Gedanken zu pray for München.

#Twitter = Bewusstseinsstrom
In der Literatur gibt es die Erzählweise des streams of consciousness, des Bewusstseinsstroms, vereinfacht gesagt, dem subjektiven Fließen von Gedanken und Empfindungen. So flossen die Gedanken und Empfindungen: Überraschung, Bestürzung, Trauer, Resignation, Wut, Hass. Videos wurden gepostet, Reaktionen auf die Videos, Kritik am Teilen geteilt. Geschrieben wurde, dass es besser sei, nichts zu schreiben. Katzenbilder wurden geteilt und Kritik an Katzenbildern. Es wurde vorverurteilt und davor gewarnt, vorzuverurteilen. Es wurde kritisiert, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht live berichten und kritisiert, dass die Öffentlich-Rechtlichen live berichten, aber keine Fakten liefern. Karikaturen wurden geteilt, Wahlempfehlungen ausgesprochen, Angela Merkel wurde für die Schüsse verantwortlich gemacht.

#Twitter = jeder
Anders gesagt: Gestern war Twitter ein Organismus, der unter einem Hashtag gleichberechtigt alle Gedanken und Empfindungen zu einem Geschehnis teilte. Das zu beklagen, hieße Twitter grundsätzlich in Frage zu stellen. Oder Empfindungen. Oder Gedanken.

#Schrödingers Täter
Während der Tat war der Täter Islamist, im Auftrag des IS unterwegs, Arbeitsloser, Türke, in stationärer Behandlung, Psychopath, Amokläufer, Rechtsradikaler, Breivikimitator. Er war allein, zu zweit, zu dritt, auf der Flucht, schon tot, schoss im Einkaufszentrum, am Stachus, am Bahnhof.

#Fakten
Bestätigte Tatsachen gab es während der Tat wenige. Die meisten der wenigen kamen von der Polizei München. Auch sie teilte Informationen, die sich später als unwahr erwiesen.

#Die öffentlich-rechtlichen Medien
Haben nach einigem Zögern live berichtet. Um die wenigen bestätigten Informationen haben sie viele Stunden Programm gebaut. Zwangsläufig bestand der größte Teil der Berichterstattung aus Wiederholung des Bekannten. Und Spekulationen. Dafür wurden die öffentlich-rechtlichen Medien kritisiert wie auch dafür, viel zu spät live berichtet zu haben.

#Zwischen den Ereignissen
Liveberichterstattung bedeutet, Zeit zwischen Ereignissen zu überbrücken. Jeder, der kein Journalist ist, hat den Vorteil, nicht einordnen und bewerten zu müssen. Er muss nur teilen. Journalisten, die Abstand zum Geschehen wahren wollen, werden immer langsamer sein als das Geschehnis selbst und damit alle anderen.

#Angeblich ist keine Nachricht
s.o.

#Routine
Nach den Ereignissen der letzten Tage, Wochen, Jahre herrscht eine Art Terroranschlagsroutine. Wer medial mehrfach einem gewalttätigen Geschehnis beiwohnt, legt sich für seine Reaktionen Muster zu. Prayfor… ist seit Paris eine dieser typischen Reaktionen. Seit kurzem der Hinweis darauf, dass 2016 ein Scheißjahr sei, die Welt krank, man Frieden möchte, früher alles besser war.

#Safety Check
Facebooks Safety Check ist das neue »Es ist ernst«.

#weltweite Aufmerksamkeit
Kurz nach der Tat war nur bekannt: In München wurde auf Menschen geschossen. Es gab keinen Hinweis auf Motiv des Täters, ob es sich um einen Terroranschlag oder Amoklauf oder keines von beidem handelte. Dennoch wurde #Munich zum weltweiten Trend. Fernsehsender in aller Welt berichteten live. Aus aller Welt kamen Mitleidungsbekundungen für München und Deutschland, u.a. von den amerikanischen und französischen Präsidenten. Wie gesagt: Es gab außer der Tatsache eines Schusswechsels zu diesem Zeitpunkt keinerlei bestätigte Informationen.

#Konditionierung
Eine der Schlussfolgerung daraus ist, dass die Konditionierung, welche von Terroristen angestrebt wird, funktioniert. Jedes dieser gewalttätigen Geschehnisse im scheinbar sicheren öffentlichen Raum – gleich ob Terroranschlag oder nicht – folgt momentan ihrer Dramaturgie, die zwei primäre Ziele hat: Unsicherheit zu verbreiten und die Gesellschaft zu spalten.

#Früher war alles sicherer
Früher war alles ohne Twitter, Facebook, Youtube, Periscope, Instagram, Reddit.

#In Zukunft
Der Gedanke liegt nahe, dass es sinnvoll sein könnte, Regeln für zukünftige Geschehnisse dieser Art aufzustellen. Welche Fotos geteilt werden sollten, welche Spekulationen sich verbieten, welchen Quellen vertraut werden kann. Möglicherweise wäre eine dieser Regeln, eigene Meinungsäußerungen nicht sofort zu veröffentlichen. Dabei liegt das Wesen des Beiwohnens solcher Geschehnisse in der Unmittelbarkeit. Das Teilen von Gerüchten, von Gefühlen, von Gedanken im Moment, in dem sie passieren, geht nur dann. Nicht einen Tag später.

#Präsens während, Präteritum nach der Tat
Nach der Tat schreibt sich alles viel leichter.

 

Timeline der Panik

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