Coronamonate. November

23. November | orange Weste

Die Szene: Während einer Querdenken-Veranstaltung steht eine junge Frau auf der Bühne und sagt, sie fühle sich wie Sophie Scholl, da sie seit Monaten aktiv im Widerstand sei, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile, wie Sophie Scholl, als diese den Nationalsozialisten zum Opfer fiel, sei sie 22 Jahre und werde niemals aufgeben, sich für Freiheit, Frieden, Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen.

In diesem Moment tritt ein Ordner vor die Bühne und will ihr seine orange Weste reichen, sagt, dass er für diesen Schwachsinn keinen Ordner machen wolle. Die Frau ist irritiert, versteht ihn nicht, Schwachsinn? Andere Ordner kommen, er erklärt sich, spricht von Verharmlosung des Holocausts. Die Frau sagt, sie habe doch gar nichts gesagt, dreht sich dann um, bricht offensichtlich in Tränen aus. Der Ordner wird weggeführt, ruft der Frau dabei zu: »Das ist mehr als peinlich.« Ein Querdenker eilt auf die Bühne, will tröstend den Arm um die Frau liegen, sie wehrt ihn ab, schleudert das Mikrofon zu Boden, verlässt so die Bühne.

Das Video wird geteilt, es verlässt die sozialen Kanäle, Artikel erscheinen. Das Video erfährt Resonanz, weil es in einer Minute etwas zusammenfasst, das die letzten Wochen und Monate bestimmt hat – die selbstbewusste Gleichsetzung von Querdenkerinnen mit den Opfern des Faschismus. Das Video ist kurz, verständlich, überraschend, absurd, deshalb witzig, es entlarvt und, vor allem, bietet es eine Lösung ab. Jeder kann vor eine Bühne mit Querdenkerinnen gehen und sagen: »Das ist mehr als peinlich.«

Eine Verteidigung der Frau findet nur zaghaft statt: Der Ordner habe sie unrechtmäßig unterbrochen und ihr damit das Recht auf freie Meinungsäußerung genommen, quasi Cancel Culture, der Ordner habe die Rede skandalisieren wollen, es sei eine geplante Aktion gewesen.

Damit hört es schon auf. Mehrheitlich ist die Meinung: Das ist irre. Gegen die Gleichsetzung Querdenkerin=Sophie Scholl wird dagegengehalten. Artikel zur Weißen Rose erscheinen, welche die geschichtlichen Hintergründe erläutern. Es wird gespottet: Einmal im Bus für eine Schwangere aufgestanden – Rosa Parks. Einmal kein Abendbrot gegessen – Ghandi. Einmal einen Koffer stehengelassen – Stauffenberg.

Manche nehmen die Frau später in Schutz, sagen, man solle sich nicht an einer 22jähriger abarbeiten, sondern an jenen, die die Proteste auch aus wirtschaftlichen Gründen befeuern. So oder so: Das Video erscheint wie ein Schlussstrich unter all die jüngsten Vergleiche, als ein absolutes Überdrehen. Die Gleichsetzung wirkt in ihrer ungeheuerlichen Unverhältnismäßigkeit nicht mal mehr beängstigend, sondern abstrus, lächerlich, peinlich. Der Vergleich fällt auf die Querdenkerin zurück, er schrumpft sie und ihr Anliegen auf Zwergengröße: Wer so spricht, wie soll man die fürchten?

Und: Es wird Bildung gefordert, Geschichtsunterricht für die Frau und alle Querdenker, am besten ein halbes Jahr nur Geschichtsunterricht für alle. Aber löst Wissen und Bildung die Frage, wie es dazu kommt, dass eine 22jährige, die offensichtlich von Sophie Scholl und dem Nationalsozialismus gehört haben muss, sich in eine Reihe mit antifaschistischem Widerstand setzt?

Die freundliche Interpretation wäre: Naivität. Die Frau wählt als Symbol den Widerstand gegen das maximal Böse, weil sie sich im maximal Bösen sieht. Man kann ihr das nachsehen, weil sie jung ist, offensichtlich überfordert, man muss sie nicht ernstnehmen.

Eine andere Interpretation wäre: Björn Höcke war Geschichtslehrer. Er hat Wissen vermittelt, mehrere Jahrgänge von Schülerinnen über viele viele Geschichtsstunden hinweg gebildet. Björn Höcke, der Faschist genannt werden darf, hat auf einem »Trauermarsch« an seinem Anzug eine Weiße Rose getragen, jemand, der genau weiß, welches Symbolik damit verbunden ist. In dieser Realität ist alles möglich, alle Symbole sind für alle verfügbar und verwendbar. Faschistisches Denken bedient sich antifaschistischer Symbolik, was Aneignung ist, Provokation, Umdeutung und damit eine Entwertung des ursprünglichen Symbols und damit der Sache, ein Vermischen und Negieren, ein Unkenntlichmachen und Verschleiern.

Die Frau auf der Bühne ist gebildet. Sie verfügt über Wissen und geschichtliche Kenntnisse. Sie braucht nicht mehr Geschichtsunterricht. Sie braucht Ordner, die vor aller Augen die orangefarbene Weste ablegen.

Ansonsten: Die Überlegungen zur Verlängerung des Lockdown Lights werden konkreter. Der britisch-schwedischen Pharmakonzern Astrazeneca vermeldet den nächsten erfolgsversprechenden Impfstoff. In Amerika werden Millionen von Flugreisenden gezählt, die wegen des kommenden Thanksgiving unterwegs sind. In Weimar findet die Versteigerung von Fundsachen erstmals online statt.

22. November | das letzte große Symbol

Friedrich Merz sagt in einem Interview: »Es geht den Staat nichts an, wie ich mit meiner Familie Weihnachten feiere. Da kann er mir Ratschläge geben, aber er mischt sich bitte nicht ein.«

Friedrich Merz sagt das im Kontext eines DER SPIEGEL-Titelbildes, das Angela Merkel mit Rute zeigt, Titel »Kampf ums Fest«. Sagt das im Kontext des nicht wie erhofft zahlensenkenden Lockdown Lights. Sagt das mit der Wahrscheinlichkeit auf Verlängerung von Kontaktsperren und dem Beschränken privater Kontakte. Sagt das mit Aussicht auf den Ausfall von Gottesdiensten und Festessen in Lokalen, auf ein Geschenkeauspacken im engsten Kreis.

Ich verstehe die Aussage. Das, was notwendig ist, um die Zahlen zu senken, das, was deshalb untersagt wird – ohne Chance auf wirkungsvolle Kontrolle – greift ein in etwas zutiefst Privates, etwas, das elementar ist oder zumindest notwendig, um ein bestimmtes Bild von sich und seinen Lieben aufrechtzuerhalten. Weihnachten, gerahmt von Coronabestimmungen, wäre das letzte große Symbol des Jahres dafür, wie stark das Virus und dessen Bekämpfung in alle Lebensbereiche gewirkt hat.

Der Widerspruch muss groß sein. Dagegen wäre Weihnachten wie immer ein Mittelfinger gegen die Pandemie, ein finaler Triumph über das Virus, der Beweis, dass SARS-CoV-2 eben doch seine Grenzen hat. Covid19 würde damit an Familie Hoppenstedt scheitern.

Nur, was wäre mit einem Weihnachten wie immer gewonnen, wenn danach ein verlorener Januar käme?

Ansonsten: In Skigebieten sollen Schneekanonen Desinfektionsmittel versprühen. Nachdem bei Trauerfeierlichkeiten für den an Covid19 gestorbenen montenegrinischen Bischof Amfilohije Radović die Trauernden den toten Bischof am offenen Sarg auf die Stirn küssten, infizieren sich mehrere Trauergäste, darunter Bischof Artemije Radosavljević, der nun ebenfalls an Covid19 gestorben ist. Nachdem auf einer Querdenken-Demonstration in Hannover sich eine Rednerin mit Sophie Scholl vergleicht, quittiert ein Ordner noch während der Rede den Dienst.
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Coronamonate. Oktober

31. Oktober | Warten III

An diesem Wochenende das nächste Warten, weiterhin ein Aufschieben des Notwendigen, ein Verlängern des Luftholens in der Pandemie, so lange, bis er losgeht, der Lockdown Light. Einmal noch Essengehen, einmal noch eine Lesung, ein klassisches Konzert, einmal noch ins Spaßbad, mit Freunden aus x+2 Haushalten treffen, eine WG-Party, Fondue mit den Nachbarn.

Aus Sicht einer Epidemiologin kann es wenig sinnvoll scheinen, nicht augenblicklich in den Lockdown Light zu switchen. Das Virus stellt ja nicht von Donnerstag bis Sonntag 23:59 Uhr seine Aktivitäten ein und legt erst ab Verbotszeit wieder los. Aus Sicht einer Epidemiologin müssen diese vier Tage Aufschub verhängnisvoll klingen; die Ankündigung ließe ausreichend Raum, das zukünftig Verlorengehende schnell noch als Erfahrung einsammeln, sich jetzt extra eng aneinanderzudrücken, weil es ab Montag nicht mehr erlaubt sein wird.

Der Himmel ist grau, das Laub ist nass, auf den aufgeweichten Herbstwiesen liegt eine durchfeuchtete Corona-Extra-Pappe. Die Verabschiedung vom normalen Leben ist im vollen Gang, ein Leben, das gar nicht mal so unnormal weitergehen könnte, misst man die Normalität anhand der Standards einer Pandemie. Trost spendet wieder einmal der Instagram-Account von Soyeon Schröder-Kim. Sie postet ein Foto von einer selbstgenähten Maske, schreibt dazu: »Ich habe den Stoff drucken lassen mit dem Muster „Solidarität – GSK“. GSK steht für Gerhard Schröder und Soyeon Schröder-Kim. Genäht und gedruckt in Hannover.«

Eine mitfühlende und herzerwärmende Geste, mitmenschlich und solidarisch, zugleich kalkuliert und eigennützig und doch in ihrer Selbstbezogenheit tapsig, fast rührig, weil sie in aller Egozentrik etwas Gutes will. Seltsamerweise fühle ich mich beim Betrachten des Instagrambildchen dieser in Hannover gefertigten Maske zuversichtlich, gerüstet für das Kommende.

Ansonsten: Mit über 19000 Neuinfektionen wird die Weihnachtsprognose zum Reformationstag erreicht. In Slowenien startet der Massentest für die gesamte Bevölkerung. Museumsdirektoren protestieren gegen Schließungen: »Es ist uns unverständlich, warum es möglich ist, Baumärkte, Autohäuser und andere Geschäfte offenzuhalten, Museen aber, die über dieselben oder großzügigere Flächen für einen Corona-gerechten Publikumsverkehr verfügen, geschlossen werden.« Heidi Klum postet auf Instagram: » Bleibt dieses Jahr an Halloween zu Hause. Verbringt eine gute Zeit mit eurer Familie. Und versucht einfach, euch nicht gegenseitig umzubringen.«

30. Oktober | Tod im Supermarkt

Durch das Weimarer Einkaufszentrum, das im ehemaligen Gau-Forum beheimatet ist, läuft der Tod. Ihm folgt ein Kürbis. Bald ist Halloween.

Wie das in Marketingabteilung beschlossen wurde: Wir müssen zum anstehenden Fest unseren Kunden etwas Besonderes bieten, etwas, das sie fröhlich stimmt und sie bestenfalls zum Kaufen animiert. Wie wäre es, im Jahr der Pandemie, gerade dann, wenn ein zweiter Lockdown beschlossen ist, einen Studenten als Tod zu verkleiden, ihm eine Sense in die Hand zu geben und ihn unter den maskentragenden Kunden wandeln zu lassen, vorbei an den Hygieneschildern und Desinfektionsbehältern, wie wäre das, der Tod beim Konsum?

Und tatsächlich, wie so oft, behält die Marketingabteilung recht. Die Kunden kommen, schieben sich und ihre mit Mehl vollgepackten Einkaufswagen zwischen Sensenmann und Kürbis, jemand sagt »Käsekuchen« und drückt ab, das Lachen bleibt hinter der Maske versteckt, aber der Moment mit dem Tod ist für alle Zeit im Smartphone gefangen.

Ansonsten: Ministerpräsident Armin Laschet ruft zum Verzicht von Halloween-Partys auf. Die WHO warnt vor den negativen Folgen landesweiter Lockdowns. Die EU finanziert den Transport von Covid-Patienten in andere Länder. In Rio de Janeiro wird der Straßenkarneval abgesagt. Laut einer Studie hält nach eine Infektion die Immunität gegen Covid19 ein halbes Jahr. Laut einer Studie über ein Tim-Bendzko-Konzert würden Abstand und Belüftung auch Konzerte in Zeiten der Pandemie ermöglichen.

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Coronamonate. September.

30. September | Spannungsbogen

Was diesen Einträgen, die ja eine Art Tagebuch sein sollen, komplett abgeht, ist ein Spannungsbogen. Hier gibt es keine fortlaufende Erzählung. Weil es keine Figur gibt, die etwas erlebt. Die Figur ist die Welt und die Welt ist abstrakt.

Ich, der eine Figur sein könnte, ich, der das Komplexe anhand meines individuellen Seins erlebbar und damit für außen verständlich machen könnte, halte mich bedeckt. Ich gebe kaum etwas Privates preis. Auch wenn ich die Einträge von mir schreibe, finde ich nur selten darin statt. Mein Ich bleibt – abgesehen von einigen Analysen meiner Wahrnehmung – fremd. Es gibt nur wenige Einblicke in Persönliches, mein Fühlen ist abgesichert.

Weil es mich nicht gibt, kann ich mich nicht ändern. Es kann zu keiner Spannung kommen, weil ich nirgendwo starte und nirgendwo hinstrebe. Auf den Weg dahin gibt es keine Hürden. Weder kann ich triumphieren noch kann ich scheitern. Mir passiert nichts.

Dabei wäre es einfach, Spannung zu erzeugen. Anstatt den gestrigen Tag auszulassen, könnte ich vom Kranksein berichten. Ich könnte mein Unwohlsein beschreiben, das Verschlechtern, vielleicht eine Genesung. Ich könnte detalliert berichten und es wäre nicht langweilig, weil es echt wäre. Ich könnte vom Kindergarten erzählen, von Freunden, der Familie. Ich könnte mein Zuhause beschreiben, meine Beziehung zu Menschen, die mir wichtig sind. Das mache ich nicht. Ich schütze sie, vor allem schütze ich mich.

Diese Abwesenheit nimmt Spannung aus den Einträgen. Sie macht es schwer, auch für mich, den Einträgen dauerhaft zu folgen. Ich bin keine Erzählung, obwohl ich eine sein könnte. Ich kann den interessantesten Gedankengang zu Christian Drosten haben, er wird immer weniger aufregend sein als das banalste Persönliche. Das eine ist ein Gedanke, das andere ist etwas, das nur mir passiert ist. Es ist echt, es ist ungewiss, wie es weitergeht, wie es weitergehen wird, kann nur ich berichten. Aber ich berichte nicht. Ich halte mich aus meinen eigenen Einträgen heraus. Ich ziehe mich auf die Welt zurück, damit ich schreiben kann.

Ansonsten: Ich bin davon entfernt, mein gesundheitliches Befinden als okay beschreiben zu können.

28. September | 2019 banal, heute relevant

Ich huste, ich niese, ich habe Kopfschmerzen. Es ist der vielleicht banalste Beginn eines Eintrages hier, Informationen, die für niemanden von Interesse sind. Dennoch schreibe ich sie nieder. In Coronazeiten bekommen sie eine bestimmte Wertigkeit. Ich muss mein Unwohlsein einordnen. Zuerst die Überlegung: Sind es die Symptome, über die seit sieben Monaten ausgiebig berichtet wird? Wie kann ich sicher sein, dass sie es nicht sind? Und was, wenn ich nicht sicher bin?

Etwas Gutes in alledem: Ich überlege, intensiver als vor der Pandemie, ob meine Verfassung andere beeinträchtigt. Ich muss abwägen: Gefährde ich mit meiner Anwesenheit andere? Und falls ja: Wie vermeide ich Kontakt? Auf welche Vorhaben verzichte ich? Gehe ich unter Menschen? Und wie?

Wenn, dann mit Maske. Vor März 2020 wäre mir das niemals in den Sinn gekommen. Ich hätte keine Maske vorrätig gehabt, ich hätte wenig darüber gewusst, wo ich sie außerhalb der Apotheke erwerben kann, wie sie funktioniert. Ich hätte mich gescheut, sie anzulegen. Meine Maske wäre krankenhausgrün gewesen und nicht anthrazit. So schaue ich auf einen Zustand, den ich schon oft durchlebt habe, anders. Ich huste, ich niese, ich habe Kopfschmerzen. Ich reagiere darauf als ein Produkt der Pandemie.

Ansonsten: Nach einer Familienfeier in Bielefeld befinden sich 1700 Personen in Quarantäne. Der erste Test des russischen Impfstoffes Sputnik V im Ausland findet in Weißrussland statt. In einem offenen Brief fordert die AG Kino-Gilde Deutscher Filmkunsttheater bundesweit einheitliche Regeln – ein Sitz frei zwischen Besuchergruppen, ohne Maske am Platz – da ansonsten die maximale Auslastung bei zwanzig Prozent lege. Die Nachrichtenagentur AFP zählt in der Nacht zum Montag 1.000.009 Todesfälle.

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Coronamonate. August

31. August | Bequeme Zahlen

Es ist anstrengend, auf dem Laufenden zu bleiben. Auf dem Laufenden zu bleiben bedeutet, sich ständig zu informieren, dazuzulernen, deshalb liebgewonnene Erklärungen permanent zu hinterfragen, neue Zahlen zu lesen, alte anders zu interpretieren und damit den bekannten Blick auf das Geschehene neu zu werfen, Fehlinformationen zu benennen und vergangene Überzeugungen, die ich mit ganzer Kraft vertreten habe, möglicherweise zu verwerfen.

Das erfordert viel Kraft, oft bin ich zu bequem dazu. Ich lese weniger als im März, überfliege, nehme mir lieber Erkenntnisse aus der Überschrift mit, als einen Text bis zum Ende zu lesen. Es braucht mehrere Texte, Videos, Argumentreihen, bis ich etwas widerrufe, bis ich mich löse von: Flatten the Curve. The Hammer and The Dance. Die Höhe der Infektionszahlen ist die einzige Zahl, auf die ich jeden Tag gebannt starren muss.

Ich könnte sagen: Ich bin Laie. Ich muss nichts verstehen. Aber in der Pandemie muss ich wie ein Experte auftreten. Ich muss vieles wissen, was mich unter anderen Umständen keinesfalls interessiert hätte. Auch wenn es mir schwerfällt, muss ich verstehen lernen. Für mich und wie ich mich in meinem Umfeld verhalte, so dass ich mich und andere so wenig wie möglich gefährde. Ich muss verstehen, um nachvollziehen zu können, warum sich was gerade ändert. Das Verstehen hilft zu akzeptieren, hilft Kritik zu üben und zu dulden.

Verweigere ich mich dem Verstehen, werde ich bald einer von denen sein, die in Berlin demonstrieren. Ich muss verstehen, damit ich argumentieren kann, damit ich denen, die vom Maulkorb sprechen, etwas entgegensetzen kann. Dabei bin ich Laie, bis auf wenige Ausnahmen sind es alles Laien in der Pandemie. Wir Laien müssen irgendwie klarkommen mit dem Überangebot an Informationen, die komplex sind, ständig mehr werden, sich zum Teil widersprechen.

Ich muss verstehen, warum am Anfang der Pandemie die Experten den Mundschutz nicht empfahlen, warum sie ihre Meinung bald darauf widerriefen und nun nachdrücklich darauf drängen. Ich muss verstehen, weshalb es im März eine Übersterblichkeit gab und im Mai eine Untersterblichkeit und dass letzteres kein Beleg für die Ungefährlichkeit des Virus ist. Ich muss verstehen, aus welchem Grund momentan die Infektionszahlen steigen, aber die Todesfälle sinken. Ich muss begreifen, warum kaum jemand mehr von Schmierinfektion spricht und alle von Aerosolen. Ich muss verstehen, dass die leeren Betten auf der Intensivstation nicht das Ende der Pandemie bedeuten.

Will ich das nicht begreifen, werde ich bequem. Ich niste mich ein in einfachen Erklärungen, ignoriere, was nicht zu dem Einfachen passt. Es ist bequem, Ende August noch die Rhetorik von Bhakdi zu verwenden. Es ist bequem, weil es einfach ist, weil es mir die Angst nehmen würde.

Es ist bequem auch für mich, wenn ich gedanklich im März verbliebe. Wenn ich immer noch Lockdown rufe, wenn eine bestimmte Zahl erreicht wäre. Es wäre bequem, wenn ich jetzt die Tabs schließe und sage: Dieses Wissen reicht bis zum Ende der Pandemie. Ich muss verstehen, dass ich das, was ich aktuell verteidige, wonach ich handele, ich im Laufe der nächsten 1 ½ Jahre mehrmals überdenken, vielleicht widerrufen werde. Ich muss akzeptieren, dass sich daraus Widersprüche ergeben werden. Ich werde lernen müssen, diese zu erklären und zu verteidigen. Höre ich auf damit, die einfache Erklärung, die mögliche Abkürzung, das scheinbar Offensichtliche, das verlockende Bequeme nicht doppelt und dreifach zu hinterfragen, wird die Pandemie über mich triumphieren.

Ansonsten: Auf Drängen des amerikanischen Präsidenten werden die Bemühungen intensiviert und Richtlinien gelockert, um noch vor der Wahl am 3. November einen Impfstoff präsentieren zu können. Bei einer Veranstaltung wird der Gesundheitsminister von Demonstranten bespuckt, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren. Beim MTV-Music Award werden Trophäen in den neugeschaffenen Preiskategorien »Bestes Musik-Video von Zuhause« und »beste Quarantäne-Darbietung« vergeben. Während der Liveübertragung einer Wreslingshow werden von einem der anstatt anwesenden Fans zugeschalteten Zuschauer die Bilder einer Hinrichtung eingespielt. In der Coronazeit werden in Deutschland Kartoffelprodukte überdurchschnittlich häufig gekauft.
[Foto: Yvonne Andrä]

30. August | Das Bild von gestern

Ich frage mich, warum mich die Demonstration in Berlin so beschäftigt. In den immer wieder zitierten Umfragen gibt es eine Zustimmung von unter zehn Prozent dafür, wesentlich mehr befürworten stärkere Maßnahmen gegen Corona als weniger, die deutliche Mehrheit findet die Maßnahmen in Ordnung, bei Fridays for Future waren die Millionen auf der Straße, die die Querdenker gern hätten. Anders gesagt: die Relevanz der gestrigen Demonstration ist wesentlich geringer, als die Berichte, Bilder, Augenzeugenberichte, Kolumnen, Tweets, Screenshots aus Telegramchats suggerieren.

Ich bin aufgeregt. Wenn die Demonstranten gegen Absperrungen drücken, spüre ich den Druck. Skandieren sie, ist es, als brüllten sie ihre Sprechchöre direkt in mein Ohr. Ihre Transparente lerne ich auswendig. Ich tanze angewidert und belustigt, wenn ihre Körper zu einer Version zu Bella Ciao zucken, in der es heißt: Corona Ciao Corona Ciao Corona Ciao Ciao Ciao. Es ist eine Freakshow, es ist ernsthafte Besorgnis, es ist Adrenalin allein vom fernen Zuschauen, der Wunsch, sich dagegenstemmen, obwohl Berlin dreihundert Kilometer weit weg liegt, abstrakte Gedanken, die sich durch die Demonstration in etwas Körperliches übertragen, das Verlangen, bestätigt und entzündet zu werden.

Ich zitiere die vielen Texte, die Corona als Brennglas bezeichnen, als Verstärker der Gegenwart, als ein Überdeutlichmachen dessen, was ohnehin da ist. Dass es bei den Coronademonstrationen nicht um Corona geht, zeigt sich an den Reichskriegsflaggen, die geschwenkt werden, den 18-Codes, den QAnon-Shirts. Corona ist nicht Ursache, Corona ist ein weiterer Anlass für eine allgemeine, tiefergehende Unmutsbekundung, eine Unzufriedenheit, letztlich der Wunsch nach einem radikalen Umbruch. Wäre es nicht Corona, wäre es etwas anderes, weshalb die Demonstranten sich in einer Diktatur wähnten. Sie wären auf der Straße, so oder so.

Vor allem aber geht es bei der Demonstration um die Produktion von Bildern. Die Demonstranten gehen auf die Straße und wollen damit Bilder schaffen, die stärker sein sollen als die Bilder, die jene schaffen, gegen die die Demonstranten antreten.

Das Bild von gestern, das alle anderen Bilder überlagert, das Bild, das bleiben wird, das einmal für diese Zeit stehen wird, entweder als Zenit oder als Anfang, ist das Bild, wie die Demonstranten die Absperrung vor dem Reichstag durchbrechen und die Treppen hinaufstürmen. Vor dem Eingang des Reichstags, dem Ort, an dem die Politik dieses Landes gemacht wird, stehen drei Polizisten. Einer trägt keinen Helm. Diese drei Polizisten verteidigen die Türen des Reichstags. Sie stellen sich den Menschen entgegen, die Reichsflaggen schwenken, einer hat eine Fahne bei sich, auf der der Reichsadler abgebildet ist.

Das Bild sagt: Nazis stürmen den Reichstag. Nicht Coronagegner, nicht Coronawütende, nicht besorgte Bürger, die man ernst nehmen muss, keine Ärztinnen, die andere Meinungen haben als Christian Drosten. Es sind Menschen mit Reichsflaggen und dem Reichsadler, die den Reichstag stürmen. Wenn es ein Bild gibt, dass all diese Menschen und ihre Unterstützer gern an diesem Samstag produzieren wollten, dann dieses: Es ist 2020. Nazis stürmen den Reichstag, das Volk hinter sich wissend.

Die Aktion war angekündigt in Telegramchats. Vor dem Reichstag stehen drei Polizisten, in Hamburg waren es letztens acht, die einen E-Scooterfahrer überwältigten. Diese drei Polizisten verteidigen den Reichstag, sie stehen Vielen gegenüber. Vor drei Tagen schrieb ich, dass es surreal sei zu schreiben, »#SturmAufBerlin klingt wie ein kleiner Krieg«. Heute schreibe ich: Drei Polizisten verteidigen den Reichstag vor Nazis.

Das Bild ist da. Der Sturm ist geglückt. Er ist nicht geglückt. Der Reichstag wurde nicht gestürmt, auch Berlin nicht. Nur ein paar Demonstranten sind eine Treppe hinaufgerannt. Es fühlt sich surreal an, das zu schreiben, so, als gäbe es etwas Zuversichtliches, was ich in diesem Samstag sehen könnte.
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Coronamonate. Juli.

24. Juli | in Aspik

Fünf Monate Coronamonate. Weiterhin ist der 24. eines jeden Monats die Gelegenheit zu prüfen, ob, und falls ja, was ich noch fühle, ob die Wahrnehmung stumpf geworden ist, ob das, was mich erreichen sollte, noch durchdringt. Was spornt mich noch zu Gedanken an, besteht weiterhin eine Notwendigkeit, diese mit jemanden anderen als mit mir selbst zu teilen? Wie pflichtschuldig leiste ich das Schreiben dieser privaten Chronik ab?

Ich brauche, wie alle sie brauchen, eine Pause, ich werde sie mir nehmen. Dabei duldet die Pandemie keine Pause, es gibt keinen Stopp, kein Ausscheren und Ignorieren, denn, falls doch, könnte ich mir die Maske auch übers Kinn ziehen und denken: Ich trage doch eine Maske.

Weimar ist ein gutes Beispiel. Fast fünf Wochen lang keine offiziell festgestellte Infektion. Dann drei nach einer Party. Dann eine neunköpfige Familie, die Besuch aus Hof empfing, sich unbemerkt ansteckte, die Kinder gehen zur Zeugnisübergabe, jetzt sind 120 in Quarantäne.

Der Lebensmittelpunkt der Familie, deren Kindergarten und Schule befinden sich in einem Teil der Stadt, der auf einem Berg liegt, damit außerhalb ist und immer noch weit genug weg. Das ist einer der ersten Gedanken: Wo ist die Gefahr, wo bin ich, wie viele Meter liegen zwischen uns, werden diese genügen? Andere diskutieren in Foren darüber, dass die Familie keine Muttersprachler ist und was diese Information mit der Ansteckung zu tun hat, es ist keine Diskussion, es ist das Abstecken rassistischer Gedanken.

Fünf Monate Coronamonate. Grundsätzlich ist die Hälfte eines Jahres jedes Jahr ein seltsames Spiel: Silvester ist scheinbar eben erst geschehen und die Tage daran sind schon Erinnerung. Der Sommer hat gerade erst begonnen und doch ist der längste Tag des Jahres einen Monat lang vorbei. Anfang wie Ende befinden sich zugleich in Reichweite und großer Ferne.

Eine Studie hat festgestellt, dass in der Pandemie ein anderes Zeitgefühl herrscht; langsamer für die Getroffenen, schneller für die Zufriedenen. Ich kann nicht sagen, was die letzten Monate für mich waren: Sind sie gerast, stehengeblieben, habe ich die Veränderung akzeptiert, verstanden, ertragen, bin ich zuversichtlich, weiterhin furchtsam? Habe ich mich mittlerweile eingerichtet? Und wenn ja: Wie geht es mir damit? Wie lange geht das gut? Wie stelle ich gegeneinander, was in den letzten Monaten nicht geschah und was dafür eintrat? Das Tragische, das Wundersame? Wie lässt sich eine Bewertung finden, die einen Sinn ergibt und sei es nur, um mich zu beruhigen?

Es wird notwendig sein, weiter zu beobachten, zu überprüfen und diese verwirrende Zeit in Worte zu binden, sie wie in Aspik einzulegen, umhüllt von einer Schicht, die das Wesentliche nur verwackelt zeigt, aber so immerhin ermöglicht, dass diese Monate überdauern können als das, was sie sind: unmittelbar.

Im Juli wird es keine neuen Einträge geben. Ab August geht es an dieser Stelle weiter mit dem Mittendrin.

Ansonsten: Mit 815 Neuinfektionen gibt es so viele an einem Tag wie seit Juni nicht mehr, weltweit sind es dreihunderttausend Neuinfektionen. Ein Update der Corona-Warnapp behebt ein Problem, aufgrund dessen die App auf vielen Geräten nicht funktionierte. In der wiederaufgenommenen amerikanischen Baseballliga werden für die TV-Übertragung virtuelle Zuschauerinnen in die leeren Stadien projiziert.

23. Juli | Schutz im Holster

Über den Goetheplatz läuft ein Mädchen. An ihrer Jeans hängt eine Desinfektionsspritzflasche wie eine Pistole in einem Holster, der Covidschutz nur einen Handgriff entfernt.

Ansonsten: In Weimar steigt die Zahl der gleichzeitig Infizierten auf 11, der höchste Stand seit Pandemiebeginn, 81 insgesamt. In einem Video fordert Deutschrapper Farid Bang zur Einhaltung des Mindestabstands auf und droht bei Verstößen mit dem Langziehen von Ohren. Ein Superspreader-Vorfall an einem Fließband löste den Ausbruch bei Schlachthof Tönnies aus. Amsterdam fordert Touristen auf, am Wochenende die Stadt zu meiden. Nach der Meisterfeier in Liverpool gibt es mehrere Festnahmen wegen Verstößen gegen Coronaregeln. Mehr als die Hälfte aller Coronainfektionen verteilen sich auf drei Länder: USA, Brasilien, Indien. Corona in Kuba.

22. Juli | mittendrin

Ich sehe ein Video. Offenbar trägt der Filmende einen Schutzanzug, der Helm aus durchsichtigem Plastik, die Welt, die er oder sie dadurch sieht, verschwommen und unvollständig. Die Filmende läuft durch ein Krankenhaus. An den Wänden Stühle und Krankenhausbetten eng an eng, darauf sitzen und liegen Kranke. Die Sitzenden mit Atemschläuchen, große Zylinder mit Sauerstoff neben ihnen, ein unablässiges Zischen bläst in den Filmton. Die Liegenden regungslos, einige sind auf den Bauch gedreht, um den Druck von der Lunge zu nehmen. Der gesamte Gang voller Menschen, das Bild: Sie warten, erdulden, ertragen, sie leiden. Am Ende des Films ein Schwenk zu Angestellten. Sie ziehen den Reißverschluss eines grauen Plastiksacks zu, wenig Zweifel, wofür er verwendet wird.

Es ist unklar, woher das Video stammt. Jemand schreibt Texas, eine andere Mexiko. Vielleicht ist die Herkunft nicht von entscheidender Bedeutung. Das Video stammt aus der Gegenwart. Und selbst wenn nicht, selbst, wenn es zwei Monate alt ist, sagt es mir: Wir sind mittendrin. Das ist nicht Anfang, längst nicht Ende, das ist die Jetztzeit, die ewig lange Strecke zwischen damals und zukünftig. Wenn mich später jemand fragen wird, wie es denn war, während der Pandemie zu leben, dann muss ich auch von diesem 22. Juli 2020 sprechen, von diesem Video.

Ein Einschub. Ich denke an dieses mittendrin, wenn ich die Bilder aus Portland sehe. Schwarzbekleidete, ungekennzeichnete Militärs springen aus tarnfarbenen Trucks und schießen Menschen in den Kopf, verhaften sie, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Die Geheimpolizei auf der Straße, Techniken einer Diktatur, selbst wenn Mütter dagegen »Hands Up Please Don`t Shoot Me« singen oder eine Unbekleidete sich den Schwergerüsteten entgegenstellt, ist das eine Junta. Es ist nicht der Beginn von schlechten Zeiten, etwas, das sich andeutet und einmal Bahn brechen wird. Die Zeit ist jetzt da, geschieht in diesem Augenblick. Nichts muss mehr kippen, gekippt ist es längst schon. Wenn man später fragt, wie war es, während der Undemokratie zu leben, dann werde ich auch von diesen Bildern sprechen.

Ich denke an Portland und ich denke an das überfüllte Krankenhaus. Ich denke an die vielen verschiedenen Orte, welche die Zeit verbindet, in der sich alle zugleich befinden. Ich denke daran, dass mittendrin niemals zu greifen ist; ein Anfang schon, ein Ende auch. Aber mittendrin fließt weg, zwischen Fingern strömen die Ereignisse hindurch, mittendrin ist nichts Einzelnes, kein Tropfen, sondern Bewegung. Ich kann nicht innehalten und Distanz erzeugen, nur später einmal schauen und sagen: Hier bin ich getrieben, den Kopf geradeso über Wasser, habe ich während des Schwimmens das Schwimmen bemerkt?

Ansonsten: In einigen Bundesländern ist wieder die Betreuung verschnupfter Kinder im Kindergarten möglich. Laut einem Test hat hochgerechnet jeder vierte Mensch in der Region Delhi Coronaantikörper im Blut. Österreich führt wieder die Maskenpflicht im Supermarkt ein. Berlin lockert die Abstandsregeln für Gaststätten. Auf einer Pressekonferenz sagt Donald Trump: »Es wird wahrscheinlich leider schlimmer werden, bevor es besser wird« und fordert zum Tragen von Masken auf.

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Coronamonate. Juni

30. Juni | Rote Punkte

Die Zukunft wird viele Farben haben. Eine wird rot sein, rot wie die Punkte, die auf der Landkarte aufpoppen werden und daneben werden Städtenamen stehen, die wir alle tagelang lustvoll schaudernd als Synonym für Unbedachtsamkeit verwenden werden, weil dort das Virus ausbrach, in Fabriken, in Wohnblöcken, in Schulen, Göttingen, Gütersloh, Magdeburg.

Die roten Punkte und die temporär ins Bewusstsein des Landes rückenden, mittelgroßen Städte werden uns begleiten, bis ein Impfstoff gefunden sein wird. 365 Tage lang Detmold, Wernigerode, Erlangen.

Vielleicht auch Weimar. Weimar, das seit fast einem Monat keine neue Infektion hatte, keinen Todesfall bisher, insgesamt 69 ehemalige Infizierte, in den umliegenden Kreisen sind die Zahlen ähnlich, in ganz Thüringen etwa ein Zehntel der Infizierten wie in Schlachterei Tönnies. Weimar, das als eine der ersten Städte die Gastronomie wieder öffnete, Weimar, das so gut wie keine Erfahrung mit dem Virus gemacht hat, Weimar, das ein sicherer Ort war und sich deshalb in Sicherheit wiegt, Weimar, eine Gegenwelt zu den sich täglich übertrumpfenden globalen Zahlen.

Ist davon auszugehen, dass dies zu bleibt? Dass keine Touristin aus Göttingen, Gütersloh, Magdeburg fünfzehn Minuten am Grill mit dem Rostbratwurstverkäufer steht, dass das Virus weiterhin einen Bogen schlägt um die Ilm? Und was, wenn Weimar trotz der sicheren vier Monate einmal ein roter Punkt sein wird, wenn Freunde und Verwandte besorgt anrufen und fragen: »Hats Euch auch erwischt?«, wenn die Bundeswehr Massentests auf dem Stéphane-Hessel-Platz vor dem Bauhaus-Museum macht? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bilder ausbleiben?

Ansonsten: Aufgrund steigender Infektionszahlen schottet die britische Regierung Leicester ab. Am New Yorker Broadway werden alle Vorstellungen für den Rest des Jahres abgesagt. Die isländische Regierung rät ihren Einwohnern, gegen Berührungsmangel und Einsamkeit in Coronazeiten Bäume zu umarmen.

29. Juni | Ischgl. Das Unglück der 15 Prozent

Vor drei Monaten schaue ich eine Dokumentation über Ischgl. Die Dokumentation zeigt ein Dorf, das vom Wintersport nicht nur lebt, sondern sich komplett darin verloren hat. Im Zentrum steht die Seilbahn, die wichtigsten Männer des Dorfes verdienen daran, sie entscheiden im Gemeinderat über das Wohl des Dorfes, Seilbahnprofiteure ausschließlich. Die Dokumentation zeigt die Feiernden, sie zeigt das Saufen, sie zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der Après-Ski die Welt um sich herum vereinnahmt. Wenn die Hölle gefriert, sieht sie aus wie Ischgl im Winter. Weil die Doku das zeigt, zeigt sie, weshalb das Virus alle Freiheiten genoss und von hier aus europaweit durchstarten konnte.

Vorgestern lese ich einen Text über Ischgl. Dort steht, dass bei über vierzig Prozent der Bewohnerinnen Antikörper vorhanden sind, sie sich mit dem Virus infizierten. Von diesen vierzig Prozent haben 85% keine Symptome gezeigt. Das Virus hat ihnen nicht nur nicht geschadet; sie haben es nicht einmal bemerkt.

Letztere Zahl ist nicht erstaunlich. Sie bestätigt, was von Anfang an Wissen war: Die überwiegende Mehrzahl hat vor SARS-CoV-2 nichts zu befürchten. Es sind glückliche 85 Prozent. Und inwieweit sie bereit sind, das Unglück der 15% zu mindern, ist eine der Grundfragen der Pandemie, von Beginn an war sie das.

Später erzähle ich in größerer Runde von diesem Zahlen. »Interessant«, ist eine Antwort, »Aber müsste man dann nicht noch mal über die Gefährlichkeit des Virus nachdenken? Was ist denn mit denen, die Herzinfarkte oder Krebs bekommen? Wo ist die Solidarität mit denen?«

Ich weiß, was ich darauf zu sagen habe, nenne auch einige der argumentativen Entgegnungen. Dennoch beschäftigt mich der Gedanke, diese Frage nach den 15% der Unglücklichen bei jeder Sache, länger, vielleicht, als sie das sollte. Oder nicht.

Ansonsten: Österreich führt verpflichtende Coronatests für Reisende aus Gütersloh ein. In Indien werden 10000 Betten aus Kartons in Krankenhäusern aufgestellt. Die Zahl der Coronatoten übersteigt die halbe Million. Reportage: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik.

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Coronamonate. Mai.

31. Mai | Alles andere

Gestern kein Eintrag, weil ich dachte, es gäbe nichts zu berichten. Dabei passiert gerade so viel: Raketenstart, Unruhen in Hongkong, vor allem die Proteste in den USA. Doch haben all diese Geschehnisse nichts mit dem Thema zu tun, das seit drei Monaten alles andere beiseitedrängt.

Ich bemerke, dass ich alles, was passiert, unter dem Gesichtspunkt betrachte: Was hat das mit dem Virus zu tun? Das liegt auch an diesen Notizen. Ich scanne die Wahrnehmung meiner eigenen kleinen und die der großen Welt und ignoriere, was nicht zu verwerten ist, was nicht auf das Paradigma passt, das ich seit drei Monaten über alles lege. Alles andere wird zweitrangig.

Dabei entgehen mir Zusammenhänge. Das Größte, was geschehen kann – der Mensch bricht zu fremden Sternen auf – ist mir eine Randnotiz. Es ist mir die Mühe nicht wert, in Erfahrung zu bringen, warum die Menschen in Hongkong auf die Straße strömen und wie erfindungsreich sie das tun, weil ich lieber über den Methoden der Bild-Zeitungen brüten möchte.

Ich sehe nicht das Video an, das eine weiße Frau zeigt, die einem schwarzen Mann droht, die Polizei mit einer Lügengeschichte zu rufen, in vollem Bewusstsein, was das für Folgen für ihn haben könnte. Ich sehe nicht das Video an, in dem ein weißer Polizist viele Minuten auf dem Hals eines schwarzen Mannes kniet, so lange, bis der Mann gestorben ist, der Polizist gefilmt, wohlwissend, dass dieser Mord keine Konsequenzen für ihn haben wird, dieser gefilmte Mord vor aller Augen stellt kein Gefahr für den Mörder da. Ich sehe nicht zu den Protesten, der Wut und ihrer Größe.

Dann sehe ich, dann lese ich, dann höre ich.

Und während ich das tue, verstehe ich das meiste weiterhin nicht, aber doch manches mehr. Es ist niederschmetternd, es ist genauso verzweifelt und hoffnungslos wie die vielen Male davor und während ich das fühle, beginne ich, entgegen jeder bewusster Absicht, Verbindungen zur Pandemie zu ziehen, denke an die erhöhten Todesraten in bestimmten Bevölkerungsgruppen, die im Zuge der Pandemie ausgeweiteten Machtbefugnisse von Autoritäten, die Gewissheiten, die die Pandemie hinweggefegt hat und dass es so selbstverständlicher geworden ist, das Bestehende in Frage zu stellen, vermute wider besseren Wissens: Ohne die Pandemie wäre vielleicht das gleiche geschehen, aber nur mit der Pandemie geschieht es weiter, wie es gerade weitergeschieht.

Ansonsten: Die Stadt München verbietet auf Coronakundgebungen das Tragen von gelben Sternen, mit denen Demonstranten gegen eine vermeintlich drohende Impfpflicht protestieren. Sicherheitsexperten warnen vor einem dreihundert Euro teurem Anti-5G-Stick, der nur ein leerer 128 MB USB-Stick ist. Laut einer Untersuchung war während des Lockdowns das Fahrrad zeitweise das am häufigsten benutzte Verkehrsmittel, noch vor dem Auto.

Um den Abstand zwischen Gruppen zu gewährleisten, werden in Parks mit Rasenmarkierfarbe weiße Kreise auf die Wiesen gemalt. Der dänische Fußballklub Aarhus GF schaltet während eines Geisterspiels Fans auf mehreren großen Leinwänden zu. Die weltweite Infiziertenzahl steigt über sechs Millionen.

29. Mai | Unkenrufe

Neben vielem anderen offenbart die Pandemie auch die jeweilige Haltung zur Welt und den Dingen: wer geht vom Besten aus, wer lässt es eher locker angehen, wer schaut rational, wer vorsichtig, wer skeptisch, wer vermutet hinter allem, was geschieht, böse Absichten – jeder wird sich in der Pandemie irgendwann einmal bestätigt finden. An diesen ausgewählten Momenten, in denen sich Annahme und Wirklichkeit kurzzeitig übereinanderschieben und dann synchron erscheinen, lässt sich die Bestätigung für das eigene Weltbetrachtungsmodell ableiten.

Ich jedenfalls halte es so und sehe ich mich deshalb oft bestätigt. Ich beende Gespräche mit einem Satz wie »In zwei Wochen ist dann Lockdown« oder »Wir sehen uns in der Zweiten Welle.« Von den täglich neu bestimmten Reproduktionszahlen schreibe ich, wenn sie über 1 liegen, nicht, wenn sie darunter sind. Lokalen Infektionsausbrüchen messe ich besondere Bedeutung zu, weil sie mir Indiz sind dafür, dass die Sache mit der Lockerung nicht aufgeht.

Die Pandemie zeigt mir: Tendenziell gehe ich vom möglichen Katastrophalen aus, davon, dass das Gewarnte passiert, im Spektrum orientiere ich mich unterhalb der X-Achse. Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Es ist der Ton, der in den Beobachtungen hier und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen klingt, so sind sie einzuordnen.

Gerade wird diese Weltsicht ganz schön auf den Prüfstand gestellt. Wissenschaftler sprechen davon, dass Deutschland ohne zweiten Lockdown und ohne zweite Welle davonkommen, dass die Pandemie auch ohne Impfstoff beendet werden könnte. Die Zahlen geben dem recht, denn trotz Lockerungsmaßnahmen steigen – bis auf wenige regionale Ausnahmen – die Infektionszahlen nicht. Das sind gute Nachrichten für Menschen und schlechte für Pessimisten. Aber die rechnen ja sowieso mit nichts anderem.

Noch ein Nachtrag zu gestern. Ein Interview mit Christian Drosten wird ab morgen Titelgeschichte des Spiegels sein. Darin erklärt Christian Drosten auf die Frage, ob er sich mit den selbstlosen Mentorenprototypen Gandalf oder Obi Wan Kenobi vergleichen würde: »Wer ist das? Ich kenne die Figuren nicht.« Zur Bild-Zeitung sagt er: »Sollte ich mich fürchten? … In meinem Alltag kommt die Bild-Zeitung nicht vor.« Und zu Bild-Chef Julian Reichelt: »Wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag.«

Besonders die letzten beiden Antworten sind in ihrer trocken vorgetragenen Unkenntnis wunderbar. Das Prinzip der Bild-Zeitung beruht darauf, dass Menschen Angst vor ihr haben und die Bild deshalb über sie verfügen kann. Wenn jetzt jemand kommt und sagt, die Bild sei ihm unbekannt, interessiere ihn nicht, spiele auch keine Rolle in seinem Leben, dann muss dieses Angstprinzip ins Leere laufen. Das ist die Pflicht. Die Kür ist, der Bildchefredaktion, die für sich gar nicht so heimlich in Anspruch nimmt, Mitbestimmen zu wollen, ins Gesicht zu sagen, euch kenne nicht ich, ihr seid zu unwichtig für mich. Das ist Drostens nächster Mic Drop.

Natürlich ist es dann doch nicht so einfach. Die Titelgeschichte ist mit den Worten überschrieben: »Verehrt und Verhasst – der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten.« Und da reibt sich die Bild-Chefredaktion doch wieder die Hände: Weil es die Wissenschaft in eine Glaubensfrage überführt, so, wie es von Anfang an intendiert war.

Ansonsten: Laut Statistischem Bundesamt sind im April in Deutschland acht Prozent mehr Menschen als im Schnitt der vier Vorjahre gestorben, ein Zusammenhang der Entwicklung mit der Corona-Pandemie sei naheliegend. Laut einer Umfrage findet eine Mehrheit der Deutschen Maskenpflicht fairer als eine freiwillige Regelung. Während eines Gottesdienstes in einer Bremerhavener Pfingstgemeinde haben sich 44 Menschen infiziert, hundert sind in Quarantäne.

Nachdem sie einen Laborassistenten angegriffen haben, entkommen mehrere zu Testzwecken mit Corona infizierte Affen aus einem indischen Labor, was in etwa die Prämisse der beiden dystopischen Filme 28 Tage später und 12 Monkeys ist. Knuffelberen als Werbeträger für einen wiedergeöffneten Vergnügungspark:

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Coronamonate. April.

30. April | Handgemenge

Draußen heute eine selbstbewusste Aggression ausgewählter Mitmenschen. Selbstbewusstes Nichttragen von Schutzmasken in schutzmaskenpflichtigen Bereichen in Verbindung mit triumphierenden Blicken zu den Schutzmaskentragenden. Selbstbewusstes Drängen von Einkaufswagen gegen Einkaufswagen in Verbindung mit asozialem Kassenschlangenverhalten. Selbstbewusstes Draufzufahren auf grüne Fußgängerampeln. Auf ein Niesen ein herzhaftes »Corona« entgegnen. Vermutlich, weil alle ahnen, dass der letzte Tag dieses Monats nichts zum Abschluss bringen wird, dass die Handgemenge zunehmen werden.

Ansonsten: Selbstbewusst fordert die deutsche Autoindustrie vierstellige Kaufprämien ein und hält den Verzicht auf Dividendenausschüttungen für eine »schlechte Idee«. Das Gesundheitsministerium stellt die Einführung von Corona-Immunitätsausweise in Aussicht. Laut einer Studie der Charité ist die Viruslast bei Kindern und Erwachsenen gleich hoch. Die Bundesagentur für Arbeit meldet zehn Millionen Kurzarbeitende, dreißig Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmerinnen.

Beim Besuch einer Klinik trägt US-Vizepräsident Mike Pence als einziger keine Atemschutzmaske. Aufgrund des Sicherheitsabstandsgebots verwandelt sich ein Stripclub in Oregon in einen Drive-In-Stripclub. Herausgeberinnen wissenschaftlicher Zeitschriften vermelden, dass Einreichungen von Männern in den vergangenen Wochen um 50 Prozent gestiegen sind, während Wissenschaftlerinnen kaum noch Texte vorlegen.

Weil nicht sicher ist, wann die Kinos wieder öffnen, dürfen die Oscars im nächsten Jahr auch an nur gestreamte Filme verliehen werden. Die französische Liga wird abgebrochen, einige Vereine liebäugeln damit, einige Spiele trotzdem im Ausland, in Deutschland auszutragen.

Auf der Titelseite der Financial Times erscheint die Meldung, dass Nook, der Waschbär-Banker in dem in Coronazeiten zu besonderer Popularität gelangtem Computerspiel Animal Crossing die Zinsen gekürzt hat und die Spieler somit gezwungen sind, mit Rüben und Taranteln zu spekulieren.

29. April | Der Virologe als Feindbild

Ich sehe den Virologen. Er sitzt in einer Talkshow. Er spricht mit der Sprecherin einer Nachrichtensendung. Er gibt einer Zeitung ein Interview. Ich höre seine Stimme im Podcast.

Der Virologe (ich schreibe in der männlichen Form, weil ich Virologinnen kaum sehe) ist meine kürzeste Verbindung zum Virus. Er ist am nächsten dran am Virus. Weil ich nichts über ein Virus weiß, übersetzt er sein Wissen so, dass ich verstehen kann. Es ist eine Art Paradoxon. Als Forscher sollte er forschen. Doch wenn er nicht erklärt, bleibt sein Wissen ohne Folge. Also erklärt er. Und während er erklärt, kann er nicht forschen.

Der Virologe ist ein Überbringer schlechter Nachrichten. Er erklärt, wie das Virus zerstört. Er erklärt, wie sich das Virus verbreitet. Er erklärt exponentielles Wachstum. Er erklärt, weshalb Kinder genauso Überträger sind wie Erwachsene. Er erklärt, was es braucht für einen Impfstoff.

Der gute Virologe ist Wissenschaftler. Bis er eindeutig sein kann, vergeht Zeit. Er liest Studien (gut gemachte und schlechte) und schlussfolgert, er testet und entdeckt und entdeckt nicht, er probiert Thesen aus und verwirft, er nähert sich, interpretiert Zahlen und erstellt Modelle, rechnet durch und extrapoliert. Er widerruft und bessert nach, legt nach und ergänzt. Auf vieles kann er heute keine unumstößliche Antwort geben, nur die aktuellen Erkenntnisse in den Raum stellen, sie können das Gegenteil voneinander sein.

Viele halten diese Uneindeutigkeit nicht aus. Sie erwarten, dass er sich breitbeinig hinstellt und einen Satz sagt, der alles für immer erklärt und der klare Handlungsanweisungen enthält. Sie erwarten, dass er die vielen Leerstellen seines Wissens selbstbewusst ignoriert, sie erwarten von ihm die Wahrheit und das jetzt. Wenn der Virologe ein guter Wissenschaftler ist, wird zu diesen Leerstellen stehen, er wird sie zum Zentrum seiner Aussagen machen, er wird sich nicht breitbeinig in die Talkshows setzen, er wird nicht vorgeben, zu wissen, was noch nicht gewusst werden kann.

Der Virologe wird beschimpft. Politiker beschimpfen ihn, Philosophen, Theaterregisseure, die Frau auf der Straße. Sie nennen ihn Meinungsänderer, Teil einer Expertokratie, von einer Unterwerfung unter Dekrete von Virologieprofessoren sprechen sie, sagen, sie können sich nicht auf ihn verlassen, was der macht eigentlich den ganzen Tag, warum weiß er das nicht. Dem Virologen wird gedroht, mit Mord wird ihm gedroht, ihm, seiner Familie, der ganzen Zunft. Hasserfüllt sind die Botschaften an ihn, er wird zum Symbol für alles, was falsch läuft, was als falsch empfunden wird.

Jeder sucht sich seinen eigenen Virologen, dem, dem man sein Vertrauen schenken kann. Viele wählen für dieses Vertrauen Menschen, die keine Virologen sind, keine Epidemiologen, keine Wissenschaftler. Sie suchen Wissenschaftler, die nicht wissenschaftlich arbeiten, sie suchen Antworten bei youtubechannels, die ihnen der Onkel der Bekannten der Nachbarin bei WhatsApp empfohlen hat, weil dort gesagt werde, was sonst nicht mehr gesagt werden dürfe.

Es gibt viel Wissen, noch mehr Halbwissen, noch mehr absichtlich produziertes Unwissen. Für jedes Weltbild gibt es eine Quelle, jede Theorie den entsprechenden Professor, für jede Mutmaßung einen Experten, der die eigene Annahme bestätigt. Es gibt viel mehr Ken Jebsens als Virologen, viel mehr Facebookkommentare als Papers, viel mehr privat gerauntes »Ich habe gehört, dass« als Studien. Der Wirtschaftsverband hat seinen Virologen, der DFB einen, Armin Laschet hat einen, alle haben einen.

Der Virologe sitzt in der Talkshow, er spricht in Interviews und veröffentlicht. Während er erklärt, wird er zum Feindbild.

Ansonsten: Die Forschungsorganisationen Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft veröffentlichen ein gemeinsam verfasstes Papier, das Strategien zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie enthält. Ein Grund ist auch, dass es so einen Standpunkt definiert, den die wichtigsten wissenschaftlichen Institutionen gemeinsam tragen, dass sich so sagen lässt: Das ist nicht die Ansicht einzelner Wissenschaftler, das ist die Ansicht der Wissenschaft.

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Coronamonate. März.

31. März | der längste März von allen

Ich kaufe »Der Spiegel«. Am oberen Rand fast jeder Seite, dort, wo sonst das Ressort vermerkt ist, steht in einem roten Kästchen mit roter Schrift: Coronakrise. Bis auf vier Ausnahmen handeln alle Artikel aller Ressorts von der Pandemie, ein monothematisches Wochenmagazin. Die Ausnahmen sind: Woody Allen, Cum-Ex, der AfD-Flügel und der geheime Dienstkalender Heinrich Himmlers.

Ansonsten: In Nevada werden auf einem Parkplatz sogenannte Social-Distancing Boxes gemalt, in denen Obdachlose in dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zueinander schlafen können. Jena führt eine Mundschutzmaskenpflicht ein. In Sachsen droht ein Bußgeld in Höhe von 150€ beim Verlassen der Wohnung ohne triftigen Grund. Das Bundesgesundheitsministerium bittet darum, morgen auf Aprilscherze zu verzichten, weil Falschmeldungen zur Verunsicherung beitragen können. Die Bayreuther Festspiele 2020 werden abgesagt.

Heute geht der zweite Coronamonat vorbei, der längste März von allen. Die Tage verklumpen, die Welt schrumpft, es ist gut, schreiben zu können.

30. März | Abkürzung der Realität

Ein Bekannter, der ansonsten kaum aktiv auf FB ist, postet innerhalb weniger Minuten mehrere Links zu Texten und Videos, die alle eins zum Inhalt haben: Covid19 sei nicht gefährlicher als die übliche Grippewelle. »Die Angst vor dem Coronavirus ist weit überzogen.« & » Momentan sehe ich in der Öffentlichkeit eine große, weitgehend unkritische Einigkeit: Mach, was Mutti sagt.« & » Uns wird suggeriert, dass Opa tot umfällt, wenn wir nur die Haustür aufmachen, „Stay at home“, das neue Mantra, dem alle zu folgen haben« etc.

Es ist nicht viel, was ich dabei fühle, aber zumindest Irritation. Irritation darüber, dass diese Bewertung der Pandemie immer noch existiert, dass die vergangenen Wochen, die Bilder, Texte, Videos, Augenzeugenberichte tatsächlich ignoriert werden können, dass der Glaube besteht, es gäbe eine Wahrheit, die im Gegensatz zur Realität stehen könnte und diese »Wahrheit« zwingend vermittelt werden müsste.

Auch von anderen Seiten Fragen, wie man mit Freunden, Bekannten, Arbeitskolleginnen, Familienmitgliedern umgeht, die Wodrag-Videos teilen, die von zionistischen Entwicklern, Biowaffen, US-amerikanischen Militärlabors schreiben, davon, dass das Virus aus kommerziellen Gründen für angeblich patentierte Impfstoffe in Umlauf gebracht worden sei. Die schreiben: Der wahre Grund der Erkrankungen sei nicht etwa ein Virus, sondern 5G-Strahlung! Die, für die der Hashtag Coronavirustruth Berufung îst.

Verschwörungstheorien sind wie Abkürzungen für jene, denen die Realität zu mühsam ist. Vielleicht kann ich auch das Bedürfnis nachvollziehen, glauben zu wollen, es gäbe einen Plan hinter der Pandemie, weil die Pandemie alle gemachten Pläne egalisiert. Weil es so schlimm ist, glauben zu wollen, es wäre nicht so schlimm. Besonders schwer zu ertragen muss der Zustand für alle sein, die stets anti sind und die sich jetzt mit einer Realität konfrontiert sehen, in der anti keinen Platz mehr hat.

Und ist es nicht immer einfach, das zu erklären, die manchmal gar nicht so leicht zu erkennenden Trennlinien zu finden zwischen dem, was notwendig ist, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und dem, was die Gesellschaft auf andere Weise gefährdet. Die Unterschiede zwischen StayAtHome und einer möglichen Willkür der Polizei bei all den Beschränkungen, dem Mundschutzzwang und dem dauerhaften Tracken von Handydaten, einer Schließung von Geschäften und dem Erlassen von Gesetzen, die es einem Regierungschef ermöglichen, auf unbegrenzte Zeit und ohne parlamentarische Kontrolle mit Verordnungen zu regieren.

Ansonsten: Ungarn beschließt ein »Notgesetz«, dass dem Präsidenten nahezu uneingeschränkte Macht einräumt und Kritiker dauerhaft in Gefängnis bringen kann, natürlich die Blaupause einer Diktatur, in einem Staat der EU. Twitter löscht zwei Tweets des brasilianischen Präsidenten, weil sie die Gefahren durch die Pandemie leugnen.

Der amerikanische Präsident spricht von zwei Millionen möglichen Toten, hunderttausend wären ein Erfolg, es ist die einzige Exit-Strategie, die er hat. In einem Tweet lobt er sich, da seine täglichen Pressekonferenzen höhere Einschaltquoten als der Bachelor haben. In New York läuft ein Sanitärschiff des Militärs ein, der Bürgermeister sagt, dass es eigentlich 40 Schiffe dieser Größe bedürfe. Im Central Park werden Krankenhauszelte errichtet. Überraschend werden fünftausend Atemmasken in der Krypta der Washington National Cathedral gefunden.

Österreich verhängt eine Mundschutzpflicht für den Einkauf im Supermarkt. Eine im April in China startende Rakete wird auf der Außenhülle ein Bild tragen, das das medizinische Personal in Wuhan im Kampf gegen den Virus zeigt. Ab 1. April erhebt DHL einen Krisenzuschlag von 16€ pro Paket in die USA. Ein australischer Astrophysiker wird ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem Magnete in seiner Nase steckenblieben, als er versuchte, ein Gerät zu erfinden, das Menschen davon abhält, ihre Gesichter zu berühren.

Artikel spielen Geisteswissenschaften gegen Naturwissenschaften aus. Der Verein Deutsche Sprache e. V. schreibt: »In Deutschland werden Milliardenbeträge für den Genderunfug ausgegeben. Diese Gelder fehlen Krankenhäusern oder den naturwissenschaftlichen Uni-Fakultäten – zum Beispiel in der Virusforschung«. Armin Laschet setzt den Mundschutz falsch auf und korrigiert sich kurz darauf auf Twitter. Der Formel1-Rennstall Red Bull dachte darüber nach, Fahrer absichtlich zu infizieren. »Das ist nur im kleinen Kreis besprochen und nicht positiv aufgenommen worden«, sagte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko. Unter Arbeitstitel Bachmannpreis digital soll eine Arbeitsgruppe in den nächsten Tagen ein Konzept eines »digitalen Bachmannpreises« ausarbeiten.

29. März | GLG

Heute ein erster, wirklicher Lagerkoller, ein Tief, dem Regen geschuldet, dem Ende der zweiten Woche erst, der Ahnung, dass viele folgen werden. Ich will wenig schreiben, wenig erfahren, von dem, was geschieht. Ich lese: »It’s a trauma response. Because you can’t fight the virus actively, and because you can’t run away from it, your body is going into “play dead” mode.«

Lese auch: »Falls ihr euch stresst, weil zB Homeoffice einfach nicht laufen will: Wir haben eine globale Pandemie. Beschränkung von Grundrechten. Wirtschaftsschmelze. All das vor dem Hintergrund der Klimakrise.«

Gegen Mittag wird der Tod des hessischen Finanzministers, des designierten hessischen Ministerpräsidenten, vermeldet. Im Abschiedsbrief soll die Rede sein von »Aussichtslosigkeit«, »bezogen auf die wirtschaftliche Lage des Landes« sehe, mit dem Vermerk: »Ob dies allerdings mit konkreten Ängsten in Bezug auf den Coronavirus zusammenhänge oder eher allgemeiner Art gewesen sei, das sei auch für die Ermittlungsbehörden derzeit nicht ersichtlich.« Fast augenblicklich drängt sich der Gedanke an den Werther-Effekt auf und ebenso augenblicklich fühlt es sich schäbig an, diese Verbindung gezogen zu haben.

In nahezu jeder Mail, die eintrifft, am Ende fast jeden Telefonats, anstatt Tschüss oder Bis bald steht nun, wird nun gesagt: Bleib gesund. Es ist das Mit freundlichen Grüßen, das Liebe Grüße, das GLG dieser Monate.

Ansonsten: In Indien ist eine Ausgangssperre für 1,3 Menschen verhängt. In Süditalien soll der Geheimdienst vor sozialen Unruhen warnen. Mobilfunkanbieter stellen kostenlos vergrößerte Datenpakete zur Verfügung. In der #BundesligaHomeChallenge duellieren sich Profifußballer auf der Konsole. In Aachen klagt ein Mann gegen die erlassenen Kontaktverbote. In der Weimarer Humboldstraße werden Briefe in die Briefkästen eingeworfen, die besagen, dass die Hausbewohner zwei Wochen in Quarantäne bleiben sollen.

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Coronamonate. Februar

29. Februar | Indien in der Rhön

Gestern eine Lesung in einem kleinen Dorf in der Rhön, 65 Einwohner. Der Ort liegt am Ende eines Tals, nur eine Straße führt hinein. Schnee ist gefallen, die Welt ist still und sehr weit weg. Der Ort selbst scheint von Haus aus schon in Quarantäne zu liegen. Hier sind wir sicher. Aber natürlich: Wir sind hier.

Wir sind eine Stunde gefahren, kommen aus einem anderen Landstrich, können den Erreger längst in uns tragen und genau an diesem Abend verbreiten. Einer der Anwesenden hat heute ein Auto aus Fürstenwald geholt, 130 km entfernt liegt das. Wie könnte man annehmen, ein Ort wäre geschützt? Nach der Lesung sitzen wir mit dem katholischen Pfarrer zusammen. Er stammt aus Indien, ist letztes Jahr nach Deutschland auf Mission gekommen. Wir sprechen über das Kastensystem, die aktuellen, politisch initiierten Morde an Muslimen, von Schlangen am Feldrand, Tamil, ein kleines Dorf am Ende eines Tals, mitten in der Welt.

 

26. Februar | Händewaschen

Das Bedürfnis ist da, sich über Händewaschen zu informieren. Eigentlich sollte es ja bekannt sein, wie man sich die Hände ordentlich reinigt. Offensichtlich ist das doch etwas komplizierter. Ich sehe das Video einer iranischen Ärztin, die ihre Hände mit Farbe einreibt und daran zeigt, welche Stellen man leicht übergeht (Handrücken, Fingerzwischenräume, Fingernägel). Faust(!)regel: dreißig Sekunden einseifen, reiben, abwaschen. Nehme mir vor, dies – anders als nach Zahnarztbesuchen, nach denen man sich aus schlechtem Gewissen vornimmt jetzt, aber wirklich jedes Mal gründlich zu putzen und dieser Vorsatz dann doch im Alltag verloren geht – umzusetzen.

 

25. Februar | Atemschutzmasken

Zumindest ein Informieren über Atemschutzmasken. Weder schützen sie mich oder andere. Erst ab einer bestimmten Preisklasse entsteht ein gewisser Schutz. Die Atemschutzmasken aus Papier verhindern höchstens, dass man sich ins Gesicht fasst und damit Krankheitserreger von der Hand an Mund oder Tränenkanal überträgt. Ich denke an die Fotos der letzten Wochen, mit denen der Coronaausbruch in Wuhan, wie überhaupt die meisten Texte über Viren, bebildert werden: Menschen mit Atemmasken. Was die Fotos damit sagen: So ist Schutz eine Illusion.

 

24. Februar | Scham

Ich stehe vor der Apothekerin und schäme mich. Eben habe ich nach Atemschutzmasken gefragt. Ihr Blick scheint zu sagen: »Wieder einer von denen.« Sie meint, sie habe zwei Marken im Angebot und beide würden nicht vor einer Infektion schützen. Wofür ich die denn brauche? Wegen der Grippe und dass man sich zuhause nicht ansteckt, Kleinkind, Sie verstehen, lüge ich, weil es selbstverständlich um Corona geht.

An diesem Morgen habe ich Hamsterkäufe beschlossen. Ich las von Wuhan, welches immer noch genauso weit weg ist wie seit einigen Wochen und ich las von Italien, was viel näher liegt und las Einschätzungen von Experten und musste zu dem Schluss kommen, dass die Veränderung der Situation hier sehr wahrscheinlich ist. Daraus die Folgerung, für eine mögliche Verknappung von Lebensmitteln gerüstet sein zu müssen, ergo Hamsterkäufe, auch in medizinischer Hinsicht.

Nun stehe ich der Apothekerin gegenüber und weiß, dass ich im Grunde nicht bereit dafür bin. Intellektuell und emotional. Ich weiß kaum etwas über die Funktionsweise von Atemschutzmasken und fühle mich wie ein Prepper, ein Panikmacher, einer, der Lust hat an der Katastrophe. Schließlich nehme ich einen 10er Pack der günstigen Marke, dazu eine kleine Packung Desinfektionstücher und verlasse die Apotheke.

Anschließend im Supermarkt erscheint mir das Vorhaben weiterhin absurd. Soll ich tatsächlich Toilettenpapier, Reissäcke und 25kg Mehl in den Wagen packen? Ich stehe vor den Dosensuppen und denke: Wenn ich falsch liege, dann werde ich das nächste halbe Jahr schlechte Gulaschsuppe essen müssen. Der Form halber kaufe ich zwei Packungen Spagetti und ansonsten leicht verderbliche Nahrungsmittel, die innerhalb zwei Wochen verzehrt werden müssen. Um die Inkonsequenz perfekt zu machen, gehe ich nachmittags erst zu einem Kinderfasching und anschließend auf ein Konzert ins Theater.

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