Biber freilassen kann.

4. August | Der Blueser und das Virus

Am Frühstücksbüfett ist Handschuhpflicht. Maske ist die Kür, um Mindestabstand wird gebeten. Vor dem Büfett ein kleiner Tisch, auf dem ein Stapel Servietten liegt, daneben ein Desinfektionsspender und eine Packung dünner Einmalhandschuhe. Nahezu alle Frühstückerinnen greifen danach, es geht zivilisiert zu am Büfett.

Der Teufel liegt im Detail. Gerade beim An- und Ausziehen der Handschuhe: Welche Finger berühren wann welche Bereiche der Hand? Wie lässt sich ein Handschuh so abstreifen, dass die kontaminierten Stellen nicht die geschützten verunreinigen? Schleudert das schnappende Gummi nicht womöglich Virenmaterial über den Frühstückstisch?

Vorschriftsmäßig greifen die behandschuhten Hände nach Servietten, mit denen sich später über den Mund gewischt wird. Der Pa­t­ri­arch aus Ostsachsen behält die Handschuhe beim Schneiden der Brötchen an, liebevoll umgreift der Handschuhschutz die Körnerkrusten. Nebenan der alter Blueser trägt keine Handschuhe.

Abgesehen vom Blueser sind es alles vorsorgliche Handlungen. Alle halten sich an die Hygieneregeln, selbst, wenn sie Umstände machen, wenn sie den gemütlichen Vorgang des Frühstücken beeinträchtigen und verkomplizieren, wenn jede Handbewegung mit Handschuh daran erinnert: Das ist kein normaler Sommer, das ist kein normales Entspannen, außerhalb dieser Büfettsicherheitszone lauert ein potenziell tödliches Virus, vielleicht ist es sogar hier, vielleicht habe ich mich gerade infiziert, als ich selbstgeimkerten Honig auf meinen Teller tropfen ließ.

Die Lücken in der Sicherheitszone entstehen – abgesehen vom alten Blueser – nicht aus Böswilligkeit. Sie entstehen aus Unwissenheit (Wie wird ein Handschuh angelegt), aus verständlicher Nachlässigkeit am Morgen, aus Tollpatschigkeit. Bis auf den Blueser geben sich alle Mühe, das ist etwas.

Später denke ich noch mehrmals über das Frühstücksbüfett nach. Mir fällt ein fehlerhafter Gedankengang meinerseits auf. Wie bei der üblichen Maske geht es beim üblichen Handschuhtragen nicht darum, mich zu schützen. Sondern andere. Indem ich meine Hand unter einem Handschuh verberge, verhindere ich die Übertragung meiner potentiellen SARS-CoV-2s auf andere. Wenn alle Hände so geschützt sind, kann kein SARS-CoV-2 die Weichkäseplatte kontaminieren.

Und ich denke: Es gibt eine Hierarchie der Risikobewertung. Wenn ich Mundschutz trage, den Mindestabstand einhalte, meine Hände vor dem Büfett desinfiziere und dann Handschuhe anziehe, schaue ich skeptisch auf jene, die zwar Mundschutz und Handschuhe tragen und den Mindestabstand einhalten, aber ihre Hände nicht desinfizieren. Diese wiederum beäugen kritisch die, die Handschuhe anlegen und Mindestabstand halten, aber keine Maske tragen.

Alle ohne Maske, aber mit Handschuhen schauen empört auf den alten Blueser ohne Handschuhe. Hält dieser aber den Mindestabstand ein, wird ihm womöglich auffallen, wenn jemand sich beim Büfett direkt hinter ihn stellt und ihm in den Nacken atmet. Und kommt jemand im Ganzkörperschutzanzug mit Helm zum Frühstücksbüfett, werden ihm Maßnahmen wie Stoffmaske oder Handschuhe lächerlich und unzureichend erscheinen. Die Einschätzung, welcher Schutz angemessen ist, ist auch eine Frage der eigenen Position.

Ansonsten: Laut einer Umfrage haben zwei Drittel der befragten Deutschen kein Verständnis für Demonstrationen, die sich gegen die staatlichen Auflagen zur Eindämmung der Pandemie richten. Weltweit haben sich mehr als 18 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert, knapp 700000 sind daran gestorben. Im Juli waren in etwa 160 Ländern die Schulen geschlossen, mehr als eine Milliarde Schülerinnen waren davon betroffen. In Qingdao wird das »Chinesische Oktoberfest« eröffnet, das Hunderttausende in die Provinz Shandong locken soll. Wegen vorsätzlichen Hustens in Richtung Schiedsrichter oder anderen Spielern können Fußballspieler zukünftig des Feldes verwiesen werden.

Weiterlesen

Coronamonate. Juli.

24. Juli | in Aspik

Fünf Monate Coronamonate. Weiterhin ist der 24. eines jeden Monats die Gelegenheit zu prüfen, ob, und falls ja, was ich noch fühle, ob die Wahrnehmung stumpf geworden ist, ob das, was mich erreichen sollte, noch durchdringt. Was spornt mich noch zu Gedanken an, besteht weiterhin eine Notwendigkeit, diese mit jemanden anderen als mit mir selbst zu teilen? Wie pflichtschuldig leiste ich das Schreiben dieser privaten Chronik ab?

Ich brauche, wie alle sie brauchen, eine Pause, ich werde sie mir nehmen. Dabei duldet die Pandemie keine Pause, es gibt keinen Stopp, kein Ausscheren und Ignorieren, denn, falls doch, könnte ich mir die Maske auch übers Kinn ziehen und denken: Ich trage doch eine Maske.

Weimar ist ein gutes Beispiel. Fast fünf Wochen lang keine offiziell festgestellte Infektion. Dann drei nach einer Party. Dann eine neunköpfige Familie, die Besuch aus Hof empfing, sich unbemerkt ansteckte, die Kinder gehen zur Zeugnisübergabe, jetzt sind 120 in Quarantäne.

Der Lebensmittelpunkt der Familie, deren Kindergarten und Schule befinden sich in einem Teil der Stadt, der auf einem Berg liegt, damit außerhalb ist und immer noch weit genug weg. Das ist einer der ersten Gedanken: Wo ist die Gefahr, wo bin ich, wie viele Meter liegen zwischen uns, werden diese genügen? Andere diskutieren in Foren darüber, dass die Familie keine Muttersprachler ist und was diese Information mit der Ansteckung zu tun hat, es ist keine Diskussion, es ist das Abstecken rassistischer Gedanken.

Fünf Monate Coronamonate. Grundsätzlich ist die Hälfte eines Jahres jedes Jahr ein seltsames Spiel: Silvester ist scheinbar eben erst geschehen und die Tage daran sind schon Erinnerung. Der Sommer hat gerade erst begonnen und doch ist der längste Tag des Jahres einen Monat lang vorbei. Anfang wie Ende befinden sich zugleich in Reichweite und großer Ferne.

Eine Studie hat festgestellt, dass in der Pandemie ein anderes Zeitgefühl herrscht; langsamer für die Getroffenen, schneller für die Zufriedenen. Ich kann nicht sagen, was die letzten Monate für mich waren: Sind sie gerast, stehengeblieben, habe ich die Veränderung akzeptiert, verstanden, ertragen, bin ich zuversichtlich, weiterhin furchtsam? Habe ich mich mittlerweile eingerichtet? Und wenn ja: Wie geht es mir damit? Wie lange geht das gut? Wie stelle ich gegeneinander, was in den letzten Monaten nicht geschah und was dafür eintrat? Das Tragische, das Wundersame? Wie lässt sich eine Bewertung finden, die einen Sinn ergibt und sei es nur, um mich zu beruhigen?

Es wird notwendig sein, weiter zu beobachten, zu überprüfen und diese verwirrende Zeit in Worte zu binden, sie wie in Aspik einzulegen, umhüllt von einer Schicht, die das Wesentliche nur verwackelt zeigt, aber so immerhin ermöglicht, dass diese Monate überdauern können als das, was sie sind: unmittelbar.

Im Juli wird es keine neuen Einträge geben. Ab August geht es an dieser Stelle weiter mit dem Mittendrin.

Ansonsten: Mit 815 Neuinfektionen gibt es so viele an einem Tag wie seit Juni nicht mehr, weltweit sind es dreihunderttausend Neuinfektionen. Ein Update der Corona-Warnapp behebt ein Problem, aufgrund dessen die App auf vielen Geräten nicht funktionierte. In der wiederaufgenommenen amerikanischen Baseballliga werden für die TV-Übertragung virtuelle Zuschauerinnen in die leeren Stadien projiziert.

23. Juli | Schutz im Holster

Über den Goetheplatz läuft ein Mädchen. An ihrer Jeans hängt eine Desinfektionsspritzflasche wie eine Pistole in einem Holster, der Covidschutz nur einen Handgriff entfernt.

Ansonsten: In Weimar steigt die Zahl der gleichzeitig Infizierten auf 11, der höchste Stand seit Pandemiebeginn, 81 insgesamt. In einem Video fordert Deutschrapper Farid Bang zur Einhaltung des Mindestabstands auf und droht bei Verstößen mit dem Langziehen von Ohren. Ein Superspreader-Vorfall an einem Fließband löste den Ausbruch bei Schlachthof Tönnies aus. Amsterdam fordert Touristen auf, am Wochenende die Stadt zu meiden. Nach der Meisterfeier in Liverpool gibt es mehrere Festnahmen wegen Verstößen gegen Coronaregeln. Mehr als die Hälfte aller Coronainfektionen verteilen sich auf drei Länder: USA, Brasilien, Indien. Corona in Kuba.

22. Juli | mittendrin

Ich sehe ein Video. Offenbar trägt der Filmende einen Schutzanzug, der Helm aus durchsichtigem Plastik, die Welt, die er oder sie dadurch sieht, verschwommen und unvollständig. Die Filmende läuft durch ein Krankenhaus. An den Wänden Stühle und Krankenhausbetten eng an eng, darauf sitzen und liegen Kranke. Die Sitzenden mit Atemschläuchen, große Zylinder mit Sauerstoff neben ihnen, ein unablässiges Zischen bläst in den Filmton. Die Liegenden regungslos, einige sind auf den Bauch gedreht, um den Druck von der Lunge zu nehmen. Der gesamte Gang voller Menschen, das Bild: Sie warten, erdulden, ertragen, sie leiden. Am Ende des Films ein Schwenk zu Angestellten. Sie ziehen den Reißverschluss eines grauen Plastiksacks zu, wenig Zweifel, wofür er verwendet wird.

Es ist unklar, woher das Video stammt. Jemand schreibt Texas, eine andere Mexiko. Vielleicht ist die Herkunft nicht von entscheidender Bedeutung. Das Video stammt aus der Gegenwart. Und selbst wenn nicht, selbst, wenn es zwei Monate alt ist, sagt es mir: Wir sind mittendrin. Das ist nicht Anfang, längst nicht Ende, das ist die Jetztzeit, die ewig lange Strecke zwischen damals und zukünftig. Wenn mich später jemand fragen wird, wie es denn war, während der Pandemie zu leben, dann muss ich auch von diesem 22. Juli 2020 sprechen, von diesem Video.

Ein Einschub. Ich denke an dieses mittendrin, wenn ich die Bilder aus Portland sehe. Schwarzbekleidete, ungekennzeichnete Militärs springen aus tarnfarbenen Trucks und schießen Menschen in den Kopf, verhaften sie, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Die Geheimpolizei auf der Straße, Techniken einer Diktatur, selbst wenn Mütter dagegen »Hands Up Please Don`t Shoot Me« singen oder eine Unbekleidete sich den Schwergerüsteten entgegenstellt, ist das eine Junta. Es ist nicht der Beginn von schlechten Zeiten, etwas, das sich andeutet und einmal Bahn brechen wird. Die Zeit ist jetzt da, geschieht in diesem Augenblick. Nichts muss mehr kippen, gekippt ist es längst schon. Wenn man später fragt, wie war es, während der Undemokratie zu leben, dann werde ich auch von diesen Bildern sprechen.

Ich denke an Portland und ich denke an das überfüllte Krankenhaus. Ich denke an die vielen verschiedenen Orte, welche die Zeit verbindet, in der sich alle zugleich befinden. Ich denke daran, dass mittendrin niemals zu greifen ist; ein Anfang schon, ein Ende auch. Aber mittendrin fließt weg, zwischen Fingern strömen die Ereignisse hindurch, mittendrin ist nichts Einzelnes, kein Tropfen, sondern Bewegung. Ich kann nicht innehalten und Distanz erzeugen, nur später einmal schauen und sagen: Hier bin ich getrieben, den Kopf geradeso über Wasser, habe ich während des Schwimmens das Schwimmen bemerkt?

Ansonsten: In einigen Bundesländern ist wieder die Betreuung verschnupfter Kinder im Kindergarten möglich. Laut einem Test hat hochgerechnet jeder vierte Mensch in der Region Delhi Coronaantikörper im Blut. Österreich führt wieder die Maskenpflicht im Supermarkt ein. Berlin lockert die Abstandsregeln für Gaststätten. Auf einer Pressekonferenz sagt Donald Trump: »Es wird wahrscheinlich leider schlimmer werden, bevor es besser wird« und fordert zum Tragen von Masken auf.

Weiterlesen

Coronamonate. Juni

30. Juni | Rote Punkte

Die Zukunft wird viele Farben haben. Eine wird rot sein, rot wie die Punkte, die auf der Landkarte aufpoppen werden und daneben werden Städtenamen stehen, die wir alle tagelang lustvoll schaudernd als Synonym für Unbedachtsamkeit verwenden werden, weil dort das Virus ausbrach, in Fabriken, in Wohnblöcken, in Schulen, Göttingen, Gütersloh, Magdeburg.

Die roten Punkte und die temporär ins Bewusstsein des Landes rückenden, mittelgroßen Städte werden uns begleiten, bis ein Impfstoff gefunden sein wird. 365 Tage lang Detmold, Wernigerode, Erlangen.

Vielleicht auch Weimar. Weimar, das seit fast einem Monat keine neue Infektion hatte, keinen Todesfall bisher, insgesamt 69 ehemalige Infizierte, in den umliegenden Kreisen sind die Zahlen ähnlich, in ganz Thüringen etwa ein Zehntel der Infizierten wie in Schlachterei Tönnies. Weimar, das als eine der ersten Städte die Gastronomie wieder öffnete, Weimar, das so gut wie keine Erfahrung mit dem Virus gemacht hat, Weimar, das ein sicherer Ort war und sich deshalb in Sicherheit wiegt, Weimar, eine Gegenwelt zu den sich täglich übertrumpfenden globalen Zahlen.

Ist davon auszugehen, dass dies zu bleibt? Dass keine Touristin aus Göttingen, Gütersloh, Magdeburg fünfzehn Minuten am Grill mit dem Rostbratwurstverkäufer steht, dass das Virus weiterhin einen Bogen schlägt um die Ilm? Und was, wenn Weimar trotz der sicheren vier Monate einmal ein roter Punkt sein wird, wenn Freunde und Verwandte besorgt anrufen und fragen: »Hats Euch auch erwischt?«, wenn die Bundeswehr Massentests auf dem Stéphane-Hessel-Platz vor dem Bauhaus-Museum macht? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bilder ausbleiben?

Ansonsten: Aufgrund steigender Infektionszahlen schottet die britische Regierung Leicester ab. Am New Yorker Broadway werden alle Vorstellungen für den Rest des Jahres abgesagt. Die isländische Regierung rät ihren Einwohnern, gegen Berührungsmangel und Einsamkeit in Coronazeiten Bäume zu umarmen.

29. Juni | Ischgl. Das Unglück der 15 Prozent

Vor drei Monaten schaue ich eine Dokumentation über Ischgl. Die Dokumentation zeigt ein Dorf, das vom Wintersport nicht nur lebt, sondern sich komplett darin verloren hat. Im Zentrum steht die Seilbahn, die wichtigsten Männer des Dorfes verdienen daran, sie entscheiden im Gemeinderat über das Wohl des Dorfes, Seilbahnprofiteure ausschließlich. Die Dokumentation zeigt die Feiernden, sie zeigt das Saufen, sie zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der Après-Ski die Welt um sich herum vereinnahmt. Wenn die Hölle gefriert, sieht sie aus wie Ischgl im Winter. Weil die Doku das zeigt, zeigt sie, weshalb das Virus alle Freiheiten genoss und von hier aus europaweit durchstarten konnte.

Vorgestern lese ich einen Text über Ischgl. Dort steht, dass bei über vierzig Prozent der Bewohnerinnen Antikörper vorhanden sind, sie sich mit dem Virus infizierten. Von diesen vierzig Prozent haben 85% keine Symptome gezeigt. Das Virus hat ihnen nicht nur nicht geschadet; sie haben es nicht einmal bemerkt.

Letztere Zahl ist nicht erstaunlich. Sie bestätigt, was von Anfang an Wissen war: Die überwiegende Mehrzahl hat vor SARS-CoV-2 nichts zu befürchten. Es sind glückliche 85 Prozent. Und inwieweit sie bereit sind, das Unglück der 15% zu mindern, ist eine der Grundfragen der Pandemie, von Beginn an war sie das.

Später erzähle ich in größerer Runde von diesem Zahlen. »Interessant«, ist eine Antwort, »Aber müsste man dann nicht noch mal über die Gefährlichkeit des Virus nachdenken? Was ist denn mit denen, die Herzinfarkte oder Krebs bekommen? Wo ist die Solidarität mit denen?«

Ich weiß, was ich darauf zu sagen habe, nenne auch einige der argumentativen Entgegnungen. Dennoch beschäftigt mich der Gedanke, diese Frage nach den 15% der Unglücklichen bei jeder Sache, länger, vielleicht, als sie das sollte. Oder nicht.

Ansonsten: Österreich führt verpflichtende Coronatests für Reisende aus Gütersloh ein. In Indien werden 10000 Betten aus Kartons in Krankenhäusern aufgestellt. Die Zahl der Coronatoten übersteigt die halbe Million. Reportage: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik.

Weiterlesen

Coronamonate. Mai.

31. Mai | Alles andere

Gestern kein Eintrag, weil ich dachte, es gäbe nichts zu berichten. Dabei passiert gerade so viel: Raketenstart, Unruhen in Hongkong, vor allem die Proteste in den USA. Doch haben all diese Geschehnisse nichts mit dem Thema zu tun, das seit drei Monaten alles andere beiseitedrängt.

Ich bemerke, dass ich alles, was passiert, unter dem Gesichtspunkt betrachte: Was hat das mit dem Virus zu tun? Das liegt auch an diesen Notizen. Ich scanne die Wahrnehmung meiner eigenen kleinen und die der großen Welt und ignoriere, was nicht zu verwerten ist, was nicht auf das Paradigma passt, das ich seit drei Monaten über alles lege. Alles andere wird zweitrangig.

Dabei entgehen mir Zusammenhänge. Das Größte, was geschehen kann – der Mensch bricht zu fremden Sternen auf – ist mir eine Randnotiz. Es ist mir die Mühe nicht wert, in Erfahrung zu bringen, warum die Menschen in Hongkong auf die Straße strömen und wie erfindungsreich sie das tun, weil ich lieber über den Methoden der Bild-Zeitungen brüten möchte.

Ich sehe nicht das Video an, das eine weiße Frau zeigt, die einem schwarzen Mann droht, die Polizei mit einer Lügengeschichte zu rufen, in vollem Bewusstsein, was das für Folgen für ihn haben könnte. Ich sehe nicht das Video an, in dem ein weißer Polizist viele Minuten auf dem Hals eines schwarzen Mannes kniet, so lange, bis der Mann gestorben ist, der Polizist gefilmt, wohlwissend, dass dieser Mord keine Konsequenzen für ihn haben wird, dieser gefilmte Mord vor aller Augen stellt kein Gefahr für den Mörder da. Ich sehe nicht zu den Protesten, der Wut und ihrer Größe.

Dann sehe ich, dann lese ich, dann höre ich.

Und während ich das tue, verstehe ich das meiste weiterhin nicht, aber doch manches mehr. Es ist niederschmetternd, es ist genauso verzweifelt und hoffnungslos wie die vielen Male davor und während ich das fühle, beginne ich, entgegen jeder bewusster Absicht, Verbindungen zur Pandemie zu ziehen, denke an die erhöhten Todesraten in bestimmten Bevölkerungsgruppen, die im Zuge der Pandemie ausgeweiteten Machtbefugnisse von Autoritäten, die Gewissheiten, die die Pandemie hinweggefegt hat und dass es so selbstverständlicher geworden ist, das Bestehende in Frage zu stellen, vermute wider besseren Wissens: Ohne die Pandemie wäre vielleicht das gleiche geschehen, aber nur mit der Pandemie geschieht es weiter, wie es gerade weitergeschieht.

Ansonsten: Die Stadt München verbietet auf Coronakundgebungen das Tragen von gelben Sternen, mit denen Demonstranten gegen eine vermeintlich drohende Impfpflicht protestieren. Sicherheitsexperten warnen vor einem dreihundert Euro teurem Anti-5G-Stick, der nur ein leerer 128 MB USB-Stick ist. Laut einer Untersuchung war während des Lockdowns das Fahrrad zeitweise das am häufigsten benutzte Verkehrsmittel, noch vor dem Auto.

Um den Abstand zwischen Gruppen zu gewährleisten, werden in Parks mit Rasenmarkierfarbe weiße Kreise auf die Wiesen gemalt. Der dänische Fußballklub Aarhus GF schaltet während eines Geisterspiels Fans auf mehreren großen Leinwänden zu. Die weltweite Infiziertenzahl steigt über sechs Millionen.

29. Mai | Unkenrufe

Neben vielem anderen offenbart die Pandemie auch die jeweilige Haltung zur Welt und den Dingen: wer geht vom Besten aus, wer lässt es eher locker angehen, wer schaut rational, wer vorsichtig, wer skeptisch, wer vermutet hinter allem, was geschieht, böse Absichten – jeder wird sich in der Pandemie irgendwann einmal bestätigt finden. An diesen ausgewählten Momenten, in denen sich Annahme und Wirklichkeit kurzzeitig übereinanderschieben und dann synchron erscheinen, lässt sich die Bestätigung für das eigene Weltbetrachtungsmodell ableiten.

Ich jedenfalls halte es so und sehe ich mich deshalb oft bestätigt. Ich beende Gespräche mit einem Satz wie »In zwei Wochen ist dann Lockdown« oder »Wir sehen uns in der Zweiten Welle.« Von den täglich neu bestimmten Reproduktionszahlen schreibe ich, wenn sie über 1 liegen, nicht, wenn sie darunter sind. Lokalen Infektionsausbrüchen messe ich besondere Bedeutung zu, weil sie mir Indiz sind dafür, dass die Sache mit der Lockerung nicht aufgeht.

Die Pandemie zeigt mir: Tendenziell gehe ich vom möglichen Katastrophalen aus, davon, dass das Gewarnte passiert, im Spektrum orientiere ich mich unterhalb der X-Achse. Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Es ist der Ton, der in den Beobachtungen hier und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen klingt, so sind sie einzuordnen.

Gerade wird diese Weltsicht ganz schön auf den Prüfstand gestellt. Wissenschaftler sprechen davon, dass Deutschland ohne zweiten Lockdown und ohne zweite Welle davonkommen, dass die Pandemie auch ohne Impfstoff beendet werden könnte. Die Zahlen geben dem recht, denn trotz Lockerungsmaßnahmen steigen – bis auf wenige regionale Ausnahmen – die Infektionszahlen nicht. Das sind gute Nachrichten für Menschen und schlechte für Pessimisten. Aber die rechnen ja sowieso mit nichts anderem.

Noch ein Nachtrag zu gestern. Ein Interview mit Christian Drosten wird ab morgen Titelgeschichte des Spiegels sein. Darin erklärt Christian Drosten auf die Frage, ob er sich mit den selbstlosen Mentorenprototypen Gandalf oder Obi Wan Kenobi vergleichen würde: »Wer ist das? Ich kenne die Figuren nicht.« Zur Bild-Zeitung sagt er: »Sollte ich mich fürchten? … In meinem Alltag kommt die Bild-Zeitung nicht vor.« Und zu Bild-Chef Julian Reichelt: »Wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag.«

Besonders die letzten beiden Antworten sind in ihrer trocken vorgetragenen Unkenntnis wunderbar. Das Prinzip der Bild-Zeitung beruht darauf, dass Menschen Angst vor ihr haben und die Bild deshalb über sie verfügen kann. Wenn jetzt jemand kommt und sagt, die Bild sei ihm unbekannt, interessiere ihn nicht, spiele auch keine Rolle in seinem Leben, dann muss dieses Angstprinzip ins Leere laufen. Das ist die Pflicht. Die Kür ist, der Bildchefredaktion, die für sich gar nicht so heimlich in Anspruch nimmt, Mitbestimmen zu wollen, ins Gesicht zu sagen, euch kenne nicht ich, ihr seid zu unwichtig für mich. Das ist Drostens nächster Mic Drop.

Natürlich ist es dann doch nicht so einfach. Die Titelgeschichte ist mit den Worten überschrieben: »Verehrt und Verhasst – der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten.« Und da reibt sich die Bild-Chefredaktion doch wieder die Hände: Weil es die Wissenschaft in eine Glaubensfrage überführt, so, wie es von Anfang an intendiert war.

Ansonsten: Laut Statistischem Bundesamt sind im April in Deutschland acht Prozent mehr Menschen als im Schnitt der vier Vorjahre gestorben, ein Zusammenhang der Entwicklung mit der Corona-Pandemie sei naheliegend. Laut einer Umfrage findet eine Mehrheit der Deutschen Maskenpflicht fairer als eine freiwillige Regelung. Während eines Gottesdienstes in einer Bremerhavener Pfingstgemeinde haben sich 44 Menschen infiziert, hundert sind in Quarantäne.

Nachdem sie einen Laborassistenten angegriffen haben, entkommen mehrere zu Testzwecken mit Corona infizierte Affen aus einem indischen Labor, was in etwa die Prämisse der beiden dystopischen Filme 28 Tage später und 12 Monkeys ist. Knuffelberen als Werbeträger für einen wiedergeöffneten Vergnügungspark:

Weiterlesen

Coronamonate. April.

30. April | Handgemenge

Draußen heute eine selbstbewusste Aggression ausgewählter Mitmenschen. Selbstbewusstes Nichttragen von Schutzmasken in schutzmaskenpflichtigen Bereichen in Verbindung mit triumphierenden Blicken zu den Schutzmaskentragenden. Selbstbewusstes Drängen von Einkaufswagen gegen Einkaufswagen in Verbindung mit asozialem Kassenschlangenverhalten. Selbstbewusstes Draufzufahren auf grüne Fußgängerampeln. Auf ein Niesen ein herzhaftes »Corona« entgegnen. Vermutlich, weil alle ahnen, dass der letzte Tag dieses Monats nichts zum Abschluss bringen wird, dass die Handgemenge zunehmen werden.

Ansonsten: Selbstbewusst fordert die deutsche Autoindustrie vierstellige Kaufprämien ein und hält den Verzicht auf Dividendenausschüttungen für eine »schlechte Idee«. Das Gesundheitsministerium stellt die Einführung von Corona-Immunitätsausweise in Aussicht. Laut einer Studie der Charité ist die Viruslast bei Kindern und Erwachsenen gleich hoch. Die Bundesagentur für Arbeit meldet zehn Millionen Kurzarbeitende, dreißig Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmerinnen.

Beim Besuch einer Klinik trägt US-Vizepräsident Mike Pence als einziger keine Atemschutzmaske. Aufgrund des Sicherheitsabstandsgebots verwandelt sich ein Stripclub in Oregon in einen Drive-In-Stripclub. Herausgeberinnen wissenschaftlicher Zeitschriften vermelden, dass Einreichungen von Männern in den vergangenen Wochen um 50 Prozent gestiegen sind, während Wissenschaftlerinnen kaum noch Texte vorlegen.

Weil nicht sicher ist, wann die Kinos wieder öffnen, dürfen die Oscars im nächsten Jahr auch an nur gestreamte Filme verliehen werden. Die französische Liga wird abgebrochen, einige Vereine liebäugeln damit, einige Spiele trotzdem im Ausland, in Deutschland auszutragen.

Auf der Titelseite der Financial Times erscheint die Meldung, dass Nook, der Waschbär-Banker in dem in Coronazeiten zu besonderer Popularität gelangtem Computerspiel Animal Crossing die Zinsen gekürzt hat und die Spieler somit gezwungen sind, mit Rüben und Taranteln zu spekulieren.

29. April | Der Virologe als Feindbild

Ich sehe den Virologen. Er sitzt in einer Talkshow. Er spricht mit der Sprecherin einer Nachrichtensendung. Er gibt einer Zeitung ein Interview. Ich höre seine Stimme im Podcast.

Der Virologe (ich schreibe in der männlichen Form, weil ich Virologinnen kaum sehe) ist meine kürzeste Verbindung zum Virus. Er ist am nächsten dran am Virus. Weil ich nichts über ein Virus weiß, übersetzt er sein Wissen so, dass ich verstehen kann. Es ist eine Art Paradoxon. Als Forscher sollte er forschen. Doch wenn er nicht erklärt, bleibt sein Wissen ohne Folge. Also erklärt er. Und während er erklärt, kann er nicht forschen.

Der Virologe ist ein Überbringer schlechter Nachrichten. Er erklärt, wie das Virus zerstört. Er erklärt, wie sich das Virus verbreitet. Er erklärt exponentielles Wachstum. Er erklärt, weshalb Kinder genauso Überträger sind wie Erwachsene. Er erklärt, was es braucht für einen Impfstoff.

Der gute Virologe ist Wissenschaftler. Bis er eindeutig sein kann, vergeht Zeit. Er liest Studien (gut gemachte und schlechte) und schlussfolgert, er testet und entdeckt und entdeckt nicht, er probiert Thesen aus und verwirft, er nähert sich, interpretiert Zahlen und erstellt Modelle, rechnet durch und extrapoliert. Er widerruft und bessert nach, legt nach und ergänzt. Auf vieles kann er heute keine unumstößliche Antwort geben, nur die aktuellen Erkenntnisse in den Raum stellen, sie können das Gegenteil voneinander sein.

Viele halten diese Uneindeutigkeit nicht aus. Sie erwarten, dass er sich breitbeinig hinstellt und einen Satz sagt, der alles für immer erklärt und der klare Handlungsanweisungen enthält. Sie erwarten, dass er die vielen Leerstellen seines Wissens selbstbewusst ignoriert, sie erwarten von ihm die Wahrheit und das jetzt. Wenn der Virologe ein guter Wissenschaftler ist, wird zu diesen Leerstellen stehen, er wird sie zum Zentrum seiner Aussagen machen, er wird sich nicht breitbeinig in die Talkshows setzen, er wird nicht vorgeben, zu wissen, was noch nicht gewusst werden kann.

Der Virologe wird beschimpft. Politiker beschimpfen ihn, Philosophen, Theaterregisseure, die Frau auf der Straße. Sie nennen ihn Meinungsänderer, Teil einer Expertokratie, von einer Unterwerfung unter Dekrete von Virologieprofessoren sprechen sie, sagen, sie können sich nicht auf ihn verlassen, was der macht eigentlich den ganzen Tag, warum weiß er das nicht. Dem Virologen wird gedroht, mit Mord wird ihm gedroht, ihm, seiner Familie, der ganzen Zunft. Hasserfüllt sind die Botschaften an ihn, er wird zum Symbol für alles, was falsch läuft, was als falsch empfunden wird.

Jeder sucht sich seinen eigenen Virologen, dem, dem man sein Vertrauen schenken kann. Viele wählen für dieses Vertrauen Menschen, die keine Virologen sind, keine Epidemiologen, keine Wissenschaftler. Sie suchen Wissenschaftler, die nicht wissenschaftlich arbeiten, sie suchen Antworten bei youtubechannels, die ihnen der Onkel der Bekannten der Nachbarin bei WhatsApp empfohlen hat, weil dort gesagt werde, was sonst nicht mehr gesagt werden dürfe.

Es gibt viel Wissen, noch mehr Halbwissen, noch mehr absichtlich produziertes Unwissen. Für jedes Weltbild gibt es eine Quelle, jede Theorie den entsprechenden Professor, für jede Mutmaßung einen Experten, der die eigene Annahme bestätigt. Es gibt viel mehr Ken Jebsens als Virologen, viel mehr Facebookkommentare als Papers, viel mehr privat gerauntes »Ich habe gehört, dass« als Studien. Der Wirtschaftsverband hat seinen Virologen, der DFB einen, Armin Laschet hat einen, alle haben einen.

Der Virologe sitzt in der Talkshow, er spricht in Interviews und veröffentlicht. Während er erklärt, wird er zum Feindbild.

Ansonsten: Die Forschungsorganisationen Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft veröffentlichen ein gemeinsam verfasstes Papier, das Strategien zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie enthält. Ein Grund ist auch, dass es so einen Standpunkt definiert, den die wichtigsten wissenschaftlichen Institutionen gemeinsam tragen, dass sich so sagen lässt: Das ist nicht die Ansicht einzelner Wissenschaftler, das ist die Ansicht der Wissenschaft.

Weiterlesen

asphalt & anders-Verlag. Die wunderbaren Jahre.

Ich sehe auf die Fotos und augenblicklich kehren die Momente zurück, Zeiten und Orte, 2009, 2011, 2015, Altona, Leipzig, lauter gute Tage, viele besonders, viele wichtig. Ein weiterer Moment stellt sich dazu, jetzt und hier geschieht er, der Moment, der sagt: Den asphalt & anders-Verlag gibt es nicht mehr.

2009, ich schicke eine Erzählung ins unbekannte Hamburg, kurz darauf die Anfrage nach etwas »Größerem«, ich schicke das Manuskript von Der Schlaf und das Flüstern, wenige Tage später die Zusage. So schnell geht das und von da an laufen wir gemeinsam.

Für Stefan, Nico und mich ist dieses 2009 der Beginn. Im Frühjahr erscheint das erste Buch des Verlags – Schau gen Horizont und lausche, eine Anthologie mit Geschichten über Städte. Im Herbst dann unser aller erster Roman, eben Der Schlaf und das Flüstern. Dem voraus geht ein Frühsommer / Sommer, in dem wir daran arbeiten, schreiben, gestalten, setzen, verknüpfen. Zu dieser Zeit bin ich in Israel, tagsüber Dreharbeiten, am Abend und in der Nacht lese ich die Anmerkungen im Manuskript, ergänze später in den Fahnen. Weiterlesen

Coronamonate. März.

31. März | der längste März von allen

Ich kaufe »Der Spiegel«. Am oberen Rand fast jeder Seite, dort, wo sonst das Ressort vermerkt ist, steht in einem roten Kästchen mit roter Schrift: Coronakrise. Bis auf vier Ausnahmen handeln alle Artikel aller Ressorts von der Pandemie, ein monothematisches Wochenmagazin. Die Ausnahmen sind: Woody Allen, Cum-Ex, der AfD-Flügel und der geheime Dienstkalender Heinrich Himmlers.

Ansonsten: In Nevada werden auf einem Parkplatz sogenannte Social-Distancing Boxes gemalt, in denen Obdachlose in dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zueinander schlafen können. Jena führt eine Mundschutzmaskenpflicht ein. In Sachsen droht ein Bußgeld in Höhe von 150€ beim Verlassen der Wohnung ohne triftigen Grund. Das Bundesgesundheitsministerium bittet darum, morgen auf Aprilscherze zu verzichten, weil Falschmeldungen zur Verunsicherung beitragen können. Die Bayreuther Festspiele 2020 werden abgesagt.

Heute geht der zweite Coronamonat vorbei, der längste März von allen. Die Tage verklumpen, die Welt schrumpft, es ist gut, schreiben zu können.

30. März | Abkürzung der Realität

Ein Bekannter, der ansonsten kaum aktiv auf FB ist, postet innerhalb weniger Minuten mehrere Links zu Texten und Videos, die alle eins zum Inhalt haben: Covid19 sei nicht gefährlicher als die übliche Grippewelle. »Die Angst vor dem Coronavirus ist weit überzogen.« & » Momentan sehe ich in der Öffentlichkeit eine große, weitgehend unkritische Einigkeit: Mach, was Mutti sagt.« & » Uns wird suggeriert, dass Opa tot umfällt, wenn wir nur die Haustür aufmachen, „Stay at home“, das neue Mantra, dem alle zu folgen haben« etc.

Es ist nicht viel, was ich dabei fühle, aber zumindest Irritation. Irritation darüber, dass diese Bewertung der Pandemie immer noch existiert, dass die vergangenen Wochen, die Bilder, Texte, Videos, Augenzeugenberichte tatsächlich ignoriert werden können, dass der Glaube besteht, es gäbe eine Wahrheit, die im Gegensatz zur Realität stehen könnte und diese »Wahrheit« zwingend vermittelt werden müsste.

Auch von anderen Seiten Fragen, wie man mit Freunden, Bekannten, Arbeitskolleginnen, Familienmitgliedern umgeht, die Wodrag-Videos teilen, die von zionistischen Entwicklern, Biowaffen, US-amerikanischen Militärlabors schreiben, davon, dass das Virus aus kommerziellen Gründen für angeblich patentierte Impfstoffe in Umlauf gebracht worden sei. Die schreiben: Der wahre Grund der Erkrankungen sei nicht etwa ein Virus, sondern 5G-Strahlung! Die, für die der Hashtag Coronavirustruth Berufung îst.

Verschwörungstheorien sind wie Abkürzungen für jene, denen die Realität zu mühsam ist. Vielleicht kann ich auch das Bedürfnis nachvollziehen, glauben zu wollen, es gäbe einen Plan hinter der Pandemie, weil die Pandemie alle gemachten Pläne egalisiert. Weil es so schlimm ist, glauben zu wollen, es wäre nicht so schlimm. Besonders schwer zu ertragen muss der Zustand für alle sein, die stets anti sind und die sich jetzt mit einer Realität konfrontiert sehen, in der anti keinen Platz mehr hat.

Und ist es nicht immer einfach, das zu erklären, die manchmal gar nicht so leicht zu erkennenden Trennlinien zu finden zwischen dem, was notwendig ist, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und dem, was die Gesellschaft auf andere Weise gefährdet. Die Unterschiede zwischen StayAtHome und einer möglichen Willkür der Polizei bei all den Beschränkungen, dem Mundschutzzwang und dem dauerhaften Tracken von Handydaten, einer Schließung von Geschäften und dem Erlassen von Gesetzen, die es einem Regierungschef ermöglichen, auf unbegrenzte Zeit und ohne parlamentarische Kontrolle mit Verordnungen zu regieren.

Ansonsten: Ungarn beschließt ein »Notgesetz«, dass dem Präsidenten nahezu uneingeschränkte Macht einräumt und Kritiker dauerhaft in Gefängnis bringen kann, natürlich die Blaupause einer Diktatur, in einem Staat der EU. Twitter löscht zwei Tweets des brasilianischen Präsidenten, weil sie die Gefahren durch die Pandemie leugnen.

Der amerikanische Präsident spricht von zwei Millionen möglichen Toten, hunderttausend wären ein Erfolg, es ist die einzige Exit-Strategie, die er hat. In einem Tweet lobt er sich, da seine täglichen Pressekonferenzen höhere Einschaltquoten als der Bachelor haben. In New York läuft ein Sanitärschiff des Militärs ein, der Bürgermeister sagt, dass es eigentlich 40 Schiffe dieser Größe bedürfe. Im Central Park werden Krankenhauszelte errichtet. Überraschend werden fünftausend Atemmasken in der Krypta der Washington National Cathedral gefunden.

Österreich verhängt eine Mundschutzpflicht für den Einkauf im Supermarkt. Eine im April in China startende Rakete wird auf der Außenhülle ein Bild tragen, das das medizinische Personal in Wuhan im Kampf gegen den Virus zeigt. Ab 1. April erhebt DHL einen Krisenzuschlag von 16€ pro Paket in die USA. Ein australischer Astrophysiker wird ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem Magnete in seiner Nase steckenblieben, als er versuchte, ein Gerät zu erfinden, das Menschen davon abhält, ihre Gesichter zu berühren.

Artikel spielen Geisteswissenschaften gegen Naturwissenschaften aus. Der Verein Deutsche Sprache e. V. schreibt: »In Deutschland werden Milliardenbeträge für den Genderunfug ausgegeben. Diese Gelder fehlen Krankenhäusern oder den naturwissenschaftlichen Uni-Fakultäten – zum Beispiel in der Virusforschung«. Armin Laschet setzt den Mundschutz falsch auf und korrigiert sich kurz darauf auf Twitter. Der Formel1-Rennstall Red Bull dachte darüber nach, Fahrer absichtlich zu infizieren. »Das ist nur im kleinen Kreis besprochen und nicht positiv aufgenommen worden«, sagte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko. Unter Arbeitstitel Bachmannpreis digital soll eine Arbeitsgruppe in den nächsten Tagen ein Konzept eines »digitalen Bachmannpreises« ausarbeiten.

29. März | GLG

Heute ein erster, wirklicher Lagerkoller, ein Tief, dem Regen geschuldet, dem Ende der zweiten Woche erst, der Ahnung, dass viele folgen werden. Ich will wenig schreiben, wenig erfahren, von dem, was geschieht. Ich lese: »It’s a trauma response. Because you can’t fight the virus actively, and because you can’t run away from it, your body is going into “play dead” mode.«

Lese auch: »Falls ihr euch stresst, weil zB Homeoffice einfach nicht laufen will: Wir haben eine globale Pandemie. Beschränkung von Grundrechten. Wirtschaftsschmelze. All das vor dem Hintergrund der Klimakrise.«

Gegen Mittag wird der Tod des hessischen Finanzministers, des designierten hessischen Ministerpräsidenten, vermeldet. Im Abschiedsbrief soll die Rede sein von »Aussichtslosigkeit«, »bezogen auf die wirtschaftliche Lage des Landes« sehe, mit dem Vermerk: »Ob dies allerdings mit konkreten Ängsten in Bezug auf den Coronavirus zusammenhänge oder eher allgemeiner Art gewesen sei, das sei auch für die Ermittlungsbehörden derzeit nicht ersichtlich.« Fast augenblicklich drängt sich der Gedanke an den Werther-Effekt auf und ebenso augenblicklich fühlt es sich schäbig an, diese Verbindung gezogen zu haben.

In nahezu jeder Mail, die eintrifft, am Ende fast jeden Telefonats, anstatt Tschüss oder Bis bald steht nun, wird nun gesagt: Bleib gesund. Es ist das Mit freundlichen Grüßen, das Liebe Grüße, das GLG dieser Monate.

Ansonsten: In Indien ist eine Ausgangssperre für 1,3 Menschen verhängt. In Süditalien soll der Geheimdienst vor sozialen Unruhen warnen. Mobilfunkanbieter stellen kostenlos vergrößerte Datenpakete zur Verfügung. In der #BundesligaHomeChallenge duellieren sich Profifußballer auf der Konsole. In Aachen klagt ein Mann gegen die erlassenen Kontaktverbote. In der Weimarer Humboldstraße werden Briefe in die Briefkästen eingeworfen, die besagen, dass die Hausbewohner zwei Wochen in Quarantäne bleiben sollen.

Weiterlesen

Coronamonate. Februar

29. Februar | Indien in der Rhön

Gestern eine Lesung in einem kleinen Dorf in der Rhön, 65 Einwohner. Der Ort liegt am Ende eines Tals, nur eine Straße führt hinein. Schnee ist gefallen, die Welt ist still und sehr weit weg. Der Ort selbst scheint von Haus aus schon in Quarantäne zu liegen. Hier sind wir sicher. Aber natürlich: Wir sind hier.

Wir sind eine Stunde gefahren, kommen aus einem anderen Landstrich, können den Erreger längst in uns tragen und genau an diesem Abend verbreiten. Einer der Anwesenden hat heute ein Auto aus Fürstenwald geholt, 130 km entfernt liegt das. Wie könnte man annehmen, ein Ort wäre geschützt? Nach der Lesung sitzen wir mit dem katholischen Pfarrer zusammen. Er stammt aus Indien, ist letztes Jahr nach Deutschland auf Mission gekommen. Wir sprechen über das Kastensystem, die aktuellen, politisch initiierten Morde an Muslimen, von Schlangen am Feldrand, Tamil, ein kleines Dorf am Ende eines Tals, mitten in der Welt.

 

26. Februar | Händewaschen

Das Bedürfnis ist da, sich über Händewaschen zu informieren. Eigentlich sollte es ja bekannt sein, wie man sich die Hände ordentlich reinigt. Offensichtlich ist das doch etwas komplizierter. Ich sehe das Video einer iranischen Ärztin, die ihre Hände mit Farbe einreibt und daran zeigt, welche Stellen man leicht übergeht (Handrücken, Fingerzwischenräume, Fingernägel). Faust(!)regel: dreißig Sekunden einseifen, reiben, abwaschen. Nehme mir vor, dies – anders als nach Zahnarztbesuchen, nach denen man sich aus schlechtem Gewissen vornimmt jetzt, aber wirklich jedes Mal gründlich zu putzen und dieser Vorsatz dann doch im Alltag verloren geht – umzusetzen.

 

25. Februar | Atemschutzmasken

Zumindest ein Informieren über Atemschutzmasken. Weder schützen sie mich oder andere. Erst ab einer bestimmten Preisklasse entsteht ein gewisser Schutz. Die Atemschutzmasken aus Papier verhindern höchstens, dass man sich ins Gesicht fasst und damit Krankheitserreger von der Hand an Mund oder Tränenkanal überträgt. Ich denke an die Fotos der letzten Wochen, mit denen der Coronaausbruch in Wuhan, wie überhaupt die meisten Texte über Viren, bebildert werden: Menschen mit Atemmasken. Was die Fotos damit sagen: So ist Schutz eine Illusion.

 

24. Februar | Scham

Ich stehe vor der Apothekerin und schäme mich. Eben habe ich nach Atemschutzmasken gefragt. Ihr Blick scheint zu sagen: »Wieder einer von denen.« Sie meint, sie habe zwei Marken im Angebot und beide würden nicht vor einer Infektion schützen. Wofür ich die denn brauche? Wegen der Grippe und dass man sich zuhause nicht ansteckt, Kleinkind, Sie verstehen, lüge ich, weil es selbstverständlich um Corona geht.

An diesem Morgen habe ich Hamsterkäufe beschlossen. Ich las von Wuhan, welches immer noch genauso weit weg ist wie seit einigen Wochen und ich las von Italien, was viel näher liegt und las Einschätzungen von Experten und musste zu dem Schluss kommen, dass die Veränderung der Situation hier sehr wahrscheinlich ist. Daraus die Folgerung, für eine mögliche Verknappung von Lebensmitteln gerüstet sein zu müssen, ergo Hamsterkäufe, auch in medizinischer Hinsicht.

Nun stehe ich der Apothekerin gegenüber und weiß, dass ich im Grunde nicht bereit dafür bin. Intellektuell und emotional. Ich weiß kaum etwas über die Funktionsweise von Atemschutzmasken und fühle mich wie ein Prepper, ein Panikmacher, einer, der Lust hat an der Katastrophe. Schließlich nehme ich einen 10er Pack der günstigen Marke, dazu eine kleine Packung Desinfektionstücher und verlasse die Apotheke.

Anschließend im Supermarkt erscheint mir das Vorhaben weiterhin absurd. Soll ich tatsächlich Toilettenpapier, Reissäcke und 25kg Mehl in den Wagen packen? Ich stehe vor den Dosensuppen und denke: Wenn ich falsch liege, dann werde ich das nächste halbe Jahr schlechte Gulaschsuppe essen müssen. Der Form halber kaufe ich zwei Packungen Spagetti und ansonsten leicht verderbliche Nahrungsmittel, die innerhalb zwei Wochen verzehrt werden müssen. Um die Inkonsequenz perfekt zu machen, gehe ich nachmittags erst zu einem Kinderfasching und anschließend auf ein Konzert ins Theater.

——————
Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | komplett

Die Zukunft Deutschlands entscheidet sich in Gerstengrund


Ende Februar fahren wir zurück nach Gerstengrund. Im Gemeindehaus sind die Tische schon gedeckt. Neben Gebäcktellern steht dort »AfD«-Bier, zehn Kästen bekam das Dorf im Herbst 2019 von der »Die Partei« geschenkt, weil Gerstengrund die einzige Gemeinde war, in der die AfD zur Landtagswald keine einzige Stimme erhielt.

Gerstengrund liegt in der Rhön, am Ende des Kohlbachtals, nur eine Straße führt hinein, keine hinaus. Zu Zeiten der Gegenreformation flüchteten Katholiken hierher und blieben dort. Zu DDR-Zeiten befand sich Gestengrund unmittelbar an der innerdeutschen Grenze und durfte nur mit Genehmigung betreten werden. Der Glaube hier ist besonders stark und die Abneigung gegen den Kommunismus besonders groß. Bei der letzten Wahl erhielt die CDU 82,9% der Stimmen. Es hat auch Zeiten gegeben, in denen die CDU bei hundert Prozent lag. Sehr viel mehr Zuspruch für die CDU wird man deutschlandweit nicht finden. Und deshalb ist es wichtig zu schauen, wie Gerstengrund nach den Ereignissen der letzten Wochen über die Zukunft darüber denkt. Weiterlesen

Alben 2019. Beurteile eine Platte anhand ihres Covers.

Ilgen-Nur – Power Nap

Offensichtlich ist Tag. Licht fällt in ein Zimmer, in dem nur ein Bett zu stehen scheint. Nahe des Kissens sitzt eine Frau. Skeptisch schaut sie den Betrachter an. Sie weiß, die Musik, die sie spielt, gab es vor fünfundzwanzig Jahren schon. Ändert das irgendetwas an der Brillanz?

Anorak – Sleep Well

Eine Straßenbahnfahrt. Unbequeme Holzsitze, ein Brummelkreisel liegt auf einem Sitz. Eine Frau greift in ihre Tasche, eine andere hört Musik. Jede ist auf ihre Weise allein. Nur dem stehenden Mann in den kurzen Hosen ist ein lachendes Gesicht ins Gesicht gemalt. Er weiß, eine Endstation wird es für Gitarren niemals geben.

Josin – In The Blank Space

In der Mitte der Lippen ein A, in der Mitte der Stirn ebenfalls. Ansonsten weiß, so viel weiß, dass die schwarzen Haare das Gesicht der Frau zu rahmen scheinen. Ihr Blick wandert aus dem Bild hinaus in eine unbekannte und deshalb bessere Ferne. Sie weiß, Soundscapes sind nicht das Gegenteil von Hingabe. Weiterlesen