Coronamonate | April 2022

7. April | vom Tisch

Es fällt weiterhin schwer, Gedanken auf die Pandemie zu richten, gerade nach den letzten Tagen, den entsetzlichen Berichten aus Butscha, soviel Grauen und Abgrund, die Nachrichten von den mobilen Krematorien und deren Verwendungszweck, wie soll daneben ein Eintrag bestehen, dass der Gesundheitsminister Anfang der Woche die Isolationspflicht nach einer Infektion aufheben will und diese Aufhebung Stunden später per Twitter zurücknimmt?

Doch fand heute die Coda eines der zentralen Reizthemen der Pandemie statt: die Abstimmung über die Einführung einer Impfpflicht ab sechzig Jahren. Es fühlt sich auch so aus der Zeit gefallen an, viele Monate zu spät erscheint dieser Versuch zu finalisieren, was solange schon triggerte. Eine Debatte aus dem letzten Jahr, die nun erst entschieden wird, all dieser zähe Vorlauf ist einer der Gründe dafür, dass die Impfpflicht – wie erwartet, möchte ich schreiben – abgelehnt wird. Vom Tisch ist damit eine Coronaimpfpflicht, heute und morgen auch.

Es gibt kaum Argumente gegen das Impfen, einige gegen eine Pflicht, einige dafür. Doch rückblickend das Gefühl, dass die Diskussion darüber immer überhitzt war und auch deshalb gescheitert ist. Auch zu sehen, wie ungeschickt zum Teil, wie häßlich ideologisch die politische Diskussion geführt wurde, wie die Politik versuchte, die Diskussion in eine Politik überführen, wie sie damit scheiterte, kläglich möchte ich schreiben mit all den Ansprüchen und Reputationen, die in Waagschalen geworfen wurden, heute zu sehen, wer sich wie darüber freut, wer die Faust nun grinsend reckt und hämisch jubelt, ist irgendwie auch die Essenz von zwei Jahren Pandemie in diesem Land.

Weil die Entscheidung von heute wirkt wie eine, die gestern hätte getroffen werden müssen und deren Folgen auf morgen wirken werden. Und das Gefühl, dass es alles ganz anders hätte laufen können und so läuft es weiter wie bisher, ein Versagen aller irgendwie, eine komplette Niederlage, nicht zwingend die Entscheidung, sondern der Weg dahin, die Art und Weise, wie sie getroffen wurde.

Und während sich dieser Tag deshalb auch wie ein Kotau vor dem Querdenken anfühlt, währenddessen eine echte Coronadiktatur, eine Dystopie wie aus dem Lehrbuch, in Shanghai gerade, wo der chinesische Staat 26 Millionen Menschen in einen wahrhaftigen Lockdown bringt; patrouillierende Roboterhunde, die auf den leeren Straßen laufen und Regeln verkünden, Drohnen, die vor die Fenster singender Menschen fliegen und per Lautsprecher schnarren: »Kontrollieren Sie den Wunsch Ihrer Seele nach Freiheit. Öffnen Sie nicht das Fenster und singen Sie nicht«, Kinder, die vom Staat von ihren infizierten Eltern getrennt werden, zu geringe Lebensmittelverteilung, regierungstreue Nachbarschaftskomitees, die Quarantänebrecher verprügeln.

4. April | klarkriegen

Nachdem drei von sechs Parteien für das Auslaufen vieler Maßnahmen stimmten, gilt zumindest in Thüringen Maskenpflicht in vielen öffentlichen Orten nicht mehr. Das Tragen von Masken erfolgt nun eigenverantwortlich, ich werde keinen offiziellen Grund mehr haben, von maskenlosen Gesichtern irritiert zu sein.

Gestern der Besuch in einem der Perlenketten-Dörfer. Zwei Jahre hat sich das Dorf das gesamtgemeinschaftliche Feiern versagt. Vor zwei Wochen ein Polterabend, zu dem alle Bewohner eingeladen waren, 2G Plus. Ein Superspreadereignis, anschließend ist ein Großteil der Anwesenden und damit ein Großteil des Dorfes infiziert. Die Verläufe, so der Stand nach zwei Wochen, nicht schwer.

Klar kriege ich es nicht, dass das Abschaffen der Coronamaßnahmen von einigen als Freiheit gefeiert wird und diesen Freiheitsbegriff gegen die Bilder aus Butscha setzen zu müssen. Klar kriege ich ebenfalls nicht die Demonstrationen und Posts und Hashtags gegen die Coronadiktatur, wenn ich diesen Diktaturbegriff gegen die Geschichte von Mariana aus Mariupol setze.

Und die Lebensmittelhändler erhöhen die Preise um einen zweistelligen Prozentsatz und die Energiepreise verdreifachen sich für Haushalte und in Katar, wo mehr als 6500 Menschen beim Bau von Fußballstadions starben, werden die Gruppen für die Fußball-WM ausgelost und es ist weniger schlecht, zukünftig Gas aus diesem Land zu kaufen, weil es schlechter ist, den russischen Krieg mit dem Kauf von russischem Gas zu finanzieren und schlechter ist als eine große Rezession in Deutschland und in Afghanistan verbieten die Taliban Mädchen das Lernen und in Ungarn erhält Orban fast zwei Drittel aller Stimmen und für Frankreich schließen einige Analysten einen Sieg Le Pens nicht mehr aus und in der Arktis liegen die Temperaturen bis zu vierzig Grad über dem Normalwert und in der Antarktis auch und währenddessen läuft die Pandemie weiter, so viele und so viele hunderttausend Ansteckungen am Tag und die Maßnahmen setzen aus und die Verläufe sind für die meisten mild und für einen Teil nicht und weiterhin sterben zweihundert Menschen am Tag daran, das ist die Zahl, auf die wir uns geeinigt haben und all das nebeneinander, gegeneinander, ineinandergreifend, so richtig klar kriege ich das nicht Anfang April.

Coronamonate | März 2022

März 2022 | Freedom Day

Vor einigen Wochen habe ich aufgehört, die Coronamonate zu schreiben. Es schien mir obszön und unangebracht, über Inzidenzen Einträge zu verfassen, während Raketen auf Geburtskliniken abgefeuert werden. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die Wucht, das Leid, das Unfassbare überlagerte alles, war der Blick, waren auch meine Worte (hier einige Gedanken zum Lesen). Wo zwei Jahre lang die Pandemie gewesen war, war nun der Krieg. In einem frühen Eintrag hatte ich überlegt, wann Corona vorbei wäre. Wenn es nicht mehr in den Nachrichten ist, schrieb ich damals. Nun hätte ich damals nicht gedacht, dass die Pandemie nicht im Zentrum steht, weil Krieg ist. Und: Corona ist ja nicht vorbei.

Im Gegenteil. In den letzten Wochen Höchststände bei den Neuinfektionen, 300.000, jeder zweite Test positiv. Es wird sich angesteckt, objektiv lässt sich das an den Zahlen ablesen, subjektiv sehe ich das im nahen Umfeld: viele Isolationen. Damit tritt auch ein, was prognostiziert wurde: viele Ausfälle, gerade im Gesundheitswesen.

Zeitgleich zu diesen Ansteckungen findet der Freedom Day statt, ein Name, der aus vielerlei Gründen so unpassend ist: das Beenden der Maßnahmen. Erst mal ein technischer Vorgang, vor allem ein Symbol. Die Politik betrachtet das Virus nicht mehr als Bedrohung für die Gesellschaft und handelt entsprechend.

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Coronamonate. Februar 2022

Ab dieser Stelle vorerst kein neuer Eintrag mehr, es fühlt sich momentan nicht richtig und wichtig an, an den Coronamonaten weiterzuschreiben.

26. Februar | Kulissenwechsel

Wenig überraschend schiebt sich das Querdenken nahtlos über den Putinkrieg. Das Muster, das bisher für die Pandemie galt, wird nun auf die Ukraine gestülpt. Die Kulisse ändert sich, die Bühne bleibt, diese Umkehr des Denkens. Nicht in einer guten, produktiven Weise, die einen zwingt, die eigene Position zu NATO, Militarisierung, Ostpolitik, Medien, Energiepolitik kritisch zu hinterfragen, sondern dumpf, bockig, wehleidig, offensichtlich manipuliert, maßlos. Auch klar: Sowie Putin seinen Krieg verloren haben wird, wird die nächste Kulisse aufgebaut werden.

Ansonsten: Ab heute beginnt in Deutschland die Impfung mit dem proteinbasierten Impfstoff Novavax.

25. Februar | schreiben könnte ich

Schreiben könnte ich, dass heute, am vorletzten Abend meiner Isolation, der Schnelltest weiterhin einen zweiten Strich anzeigt und ich nicht so recht weiß, was ich von dieser positiven Information halten soll, es erscheint irrelevant, jede Information über Corona scheint unwichtig, wie etwas von gestern, überholt, zu den Akten gelegt angesichts der weiterhin unwirklichen Nachrichten aus der Ukraine – Häuserkampf in Kiew, selbstgebastelte Molotowcocktails gegen russische Soldaten, rollende Panzer, Väter, die sich weinend von ihren Kindern verabschieden, um in den Kampf zu ziehen, 20000 Maschinengewehre, die Zivilisten überreicht werden, erhöhte Strahlungswerte im eroberten Tschernobyl, Metrostationen, in denen Menschen Zuflucht suchen, Raketensperrfeuer, Deutschland, das 5000 Helme Richtung Osten schickt.

24. Februar | die Zukunft, die graue

Heute vor zwei Jahren stand ich in einer Apotheke und kaufte Masken, weil ich die vage Befürchtung hatte, die Zukunft könnte diesen Kauf notwendig machen. Hätte ich damals geahnt, dass ich genau zwei Jahre später das Virus in mir trage und deshalb in Isolation bin, während eine Pandemie über sechs Millionen Opfer gefordert hat, hätte ich geahnt, dass genau zwei Jahre später Putin seine Soldaten die gesamte Ukraine angreifen und zerstören lässt, dann…

Es ist unwichtig, was ich dann gemacht hätte. Ich, diese Einträge sind es angesichts der Nachrichten. Dabei ist heute alles – trotz dessen, dass es die Welt betrifft – auch ich, weil die furchtbaren Ereignisse – ein Krieg – durch mich gehen und ich sie irgendwie verarbeiten muss, etwas, das schlicht unmöglich ist. Wie will ich die Information, dass ein Krieg beginnt, die unzähligen, unkontrollierbaren Informationen, die aus dieser Tatsache folgen, mit irgendwas in Einklang bringen? Soll ich fühlen, Worte wie »furchtbar« schreiben? Soll ich versuchen zu verstehen? Auf dem Laufenden bleiben? Es ist alles zugleich und zugleich ist es nichts, ist alles leer bei jedem Gedanken daran.

Vor zwei Jahren hätte ich niemals angenommen, dass so etwas wie eine Pandemie geschehen könnte. Noch weniger hätte ich angenommen, dass sie zwei Jahre meines Lebens, aller Leben bestimmt. Genauso wenig hätte ich angenommen, dass Putin Raketen auf Kiew schießt. Beides war unvorstellbar. Nein, nicht unvorstellbar. Immer gibt es Szenarien. Es gibt Szenarien von weltweiten Virenausbrüchen, gibt Szenarien von Kriegen. Das Schlimme ist vorstellbar. Es ist nur unvorstellbar, dass es Realität wird, Teil der nicht mehr gestaltbaren Zeit.

In der Pandemie ging und geht es unablässig darum, die nahe Zukunft zu kennen. Das war möglich und war es zugleich nur bedingt. Einher ging die Erkenntnis, dass trotz aller Prognosen, allem Wissen das Handeln eingeschränkt ist, das das Wissen um die Zeit nicht das bestmögliche Handeln garantiert. Nichts Neues unter dem Himmel, alle Zyniker finden sich bestätigt. Ich wollte niemals zynische Einträge schreiben.

Ja, eigentlich ist heute der Tag, an dem ich diese Coronamonate beenden wollte. Sollte. Zwei Jahre sind genug Worte dafür. Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird. Schreibe ich bis Sonntag, bis ich die Isolation verlassen habe, ist das mein persönliches Ende der Pandemie, ein privater Schlusspunkt als universeller Schlusspunkt?

Vielleicht, vielleicht nicht. Jedenfalls das niederschmetternde Gefühl, dass die Pandemie weiterhin ist und sein wird und dennoch von jetzt an etwas Neues den Blick bestimmt, nicht ganz so nah, nicht ganz so komprimiert, noch undurchsichtiger, noch invasiver, ein Schnitt in der Zeit, unumkehrbar, etwas, das lange bleiben wird, das die nächsten Jahre, die 20er Jahre bestimmen wird, die Zukunft, die graue.

Ansonsten: welches Ansonsten?

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Coronamonate. Januar 2022.

31. Januar | Bad News Overkill

Im Kindergarten heute ein Omikronfall. So beginnen die Informationen, das Gehörte, das Aufgeschnappte und Gewhatsappte zu fließen und sich zu dutzenden Fragen aufzutürmen: Welche Gruppe? Welche Gruppe noch? Wer hatte Kontakt zu wem? Wann wurde schnellgetestet? Wann mit PCR? Welche Kinder waren am Schnelltesttag in der Gruppe? Welche Erzieherinnen? Wo waren Kinder und Erzieherinnen später? Wann kommt der Anruf vom Gesundheitsamt mit den weiteren Anweisungen? Was sagen diese Anweisungen? Welche Gruppe wird geschlossen? Wie lange? Bedeutet das Quarantäne? Was ist mit möglichen Geschwisterkindern in anderen Gruppen? Bleiben die auch zuhause? Was ist mit den Elternteilen, geimpft, geboostert? Gibt es ungeimpfte Erzieherinnen? Wann endet eine mögliche Quarantäne? Kann man sich freitesten? Werden Einjährige überhaupt getestet?

Lauter Fragen praktischer Art, weil an den Antworten die nächsten Tage, die Woche, alle Pläne hängen, auch die Sorgen. Das Hypothetische, das Wahrscheinliche wird allmählich Realität, gießt sich in den Februaranfang.

Darüber hinaus lese ich von einer dänischen Studie, die Long Covid bei Kindern beschreibt. Lese von der Omikron-Variante BA.2, die noch ansteckender ist und den Immunschutz noch gewissenhafter umgeht. Lese, dass nach Omikron durchaus wieder das gefährlichere Delta kommen könnte. Lese über die Endemie: a disease can be endemic and both widespread and deadly. Und das reicht dann mal an schlechten Nachrichten für einen Tag und ich klappe das Ansonsten zu.

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Und dann lese ich doch weiter. Einen interessanten Thread darüber, wie wenig hilfreich das Aussprechen schrecklicher Wahrheiten ist, wenn es allein dazu dient, Fatalismus zu zelebrieren, und ob es nicht sinnvoll wäre zu fragen, wie das Schlimme als Chance für eine Veränderung hin zum Besseren formuliert werden könnte. Und das könnte ja ein Vorsatz für den Februar sein.

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Coronamonate. Dezember 2021.


31. Dezember | Rauhnacht

Wir sitzen im Garten, das Abendrot über uns längst verschwunden, in den Zonen der Stadt, wo Feuerwerk erlaubt ist, knallt es schon, in den anderen auch. Weil wir keinen Stift bei uns haben, flüstern wir die Dinge, die wir hinter uns lassen wollen, in Zettel hinein, ein Ritual der Rauhnächte. Wir werfen sie in die Feuerschale, die Papiere und damit die Dinge, von denen wir uns lösen wollen. Das Holz zur Glut runtergebrannt, reicht das Feuer noch für einen letzten Brand, fressen die Flammen die unsichtbaren Worte. Ich flüstere die gesamten Einträge, auch wenn das Papier dafür nicht reicht und das Feuer ebensowenig, ist es das, was ich vom neuen Jahr begehre.

Ansonsten: In Israel beginnen die vierten Coronaimpfungen für Immungeschwächte. Mehrere Länder melden Höchstwerte an Neuinfektionen.

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Coronamonate. November 2021.


30. November | Plateau

Der R-Wert fällt unter eins, die Neuinfektionszahlen stagnieren, die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt, von einem Plateau wird gesprochen: das erste Mal seit vielen Wochen ein Trend, der das Wachsen unterbricht. Gute Nachrichten, möglicherweise in der Summe die Folgen der eingeführten Beschränkungen, einer allgemeinen Verhaltensänderung, den steigenden Impfzahlen. Ich höre das gern, fühle bereitwillig anders als in den letzten langen Tagen.

Zugleich ist von einem Meldeverzug die Rede, von den überlasteten Labors, davon, dass wegen der Nachmeldungen der R-Wert zuletzt stets nachträglich nach oben korrigiert werden musste, den rotbeleuchtenden Krankenhäuser, die auf ihre Fassaden SOS schreiben, lauter Hinweise, dass die Zahlen nicht das vollständige Bild zeigen, dass das scheinbare Plateau viel zu früh als Zeichen für eine Entspannung dienen könnte. Wie wird dieses Plateau gedeutet werden? Wie werden sich die Entscheidungen und Ankündigungen des heutigen Tages auf die nächsten Wochen auswirken? Gibt es wirklich eine neue Tendenz oder weiterhin die Überlastung, die Eskalation?

Und wenn ich länger über diesen Eintrag nachdenke, merke ich, wie sehr ich in den letzten zwanzig Monaten mein Wohlbefinden auch von den täglichen Coronazahlen abgehängig gemacht habe, wie sehr sich meine Stimmung in Richtung des Corona-Trend-Pfeils justiert. Selbst wenn diesem nicht zu trauen ist, genügt es, mich heben zu lassen.

Ansonsten: Der zukünftige Bundeskanzler spricht sich für eine Impfpflicht aus. Laut einer Grundsatzentscheidung des Bundesverfassungsgerichts war die Notbremse verfassungsgemäß. Ein General wird den zukünftigen Corona-Krisenstab leiten. Nach einem Urteil kann das Verfremden eines Judensterns (z.B. ungeimpft) nun strafrechtlich verfolgt werden. In Sachsen und Thüringen wird gegen die Maßnahmen demonstriert. Weil immer wieder Mitarbeiterinnen beschimpft werden, schließt ein Testzentrum in Zittau.

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Coronamonate. Oktober 2021.

31. Oktober | zwei Karten Ende Oktober

Zwei Karten nebeneinander, beide zeigen Inzidenzdeutschland. Eine Karte ist von Ende Oktober 2020, die andere von Ende Oktober 2021. Auf der frühen Karte sind die Landkreise mehrheitlich gelb und hellrot, auf der heutigen dunkelrot, auch violett. Die Zahlen auf der aktuellen Karte liegen alle über denen der Pandemie von vor einem Jahr; Inzidenz, Intensivpatentinnen, Tote. Auch die Impfquote ist höher: 2020 0%, 2021 69%.

Die Karte und die Zahlen sagen, dass die Situation heute nicht allein ähnlich ist wie am Beginn des ersten Coronawinters. Sie ist dramatischer. Die Erklärung dafür lässt die Gegenüberstellung offen. Unterhalb der Karten wird spekuliert: Sind es die Impfungen, die sich unwirksam erweisen? Delta im Vergleich zum Wildtyp? Die Maßnahmen vom 2020 im Vergleich zu 2021? Ein verändertes Verhalten der Menschen?

Momentan liegt der R-Wert bei 1,25, eine Verdopplung etwa alle zwei Wochen. Bis Ende November, wenn die die epidemische Lage nationaler Tragweite für beendet erklärt ist, würde nach dieser Verdopplung die Inzidenz bei 600 liegen. Ich weiß, dass diese Rechnungen nie so aufgehen, ich weiß es, ich gehe davon, was könnte die Kartenfarben ändern bis dahin?

Ansonsten: Die Inzidenz für Kinder zwischen 5-14 Jahren liegt in Weimar bei 1147.

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Coronamonate. August 2021

31. August | lieber die Pferde

Ein Artikel einer großen deutschen Tageszeitung macht auf mit der Schlagzeile, dass Corona bei 80 Prozent der offiziellen Covid-Toten nicht Todesursache sei. Beim Lesen wird deutlich, dass damit die (vergleichsweise geringen) Zahlen seit Anfang Juli 2021 gemeint sind und dass »die zugrundeliegende Infektion schon länger als fünf Wochen zurückliegt und man daher eher davon ausgehen muss, dass Corona nicht die wirkliche Todesursache war.« Später distanziert sich der befragte Wissenschaftler davon, die Überschrift sei »in ihrer Allgemeinheit falsch und würde von uns niemals so vertreten werden.« Dennoch wird der Artikel entsprechend verbreitet, der Tenor der Überschrift – kaum Tote durch Corona – bleibt bestehen.

Eine andere große Tageszeitung veröffentlicht einen Beitrag, der behauptet, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zur Gefährlichkeit des mRNA-Impfstoffes unterdrückt werden. Als Beleg bezieht sich der Artikel auf Studien, die nirgends auffindbar sind.

In Amerika warnt die Behörde für Nahrungsmittel und Medikamente: »Sie sind kein Pferd. Sie sind keine Kuh«, weil Impfgegnerinnen ein Entwurmungsmedikamente für Pferde einnehmen, lieber nehmen sie ein Entwurmungsmedikament für Pferde ein, als sich impfen zu lassen und ich frage mich, wie oft ich Einträge wie diese schreiben werde, ob ich solche Einträge schreiben werde, so lange ich über die Pandemie schreibe.

Ansonsten: Mehrere Ministerien sprechen sich gegen eine 3G-Regel in Zügen aus. In Hamburg schließt Deutschlands größtes Impfzentrum. Das Bundeskabinett beschließt, dass zukünftig die Hospitalisierungsrate das entscheidende Kriterium für Coronamaßnahmen ist. Nach mehr als einem Jahr Fernunterricht kehren die mexikanischen Schülerinnen zurück in die Klassenräume. In Amerika schalten mehrere Kinderkrankenhäuser eine Anzeige, in der sie dazu aufrufen, Kinder vor Covid19 zu schützen.

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Coronamonate. Juli 2021

31. Juli | Coronamonate, ausgestellt

Heute eröffnet die Ausstellung. Wie seltsam, die Worte und Momente an die Wand zu hängen und in Vitrinen zu packen, so, als wären die Coronamonate schon vorbei. Wie beruhigend.

Die Tagebucheinträge sind wie ein Zeitstrahl, eher eine Schneise, die einen Weg durch meine Pandemie schlägt. Vermessen zu glauben, es wäre möglich, etwas so Unübersichtliches und Gewaltiges komprimieren zu können auf einen Gang. Andererseits stellt sich beim Schauen auf die Wände, die Rahmen und Fotos ein tiefes, fast sattes Gefühl der Ordnung ein, so sortiert erscheint die Pandemie gezähmt auf seltsame Weise.

Später die erste Lesung aus den Coronamonaten. In fünfzehn Minuten durch siebzehn Monate. Eine Raffung, die sich auch ein wenig wie ein Ausschlachten der eigenen Beobachtungen anfühlt, gerade bei Auswahl; für jedes Wort, das ich lese, lasse ich hundert weg, für jedes Argument, jeden Eindruck, jede Ambivalenz gilt das ebenso. Auf die gelesenen Einträge wird reagiert. Ich bin überrascht und auch überfordert von den Gefühlen anderer darauf und ich frage mich, weshalb das so ist.

Gestern habe ich das Wort »Corona-Nostalgie« gehört, die Verklärung der ersten Monate. Nostalgie sind die Coronamonate nicht, aber mittlerweile Material. Material, aus dem ich Textblöcke breche, die ich rahme, an denen ich feile und formuliere, Sätze, die nicht mehr die Funktion haben, einen gegenwärtigen Eindruck festzuhalten, sondern die im Rückblick für ein Ganzes stehen sollen. Das verändert meine Worte, ich baue eine Distanz auf. Ich, der geschrieben hat, ist ein anderer als der, der sie auswählt. Ich muss nicht mehr fühlen, ich lektoriere. Mein Corona-Empfinden wird mir beim Ausstellen der Coronamonate fremd, was gut ist, was notwendig ist, was die Überforderung erklärt.

Im Zwischenraum unserer gemeinsamen Ausstellung (Y. stellt wunderbare Foto- und Textarbeiten über Weimar aus) hängen Schnüre, liegen Zettel, stehen desinfizierte Stifte bereit. Wer will, kann eigene Worte zu Corona und der Zeit davor finden. Nach der Vernissage, als die meisten gegangen sind, machen wir einen letzten Rundgang durch die letzten Monate. An der Schnur hängen vier beschriebene Zettel. Sie alle berichten von der Pandemie. Es ist ein Auftakt, etwas Neues, dieses Erinnern, noch während das Große weiterhin geschieht.

Ansonsten: wird es die nächste Woche keinen Eintrag geben. Nach dem 9. geht es weiter. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. September auf Schloß Burgk zu sehen.

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