Die Zukunft Deutschlands entscheidet sich in Gerstengrund


Ende Februar fahren wir zurück nach Gerstengrund. Im Gemeindehaus sind die Tische schon gedeckt. Neben Gebäcktellern steht dort »AfD«-Bier, zehn Kästen bekam das Dorf im Herbst 2019 von der »Die Partei« geschenkt, weil Gerstengrund die einzige Gemeinde war, in der die AfD zur Landtagswald keine einzige Stimme erhielt.

Gerstengrund liegt in der Rhön, am Ende des Kohlbachtals, nur eine Straße führt hinein, keine hinaus. Zu Zeiten der Gegenreformation flüchteten Katholiken hierher und blieben dort. Zu DDR-Zeiten befand sich Gestengrund unmittelbar an der innerdeutschen Grenze und durfte nur mit Genehmigung betreten werden. Der Glaube hier ist besonders stark und die Abneigung gegen den Kommunismus besonders groß. Bei der letzten Wahl erhielt die CDU 82,9% der Stimmen. Es hat auch Zeiten gegeben, in denen die CDU bei hundert Prozent lag. Sehr viel mehr Zuspruch für die CDU wird man deutschlandweit nicht finden. Und deshalb ist es wichtig zu schauen, wie Gerstengrund nach den Ereignissen der letzten Wochen über die Zukunft darüber denkt. Weiterlesen

Alben 2019. Beurteile eine Platte anhand ihres Covers.

Ilgen-Nur – Power Nap

Offensichtlich ist Tag. Licht fällt in ein Zimmer, in dem nur ein Bett zu stehen scheint. Nahe des Kissens sitzt eine Frau. Skeptisch schaut sie den Betrachter an. Sie weiß, die Musik, die sie spielt, gab es vor fünfundzwanzig Jahren schon. Ändert das irgendetwas an der Brillanz?

Anorak – Sleep Well

Eine Straßenbahnfahrt. Unbequeme Holzsitze, ein Brummelkreisel liegt auf einem Sitz. Eine Frau greift in ihre Tasche, eine andere hört Musik. Jede ist auf ihre Weise allein. Nur dem stehenden Mann in den kurzen Hosen ist ein lachendes Gesicht ins Gesicht gemalt. Er weiß, eine Endstation wird es für Gitarren niemals geben.

Josin – In The Blank Space

In der Mitte der Lippen ein A, in der Mitte der Stirn ebenfalls. Ansonsten weiß, so viel weiß, dass die schwarzen Haare das Gesicht der Frau zu rahmen scheinen. Ihr Blick wandert aus dem Bild hinaus in eine unbekannte und deshalb bessere Ferne. Sie weiß, Soundscapes sind nicht das Gegenteil von Hingabe. Weiterlesen

Jenseits der Perlenkette. Das Buch.

 

Fast ein Kilo wiegen die Erinnerungen. Die Erinnerungen an die letzten beiden Jahre, in denen ich mit Yvonne Andrä zusammen in die kleinsten Dörfer Thüringens gefahren bin. Wir waren dort, haben geschaut, fotografiert, geschrieben und gefragt, vor allem haben wir gefragt.

Nur eines der Dörfer hatte mehr als hundert Einwohner. Im kleinsten wohnten sechsunddreißig Menschen. Alle Dörfer waren eigenständig, konnten über vieles im Ort selbst entscheiden.


 
Weiterlesen

ALF an der Urne. Landtagswahl in Meusebach.


Am Tag, an dem jeder vierte Thüringer einen Faschisten wählt, fahren wir nach Meusebach. Meusebach ist eines jener kleinsten Dörfer des Landes, das wir schon mehrmals besucht haben. Meusebach hat 92 Einwohner, 78 sind wahlberechtigt, am Ende des Tages werden 69 von ihnen gewählt haben.

Das kleine Dorf liegt etwa zwanzig Kilometer südlich von Jena, eingebettet in einem Tal. Neben einem schmalen Bach schlängelt sich die Dorfstraße, die nach der Wendeschleife in einen Wald übergeht. Hier stehen keine großen Höfe, sondern Häuschen, nicht wenige davon Fachwerk. Aus einer alten Scheune haben die Dorfbewohner selbst ein Gemeindehaus gebaut, die Spatzenjägerhalle. Wo sie sonst Fasching, Weihnachten, Dorffest feiern, ist heute das Wahllokal. Weiterlesen

Game of Thrones. War of Thrones.

Die große Stärke von Game of Thrones: Welche Befreiung für die Geschichte der Tod einer zentralen Figur sein kann. Dabei geht es weniger um die Überraschung über ein unverhofftes Ableben als darum, dass das Entfernen einer zentralen Figur aus der Geschichte und damit das Eliminieren des vermeintlich wichtigen Handlungsstrangs bedeutet, dass in diese Leerstelle andere Figuren rücken können und so neue Geschichten geschrieben werden müssen.

Dafür gibt es gerade in den ersten Staffeln einige gute Beispiele. Ohne den Tod Ned Starks hätten Sansa oder Arya keine so starken Protagonistinnen werden können, ähnlich bei Daenerys der Tod Khal Drogos. Auch hier weniger die Frage nach der Überraschung, sondern danach: Wessen Geschichte wird überhaupt erzählt? Der Tod der für die Erzählwelt wichtigen Figuren (Könige, Strippenzieher, Herrschaftsanwärter) schafft Luft für andere Charaktere und zwingt sie zu agieren. Weiterlesen

Irritierend… Notre-Dame.


Irritierend, den Brand mit der Verzweiflung der Geflüchteten in Verbindung zu bringen und zu unterstellen, wer entsetzt sei über die Zerstörung von Notre-Dame, habe keine Herz. Als wäre es nicht möglich, Trauer auf verschiedenen Ebenen zu empfinden, für vieles und das zugleich, dass ich über die Zerstörung von Palmyra erschüttet und zugleich empathisch sein kann mit den Menschen im Krieg, an der Seite der Opfer der Taliban bin und mich zugleich die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan zutiefst berührt.

Irritierend, der Entstehung von Verschwörungstheorien in Echtzeit beizuwohnen, von Menschen zu lesen, die noch während des Brandes mutmaßen, dass ihnen etwas verschwiegen werden soll, weil sie noch nichts über die Brandursachen erfahren haben. Schon Filme von verdächtigen Männern auf der Balustrade sehen, veränderte Tonspuren hören, in die »allahu akbar« gemixt ist, in den Statusmeldungen Hinweise auf das kommende Osterwochenende lesen und dahinter ein bedeutungsschweres Fragezeichen gesetzt sehen etc. Und zu wissen, dass für alle, die daran glauben möchten, ausreichend Möglichkeiten gegeben sind, den Brand von Notre-Dame zukünftig als Beweis für das Lügen der aufgeklärten Gesellschaft anzuführen. Weiterlesen

Fridays For Future. Der Schrei.

Jemand steht vor den Kindern und ist dagegen. Niemand fragt ihn, warum er dagegen ist. Also sagt er es laut. Er sagt, die Erderwärmung gibt es nicht. Er sagt, die sind doch von der Umweltlobby gezwungen. Er sagt, so wird die Dummheit unterstützt, die dieses Regime oben hält. Er sagt, dieses Mädchen mit den Zöpfen ist doch krank. Er sagt, die mit ihrem Ökofaschismus ist schuld am Terroranschlag in Christchurch. Er sagt, die Kinder sind doch naiv. Er sagt, die Kinder sollen doch mal selbst denken und nicht wie Schafe einer Herde sein. Er sagt, die sollen lieber Müllsammeln gehen anstatt mit Schildern durch die Stadt. Er sagt, die sollen samstags streiken, Schulschwänzer sind nicht glaubwürdig.

Jedenfalls ist er aufgebracht. Die Kinder und ihre Schilder triggern ihn. Sie rühren etwas in ihm an. Ansonsten würde er nicht so heftig empfinden. Wenn er sonst nichts einräumt, zumindest das muss er einräumen. Weiterlesen

Alben 2018. Jede Menge Unendlichkeiten.

Snail Mail – Lush

Internet gibt nur absolut unzureichend das strahlende Rot des Covers wieder, das schleichende Blau als Kontrast. Ebenso unvollständig Worte die Musik von Lindsey Jordan. Eine Operation am offenen Herzen vielleicht, alles liegt vor einem, lauter Details, jeder Schnitt ein Zauber.

Die Nerven – Fake

Die flammenrote Artefakte eines schlecht komprimierten Fotos fragen: Wie kann man wütend sein, ohne zum Wutbürger zu werden? Oder geht es gar nicht darum, Antworten zu liefern, sondern Fragen in Form von musikalischer Entäußerung zu stellen? Sträuben als Kraftakt.

Tocotronic – Die Unendlichkeit

Leuchtet im Dunkel. Funktioniert als Metapher für diese Rockoper über das Aufwachsen in der Provinz. Und wortwörtlich, wenn man das Plattencover nur lang genau mit Licht bestrahlt.

The Screenshots – Ein starkes Team / Übergriff

Indierock wie ein guter alter 140-Zeichen-Tweet.
Weiterlesen