Lindner. Bäcker. Jeder in der Schlange.

Vor vielen Jahren wurde ich gefragt, wer einer der schönsten Männer der Welt sei. Ich sagte: Jude Law. Weil Christian Lindner laut Gala und Spiegel eine entfernte Ähnlichkeit mit Jude Law aufweisen soll, hatte er bei mir einen gewissen Stein im Brett, eine sehr oberflächliche und dumme Schlussfolgerung, gerade in Zeiten der eiskalten, im vollen Unterbewusstsein ihrer Bedeutung getätigten Bäcker»anekdote«, die u.a. impliziert, anhand der Hautfarbe ließe sich die Rechtschaffenheit eines Menschen ablesen.

#Bäcker

Bernd Ulrich: »Wie nennt man Leute, die in der Schlange beim Bäcker darüber nachdenken, ob DIE ANDEREN illegale Migranten, Steuerhinterzieher, oder Ehebrecher sind, während man selbst ein rechtschaffener Bürger 😇 ist? Genau: man nennt sie bigotte Spießer.«

Kunstseidene: ‏»Keine Partei war in den letzten 50 Jahren so häufig an der Bundesregierung beteiligt wie die FDP. Ein Einwanderungsgesetz – durchaus Kern liberal-meritokratischer Politik – haben wir nicht, dafür Salonrassismus und keinen Regierungswillen.« Weiterlesen

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Über Spahn, Storch, Kollegah und den Hund von Jens Jessen

Jens Spahn

Ich weiß noch genau, wann ich Jens Spahn zum ersten Mal als Jens Spahn wahrnahm. Es war in einer dieser sogenannten politischen Gesprächsrunden, die ich seither nur noch anschaue, um den Kontext mancher Tweets zu verstehen. Das Thema hieß Rente und Jens Spahn war so jung wie ein Fußballprofi im besten Alter, jünger als Thomas Müller also, jünger als Toni Kroos, irgendwo zwischen Joshua Kimmich und Mario Götze. Ich dachte noch, warum CDU, warum schickst du einen so jungen Menschen in diese Gesprächsrunde, du musst doch von Haus aus für Rente sein.

Aber Jens Spahn war kritisch der Rente gegenüber, er wollte die Rente abschaffen, er wollte, dass alle Alten ihre bisher erhaltene Rente an Junge wie Kimmich (der damals noch in der Jugendmannschaft des VfB Bösingen gespielt haben musste) oder Jens Spahn zurückzahlen sollten. Ich dachte, was für ein pauschaler Unsinn, Jens Spahn, und hatte keine Ehrfurcht vor seiner Meinung, nicht mal Respekt vor seiner kühnen Aggressivität, weil mir Spahn schien wie einer, der aus Karrieregründen in die Haut eines strebsamen Trolls geschlüpft war, einer, der sagt, was niemand hören will, was alle aber ganz gern hören, weil einer muss es ja sagen, weil sich sonst alle einer Meinung sind – boring. Jens Spahn war einer, der badete darin, der verlangte sogar noch mehr von dem kopfschüttelnden Abscheu, mit dem man ihn übergoss. Und man goss bereitwillig.

Ebenfalls kam mir der Gedanke, dass man von dem Spahn noch was hören würde und war gespannt, ob seine Meinung irgendwann zählen würde, ob man seinen Aussagen tatsächlich einmal Bedeutung zuschreiben würde, dass aus seinem Widerspruch des Widerspruchs willen einmal Konsequenzen folgen würden. Anders gesagt, ich war gespannt, ob Jens Spahn eines Tages ein erfolgreicher Politiker werden würde, also einer mit Macht. Weiterlesen

avenias. Gräben.

Ich weiß, wenn ich jetzt über das avenidas-Gedicht schreibe, ächzt jede, weil jeder schon über das avenidas-Gedicht geschrieben hat und alle haben schon alle Wörter der Welt für Alleen, Blumen, Frauen und Bewunderer eingesetzt, was im Grunde genommen dafür spricht, wie großartig das Gedicht ist und beweist, dass ein Gedicht alles sein kann, gerade in der eigenen Interpretation und grundsätzlich die Frage sein sollte, wie sich die eigene Interpretation zur Welt stellt und wer wem damit auf den Geist gehen sollte oder gerade muss, weil jedes Gedicht natürlich mehr als ein Gedicht ist, auch eine Möglichkeit, den allgemeinen Zustand anzuzweifeln oder euphorisch zu bejahen oder in die hohle Hand zu sprechen.

Nun muss ich darüber nicht mehr schreiben, auch nicht erklären, dass ich die Interpretation der Kritisierenden nicht nachvollziehen kann, ich die Entscheidung, die Worte zu weißen mindestens einfallslos, sicher für falsch halte. Schreiben muss ich nicht, dass ich mir gewünscht hätte, dass getan worden wäre, was man bei Kunst immer tun sollte: Sich miteinander darüber austauschen, Wahrnehmung, Wissen, Interpretation teilen und am Ende gehen alle klüger als zuvor nach Hause. Aber das wäre vermutlich eine naive und realitätsferne Vorstellung, wie eine solche Diskussion ablaufen könnte.

Das müsste ich nicht schreiben. Dann sah ich zwei Videos. Weiterlesen

Jahresendrant.

Anstatt besinnlicher Worte zum Jahreswechsel ein im Grunde genommen viel zu höflicher, vielleicht naiver Rant. Oder wie Günter Jauch sagen würde: »Emotion pur« – nichts Ausgewogenes, nicht auf Ausgleich oder Vollständigkeit bedacht, sondern allein reiner Unmut darüber, dass

– jedes Jahr ab Oktober die Islamisierung von Weihnachten herbeigeunkt wird: angebliche Winterfeste statt Weihnachtsmärkte, angebliche Verbote von Weihnachtsliedern, angeblich ausgefallene Weihnachtsfeiern aus Rücksicht auf Muslime, angeblich nicht aufgestellte Weihnachtsbäume etc. Und jedes Mal entpuppen sich diese Annahmen als falsch, zumindest komplexer als die wollen uns was wegnehmen. Und trotz aller mancher Richtigstellung bleibt letztlich ein vermeintlicher »War on Christmas« im Langzeitgedächtnis hängen.

– dass es dazu diese irren Zahlen gibt: Die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger ist um die Hälfte gesunken, dafür ist der Zahl derer, die glauben, dass Deutschland vom Christentum und christlichen Werten geprägt ist, um das Doppelte gestiegen (in »Westdeutschland«). Und zwanzig Prozent mehr »Westdeutsche« glauben an Wunder als noch vor dreißig Jahren.

– dass die Falschmeldung – die schwedische Regierung hätte ein Gesetz verabschiedet, nach dem vor dem Sex die Partner (schriftlich) ihre gegenseitige Einwilligung geben müssten – ihre Runden zieht, weil sie so gut ins eigene Narrativ passiert, welches besagt, dass heutzutage alles beschränkt und beschnitten wird und eingegriffen und überhaupt….

#metoo. Da finden all diese furchtbaren, erschreckenden, letztlich nicht mal so überraschenden Berichte, Erzählungen, Erfahrungen endlich den Weg in die Öffentlichkeit. Und anstatt zuzuhören, anstatt sich ein Bild vom Ausmaß dieser gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen, politischen Katastrophe zu machen, kriechen sofort die »Ja, aber«-Artikel um die Ecke, die ohne Zögern relativieren und alles in Gefahr sehen, die Liebe und die Erotik und die Meinungsfreiheit und Gesellschaft, anstatt, ich muss wiederholen, zuzuhören und dann zu fragen: »Wie können wir alle helfen, diese unhaltbaren Zustände zu ändernWeiterlesen

Fünf Phasen der Betrachtung der Betonstelen in Björn Höckes Vorgarten


Eine Künstlergruppe hat in Sichtweise von Björn Höckes Wohnhaus im thüringischen Bornhagen eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet und nimmt damit Bezug auf Höckes Rede von Februar, in der dieser das Denkmal als »Schande« bezeichnete.

Fünf Reaktionen meinerseits:

(1) omg

(2) ungut

Ähnlich ungutes Gefühl wie schon bei Yolocaust, die diffuse Ahnung, dass hier benutzt, vielleicht instrumentalisiert wird, dass ich glaube zu verstehen, was die jeweiligen Aktionen anzuprangern versuchen, dass ich die Ausführung in Teilen zweifelhaft finde, dass es es mehr oder zumindest zu viel um die Macher selbst geht, mehr um die Kritik als das Gedenken.

Dazu erschließt sich mir der Teil mit der Observierung nicht, mehr noch, ich halte es für falsch und fahrlässig, in Tarnkleidung und mit Feldstechern Menschen zu überwachen, ihre Mülltonnen zu durchwühlen, auf diese Weise Informationen für Dossiers zusammenzutragen.

(3) Bedenkenträger Weiterlesen

Momente, September 2017.

Weimar, 2. September 2017

Tagesprogramm für heute:
13:00 Uhr – Sigmar Gabriel auf dem Platz der Demokratie
18:00 Uhr – Scooter im Gauforum Atrium

Außerminister und Hardtranceband erscheinen deutlich später als angekündigt, sprechen volksnah, agieren professionell und spielen ihre größten Hits (älteste Partei Europas / Maria, I Like It Loud). Sigmar Gabriel erwähnt öfter seine Großmutter (»Omma«) und einen gewissen Konstantin, einen Jungen, den er zuvor traf und ein Eis versprach. Das Eis kauft er ihm später beim Dolomiti am Markt.

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Auf dem Goetheplatz neben dem Bratwurststand neben dem Bibelstand neben dem Stand der Initiative für den Erhalt des Ur-und Frühzeitlichen Museums neben dem AfD-Stand, keine fünfzig Meter entfernt eine vom Kunstfest in Auftrag gegebene Weltkarte des Kommunismus. Am AfD-Stand müssen alle entweder beige Sonnenhüte tragen oder die Aufschriften auf ihren T-Shirts unter Jacken verbergen.

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Auch beim Erotik-Fachgeschäft erwünscht: Buy Local. Weiterlesen

Ghostbusters: AfD

In Ghostbusters II droht ein unterirdischer Schleimfluss New York zu zerstören. Dieser Schleimfluss speist sich aus negativer Energie, er wächst, je mehr man hasst und wütet und schlechte Gedanken hat.

An diesen Schleimfluss muss ich denken, wenn ich an die AfD denke.

Letztes wurde in Weimar das Hinterzimmer, eine studentische Kneipe, von einem AfD-Sympathisanten übernommen, der dort einen AfD-Stammtisch einrichtete. Es kam zu Protesten, mit Bannern und Dudelsäcken und Trillerpfeifen, Menschen hielten ihre Ärsche in die Kamera, Biomüll wurde vor der Kneipentür abgelegt, ein halbverwester Schweinekopf.

Jede Form dieses Protests nahmen die lokalen AfDler nicht nur hin, sondern schienen daran zu wachsen, so wie der Schleimfluss aus Ghostbusters, der Hass schien sie größer und stärker zu machen, stolz posteten sie Smartphonefotos auf ihren Facebookseiten, wir gegen die Welt, je wutentbrannter der Protest, desto mehr Berechtigung für unsere Politik.

Protest also, Hass auch und am Wochenende eine Wahl. Sehr wahrscheinlich wird dann die Alternative für Deutschland von den wahlberechtigten Deutschen mindestens zur drittstärksten Partei des Landes gekürt werden.

Zeit bliebe bis dahin noch, um mit Freunden, Bekannten, Verwandten zu sprechen, welche die AfD wählen wollen. Man könnte nach Gründen fragen und wenn diese Gründe kommen -»aus Protest«, »für eine starke Opposition«, »gegen andere Parteien«, »gegen Merkel«, »weil die kein Blatt vor den Mund nehmen« etc. – klar machen, dass die AfD zu wählen eben auch bedeutet, Rassismus, Nationalismus, Revisionismus, etc. billigend in Kauf zu nehmen und damit zu unterstützen.

Man könnte den Freunden, Bekannten, Verwandten vor Augen führen: Du bist kein Neonazi, wenn du die AfD wählst, aber du machst dich gemein mit den Schandmalen, Menschenentsorgungswünschen, der Renaissance des Völkischen.

Doch würde dies nichts am wahrscheinlichen Ergebnis ändern. Ab Herbst wird die Alternative im Bundestag sitzen, Teil von Gremien sein, die über Kultur, Wissenschaft, Familienpolitik und Soziales debattieren, Papiere schreiben und Empfehlungen aussprechen. Und sicher ist nur eines: der Schleimfluss wird größer werden. Weiterlesen