Ein Flugzeug ist abgestürzt.

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Ein Flugzeug ist abgestürzt. Ich muss nicht zwangsläufig dazu einen Standpunkt beziehen. Ich müsste nicht zwangsläufig davon betroffen sein. Ich bin es dennoch und ich frage mich, aus welchem Grund ich das bin. Weil viele der Opfer aus dem Land stammen, in dem auch ich lebe? Gäbe es eine ähnlich starke Verbundenheit mit Menschen, die grüne Augen haben oder halblanges hellbraunes Haar oder Linkshänder sind?

Ich müsste mich von so vielem mehr betroffen zeigen. So viel Leid geschieht. Ich muss das so kaltherzig schreiben: Das meiste Leid ist erwartbar. Ich könnte in Erfahrung bringen, wie viele Menschen jeden Tag verhungern und verdursten und an Armut sterben und im Krieg und an nicht behandelten Krankheiten. Es gibt Durchschnittswerte, das Leid ist erwartbar.

Ein Flugzeugabsturz ist auch zu erwarten. Jedes Jahr stürzen Flugzeuge ab. Dennoch geschieht dies unerwarteter. Welches Flugzeug, wo und wann – eine Vorhersage ist unmöglich. Dieses Leid erscheint willkürlich. Ich weiß, Leid kann nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Und ich weiß auch, dass ich mich nicht entschuldigen muss, wenn mich etwas stärker berührt als anderes.
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Varoufake. Für eine Minute schweben.

Für einige Stunden legte sich ein unheimliches Gefühl über die Onlineseiten, die Twitteraccounts, die Facebookkommentarfelder, die Blogs. Ein Gefühl, so unbekannt und eigentümlich, so verstörend und beängstigend. Ein Mittelfinger war erschienen und war plötzlich wieder weg. Ob dieser Mittelfinger ausgestreckt wurde, lag im Auge des Betrachters. Eine Schrödingers-Katze-Situation. Beide Zustände waren möglich. Mittelfinger off, Mittelfinger on.

Und das darf nicht sein. Ungewissheit darf nicht sein. Man muss wissen. Oder zumindest selbstsicher behaupten: Ich weiß. Ungewissheit ist in dieser Art von Öffentlichkeit nicht vorgesehen. Denn Ungewissheit bedeutet Kontrollverlust.

Jan Böhmermann hat allen diese Kontrolle entzogen, die Deutungshoheit.

Für wenige Stunden also dieser kostbare, weil so seltene Zustand des Schwebens. Und allein, dass es möglich ist, jetzt schon wieder so darüber zu schreiben, als wären seither Jahre vergangen, zeigt, dass dieser Zustand wieder für beendet erklärt wurde.

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Ich und meine Selfiestange.

analoge selfiestangenIch will an einem Ort sein. Dieser Ort ist mir fremd und ich bin dort allein. Aber ich werde diesen Ort besichtigen. Ich überlege, was ich dafür brauche: Geld natürlich, eine 0,5 Liter-Flasche Mineralwasser vielleicht, einen Regenschirm zum Schutz, eine Packung Papiertaschentücher, mein Smartphone. Und einen Stock. Eine Stange. Einen Selfiestick.

Die Stange ist bis zu einem Meter lang. Sie wiegt zweihundert Gramm. An die Spitze schraube oder klemme ich mein Smartphone. Meine Hand führe ich durch die Sicherheitshandgelenkschlaufe. Per Bluetooth sind Smartphone und Auslöser miteinander verbunden.Die Aufgabe meiner Selfiestange ist es, den Abstand zwischen Kamera und meinem Gesicht zu vergrößern; denn zu nah abgelichtet verzerrt es Augen, Nase, Mund – also mein Gesicht.

Mit meiner Selfiestange gehe ich nun zu diesem Ort. Denn ich weiß:

Es genügt nicht, irgendwo zu sein.

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Kino. Worte, die nichts riskieren, Bilder für verfilmte Wikipediaeinträge.

Inherent Vice

Schrulliger Detektiv fragt sich durch das Los Angeles der 1970er Jahre, um seine Exfreundin Shasta Fay zurückzugewinnen.

Vorhanden war alles: Ein verpeilter, kiffender Privatschnüffler. Eine Story, die verwegen und kompliziert um die Ecke gedacht um die effektivsten Grundthemen aller Geschichten kreist: Macht & Liebe. Figuren im Dutzend, die nicht nur die besten Namen aller Zeiten tragen, sondern auch Backenbärte und die außergewöhnlichsten Leben in den Gesichtern. Eine literarische Vorlage von Thomas Pynchon. Eine Ära, die sich wie keine zweite anbietet für blumige Retrokostümierung und überbordendes Setdesign.

Ja. “Inherent Vice” hätte ein Kultfilm sein können (und Kult hätte in diesem Fall nicht mal in Anführungszeichen geschrieben werden müssen), der “Big Lebowski” dieses Jahrtausends, eine Pynchon-Adaption des Film noirs mit Elementen der Nackten Kanone und “Jackie Brown”.

Aber es gab eben auch einen Regisseur. Den großen Paul Thomas Anderson. Und der hatte keinerlei Interesse an einem klassischen Kultfilm. Geschrieben hat er das Drehbuch parallel zu “The Master”. Vielleicht ist das die Erklärung. Denn um die unfassbare Wucht von “The Master” nur ansatzweise ertragen zu können, muss es einen Ausgleich brauchen. Die Arbeit an einem Film wie “Inherent Vice” vielleicht. Denn wo in “The Master” jedes Detail sitzt und sich jedes Hintergrundrauschen perfekt einfügt in die bedeutungsvolle Schwere, kann “Inherent Vice” nur improvisiert, prall, lässig und seltsam unfertig wirken.

Allein der Form halber die Namen der Figuren. Shasta Fay Hepworth.  Sauncho Smilax. Sortilege. Petunia Leeway. Clancy Charlock. Ensenada Slim. Amethyst Harlingen. Emmet Unverzagt. Rhus Frothingham. Dr. Rudy Blatnoyd.

Birdman

Ehemaliger Superheldendarsteller inszeniert ein Raymond-Carver-Theaterstück und lernt dabei zu fliegen.

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Pegida Poetry

eso

 

kommentare

Lügenlyrik Textmontagen aus 282.596 Kommentaren der Pegida-Facebookseite. via 0x0a

hosenanzug und kriegstreiber

exil-sachsen
laola-wellen
stillstehen stocken
zwinger semperober
schloß und frauenkirche

thomas die misere
brd- gmbh
maulkorbpresse gutmenschenlager
strolche diese volksverräter

teufel pfui

terroropfer einschaltquoten
neuschwabenland und salafisten
meinungsfreiheit sippenhaft
wahnsinnschance bürgerkrieg

dreirad demo
asylant agent
neunzehn punkte
positionspapier
pegidafan mit allen hupen

hausarrest
patrioten schwanz
führungsklüngel
orga knickt
erzwingungshaft

jauche mediathek
gauland in gefahr
IM larve
angst und antifa
hundert jahre terror

vermummung

vermummung

kopf ausem sand
trollalarm
weihnachtsmarkt bleibt weihnachtsmarkt

in deutschland nimmt man
de mütze ab in der kirche
und nisch mit kopptuch
durch de kante laufen

schlüsselbund durch die fresse
bin ich kein rassist sondern ein assist
sofort und ohne diskussion

funzt nicht
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Alben 2014. Lauter goldene Tugenden.

1. Die Nerven – Fun

Auf ein solches Album habe ich lange gehofft: im besten Sinne so minimal, dass kein Ton zu viel ist und dennoch ätzend im Detail, die Texte kryptisch und gleichzeitig direkt, die Attitüde wissend, aber uneinsichtig. Dazu der beste Bandname seit den fiktiven Grindcorern »Dreschflegel«: Hier kulminiert alles, was Gitarren und Teenage Angst in den letzten sechzig Jahren gelernt haben.

2. Kate Tempest – Everybody Down

Würde ich gern als Serie auf HBO sehen: Kate Tempests Erzählungen über den Mensch im gegenwärtigen Großbritannien. Titelsong wäre natürlich »The Beigeness«, auch weil dessen Beat wäre noch einen Tick intensiver ist als der des Vorspanns bei »Mad Man«. Atemlos, furchtlos, genau.

3. Cold Specks – Neuroplasticity

Strenggenommen müsste hier auch mindestens das 2012er Album »I Predict a Graceful Expulsion« stehen. Selten wurde über die Hölle so betörend gesungen. Falls es eine Kategorisierung braucht, dann diese: Doomsoul. Nicht nur für die schönen Stunden des Tages. Weiterlesen