Lindner. Bäcker. Jeder in der Schlange.

Vor vielen Jahren wurde ich gefragt, wer einer der schönsten Männer der Welt sei. Ich sagte: Jude Law. Weil Christian Lindner laut Gala und Spiegel eine entfernte Ähnlichkeit mit Jude Law aufweisen soll, hatte er bei mir einen gewissen Stein im Brett, eine sehr oberflächliche und dumme Schlussfolgerung, gerade in Zeiten der eiskalten, im vollen Unterbewusstsein ihrer Bedeutung getätigten Bäcker»anekdote«, die u.a. impliziert, anhand der Hautfarbe ließe sich die Rechtschaffenheit eines Menschen ablesen.

#Bäcker

Bernd Ulrich: »Wie nennt man Leute, die in der Schlange beim Bäcker darüber nachdenken, ob DIE ANDEREN illegale Migranten, Steuerhinterzieher, oder Ehebrecher sind, während man selbst ein rechtschaffener Bürger 😇 ist? Genau: man nennt sie bigotte Spießer.«

Kunstseidene: ‏»Keine Partei war in den letzten 50 Jahren so häufig an der Bundesregierung beteiligt wie die FDP. Ein Einwanderungsgesetz – durchaus Kern liberal-meritokratischer Politik – haben wir nicht, dafür Salonrassismus und keinen Regierungswillen.« Weiterlesen

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Trypophobia. Das Unbehagen beim Anblick von Insektenhotels.

Am Strand von St. Pete finde ich eine Muschel, deren Gehäuse mit vielen kleinen Muscheln besetzt ist. Wie leere Augen starren sie zurück. Ein Schaudern überkommt mich, wenn ich eine Metapher verwenden wollte, dann die einer Gänsehaut, die sich innen kräuselt, mehr noch ein Gänsehauttier, das mit weichem Flaum langsam meinen Körper entlangwandert und sich in meinem Kopf einnistet und auf jede Nervenzelle eine Hand mit kaltem Pelz legt.

Keine Augen sind es, die mich anstarren, ich starre in Löcher, winzige Löcher. Ich google »Angst von kleinen Löchern« und finde das Wort Trypophobia: die Angst von unregelmäßigen Löchern in natürlichem Gewebe, asymmetrische Cluster, Einzelteilchen, die als ein Ganzes betrachtet werden könnten, Waben, Poren, Schwämme. Ursache des Ekels könnte die Urangst vor giftigen Tieren sein, die durch bunte Farbmuster warnen – der blaugeringelte Kraken – oder die Furcht vor Parasiten und Krankheiten, welche die Haut befallen und sie durchlöchern, pockenartige Objekte, vielleicht das Internet, wenn das Sprechen über die Bilder erst die unangenehmen Assoziationen weckt, eine Art Priming. Weiterlesen

Avicii. Nicht am Strand von Madagaskar.

Gestern Abend, als ich mit dem Fahrrad nach Connewitz unterwegs bin, erfahre ich, dass Avicii gestorben ist. Wenige Tage zuvor hätte ich diese Nachricht unbewegt zur Kenntnis genommen, bestenfalls festgestellt, dass Avicii einer von denen mit den besonders lästigen Liedern ist. Doch war das gestern nicht mehr möglich. Tags zuvor hatte ich eine Dokumentation gesehen – Avicii: True Stories.

Der Film erzählt von einem jungen schwedischen Teenager, der in seinem Schlafzimmer sitzt und Musik macht, so wie man Musik macht, wenn man Musik liebt: tausend Stunden lang Musik spielen, dafür die Stücke der Vorbilder kopieren, sie Ton für Ton nachbauen, um zu verstehen, schließlich beginnen, Eigenes hinzuzufügen. Tim Bergling schickt seine Tracks an Blogs, ein Blog postet sie, sie werden gehört, ein Manager wird aufmerksam, verspricht dem Jungen, ihn groß raus zu bringen. Weiterlesen

Über Spahn, Storch, Kollegah und den Hund von Jens Jessen

Jens Spahn

Ich weiß noch genau, wann ich Jens Spahn zum ersten Mal als Jens Spahn wahrnahm. Es war in einer dieser sogenannten politischen Gesprächsrunden, die ich seither nur noch anschaue, um den Kontext mancher Tweets zu verstehen. Das Thema hieß Rente und Jens Spahn war so jung wie ein Fußballprofi im besten Alter, jünger als Thomas Müller also, jünger als Toni Kroos, irgendwo zwischen Joshua Kimmich und Mario Götze. Ich dachte noch, warum CDU, warum schickst du einen so jungen Menschen in diese Gesprächsrunde, du musst doch von Haus aus für Rente sein.

Aber Jens Spahn war kritisch der Rente gegenüber, er wollte die Rente abschaffen, er wollte, dass alle Alten ihre bisher erhaltene Rente an Junge wie Kimmich (der damals noch in der Jugendmannschaft des VfB Bösingen gespielt haben musste) oder Jens Spahn zurückzahlen sollten. Ich dachte, was für ein pauschaler Unsinn, Jens Spahn, und hatte keine Ehrfurcht vor seiner Meinung, nicht mal Respekt vor seiner kühnen Aggressivität, weil mir Spahn schien wie einer, der aus Karrieregründen in die Haut eines strebsamen Trolls geschlüpft war, einer, der sagt, was niemand hören will, was alle aber ganz gern hören, weil einer muss es ja sagen, weil sich sonst alle einer Meinung sind – boring. Jens Spahn war einer, der badete darin, der verlangte sogar noch mehr von dem kopfschüttelnden Abscheu, mit dem man ihn übergoss. Und man goss bereitwillig.

Ebenfalls kam mir der Gedanke, dass man von dem Spahn noch was hören würde und war gespannt, ob seine Meinung irgendwann zählen würde, ob man seinen Aussagen tatsächlich einmal Bedeutung zuschreiben würde, dass aus seinem Widerspruch des Widerspruchs willen einmal Konsequenzen folgen würden. Anders gesagt, ich war gespannt, ob Jens Spahn eines Tages ein erfolgreicher Politiker werden würde, also einer mit Macht. Weiterlesen

Florida. Silver Alert.

Silver Alert

Wenn wir auf dem Highway fahren, wundern wir uns über die Displays über den Straßen. Silver Alert steht dort und dazu wird ein Autokennzeichen gezeigt. Dann sind demenzkranke Rentner mit dem Auto unterwegs ist. Die besorgten Kinder, die besorgten Pflegekräfte haben die Behörden alarmiert. Dies geschieht in Florida so häufig, dass eine entsprechende Warnung eingeführt wurde, der Silver Alert.

Lachsfarben

Am wenigsten missfällt mir hier die Künstlichkeit. Sie scheint so natürlich, durchdringt jeden Stein, jedes Plastikteil, jeden aus Styropor gehauenen Piratenkopf auf einem künstlichen Schiff an einem künstlichen Pier in einer künstlichen Bay. Das Künstliche stört nicht, weil ich es erwartet habe, selbstverständlich dieser Kultur zurechne. Wäre es echt, wäre ich enttäuscht, zumindest an den erschlossenen Orten. Von Venedig erwarte ich keine Schönheit, sondern überteuerte Kaffeegetränke für Touristen, von Bad Ischl erwarte ich keine echte Sisi, sondern das aufgehübschte, von aller Vergangenheit gelöste Abbild. Die Frage ist, wie melancholisch macht mich das Künstliche? Die lachsfarbenen Fassaden der Hotels, der Appartements, der Wohnanlagen?

Sprechen Weiterlesen

avenias. Gräben.

Ich weiß, wenn ich jetzt über das avenidas-Gedicht schreibe, ächzt jede, weil jeder schon über das avenidas-Gedicht geschrieben hat und alle haben schon alle Wörter der Welt für Alleen, Blumen, Frauen und Bewunderer eingesetzt, was im Grunde genommen dafür spricht, wie großartig das Gedicht ist und beweist, dass ein Gedicht alles sein kann, gerade in der eigenen Interpretation und grundsätzlich die Frage sein sollte, wie sich die eigene Interpretation zur Welt stellt und wer wem damit auf den Geist gehen sollte oder gerade muss, weil jedes Gedicht natürlich mehr als ein Gedicht ist, auch eine Möglichkeit, den allgemeinen Zustand anzuzweifeln oder euphorisch zu bejahen oder in die hohle Hand zu sprechen.

Nun muss ich darüber nicht mehr schreiben, auch nicht erklären, dass ich die Interpretation der Kritisierenden nicht nachvollziehen kann, ich die Entscheidung, die Worte zu weißen mindestens einfallslos, sicher für falsch halte. Schreiben muss ich nicht, dass ich mir gewünscht hätte, dass getan worden wäre, was man bei Kunst immer tun sollte: Sich miteinander darüber austauschen, Wahrnehmung, Wissen, Interpretation teilen und am Ende gehen alle klüger als zuvor nach Hause. Aber das wäre vermutlich eine naive und realitätsferne Vorstellung, wie eine solche Diskussion ablaufen könnte.

Das müsste ich nicht schreiben. Dann sah ich zwei Videos. Weiterlesen

Tocotronic. Objektiv die hundert elementarsten Lieder.

Anlässlich des Erscheinens der Unendlichkeit die objektiv hundert elementarsten Lieder von TOCOTRONIC bis dato.

Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren
Dieses Jahr
Explosion
Im Zweifel für den Zweifel
Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit
Michael Ende, du hast mein Leben zerstört
Kapitulation
Das Geschenk
Neues vom Trickser
Deine Party

Der schönste Tag in meinem Leben
Die Verbesserung der Erde
Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk
Pure Vernunft darf niemals siegen
Ich mag dich einfach nicht mehr so
Samstag ist Selbstmord
Ein Abend im Rotary Club
Ich heirate eine Familie
17
Die Unendlichkeit

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