Coronamonate. April.

4. April | offline

Kommentarlos fällt heute der Internetzugang aus und wird voraussichtlich auch die nächsten Tage schweigen. Dadurch wird es noch einmal ruhiger und bringt mich dazu, darüber nachzugrübeln, auf was ich denn am Ehesten, auf was ich zuletzt verzichten könnte: Strom, Wasser, Abwasser, Heizung, Internet, Essen, Haus, Menschen? Die Logik ordnet vor – ohne Strom kein Internet, ohne Essen und Wasser kein ich. Aber so eindeutig ist es dann doch nicht und das bringt mich dazu, an den Text zu denken, welchen ich las, als online noch die Normalität war.

Der Text beschimpfte die gutsituierte Mittelschicht, die im Home Office sitzt und bei selbstgebackenen Brot klagt, wie schwer doch so ein Lockdown wäre. Dem stimme ich zu, weil ich das öfter denke, mindestens drei Mal am Tag denke ich, was für eine Ausnahmesituation das doch ist, in der man über Strom, Wasser, Abwasser, Heizung, Internet, Essen verfügt und nicht fürchten muss, dass einem das Haus weggebombt wird und dass mit diesem Wissen jede Klage über die Einschränkungen eine zu viel ist.

Und zugleich ist diese Klage notwendig, wenn sie so empfunden wird, weil jeder Zustand von jedem anders empfunden wird und kein Zustand identisch mit dem anderen ist und Faktoren eine Rolle spielen, die von außen nicht einsehbar sind. Ich z.B. kann dankbar sein und mich glücklich schätzen, diese Pandemie in einer solchen Sicherheit verbringen zu können, besser wahrscheinlich, als die sehr große Mehrheit, selbst in meiner Hausgemeinschaft befinde ich mich in einer privilegierten Situation.

Und dennoch kann mir, was geschieht, auf den Magen schlagen, kann ich mich gereizt fühlen, kann ich resignieren und mich maßlos über- oder unterfordert fühlen. Zustände können nebeneinander existieren, sie widersprechen sich nicht. Texte wie der obengenannte stellen das in Abrede, sie suchen Streit, sie schwärzen an, sie stellen sich so an, weil sie unbedingt eine Meinung haben wollen und das ist nicht unbedingt das, was gerade gebraucht wird, dieses Ausspielen gegeneinander, das machen schon die Länder, die die sich gegenseitig die Atemschutzmasken wegkaufen.

Ansonsten: fällt diesmal offlinebedingt aus. Schreiben kann ich aber, dass ich morgen unterwegs sein werde. Die Ausschreibung, von der ich vor drei Wochen schrieb und in der ein Fernsehsender um Ideen für einen dokumentarischen Beitrag zum Thema C19 bat, war erfolgreich. Der Sender hat Y.s Konzept angenommen, weshalb wir morgen nach Meusebach, ein Dorf mit neunzig Einwohnern fahren, um zu erfahren, wie die Pandemie das Dorfleben verändert hat.

3. April | lyrisches Ich

Der erste Tag seit Wochen, an dem mich – abgesehen vom Notwendigen – nicht viel mehr interessiert als das Buch, welches ich lese (4 Uhr kommt der Hund), Oliven symmetrisch zu schneiden und drei Mal »Dieses Jahr« auf der Gitarre zu spielen, sagt mein lyrisches Ich.

Anderen scheint es ähnlich zu gehen. Der erste Tag seit Wochen, an dem in der Filterblase wie bc diskutiert wird; Anlass ist ein »Gedicht« des Rammsteinsängers. Nach fünf Minuten hat jemand schon jeden Standpunkt in eine aktualisierte Fassung von avenidas überführt. Es ist beruhigend, den Hashtag #Lindemann zu sehen, ein Form von Normalität wie der Hashtag #Nuhr oder #Naidoo, es ist Luxus.

Dem lyrischen Ich fällt die Diskrepanz auf zwischen den Videos, in denen Ärzte zeigen, wie man Masken, Handschuhe und Schutzkittel korrekt und virensicher anzieht und dem Bratwurststand, der wie jeden Freitag vor dem Supermarkt Gegrilltes verkauft. Bratwurst ist in Thüringen systemrelevant.

Die Anfrage kommt, für eine Anthologie, die mit Geldern für geplante und nun ausfallende Lesungen finanziert werden soll, eine Kindergeschichte zu schreiben, das Thema im weitesten Sinn diese Zeit. AC soll es mit dem Buch Lesungen geben. Einen Titel habe ich schon, nun muss die Geschichte noch folgen.

Meine Schwester schreibt eine Postkarte. Sie schreibt, sie hofft, dass es mir gut geht. Und dass die Welt anders geworden sei. Die Menschen seien jetzt aufmerksamer miteinander.

Ansonsten: Um drohende Ernteausfälle zu verhindern, sollen jeweils 40.000 Saisonarbeiter aus Osteuropa nach Deutschland einreisen dürfen. Eine Studie bestätigt, dass einfache medizinische Gesichtsmasken die Abgabe von Coronavirus und Influenzavirus durch den infizierten Maskenträger reduzieren. Wichtiger Nachsatz: Stoffmasken kann man zur Reinigung auch bügeln. Wuhan beendet den Shutdown. Die Kanzlerin verlässt die Quarantäne.

Die USA konfiszieren 200.000 für die Berliner Polizei bestimmte Schutzmasken; ein »Akt moderner Piraterie«, sagt Berlins Innensenator. In Israel riegelt die Polizei Siedlungen der Ultraorthodoxen, da diese sich aus religiösen Gründen den verhängten Maßnahmen verweigern. »Welchem Virologen vertrauen Sie am meisten?» fragte BILD seine Leser in einer Abstimmung, Christian Drosten gewinnt mit 37 Prozent. Im Onlinespiel Fallout76 wird die Pandemie nachgespielt und Toilettenpapierrollen werden wie Schätze in Vitrinen präsentiert. Jemand sucht den ersten Satz des besten Romans, der über die Pandemie geschrieben werden wird:

– »“It is a wondrous and joyous thing, this voyage that lies ahead for us,“ Fred said to his wife as they boarded the Diamond Princess for the dream vacation that cost him most of his 401K.«
– »It was the worst of times, it was the worst of presidents.«
– »No one expected the hero of a global pandemic to be a gay polygamist with a mullet who owned a private big cat zoo, but he was exactly the hero the world needed.«

2. April | the most vulnerable

Jemand schreibt: »Es ist jetzt Tag-X in der Coronawelt und es ist so unfassbar nervig und für den Kopf absolut kontraproduktiv die ganze Zeit sämtliche Virologen und Co. immer wieder im TV sehen und hören zu müssen nebst Möchtegerns…Ich habe das Gefühl, dass alles gesagt ist und auch die dümmsten Menschen auf der Erde die Ernsthaftigkeit des Virus erkannt haben.«

Dem möchte ich zustimmen, dem möchte ich widersprechen. Widersprechen, weil zwar schon alles gesagt ist, aber nur das, was bis heute bekannt ist. Und sich damit auch der Blick auf die Pandemie verschiebt. Nicht jeden Tag, vielleicht nicht einmal jede Woche, doch es ändert sich die Bewertung der Situation, eine neue Perspektive wird getestet und setzt sich schließlich durch, so lange, bis die nächste Neubeurteilung erfolgt.

Heute wird ein Video geteilt, welches Flatten-The-Curve für überholt erklärt, das besagt, man müsse zurück zur fast vollständigen Eindämmung, dann ein Lockern vieler Maßnahmen und anschließend ein konsequentes Überwachen und Verfolgen von Infizierten und deren Kontaktpersonen, Titel: Corona geht gerade erst los.

Eine andere Erzählung ist die von der konsequenten Isolation der Risikogruppen beim gleichzeitigen Freigeben der Maßnahmen für alle anderen. Es ist nicht auszuschließen, dass einer der beiden Wege zukünftig begangen wird. Besonders die zweite Möglichkeit erscheint verlockend, weil sie für die Mehrzahl die Rückkehr zur Normalität bedeuten würde. Es ist klar, was das für die, die nicht zur Mehrzahl gehören, bedeuten würde, es wäre ihre Last.

Ich müsste lügen, würde ich schreiben, dass ich nicht gern zur Mehrheit gehören möchte. Ich würde gern die Kindergärten offen sehen und Lesungen bestreiten können, ich würde gern Freunde treffen, es müssen keine Großveranstaltungen sein, keine Konzerte in engen Räumen, es müssen nicht einmal Grillabende mit zwanzig Personen sein. Es würde gegen die Gereiztheit helfen, die sich heute so penetrant über alle Handlungen legt, ich möchte es glauben, ich streiche durch, was ich schreibe.

Unter #FilmYourHospital filmen Menschen eine Notaufnahme in ihrer Nähe, um zu beweisen, dass, wenn sie nicht überfüllt ist, Covid19 nur erfunden ist. Viele Videos sind aus dem Inneren eines Autos gefilmt, der User fährt langsam am Krankenhaus vorbei und sagt im Off etwas wie: »Don`t see anyone.« Es ist ein Versuch, die Zahlen und Kurven in Einklang zu bringen mit der eigenen Realität, die keine Krankheit kennt, aber alle sonstigen Einschränkungen. Dieses Hinauswagen in die Wirklichkeit ist bemerkenswert naiv, der hilflose, obszöne Versuch, eine vermeintliche Wahrheit zu entdecken, um so dem Schrecklichen zu entkommen. Es ist gefährlich und wird sich verstärken und Bilder liefern für jene, die nach solchen Bildern suchen.

– TheGipper2000: »The Elmhurst Hospital in New York is a ghost town. I thought this was supposed to be a war zone? The media is full of shit.«
– Stewie Mac: »That’s the greatest bit of detective work I’ve ever seen! Film the outside of the hospital, not what’s happening in the intensive care ward! Brilliant!«

Gestern war ich in der Buchhandlung, um die bestellten Romane, Erzählbande, Bilderbücher zu holen. Im Gespräch sagen die beiden, dass sie ohne Pause von morgens bis abends durcharbeiten. Eine nimmt die Bestellungen an, eine ordnet sie zu. Viele Kisten kommen so zusammen, die mit Fahrrad ausgeliefert werden, oft zu viele Kisten, um sie an einem Tag auszufahren. Der Grund ist ein Fernsehbeitrag, der über die Buchhandlung und die Auslieferung berichtete, ist vielleicht Ostern, ist vielleicht die Weigerung amazons, Bücher zu verschicken, ist vielleicht Solidarität. Die meisten freuen sich, schreiben nette Bemerkungen (Bleibt gesund! Haltet durch!) in die Betreffzeilen der Überweisungen. Wenige beschweren sich, wenn die Bücher nicht am Tag nach der Bestellung schon vor der Haustür sind.

Ansonsten: 6,6 Millionen Amerikaner melden sich arbeitslos, doppelt so viel wie in der Vorwoche. Aldi holt Pasta mit Sonderzügen aus Italien. Belgien beendet die Fußballsaison und erklärt FC Brügge vorzeitig zum Meister. »Das Lebensgefühl, dass wir jetzt während der faktischen Ausgangssperre haben, ist dem Leben einer Frau in stark patriarchalen Gesellschaften (Saudi Arabien etc.) sehr ähnlich.«

Angeblich sollen die USA für Frankreich bestimmte Atemschutzmasken in China weggekauft haben; »sagte dem Fernsehsender BFMTV, dass für Frankreich bestimmte Maskenlieferungen von einem anderen Land auf dem Rollfeld chinesischer Flughäfen aufgekauft worden seien.« Auf der Webseite der Johns-Hopkins-University wird die Zahl der Infizierten mit über einer Millionen angegeben, die Zahl der Toten in Deutschland mit über tausend, die Zahl deutscher Infizierter übersteigt die chinesischer Infizierter. Der amerikanische Musiker Adam Schlesinger von Fountains Of Wayne stirbt an Covid19.

1. April | 20. April

Es braucht ein Ziel und das Ziel muss konkret sein und konkret ist Sonntag, der 19. April, bis zu dem alle Pandemiemaßnahmen weiterlaufen werden. Dem 19. April folgt der 20. April und eine Schlussfolgerung, vielleicht Hoffnung, könnte sein, dass sich dieser 20. April von den Tagen davor unterscheiden wird, er der Beginn einer Rückkehr in die Normalität bedeuten könnte. Doch muss jeder ahnen, dass diese Annahme nicht aufgehen wird, dass die aktuelle Normalität über den 20. April hinaus andauern wird.

Die Frage ist, unter welchen Bedingungen sich welche Maßnahmen ändern? Öffnung von Geschäften bei gleichzeitig verbindlicher Mundschutzpflicht? Aufheben von Ausgangssperren bei größeren Testmengen mit rigoroser Quarantäne für alle Kontaktpersonen eines Infizierten? Rücknahme der Kurzarbeit bei Umstellung der Produktion auf medizinische Güter?

Einiges wird länger als April bleiben: die Plexiglasscheiben in den Supermärkten, die desinfizierten Einkaufswagen, der Gesprächsabstand von 1.5 Meter, die ausgedünnten Nah- und Fernverkehrsfahrten. Hinzukommen wird die Atemschutzmaske als Normalfall. Im Februar schrieb ich noch über die Bebilderung der Pandemie anhand von Fotos mit atemschutzmaskentragenden Menschen. Es war kritisch gemeint.

Vielleicht habe ich mich geirrt. Vielleicht ist das Bild von Menschen, die Atemschutzmasken wie selbstverständlich im beschränkten öffentlichen Leben tragen, das Bild, um zu verstehen, was geschieht. Mit nur einer Ergänzung: Die Schutzmasken hier haben keine bleichgrüne Krankenhausfarbe, sondern sind mit Ornamenten und Mustern gestaltet, ein Festhalten am Individualismus in der Gleichmacherei der Pandemie. So wie eine Zeit lang Je Suis Paris den Profilbildern diverser sozialer Medien beigefügt war, sind es nun die mit bunten Masken geschützten Gesichter.

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Coronamonate. März.

31. März | der längste März von allen

Ich kaufe »Der Spiegel«. Am oberen Rand fast jeder Seite, dort, wo sonst das Ressort vermerkt ist, steht in einem roten Kästchen mit roter Schrift: Coronakrise. Bis auf vier Ausnahmen handeln alle Artikel aller Ressorts von der Pandemie, ein monothematisches Wochenmagazin. Die Ausnahmen sind: Woody Allen, Cum-Ex, der AfD-Flügel und der geheime Dienstkalender Heinrich Himmlers.

Ansonsten: In Nevada werden auf einem Parkplatz sogenannte Social-Distancing Boxes gemalt, in denen Obdachlose in dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zueinander schlafen können. Jena führt eine Mundschutzmaskenpflicht ein. In Sachsen droht ein Bußgeld in Höhe von 150€ beim Verlassen der Wohnung ohne triftigen Grund. Das Bundesgesundheitsministerium bittet darum, morgen auf Aprilscherze zu verzichten, weil Falschmeldungen zur Verunsicherung beitragen können. Die Bayreuther Festspiele 2020 werden abgesagt.

Heute geht der zweite Coronamonat vorbei, der längste März von allen. Die Tage verklumpen, die Welt schrumpft, es ist gut, schreiben zu können.

30. März | Abkürzung der Realität

Ein Bekannter, der ansonsten kaum aktiv auf FB ist, postet innerhalb weniger Minuten mehrere Links zu Texten und Videos, die alle eins zum Inhalt haben: Covid19 sei nicht gefährlicher als die übliche Grippewelle. »Die Angst vor dem Coronavirus ist weit überzogen.« & » Momentan sehe ich in der Öffentlichkeit eine große, weitgehend unkritische Einigkeit: Mach, was Mutti sagt.« & » Uns wird suggeriert, dass Opa tot umfällt, wenn wir nur die Haustür aufmachen, „Stay at home“, das neue Mantra, dem alle zu folgen haben« etc.

Es ist nicht viel, was ich dabei fühle, aber zumindest Irritation. Irritation darüber, dass diese Bewertung der Pandemie immer noch existiert, dass die vergangenen Wochen, die Bilder, Texte, Videos, Augenzeugenberichte tatsächlich ignoriert werden können, dass der Glaube besteht, es gäbe eine Wahrheit, die im Gegensatz zur Realität stehen könnte und diese »Wahrheit« zwingend vermittelt werden müsste.

Auch von anderen Seiten Fragen, wie man mit Freunden, Bekannten, Arbeitskolleginnen, Familienmitgliedern umgeht, die Wodrag-Videos teilen, die von zionistischen Entwicklern, Biowaffen, US-amerikanischen Militärlabors schreiben, davon, dass das Virus aus kommerziellen Gründen für angeblich patentierte Impfstoffe in Umlauf gebracht worden sei. Die schreiben: Der wahre Grund der Erkrankungen sei nicht etwa ein Virus, sondern 5G-Strahlung! Die, für die der Hashtag Coronavirustruth Berufung îst.

Verschwörungstheorien sind wie Abkürzungen für jene, denen die Realität zu mühsam ist. Vielleicht kann ich auch das Bedürfnis nachvollziehen, glauben zu wollen, es gäbe einen Plan hinter der Pandemie, weil die Pandemie alle gemachten Pläne egalisiert. Weil es so schlimm ist, glauben zu wollen, es wäre nicht so schlimm. Besonders schwer zu ertragen muss der Zustand für alle sein, die stets anti sind und die sich jetzt mit einer Realität konfrontiert sehen, in der anti keinen Platz mehr hat.

Und ist es nicht immer einfach, das zu erklären, die manchmal gar nicht so leicht zu erkennenden Trennlinien zu finden zwischen dem, was notwendig ist, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und dem, was die Gesellschaft auf andere Weise gefährdet. Die Unterschiede zwischen StayAtHome und einer möglichen Willkür der Polizei bei all den Beschränkungen, dem Mundschutzzwang und dem dauerhaften Tracken von Handydaten, einer Schließung von Geschäften und dem Erlassen von Gesetzen, die es einem Regierungschef ermöglichen, auf unbegrenzte Zeit und ohne parlamentarische Kontrolle mit Verordnungen zu regieren.

Ansonsten: Ungarn beschließt ein »Notgesetz«, dass dem Präsidenten nahezu uneingeschränkte Macht einräumt und Kritiker dauerhaft in Gefängnis bringen kann, natürlich die Blaupause einer Diktatur, in einem Staat der EU. Twitter löscht zwei Tweets des brasilianischen Präsidenten, weil sie die Gefahren durch die Pandemie leugnen.

Der amerikanische Präsident spricht von zwei Millionen möglichen Toten, hunderttausend wären ein Erfolg, es ist die einzige Exit-Strategie, die er hat. In einem Tweet lobt er sich, da seine täglichen Pressekonferenzen höhere Einschaltquoten als der Bachelor haben. In New York läuft ein Sanitärschiff des Militärs ein, der Bürgermeister sagt, dass es eigentlich 40 Schiffe dieser Größe bedürfe. Im Central Park werden Krankenhauszelte errichtet. Überraschend werden fünftausend Atemmasken in der Krypta der Washington National Cathedral gefunden.

Österreich verhängt eine Mundschutzpflicht für den Einkauf im Supermarkt. Eine im April in China startende Rakete wird auf der Außenhülle ein Bild tragen, das das medizinische Personal in Wuhan im Kampf gegen den Virus zeigt. Ab 1. April erhebt DHL einen Krisenzuschlag von 16€ pro Paket in die USA. Ein australischer Astrophysiker wird ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem Magnete in seiner Nase steckenblieben, als er versuchte, ein Gerät zu erfinden, das Menschen davon abhält, ihre Gesichter zu berühren.

Artikel spielen Geisteswissenschaften gegen Naturwissenschaften aus. Der Verein Deutsche Sprache e. V. schreibt: »In Deutschland werden Milliardenbeträge für den Genderunfug ausgegeben. Diese Gelder fehlen Krankenhäusern oder den naturwissenschaftlichen Uni-Fakultäten – zum Beispiel in der Virusforschung«. Armin Laschet setzt den Mundschutz falsch auf und korrigiert sich kurz darauf auf Twitter. Der Formel1-Rennstall Red Bull dachte darüber nach, Fahrer absichtlich zu infizieren. »Das ist nur im kleinen Kreis besprochen und nicht positiv aufgenommen worden«, sagte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko. Unter Arbeitstitel Bachmannpreis digital soll eine Arbeitsgruppe in den nächsten Tagen ein Konzept eines »digitalen Bachmannpreises« ausarbeiten.

29. März | GLG

Heute ein erster, wirklicher Lagerkoller, ein Tief, dem Regen geschuldet, dem Ende der zweiten Woche erst, der Ahnung, dass viele folgen werden. Ich will wenig schreiben, wenig erfahren, von dem, was geschieht. Ich lese: »It’s a trauma response. Because you can’t fight the virus actively, and because you can’t run away from it, your body is going into “play dead” mode.«

Lese auch: »Falls ihr euch stresst, weil zB Homeoffice einfach nicht laufen will: Wir haben eine globale Pandemie. Beschränkung von Grundrechten. Wirtschaftsschmelze. All das vor dem Hintergrund der Klimakrise.«

Gegen Mittag wird der Tod des hessischen Finanzministers, des designierten hessischen Ministerpräsidenten, vermeldet. Im Abschiedsbrief soll die Rede sein von »Aussichtslosigkeit«, »bezogen auf die wirtschaftliche Lage des Landes« sehe, mit dem Vermerk: »Ob dies allerdings mit konkreten Ängsten in Bezug auf den Coronavirus zusammenhänge oder eher allgemeiner Art gewesen sei, das sei auch für die Ermittlungsbehörden derzeit nicht ersichtlich.« Fast augenblicklich drängt sich der Gedanke an den Werther-Effekt auf und ebenso augenblicklich fühlt es sich schäbig an, diese Verbindung gezogen zu haben.

In nahezu jeder Mail, die eintrifft, am Ende fast jeden Telefonats, anstatt Tschüss oder Bis bald steht nun, wird nun gesagt: Bleib gesund. Es ist das Mit freundlichen Grüßen, das Liebe Grüße, das GLG dieser Monate.

Ansonsten: In Indien ist eine Ausgangssperre für 1,3 Menschen verhängt. In Süditalien soll der Geheimdienst vor sozialen Unruhen warnen. Mobilfunkanbieter stellen kostenlos vergrößerte Datenpakete zur Verfügung. In der #BundesligaHomeChallenge duellieren sich Profifußballer auf der Konsole. In Aachen klagt ein Mann gegen die erlassenen Kontaktverbote. In der Weimarer Humboldstraße werden Briefe in die Briefkästen eingeworfen, die besagen, dass die Hausbewohner zwei Wochen in Quarantäne bleiben sollen.

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Coronamonate. Februar

29. Februar | Indien in der Rhön

Gestern eine Lesung in einem kleinen Dorf in der Rhön, 65 Einwohner. Der Ort liegt am Ende eines Tals, nur eine Straße führt hinein. Schnee ist gefallen, die Welt ist still und sehr weit weg. Der Ort selbst scheint von Haus aus schon in Quarantäne zu liegen. Hier sind wir sicher. Aber natürlich: Wir sind hier. Wir sind eine Stunde gefahren, kommen aus einem Landstrich, können den Erreger längst in uns tragen und genau an diesem Abend verbreiten. Einer der Anwesenden hat heute ein Auto aus Fürstenwald geholt, 130 km entfernt liegt das. Wie könnte man annehmen, ein Ort wäre geschützt? Nach der Lesung sitzen wir mit dem katholischen Pfarrer zusammen. Er stammt aus Indien, ist letztes Jahr nach Deutschland auf Mission gekommen. Wir sprechen über das Kastensystem, die aktuellen, politisch initiierten Morde an Muslimen, von Schlangen am Feldrand, Tamil, ein kleines Dorf am Ende eines Tals, mitten in der Welt.

 

26. Februar | Händewaschen

Das Bedürfnis ist da, sich über Händewaschen zu informieren. Eigentlich sollte es ja bekannt sein, wie man sich die Hände ordentlich reinigt. Offensichtlich ist das doch etwas komplizierter. Ich sehe das Video einer iranischen Ärztin, die ihre Hände mit Farbe einreibt und daran zeigt, welche Stellen man leicht übergeht (Handrücken, Fingerzwischenräume, Fingernägel). Faust(!)regel: dreißig Sekunden einseifen, reiben, abwaschen. Nehme mir vor, dies – anders als nach Zahnarztbesuchen, nach denen man sich aus schlechtem Gewissen vornimmt jetzt, aber wirklich jedes Mal gründlich zu putzen und dieser Vorsatz dann doch im Alltag verloren geht – umzusetzen.

 

25. Februar | Atemschutzmasken

Zumindest ein Informieren über Atemschutzmasken. Weder schützen sie mich oder andere. Erst ab einer bestimmten Preisklasse entsteht ein gewisser Schutz. Die Atemschutzmasken aus Papier verhindern höchstens, dass man sich ins Gesicht fasst und damit Krankheitserreger von der Hand an Mund oder Tränenkanal überträgt. Ich denke an die Fotos der letzten Wochen, mit denen der Coronaausbruch in Wuhan, wie überhaupt die meisten Texte über Viren, bebildert werden: Menschen mit Atemmasken. Was die Fotos damit sagen: So ist Schutz eine Illusion.

 

24. Februar | Scham

Ich stehe vor der Apothekerin und schäme mich. Eben habe ich nach Atemschutzmasken gefragt. Ihr Blick scheint zu sagen: »Wieder einer von denen.« Sie meint, sie habe zwei Marken im Angebot und beide würden nicht vor einer Infektion schützen. Wofür ich die denn brauche? Wegen der Grippe und dass man sich zuhause nicht ansteckt, Kleinkind, Sie verstehen, lüge ich, weil es selbstverständlich um Corona geht.

An diesem Morgen habe ich Hamsterkäufe beschlossen. Ich las von Wuhan, welches immer noch genauso weit weg ist wie seit einigen Wochen und ich las von Italien, was viel näher liegt und las Einschätzungen von Experten und musste zu dem Schluss kommen, dass die Veränderung der Situation hier sehr wahrscheinlich ist. Daraus die Folgerung, für eine mögliche Verknappung von Lebensmitteln gerüstet sein zu müssen, ergo Hamsterkäufe, auch in medizinischer Hinsicht.

Nun stehe ich der Apothekerin gegenüber und weiß, dass ich im Grunde nicht bereit dafür bin. Intellektuell und emotional. Ich weiß kaum etwas über die Funktionsweise von Atemschutzmasken und fühle mich wie ein Prepper, ein Panikmacher, einer, der Lust hat an der Katastrophe. Schließlich nehme ich einen 10er Pack der günstigen Marke, dazu eine kleine Packung Desinfektionstücher und verlasse die Apotheke.

Anschließend im Supermarkt erscheint mir das Vorhaben weiterhin absurd. Soll ich tatsächlich Toilettenpapier, Reissäcke und 25kg Mehl in den Wagen packen? Ich stehe vor den Dosensuppen und denke: Wenn ich falsch liege, dann werde ich das nächste halbe Jahr schlechte Gulaschsuppe essen müssen. Der Form halber kaufe ich zwei Packungen Spagetti und ansonsten leicht verderbliche Nahrungsmittel, die innerhalb zwei Wochen verzehrt werden müssen. Um die Inkonsequenz perfekt zu machen, gehe ich nachmittags erst zu einem Kinderfasching und anschließend auf ein Konzert ins Theater.

 

Im März

Trypophobia. Das Unbehagen beim Anblick von Insektenhotels.

Am Strand von St. Pete finde ich eine Muschel, deren Gehäuse mit vielen kleinen Muscheln besetzt ist. Wie leere Augen starren sie zurück. Ein Schaudern überkommt mich, wenn ich eine Metapher verwenden wollte, dann die einer Gänsehaut, die sich innen kräuselt, mehr noch ein Gänsehauttier, das mit weichem Flaum langsam meinen Körper entlangwandert und sich in meinem Kopf einnistet und auf jede Nervenzelle eine Hand mit kaltem Pelz legt.

Keine Augen sind es, die mich anstarren, ich starre in Löcher, winzige Löcher. Ich google »Angst von kleinen Löchern« und finde das Wort Trypophobia: die Angst von unregelmäßigen Löchern in natürlichem Gewebe, asymmetrische Cluster, Einzelteilchen, die als ein Ganzes betrachtet werden könnten, Waben, Poren, Schwämme. Ursache des Ekels könnte die Urangst vor giftigen Tieren sein, die durch bunte Farbmuster warnen – der blaugeringelte Kraken – oder die Furcht vor Parasiten und Krankheiten, welche die Haut befallen und sie durchlöchern, pockenartige Objekte, vielleicht das Internet, wenn das Sprechen über die Bilder erst die unangenehmen Assoziationen weckt, eine Art Priming. Weiterlesen

Der Reiher

Im Herbst lief ich an der Ilm. Es hatte die Blätter von den Bäumen geregnet, auf dem Wasser trieb der ermattete Himmel. Dort war die Stelle, wo sich jenseits des Ufers einmal ein Straßenbahndepot befunden hatte. Auf einer vorgelagerten Stelle des schmalen Flusses erblickte ich einen Reiher; das Gefieder aschgrau, die Schopffedern schwarz, die langen Stelzenbeine, auf denen er unbeweglich stand. Ich erschauerte beim Anblick; Enten war ich hier gewöhnt, aber nicht Wasservögel in dieser Größe, nicht mit diesem Stolz, dieser majestätischen Schönheit.

Zwei Tage später spazierte ich erneut an dieser Stelle vorbei. Und wieder stand der Reiher am Wasser; der identische Ort, die identische Haltung, das identische Tier. Wind blies in sein Gefieder und verwirbelte grauweiß. Wieder bewegte er sich nicht, wieder stand er starr, ein Zaubervogel an der Ilm.

Es war der nächste Tag und es war das nächste Mal, dass ich den Reiher so sah. Diesmal misstraute ich dem Bild. Wie groß die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Tier an dieser Stelle zu jeder Zeit sein konnte und dem Wind, dem Wasser, meinem Blick ohne Regung standhielt?

Es konnte nicht sein. Weiterlesen

Momente, September 2017.

Weimar, 2. September 2017

Tagesprogramm für heute:
13:00 Uhr – Sigmar Gabriel auf dem Platz der Demokratie
18:00 Uhr – Scooter im Gauforum Atrium

Außerminister und Hardtranceband erscheinen deutlich später als angekündigt, sprechen volksnah, agieren professionell und spielen ihre größten Hits (älteste Partei Europas / Maria, I Like It Loud). Sigmar Gabriel erwähnt öfter seine Großmutter (»Omma«) und einen gewissen Konstantin, einen Jungen, den er zuvor traf und ein Eis versprach. Das Eis kauft er ihm später beim Dolomiti am Markt.

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Auf dem Goetheplatz neben dem Bratwurststand neben dem Bibelstand neben dem Stand der Initiative für den Erhalt des Ur-und Frühzeitlichen Museums neben dem AfD-Stand, keine fünfzig Meter entfernt eine vom Kunstfest in Auftrag gegebene Weltkarte des Kommunismus. Am AfD-Stand müssen alle entweder beige Sonnenhüte tragen oder die Aufschriften auf ihren T-Shirts unter Jacken verbergen.

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Auch beim Erotik-Fachgeschäft erwünscht: Buy Local. Weiterlesen

Carsten Schneiders Augen.

Vor meinem Fenster hängt Carsten Schneider. Präziser: Vor meinem Fenster hängt das Bildnis von Carsten Schneider. Es ist ein Plakat, sein Plakat für den Bundestagswahlkampf. Es hängt an einem Laternenpfahl vor dem Haus, in dem ich wohne.

Hundert Fotos, vielleicht weniger, vielleicht mehr, wird ein Fotograf von Carsten Schneiders Gesicht gemacht haben. Der Fotograf, Carsten Schneider, sein Team, haben diese Fotos betrachtet und für dieses entschieden. Mittig gesetzt sein Antlitz, keine formalen Extravaganzen, kein angeschnittener Kopf, einiges Weiß um ihn, auch Schatten,  frontal blickt er. Er trägt eine Brille, ähnlich wie ich, dahinter versinken die Augen, die Mundwinkel sind ansatzweise nach oben gezogen, der oberste Knopf des weißen Hemds ist geöffnet und hat dennoch nichts christianlindnerhaftes an sich.

Seit Tagen schon sieht mich Carsten Schneider an, jeden Morgen, wenn ich die Vorhänge beiseite ziehe und aus dem Fenster schaue, ist da Carsten Schneider. Sein Blick folgt mir in meinem Alltag. Er ist dabei, wenn ich esse, die Topfpflanzen gieße und staubsauge, er schaut zu mir, wenn ich mich an imaginären Kriegen in Westeros erfreue, ist dabei, wenn ich vom Atomscharmützel höre, das der amerikanische Präsident gern mit Nordkorea anfinge, wenn ich lese, dass der erfolgreichste Artikel auf Spiegel Online an diesem Atomkriegtag »Wer Bier trinkt, bricht seltener das Studium ab« ist, ist beim Dieselgipfel dabei, beim 177. Tag von Deniz Yücel im türkischen Gefängnis, bei den Neymarmillionen. Nachbarn haben Carsten Schneider vom Pfahl entfernt, doch er war schneller als Jesus, keinen Tag später hing er wieder, die Lippen seeheimkreisig aufeinandergepresst.

Einen Pfahl weiter hängt seine Konkurrentin. Ihr Bild ist unvorteilhaft, der Fotograf ist zu nah an ihr gewesen, nun drängt sie mit ihrem Kopf tief in meine Distanzzone hinein, zu tief, ich fühle mich bedrängt. Dabei richtet sie ihren Blick – anders als Carsten Schneider – nicht auf mich, sondern über mich hinweg. Möglicherweise wird eines Tages auch ein AfDler an den Pfählen hängen, wahrscheinlich ganz oben, die AfD hängt sich immer ganz oben auf, als ob Fipronileier sie dort nicht auch erreichen könnten.

Bis zum 24. September wird Carsten Schneider bei mir sein. In der Nacht wird er mir sozialdemokratische Träume zaubern, tagsüber mein bundesrepublikanisches Gewissen prüfen, mit seinen weisen Steueraugen zuversichtlich über meinen rechtschaffenden Bürgerkörper streicheln und mir versprechen, dass vieles so bleiben wird und manches gerechter werden könnte. Dann werden die Genossen kommen und Carsten Schneider mit sich nehmen, den Blick, das offene Hemd, die in Plakat gegossene Zuversicht.