Nicht obwohl, sondern gerade weil.

nicht füttern

Üblicherweise hat der Rechtspopulist nicht viel: schniekes Auftreten, schneidige Rhetorik und seinen Hass hauptsächlich. Dann hört es meistens schon auf.

Das reicht gerade so, um stabile ein bis zehn Prozent der Menschen eines Landes hinter sich zu scharren. Am Wochenende genügte es, um 49,7 Prozent der Österreicher einen rechtsnationalistischen Kandidaten wählen zu lassen, der Mitglied einer deutschnationalen Burschenschaft ist und sich in die Tradition von Faschisten stellt. Kleinigkeiten, Zufälle, Zungenschläge haben seinen Sieg verhindert. Es hätte auch anders kommen können.

In den letzten Jahren hat der Rechtspopulist eine steile Karriere hingelegt. Er sagt sich: Geht es so weiter, werde ich bei der nächsten Wahl gewinnen. Ich werde österreichischer Kanzler sein. Ich werde französische Präsidentin sein. Selbst in Deutschland wird ein Regieren ohne meine Partei nur mehr unter großen Anstrengungen möglich sein. Und ist es ausgeschlossen, dass ich nicht auch die amerikanische Präsidentschaftswahl gewinne?

Hat der Rechtspopulisten recht, wenn er das Regieren als zwangsläufige Konsequenz einer Entwicklung sähe? Und falls ja: Gäbe es Möglichkeiten, dieser Entwicklung entgegenzuwirken? Weiterlesen

ich wir sie die anderen

Ich fahre in einem Zug. Den Gang gegenüber sitzt ein Paar. Sie sind vielleicht Mitte Zwanzig. Es gäbe viel, was ich an ihnen beschreiben könnte. Ich beschreibe: Sie hat ein Tuch um ihren Kopf geschlungen, es verhüllt Teile ihres Gesichts. Der Mann hält die Fahrkarte in den Händen. Als der Schaffner erscheint, spricht nur der Mann. Sie vermeidet jeden Blick.

Ich weiß nichts von ihnen. Jede Annahme ist falsch. Sie kommen nicht von hier. Ich denke: Was, wenn sie fünfundzwanzig Jahre in einem kleinen Dorf weit in den Bergen gelebt haben und mit den Vorstellungen, die die Menschen in dem Dorf haben, aufgewachsen sind? Wenn daher ihre Werte rühren, ihre Sicht auf die Welt. Und was, wenn sie jetzt hier sind und bleiben werden wollen müssen? Und wir und sie feststellen, dass es Gemeinsamkeiten gibt und Unterschiede?

Die, die ich sehe, sind die Anderen. Weiterlesen

Jan Böhmermann hat recht und alle anderen auch.

schranke

Alle haben recht.
Die, die sagen, Jan Böhmermann habe eine widerliche, unter-die-Gürtellinie-zielende, eh­ren­rüh­rige Schmähung vorgenommen, die verboten gehöre.
Die, die sagen, Jan Böhmermann habe auf besondere Weise die Grenze zwischen freier Meinungsäußerung / Satire / Kritik und Verleumdung gezeigt.
Die, die sagen, es gäbe Wichtigeres zu besprechen als diese Angelegenheit.
Die, die sagen, es gäbe nichts Wichtigeres zu besprechen als diese Angelegenheit, weil sie ganz grundsätzliche Fragen an ein Miteinander und damit die Sprache stellt.

Das eine lässt sich ohne das andere nicht denken. Die Schmähung nicht ohne den Kontext, in dem sie geschehen ist. Jan Böhmermann hat gesagt: Das muss erlaubt sein. Das andere darf nicht erlaubt sein. Indem er das Nichterlaubte ausgesprochen hat, hat er ein Paradoxon geschaffen. Diesem Paradoxon ist mit Logik, mit Empörung, schon gar nicht mit Politik, Facebookkommentaren und Talkshows beizukommen. Es wird sich nicht auflösen lassen, niemals. Weiterlesen

#JeSuisBerlin #JeSuisHamburg #JeSuisMünchen

lichter

Am Montag war ich in Brüssel. Am Vormittag kam der Eurostar am Bahnhof an. Verspätet, so dass ich vier Stunden in Brüssel hätte bleiben können – mit der U-Bahn noch mal in die Stadt fahren, vielleicht über die Station Maelbeek.

Dienstag bin ich nicht mehr in Brüssel. Zwischen acht und neun Uhr sterben dort vierunddreißig Menschen. Ein Tag liegt zwischen mir und Brüssel und dem Terror. Es war eine zufällige Entscheidung, montags in Brüssel zu sein. Genauso gut hätte es Sonntag oder Dienstag sein können.

Es ist Willkür. Wo es passiert und wo ich gerade stehe und an was ich denke und wen ich interessiert oder misstrauisch mustere und trotz der höchsten Warnstufe, trotz Fahndungserfolgen, trotz der Soldaten mit den schussbereiten Maschinengewehren. Nichts schützt, alles ist möglich, jederzeit, die einzige Gewissheit ist die der fehlenden Sicherheit.

Ich hätte also panisch werden sollen. Zu wissen, dass mein Montag auch dieser Dienstag hätte sein können. Stattdessen laufen die üblichen Muster ab: Überschriften lesen, erfahren, dass etwas passiert ist. Sofort, ohne etwas Konkretes zu wissen, die ersten Bilder schon im Kopf haben. Liveticker durchscrollen, die Kopfbilder präzisieren. Spärliche Informationen zu spärlichen Informationen stapeln. Die ersten von Storchs und Lengsfelds lesen, die unmöglichen Äußerungen unmöglicher Leute. Deshalb empört sein. Empört sein über mich, dass ich darüber mehr empört bin als betroffen über die Tatsache, dass Menschen gerade ihre Körper zerfetzt haben, um andere Menschen zu zerfetzen. Weiterlesen

Welt von morgen.

Da saßen sie also im Fernsehstudio einer der großen deutschen Politikgesprächsrunden: ein Schweizer, der offenließ, ob Hermann Göring nicht doch mit »vermeintlich besten Absichten« gehandelt haben könnte, und eine Deutsche, die forderte, in Notfällen eben auf die Geflüchteten schießen zu müssen.

Sie waren rechtspopulistische Reaktionäre und hier waren sie in der Mehrzahl. Sie wussten, dass in politischen Gesprächsrunden weder Gäste ihre Standpunkte überdenken noch Zuschauer ihre Meinung ändern sollten. Aber solche Runden zeigten, in welchem Rahmen ein Thema gegenwärtig diskutiert wurde.

Das hieß: Gerade bestimmten sie den Diskurs. Weiterlesen

The Revenant | Das Atmen des Menschen auf die Kamera

Dieser Film ist nicht kalt. Und das ist erstaunlich. Denn oft laufen Männer oberkörperfrei durch die Schneeweite des nördlichen Amerikas. Männer waten in eiskaltem Flusswasser. Eiskristalle verfangen sich in Barthaaren, an Nasen hängen Eiszapfen und wenn im Todeskampf Spucke spritzt, gefriert sie, sobald sie den Mund verlässt. Dennoch ist mir nie kalt.

Dieser Film ist nicht warm. Dabei gibt es diese Szene: Leonardo DiCaprio weidet einen Schimmel aus, um in der sterblichen Pferdehülle Wärme zu finden. Mit beiden Händen hebt er Herz und Gedärme aus dem Kadaver, Dampf steigt auf und als DiCaprio nackt im Tier verschwunden ist, müsste mir warm sein. Aber warm ist mir nicht.

Dieser Film erzählt von Weite und Größe der Welt. Vom kleinen, winzigen, unbedeutenden Menschen darin. Dem Universum, Gott, dem Zufall, den Tieren ist es egal, ob der Mensch lebt. Ob er Flechten von Steinen kratzt, die Zähne in Fische schlägt, mit Wölfen um Bisonfleisch kämpft. Dem Universum ist es gleich, was der Mensch denkt, wenn er zu den Sternen aufblickt und das grüne Nordlicht sieht und was für Metaphern ihm beim Anblick von majestätisch vorbeiziehenden Wolken in den Sinn kommen. Weiterlesen

Köln. Einself ist kein Dialog.

Es ist kompliziert.

Birgit Kelle fordert einen Aufschrei.
Die CSU setzt sich für die Gleichberechtigung von Frau und Mann ein.
Ein Linker agiert mit antisemitischen Äußerungen.
Ein Rechter verteidigt Israel.
Ein Konservativer macht sich für Schwulenrechte stark.
Ein TTIP-Gegner möchte Sigmar Gabriel am Galgen hängen sehen.
Ein Putin-Sympathisant kritisiert die amerikanischen Drohneneinsätze.

Es gibt viele Positionen. Einige teile ich, einigen würde ich unter allen Umständen entgegentreten. Diese Positionen werden von Leuten vertreten, mit deren Meinung ich oft übereinstimme oder deren Weltbilder meinen fremd sind.

In letzter Zeit vermischt sich das oft. Leute, denen ich stets widersprochen habe, vertreten Meinungen, die auch meine sind. Meistens zögere ich dann. Meistens kann ich dann nicht so ohne weiteres zustimmen. Meistens brauche ich dann etwas Zeit, um darüber zu nachzudenken.

Was nicht schlecht ist. Sich und die eigenen Positionen zu hinterfragen. Den Blick auf andere zu hinterfragen. Schubladen schließen. Vermeintliche Gewissheiten prüfen.

Gestern war so ein Tag. Weiterlesen