Alles Sonnen. Alben 2017.

 

Belgrad – Belgrad
Einige Platten sehr gern gehört, gerade diese und die folgenden beiden haben mich aus unterschiedlichen Gründen glücklicherweise stark angegriffen. Hier – trotz blödem Cover – das schlauste, trübsinnigste Wühlen in Grauzonen. Erdacht und gespielt von Menschen, die früher bei u.a den verehrten Kommando Sonne-nmilch oder Slime gewirkt haben. Anspiel: Niemand

Priests – Nothing Feels Natural
Als würden Sleater-Kinney im Jazzklub wüten. Jede Menge Zorn und Haltung und dazu die wunderschönsten, weil diffusesten Gitarren. Anspiel: Nothing Feels Natural

Arca – Arca
So viele Schichten und jede hat mich zum Heulen gebracht. Vor Unverständnis, Glück, Vollkommenheit. Ist einerseits ohne Kompromisse und zugleich unendlich verletzlich. Björk denkt übrigens ähnlich. Anspiel: Reverie

Julien Baker – Turn Out the Lights
Ihr Debüt hat mich weggerammt wie der Bus aus There Is a Light That Never Goes Out. Es ist so verdammt naheliegend, hier von „zerbrechlich“ und „zart“ zu schreiben. Dabei lauern eine Menge Verzweiflung unter all den Flageoletttönen. Erschütternd wie die letzten zehn Minuten von „Six Feet Under“ in Endlosschleife. Anspiel: Appointments Weiterlesen

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Jahresendrant.

Anstatt besinnlicher Worte zum Jahreswechsel ein im Grunde genommen viel zu höflicher, vielleicht naiver Rant. Oder wie Günter Jauch sagen würde: »Emotion pur« – nichts Ausgewogenes, nicht auf Ausgleich oder Vollständigkeit bedacht, sondern allein reiner Unmut darüber, dass

– jedes Jahr ab Oktober die Islamisierung von Weihnachten herbeigeunkt wird: angebliche Winterfeste statt Weihnachtsmärkte, angebliche Verbote von Weihnachtsliedern, angeblich ausgefallene Weihnachtsfeiern aus Rücksicht auf Muslime, angeblich nicht aufgestellte Weihnachtsbäume etc. Und jedes Mal entpuppen sich diese Annahmen als falsch, zumindest komplexer als die wollen uns was wegnehmen. Und trotz aller mancher Richtigstellung bleibt letztlich ein vermeintlicher »War on Christmas« im Langzeitgedächtnis hängen.

– dass es dazu diese irren Zahlen gibt: Die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger ist um die Hälfte gesunken, dafür ist der Zahl derer, die glauben, dass Deutschland vom Christentum und christlichen Werten geprägt ist, um das Doppelte gestiegen (in »Westdeutschland«). Und zwanzig Prozent mehr »Westdeutsche« glauben an Wunder als noch vor dreißig Jahren.

– dass die Falschmeldung – die schwedische Regierung hätte ein Gesetz verabschiedet, nach dem vor dem Sex die Partner (schriftlich) ihre gegenseitige Einwilligung geben müssten – ihre Runden zieht, weil sie so gut ins eigene Narrativ passiert, welches besagt, dass heutzutage alles beschränkt und beschnitten wird und eingegriffen und überhaupt….

#metoo. Da finden all diese furchtbaren, erschreckenden, letztlich nicht mal so überraschenden Berichte, Erzählungen, Erfahrungen endlich den Weg in die Öffentlichkeit. Und anstatt zuzuhören, anstatt sich ein Bild vom Ausmaß dieser gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen, politischen Katastrophe zu machen, kriechen sofort die »Ja, aber«-Artikel um die Ecke, die ohne Zögern relativieren und alles in Gefahr sehen, die Liebe und die Erotik und die Meinungsfreiheit und Gesellschaft, anstatt, ich muss wiederholen, zuzuhören und dann zu fragen: »Wie können wir alle helfen, diese unhaltbaren Zustände zu ändernWeiterlesen

Fünf Phasen der Betrachtung der Betonstelen in Björn Höckes Vorgarten


Eine Künstlergruppe hat in Sichtweise von Björn Höckes Wohnhaus im thüringischen Bornhagen eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals errichtet und nimmt damit Bezug auf Höckes Rede von Februar, in der dieser das Denkmal als »Schande« bezeichnete.

Fünf Reaktionen meinerseits:

(1) omg

(2) ungut

Ähnlich ungutes Gefühl wie schon bei Yolocaust, die diffuse Ahnung, dass hier benutzt, vielleicht instrumentalisiert wird, dass ich glaube zu verstehen, was die jeweiligen Aktionen anzuprangern versuchen, dass ich die Ausführung in Teilen zweifelhaft finde, dass es es mehr oder zumindest zu viel um die Macher selbst geht, mehr um die Kritik als das Gedenken.

Dazu erschließt sich mir der Teil mit der Observierung nicht, mehr noch, ich halte es für falsch und fahrlässig, in Tarnkleidung und mit Feldstechern Menschen zu überwachen, ihre Mülltonnen zu durchwühlen, auf diese Weise Informationen für Dossiers zusammenzutragen.

(3) Bedenkenträger Weiterlesen

Der Reiher

Im Herbst lief ich an der Ilm. Es hatte die Blätter von den Bäumen geregnet, auf dem Wasser trieb der ermattete Himmel. Dort war die Stelle, wo sich jenseits des Ufers einmal ein Straßenbahndepot befunden hatte. Auf einer vorgelagerten Stelle des schmalen Flusses erblickte ich einen Reiher; das Gefieder aschgrau, die Schopffedern schwarz, die langen Stelzenbeine, auf denen er unbeweglich stand. Ich erschauerte beim Anblick; Enten war ich hier gewöhnt, aber nicht Wasservögel in dieser Größe, nicht mit diesem Stolz, dieser majestätischen Schönheit.

Zwei Tage später spazierte ich erneut an dieser Stelle vorbei. Und wieder stand der Reiher am Wasser; der identische Ort, die identische Haltung, das identische Tier. Wind blies in sein Gefieder und verwirbelte grauweiß. Wieder bewegte er sich nicht, wieder stand er starr, ein Zaubervogel an der Ilm.

Es war der nächste Tag und es war das nächste Mal, dass ich den Reiher so sah. Diesmal misstraute ich dem Bild. Wie groß die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Tier an dieser Stelle zu jeder Zeit sein konnte und dem Wind, dem Wasser, meinem Blick ohne Regung standhielt?

Es konnte nicht sein. Weiterlesen

Momente, September 2017.

Weimar, 2. September 2017

Tagesprogramm für heute:
13:00 Uhr – Sigmar Gabriel auf dem Platz der Demokratie
18:00 Uhr – Scooter im Gauforum Atrium

Außerminister und Hardtranceband erscheinen deutlich später als angekündigt, sprechen volksnah, agieren professionell und spielen ihre größten Hits (älteste Partei Europas / Maria, I Like It Loud). Sigmar Gabriel erwähnt öfter seine Großmutter (»Omma«) und einen gewissen Konstantin, einen Jungen, den er zuvor traf und ein Eis versprach. Das Eis kauft er ihm später beim Dolomiti am Markt.

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Auf dem Goetheplatz neben dem Bratwurststand neben dem Bibelstand neben dem Stand der Initiative für den Erhalt des Ur-und Frühzeitlichen Museums neben dem AfD-Stand, keine fünfzig Meter entfernt eine vom Kunstfest in Auftrag gegebene Weltkarte des Kommunismus. Am AfD-Stand müssen alle entweder beige Sonnenhüte tragen oder die Aufschriften auf ihren T-Shirts unter Jacken verbergen.

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Auch beim Erotik-Fachgeschäft erwünscht: Buy Local. Weiterlesen

Ghostbusters: AfD

In Ghostbusters II droht ein unterirdischer Schleimfluss New York zu zerstören. Dieser Schleimfluss speist sich aus negativer Energie, er wächst, je mehr man hasst und wütet und schlechte Gedanken hat.

An diesen Schleimfluss muss ich denken, wenn ich an die AfD denke.

Letztes wurde in Weimar das Hinterzimmer, eine studentische Kneipe, von einem AfD-Sympathisanten übernommen, der dort einen AfD-Stammtisch einrichtete. Es kam zu Protesten, mit Bannern und Dudelsäcken und Trillerpfeifen, Menschen hielten ihre Ärsche in die Kamera, Biomüll wurde vor der Kneipentür abgelegt, ein halbverwester Schweinekopf.

Jede Form dieses Protests nahmen die lokalen AfDler nicht nur hin, sondern schienen daran zu wachsen, so wie der Schleimfluss aus Ghostbusters, der Hass schien sie größer und stärker zu machen, stolz posteten sie Smartphonefotos auf ihren Facebookseiten, wir gegen die Welt, je wutentbrannter der Protest, desto mehr Berechtigung für unsere Politik.

Protest also, Hass auch und am Wochenende eine Wahl. Sehr wahrscheinlich wird dann die Alternative für Deutschland von den wahlberechtigten Deutschen mindestens zur drittstärksten Partei des Landes gekürt werden.

Zeit bliebe bis dahin noch, um mit Freunden, Bekannten, Verwandten zu sprechen, welche die AfD wählen wollen. Man könnte nach Gründen fragen und wenn diese Gründe kommen -»aus Protest«, »für eine starke Opposition«, »gegen andere Parteien«, »gegen Merkel«, »weil die kein Blatt vor den Mund nehmen« etc. – klar machen, dass die AfD zu wählen eben auch bedeutet, Rassismus, Nationalismus, Revisionismus, etc. billigend in Kauf zu nehmen und damit zu unterstützen.

Man könnte den Freunden, Bekannten, Verwandten vor Augen führen: Du bist kein Neonazi, wenn du die AfD wählst, aber du machst dich gemein mit den Schandmalen, Menschenentsorgungswünschen, der Renaissance des Völkischen.

Doch würde dies nichts am wahrscheinlichen Ergebnis ändern. Ab Herbst wird die Alternative im Bundestag sitzen, Teil von Gremien sein, die über Kultur, Wissenschaft, Familienpolitik und Soziales debattieren, Papiere schreiben und Empfehlungen aussprechen. Und sicher ist nur eines: der Schleimfluss wird größer werden. Weiterlesen