Irritierend… Notre-Dame.


Irritierend, den Brand mit der Verzweiflung der Geflüchteten in Verbindung zu bringen und zu unterstellen, wer entsetzt sei über die Zerstörung von Notre-Dame, habe keine Herz. Als wäre es nicht möglich, Trauer auf verschiedenen Ebenen zu empfinden, für vieles und das zugleich, dass ich über die Zerstörung von Palmyra erschüttet und zugleich empathisch sein kann mit den Menschen im Krieg, an der Seite der Opfer der Taliban bin und mich zugleich die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan zutiefst berührt.

Irritierend, der Entstehung von Verschwörungstheorien in Echtzeit beizuwohnen, von Menschen zu lesen, die noch während des Brandes mutmaßen, dass ihnen etwas verschwiegen werden soll, weil sie noch nichts über die Brandursachen erfahren haben. Schon Filme von verdächtigen Männern auf der Balustrade sehen, veränderte Tonspuren hören, in die »allahu akbar« gemixt ist, in den Statusmeldungen Hinweise auf das kommende Osterwochenende lesen und dahinter ein bedeutungsschweres Fragezeichen gesetzt sehen etc. Und zu wissen, dass für alle, die daran glauben möchten, ausreichend Möglichkeiten gegeben sind, den Brand von Notre-Dame zukünftig als Beweis für das Lügen der aufgeklärten Gesellschaft anzuführen. Weiterlesen

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Jan-Philipp hebt in Chemnitz die Hand zum Hitlergruß

Jan-Philipp hat vorgeglüht. Leim schnüffeln, den Leim, mit dem Freiherr Götz von Kubitschek seine Antaios-Bücher in Polen binden lässt und dazu Sing meinen Song gehört, die Folge, in der Xavier Naidoo die emotionalsten Lieder von Frei.Wild neuinterpretiert. Noch zwei Dosen Sterni nachgekippt und dann ab zum Nischel.

Dort treffen sich die Kollegen, um zu trauern. Die Kollegen kommen vom Sonnenberg. »Nazikiez« schrieben die aus dem Feuilleton. Für Jan-Philipp ist es Heimat. Deutsche Heimat. Ein Pleonasmus. Jan-Philipp lacht. Wie ostdeutscher Patriot.

Am Nischel ist die Hölle los. Joachim Gauck liest seinen vielbeachteten ZEIT-Artikel vor, Michael Kretschmer bittet die Gegendemonstranten eindringlich, das Image von Sachsen nicht nachhaltig zu schädigen und Frank Plasberg macht ein spontanes Hart aber Fair, weil Faschismus eine Meinung ist und die auch ihren Platz haben muss im Diskurs. Mäßig interessiert hört Jan-Philipp zu. Lieber geht er jagen; Gutmenschen, Ölaugen, Schmierfinken, Volksverräter eben. Oder wie es in der Nationalelf heißen würde: Kartoffeln gegen Kanaken. Weiterlesen

Mesut oder nicht – Die große Samstagabendshow mit Markus Lanz

Markus Lanz ist zufrieden. Ihm und seinen Leuten ist es gelungen, innerhalb weniger Tage eine große, ach, die größte Samstagabendshow auf die Beine zu stellen. Das war wichtig. Immerhin geht es um das Thema, das die Nation wie kein zweites spaltet. Mesut Özil. Also Fußball. Also das Mitsingen der Nationalhymne. Also der Verlust von Fußball als gesellschaftlicher Konsens. Also Vorbildfunktion als sportlicher Repräsentant. Also eklige Medienkampagne. Also wie man mit freiheitsfeindlichen Meinungen in einer freien Gesellschaft umgehen soll. Also Leben zwischen verschiedenen Kulturen. Also wer welche Kultur wie begründet. Also wer für sich in Anspruch nimmt zu entscheiden, wer wo dazu gehört. Also Diskriminierungserfahrungen. Also wie ernst nichtdiskriminierte Deutsche Diskriminierungserfahrungen anderer Deutscher nehmen. Also systemische Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen. Also Deutschsein.

Es ist wahnsinnig kompliziert. Deshalb haben sich Markus Lanz und seine Leute überlegt, wie es ganz einfach wäre. Was wäre einfacher zu verstehen als eine Samstagabendshow? Ihre Idee: In Mesut oder nicht entscheidet sich jeder für eine von zwei Seiten. Mesut. Oder eben nicht. Das Besondere daran: Jeder Deutsche – gleich, aus welchem Land ihre Eltern kommen – nimmt daran teil. Zwei Hot Buttons, einer MUSS gedrückt werden. Damit ist die Sache dann erledigt. Weiterlesen

Über Spahn, Storch, Kollegah und den Hund von Jens Jessen

Jens Spahn

Ich weiß noch genau, wann ich Jens Spahn zum ersten Mal als Jens Spahn wahrnahm. Es war in einer dieser sogenannten politischen Gesprächsrunden, die ich seither nur noch anschaue, um den Kontext mancher Tweets zu verstehen. Das Thema hieß Rente und Jens Spahn war so jung wie ein Fußballprofi im besten Alter, jünger als Thomas Müller also, jünger als Toni Kroos, irgendwo zwischen Joshua Kimmich und Mario Götze. Ich dachte noch, warum CDU, warum schickst du einen so jungen Menschen in diese Gesprächsrunde, du musst doch von Haus aus für Rente sein.

Aber Jens Spahn war kritisch der Rente gegenüber, er wollte die Rente abschaffen, er wollte, dass alle Alten ihre bisher erhaltene Rente an Junge wie Kimmich (der damals noch in der Jugendmannschaft des VfB Bösingen gespielt haben musste) oder Jens Spahn zurückzahlen sollten. Ich dachte, was für ein pauschaler Unsinn, Jens Spahn, und hatte keine Ehrfurcht vor seiner Meinung, nicht mal Respekt vor seiner kühnen Aggressivität, weil mir Spahn schien wie einer, der aus Karrieregründen in die Haut eines strebsamen Trolls geschlüpft war, einer, der sagt, was niemand hören will, was alle aber ganz gern hören, weil einer muss es ja sagen, weil sich sonst alle einer Meinung sind – boring. Jens Spahn war einer, der badete darin, der verlangte sogar noch mehr von dem kopfschüttelnden Abscheu, mit dem man ihn übergoss. Und man goss bereitwillig.

Ebenfalls kam mir der Gedanke, dass man von dem Spahn noch was hören würde und war gespannt, ob seine Meinung irgendwann zählen würde, ob man seinen Aussagen tatsächlich einmal Bedeutung zuschreiben würde, dass aus seinem Widerspruch des Widerspruchs willen einmal Konsequenzen folgen würden. Anders gesagt, ich war gespannt, ob Jens Spahn eines Tages ein erfolgreicher Politiker werden würde, also einer mit Macht. Weiterlesen

avenias. Gräben.

Ich weiß, wenn ich jetzt über das avenidas-Gedicht schreibe, ächzt jede, weil jeder schon über das avenidas-Gedicht geschrieben hat und alle haben schon alle Wörter der Welt für Alleen, Blumen, Frauen und Bewunderer eingesetzt, was im Grunde genommen dafür spricht, wie großartig das Gedicht ist und beweist, dass ein Gedicht alles sein kann, gerade in der eigenen Interpretation und grundsätzlich die Frage sein sollte, wie sich die eigene Interpretation zur Welt stellt und wer wem damit auf den Geist gehen sollte oder gerade muss, weil jedes Gedicht natürlich mehr als ein Gedicht ist, auch eine Möglichkeit, den allgemeinen Zustand anzuzweifeln oder euphorisch zu bejahen oder in die hohle Hand zu sprechen.

Nun muss ich darüber nicht mehr schreiben, auch nicht erklären, dass ich die Interpretation der Kritisierenden nicht nachvollziehen kann, ich die Entscheidung, die Worte zu weißen mindestens einfallslos, sicher für falsch halte. Schreiben muss ich nicht, dass ich mir gewünscht hätte, dass getan worden wäre, was man bei Kunst immer tun sollte: Sich miteinander darüber austauschen, Wahrnehmung, Wissen, Interpretation teilen und am Ende gehen alle klüger als zuvor nach Hause. Aber das wäre vermutlich eine naive und realitätsferne Vorstellung, wie eine solche Diskussion ablaufen könnte.

Das müsste ich nicht schreiben. Dann sah ich zwei Videos. Weiterlesen

Jahresendrant.

Anstatt besinnlicher Worte zum Jahreswechsel ein im Grunde genommen viel zu höflicher, vielleicht naiver Rant. Oder wie Günter Jauch sagen würde: »Emotion pur« – nichts Ausgewogenes, nicht auf Ausgleich oder Vollständigkeit bedacht, sondern allein reiner Unmut darüber, dass

– jedes Jahr ab Oktober die Islamisierung von Weihnachten herbeigeunkt wird: angebliche Winterfeste statt Weihnachtsmärkte, angebliche Verbote von Weihnachtsliedern, angeblich ausgefallene Weihnachtsfeiern aus Rücksicht auf Muslime, angeblich nicht aufgestellte Weihnachtsbäume etc. Und jedes Mal entpuppen sich diese Annahmen als falsch, zumindest komplexer als die wollen uns was wegnehmen. Und trotz aller mancher Richtigstellung bleibt letztlich ein vermeintlicher »War on Christmas« im Langzeitgedächtnis hängen.

– dass es dazu diese irren Zahlen gibt: Die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger ist um die Hälfte gesunken, dafür ist der Zahl derer, die glauben, dass Deutschland vom Christentum und christlichen Werten geprägt ist, um das Doppelte gestiegen (in »Westdeutschland«). Und zwanzig Prozent mehr »Westdeutsche« glauben an Wunder als noch vor dreißig Jahren.

– dass die Falschmeldung – die schwedische Regierung hätte ein Gesetz verabschiedet, nach dem vor dem Sex die Partner (schriftlich) ihre gegenseitige Einwilligung geben müssten – ihre Runden zieht, weil sie so gut ins eigene Narrativ passiert, welches besagt, dass heutzutage alles beschränkt und beschnitten wird und eingegriffen und überhaupt….

#metoo. Da finden all diese furchtbaren, erschreckenden, letztlich nicht mal so überraschenden Berichte, Erzählungen, Erfahrungen endlich den Weg in die Öffentlichkeit. Und anstatt zuzuhören, anstatt sich ein Bild vom Ausmaß dieser gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen, politischen Katastrophe zu machen, kriechen sofort die »Ja, aber«-Artikel um die Ecke, die ohne Zögern relativieren und alles in Gefahr sehen, die Liebe und die Erotik und die Meinungsfreiheit und Gesellschaft, anstatt, ich muss wiederholen, zuzuhören und dann zu fragen: »Wie können wir alle helfen, diese unhaltbaren Zustände zu ändernWeiterlesen

Fünf Phasen der Betrachtung der Betonstelen in Björn Höckes Vorgarten


Eine Künstlergruppe hat in Sichtweise von Björn Höckes Wohnhaus im thüringischen Bornhagen eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet und nimmt damit Bezug auf Höckes Rede von Februar, in der dieser das Denkmal als »Schande« bezeichnete.

Fünf Reaktionen meinerseits:

(1) omg

(2) ungut

Ähnlich ungutes Gefühl wie schon bei Yolocaust, die diffuse Ahnung, dass hier benutzt, vielleicht instrumentalisiert wird, dass ich glaube zu verstehen, was die jeweiligen Aktionen anzuprangern versuchen, dass ich die Ausführung in Teilen zweifelhaft finde, dass es es mehr oder zumindest zu viel um die Macher selbst geht, mehr um die Kritik als das Gedenken.

Dazu erschließt sich mir der Teil mit der Observierung nicht, mehr noch, ich halte es für falsch und fahrlässig, in Tarnkleidung und mit Feldstechern Menschen zu überwachen, ihre Mülltonnen zu durchwühlen, auf diese Weise Informationen für Dossiers zusammenzutragen.

(3) Bedenkenträger Weiterlesen