Weimar, Kabul

Wir fahren mit N. zu einem Handballspiel. N. kommt aus Kabul. In Afghanistan hat er Politik studiert. Nach mehreren Mordanschlägen auf Kommilitonen gibt er das Studium auf. Danach arbeitet er fürs Fernsehen – auch für afghanische Ableger europäischer Sender –, trainiert einen Fußballverein, engagiert sich im Nachwuchsbereich. 2015 kommt er nach Deutschland, lebt jetzt in Weimar.

Es ist sein erstes Handballspiel. In der Halle macht er Selfies mit einer Nationalspielerin, Fotos und Videos, die er auf Facebook teilt, wo sie umgehend kommentiert werden.

N. hat Sprachkurse besucht. Ab und an fragt er nach Wendungen, bittet um Korrektur seiner Aussprache, seiner Wortwahl. Er hat Abitur, sucht eine Arbeit. Gefunden hat er bisher keine. Für einen lokalen Radiosender hat er Beiträge gemacht, war auf Workshops in Schulen dabei. Ansonsten – nichts.

Arbeiten will er, etwas tun. Für eine Arbeit, eine Ausbildung muss er tagsüber verfügbar sein. Tagsüber sind Kurse, Gänge zu den Ämtern. Auf die Ämter muss er oft, viele Stellen mit verschiedenen Zuständigkeitsbereichen.  Er muss selbst einen Weg finden, durch die Gespräche, das Amtsdeutsch, die Zuständigkeiten, die Nichtzuständigkeiten. Eine Streetworkerin unterstützt ihn dabei, beide sind nach Monaten ergebnisloser Suche ernüchtert und frustriert. Weiterlesen

Blut spucken im Supermarkt

supermarkt

Weimars schönster Supermarkt befindet sich im Kellergeschoss des  ehemaligen Gauforums. Kürzlich wurde umgestaltet. Ein Optimierer kam und setzte neuste Erkenntnisse über das Kaufverhalten der Deutschen praktisch um. Gern wäre ich dabei gewesen, als er sagte: Im Obst- und Gemüsebereich braucht es vulkangesteinsimulierende Bodenbeläge! Fleisch und Käse ans weit entfernte Supermarktende! In Gangmitte die sinnlichen Gewürze! Den nutzlosen Plastikschnickschnack in den Teil, durch die Kunden sowieso müssen!

Der Supermarkt ist nun optimiert. Aus versteckten Lautsprechern plätschern gefällige Radiomelodien, Leuchtstoffröhren dimmen Wohlgefühl auf die Netzhäute, die Räder der Wagen drehen sich widerstandslos und führen wie von selbst zu den benötigten Produkten. Mehr als zuvor ist der Supermarkt eine Fruchtblase, welche die Keime der feindlichen Welt vom Konsumenten fern hält.

Nur in einem Bereich nicht. Denn in jedem Paradies gibt es eine Stelle, an der die Grenze zur Hölle durchlässig ist. Weiterlesen

Mäher von Wiesen

Kürzlich habe ich eine Wiese gemäht. Dabei befremden mich gemähte Wiesen. Den Mähern von Wiesen unterstelle ich Biedermeierkeit, ein deutsch-englisches Getue, ein Spießertum, das überstehende Halme pingelig mit der Nagelschere stutzt und sich dann so befriedigt auf die gut geölte Hollywoodschaukel setzt, um von dort aus den schönen, aber nun leblosen Rasen begutachtet und sich im gleichen Atemzug über den nachlässigen Nachbarn erregt.

Nichtsdestotrotz mähte ich. Es war ein zum Tal hin abfallendes Stück Land, Bäume standen dort und Bänke, es handelte sich um kein durchgehendes und damit einfach zu mähendes Wiesenstück. Der Rasenmäher war ein mittelschweres, mittelaltes und damit mittelmodernes Gerät. Strom kam durch ein Kabel, man musste achtgeben, dass beim Mähen das Kabel nicht unter die Scheren kam.

Zu Beginn ging es darum, eine Strategie für ein möglich effizientes, also kurzzeitiges Mähen zu entwickeln. Da es beim Mähen nur eine Strategie geben kann, mähte ich Streifen nach dem Zickzackmodus. Schnell stellte sich ein beglückendes Gefühl ein – jeder gemähte Streifen Rasen strahlte hell und zuversichtlich im gleißenden Sonnenschein heißer Sommertage. Der ungemähte Teil des Rasen dagegen erschien fehlerhaft, unzivilisiert und deshalb minderwertig. Dank des Mähens gab es eine klare Grenze zwischen gut und schlecht. Weiterlesen

Hinter diesen leeren Augen brennt eine Mülltonne. Links.

But based on history we are due another period of destruction, and based on history all the indicators are that we are entering one.
History tells us what may happen next with Brexit & Trump

Der Frage, wie man es verhindert, dass eine signifikante Anzahl von Menschen sich nicht zugehörig fühlt und radikalen Religionspredigern lieber folgt, als Fußball zu spielen, ein Bier zum Feierabend zu trinken oder auf eine Party zu gehen. Sogar sosehr, dass manche diese Dinge zerstören wollen. Dann sprechen wir nicht mehr von 10.000 Soldaten, sondern von 10.000 Sozialarbeiter_innen.
Zwei Gedanken zu Nizza

Wilders ist am offensichtlichsten verhaltensgestört. Irgendwo hinter diesen leeren Augen brennt eine Mülltonne.
Im siebten Stock der Hölle

Wenn ein Schiff mit Migranten im Mittelmeer versinkt, dann finde ich das eine gute Nachricht.
Der Hass im Netz Weiterlesen

ich wir sie die anderen

Ich fahre in einem Zug. Den Gang gegenüber sitzt ein Paar. Sie sind vielleicht Mitte Zwanzig. Es gäbe viel, was ich an ihnen beschreiben könnte. Ich beschreibe: Sie hat ein Tuch um ihren Kopf geschlungen, es verhüllt Teile ihres Gesichts. Der Mann hält die Fahrkarte in den Händen. Als der Schaffner erscheint, spricht nur der Mann. Sie vermeidet jeden Blick.

Ich weiß nichts von ihnen. Jede Annahme ist falsch. Sie kommen nicht von hier. Ich denke: Was, wenn sie fünfundzwanzig Jahre in einem kleinen Dorf weit in den Bergen gelebt haben und mit den Vorstellungen, die die Menschen in dem Dorf haben, aufgewachsen sind? Wenn daher ihre Werte rühren, ihre Sicht auf die Welt. Und was, wenn sie jetzt hier sind und bleiben werden wollen müssen? Und wir und sie feststellen, dass es Gemeinsamkeiten gibt und Unterschiede?

Die, die ich sehe, sind die Anderen. Weiterlesen

Theater in Weimar.

dnt weimar - diskussion

Wir sitzen im Deutschen Nationaltheater Weimar. Das allein ist schon eine Sensation. Denn das DNT existiert, wie jemand später anmerken wird, seit den Kreuzzügen. Dann kam die Entdeckung Amerikas, dann Goethe, dann Friedrich Ebert, dann die Nazis, dann der Sozialismus, dann der Kapitalismus.

Heute kommen der Oberbürgermeister und der Intendant, der Kulturminister und die Staatssekretärin ins DNT. Sie sitzen auf der Bühne und sprechen vor vielen Weimarern über die Zukunft des Theaters. Oder anders: So gut wie alle sprechen über die Zukunft des Weimarer Theaters. Der Minister spricht über die Zukunft der Theater in Thüringen.

Auch in Zukunft wird es Geld geben. Für Theater. Aber weniger. Oder mehr. Auf jeden Fall anders. Dafür reist der Minister in Thüringens Theaterstädte und spricht in den Theatern über die Zukunft dieser Theater. Jede Theaterstadt wird zu Recht erklären, dass gerade dieses eine Theater unverzichtbar sei; Arbeitsplätze, Stadtidentität, Lebensmittelpunkt, über Jahre gewachsenes Kulturbiotop, Integrationsarbeit, Bildungsort. Für Weimar und die Weimarer, wird in Weimar gesagt, sei das Theater die Seele der Stadt.

Schnell werden zwei Dinge klar: Weiterlesen

Miteinander reden am Wielandplatz

wieland (4) Da ist ein Platz in einer Stadt. Und der Platz liegt mitten in dieser Stadt. Am Abend kommen Menschen dorthin. Sie holen Bier aus dem angrenzenden Supermarkt, sie sitzen auf Steinbänken und sie reden miteinander.

Da sind Anwohner. Sie wollen schlafen, wenn es dunkel wird, weil sie am nächsten Morgen früh aufstehen müssen. Sie können nicht schlafen, weil sie hören, wie auf dem Platz Menschen miteinander reden.

Da sind Geschäftsleute und eines der Geschäfte ist ein Hotel und einigen Hotelgästen geht es wie den Anwohnern, sie können nicht schlafen und vielleicht bewerten sie deshalb das Hotel auf Portalen mit wenigen Sternen, weshalb sich zukünftig Gäste gegen einen Aufenthalt in diesem Hotel entscheiden könnten.

Da ist das Zitat einer Hoteldirektorin:

»Wer aber Weimar besucht, glaubt, eine Kleinstadt zu besuchen. Man erwartet keine belebte Piazza, in der auch nachts das Leben tobt. Gäste, die Weimar besuchen, kommen mit einer ganz anderen Vorstellung.« Weiterlesen