Letzte Nacht in Dortmund.


Eins
Kurz nachdem die Bomben explodiert sind, wird entschieden, dass sich die Männer, die den Bomben knapp entgangen sind, wenige Stunden später auf dem Spielfeld einzufinden haben. Die Verantwortlichen des BVB – nicht die Mannschaft, nicht der Trainer – heißen diese Vorgehen gut. Sie legen keine Beschwerde ein, verlangen keine Pause, zumindest, bis die Umstände geklärt sind, der Täter gefasst ist, das Motiv geklärt ist, geklärt ist, ob weitere Anschläge zu erwarten sind.

Nichts davon. Vielmehr verkünden die Verantwortlichen des börsennotierten Fußballvereins, dass bei einem Spielabbruch die Terroristen gewonnen hätten. Für die Freiheit, unsere Werte, unsere Gesellschaft etc. müssen die Männer nun antreten. Würden sie nicht antreten, würden sie nicht für die Freiheit, unsere Werte etc. einstehen, wären unehrenhaft, wären Feiglinge. Die Mannschaft, elf Männer, ein Trainer, tritt also an, damit der börsennotierte Fußballverein ein Halbfinale erreichen kann. Weiterlesen

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Stefanie Sargnagels Babykatzengate. Klingt lustig, ist es nicht

Wels, Volksgarten, Juni 2015. Stefanie Sargnagel hat am Tabak Pavillon eine furiose Lesung gehalten. Danach zusammensitzen, der Abend, die Nacht ist mild. Die Anwesenden sprechen über vieles, wir später über Hildesheim und das Prosanova, Wanda, Wien, über das Schreiben fiktionaler Literatur und die Schwierigkeiten dabei, die Grenzen, die sich auftun, wenn sich Reales in den Text schiebt und das Erdachte überlagert und umgekehrt.

Anfang 2017 verfasst sie mit den Autorinnen Lydia Haider und Maria Hofer für die Literaturbeilage des Standards ein Tagebuch über eine Reise nach Marokko, grandioser Gonzo, in dem sie Erlebtes mit Erdachtem mischt, überhöht natürlich und damit genau die Klischees vorwegnimmt, die ihr von rechter, kleinbürgerlicher Seite so oft zugeschrieben werden.

Wenige Wochen danach erscheint ein Artikel in der Kronen Zeitung, der beabsichtigt oder nicht diese Überhöhungen für bare Münze nimmt. Der Artikel wird von einschlägigen Seiten geteilt, FPÖ-Landesgruppen klinken sich ein, Trotteltrolle kommentieren, Onlinehasser, Morddrohungen, Verwaltigungsdrohungen inklusive. Ein ehemaliger Haiderspindoktor und der Schriftsteller Thomas Glavinic mischen ebenfalls irgendwie mit. In einem niederträchtigen Nachfolgeartikel der Kronen Zeitung wird Stefanies Wohnort in Kärnten – dort ist sie nach Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis momentan Stadtschreiberin – demonstrativ veröffentlicht, mit dem Hinweis, dass sie »willig« sei.

Dazu muss man wissen, dass sich Stefanie Sargnagel klar gegen Nationalismus, Rechtspopulismus, damit die FPÖ, Sexismus, all das ganze Dumpfe und Bequeme und Selbstherrliche positioniert hat. Dazu muss man auch wissen, dass sie Teil der Hysteria ist – kein Satireprojekt – einer Burschenschaft, die allein Frauen in ihren Reihen akzeptiert und damit die Burschenschaften zur Weißglut treibt, weil sie deren Gebaren eins zu eins imitiert und auf nahezu ideale Weise deren lächerliches Wesen offenbart.

Nach den Gewaltandrohungen hat Facebook eine Sperrung verfügt – gegen Stefanie. Und das ist war deshalb ein so fatales Zeichen, weil es hier nicht um die Frage geht, was Kunst ist, darf und ob und wie sie gefördert wird. Sondern weil es sich um gezielte Angriffe gegen jemanden handelt, die eine Sprache gefunden hat gegen das Rechtsnationale und der nun durch die persönlichen Anfeindungen und Todesdrohungen die Courage genommen werden soll, weiter zu sprechen.

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– Drei Autorinnen in Marokko: „Jetzt haben wir ein Pferd und Haschisch“

– Saufen und kiffen auf Kosten der Steuerzahler

– Stellungsnahme auf Twitter

– Die Alpha-Männchen gegen Stefanie Sargnagel

– Wirbel um Marokko-Reisebericht von Sargnagel, Haider und Hofer: Der Einfachheit erlegen

– auf Deutschlandradio

 

Edit: Mittlerweile ist die Sperrung aufgehoben und gegen die Verfasser bestimmter Posts wird ermittelt.

Nicht plärren. Nicht schubsen. Nur Schneebälle.

Buchenwald

# Buchenwald

Am Freitag war ich in Buchenwald. Strahlend blau der Himmel, weit und weiß lag Schnee auf dem Gelände, die entsetzliche Leere. Zehn vor zwei liefen ein paar Jungs Richtung Parkplatz, »Da isser, er kommt« riefen sie einander zu und »Nicht plärren. Nicht schubsen. Nur Schneebälle.« Gleich darauf kehrten sie unverrichteter Dinge zurück, der Fraktionsvorsitzende hatte einen sehr kurzen Auftritt gehabt.

Die Gedenkveranstaltung begann mit einiger Verzögerung. Einer der Sätze war: »Innehalten genügt nicht mehr.« Zwei Landtagsabgeordnete der Alternative, einer im schwarzen Mantel, eine im weißen Pelz, hatten sich unter die Anwesenden gemischt. Sie wurden erkannt, »Sie sind eine Schande für das Land« wurde gerufen und der im Mantel zückte sofort sein Smartphone, filmte, rief: »Nein, Sie sollten sich schämen.« Nachdem sie einem Journalisten Antworten in den Block diktiert hatten, verließen sie das Gelände.

Es ist die Schrödingers Katze der Alternative, nur ein Zustand ist letztlich möglich: Entweder legt man einen Kranz in Buchenwald nieder. Oder man belässt einen mit einer Dresdner Rede in der Partei. Beide Zustände zugleich sind unmöglich. In beiden Zuständen agieren zu wollen, ist die Entscheidung für einen Zustand, eine Schlussfolgerung so lange schon so offensichtlich, dass sie nicht aufgeschrieben werden müsste, selbst für Wähler*innen der Alternative nicht mehr.

# 15:30

Das Hausverbot für Björn Höcke galt bis 15:29 Uhr. Danach hätte er auf dem Gelände in aller Ruhe, gemessen und still, der Ermordeten gedenken können. Allerdings hatten da die Kameraleute ihre Kameras eingepackt, waren die Redakteurinnen schon am Schneiden und hatten den Namen Höcke längst in den nächsten Nachrichtenzyklus eingespeist.

# Mann am Tisch

Der Präsident sitzt am Tisch, umgeben von anderen Männern, einige in Uniform, viele in Anzügen, nur Stephen Bannon in heller Cargohose, als einziger entspannt, fast beschwingt. Der Präsident unterzeichnet ein Dekret, hält das Papier in die Kamera, mit einer Miene, die er als staatstragend empfindet – er hat etwas getan. Er ist aktiv geworden. Er ist ein Macher. Er hat einen seiner Tweets unterschrieben und sein Amt lässt nun diesen Tweet Wirklichkeit werden. Weiterlesen

Kampfquallen mit Freisprechanlagen

swag-1+++ ???! +++ Storch +++ Sport +++ Fakenews +++ Tresentwitter +++

# Kampfqualle, unangeleint

Bei Max Goldt den schönen Satz gefunden: »Weltgeschichte kotzt mich gerade an wie eine unangeleinte Kampfqualle.« Wird man bestimmt häufiger gebrauchen können in diesem Jahr.

# Schnee

Woher dieses Bedürfnis, sowie sich eine Schneedecke gebildet hat, diese mit Salz wegzuätzen? Natürlich Gesetze, natürlich Beinbruch. Aber müsste es nicht einen Moment des Zögerns geben, einen offensichtlichen Widerwillen, vielleicht einen Akt des Ungehorsams, weil so eine allumfassende Schneedecke doch meistens anmutiger ist als alles darunter und selten dazu?

# Sport

Kamil Stoch, dem Gewinner der diesjährigen Vierschanzentournee, fehlt nur ein r zum nahezu perfekten Namen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann und auch zum Biathlon und der Handball-WM. Das fehlende Interesse liegt weniger an den Sportarten selbst, als vielmehr an der Häufigkeit, mit der Sieger darin gekürt werden. Jedes neue Jahr bringt neue Gewinnerinnen, was den einzelnen Gewinn entwert, fast möchte ich schreiben, bedeutungslos macht.

Selbst beim heiligen Fußball sinkt die Spannung mit jedem Jahr, in dem ich Fußball verfolge und ich frage mich, was in fünfhundert Jahren sein wird, wenn Deutschland oder Brasilien jeweils vierzigmaliger Weltmeister sind.

# Twittertrump

Was geschähe, wenn Twitter Trumps Account stilllegen würde?

# Twittercharakter

Noch mal Twitter. Twitter hat ja nur die eine Funktion: den Charakter des Twitternden zu offenbaren; aufgeweckt, wortgewandt, fad, engagiert, lakonisch, hämisch, niederträchtig etc. 140 Zeichen sind Gedanken wie unvermittelt aufgestoßene Luft, nichts, was relevanter wäre als ein Gespräch am Tresen. Probleme entstehen, wenn den 140 Zeichen mehr Bedeutung zugeschrieben wird, z.B. eine inhaltliche.

# ???!
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Nafri und die Babelbibliothek von Trump

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+++ Nafri +++ Racial Profiling +++ Trump +++ Star Wars +++

# Trump und die Bibliothek von Babel

Archive.org hat 520 Stunden Fernsehinterviews mit Donald Trump gesammelt, verschriftet und mit einer Stichwortsuche versehen. 520 Stunden sind 31200 Minuten sind zwei Millionen Sekunden Worte. Quasi die Babelbiblothek von Jorge Luis Borges, die alle jemals formulierten und zu formulierenden Sätze enthält.

Auch in diesen (bisher) 520 Stunden wird sich für jeden Anlass und jede Absicht das passende Zitat finden und aus dem Kontext nehmen lassen. Ein gigantisches Rauschen, in dem jedes Wort, jede Äußerung, jede hasserfüllte, absurde, zutreffende, belanglose Aussage genau so wichtig wie unwichtig ist und darin aufgeht und nur durch eine bewusste Bewegung von außen Bedeutung erfährt. Vielleicht das zentrale Erfolgsmoment von Trump: Die Produktion eines solchen Rauschens.

# Nafri

Kaum etwas schätzen deutsche Behörden mehr als Abkürzungen. Dahingehend ist Nafri durchaus eine Wortkonstruktion, die innerhalb des Systems Polizei Sinn ergeben und Funktionen erfüllen kann. Problematisch wird es, wenn das Wort das System verlässt. Gerade, wenn es so unscharf formuliert ist und sowohl Nordafrikaner wie Nordafrikanischer Intensivtäter bedeuten kann und somit impliziert, dass jeder Nordafrikaner kriminell ist.

Nun, da der Begriff in der Welt ist, wird er entsprechend lustvoll von der Neuen Rechten gebraucht. Erweiterungen der BILD (Grüfris) sind wenig hilfreich. In Österreich hingegen größte Verwirrung:

# Racial Profiling

Vor zwanzig Jahren erschien die Dokumentation Blauäugig, einem verfilmten sozialen Experiment, in der Teilnehmer eines Workshops in zwei Gruppen eingeteilt werden, den Braunaugen und den Blauaugen. Es schadet sicher nicht, sich in diesen Tagen den Film wieder anzuschauen oder zumindest den Wikieintrag zu lesen.

Wie wenig die Neuen Rechten das Wesen des Racial Profiling verstanden haben oder böswillig missverstehen wollen, zeigt dieser Tweet.

# Offenheit vs. Abschottung

Ein interessanter Gedankengang ist es, Parteien nicht in Links und Rechts einzuordnen, sondern in Offenheit und Abschottung. Und diese Überlegung auf die rechtspopulistische Bewegung anzuwenden. So würden in Deutschland nahezu alle Parteien (selbst mit Einschränkungen die CSU und Wagenknechtlinke) einer Seite angehören und die AfD würden dem entgegen stehen. Das wäre tatsächlich das von AfD so oft beschworene wir-gegen-alle-Narrativ. Vielleicht bräuchte es dann auch einen neuen Sammelbegriff für solche Parteien, Schottis klänge natürlich albern.

# Polarisierung
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11/9 in Zitaten.

»Und wir – ich auch – müssen unsere Fehler erkennen. Dringend. Wir, die publizistisch und aktivistisch gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus gekämpft haben, hier in Europa. Wir müssen unsere Fehler in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren analysieren und daraus Konsequenzen ziehen. Wo haben wir gehofft, statt zu erkennen? Wo haben wir ignoriert, statt hinzusehen? Wo haben wir geschwiegen und geduldet, statt zu sprechen und zu handeln? Wo lagen wir schlicht und ergreifend falsch? Denn wir haben es hier in Deutschland, in Europa mit denselben Leuten, denselben Gefühlen zu tun wie in den USA. Wir haben oft dieselben Instrumente und Ansätze für politische Bildung, inhaltliche Überzeugung, moralische Grenzsetzung benutzt, die offensichtlich nicht funktionieren. Die Wahl von Trump ist damit das Ende unserer Gewissheit, wir wüssten, wie die dunkle, wütende, hassende Seite in uns allen zu besiegen sei.«

»Diesbezüglich ist die Wahl von Trump auch als Rache am korrupten Neoliberalismus zu lesen, die gleichzeitig den Verlust linker Werte spiegelt: Die Wähler der weißen Mittelschicht verweigern ihren schwarzen und muslimischen Nachbarn die Solidarität und ermöglichen damit letztlich eine Institutionalisierung und Normalisierung jetzt bereits rassistischer Strukturen, die bereits vor der Wahl jede Menge Todesopfer forderten. Das taten sie für die scheinbare Sicherheit von Industriejobs und sie nehmen dafür Trumps Normalisierung von Rassismus in Kauf, der sich jetzt bereits in Gewalt an Schwarzen und Homosexuellen äußert.«

»Blacks riot, Muslims set bombs, gays spread AIDS, Mexican cartels behead children, atheists tear down Christmas trees. Meanwhile, those liberal Lena Dunhams in their $5,000-a-month apartments sip wine and say, „But those white Christians are the real problem!“ Terror victims scream in the street next to their own severed limbs, and the response from the elites is to cry about how men should be allowed to use women’s restrooms and how it’s cruel to keep chickens in cages.« Weiterlesen

Stranger Things mit Pokémon Go

Biss Finte Kratzer

Da ist die Wirklichkeit. Sie ist grausam. Messer tauchen darin auf, Macheten, Äxte, Bomben, LKWs, Metallsplitter, eine Glock 17 Kaliber 9mm, das Mittelmeer, Aleppo, Brexit, Sniper.

Da ist die Wirklichkeit. Sie ist banal. Aufstehen, Zähneputzen, Kaffee, Computer an, Computer aus. Da ist eine Wirklichkeit, die nervt mit ihren Anforderungen, die farblos ist, längst erobert, viel zu verwirrend mit ihren ständigen Widersprüchen, eine durchtechnologisierte Wirklichkeit ohne zauberhafte Ecken, ausgeleuchtet, festgezurrt, eingelegt und abgesperrt, formatiert und optimiert.

Doch plötzlich ist da eine zweite Wirklichkeit. Sie legt sich über diese so auslaugende Wirklichkeit wie eine wundersame Schicht. In dieser zweiten Wirklichkeit hocken Wesen vor Geldautomaten und warten vor Bäckereikettenzweigstellen. Bunt sind die Wesen und tragen hinreißende Namen, Rattikarl, Rattfratz, Pummeluff und Taubsi, Taubsi. Sie sind rosa Bälle mit Rüsseln, Hasen mit Schneckenhäuserstirnen, Katzen mit Hörnern und Bäuchen so zutraulich, dass Kinder ihn als Platz zum Spielen nutzen. Weiterlesen