Coronamonate. Juli.

3. Juli | Schmach der Maske

Ein längeres Gespräch über Corona, besser: eine Diskussion. Mir gegenüber grundlegend andere Bewertungen: Grippe genauso gefährlich wie SARS-CoV-2, deutsche Schutzmaßnahmen maßlos überzogen, Heinsbergstudie seriös, Drosten Schaumschläger, viele nicht wegen, sondern mit Corona gestorben etc. Intensiv geführt und doch jenseits von Attilakäse und Xavier-Naidoo-Telegramchannel-Bräsigkeit, die Worte »billgates« oder »5G« werden nicht mal ansatzweise in den Mund genommen. Das Gespräch läuft und damit auf den Moment zu, in dem einer ruft: »Ich will diese verdammte Maske einfach nicht im Gesicht haben.«

Ich argumentiere: solidarischer Akt, fünfzehn Minuten am Tag wird das wohl möglich sein, Schutz ist in mehreren Studien nachgewiesen etc. Aber der Satz steht. Und sagt mir vielleicht viel mehr, als alles andere in diesem Meinungsaustausch.

ICH WILL DIE VERDAMMTE MASKE NICHT IM GESICHT HABEN

Die Maske ist aus Stoff und der Stoff sitzt auf der Haut, drückt dagegen, spannt. Die Maske reibt sich selbst unter der Nase. Sie ist ein penetranter Begleiter. Anders als der Sicherheitsgurt im Auto, der ebenfalls schützt und dabei auf den Körper drückt, lässt sich die Maske beim Tragen nicht vergessen. Ich atme ihren Stoff ein, den Geruch des Stoffes, schmecke den Stoff, spüre einschneidend die Gummibändchen, die Maskenränder schieben sich in mein Gesichtsfeld. Mehr noch: Ich muss entgegen meiner Überzeugung, dass die Maske sinnvoll ist, die Maske aktiv über mich legen, mich damit bedecken, muss mich dahinter verstecken.

Mit Maske kann ich der Welt nicht mutig oder verächtlich entgegentreten. Ich ducke mich hinter einem lächerlichen, weil unnützen Stück Stoff weg. Indem ich die Maske zeige, zeige ich jedem meine Konformität, ich, der eigenbestimmt über sein Leben entscheidet. Mit Maske gebe ich mich zu erkennen als jemand, der Autoritäten folgt. Dabei misstraue ich ihnen. Das lässt die Schmach des Maskentragens doppelt schwer wiegen: die Maske als Stigma und meine Schwäche, mich ihrer zu entledigen. Die Maske ordnet mich ein, sie zeigt jedem an, wo ich vermeintlich stehe, obwohl meine Geisteshaltung eine andere ist.

»Merkel-Burka« wird die Maske von wenigen genannt. Darin schwingen zwei als solche empfundene Schmähungen mit, zwei Worte, die in Verbindung mit Frauen gebracht werden, einmal die Herrschaft, einmal die Unterwerfung. Für jene, die diese Wortkonstruktion verwenden, muss die Coronamaske die beschämende Verbindung von beiden sein, verkörpert die Maske eine doppelte Unterordnung, eine Degradierung.

Im Gegensatz zu Gesetzen, zu Politikerinnenreden, zu Talkshowdiskussionen, zu wissenschaftlichen Studien und Newstickern ist die Maske etwas, das konkret ist. Die Maske ist konkret und ist konkret an mir dran. Ich kann sie greifen, sie greift mich an, wirkt auf vier von fünf meiner Sinnesorgane unmittelbar ein, behindert dabei mein Empfinden. Sie schränkt mich ein. Die Maske macht die Pandemie, die ich nur von Hörensagen kenne, wirklich. Sie ist die unmittelbarste Verdinglichung der fernen Pandemie. Sie ist das Form gewordene Absolute, mit dem Corona die Welt geißelt.

Ich teile diese Sätze nicht, habe diese Gefühle in überwältigender Mehrzahl nicht. Ich weiß, dass ich zuspitze und dass niemand, der die Maske ungern trägt (ich z.B.), alle Sätze genau so schreiben würde, bestenfalls in Ausschnitten. Aber durch den Satz ICH WILL DIE VERDAMMTE MASKE NICHT IM GESICHT HABEN sehe ich auf diese Weise darauf, zumindest für den einen Moment in diesem Gespräch, es hilft, dieses Sehen auf den Kern allen Unwohlseins.

Ansonsten: Laut einer Studie über die Ausbreitung von Aerosolen beim Singen sollte in Chören ein Abstand von zweieinhalb Meter zum Vordermann eingehalten werden. Elon Musk will Minifabriken zur Herstellung eines Coronaimpfstoffes bauen. Haustiere, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, müssen den Behörden gemeldet werden. Nach dem Ausschlag im April hat sich die Zahl der Sterbefälle in Deutschland wieder normalisiert. An der Universität von Alabama sollen sich Studenten zu Coronapartys verabredet haben; Wer sich zuerst ansteckt, gewinnt. Laut des Sprechers des Zweirad-Industrie-Verbands war Mai der stärkste Monat, den die Branche jemals erlebt habe. [Die nächsten Tage bleibt es hier still, weiter geht es nächste Woche]

2. Juli | Allheilmittel

Gestern die Nachricht, dass die amerikanische Regierung so gut wie alle Vorräte Remdesivir aufgekauft hat. Remdesivir ist die momentan erfolgsversprechendste Arznei gegen Covid19, da es die Genesungszeit um mehrere Tage verkürzen soll. Dieses Beispiel zeigt gut, wie der Markt alles regelt, besonders für jene, die es sich leisten können.

Jedenfalls die Frage: Was passiert eigentlich, wenn es ein echtes Heilmittel geben wird? Eines, das entweder Erkrankte heilt, oder, besser noch, wie sonstige Impfungen präventiv wirkt? In Contagion bringen am Ende der Geschichte Armeefahrzeuge das wertvolle Serum in festungsähnlich gesicherte Gebäude, die Ampullen liegen wie Diamanten in kleinen Köfferchen, betonen so die Kostbarkeit der lebensrettenden Objekte. Wie wird das in der realen Welt vonstattengehen, mit der man zwangsläufig auskommen muss?

Angenommen, es wird einmal dieses eine Allheilmittel geben und keinen Medikamentencocktail, keinen Wettstreit zwischen zehn Impfstoffen, unter denen man wie beim Handytarif individuell den am besten geeigneten wählen muss. Und wenn es dieses Mittel gibt, dann wird es nicht für acht Milliarden zur Verfügung stehen, ganz sicher nicht von Anfang an.

Die Impfstoffproduktion wird anlaufen, Chargen werden hergestellt und es muss entschieden werden, wer zuerst geschützt sein darf. Wer entscheidet darüber, wonach wird entschieden? Entscheidet der Markt und damit die Teilnehmer mit dem meisten Geld? Wird nach dem Produktionsort des Medikaments entschieden? Nach Nationalität? Nach Mitgliedschaft in Staatsverbünden? Wird geklüngelt?

Und wenn das Serum im Land ist, wer bekommt das Vorrecht auf die ersten Impfungen? Geht es nach Systemrelevanz? Wie wird sich diese definieren? Werden Ärztinnen zuerst geimpft, Altenpflegerinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Supermarktverkäuferinnen, Fußballer? Politikerinnen und falls ja, bis zur welchen Ebene hinab? Wird es eine Impfstofflotterie geben, so, wie die USA damals die Einzugsbefehle im Vietnamkrieg auslosten? Wird man den Impfstoff kaufen können, auch auf dunklen Wegen?

Von wem wird die Verteilung wie diskutiert werden? Wie werden Coronaskeptiker auf die Nachricht reagieren, dass sie geschützt sein könnten vor dem Virus? Wie die klassischen Impfgegner? Wird man es ihnen gönnen?

Und wenn alle geimpft sind, wie wird sich das Impfen in den Alltag einfügen? Werden alle heute noch nicht geborenen Kinder bei der U5 neben Tetanus zukünftig auch gegen Covid geimpft werden? Wird man die Covidimpfung einmal jährlich auffrischen lassen können? Wird es ähnlich wie beim Grippevirus sein und werden sich jährlich Experten treffen, um den kommenden Covidvirenstamm zu vermuten und so ein jährlich wechselndes Serum entwickeln? Wer wird sich dann jährlich impfen lassen? Und, falls nur wie bei FSME alle drei bis fünf Jahre eine Auffrischung nötig ist, wer wird sich alle drei bis fünf Jahre daran erinnern? Wird, weil für 85% aller das Virus keine Gefahr darstellt, Corona vergessen sein, die Covid19-Impfung optional??

So oder so wird die Sache mit der Impfstoffverteilung eines der späteren Coronakapitel sein, Sommer 2021 wird es geschrieben werden, möglicherweise später, und es wird eine Menge erzählen über die Welt, die Menschen, ihre Gesellschaft.

Ansonsten: Seit gestern gilt der ermäßigte Mehrwertsteuersatz. Laut WHO wurden sechzig Prozent aller Covid19-Fälle erst im letzten Monat gemeldet. Nach einem Vierteljahr Quarantäne in einem Schloss in Brandenburg kann ein Orchester aus Bolivien nun die Heimreise antreten. Die Bundesregierung verlängert den Corona-Kündigungsschutz nicht. Aufgrund weniger Autogeräusche während des Lockdowns sinkt in Großbritannien die Singlautstärke von Vögeln um die Hälfte. Wer zu früh lockert, hilft dem Coronavirus.

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Coronamonate. Juni

30. Juni | Rote Punkte

Die Zukunft wird viele Farben haben. Eine wird rot sein, rot wie die Punkte, die auf der Landkarte aufpoppen werden und daneben werden Städtenamen stehen, die wir alle tagelang lustvoll schaudernd als Synonym für Unbedachtsamkeit verwenden werden, weil dort das Virus ausbrach, in Fabriken, in Wohnblöcken, in Schulen, Göttingen, Gütersloh, Magdeburg.

Die roten Punkte und die temporär ins Bewusstsein des Landes rückenden, mittelgroßen Städte werden uns begleiten, bis ein Impfstoff gefunden sein wird. 365 Tage lang Detmold, Wernigerode, Erlangen.

Vielleicht auch Weimar. Weimar, das seit fast einem Monat keine neue Infektion hatte, keinen Todesfall bisher, insgesamt 69 ehemalige Infizierte, in den umliegenden Kreisen sind die Zahlen ähnlich, in ganz Thüringen etwa ein Zehntel der Infizierten wie in Schlachterei Tönnies. Weimar, das als eine der ersten Städte die Gastronomie wieder öffnete, Weimar, das so gut wie keine Erfahrung mit dem Virus gemacht hat, Weimar, das ein sicherer Ort war und sich deshalb in Sicherheit wiegt, Weimar, eine Gegenwelt zu den sich täglich übertrumpfenden globalen Zahlen.

Ist davon auszugehen, dass dies zu bleibt? Dass keine Touristin aus Göttingen, Gütersloh, Magdeburg fünfzehn Minuten am Grill mit dem Rostbratwurstverkäufer steht, dass das Virus weiterhin einen Bogen schlägt um die Ilm? Und was, wenn Weimar trotz der sicheren vier Monate einmal ein roter Punkt sein wird, wenn Freunde und Verwandte besorgt anrufen und fragen: »Hats Euch auch erwischt?«, wenn die Bundeswehr Massentests auf dem Stéphane-Hessel-Platz vor dem Bauhaus-Museum macht? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Bilder ausbleiben?

Ansonsten: Aufgrund steigender Infektionszahlen schottet die britische Regierung Leicester ab. Am New Yorker Broadway werden alle Vorstellungen für den Rest des Jahres abgesagt. Die isländische Regierung rät ihren Einwohnern, gegen Berührungsmangel und Einsamkeit in Coronazeiten Bäume zu umarmen.

29. Juni | Ischgl. Das Unglück der 15 Prozent

Vor drei Monaten schaue ich eine Dokumentation über Ischgl. Die Dokumentation zeigt ein Dorf, das vom Wintersport nicht nur lebt, sondern sich komplett darin verloren hat. Im Zentrum steht die Seilbahn, die wichtigsten Männer des Dorfes verdienen daran, sie entscheiden im Gemeinderat über das Wohl des Dorfes, Seilbahnprofiteure ausschließlich. Die Dokumentation zeigt die Feiernden, sie zeigt das Saufen, sie zeigt die Selbstverständlichkeit, mit der Après-Ski die Welt um sich herum vereinnahmt. Wenn die Hölle gefriert, sieht sie aus wie Ischgl im Winter. Weil die Doku das zeigt, zeigt sie, weshalb das Virus alle Freiheiten genoss und von hier aus europaweit durchstarten konnte.

Vorgestern lese ich einen Text über Ischgl. Dort steht, dass bei über vierzig Prozent der Bewohnerinnen Antikörper vorhanden sind, sie sich mit dem Virus infizierten. Von diesen vierzig Prozent haben 85% keine Symptome gezeigt. Das Virus hat ihnen nicht nur nicht geschadet; sie haben es nicht einmal bemerkt.

Letztere Zahl ist nicht erstaunlich. Sie bestätigt, was von Anfang an Wissen war: Die überwiegende Mehrzahl hat vor SARS-CoV-2 nichts zu befürchten. Es sind glückliche 85 Prozent. Und inwieweit sie bereit sind, das Unglück der 15% zu mindern, ist eine der Grundfragen der Pandemie, von Beginn an war sie das.

Später erzähle ich in größerer Runde von diesem Zahlen. »Interessant«, ist eine Antwort, »Aber müsste man dann nicht noch mal über die Gefährlichkeit des Virus nachdenken? Was ist denn mit denen, die Herzinfarkte oder Krebs bekommen? Wo ist die Solidarität mit denen?«

Ich weiß, was ich darauf zu sagen habe, nenne auch einige der argumentativen Entgegnungen. Dennoch beschäftigt mich der Gedanke, diese Frage nach den 15% der Unglücklichen bei jeder Sache, länger, vielleicht, als sie das sollte. Oder nicht.

Ansonsten: Österreich führt verpflichtende Coronatests für Reisende aus Gütersloh ein. In Indien werden 10000 Betten aus Kartons in Krankenhäusern aufgestellt. Die Zahl der Coronatoten übersteigt die halbe Million. Reportage: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik.

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Coronamonate. Mai.

31. Mai | Alles andere

Gestern kein Eintrag, weil ich dachte, es gäbe nichts zu berichten. Dabei passiert gerade so viel: Raketenstart, Unruhen in Hongkong, vor allem die Proteste in den USA. Doch haben all diese Geschehnisse nichts mit dem Thema zu tun, das seit drei Monaten alles andere beiseitedrängt.

Ich bemerke, dass ich alles, was passiert, unter dem Gesichtspunkt betrachte: Was hat das mit dem Virus zu tun? Das liegt auch an diesen Notizen. Ich scanne die Wahrnehmung meiner eigenen kleinen und die der großen Welt und ignoriere, was nicht zu verwerten ist, was nicht auf das Paradigma passt, das ich seit drei Monaten über alles lege. Alles andere wird zweitrangig.

Dabei entgehen mir Zusammenhänge. Das Größte, was geschehen kann – der Mensch bricht zu fremden Sternen auf – ist mir eine Randnotiz. Es ist mir die Mühe nicht wert, in Erfahrung zu bringen, warum die Menschen in Hongkong auf die Straße strömen und wie erfindungsreich sie das tun, weil ich lieber über den Methoden der Bild-Zeitungen brüten möchte.

Ich sehe nicht das Video an, das eine weiße Frau zeigt, die einem schwarzen Mann droht, die Polizei mit einer Lügengeschichte zu rufen, in vollem Bewusstsein, was das für Folgen für ihn haben könnte. Ich sehe nicht das Video an, in dem ein weißer Polizist viele Minuten auf dem Hals eines schwarzen Mannes kniet, so lange, bis der Mann gestorben ist, der Polizist gefilmt, wohlwissend, dass dieser Mord keine Konsequenzen für ihn haben wird, dieser gefilmte Mord vor aller Augen stellt kein Gefahr für den Mörder da. Ich sehe nicht zu den Protesten, der Wut und ihrer Größe.

Dann sehe ich, dann lese ich, dann höre ich.

Und während ich das tue, verstehe ich das meiste weiterhin nicht, aber doch manches mehr. Es ist niederschmetternd, es ist genauso verzweifelt und hoffnungslos wie die vielen Male davor und während ich das fühle, beginne ich, entgegen jeder bewusster Absicht, Verbindungen zur Pandemie zu ziehen, denke an die erhöhten Todesraten in bestimmten Bevölkerungsgruppen, die im Zuge der Pandemie ausgeweiteten Machtbefugnisse von Autoritäten, die Gewissheiten, die die Pandemie hinweggefegt hat und dass es so selbstverständlicher geworden ist, das Bestehende in Frage zu stellen, vermute wider besseren Wissens: Ohne die Pandemie wäre vielleicht das gleiche geschehen, aber nur mit der Pandemie geschieht es weiter, wie es gerade weitergeschieht.

Ansonsten: Die Stadt München verbietet auf Coronakundgebungen das Tragen von gelben Sternen, mit denen Demonstranten gegen eine vermeintlich drohende Impfpflicht protestieren. Sicherheitsexperten warnen vor einem dreihundert Euro teurem Anti-5G-Stick, der nur ein leerer 128 MB USB-Stick ist. Laut einer Untersuchung war während des Lockdowns das Fahrrad zeitweise das am häufigsten benutzte Verkehrsmittel, noch vor dem Auto.

Um den Abstand zwischen Gruppen zu gewährleisten, werden in Parks mit Rasenmarkierfarbe weiße Kreise auf die Wiesen gemalt. Der dänische Fußballklub Aarhus GF schaltet während eines Geisterspiels Fans auf mehreren großen Leinwänden zu. Die weltweite Infiziertenzahl steigt über sechs Millionen.

29. Mai | Unkenrufe

Neben vielem anderen offenbart die Pandemie auch die jeweilige Haltung zur Welt und den Dingen: wer geht vom Besten aus, wer lässt es eher locker angehen, wer schaut rational, wer vorsichtig, wer skeptisch, wer vermutet hinter allem, was geschieht, böse Absichten – jeder wird sich in der Pandemie irgendwann einmal bestätigt finden. An diesen ausgewählten Momenten, in denen sich Annahme und Wirklichkeit kurzzeitig übereinanderschieben und dann synchron erscheinen, lässt sich die Bestätigung für das eigene Weltbetrachtungsmodell ableiten.

Ich jedenfalls halte es so und sehe ich mich deshalb oft bestätigt. Ich beende Gespräche mit einem Satz wie »In zwei Wochen ist dann Lockdown« oder »Wir sehen uns in der Zweiten Welle.« Von den täglich neu bestimmten Reproduktionszahlen schreibe ich, wenn sie über 1 liegen, nicht, wenn sie darunter sind. Lokalen Infektionsausbrüchen messe ich besondere Bedeutung zu, weil sie mir Indiz sind dafür, dass die Sache mit der Lockerung nicht aufgeht.

Die Pandemie zeigt mir: Tendenziell gehe ich vom möglichen Katastrophalen aus, davon, dass das Gewarnte passiert, im Spektrum orientiere ich mich unterhalb der X-Achse. Das muss nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Es ist der Ton, der in den Beobachtungen hier und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen klingt, so sind sie einzuordnen.

Gerade wird diese Weltsicht ganz schön auf den Prüfstand gestellt. Wissenschaftler sprechen davon, dass Deutschland ohne zweiten Lockdown und ohne zweite Welle davonkommen, dass die Pandemie auch ohne Impfstoff beendet werden könnte. Die Zahlen geben dem recht, denn trotz Lockerungsmaßnahmen steigen – bis auf wenige regionale Ausnahmen – die Infektionszahlen nicht. Das sind gute Nachrichten für Menschen und schlechte für Pessimisten. Aber die rechnen ja sowieso mit nichts anderem.

Noch ein Nachtrag zu gestern. Ein Interview mit Christian Drosten wird ab morgen Titelgeschichte des Spiegels sein. Darin erklärt Christian Drosten auf die Frage, ob er sich mit den selbstlosen Mentorenprototypen Gandalf oder Obi Wan Kenobi vergleichen würde: »Wer ist das? Ich kenne die Figuren nicht.« Zur Bild-Zeitung sagt er: »Sollte ich mich fürchten? … In meinem Alltag kommt die Bild-Zeitung nicht vor.« Und zu Bild-Chef Julian Reichelt: »Wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag.«

Besonders die letzten beiden Antworten sind in ihrer trocken vorgetragenen Unkenntnis wunderbar. Das Prinzip der Bild-Zeitung beruht darauf, dass Menschen Angst vor ihr haben und die Bild deshalb über sie verfügen kann. Wenn jetzt jemand kommt und sagt, die Bild sei ihm unbekannt, interessiere ihn nicht, spiele auch keine Rolle in seinem Leben, dann muss dieses Angstprinzip ins Leere laufen. Das ist die Pflicht. Die Kür ist, der Bildchefredaktion, die für sich gar nicht so heimlich in Anspruch nimmt, Mitbestimmen zu wollen, ins Gesicht zu sagen, euch kenne nicht ich, ihr seid zu unwichtig für mich. Das ist Drostens nächster Mic Drop.

Natürlich ist es dann doch nicht so einfach. Die Titelgeschichte ist mit den Worten überschrieben: »Verehrt und Verhasst – der Glaubenskrieg um den Virologen Christian Drosten.« Und da reibt sich die Bild-Chefredaktion doch wieder die Hände: Weil es die Wissenschaft in eine Glaubensfrage überführt, so, wie es von Anfang an intendiert war.

Ansonsten: Laut Statistischem Bundesamt sind im April in Deutschland acht Prozent mehr Menschen als im Schnitt der vier Vorjahre gestorben, ein Zusammenhang der Entwicklung mit der Corona-Pandemie sei naheliegend. Laut einer Umfrage findet eine Mehrheit der Deutschen Maskenpflicht fairer als eine freiwillige Regelung. Während eines Gottesdienstes in einer Bremerhavener Pfingstgemeinde haben sich 44 Menschen infiziert, hundert sind in Quarantäne.

Nachdem sie einen Laborassistenten angegriffen haben, entkommen mehrere zu Testzwecken mit Corona infizierte Affen aus einem indischen Labor, was in etwa die Prämisse der beiden dystopischen Filme 28 Tage später und 12 Monkeys ist. Knuffelberen als Werbeträger für einen wiedergeöffneten Vergnügungspark:

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Coronamonate. April.

30. April | Handgemenge

Draußen heute eine selbstbewusste Aggression ausgewählter Mitmenschen. Selbstbewusstes Nichttragen von Schutzmasken in schutzmaskenpflichtigen Bereichen in Verbindung mit triumphierenden Blicken zu den Schutzmaskentragenden. Selbstbewusstes Drängen von Einkaufswagen gegen Einkaufswagen in Verbindung mit asozialem Kassenschlangenverhalten. Selbstbewusstes Draufzufahren auf grüne Fußgängerampeln. Auf ein Niesen ein herzhaftes »Corona« entgegnen. Vermutlich, weil alle ahnen, dass der letzte Tag dieses Monats nichts zum Abschluss bringen wird, dass die Handgemenge zunehmen werden.

Ansonsten: Selbstbewusst fordert die deutsche Autoindustrie vierstellige Kaufprämien ein und hält den Verzicht auf Dividendenausschüttungen für eine »schlechte Idee«. Das Gesundheitsministerium stellt die Einführung von Corona-Immunitätsausweise in Aussicht. Laut einer Studie der Charité ist die Viruslast bei Kindern und Erwachsenen gleich hoch. Die Bundesagentur für Arbeit meldet zehn Millionen Kurzarbeitende, dreißig Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmerinnen.

Beim Besuch einer Klinik trägt US-Vizepräsident Mike Pence als einziger keine Atemschutzmaske. Aufgrund des Sicherheitsabstandsgebots verwandelt sich ein Stripclub in Oregon in einen Drive-In-Stripclub. Herausgeberinnen wissenschaftlicher Zeitschriften vermelden, dass Einreichungen von Männern in den vergangenen Wochen um 50 Prozent gestiegen sind, während Wissenschaftlerinnen kaum noch Texte vorlegen.

Weil nicht sicher ist, wann die Kinos wieder öffnen, dürfen die Oscars im nächsten Jahr auch an nur gestreamte Filme verliehen werden. Die französische Liga wird abgebrochen, einige Vereine liebäugeln damit, einige Spiele trotzdem im Ausland, in Deutschland auszutragen.

Auf der Titelseite der Financial Times erscheint die Meldung, dass Nook, der Waschbär-Banker in dem in Coronazeiten zu besonderer Popularität gelangtem Computerspiel Animal Crossing die Zinsen gekürzt hat und die Spieler somit gezwungen sind, mit Rüben und Taranteln zu spekulieren.

29. April | Der Virologe als Feindbild

Ich sehe den Virologen. Er sitzt in einer Talkshow. Er spricht mit der Sprecherin einer Nachrichtensendung. Er gibt einer Zeitung ein Interview. Ich höre seine Stimme im Podcast.

Der Virologe (ich schreibe in der männlichen Form, weil ich Virologinnen kaum sehe) ist meine kürzeste Verbindung zum Virus. Er ist am nächsten dran am Virus. Weil ich nichts über ein Virus weiß, übersetzt er sein Wissen so, dass ich verstehen kann. Es ist eine Art Paradoxon. Als Forscher sollte er forschen. Doch wenn er nicht erklärt, bleibt sein Wissen ohne Folge. Also erklärt er. Und während er erklärt, kann er nicht forschen.

Der Virologe ist ein Überbringer schlechter Nachrichten. Er erklärt, wie das Virus zerstört. Er erklärt, wie sich das Virus verbreitet. Er erklärt exponentielles Wachstum. Er erklärt, weshalb Kinder genauso Überträger sind wie Erwachsene. Er erklärt, was es braucht für einen Impfstoff.

Der gute Virologe ist Wissenschaftler. Bis er eindeutig sein kann, vergeht Zeit. Er liest Studien (gut gemachte und schlechte) und schlussfolgert, er testet und entdeckt und entdeckt nicht, er probiert Thesen aus und verwirft, er nähert sich, interpretiert Zahlen und erstellt Modelle, rechnet durch und extrapoliert. Er widerruft und bessert nach, legt nach und ergänzt. Auf vieles kann er heute keine unumstößliche Antwort geben, nur die aktuellen Erkenntnisse in den Raum stellen, sie können das Gegenteil voneinander sein.

Viele halten diese Uneindeutigkeit nicht aus. Sie erwarten, dass er sich breitbeinig hinstellt und einen Satz sagt, der alles für immer erklärt und der klare Handlungsanweisungen enthält. Sie erwarten, dass er die vielen Leerstellen seines Wissens selbstbewusst ignoriert, sie erwarten von ihm die Wahrheit und das jetzt. Wenn der Virologe ein guter Wissenschaftler ist, wird zu diesen Leerstellen stehen, er wird sie zum Zentrum seiner Aussagen machen, er wird sich nicht breitbeinig in die Talkshows setzen, er wird nicht vorgeben, zu wissen, was noch nicht gewusst werden kann.

Der Virologe wird beschimpft. Politiker beschimpfen ihn, Philosophen, Theaterregisseure, die Frau auf der Straße. Sie nennen ihn Meinungsänderer, Teil einer Expertokratie, von einer Unterwerfung unter Dekrete von Virologieprofessoren sprechen sie, sagen, sie können sich nicht auf ihn verlassen, was der macht eigentlich den ganzen Tag, warum weiß er das nicht. Dem Virologen wird gedroht, mit Mord wird ihm gedroht, ihm, seiner Familie, der ganzen Zunft. Hasserfüllt sind die Botschaften an ihn, er wird zum Symbol für alles, was falsch läuft, was als falsch empfunden wird.

Jeder sucht sich seinen eigenen Virologen, dem, dem man sein Vertrauen schenken kann. Viele wählen für dieses Vertrauen Menschen, die keine Virologen sind, keine Epidemiologen, keine Wissenschaftler. Sie suchen Wissenschaftler, die nicht wissenschaftlich arbeiten, sie suchen Antworten bei youtubechannels, die ihnen der Onkel der Bekannten der Nachbarin bei WhatsApp empfohlen hat, weil dort gesagt werde, was sonst nicht mehr gesagt werden dürfe.

Es gibt viel Wissen, noch mehr Halbwissen, noch mehr absichtlich produziertes Unwissen. Für jedes Weltbild gibt es eine Quelle, jede Theorie den entsprechenden Professor, für jede Mutmaßung einen Experten, der die eigene Annahme bestätigt. Es gibt viel mehr Ken Jebsens als Virologen, viel mehr Facebookkommentare als Papers, viel mehr privat gerauntes »Ich habe gehört, dass« als Studien. Der Wirtschaftsverband hat seinen Virologen, der DFB einen, Armin Laschet hat einen, alle haben einen.

Der Virologe sitzt in der Talkshow, er spricht in Interviews und veröffentlicht. Während er erklärt, wird er zum Feindbild.

Ansonsten: Die Forschungsorganisationen Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft veröffentlichen ein gemeinsam verfasstes Papier, das Strategien zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie enthält. Ein Grund ist auch, dass es so einen Standpunkt definiert, den die wichtigsten wissenschaftlichen Institutionen gemeinsam tragen, dass sich so sagen lässt: Das ist nicht die Ansicht einzelner Wissenschaftler, das ist die Ansicht der Wissenschaft.

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Coronamonate. März.

31. März | der längste März von allen

Ich kaufe »Der Spiegel«. Am oberen Rand fast jeder Seite, dort, wo sonst das Ressort vermerkt ist, steht in einem roten Kästchen mit roter Schrift: Coronakrise. Bis auf vier Ausnahmen handeln alle Artikel aller Ressorts von der Pandemie, ein monothematisches Wochenmagazin. Die Ausnahmen sind: Woody Allen, Cum-Ex, der AfD-Flügel und der geheime Dienstkalender Heinrich Himmlers.

Ansonsten: In Nevada werden auf einem Parkplatz sogenannte Social-Distancing Boxes gemalt, in denen Obdachlose in dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zueinander schlafen können. Jena führt eine Mundschutzmaskenpflicht ein. In Sachsen droht ein Bußgeld in Höhe von 150€ beim Verlassen der Wohnung ohne triftigen Grund. Das Bundesgesundheitsministerium bittet darum, morgen auf Aprilscherze zu verzichten, weil Falschmeldungen zur Verunsicherung beitragen können. Die Bayreuther Festspiele 2020 werden abgesagt.

Heute geht der zweite Coronamonat vorbei, der längste März von allen. Die Tage verklumpen, die Welt schrumpft, es ist gut, schreiben zu können.

30. März | Abkürzung der Realität

Ein Bekannter, der ansonsten kaum aktiv auf FB ist, postet innerhalb weniger Minuten mehrere Links zu Texten und Videos, die alle eins zum Inhalt haben: Covid19 sei nicht gefährlicher als die übliche Grippewelle. »Die Angst vor dem Coronavirus ist weit überzogen.« & » Momentan sehe ich in der Öffentlichkeit eine große, weitgehend unkritische Einigkeit: Mach, was Mutti sagt.« & » Uns wird suggeriert, dass Opa tot umfällt, wenn wir nur die Haustür aufmachen, „Stay at home“, das neue Mantra, dem alle zu folgen haben« etc.

Es ist nicht viel, was ich dabei fühle, aber zumindest Irritation. Irritation darüber, dass diese Bewertung der Pandemie immer noch existiert, dass die vergangenen Wochen, die Bilder, Texte, Videos, Augenzeugenberichte tatsächlich ignoriert werden können, dass der Glaube besteht, es gäbe eine Wahrheit, die im Gegensatz zur Realität stehen könnte und diese »Wahrheit« zwingend vermittelt werden müsste.

Auch von anderen Seiten Fragen, wie man mit Freunden, Bekannten, Arbeitskolleginnen, Familienmitgliedern umgeht, die Wodrag-Videos teilen, die von zionistischen Entwicklern, Biowaffen, US-amerikanischen Militärlabors schreiben, davon, dass das Virus aus kommerziellen Gründen für angeblich patentierte Impfstoffe in Umlauf gebracht worden sei. Die schreiben: Der wahre Grund der Erkrankungen sei nicht etwa ein Virus, sondern 5G-Strahlung! Die, für die der Hashtag Coronavirustruth Berufung îst.

Verschwörungstheorien sind wie Abkürzungen für jene, denen die Realität zu mühsam ist. Vielleicht kann ich auch das Bedürfnis nachvollziehen, glauben zu wollen, es gäbe einen Plan hinter der Pandemie, weil die Pandemie alle gemachten Pläne egalisiert. Weil es so schlimm ist, glauben zu wollen, es wäre nicht so schlimm. Besonders schwer zu ertragen muss der Zustand für alle sein, die stets anti sind und die sich jetzt mit einer Realität konfrontiert sehen, in der anti keinen Platz mehr hat.

Und ist es nicht immer einfach, das zu erklären, die manchmal gar nicht so leicht zu erkennenden Trennlinien zu finden zwischen dem, was notwendig ist, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und dem, was die Gesellschaft auf andere Weise gefährdet. Die Unterschiede zwischen StayAtHome und einer möglichen Willkür der Polizei bei all den Beschränkungen, dem Mundschutzzwang und dem dauerhaften Tracken von Handydaten, einer Schließung von Geschäften und dem Erlassen von Gesetzen, die es einem Regierungschef ermöglichen, auf unbegrenzte Zeit und ohne parlamentarische Kontrolle mit Verordnungen zu regieren.

Ansonsten: Ungarn beschließt ein »Notgesetz«, dass dem Präsidenten nahezu uneingeschränkte Macht einräumt und Kritiker dauerhaft in Gefängnis bringen kann, natürlich die Blaupause einer Diktatur, in einem Staat der EU. Twitter löscht zwei Tweets des brasilianischen Präsidenten, weil sie die Gefahren durch die Pandemie leugnen.

Der amerikanische Präsident spricht von zwei Millionen möglichen Toten, hunderttausend wären ein Erfolg, es ist die einzige Exit-Strategie, die er hat. In einem Tweet lobt er sich, da seine täglichen Pressekonferenzen höhere Einschaltquoten als der Bachelor haben. In New York läuft ein Sanitärschiff des Militärs ein, der Bürgermeister sagt, dass es eigentlich 40 Schiffe dieser Größe bedürfe. Im Central Park werden Krankenhauszelte errichtet. Überraschend werden fünftausend Atemmasken in der Krypta der Washington National Cathedral gefunden.

Österreich verhängt eine Mundschutzpflicht für den Einkauf im Supermarkt. Eine im April in China startende Rakete wird auf der Außenhülle ein Bild tragen, das das medizinische Personal in Wuhan im Kampf gegen den Virus zeigt. Ab 1. April erhebt DHL einen Krisenzuschlag von 16€ pro Paket in die USA. Ein australischer Astrophysiker wird ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem Magnete in seiner Nase steckenblieben, als er versuchte, ein Gerät zu erfinden, das Menschen davon abhält, ihre Gesichter zu berühren.

Artikel spielen Geisteswissenschaften gegen Naturwissenschaften aus. Der Verein Deutsche Sprache e. V. schreibt: »In Deutschland werden Milliardenbeträge für den Genderunfug ausgegeben. Diese Gelder fehlen Krankenhäusern oder den naturwissenschaftlichen Uni-Fakultäten – zum Beispiel in der Virusforschung«. Armin Laschet setzt den Mundschutz falsch auf und korrigiert sich kurz darauf auf Twitter. Der Formel1-Rennstall Red Bull dachte darüber nach, Fahrer absichtlich zu infizieren. »Das ist nur im kleinen Kreis besprochen und nicht positiv aufgenommen worden«, sagte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko. Unter Arbeitstitel Bachmannpreis digital soll eine Arbeitsgruppe in den nächsten Tagen ein Konzept eines »digitalen Bachmannpreises« ausarbeiten.

29. März | GLG

Heute ein erster, wirklicher Lagerkoller, ein Tief, dem Regen geschuldet, dem Ende der zweiten Woche erst, der Ahnung, dass viele folgen werden. Ich will wenig schreiben, wenig erfahren, von dem, was geschieht. Ich lese: »It’s a trauma response. Because you can’t fight the virus actively, and because you can’t run away from it, your body is going into “play dead” mode.«

Lese auch: »Falls ihr euch stresst, weil zB Homeoffice einfach nicht laufen will: Wir haben eine globale Pandemie. Beschränkung von Grundrechten. Wirtschaftsschmelze. All das vor dem Hintergrund der Klimakrise.«

Gegen Mittag wird der Tod des hessischen Finanzministers, des designierten hessischen Ministerpräsidenten, vermeldet. Im Abschiedsbrief soll die Rede sein von »Aussichtslosigkeit«, »bezogen auf die wirtschaftliche Lage des Landes« sehe, mit dem Vermerk: »Ob dies allerdings mit konkreten Ängsten in Bezug auf den Coronavirus zusammenhänge oder eher allgemeiner Art gewesen sei, das sei auch für die Ermittlungsbehörden derzeit nicht ersichtlich.« Fast augenblicklich drängt sich der Gedanke an den Werther-Effekt auf und ebenso augenblicklich fühlt es sich schäbig an, diese Verbindung gezogen zu haben.

In nahezu jeder Mail, die eintrifft, am Ende fast jeden Telefonats, anstatt Tschüss oder Bis bald steht nun, wird nun gesagt: Bleib gesund. Es ist das Mit freundlichen Grüßen, das Liebe Grüße, das GLG dieser Monate.

Ansonsten: In Indien ist eine Ausgangssperre für 1,3 Menschen verhängt. In Süditalien soll der Geheimdienst vor sozialen Unruhen warnen. Mobilfunkanbieter stellen kostenlos vergrößerte Datenpakete zur Verfügung. In der #BundesligaHomeChallenge duellieren sich Profifußballer auf der Konsole. In Aachen klagt ein Mann gegen die erlassenen Kontaktverbote. In der Weimarer Humboldstraße werden Briefe in die Briefkästen eingeworfen, die besagen, dass die Hausbewohner zwei Wochen in Quarantäne bleiben sollen.

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Coronamonate. Februar

29. Februar | Indien in der Rhön

Gestern eine Lesung in einem kleinen Dorf in der Rhön, 65 Einwohner. Der Ort liegt am Ende eines Tals, nur eine Straße führt hinein. Schnee ist gefallen, die Welt ist still und sehr weit weg. Der Ort selbst scheint von Haus aus schon in Quarantäne zu liegen. Hier sind wir sicher. Aber natürlich: Wir sind hier.

Wir sind eine Stunde gefahren, kommen aus einem anderen Landstrich, können den Erreger längst in uns tragen und genau an diesem Abend verbreiten. Einer der Anwesenden hat heute ein Auto aus Fürstenwald geholt, 130 km entfernt liegt das. Wie könnte man annehmen, ein Ort wäre geschützt? Nach der Lesung sitzen wir mit dem katholischen Pfarrer zusammen. Er stammt aus Indien, ist letztes Jahr nach Deutschland auf Mission gekommen. Wir sprechen über das Kastensystem, die aktuellen, politisch initiierten Morde an Muslimen, von Schlangen am Feldrand, Tamil, ein kleines Dorf am Ende eines Tals, mitten in der Welt.

 

26. Februar | Händewaschen

Das Bedürfnis ist da, sich über Händewaschen zu informieren. Eigentlich sollte es ja bekannt sein, wie man sich die Hände ordentlich reinigt. Offensichtlich ist das doch etwas komplizierter. Ich sehe das Video einer iranischen Ärztin, die ihre Hände mit Farbe einreibt und daran zeigt, welche Stellen man leicht übergeht (Handrücken, Fingerzwischenräume, Fingernägel). Faust(!)regel: dreißig Sekunden einseifen, reiben, abwaschen. Nehme mir vor, dies – anders als nach Zahnarztbesuchen, nach denen man sich aus schlechtem Gewissen vornimmt jetzt, aber wirklich jedes Mal gründlich zu putzen und dieser Vorsatz dann doch im Alltag verloren geht – umzusetzen.

 

25. Februar | Atemschutzmasken

Zumindest ein Informieren über Atemschutzmasken. Weder schützen sie mich oder andere. Erst ab einer bestimmten Preisklasse entsteht ein gewisser Schutz. Die Atemschutzmasken aus Papier verhindern höchstens, dass man sich ins Gesicht fasst und damit Krankheitserreger von der Hand an Mund oder Tränenkanal überträgt. Ich denke an die Fotos der letzten Wochen, mit denen der Coronaausbruch in Wuhan, wie überhaupt die meisten Texte über Viren, bebildert werden: Menschen mit Atemmasken. Was die Fotos damit sagen: So ist Schutz eine Illusion.

 

24. Februar | Scham

Ich stehe vor der Apothekerin und schäme mich. Eben habe ich nach Atemschutzmasken gefragt. Ihr Blick scheint zu sagen: »Wieder einer von denen.« Sie meint, sie habe zwei Marken im Angebot und beide würden nicht vor einer Infektion schützen. Wofür ich die denn brauche? Wegen der Grippe und dass man sich zuhause nicht ansteckt, Kleinkind, Sie verstehen, lüge ich, weil es selbstverständlich um Corona geht.

An diesem Morgen habe ich Hamsterkäufe beschlossen. Ich las von Wuhan, welches immer noch genauso weit weg ist wie seit einigen Wochen und ich las von Italien, was viel näher liegt und las Einschätzungen von Experten und musste zu dem Schluss kommen, dass die Veränderung der Situation hier sehr wahrscheinlich ist. Daraus die Folgerung, für eine mögliche Verknappung von Lebensmitteln gerüstet sein zu müssen, ergo Hamsterkäufe, auch in medizinischer Hinsicht.

Nun stehe ich der Apothekerin gegenüber und weiß, dass ich im Grunde nicht bereit dafür bin. Intellektuell und emotional. Ich weiß kaum etwas über die Funktionsweise von Atemschutzmasken und fühle mich wie ein Prepper, ein Panikmacher, einer, der Lust hat an der Katastrophe. Schließlich nehme ich einen 10er Pack der günstigen Marke, dazu eine kleine Packung Desinfektionstücher und verlasse die Apotheke.

Anschließend im Supermarkt erscheint mir das Vorhaben weiterhin absurd. Soll ich tatsächlich Toilettenpapier, Reissäcke und 25kg Mehl in den Wagen packen? Ich stehe vor den Dosensuppen und denke: Wenn ich falsch liege, dann werde ich das nächste halbe Jahr schlechte Gulaschsuppe essen müssen. Der Form halber kaufe ich zwei Packungen Spagetti und ansonsten leicht verderbliche Nahrungsmittel, die innerhalb zwei Wochen verzehrt werden müssen. Um die Inkonsequenz perfekt zu machen, gehe ich nachmittags erst zu einem Kinderfasching und anschließend auf ein Konzert ins Theater.

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Trypophobia. Das Unbehagen beim Anblick von Insektenhotels.

Am Strand von St. Pete finde ich eine Muschel, deren Gehäuse mit vielen kleinen Muscheln besetzt ist. Wie leere Augen starren sie zurück. Ein Schaudern überkommt mich, wenn ich eine Metapher verwenden wollte, dann die einer Gänsehaut, die sich innen kräuselt, mehr noch ein Gänsehauttier, das mit weichem Flaum langsam meinen Körper entlangwandert und sich in meinem Kopf einnistet und auf jede Nervenzelle eine Hand mit kaltem Pelz legt.

Keine Augen sind es, die mich anstarren, ich starre in Löcher, winzige Löcher. Ich google »Angst von kleinen Löchern« und finde das Wort Trypophobia: die Angst von unregelmäßigen Löchern in natürlichem Gewebe, asymmetrische Cluster, Einzelteilchen, die als ein Ganzes betrachtet werden könnten, Waben, Poren, Schwämme. Ursache des Ekels könnte die Urangst vor giftigen Tieren sein, die durch bunte Farbmuster warnen – der blaugeringelte Kraken – oder die Furcht vor Parasiten und Krankheiten, welche die Haut befallen und sie durchlöchern, pockenartige Objekte, vielleicht das Internet, wenn das Sprechen über die Bilder erst die unangenehmen Assoziationen weckt, eine Art Priming. Weiterlesen

Der Reiher

Im Herbst lief ich an der Ilm. Es hatte die Blätter von den Bäumen geregnet, auf dem Wasser trieb der ermattete Himmel. Dort war die Stelle, wo sich jenseits des Ufers einmal ein Straßenbahndepot befunden hatte. Auf einer vorgelagerten Stelle des schmalen Flusses erblickte ich einen Reiher; das Gefieder aschgrau, die Schopffedern schwarz, die langen Stelzenbeine, auf denen er unbeweglich stand. Ich erschauerte beim Anblick; Enten war ich hier gewöhnt, aber nicht Wasservögel in dieser Größe, nicht mit diesem Stolz, dieser majestätischen Schönheit.

Zwei Tage später spazierte ich erneut an dieser Stelle vorbei. Und wieder stand der Reiher am Wasser; der identische Ort, die identische Haltung, das identische Tier. Wind blies in sein Gefieder und verwirbelte grauweiß. Wieder bewegte er sich nicht, wieder stand er starr, ein Zaubervogel an der Ilm.

Es war der nächste Tag und es war das nächste Mal, dass ich den Reiher so sah. Diesmal misstraute ich dem Bild. Wie groß die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Tier an dieser Stelle zu jeder Zeit sein konnte und dem Wind, dem Wasser, meinem Blick ohne Regung standhielt?

Es konnte nicht sein. Weiterlesen

Momente, September 2017.

Weimar, 2. September 2017

Tagesprogramm für heute:
13:00 Uhr – Sigmar Gabriel auf dem Platz der Demokratie
18:00 Uhr – Scooter im Gauforum Atrium

Außerminister und Hardtranceband erscheinen deutlich später als angekündigt, sprechen volksnah, agieren professionell und spielen ihre größten Hits (älteste Partei Europas / Maria, I Like It Loud). Sigmar Gabriel erwähnt öfter seine Großmutter (»Omma«) und einen gewissen Konstantin, einen Jungen, den er zuvor traf und ein Eis versprach. Das Eis kauft er ihm später beim Dolomiti am Markt.

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Auf dem Goetheplatz neben dem Bratwurststand neben dem Bibelstand neben dem Stand der Initiative für den Erhalt des Ur-und Frühzeitlichen Museums neben dem AfD-Stand, keine fünfzig Meter entfernt eine vom Kunstfest in Auftrag gegebene Weltkarte des Kommunismus. Am AfD-Stand müssen alle entweder beige Sonnenhüte tragen oder die Aufschriften auf ihren T-Shirts unter Jacken verbergen.

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Auch beim Erotik-Fachgeschäft erwünscht: Buy Local. Weiterlesen

Carsten Schneiders Augen.

Vor meinem Fenster hängt Carsten Schneider. Präziser: Vor meinem Fenster hängt das Bildnis von Carsten Schneider. Es ist ein Plakat, sein Plakat für den Bundestagswahlkampf. Es hängt an einem Laternenpfahl vor dem Haus, in dem ich wohne.

Hundert Fotos, vielleicht weniger, vielleicht mehr, wird ein Fotograf von Carsten Schneiders Gesicht gemacht haben. Der Fotograf, Carsten Schneider, sein Team, haben diese Fotos betrachtet und für dieses entschieden. Mittig gesetzt sein Antlitz, keine formalen Extravaganzen, kein angeschnittener Kopf, einiges Weiß um ihn, auch Schatten,  frontal blickt er. Er trägt eine Brille, ähnlich wie ich, dahinter versinken die Augen, die Mundwinkel sind ansatzweise nach oben gezogen, der oberste Knopf des weißen Hemds ist geöffnet und hat dennoch nichts christianlindnerhaftes an sich.

Seit Tagen schon sieht mich Carsten Schneider an, jeden Morgen, wenn ich die Vorhänge beiseite ziehe und aus dem Fenster schaue, ist da Carsten Schneider. Sein Blick folgt mir in meinem Alltag. Er ist dabei, wenn ich esse, die Topfpflanzen gieße und staubsauge, er schaut zu mir, wenn ich mich an imaginären Kriegen in Westeros erfreue, ist dabei, wenn ich vom Atomscharmützel höre, das der amerikanische Präsident gern mit Nordkorea anfinge, wenn ich lese, dass der erfolgreichste Artikel auf Spiegel Online an diesem Atomkriegtag »Wer Bier trinkt, bricht seltener das Studium ab« ist, ist beim Dieselgipfel dabei, beim 177. Tag von Deniz Yücel im türkischen Gefängnis, bei den Neymarmillionen. Nachbarn haben Carsten Schneider vom Pfahl entfernt, doch er war schneller als Jesus, keinen Tag später hing er wieder, die Lippen seeheimkreisig aufeinandergepresst.

Einen Pfahl weiter hängt seine Konkurrentin. Ihr Bild ist unvorteilhaft, der Fotograf ist zu nah an ihr gewesen, nun drängt sie mit ihrem Kopf tief in meine Distanzzone hinein, zu tief, ich fühle mich bedrängt. Dabei richtet sie ihren Blick – anders als Carsten Schneider – nicht auf mich, sondern über mich hinweg. Möglicherweise wird eines Tages auch ein AfDler an den Pfählen hängen, wahrscheinlich ganz oben, die AfD hängt sich immer ganz oben auf, als ob Fipronileier sie dort nicht auch erreichen könnten.

Bis zum 24. September wird Carsten Schneider bei mir sein. In der Nacht wird er mir sozialdemokratische Träume zaubern, tagsüber mein bundesrepublikanisches Gewissen prüfen, mit seinen weisen Steueraugen zuversichtlich über meinen rechtschaffenden Bürgerkörper streicheln und mir versprechen, dass vieles so bleiben wird und manches gerechter werden könnte. Dann werden die Genossen kommen und Carsten Schneider mit sich nehmen, den Blick, das offene Hemd, die in Plakat gegossene Zuversicht.