Martin Sonneborn als Graf von Stauffenberg versucht auf eine Lesung von Björn Höcke zu gelangen

Martin Sonneborn steht auf einer Frankfurter Toilette. Er will sich umziehen. Das Kostüm hat er auf die Buchmesse geschmuggelt. Aus seinem Rucksack fummelt er eine Uniform, die wie alle Uniformen schneidig ist, niemand würde unschneidige Uniformen tragen wollen. Vor allem aber ist es die Uniform von Graf von Stauffenberg.

Martin Sonneborn hat die größte patriotische Tat begangen, größer als alles, was die AfD in ihrer tausendjährigen Geschichte jemals geschafft hat: Er hat die Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland geholt. Heute sitzt er im Europarlament, arbeitet dort engagierter als viele seiner Kollegen und hat zu oft ranzige Witze über Frauen auf Lager.

Jetzt steht er unten an der Rolltreppe. Oben im Konferenzraum Concordia stellt Björn Höcke sein neues Buch vor: ein Fluss, eine Zeit, ein Gedankengut, das niemals dasselbe ist, aber sehr ähnlich sein kann. Martin Sonneborn trägt eine schwarze Augenklappe und hat eine Aktentasche aus braunem Leder bei sich, so eine, wie Stauffenberg sie damals unter dem Tisch in der Wolfschanze platziert hatte. Doch Sonneborn kommt nicht weit. Sicherheitsleute verweigern ihm den Zutritt zur Lesung.

An dieser Stelle endet der Text. Man kann keine launigen Texte über eine Lesung von Björn Höcke schreiben. In seinem neuen Buch schreibt Björn Höcke von einem kommenden »Aderlass«, fragt, ob »ein Volk überhaupt in der Lage ist, sich selbst aus dem Sumpf wieder herauszuziehen«. »Es braucht eine starke Persönlichkeit und eine feste Hand an langer Leine, um die zentrifugalen Kräfte zu bändigen und zu einer politischen Stoßkraft zu bündeln« schreibt er und folgert, dass »wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind« mitzumachen. Weiterlesen

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Jan-Philipp hebt in Chemnitz die Hand zum Hitlergruß

Jan-Philipp hat vorgeglüht. Leim schnüffeln, den Leim, mit dem Freiherr Götz von Kubitschek seine Antaios-Bücher in Polen binden lässt und dazu Sing meinen Song gehört, die Folge, in der Xavier Naidoo die emotionalsten Lieder von Frei.Wild neuinterpretiert. Noch zwei Dosen Sterni nachgekippt und dann ab zum Nischel.

Dort treffen sich die Kollegen, um zu trauern. Die Kollegen kommen vom Sonnenberg. »Nazikiez« schrieben die aus dem Feuilleton. Für Jan-Philipp ist es Heimat. Deutsche Heimat. Ein Pleonasmus. Jan-Philipp lacht. Wie ostdeutscher Patriot.

Am Nischel ist die Hölle los. Joachim Gauck liest seinen vielbeachteten ZEIT-Artikel vor, Michael Kretschmer bittet die Gegendemonstranten eindringlich, das Image von Sachsen nicht nachhaltig zu schädigen und Frank Plasberg macht ein spontanes Hart aber Fair, weil Faschismus eine Meinung ist und die auch ihren Platz haben muss im Diskurs. Mäßig interessiert hört Jan-Philipp zu. Lieber geht er jagen; Gutmenschen, Ölaugen, Schmierfinken, Volksverräter eben. Oder wie es in der Nationalelf heißen würde: Kartoffeln gegen Kanaken. Weiterlesen

Mesut oder nicht – Die große Samstagabendshow mit Markus Lanz

Markus Lanz ist zufrieden. Ihm und seinen Leuten ist es gelungen, innerhalb weniger Tage eine große, ach, die größte Samstagabendshow auf die Beine zu stellen. Das war wichtig. Immerhin geht es um das Thema, das die Nation wie kein zweites spaltet. Mesut Özil. Also Fußball. Also das Mitsingen der Nationalhymne. Also der Verlust von Fußball als gesellschaftlicher Konsens. Also Vorbildfunktion als sportlicher Repräsentant. Also eklige Medienkampagne. Also wie man mit freiheitsfeindlichen Meinungen in einer freien Gesellschaft umgehen soll. Also Leben zwischen verschiedenen Kulturen. Also wer welche Kultur wie begründet. Also wer für sich in Anspruch nimmt zu entscheiden, wer wo dazu gehört. Also Diskriminierungserfahrungen. Also wie ernst nichtdiskriminierte Deutsche Diskriminierungserfahrungen anderer Deutscher nehmen. Also systemische Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Also Deutschsein.

Es ist wahnsinnig kompliziert. Deshalb haben sich Markus Lanz und seine Leute überlegt, wie es ganz einfach wäre. Was wäre einfacher zu verstehen als eine Samstagabendshow? Ihre Idee: In Mesut oder nicht entscheidet sich jeder für eine von zwei Seiten. Mesut. Oder eben nicht. Das Besondere daran: Jeder Deutsche – gleich, aus welchem Land ihre Eltern kommen – nimmt daran teil. Zwei Hot Buttons, einer MUSS gedrückt werden. Damit ist die Sache dann erledigt. Weiterlesen

Horst Seehofer hält drauf


Horst Seehofer hält drauf. Der Zug fährt im Kreis und rast auf einen anderen zu. Wenn Horst wollte, könnte er das verhindern; Weiche umstellen, abbremsen, anhalten, aussteigen. Horst will das nicht. Der Zug kracht hinein. Frontalcrash. Horst verzieht keine Miene. Macht er nie. Wenn er lächelt, dann mit der Milz.

Es ist Samstag Abend. Gerade hat Kroatien Dänemark aus der WM geschossen. Horst hat sich in sein mobiles Modelleisenbahnzimmer zurückgezogen. Das hat er immer dabei, kann er jederzeit aufbauen. Seine Züge lässt er über ein Deutschland im kleinen Maßstab rollen. Dafür hat er sich ein eigenes Deutschland gebaut; fünfundneunzig Prozent der Fläche nimmt Bayern ein, der Osten und der Norden kommen gar nicht vor, ein kleiner Provinzbahnhof ist Berlin. Hier kann er schalten, wie er will.

Horst überlegt, was er eigentlich will. Im Grunde ging es immer darum, den größtmöglichen Schaden anzurichten; für die Parteien, das Land und Angela, vor allem für Angela. Im Finale hat er sie dort angegriffen, wo sie sowieso verwundbar ist. Ist bedingungslos Kontra gegangen und hat noch drei drauf gesetzt, sicherheitshalber zwei mehr als Kruzifixsöder und Asylindustriealex. Weiterlesen

Alexander Gauland badet im Heiligen See

Auch wenn es den Klimawandel nur in den Fieberträumen linksversiffter Systemlinge gibt, ist der Tag doch recht mollig, denkt Alexander Gauland und zieht sich aus. Er steht am Ufer des Heiligen Sees. Gleich wird er den Körper in das kühle Nass tauchen und ein paar Runden im Wasser drehen. Das braucht er jetzt. Den Kopf mal freikriegen.

Die letzten Tage waren turbulent. Erst der Vogelschiss-Kommentar. Das lief nicht gut. Eigentlich wollte er ja Fliegenschiss sagen. Im Deutschen nennt man unbedeutende Kleinigkeiten Fliegenschiss. Nicht Vogelschiss. So geht die Metapher nicht auf. Alexander ärgert sich. Dabei gehört das Deutsche doch seinen besonderen Skills.

Er schmunzelt. Egal. Haben dennoch alle verstanden, deutsche Sprache hin und oder. Der Frank hat ihn daraufhin aus der Talkshow verbannt. Den Björn auch. Naja. Auch egal. Frank hat ja was zu den Zugewanderten, also Nichtdeutschen, also Ausländern, also Muslimen als Kriminelle gemacht. Und die Maischberger fragt direkt nach der Houellebecq-Verfilmung, ob wir den Islam tolerieren dürften.

Wieder muss Alexander schmunzeln. Rhetorische Frage natürlich. Geht ja eigentlich um das wir. Wir gegen die Nichtdeutschen. Also den Islam. Wenn die schon so anfangen, da muss er auch nicht mehr zum Frank oder der Sandra. Da kann er auch schwimmen gehen im Heiligen See. Weiterlesen

Lindner. Bäcker. Jeder in der Schlange.

Vor vielen Jahren wurde ich gefragt, wer einer der schönsten Männer der Welt sei. Ich sagte: Jude Law. Weil Christian Lindner laut Gala und Spiegel eine entfernte Ähnlichkeit mit Jude Law aufweisen soll, hatte er bei mir einen gewissen Stein im Brett, eine sehr oberflächliche und dumme Schlussfolgerung, gerade in Zeiten der eiskalten, im vollen Unterbewusstsein ihrer Bedeutung getätigten Bäcker»anekdote«, die u.a. impliziert, anhand der Hautfarbe ließe sich die Rechtschaffenheit eines Menschen ablesen.

#Bäcker

Bernd Ulrich: »Wie nennt man Leute, die in der Schlange beim Bäcker darüber nachdenken, ob DIE ANDEREN illegale Migranten, Steuerhinterzieher, oder Ehebrecher sind, während man selbst ein rechtschaffener Bürger 😇 ist? Genau: man nennt sie bigotte Spießer.«

Kunstseidene: ‏»Keine Partei war in den letzten 50 Jahren so häufig an der Bundesregierung beteiligt wie die FDP. Ein Einwanderungsgesetz – durchaus Kern liberal-meritokratischer Politik – haben wir nicht, dafür Salonrassismus und keinen Regierungswillen.« Weiterlesen

Über Spahn, Storch, Kollegah und den Hund von Jens Jessen

Jens Spahn

Ich weiß noch genau, wann ich Jens Spahn zum ersten Mal als Jens Spahn wahrnahm. Es war in einer dieser sogenannten politischen Gesprächsrunden, die ich seither nur noch anschaue, um den Kontext mancher Tweets zu verstehen. Das Thema hieß Rente und Jens Spahn war so jung wie ein Fußballprofi im besten Alter, jünger als Thomas Müller also, jünger als Toni Kroos, irgendwo zwischen Joshua Kimmich und Mario Götze. Ich dachte noch, warum CDU, warum schickst du einen so jungen Menschen in diese Gesprächsrunde, du musst doch von Haus aus für Rente sein.

Aber Jens Spahn war kritisch der Rente gegenüber, er wollte die Rente abschaffen, er wollte, dass alle Alten ihre bisher erhaltene Rente an Junge wie Kimmich (der damals noch in der Jugendmannschaft des VfB Bösingen gespielt haben musste) oder Jens Spahn zurückzahlen sollten. Ich dachte, was für ein pauschaler Unsinn, Jens Spahn, und hatte keine Ehrfurcht vor seiner Meinung, nicht mal Respekt vor seiner kühnen Aggressivität, weil mir Spahn schien wie einer, der aus Karrieregründen in die Haut eines strebsamen Trolls geschlüpft war, einer, der sagt, was niemand hören will, was alle aber ganz gern hören, weil einer muss es ja sagen, weil sich sonst alle einer Meinung sind – boring. Jens Spahn war einer, der badete darin, der verlangte sogar noch mehr von dem kopfschüttelnden Abscheu, mit dem man ihn übergoss. Und man goss bereitwillig.

Ebenfalls kam mir der Gedanke, dass man von dem Spahn noch was hören würde und war gespannt, ob seine Meinung irgendwann zählen würde, ob man seinen Aussagen tatsächlich einmal Bedeutung zuschreiben würde, dass aus seinem Widerspruch des Widerspruchs willen einmal Konsequenzen folgen würden. Anders gesagt, ich war gespannt, ob Jens Spahn eines Tages ein erfolgreicher Politiker werden würde, also einer mit Macht. Weiterlesen