Letzte Nacht in Dortmund.


Eins
Kurz nachdem die Bomben explodiert sind, wird entschieden, dass sich die Männer, die den Bomben knapp entgangen sind, wenige Stunden später auf dem Spielfeld einzufinden haben. Die Verantwortlichen des BVB – nicht die Mannschaft, nicht der Trainer – heißen diese Vorgehen gut. Sie legen keine Beschwerde ein, verlangen keine Pause, zumindest, bis die Umstände geklärt sind, der Täter gefasst ist, das Motiv geklärt ist, geklärt ist, ob weitere Anschläge zu erwarten sind.

Nichts davon. Vielmehr verkünden die Verantwortlichen des börsennotierten Fußballvereins, dass bei einem Spielabbruch die Terroristen gewonnen hätten. Für die Freiheit, unsere Werte, unsere Gesellschaft etc. müssen die Männer nun antreten. Würden sie nicht antreten, würden sie nicht für die Freiheit, unsere Werte etc. einstehen, wären unehrenhaft, wären Feiglinge. Die Mannschaft, elf Männer, ein Trainer, tritt also an, damit der börsennotierte Fußballverein ein Halbfinale erreichen kann. Weiterlesen

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Der weiße Globus

In diesen Tagen ist mein neues Buch erschienen, Der weiße Globus, ein Geschichtenband mit achtzehn Texten aus den letzten zwölf Jahren, Erzählungen hauptsächlich, auch andere Formen, Tribunale, Märchen, Reiseberichte, Geschichten über Nachbarn, ASMR, schwebende Städte, Syrien, Schollen, Superhelden, Automobilisten, rote Riesen, Prinzessinnen, Zungen, Käfer, Söhne, Töchter, Enkel.

Der weiße Globus
Geschichten
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Weimar, Kabul

Wir fahren mit N. zu einem Handballspiel. N. kommt aus Kabul. In Afghanistan hat er Politik studiert. Nach mehreren Mordanschlägen auf Kommilitonen gibt er das Studium auf. Danach arbeitet er fürs Fernsehen – auch für afghanische Ableger europäischer Sender –, trainiert einen Fußballverein, engagiert sich im Nachwuchsbereich. 2015 kommt er nach Deutschland, lebt jetzt in Weimar.

Es ist sein erstes Handballspiel. In der Halle macht er Selfies mit einer Nationalspielerin, Fotos und Videos, die er auf Facebook teilt, wo sie umgehend kommentiert werden.

N. hat Sprachkurse besucht. Ab und an fragt er nach Wendungen, bittet um Korrektur seiner Aussprache, seiner Wortwahl. Er hat Abitur, sucht eine Arbeit. Gefunden hat er bisher keine. Für einen lokalen Radiosender hat er Beiträge gemacht, war auf Workshops in Schulen dabei. Ansonsten – nichts.

Arbeiten will er, etwas tun. Für eine Arbeit, eine Ausbildung muss er tagsüber verfügbar sein. Tagsüber sind Kurse, Gänge zu den Ämtern. Auf die Ämter muss er oft, viele Stellen mit verschiedenen Zuständigkeitsbereichen.  Er muss selbst einen Weg finden, durch die Gespräche, das Amtsdeutsch, die Zuständigkeiten, die Nichtzuständigkeiten. Eine Streetworkerin unterstützt ihn dabei, beide sind nach Monaten ergebnisloser Suche ernüchtert und frustriert. Weiterlesen

Stefanie Sargnagels Babykatzengate. Klingt lustig, ist es nicht

Wels, Volksgarten, Juni 2015. Stefanie Sargnagel hat am Tabak Pavillon eine furiose Lesung gehalten. Danach zusammensitzen, der Abend, die Nacht ist mild. Die Anwesenden sprechen über vieles, wir später über Hildesheim und das Prosanova, Wanda, Wien, über das Schreiben fiktionaler Literatur und die Schwierigkeiten dabei, die Grenzen, die sich auftun, wenn sich Reales in den Text schiebt und das Erdachte überlagert und umgekehrt.

Anfang 2017 verfasst sie mit den Autorinnen Lydia Haider und Maria Hofer für die Literaturbeilage des Standards ein Tagebuch über eine Reise nach Marokko, grandioser Gonzo, in dem sie Erlebtes mit Erdachtem mischt, überhöht natürlich und damit genau die Klischees vorwegnimmt, die ihr von rechter, kleinbürgerlicher Seite so oft zugeschrieben werden.

Wenige Wochen danach erscheint ein Artikel in der Kronen Zeitung, der beabsichtigt oder nicht diese Überhöhungen für bare Münze nimmt. Der Artikel wird von einschlägigen Seiten geteilt, FPÖ-Landesgruppen klinken sich ein, Trotteltrolle kommentieren, Onlinehasser, Morddrohungen, Verwaltigungsdrohungen inklusive. Ein ehemaliger Haiderspindoktor und der Schriftsteller Thomas Glavinic mischen ebenfalls irgendwie mit. In einem niederträchtigen Nachfolgeartikel der Kronen Zeitung wird Stefanies Wohnort in Kärnten – dort ist sie nach Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis momentan Stadtschreiberin – demonstrativ veröffentlicht, mit dem Hinweis, dass sie »willig« sei.

Dazu muss man wissen, dass sich Stefanie Sargnagel klar gegen Nationalismus, Rechtspopulismus, damit die FPÖ, Sexismus, all das ganze Dumpfe und Bequeme und Selbstherrliche positioniert hat. Dazu muss man auch wissen, dass sie Teil der Hysteria ist – kein Satireprojekt – einer Burschenschaft, die allein Frauen in ihren Reihen akzeptiert und damit die Burschenschaften zur Weißglut treibt, weil sie deren Gebaren eins zu eins imitiert und auf nahezu ideale Weise deren lächerliches Wesen offenbart.

Nach den Gewaltandrohungen hat Facebook eine Sperrung verfügt – gegen Stefanie. Und das ist war deshalb ein so fatales Zeichen, weil es hier nicht um die Frage geht, was Kunst ist, darf und ob und wie sie gefördert wird. Sondern weil es sich um gezielte Angriffe gegen jemanden handelt, die eine Sprache gefunden hat gegen das Rechtsnationale und der nun durch die persönlichen Anfeindungen und Todesdrohungen die Courage genommen werden soll, weiter zu sprechen.

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– Drei Autorinnen in Marokko: „Jetzt haben wir ein Pferd und Haschisch“

– Saufen und kiffen auf Kosten der Steuerzahler

– Stellungsnahme auf Twitter

– Die Alpha-Männchen gegen Stefanie Sargnagel

– Wirbel um Marokko-Reisebericht von Sargnagel, Haider und Hofer: Der Einfachheit erlegen

– auf Deutschlandradio

 

Edit: Mittlerweile ist die Sperrung aufgehoben und gegen die Verfasser bestimmter Posts wird ermittelt.

Der Mann, der Hollywood vergeigte.

Du bist Clyde Barrow, du bist Dick Tracy, du bist Bugsy Siegel.

Du bist Warren Beatty.

Du stehst im Dolby Theatre Los Angeles. Vor dir deine Kollegen, Freunde, Feinde natürlich. Deine Welt. Hollywood.

Du öffnest einen Umschlag und entnimmst einen Zettel. Du liest. Du bist verwirrt. Da steht zwar der Name eines Films – des Films, den du, den alle erwartet haben – aber da steht auch der Name einer Schauspielerin. Du zögerst. Liest erneut. Schaust auf. Hörst das Publikum deine vermeintliche Kunstpause vergnügt belachen. Zögerst. Schaust zu Faye – zu Bonnie Parker – liest wieder. Spürst die Unruhe, die sich breit macht.

Was sollst du tun?

Du willst es nicht vergeigen. Du weißt, es wird sehr wahrscheinlich einer deiner letzten großen Auftritte sein. Dein letzter Erfolg liegt lange zurück. Du bist achtzig Jahre, du bist eine Legende, kein Star mehr.

Irgendwie ahnst du: Die Sache ist schon vergeigt.

Was sind deine Optionen hier? Du kannst den Namen des Films vorlesen, dabei annehmen, dass der Academy keine Fehler unterlaufen, dass sie dir niemals einen falschen Umschlag reichen würden. Aber es ist 2017, Donald J. Trump amerikanischer Präsident. Du weißt, es könnte auch ein alternatives Universum sein, in dem wir uns befinden, 2017 kannst du nicht mehr darauf vertrauen, dass alles seine Richtigkeit hat, nur weil es davor so war.

Du könntest um Hilfe bitten. Zu Jimmy gehen, zu einem der Männer mit den Headsets, dich vergewissern. Doch wie würdest du dann aussehen? Wie ein verwirrter Tattergreis, zerstreut, senil, schwach, unfähig, selbst so etwas simples wie Kartenvorlesen noch auf die Bühne zu bringen.

Du schaust auf. Hunderte vor dir, das Business, die Kollegen, die hämischen Feinde. Millionen schauen zu dir. Du musst dich entscheiden. Weiterlesen

Nicht plärren. Nicht schubsen. Nur Schneebälle.

Buchenwald

# Buchenwald

Am Freitag war ich in Buchenwald. Strahlend blau der Himmel, weit und weiß lag Schnee auf dem Gelände, die entsetzliche Leere. Zehn vor zwei liefen ein paar Jungs Richtung Parkplatz, »Da isser, er kommt« riefen sie einander zu und »Nicht plärren. Nicht schubsen. Nur Schneebälle.« Gleich darauf kehrten sie unverrichteter Dinge zurück, der Fraktionsvorsitzende hatte einen sehr kurzen Auftritt gehabt.

Die Gedenkveranstaltung begann mit einiger Verzögerung. Einer der Sätze war: »Innehalten genügt nicht mehr.« Zwei Landtagsabgeordnete der Alternative, einer im schwarzen Mantel, eine im weißen Pelz, hatten sich unter die Anwesenden gemischt. Sie wurden erkannt, »Sie sind eine Schande für das Land« wurde gerufen und der im Mantel zückte sofort sein Smartphone, filmte, rief: »Nein, Sie sollten sich schämen.« Nachdem sie einem Journalisten Antworten in den Block diktiert hatten, verließen sie das Gelände.

Es ist die Schrödingers Katze der Alternative, nur ein Zustand ist letztlich möglich: Entweder legt man einen Kranz in Buchenwald nieder. Oder man belässt einen mit einer Dresdner Rede in der Partei. Beide Zustände zugleich sind unmöglich. In beiden Zuständen agieren zu wollen, ist die Entscheidung für einen Zustand, eine Schlussfolgerung so lange schon so offensichtlich, dass sie nicht aufgeschrieben werden müsste, selbst für Wähler*innen der Alternative nicht mehr.

# 15:30

Das Hausverbot für Björn Höcke galt bis 15:29 Uhr. Danach hätte er auf dem Gelände in aller Ruhe, gemessen und still, der Ermordeten gedenken können. Allerdings hatten da die Kameraleute ihre Kameras eingepackt, waren die Redakteurinnen schon am Schneiden und hatten den Namen Höcke längst in den nächsten Nachrichtenzyklus eingespeist.

# Mann am Tisch

Der Präsident sitzt am Tisch, umgeben von anderen Männern, einige in Uniform, viele in Anzügen, nur Stephen Bannon in heller Cargohose, als einziger entspannt, fast beschwingt. Der Präsident unterzeichnet ein Dekret, hält das Papier in die Kamera, mit einer Miene, die er als staatstragend empfindet – er hat etwas getan. Er ist aktiv geworden. Er ist ein Macher. Er hat einen seiner Tweets unterschrieben und sein Amt lässt nun diesen Tweet Wirklichkeit werden. Weiterlesen

La La Land. Seltsame Unschuld in Zeiten von Tinder.

Alte Damen

Im Publikum größtenteils ältere Damen, was mich wehmütig werden lässt, so, als möchte ich glauben, die Damen würden diesen altmodischen Film sehen und sich dabei an die Musicalfilme ihrer Jugend erinnern und damit in ihre Jugend zurückversetzen wollen.

Kapern, kopieren, zerstören

Der Film beginnt mit einem Tanz während eines Staus auf dem Highway. Menschen reißen Autotüren auf, bewegen sich tanzend aufeinander zu,  die Individuen vereinen sich zu einer gut gelaunten Masse, die ein alltägliches Ärgernis in eine Feier der guten Laune verwandelt.

Ich fühle mich unangenehm an die Werbung von Mobilfunkanbietern erinnert und frage mich, ob nicht alle filmischen Augenblicke längst von der Werbung gekapert, kopiert, imitiert und damit zerstört wurden und ob ich gute Laune in Kinofilmen überhaupt noch aushalten möchte.

Rothaarig, mit blasser Haut

Schnell wird eines der zentralen Themen von La La Land deutlich: Individualität. Vielleicht am eindringlichsten geschieht das in der Castingszene, in der Mia auf dutzende, ebenfalls rothaarige Schauspielerinnen mit blasser Haut und großen Augen trifft und klar wird: Es gibt viel zu viele wie mich, als dass ich besonders sein könnte. Und dennoch muss ich natürlich vom Gegenteil überzeugt sein.

Primärfarben

Ich mag die starken Farben der Kleider. Überhaupt sollten Filme mehr mit starken Farben arbeiten. Das Matrixgrüne-Zeitalter sollte niemals wiederkehren.

Die Wange Ingrid Bergmans

Eine Wand von Mias Zimmer ist mit dem Abbild von Ingrid Bergmans Gesicht bedeckt. So raumgreifend ist das Gesicht, dass die Wange allein größer als Mia wirkt und aus einer glatten, einfarbigen und damit konturenlosen Fläche zu bestehen scheint, ein Star, der sich beim Näherkommen auflöst.

Mit Legenden bemalte Häuserwände

Auffällig oft läuft Mia an mit Bildern von Filmlegenden bemalten Häuserwänden vorbei; Marlon, Humphrey, W.C., Marilyn, James etc.

Die zwei Ryans

In der ersten halben Stunde sieht Ryan Gosling wie Ryan Reynolds aus.

Mia & Sebastian

Froh bin ich auch, wenn das Zeitalter der Mias vorbei sein wird. Den unaufgeregten Klang des Namen Sebastian empfinde ich als angenehm. Die Abkürzung Seb hingegen jagt mir einen Schauer über den Rücken.

Emma Stones Augen

In Emma Stones Augen passen Ryan Goslings Augen mindestens fünfmal hinein. Weiterlesen