Über Spahn, Storch, Kollegah und den Hund von Jens Jessen

Jens Spahn

Ich weiß noch genau, wann ich Jens Spahn zum ersten Mal als Jens Spahn wahrnahm. Es war in einer dieser sogenannten politischen Gesprächsrunden, die ich seither nur noch anschaue, um den Kontext mancher Tweets zu verstehen. Das Thema hieß Rente und Jens Spahn war so jung wie ein Fußballprofi im besten Alter, jünger als Thomas Müller also, jünger als Toni Kroos, irgendwo zwischen Joshua Kimmich und Mario Götze. Ich dachte noch, warum CDU, warum schickst du einen so jungen Menschen in diese Gesprächsrunde, du musst doch von Haus aus für Rente sein.

Aber Jens Spahn war kritisch der Rente gegenüber, er wollte die Rente abschaffen, er wollte, dass alle Alten ihre bisher erhaltene Rente an Junge wie Kimmich (der damals noch in der Jugendmannschaft des VfB Bösingen gespielt haben musste) oder Jens Spahn zurückzahlen sollten. Ich dachte, was für ein pauschaler Unsinn, Jens Spahn, und hatte keine Ehrfurcht vor seiner Meinung, nicht mal Respekt vor seiner kühnen Aggressivität, weil mir Spahn schien wie einer, der aus Karrieregründen in die Haut eines strebsamen Trolls geschlüpft war, einer, der sagt, was niemand hören will, was alle aber ganz gern hören, weil einer muss es ja sagen, weil sich sonst alle einer Meinung sind – boring. Jens Spahn war einer, der badete darin, der verlangte sogar noch mehr von dem kopfschüttelnden Abscheu, mit dem man ihn übergoss. Und man goss bereitwillig.

Ebenfalls kam mir der Gedanke, dass man von dem Spahn noch was hören würde und war gespannt, ob seine Meinung irgendwann zählen würde, ob man seinen Aussagen tatsächlich einmal Bedeutung zuschreiben würde, dass aus seinem Widerspruch des Widerspruchs willen einmal Konsequenzen folgen würden. Anders gesagt, ich war gespannt, ob Jens Spahn eines Tages ein erfolgreicher Politiker werden würde, also einer mit Macht. Weiterlesen

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avenias. Gräben.

Ich weiß, wenn ich jetzt über das avenidas-Gedicht schreibe, ächzt jede, weil jeder schon über das avenidas-Gedicht geschrieben hat und alle haben schon alle Wörter der Welt für Alleen, Blumen, Frauen und Bewunderer eingesetzt, was im Grunde genommen dafür spricht, wie großartig das Gedicht ist und beweist, dass ein Gedicht alles sein kann, gerade in der eigenen Interpretation und grundsätzlich die Frage sein sollte, wie sich die eigene Interpretation zur Welt stellt und wer wem damit auf den Geist gehen sollte oder gerade muss, weil jedes Gedicht natürlich mehr als ein Gedicht ist, auch eine Möglichkeit, den allgemeinen Zustand anzuzweifeln oder euphorisch zu bejahen oder in die hohle Hand zu sprechen.

Nun muss ich darüber nicht mehr schreiben, auch nicht erklären, dass ich die Interpretation der Kritisierenden nicht nachvollziehen kann, ich die Entscheidung, die Worte zu weißen mindestens einfallslos, sicher für falsch halte. Schreiben muss ich nicht, dass ich mir gewünscht hätte, dass getan worden wäre, was man bei Kunst immer tun sollte: Sich miteinander darüber austauschen, Wahrnehmung, Wissen, Interpretation teilen und am Ende gehen alle klüger als zuvor nach Hause. Aber das wäre vermutlich eine naive und realitätsferne Vorstellung, wie eine solche Diskussion ablaufen könnte.

Das müsste ich nicht schreiben. Dann sah ich zwei Videos. Weiterlesen

Jahresendrant.

Anstatt besinnlicher Worte zum Jahreswechsel ein im Grunde genommen viel zu höflicher, vielleicht naiver Rant. Oder wie Günter Jauch sagen würde: »Emotion pur« – nichts Ausgewogenes, nicht auf Ausgleich oder Vollständigkeit bedacht, sondern allein reiner Unmut darüber, dass

– jedes Jahr ab Oktober die Islamisierung von Weihnachten herbeigeunkt wird: angebliche Winterfeste statt Weihnachtsmärkte, angebliche Verbote von Weihnachtsliedern, angeblich ausgefallene Weihnachtsfeiern aus Rücksicht auf Muslime, angeblich nicht aufgestellte Weihnachtsbäume etc. Und jedes Mal entpuppen sich diese Annahmen als falsch, zumindest komplexer als die wollen uns was wegnehmen. Und trotz aller mancher Richtigstellung bleibt letztlich ein vermeintlicher »War on Christmas« im Langzeitgedächtnis hängen.

– dass es dazu diese irren Zahlen gibt: Die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger ist um die Hälfte gesunken, dafür ist der Zahl derer, die glauben, dass Deutschland vom Christentum und christlichen Werten geprägt ist, um das Doppelte gestiegen (in »Westdeutschland«). Und zwanzig Prozent mehr »Westdeutsche« glauben an Wunder als noch vor dreißig Jahren.

– dass die Falschmeldung – die schwedische Regierung hätte ein Gesetz verabschiedet, nach dem vor dem Sex die Partner (schriftlich) ihre gegenseitige Einwilligung geben müssten – ihre Runden zieht, weil sie so gut ins eigene Narrativ passiert, welches besagt, dass heutzutage alles beschränkt und beschnitten wird und eingegriffen und überhaupt….

#metoo. Da finden all diese furchtbaren, erschreckenden, letztlich nicht mal so überraschenden Berichte, Erzählungen, Erfahrungen endlich den Weg in die Öffentlichkeit. Und anstatt zuzuhören, anstatt sich ein Bild vom Ausmaß dieser gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen, politischen Katastrophe zu machen, kriechen sofort die »Ja, aber«-Artikel um die Ecke, die ohne Zögern relativieren und alles in Gefahr sehen, die Liebe und die Erotik und die Meinungsfreiheit und Gesellschaft, anstatt, ich muss wiederholen, zuzuhören und dann zu fragen: »Wie können wir alle helfen, diese unhaltbaren Zustände zu ändernWeiterlesen

Fünf Phasen der Betrachtung der Betonstelen in Björn Höckes Vorgarten


Eine Künstlergruppe hat in Sichtweise von Björn Höckes Wohnhaus im thüringischen Bornhagen eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet und nimmt damit Bezug auf Höckes Rede von Februar, in der dieser das Denkmal als »Schande« bezeichnete.

Fünf Reaktionen meinerseits:

(1) omg

(2) ungut

Ähnlich ungutes Gefühl wie schon bei Yolocaust, die diffuse Ahnung, dass hier benutzt, vielleicht instrumentalisiert wird, dass ich glaube zu verstehen, was die jeweiligen Aktionen anzuprangern versuchen, dass ich die Ausführung in Teilen zweifelhaft finde, dass es es mehr oder zumindest zu viel um die Macher selbst geht, mehr um die Kritik als das Gedenken.

Dazu erschließt sich mir der Teil mit der Observierung nicht, mehr noch, ich halte es für falsch und fahrlässig, in Tarnkleidung und mit Feldstechern Menschen zu überwachen, ihre Mülltonnen zu durchwühlen, auf diese Weise Informationen für Dossiers zusammenzutragen.

(3) Bedenkenträger Weiterlesen

Letzte Nacht in Dortmund.


Eins
Kurz nachdem die Bomben explodiert sind, wird entschieden, dass sich die Männer, die den Bomben knapp entgangen sind, wenige Stunden später auf dem Spielfeld einzufinden haben. Die Verantwortlichen des BVB – nicht die Mannschaft, nicht der Trainer – heißen diese Vorgehen gut. Sie legen keine Beschwerde ein, verlangen keine Pause, zumindest, bis die Umstände geklärt sind, der Täter gefasst ist, das Motiv geklärt ist, geklärt ist, ob weitere Anschläge zu erwarten sind.

Nichts davon. Vielmehr verkünden die Verantwortlichen des börsennotierten Fußballvereins, dass bei einem Spielabbruch die Terroristen gewonnen hätten. Für die Freiheit, unsere Werte, unsere Gesellschaft etc. müssen die Männer nun antreten. Würden sie nicht antreten, würden sie nicht für die Freiheit, unsere Werte etc. einstehen, wären unehrenhaft, wären Feiglinge. Die Mannschaft, elf Männer, ein Trainer, tritt also an, damit der börsennotierte Fußballverein ein Halbfinale erreichen kann. Weiterlesen

Stefanie Sargnagels Babykatzengate. Klingt lustig, ist es nicht

Wels, Volksgarten, Juni 2015. Stefanie Sargnagel hat am Tabak Pavillon eine furiose Lesung gehalten. Danach zusammensitzen, der Abend, die Nacht ist mild. Die Anwesenden sprechen über vieles, wir später über Hildesheim und das Prosanova, Wanda, Wien, über das Schreiben fiktionaler Literatur und die Schwierigkeiten dabei, die Grenzen, die sich auftun, wenn sich Reales in den Text schiebt und das Erdachte überlagert und umgekehrt.

Anfang 2017 verfasst sie mit den Autorinnen Lydia Haider und Maria Hofer für die Literaturbeilage des Standards ein Tagebuch über eine Reise nach Marokko, grandioser Gonzo, in dem sie Erlebtes mit Erdachtem mischt, überhöht natürlich und damit genau die Klischees vorwegnimmt, die ihr von rechter, kleinbürgerlicher Seite so oft zugeschrieben werden.

Wenige Wochen danach erscheint ein Artikel in der Kronen Zeitung, der beabsichtigt oder nicht diese Überhöhungen für bare Münze nimmt. Der Artikel wird von einschlägigen Seiten geteilt, FPÖ-Landesgruppen klinken sich ein, Trotteltrolle kommentieren, Onlinehasser, Morddrohungen, Verwaltigungsdrohungen inklusive. Ein ehemaliger Haiderspindoktor und der Schriftsteller Thomas Glavinic mischen ebenfalls irgendwie mit. In einem niederträchtigen Nachfolgeartikel der Kronen Zeitung wird Stefanies Wohnort in Kärnten – dort ist sie nach Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis momentan Stadtschreiberin – demonstrativ veröffentlicht, mit dem Hinweis, dass sie »willig« sei.

Dazu muss man wissen, dass sich Stefanie Sargnagel klar gegen Nationalismus, Rechtspopulismus, damit die FPÖ, Sexismus, all das ganze Dumpfe und Bequeme und Selbstherrliche positioniert hat. Dazu muss man auch wissen, dass sie Teil der Hysteria ist – kein Satireprojekt – einer Burschenschaft, die allein Frauen in ihren Reihen akzeptiert und damit die Burschenschaften zur Weißglut treibt, weil sie deren Gebaren eins zu eins imitiert und auf nahezu ideale Weise deren lächerliches Wesen offenbart.

Nach den Gewaltandrohungen hat Facebook eine Sperrung verfügt – gegen Stefanie. Und das ist war deshalb ein so fatales Zeichen, weil es hier nicht um die Frage geht, was Kunst ist, darf und ob und wie sie gefördert wird. Sondern weil es sich um gezielte Angriffe gegen jemanden handelt, die eine Sprache gefunden hat gegen das Rechtsnationale und der nun durch die persönlichen Anfeindungen und Todesdrohungen die Courage genommen werden soll, weiter zu sprechen.

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– Drei Autorinnen in Marokko: „Jetzt haben wir ein Pferd und Haschisch“

– Saufen und kiffen auf Kosten der Steuerzahler

– Stellungsnahme auf Twitter

– Die Alpha-Männchen gegen Stefanie Sargnagel

– Wirbel um Marokko-Reisebericht von Sargnagel, Haider und Hofer: Der Einfachheit erlegen

– auf Deutschlandradio

 

Edit: Mittlerweile ist die Sperrung aufgehoben und gegen die Verfasser bestimmter Posts wird ermittelt.

Nicht plärren. Nicht schubsen. Nur Schneebälle.

Buchenwald

# Buchenwald

Am Freitag war ich in Buchenwald. Strahlend blau der Himmel, weit und weiß lag Schnee auf dem Gelände, die entsetzliche Leere. Zehn vor zwei liefen ein paar Jungs Richtung Parkplatz, »Da isser, er kommt« riefen sie einander zu und »Nicht plärren. Nicht schubsen. Nur Schneebälle.« Gleich darauf kehrten sie unverrichteter Dinge zurück, der Fraktionsvorsitzende hatte einen sehr kurzen Auftritt gehabt.

Die Gedenkveranstaltung begann mit einiger Verzögerung. Einer der Sätze war: »Innehalten genügt nicht mehr.« Zwei Landtagsabgeordnete der Alternative, einer im schwarzen Mantel, eine im weißen Pelz, hatten sich unter die Anwesenden gemischt. Sie wurden erkannt, »Sie sind eine Schande für das Land« wurde gerufen und der im Mantel zückte sofort sein Smartphone, filmte, rief: »Nein, Sie sollten sich schämen.« Nachdem sie einem Journalisten Antworten in den Block diktiert hatten, verließen sie das Gelände.

Es ist die Schrödingers Katze der Alternative, nur ein Zustand ist letztlich möglich: Entweder legt man einen Kranz in Buchenwald nieder. Oder man belässt einen mit einer Dresdner Rede in der Partei. Beide Zustände zugleich sind unmöglich. In beiden Zuständen agieren zu wollen, ist die Entscheidung für einen Zustand, eine Schlussfolgerung so lange schon so offensichtlich, dass sie nicht aufgeschrieben werden müsste, selbst für Wähler*innen der Alternative nicht mehr.

# 15:30

Das Hausverbot für Björn Höcke galt bis 15:29 Uhr. Danach hätte er auf dem Gelände in aller Ruhe, gemessen und still, der Ermordeten gedenken können. Allerdings hatten da die Kameraleute ihre Kameras eingepackt, waren die Redakteurinnen schon am Schneiden und hatten den Namen Höcke längst in den nächsten Nachrichtenzyklus eingespeist.

# Mann am Tisch

Der Präsident sitzt am Tisch, umgeben von anderen Männern, einige in Uniform, viele in Anzügen, nur Stephen Bannon in heller Cargohose, als einziger entspannt, fast beschwingt. Der Präsident unterzeichnet ein Dekret, hält das Papier in die Kamera, mit einer Miene, die er als staatstragend empfindet – er hat etwas getan. Er ist aktiv geworden. Er ist ein Macher. Er hat einen seiner Tweets unterschrieben und sein Amt lässt nun diesen Tweet Wirklichkeit werden. Weiterlesen