Coronamonate. September.

25. September | die nächsten fünfhundert Tage

Die letzten Tage viel über die nächsten Tage gesprochen, die nächsten fünfhundert Tage. Es geht um die Annahme der näheren Zukunft, um Pläne und Vorhaben und wie diese in Einklang zu bringen sind mit der Pandemie. Anders als im März, als es nahezu unmöglich schien, irgendeine Prognose über den weiteren Verlauf der Coronazeit treffen zu können, scheint das nun möglicher.

Was sind die Erwartungen an Herbst/Winter, die Freiluftsaison, den Herbst 21? Die Frage dabei ist nicht, wie sich das Virus verhalten wird, sondern, wie wird reagiert und welche Folgen können diese Reaktionen für meine Absichten haben?

Der Prognose-Konsens ist: Es bleibt, wie es ist, wird aber nicht schlimmer. Die Gespräche gehen nicht von einer Märzsituation aus, einem kompletten Entleeren und Zurücknehmen. Und kein Gespräch geht davon aus, dass vor Ende des nächsten Jahres eine irgendwie geartete Normalität eintreten wird. Es wird Masken geben und Abstand und größere Veranstaltungen als Ausnahme, nicht als Regel. Schließungen werden kommen, aber nicht ständig und überall und zur selben Zeit.

Diese Prognosen stützen sich auf die Annahme, dass es keine Akzeptanz mehr gibt für ein flächendeckendes, in alle Bereiche eingreifendes Eindämmen. Dazu die Annahme, dass alle mehr wissen als vor sieben Monaten, dass bestimmte Verhaltensweisen selbstverständlich geworden sind, dass zumindest bei Bedarf fast alle darauf zurückgreifen könnten. Und die Annahme geht davon aus, dass die medizinische Auswirkung des Virus so bleibt, wie es hierzulande war.

Auch wenn die Erwartungen in den Gesprächen übereinstimmen, gibt es keine Gewähr für deren Eintreffen. Aber sie helfen, die Illusion einer Planbarkeit des Lebens aufrecht zu erhalten. Ich muss Veranstaltungen kleiner als in früheren Jahren vorbereiten. Aber immerhin kann ich sie vorbereiten.

Im Hinterkopf stets die Annahme, dass jederzeit und sehr kurzfristig die Planung nicht aufgeht. So wie bei einem Lesefestival auf dem Weimarer Ettersberg, das von Juni auf den September verschoben wurde und wenige Tage vor Beginn abgesagt werden musste, weil eine Busreisegruppe aus dem Weimarer Land sich in Tschechien infizierte. Diese Reisegruppe kann jederzeit fahren und ankommen. Sie kann vor der Haustür parken und die Senioren stürmen die Wohnung und machen alle sorgsam einkalkulierten Eventualitäten obsolet. Aber die nächsten 500 Tage beginnen morgen, niemand weiß, wie sie verlaufen, aber der Plan steht trotzdem, der Ausgang, ebenso wie die Tür, offen.

Ansonsten: Aufgrund der durch die steigenden Infektionszahlen belegten Intensivstationen, werden in Pariser Krankenhäusern erstmals seit Frühjahr wieder nicht zwingend notwendige Operationen abgesagt. Am Flughafen Helsinki werden Hunde zum Aufspüren von Infizierten eingesetzt. Mit der kostenlosen Einladung von 4400 Influencerinnen will die Urlaubsinsel Bali den Tourismus wieder ankurbeln. Kanzler Kurz fordert: »Skivergnügen ja, aber ohne Après-Ski.«

24. September | Coronamonate Klimajahrzehnte

Sieben Monate sind seit dem Beginn der Coronatemonate vergangen. Mehr als zweihundert Tage schauen, lesen, suchen, schreiben unter nur einem Blick. Die Nervosität, die Müdigkeit, selbst das Bewusstsein einer Routine ist gewichen. Es gehört dazu, einige Sätze am Tag zu dem oder dem zu schreiben. Die letzten Wochen fühlten sich an wie ein Auslegen von Fährten, von dem, was kommen könnte, was über den Herbst hinauswächst.

Dennoch immer öfter das Gefühl, dass es der falsche, weil unwichtige Blick ist, unter dem ich schreibe, nicht das entscheidende Thema zum Zentrum der Worte zu machen. Anstatt Coronamonate müsste ich Klimajahrzehnte schreiben; festhalten, was entgleitet, wo wann welches Kippelement aufploppt und wie dieses wahrgenommen wird und ob und wer dazu welche Reaktion parat hat oder keine.

Am deutlichsten wurde mir das Anfang September bewusst. Ich sehe ein Video von San Francisco. Eine Drohnenkamera schwebt über die Wolkenkratzer, jedes Gebäude das Gemälde einer eigenen Welt. Über den Straßen, über der Metropole, über allen ein oranger Himmel, die Farben so, weil Kalifornien brennt. Unter die Bilder dieses endzeitlichen Städteflugs ist die Filmmusik von Blade Runner 2049 gelegt. Blade Runner 2049 ist eine Dystopie. Die realen Bilder fügen sich nahtlos ein, es gibt keinen Bruch zwischen Gegenwart und Zukunftserwartung.

Ich denke: Das ist jetzt. Der brennende Himmel ist jetzt. Was einmal an Pessimismus in die Zukunft projiziert wurde, geschieht heute: das Futuristische ebenso wie das Apokalyptische. Technik und Untergang stehen nebeneinander. Die Bilder, die man vor fünfzig Jahren gezeichnet hat, lassen sich heute in der Realität finden.

Das bedeutet auch: Die Zerstörung passiert nicht irgendwann. Sie passiert in diesem Augenblick. Es geht nicht mehr darum, sie zu verhindern. Sie ist schon passiert, sie passiert weiterhin. Es kann kein Ende geben, das ausschließlich gut ist. Was geschehen könnte, geschieht bereits.

Die Katastrophen steht nebeneinander, scheinbar als Gegensatzpaar: das verschlingende Feuer und das steigende Wasser. Die Dürre und der Regen. Das schmelzende Süßwassereis und die Verknappung des Trinkwassers. Die Versalzung der Erde. Das Sterben der Meere. Das Sterben der Tiere. Die Stürme, von denen es so viele gibt, dass mittlerweile für sie die Namen ausgehen. Das Tauen der Permafrostböden. Das unwiederbringliche Verbrennen des Regenwalds.

Die Bilder, Videos, Berichte ploppen permanent auf, ständig irgendwo ein visualisierter Tipping Point. Dazu die Zahlen, die Kurven und Berechnungen: alles ist da, es ist vor allen Augen. Und doch scheint es bei allem, was gleichzeitig geschieht, unmöglich, diese so unterschiedlichen Erscheinungen zusammenbringen, alles übereinzustapeln und dann endlich gemeinschaftlich, furchtsam, solidarisch und latent zuversichtlich dieses gewaltige, bedrohende Gebilde zu betrachten. Jede einzelne Erscheinung wäre Grund genug für diesen Blick. Alles zusammen ist überfordernd, weil klar scheint: Das ist nicht zu schaffen.

Corona ist – bei aller Komplexität, bei allem Eingriff in alle Lebensbereiche – nur eins. Eine Sache, die letztlich, bei allen Opfern, handhabbar ist. Ein Impfstoff ist nicht das alleinige Ende. Aber es wäre ein Ende. Die Klimakatastrophe ist alles. Und das zugleich. Alle Lösungen müssen gefunden werden. Niemand entwickelt sie in einem Jahr im Labor, es genügen keine acht Milliarden Ampullen, um zu kurieren. Die Klimakatastrophe ist alle Herausforderungen auf einmal.

Ja, es wäre weitaus angemessener, nicht über die Coronamonate zu schreiben, sondern über die Klimajahrzehnte.

Ansonsten: Im August werden mehr als dreißigtausend Brände im Amazonas registriert. Das Eis in der Arktis schrumpft in diesem Jahr besonders stark. Großflächige Feuer setzen in Sibirien Rekordmengen Kohlendioxid frei. Vom größten Gletscher der Arktis bricht ein 113 quadratkilometergroßes Stück ab. Die Regierung des Sudan ruft nach wochenlangen Regenfällen den Notstand aus. Laut einer Studie verursacht das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung mehr als doppelt so viel Kohlendioxid wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen.

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Coronamonate. August

31. August | Bequeme Zahlen

Es ist anstrengend, auf dem Laufenden zu bleiben. Auf dem Laufenden zu bleiben bedeutet, sich ständig zu informieren, dazuzulernen, deshalb liebgewonnene Erklärungen permanent zu hinterfragen, neue Zahlen zu lesen, alte anders zu interpretieren und damit den bekannten Blick auf das Geschehene neu zu werfen, Fehlinformationen zu benennen und vergangene Überzeugungen, die ich mit ganzer Kraft vertreten habe, möglicherweise zu verwerfen.

Das erfordert viel Kraft, oft bin ich zu bequem dazu. Ich lese weniger als im März, überfliege, nehme mir lieber Erkenntnisse aus der Überschrift mit, als einen Text bis zum Ende zu lesen. Es braucht mehrere Texte, Videos, Argumentreihen, bis ich etwas widerrufe, bis ich mich löse von: Flatten the Curve. The Hammer and The Dance. Die Höhe der Infektionszahlen ist die einzige Zahl, auf die ich jeden Tag gebannt starren muss.

Ich könnte sagen: Ich bin Laie. Ich muss nichts verstehen. Aber in der Pandemie muss ich wie ein Experte auftreten. Ich muss vieles wissen, was mich unter anderen Umständen keinesfalls interessiert hätte. Auch wenn es mir schwerfällt, muss ich verstehen lernen. Für mich und wie ich mich in meinem Umfeld verhalte, so dass ich mich und andere so wenig wie möglich gefährde. Ich muss verstehen, um nachvollziehen zu können, warum sich was gerade ändert. Das Verstehen hilft zu akzeptieren, hilft Kritik zu üben und zu dulden.

Verweigere ich mich dem Verstehen, werde ich bald einer von denen sein, die in Berlin demonstrieren. Ich muss verstehen, damit ich argumentieren kann, damit ich denen, die vom Maulkorb sprechen, etwas entgegensetzen kann. Dabei bin ich Laie, bis auf wenige Ausnahmen sind es alles Laien in der Pandemie. Wir Laien müssen irgendwie klarkommen mit dem Überangebot an Informationen, die komplex sind, ständig mehr werden, sich zum Teil widersprechen.

Ich muss verstehen, warum am Anfang der Pandemie die Experten den Mundschutz nicht empfahlen, warum sie ihre Meinung bald darauf widerriefen und nun nachdrücklich darauf drängen. Ich muss verstehen, weshalb es im März eine Übersterblichkeit gab und im Mai eine Untersterblichkeit und dass letzteres kein Beleg für die Ungefährlichkeit des Virus ist. Ich muss verstehen, aus welchem Grund momentan die Infektionszahlen steigen, aber die Todesfälle sinken. Ich muss begreifen, warum kaum jemand mehr von Schmierinfektion spricht und alle von Aerosolen. Ich muss verstehen, dass die leeren Betten auf der Intensivstation nicht das Ende der Pandemie bedeuten.

Will ich das nicht begreifen, werde ich bequem. Ich niste mich ein in einfachen Erklärungen, ignoriere, was nicht zu dem Einfachen passt. Es ist bequem, Ende August noch die Rhetorik von Bhakdi zu verwenden. Es ist bequem, weil es einfach ist, weil es mir die Angst nehmen würde.

Es ist bequem auch für mich, wenn ich gedanklich im März verbliebe. Wenn ich immer noch Lockdown rufe, wenn eine bestimmte Zahl erreicht wäre. Es wäre bequem, wenn ich jetzt die Tabs schließe und sage: Dieses Wissen reicht bis zum Ende der Pandemie. Ich muss verstehen, dass ich das, was ich aktuell verteidige, wonach ich handele, ich im Laufe der nächsten 1 ½ Jahre mehrmals überdenken, vielleicht widerrufen werde. Ich muss akzeptieren, dass sich daraus Widersprüche ergeben werden. Ich werde lernen müssen, diese zu erklären und zu verteidigen. Höre ich auf damit, die einfache Erklärung, die mögliche Abkürzung, das scheinbar Offensichtliche, das verlockende Bequeme nicht doppelt und dreifach zu hinterfragen, wird die Pandemie über mich triumphieren.

Ansonsten: Auf Drängen des amerikanischen Präsidenten werden die Bemühungen intensiviert und Richtlinien gelockert, um noch vor der Wahl am 3. November einen Impfstoff präsentieren zu können. Bei einer Veranstaltung wird der Gesundheitsminister von Demonstranten bespuckt, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren. Beim MTV-Music Award werden Trophäen in den neugeschaffenen Preiskategorien »Bestes Musik-Video von Zuhause« und »beste Quarantäne-Darbietung« vergeben. Während der Liveübertragung einer Wreslingshow werden von einem der anstatt anwesenden Fans zugeschalteten Zuschauer die Bilder einer Hinrichtung eingespielt. In der Coronazeit werden in Deutschland Kartoffelprodukte überdurchschnittlich häufig gekauft.
[Foto: Yvonne Andrä]

30. August | Das Bild von gestern

Ich frage mich, warum mich die Demonstration in Berlin so beschäftigt. In den immer wieder zitierten Umfragen gibt es eine Zustimmung von unter zehn Prozent dafür, wesentlich mehr befürworten stärkere Maßnahmen gegen Corona als weniger, die deutliche Mehrheit findet die Maßnahmen in Ordnung, bei Fridays for Future waren die Millionen auf der Straße, die die Querdenker gern hätten. Anders gesagt: die Relevanz der gestrigen Demonstration ist wesentlich geringer, als die Berichte, Bilder, Augenzeugenberichte, Kolumnen, Tweets, Screenshots aus Telegramchats suggerieren.

Ich bin aufgeregt. Wenn die Demonstranten gegen Absperrungen drücken, spüre ich den Druck. Skandieren sie, ist es, als brüllten sie ihre Sprechchöre direkt in mein Ohr. Ihre Transparente lerne ich auswendig. Ich tanze angewidert und belustigt, wenn ihre Körper zu einer Version zu Bella Ciao zucken, in der es heißt: Corona Ciao Corona Ciao Corona Ciao Ciao Ciao. Es ist eine Freakshow, es ist ernsthafte Besorgnis, es ist Adrenalin allein vom fernen Zuschauen, der Wunsch, sich dagegenstemmen, obwohl Berlin dreihundert Kilometer weit weg liegt, abstrakte Gedanken, die sich durch die Demonstration in etwas Körperliches übertragen, das Verlangen, bestätigt und entzündet zu werden.

Ich zitiere die vielen Texte, die Corona als Brennglas bezeichnen, als Verstärker der Gegenwart, als ein Überdeutlichmachen dessen, was ohnehin da ist. Dass es bei den Coronademonstrationen nicht um Corona geht, zeigt sich an den Reichskriegsflaggen, die geschwenkt werden, den 18-Codes, den QAnon-Shirts. Corona ist nicht Ursache, Corona ist ein weiterer Anlass für eine allgemeine, tiefergehende Unmutsbekundung, eine Unzufriedenheit, letztlich der Wunsch nach einem radikalen Umbruch. Wäre es nicht Corona, wäre es etwas anderes, weshalb die Demonstranten sich in einer Diktatur wähnten. Sie wären auf der Straße, so oder so.

Vor allem aber geht es bei der Demonstration um die Produktion von Bildern. Die Demonstranten gehen auf die Straße und wollen damit Bilder schaffen, die stärker sein sollen als die Bilder, die jene schaffen, gegen die die Demonstranten antreten.

Das Bild von gestern, das alle anderen Bilder überlagert, das Bild, das bleiben wird, das einmal für diese Zeit stehen wird, entweder als Zenit oder als Anfang, ist das Bild, wie die Demonstranten die Absperrung vor dem Reichstag durchbrechen und die Treppen hinaufstürmen. Vor dem Eingang des Reichstags, dem Ort, an dem die Politik dieses Landes gemacht wird, stehen drei Polizisten. Einer trägt keinen Helm. Diese drei Polizisten verteidigen die Türen des Reichstags. Sie stellen sich den Menschen entgegen, die Reichsflaggen schwenken, einer hat eine Fahne bei sich, auf der der Reichsadler abgebildet ist.

Das Bild sagt: Nazis stürmen den Reichstag. Nicht Coronagegner, nicht Coronawütende, nicht besorgte Bürger, die man ernst nehmen muss, keine Ärztinnen, die andere Meinungen haben als Christian Drosten. Es sind Menschen mit Reichsflaggen und dem Reichsadler, die den Reichstag stürmen. Wenn es ein Bild gibt, dass all diese Menschen und ihre Unterstützer gern an diesem Samstag produzieren wollten, dann dieses: Es ist 2020. Nazis stürmen den Reichstag, das Volk hinter sich wissend.

Die Aktion war angekündigt in Telegramchats. Vor dem Reichstag stehen drei Polizisten, in Hamburg waren es letztens acht, die einen E-Scooterfahrer überwältigten. Diese drei Polizisten verteidigen den Reichstag, sie stehen Vielen gegenüber. Vor drei Tagen schrieb ich, dass es surreal sei zu schreiben, »#SturmAufBerlin klingt wie ein kleiner Krieg«. Heute schreibe ich: Drei Polizisten verteidigen den Reichstag vor Nazis.

Das Bild ist da. Der Sturm ist geglückt. Er ist nicht geglückt. Der Reichstag wurde nicht gestürmt, auch Berlin nicht. Nur ein paar Demonstranten sind eine Treppe hinaufgerannt. Es fühlt sich surreal an, das zu schreiben, so, als gäbe es etwas Zuversichtliches, was ich in diesem Samstag sehen könnte.
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Coronamonate. Juli.

24. Juli | in Aspik

Fünf Monate Coronamonate. Weiterhin ist der 24. eines jeden Monats die Gelegenheit zu prüfen, ob, und falls ja, was ich noch fühle, ob die Wahrnehmung stumpf geworden ist, ob das, was mich erreichen sollte, noch durchdringt. Was spornt mich noch zu Gedanken an, besteht weiterhin eine Notwendigkeit, diese mit jemanden anderen als mit mir selbst zu teilen? Wie pflichtschuldig leiste ich das Schreiben dieser privaten Chronik ab?

Ich brauche, wie alle sie brauchen, eine Pause, ich werde sie mir nehmen. Dabei duldet die Pandemie keine Pause, es gibt keinen Stopp, kein Ausscheren und Ignorieren, denn, falls doch, könnte ich mir die Maske auch übers Kinn ziehen und denken: Ich trage doch eine Maske.

Weimar ist ein gutes Beispiel. Fast fünf Wochen lang keine offiziell festgestellte Infektion. Dann drei nach einer Party. Dann eine neunköpfige Familie, die Besuch aus Hof empfing, sich unbemerkt ansteckte, die Kinder gehen zur Zeugnisübergabe, jetzt sind 120 in Quarantäne.

Der Lebensmittelpunkt der Familie, deren Kindergarten und Schule befinden sich in einem Teil der Stadt, der auf einem Berg liegt, damit außerhalb ist und immer noch weit genug weg. Das ist einer der ersten Gedanken: Wo ist die Gefahr, wo bin ich, wie viele Meter liegen zwischen uns, werden diese genügen? Andere diskutieren in Foren darüber, dass die Familie keine Muttersprachler ist und was diese Information mit der Ansteckung zu tun hat, es ist keine Diskussion, es ist das Abstecken rassistischer Gedanken.

Fünf Monate Coronamonate. Grundsätzlich ist die Hälfte eines Jahres jedes Jahr ein seltsames Spiel: Silvester ist scheinbar eben erst geschehen und die Tage daran sind schon Erinnerung. Der Sommer hat gerade erst begonnen und doch ist der längste Tag des Jahres einen Monat lang vorbei. Anfang wie Ende befinden sich zugleich in Reichweite und großer Ferne.

Eine Studie hat festgestellt, dass in der Pandemie ein anderes Zeitgefühl herrscht; langsamer für die Getroffenen, schneller für die Zufriedenen. Ich kann nicht sagen, was die letzten Monate für mich waren: Sind sie gerast, stehengeblieben, habe ich die Veränderung akzeptiert, verstanden, ertragen, bin ich zuversichtlich, weiterhin furchtsam? Habe ich mich mittlerweile eingerichtet? Und wenn ja: Wie geht es mir damit? Wie lange geht das gut? Wie stelle ich gegeneinander, was in den letzten Monaten nicht geschah und was dafür eintrat? Das Tragische, das Wundersame? Wie lässt sich eine Bewertung finden, die einen Sinn ergibt und sei es nur, um mich zu beruhigen?

Es wird notwendig sein, weiter zu beobachten, zu überprüfen und diese verwirrende Zeit in Worte zu binden, sie wie in Aspik einzulegen, umhüllt von einer Schicht, die das Wesentliche nur verwackelt zeigt, aber so immerhin ermöglicht, dass diese Monate überdauern können als das, was sie sind: unmittelbar.

Im Juli wird es keine neuen Einträge geben. Ab August geht es an dieser Stelle weiter mit dem Mittendrin.

Ansonsten: Mit 815 Neuinfektionen gibt es so viele an einem Tag wie seit Juni nicht mehr, weltweit sind es dreihunderttausend Neuinfektionen. Ein Update der Corona-Warnapp behebt ein Problem, aufgrund dessen die App auf vielen Geräten nicht funktionierte. In der wiederaufgenommenen amerikanischen Baseballliga werden für die TV-Übertragung virtuelle Zuschauerinnen in die leeren Stadien projiziert.

23. Juli | Schutz im Holster

Über den Goetheplatz läuft ein Mädchen. An ihrer Jeans hängt eine Desinfektionsspritzflasche wie eine Pistole in einem Holster, der Covidschutz nur einen Handgriff entfernt.

Ansonsten: In Weimar steigt die Zahl der gleichzeitig Infizierten auf 11, der höchste Stand seit Pandemiebeginn, 81 insgesamt. In einem Video fordert Deutschrapper Farid Bang zur Einhaltung des Mindestabstands auf und droht bei Verstößen mit dem Langziehen von Ohren. Ein Superspreader-Vorfall an einem Fließband löste den Ausbruch bei Schlachthof Tönnies aus. Amsterdam fordert Touristen auf, am Wochenende die Stadt zu meiden. Nach der Meisterfeier in Liverpool gibt es mehrere Festnahmen wegen Verstößen gegen Coronaregeln. Mehr als die Hälfte aller Coronainfektionen verteilen sich auf drei Länder: USA, Brasilien, Indien. Corona in Kuba.

22. Juli | mittendrin

Ich sehe ein Video. Offenbar trägt der Filmende einen Schutzanzug, der Helm aus durchsichtigem Plastik, die Welt, die er oder sie dadurch sieht, verschwommen und unvollständig. Die Filmende läuft durch ein Krankenhaus. An den Wänden Stühle und Krankenhausbetten eng an eng, darauf sitzen und liegen Kranke. Die Sitzenden mit Atemschläuchen, große Zylinder mit Sauerstoff neben ihnen, ein unablässiges Zischen bläst in den Filmton. Die Liegenden regungslos, einige sind auf den Bauch gedreht, um den Druck von der Lunge zu nehmen. Der gesamte Gang voller Menschen, das Bild: Sie warten, erdulden, ertragen, sie leiden. Am Ende des Films ein Schwenk zu Angestellten. Sie ziehen den Reißverschluss eines grauen Plastiksacks zu, wenig Zweifel, wofür er verwendet wird.

Es ist unklar, woher das Video stammt. Jemand schreibt Texas, eine andere Mexiko. Vielleicht ist die Herkunft nicht von entscheidender Bedeutung. Das Video stammt aus der Gegenwart. Und selbst wenn nicht, selbst, wenn es zwei Monate alt ist, sagt es mir: Wir sind mittendrin. Das ist nicht Anfang, längst nicht Ende, das ist die Jetztzeit, die ewig lange Strecke zwischen damals und zukünftig. Wenn mich später jemand fragen wird, wie es denn war, während der Pandemie zu leben, dann muss ich auch von diesem 22. Juli 2020 sprechen, von diesem Video.

Ein Einschub. Ich denke an dieses mittendrin, wenn ich die Bilder aus Portland sehe. Schwarzbekleidete, ungekennzeichnete Militärs springen aus tarnfarbenen Trucks und schießen Menschen in den Kopf, verhaften sie, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Die Geheimpolizei auf der Straße, Techniken einer Diktatur, selbst wenn Mütter dagegen »Hands Up Please Don`t Shoot Me« singen oder eine Unbekleidete sich den Schwergerüsteten entgegenstellt, ist das eine Junta. Es ist nicht der Beginn von schlechten Zeiten, etwas, das sich andeutet und einmal Bahn brechen wird. Die Zeit ist jetzt da, geschieht in diesem Augenblick. Nichts muss mehr kippen, gekippt ist es längst schon. Wenn man später fragt, wie war es, während der Undemokratie zu leben, dann werde ich auch von diesen Bildern sprechen.

Ich denke an Portland und ich denke an das überfüllte Krankenhaus. Ich denke an die vielen verschiedenen Orte, welche die Zeit verbindet, in der sich alle zugleich befinden. Ich denke daran, dass mittendrin niemals zu greifen ist; ein Anfang schon, ein Ende auch. Aber mittendrin fließt weg, zwischen Fingern strömen die Ereignisse hindurch, mittendrin ist nichts Einzelnes, kein Tropfen, sondern Bewegung. Ich kann nicht innehalten und Distanz erzeugen, nur später einmal schauen und sagen: Hier bin ich getrieben, den Kopf geradeso über Wasser, habe ich während des Schwimmens das Schwimmen bemerkt?

Ansonsten: In einigen Bundesländern ist wieder die Betreuung verschnupfter Kinder im Kindergarten möglich. Laut einem Test hat hochgerechnet jeder vierte Mensch in der Region Delhi Coronaantikörper im Blut. Österreich führt wieder die Maskenpflicht im Supermarkt ein. Berlin lockert die Abstandsregeln für Gaststätten. Auf einer Pressekonferenz sagt Donald Trump: »Es wird wahrscheinlich leider schlimmer werden, bevor es besser wird« und fordert zum Tragen von Masken auf.

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Coronamonate. Juni

30. Juni | Rote Punkte

Die Zukunft wird viele Farben haben. Eine wird rot sein, rot wie die Punkte, die auf der Landkarte aufpoppen werden und daneben werden Städtenamen stehen, die wir alle tagelang lustvoll schaudernd als Synonym für Unbedachtsamkeit verwenden werden, weil dort das Virus ausbrach, in Fabriken, in Wohnblöcken, in Schulen, Göttingen, Gütersloh, Magdeburg.

Die roten Punkte und die temporär ins Bewusstsein des Landes rückenden, mittelgroßen Städte werden uns begleiten, bis ein Impfstoff gefunden sein wird. 365 Tage lang Detmold, Wernigerode, Erlangen.

Vielleicht auch Weimar. Weimar, das seit fast einem Monat keine neue Infektion hatte, keinen Todesfall bisher, insgesamt 69 ehemalige Infizierte, in den umliegenden Kreisen sind die Zahlen ähnlich, in ganz Thüringen etwa ein Zehntel der Infizierten wie in Schlachterei Tönnies. Weimar, das als eine der ersten Städte die Gastronomie wieder öffnete, Weimar, das so gut wie keine Erfahrung mit dem Virus gemacht hat, Weimar, das ein sicherer Ort war und sich deshalb in Sicherheit wiegt, Weimar, eine Gegenwelt zu den sich täglich übertrumpfenden globalen Zahlen.

Ist davon auszugehen, dass dies zu bleibt? Dass keine Touristin aus Göttingen, Gütersloh, Magdeburg fünfzehn Minuten am Grill mit dem Rostbratwurstverkäufer steht, dass das Virus weiterhin einen Bogen schlägt um die Ilm? Und was, wenn Weimar trotz der sicheren vier Monate einmal ein roter Punkt sein wird, wenn Freunde und Verwandte besorgt anrufen und fragen: »Hats Euch auch erwischt?«, wenn die Bundeswehr Massentests auf dem Stéphane-Hessel-Platz vor dem Bauhaus-Museum macht? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bilder ausbleiben?

Ansonsten: Aufgrund steigender Infektionszahlen schottet die britische Regierung Leicester ab. Am New Yorker Broadway werden alle Vorstellungen für den Rest des Jahres abgesagt. Die isländische Regierung rät ihren Einwohnern, gegen Berührungsmangel und Einsamkeit in Coronazeiten Bäume zu umarmen.

29. Juni | Ischgl. Das Unglück der 15 Prozent

Vor drei Monaten schaue ich eine Dokumentation über Ischgl. Die Dokumentation zeigt ein Dorf, das vom Wintersport nicht nur lebt, sondern sich komplett darin verloren hat. Im Zentrum steht die Seilbahn, die wichtigsten Männer des Dorfes verdienen daran, sie entscheiden im Gemeinderat über das Wohl des Dorfes, Seilbahnprofiteure ausschließlich. Die Dokumentation zeigt die Feiernden, sie zeigt das Saufen, sie zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der Après-Ski die Welt um sich herum vereinnahmt. Wenn die Hölle gefriert, sieht sie aus wie Ischgl im Winter. Weil die Doku das zeigt, zeigt sie, weshalb das Virus alle Freiheiten genoss und von hier aus europaweit durchstarten konnte.

Vorgestern lese ich einen Text über Ischgl. Dort steht, dass bei über vierzig Prozent der Bewohnerinnen Antikörper vorhanden sind, sie sich mit dem Virus infizierten. Von diesen vierzig Prozent haben 85% keine Symptome gezeigt. Das Virus hat ihnen nicht nur nicht geschadet; sie haben es nicht einmal bemerkt.

Letztere Zahl ist nicht erstaunlich. Sie bestätigt, was von Anfang an Wissen war: Die überwiegende Mehrzahl hat vor SARS-CoV-2 nichts zu befürchten. Es sind glückliche 85 Prozent. Und inwieweit sie bereit sind, das Unglück der 15% zu mindern, ist eine der Grundfragen der Pandemie, von Beginn an war sie das.

Später erzähle ich in größerer Runde von diesem Zahlen. »Interessant«, ist eine Antwort, »Aber müsste man dann nicht noch mal über die Gefährlichkeit des Virus nachdenken? Was ist denn mit denen, die Herzinfarkte oder Krebs bekommen? Wo ist die Solidarität mit denen?«

Ich weiß, was ich darauf zu sagen habe, nenne auch einige der argumentativen Entgegnungen. Dennoch beschäftigt mich der Gedanke, diese Frage nach den 15% der Unglücklichen bei jeder Sache, länger, vielleicht, als sie das sollte. Oder nicht.

Ansonsten: Österreich führt verpflichtende Coronatests für Reisende aus Gütersloh ein. In Indien werden 10000 Betten aus Kartons in Krankenhäusern aufgestellt. Die Zahl der Coronatoten übersteigt die halbe Million. Reportage: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik.

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Coronamonate. Mai.

31. Mai | Alles andere

Gestern kein Eintrag, weil ich dachte, es gäbe nichts zu berichten. Dabei passiert gerade so viel: Raketenstart, Unruhen in Hongkong, vor allem die Proteste in den USA. Doch haben all diese Geschehnisse nichts mit dem Thema zu tun, das seit drei Monaten alles andere beiseitedrängt.

Ich bemerke, dass ich alles, was passiert, unter dem Gesichtspunkt betrachte: Was hat das mit dem Virus zu tun? Das liegt auch an diesen Notizen. Ich scanne die Wahrnehmung meiner eigenen kleinen und die der großen Welt und ignoriere, was nicht zu verwerten ist, was nicht auf das Paradigma passt, das ich seit drei Monaten über alles lege. Alles andere wird zweitrangig.

Dabei entgehen mir Zusammenhänge. Das Größte, was geschehen kann – der Mensch bricht zu fremden Sternen auf – ist mir eine Randnotiz. Es ist mir die Mühe nicht wert, in Erfahrung zu bringen, warum die Menschen in Hongkong auf die Straße strömen und wie erfindungsreich sie das tun, weil ich lieber über den Methoden der Bild-Zeitungen brüten möchte.

Ich sehe nicht das Video an, das eine weiße Frau zeigt, die einem schwarzen Mann droht, die Polizei mit einer Lügengeschichte zu rufen, in vollem Bewusstsein, was das für Folgen für ihn haben könnte. Ich sehe nicht das Video an, in dem ein weißer Polizist viele Minuten auf dem Hals eines schwarzen Mannes kniet, so lange, bis der Mann gestorben ist, der Polizist gefilmt, wohlwissend, dass dieser Mord keine Konsequenzen für ihn haben wird, dieser gefilmte Mord vor aller Augen stellt kein Gefahr für den Mörder da. Ich sehe nicht zu den Protesten, der Wut und ihrer Größe.

Dann sehe ich, dann lese ich, dann höre ich.

Und während ich das tue, verstehe ich das meiste weiterhin nicht, aber doch manches mehr. Es ist niederschmetternd, es ist genauso verzweifelt und hoffnungslos wie die vielen Male davor und während ich das fühle, beginne ich, entgegen jeder bewusster Absicht, Verbindungen zur Pandemie zu ziehen, denke an die erhöhten Todesraten in bestimmten Bevölkerungsgruppen, die im Zuge der Pandemie ausgeweiteten Machtbefugnisse von Autoritäten, die Gewissheiten, die die Pandemie hinweggefegt hat und dass es so selbstverständlicher geworden ist, das Bestehende in Frage zu stellen, vermute wider besseren Wissens: Ohne die Pandemie wäre vielleicht das gleiche geschehen, aber nur mit der Pandemie geschieht es weiter, wie es gerade weitergeschieht.

Ansonsten: Die Stadt München verbietet auf Coronakundgebungen das Tragen von gelben Sternen, mit denen Demonstranten gegen eine vermeintlich drohende Impfpflicht protestieren. Sicherheitsexperten warnen vor einem dreihundert Euro teurem Anti-5G-Stick, der nur ein leerer 128 MB USB-Stick ist. Laut einer Untersuchung war während des Lockdowns das Fahrrad zeitweise das am häufigsten benutzte Verkehrsmittel, noch vor dem Auto.

Um den Abstand zwischen Gruppen zu gewährleisten, werden in Parks mit Rasenmarkierfarbe weiße Kreise auf die Wiesen gemalt. Der dänische Fußballklub Aarhus GF schaltet während eines Geisterspiels Fans auf mehreren großen Leinwänden zu. Die weltweite Infiziertenzahl steigt über sechs Millionen.

29. Mai | Unkenrufe

Neben vielem anderen offenbart die Pandemie auch die jeweilige Haltung zur Welt und den Dingen: wer geht vom Besten aus, wer lässt es eher locker angehen, wer schaut rational, wer vorsichtig, wer skeptisch, wer vermutet hinter allem, was geschieht, böse Absichten – jeder wird sich in der Pandemie irgendwann einmal bestätigt finden. An diesen ausgewählten Momenten, in denen sich Annahme und Wirklichkeit kurzzeitig übereinanderschieben und dann synchron erscheinen, lässt sich die Bestätigung für das eigene Weltbetrachtungsmodell ableiten.

Ich jedenfalls halte es so und sehe ich mich deshalb oft bestätigt. Ich beende Gespräche mit einem Satz wie »In zwei Wochen ist dann Lockdown« oder »Wir sehen uns in der Zweiten Welle.« Von den täglich neu bestimmten Reproduktionszahlen schreibe ich, wenn sie über 1 liegen, nicht, wenn sie darunter sind. Lokalen Infektionsausbrüchen messe ich besondere Bedeutung zu, weil sie mir Indiz sind dafür, dass die Sache mit der Lockerung nicht aufgeht.

Die Pandemie zeigt mir: Tendenziell gehe ich vom möglichen Katastrophalen aus, davon, dass das Gewarnte passiert, im Spektrum orientiere ich mich unterhalb der X-Achse. Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Es ist der Ton, der in den Beobachtungen hier und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen klingt, so sind sie einzuordnen.

Gerade wird diese Weltsicht ganz schön auf den Prüfstand gestellt. Wissenschaftler sprechen davon, dass Deutschland ohne zweiten Lockdown und ohne zweite Welle davonkommen, dass die Pandemie auch ohne Impfstoff beendet werden könnte. Die Zahlen geben dem recht, denn trotz Lockerungsmaßnahmen steigen – bis auf wenige regionale Ausnahmen – die Infektionszahlen nicht. Das sind gute Nachrichten für Menschen und schlechte für Pessimisten. Aber die rechnen ja sowieso mit nichts anderem.

Noch ein Nachtrag zu gestern. Ein Interview mit Christian Drosten wird ab morgen Titelgeschichte des Spiegels sein. Darin erklärt Christian Drosten auf die Frage, ob er sich mit den selbstlosen Mentorenprototypen Gandalf oder Obi Wan Kenobi vergleichen würde: »Wer ist das? Ich kenne die Figuren nicht.« Zur Bild-Zeitung sagt er: »Sollte ich mich fürchten? … In meinem Alltag kommt die Bild-Zeitung nicht vor.« Und zu Bild-Chef Julian Reichelt: »Wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag.«

Besonders die letzten beiden Antworten sind in ihrer trocken vorgetragenen Unkenntnis wunderbar. Das Prinzip der Bild-Zeitung beruht darauf, dass Menschen Angst vor ihr haben und die Bild deshalb über sie verfügen kann. Wenn jetzt jemand kommt und sagt, die Bild sei ihm unbekannt, interessiere ihn nicht, spiele auch keine Rolle in seinem Leben, dann muss dieses Angstprinzip ins Leere laufen. Das ist die Pflicht. Die Kür ist, der Bildchefredaktion, die für sich gar nicht so heimlich in Anspruch nimmt, Mitbestimmen zu wollen, ins Gesicht zu sagen, euch kenne nicht ich, ihr seid zu unwichtig für mich. Das ist Drostens nächster Mic Drop.

Natürlich ist es dann doch nicht so einfach. Die Titelgeschichte ist mit den Worten überschrieben: »Verehrt und Verhasst – der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten.« Und da reibt sich die Bild-Chefredaktion doch wieder die Hände: Weil es die Wissenschaft in eine Glaubensfrage überführt, so, wie es von Anfang an intendiert war.

Ansonsten: Laut Statistischem Bundesamt sind im April in Deutschland acht Prozent mehr Menschen als im Schnitt der vier Vorjahre gestorben, ein Zusammenhang der Entwicklung mit der Corona-Pandemie sei naheliegend. Laut einer Umfrage findet eine Mehrheit der Deutschen Maskenpflicht fairer als eine freiwillige Regelung. Während eines Gottesdienstes in einer Bremerhavener Pfingstgemeinde haben sich 44 Menschen infiziert, hundert sind in Quarantäne.

Nachdem sie einen Laborassistenten angegriffen haben, entkommen mehrere zu Testzwecken mit Corona infizierte Affen aus einem indischen Labor, was in etwa die Prämisse der beiden dystopischen Filme 28 Tage später und 12 Monkeys ist. Knuffelberen als Werbeträger für einen wiedergeöffneten Vergnügungspark:

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Coronamonate. April.

30. April | Handgemenge

Draußen heute eine selbstbewusste Aggression ausgewählter Mitmenschen. Selbstbewusstes Nichttragen von Schutzmasken in schutzmaskenpflichtigen Bereichen in Verbindung mit triumphierenden Blicken zu den Schutzmaskentragenden. Selbstbewusstes Drängen von Einkaufswagen gegen Einkaufswagen in Verbindung mit asozialem Kassenschlangenverhalten. Selbstbewusstes Draufzufahren auf grüne Fußgängerampeln. Auf ein Niesen ein herzhaftes »Corona« entgegnen. Vermutlich, weil alle ahnen, dass der letzte Tag dieses Monats nichts zum Abschluss bringen wird, dass die Handgemenge zunehmen werden.

Ansonsten: Selbstbewusst fordert die deutsche Autoindustrie vierstellige Kaufprämien ein und hält den Verzicht auf Dividendenausschüttungen für eine »schlechte Idee«. Das Gesundheitsministerium stellt die Einführung von Corona-Immunitätsausweise in Aussicht. Laut einer Studie der Charité ist die Viruslast bei Kindern und Erwachsenen gleich hoch. Die Bundesagentur für Arbeit meldet zehn Millionen Kurzarbeitende, dreißig Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmerinnen.

Beim Besuch einer Klinik trägt US-Vizepräsident Mike Pence als einziger keine Atemschutzmaske. Aufgrund des Sicherheitsabstandsgebots verwandelt sich ein Stripclub in Oregon in einen Drive-In-Stripclub. Herausgeberinnen wissenschaftlicher Zeitschriften vermelden, dass Einreichungen von Männern in den vergangenen Wochen um 50 Prozent gestiegen sind, während Wissenschaftlerinnen kaum noch Texte vorlegen.

Weil nicht sicher ist, wann die Kinos wieder öffnen, dürfen die Oscars im nächsten Jahr auch an nur gestreamte Filme verliehen werden. Die französische Liga wird abgebrochen, einige Vereine liebäugeln damit, einige Spiele trotzdem im Ausland, in Deutschland auszutragen.

Auf der Titelseite der Financial Times erscheint die Meldung, dass Nook, der Waschbär-Banker in dem in Coronazeiten zu besonderer Popularität gelangtem Computerspiel Animal Crossing die Zinsen gekürzt hat und die Spieler somit gezwungen sind, mit Rüben und Taranteln zu spekulieren.

29. April | Der Virologe als Feindbild

Ich sehe den Virologen. Er sitzt in einer Talkshow. Er spricht mit der Sprecherin einer Nachrichtensendung. Er gibt einer Zeitung ein Interview. Ich höre seine Stimme im Podcast.

Der Virologe (ich schreibe in der männlichen Form, weil ich Virologinnen kaum sehe) ist meine kürzeste Verbindung zum Virus. Er ist am nächsten dran am Virus. Weil ich nichts über ein Virus weiß, übersetzt er sein Wissen so, dass ich verstehen kann. Es ist eine Art Paradoxon. Als Forscher sollte er forschen. Doch wenn er nicht erklärt, bleibt sein Wissen ohne Folge. Also erklärt er. Und während er erklärt, kann er nicht forschen.

Der Virologe ist ein Überbringer schlechter Nachrichten. Er erklärt, wie das Virus zerstört. Er erklärt, wie sich das Virus verbreitet. Er erklärt exponentielles Wachstum. Er erklärt, weshalb Kinder genauso Überträger sind wie Erwachsene. Er erklärt, was es braucht für einen Impfstoff.

Der gute Virologe ist Wissenschaftler. Bis er eindeutig sein kann, vergeht Zeit. Er liest Studien (gut gemachte und schlechte) und schlussfolgert, er testet und entdeckt und entdeckt nicht, er probiert Thesen aus und verwirft, er nähert sich, interpretiert Zahlen und erstellt Modelle, rechnet durch und extrapoliert. Er widerruft und bessert nach, legt nach und ergänzt. Auf vieles kann er heute keine unumstößliche Antwort geben, nur die aktuellen Erkenntnisse in den Raum stellen, sie können das Gegenteil voneinander sein.

Viele halten diese Uneindeutigkeit nicht aus. Sie erwarten, dass er sich breitbeinig hinstellt und einen Satz sagt, der alles für immer erklärt und der klare Handlungsanweisungen enthält. Sie erwarten, dass er die vielen Leerstellen seines Wissens selbstbewusst ignoriert, sie erwarten von ihm die Wahrheit und das jetzt. Wenn der Virologe ein guter Wissenschaftler ist, wird zu diesen Leerstellen stehen, er wird sie zum Zentrum seiner Aussagen machen, er wird sich nicht breitbeinig in die Talkshows setzen, er wird nicht vorgeben, zu wissen, was noch nicht gewusst werden kann.

Der Virologe wird beschimpft. Politiker beschimpfen ihn, Philosophen, Theaterregisseure, die Frau auf der Straße. Sie nennen ihn Meinungsänderer, Teil einer Expertokratie, von einer Unterwerfung unter Dekrete von Virologieprofessoren sprechen sie, sagen, sie können sich nicht auf ihn verlassen, was der macht eigentlich den ganzen Tag, warum weiß er das nicht. Dem Virologen wird gedroht, mit Mord wird ihm gedroht, ihm, seiner Familie, der ganzen Zunft. Hasserfüllt sind die Botschaften an ihn, er wird zum Symbol für alles, was falsch läuft, was als falsch empfunden wird.

Jeder sucht sich seinen eigenen Virologen, dem, dem man sein Vertrauen schenken kann. Viele wählen für dieses Vertrauen Menschen, die keine Virologen sind, keine Epidemiologen, keine Wissenschaftler. Sie suchen Wissenschaftler, die nicht wissenschaftlich arbeiten, sie suchen Antworten bei youtubechannels, die ihnen der Onkel der Bekannten der Nachbarin bei WhatsApp empfohlen hat, weil dort gesagt werde, was sonst nicht mehr gesagt werden dürfe.

Es gibt viel Wissen, noch mehr Halbwissen, noch mehr absichtlich produziertes Unwissen. Für jedes Weltbild gibt es eine Quelle, jede Theorie den entsprechenden Professor, für jede Mutmaßung einen Experten, der die eigene Annahme bestätigt. Es gibt viel mehr Ken Jebsens als Virologen, viel mehr Facebookkommentare als Papers, viel mehr privat gerauntes »Ich habe gehört, dass« als Studien. Der Wirtschaftsverband hat seinen Virologen, der DFB einen, Armin Laschet hat einen, alle haben einen.

Der Virologe sitzt in der Talkshow, er spricht in Interviews und veröffentlicht. Während er erklärt, wird er zum Feindbild.

Ansonsten: Die Forschungsorganisationen Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft veröffentlichen ein gemeinsam verfasstes Papier, das Strategien zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie enthält. Ein Grund ist auch, dass es so einen Standpunkt definiert, den die wichtigsten wissenschaftlichen Institutionen gemeinsam tragen, dass sich so sagen lässt: Das ist nicht die Ansicht einzelner Wissenschaftler, das ist die Ansicht der Wissenschaft.

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Coronamonate. März.

31. März | der längste März von allen

Ich kaufe »Der Spiegel«. Am oberen Rand fast jeder Seite, dort, wo sonst das Ressort vermerkt ist, steht in einem roten Kästchen mit roter Schrift: Coronakrise. Bis auf vier Ausnahmen handeln alle Artikel aller Ressorts von der Pandemie, ein monothematisches Wochenmagazin. Die Ausnahmen sind: Woody Allen, Cum-Ex, der AfD-Flügel und der geheime Dienstkalender Heinrich Himmlers.

Ansonsten: In Nevada werden auf einem Parkplatz sogenannte Social-Distancing Boxes gemalt, in denen Obdachlose in dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zueinander schlafen können. Jena führt eine Mundschutzmaskenpflicht ein. In Sachsen droht ein Bußgeld in Höhe von 150€ beim Verlassen der Wohnung ohne triftigen Grund. Das Bundesgesundheitsministerium bittet darum, morgen auf Aprilscherze zu verzichten, weil Falschmeldungen zur Verunsicherung beitragen können. Die Bayreuther Festspiele 2020 werden abgesagt.

Heute geht der zweite Coronamonat vorbei, der längste März von allen. Die Tage verklumpen, die Welt schrumpft, es ist gut, schreiben zu können.

30. März | Abkürzung der Realität

Ein Bekannter, der ansonsten kaum aktiv auf FB ist, postet innerhalb weniger Minuten mehrere Links zu Texten und Videos, die alle eins zum Inhalt haben: Covid19 sei nicht gefährlicher als die übliche Grippewelle. »Die Angst vor dem Coronavirus ist weit überzogen.« & » Momentan sehe ich in der Öffentlichkeit eine große, weitgehend unkritische Einigkeit: Mach, was Mutti sagt.« & » Uns wird suggeriert, dass Opa tot umfällt, wenn wir nur die Haustür aufmachen, „Stay at home“, das neue Mantra, dem alle zu folgen haben« etc.

Es ist nicht viel, was ich dabei fühle, aber zumindest Irritation. Irritation darüber, dass diese Bewertung der Pandemie immer noch existiert, dass die vergangenen Wochen, die Bilder, Texte, Videos, Augenzeugenberichte tatsächlich ignoriert werden können, dass der Glaube besteht, es gäbe eine Wahrheit, die im Gegensatz zur Realität stehen könnte und diese »Wahrheit« zwingend vermittelt werden müsste.

Auch von anderen Seiten Fragen, wie man mit Freunden, Bekannten, Arbeitskolleginnen, Familienmitgliedern umgeht, die Wodrag-Videos teilen, die von zionistischen Entwicklern, Biowaffen, US-amerikanischen Militärlabors schreiben, davon, dass das Virus aus kommerziellen Gründen für angeblich patentierte Impfstoffe in Umlauf gebracht worden sei. Die schreiben: Der wahre Grund der Erkrankungen sei nicht etwa ein Virus, sondern 5G-Strahlung! Die, für die der Hashtag Coronavirustruth Berufung îst.

Verschwörungstheorien sind wie Abkürzungen für jene, denen die Realität zu mühsam ist. Vielleicht kann ich auch das Bedürfnis nachvollziehen, glauben zu wollen, es gäbe einen Plan hinter der Pandemie, weil die Pandemie alle gemachten Pläne egalisiert. Weil es so schlimm ist, glauben zu wollen, es wäre nicht so schlimm. Besonders schwer zu ertragen muss der Zustand für alle sein, die stets anti sind und die sich jetzt mit einer Realität konfrontiert sehen, in der anti keinen Platz mehr hat.

Und ist es nicht immer einfach, das zu erklären, die manchmal gar nicht so leicht zu erkennenden Trennlinien zu finden zwischen dem, was notwendig ist, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und dem, was die Gesellschaft auf andere Weise gefährdet. Die Unterschiede zwischen StayAtHome und einer möglichen Willkür der Polizei bei all den Beschränkungen, dem Mundschutzzwang und dem dauerhaften Tracken von Handydaten, einer Schließung von Geschäften und dem Erlassen von Gesetzen, die es einem Regierungschef ermöglichen, auf unbegrenzte Zeit und ohne parlamentarische Kontrolle mit Verordnungen zu regieren.

Ansonsten: Ungarn beschließt ein »Notgesetz«, dass dem Präsidenten nahezu uneingeschränkte Macht einräumt und Kritiker dauerhaft in Gefängnis bringen kann, natürlich die Blaupause einer Diktatur, in einem Staat der EU. Twitter löscht zwei Tweets des brasilianischen Präsidenten, weil sie die Gefahren durch die Pandemie leugnen.

Der amerikanische Präsident spricht von zwei Millionen möglichen Toten, hunderttausend wären ein Erfolg, es ist die einzige Exit-Strategie, die er hat. In einem Tweet lobt er sich, da seine täglichen Pressekonferenzen höhere Einschaltquoten als der Bachelor haben. In New York läuft ein Sanitärschiff des Militärs ein, der Bürgermeister sagt, dass es eigentlich 40 Schiffe dieser Größe bedürfe. Im Central Park werden Krankenhauszelte errichtet. Überraschend werden fünftausend Atemmasken in der Krypta der Washington National Cathedral gefunden.

Österreich verhängt eine Mundschutzpflicht für den Einkauf im Supermarkt. Eine im April in China startende Rakete wird auf der Außenhülle ein Bild tragen, das das medizinische Personal in Wuhan im Kampf gegen den Virus zeigt. Ab 1. April erhebt DHL einen Krisenzuschlag von 16€ pro Paket in die USA. Ein australischer Astrophysiker wird ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem Magnete in seiner Nase steckenblieben, als er versuchte, ein Gerät zu erfinden, das Menschen davon abhält, ihre Gesichter zu berühren.

Artikel spielen Geisteswissenschaften gegen Naturwissenschaften aus. Der Verein Deutsche Sprache e. V. schreibt: »In Deutschland werden Milliardenbeträge für den Genderunfug ausgegeben. Diese Gelder fehlen Krankenhäusern oder den naturwissenschaftlichen Uni-Fakultäten – zum Beispiel in der Virusforschung«. Armin Laschet setzt den Mundschutz falsch auf und korrigiert sich kurz darauf auf Twitter. Der Formel1-Rennstall Red Bull dachte darüber nach, Fahrer absichtlich zu infizieren. »Das ist nur im kleinen Kreis besprochen und nicht positiv aufgenommen worden«, sagte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko. Unter Arbeitstitel Bachmannpreis digital soll eine Arbeitsgruppe in den nächsten Tagen ein Konzept eines »digitalen Bachmannpreises« ausarbeiten.

29. März | GLG

Heute ein erster, wirklicher Lagerkoller, ein Tief, dem Regen geschuldet, dem Ende der zweiten Woche erst, der Ahnung, dass viele folgen werden. Ich will wenig schreiben, wenig erfahren, von dem, was geschieht. Ich lese: »It’s a trauma response. Because you can’t fight the virus actively, and because you can’t run away from it, your body is going into “play dead” mode.«

Lese auch: »Falls ihr euch stresst, weil zB Homeoffice einfach nicht laufen will: Wir haben eine globale Pandemie. Beschränkung von Grundrechten. Wirtschaftsschmelze. All das vor dem Hintergrund der Klimakrise.«

Gegen Mittag wird der Tod des hessischen Finanzministers, des designierten hessischen Ministerpräsidenten, vermeldet. Im Abschiedsbrief soll die Rede sein von »Aussichtslosigkeit«, »bezogen auf die wirtschaftliche Lage des Landes« sehe, mit dem Vermerk: »Ob dies allerdings mit konkreten Ängsten in Bezug auf den Coronavirus zusammenhänge oder eher allgemeiner Art gewesen sei, das sei auch für die Ermittlungsbehörden derzeit nicht ersichtlich.« Fast augenblicklich drängt sich der Gedanke an den Werther-Effekt auf und ebenso augenblicklich fühlt es sich schäbig an, diese Verbindung gezogen zu haben.

In nahezu jeder Mail, die eintrifft, am Ende fast jeden Telefonats, anstatt Tschüss oder Bis bald steht nun, wird nun gesagt: Bleib gesund. Es ist das Mit freundlichen Grüßen, das Liebe Grüße, das GLG dieser Monate.

Ansonsten: In Indien ist eine Ausgangssperre für 1,3 Menschen verhängt. In Süditalien soll der Geheimdienst vor sozialen Unruhen warnen. Mobilfunkanbieter stellen kostenlos vergrößerte Datenpakete zur Verfügung. In der #BundesligaHomeChallenge duellieren sich Profifußballer auf der Konsole. In Aachen klagt ein Mann gegen die erlassenen Kontaktverbote. In der Weimarer Humboldstraße werden Briefe in die Briefkästen eingeworfen, die besagen, dass die Hausbewohner zwei Wochen in Quarantäne bleiben sollen.

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Coronamonate. Februar

29. Februar | Indien in der Rhön

Gestern eine Lesung in einem kleinen Dorf in der Rhön, 65 Einwohner. Der Ort liegt am Ende eines Tals, nur eine Straße führt hinein. Schnee ist gefallen, die Welt ist still und sehr weit weg. Der Ort selbst scheint von Haus aus schon in Quarantäne zu liegen. Hier sind wir sicher. Aber natürlich: Wir sind hier.

Wir sind eine Stunde gefahren, kommen aus einem anderen Landstrich, können den Erreger längst in uns tragen und genau an diesem Abend verbreiten. Einer der Anwesenden hat heute ein Auto aus Fürstenwald geholt, 130 km entfernt liegt das. Wie könnte man annehmen, ein Ort wäre geschützt? Nach der Lesung sitzen wir mit dem katholischen Pfarrer zusammen. Er stammt aus Indien, ist letztes Jahr nach Deutschland auf Mission gekommen. Wir sprechen über das Kastensystem, die aktuellen, politisch initiierten Morde an Muslimen, von Schlangen am Feldrand, Tamil, ein kleines Dorf am Ende eines Tals, mitten in der Welt.

 

26. Februar | Händewaschen

Das Bedürfnis ist da, sich über Händewaschen zu informieren. Eigentlich sollte es ja bekannt sein, wie man sich die Hände ordentlich reinigt. Offensichtlich ist das doch etwas komplizierter. Ich sehe das Video einer iranischen Ärztin, die ihre Hände mit Farbe einreibt und daran zeigt, welche Stellen man leicht übergeht (Handrücken, Fingerzwischenräume, Fingernägel). Faust(!)regel: dreißig Sekunden einseifen, reiben, abwaschen. Nehme mir vor, dies – anders als nach Zahnarztbesuchen, nach denen man sich aus schlechtem Gewissen vornimmt jetzt, aber wirklich jedes Mal gründlich zu putzen und dieser Vorsatz dann doch im Alltag verloren geht – umzusetzen.

 

25. Februar | Atemschutzmasken

Zumindest ein Informieren über Atemschutzmasken. Weder schützen sie mich oder andere. Erst ab einer bestimmten Preisklasse entsteht ein gewisser Schutz. Die Atemschutzmasken aus Papier verhindern höchstens, dass man sich ins Gesicht fasst und damit Krankheitserreger von der Hand an Mund oder Tränenkanal überträgt. Ich denke an die Fotos der letzten Wochen, mit denen der Coronaausbruch in Wuhan, wie überhaupt die meisten Texte über Viren, bebildert werden: Menschen mit Atemmasken. Was die Fotos damit sagen: So ist Schutz eine Illusion.

 

24. Februar | Scham

Ich stehe vor der Apothekerin und schäme mich. Eben habe ich nach Atemschutzmasken gefragt. Ihr Blick scheint zu sagen: »Wieder einer von denen.« Sie meint, sie habe zwei Marken im Angebot und beide würden nicht vor einer Infektion schützen. Wofür ich die denn brauche? Wegen der Grippe und dass man sich zuhause nicht ansteckt, Kleinkind, Sie verstehen, lüge ich, weil es selbstverständlich um Corona geht.

An diesem Morgen habe ich Hamsterkäufe beschlossen. Ich las von Wuhan, welches immer noch genauso weit weg ist wie seit einigen Wochen und ich las von Italien, was viel näher liegt und las Einschätzungen von Experten und musste zu dem Schluss kommen, dass die Veränderung der Situation hier sehr wahrscheinlich ist. Daraus die Folgerung, für eine mögliche Verknappung von Lebensmitteln gerüstet sein zu müssen, ergo Hamsterkäufe, auch in medizinischer Hinsicht.

Nun stehe ich der Apothekerin gegenüber und weiß, dass ich im Grunde nicht bereit dafür bin. Intellektuell und emotional. Ich weiß kaum etwas über die Funktionsweise von Atemschutzmasken und fühle mich wie ein Prepper, ein Panikmacher, einer, der Lust hat an der Katastrophe. Schließlich nehme ich einen 10er Pack der günstigen Marke, dazu eine kleine Packung Desinfektionstücher und verlasse die Apotheke.

Anschließend im Supermarkt erscheint mir das Vorhaben weiterhin absurd. Soll ich tatsächlich Toilettenpapier, Reissäcke und 25kg Mehl in den Wagen packen? Ich stehe vor den Dosensuppen und denke: Wenn ich falsch liege, dann werde ich das nächste halbe Jahr schlechte Gulaschsuppe essen müssen. Der Form halber kaufe ich zwei Packungen Spagetti und ansonsten leicht verderbliche Nahrungsmittel, die innerhalb zwei Wochen verzehrt werden müssen. Um die Inkonsequenz perfekt zu machen, gehe ich nachmittags erst zu einem Kinderfasching und anschließend auf ein Konzert ins Theater.

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Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | komplett

Trypophobia. Das Unbehagen beim Anblick von Insektenhotels.

Am Strand von St. Pete finde ich eine Muschel, deren Gehäuse mit vielen kleinen Muscheln besetzt ist. Wie leere Augen starren sie zurück. Ein Schaudern überkommt mich, wenn ich eine Metapher verwenden wollte, dann die einer Gänsehaut, die sich innen kräuselt, mehr noch ein Gänsehauttier, das mit weichem Flaum langsam meinen Körper entlangwandert und sich in meinem Kopf einnistet und auf jede Nervenzelle eine Hand mit kaltem Pelz legt.

Keine Augen sind es, die mich anstarren, ich starre in Löcher, winzige Löcher. Ich google »Angst von kleinen Löchern« und finde das Wort Trypophobia: die Angst von unregelmäßigen Löchern in natürlichem Gewebe, asymmetrische Cluster, Einzelteilchen, die als ein Ganzes betrachtet werden könnten, Waben, Poren, Schwämme. Ursache des Ekels könnte die Urangst vor giftigen Tieren sein, die durch bunte Farbmuster warnen – der blaugeringelte Kraken – oder die Furcht vor Parasiten und Krankheiten, welche die Haut befallen und sie durchlöchern, pockenartige Objekte, vielleicht das Internet, wenn das Sprechen über die Bilder erst die unangenehmen Assoziationen weckt, eine Art Priming. Weiterlesen

Der Reiher

Im Herbst lief ich an der Ilm. Es hatte die Blätter von den Bäumen geregnet, auf dem Wasser trieb der ermattete Himmel. Dort war die Stelle, wo sich jenseits des Ufers einmal ein Straßenbahndepot befunden hatte. Auf einer vorgelagerten Stelle des schmalen Flusses erblickte ich einen Reiher; das Gefieder aschgrau, die Schopffedern schwarz, die langen Stelzenbeine, auf denen er unbeweglich stand. Ich erschauerte beim Anblick; Enten war ich hier gewöhnt, aber nicht Wasservögel in dieser Größe, nicht mit diesem Stolz, dieser majestätischen Schönheit.

Zwei Tage später spazierte ich erneut an dieser Stelle vorbei. Und wieder stand der Reiher am Wasser; der identische Ort, die identische Haltung, das identische Tier. Wind blies in sein Gefieder und verwirbelte grauweiß. Wieder bewegte er sich nicht, wieder stand er starr, ein Zaubervogel an der Ilm.

Es war der nächste Tag und es war das nächste Mal, dass ich den Reiher so sah. Diesmal misstraute ich dem Bild. Wie groß die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Tier an dieser Stelle zu jeder Zeit sein konnte und dem Wind, dem Wasser, meinem Blick ohne Regung standhielt?

Es konnte nicht sein. Weiterlesen