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Verblendung
Da saß ich also im Kino und verspürte wie selten zuvor in meinem Leben das Bedürfnis, meine Meinung lautstark von mir zu geben. Zu rufen „Das können die doch jetzt nicht machen“, „Oh, man ist das doof“ und einfach entrüstes Aufzuschnaufen. Solche Sachen eben. Aber da ich Menschen, die so etwas im Kino tun, nicht besonders mag, habe ich mich zurückgehalten und nur am Anfang gesagt bzw. geraten „Bestimmt ist der Altnazi der Mörder“. Und das war ja dann auch fast richtig.
Alle, die sich jetzt ärgern, dass ich so fast das Ende verraten habe und deshalb nicht mehr den Film sehen wollen: Glückwunsch. Zwei Stunden Lebenszeit, in denen man Fingernägel schneiden kann oder die Steuererklärung von 2006 kontrollieren. Macht mehr Spaß als dieses Machtwerk. Gelesen hatte ich den zweiten Teil der Trilogie. Und war spannend und interessant. Und gleichzeitig hatte ich das erst gefühlt und später geschrieben: „mit einem leicht sadistischem Hang, vornehmlich jüngeren Frau Demütigendes widerfahren zu lassen.“ Ersetze „leicht“ mit „übermäßig“ und du hast einen Film, der vorgibt Krimi zu sein. Und das nicht mal so sauber, wie man das von skandinavischen Krimis gewöhnt sein könnte. Da kommen die entscheidenden Informationen [Spoiler]über die Bibelstellen und das Überleben des gesuchten Opfers [/Spoiler] einfach mal so. Mal eben recherchiert. Oder da liegt ein Zettel auf den Tisch. Plot geht anders.
Aber: Lisbeth Salander. Eine bisexuelle, nymphomanische, machosistische veranlagte, superschlaue und tätowierte Cybernerdpunkerin. Konstrukt nennt man das. Helmut Karasek wirft man seine Sexfantasien vor und Stieg Larsson verkauft damit mehr Bücher als Frank Schätzing Unterhosen? Eine ungerechte Welt und diesem Filmfall eine schaulustige. Das hat nichts mit den Abgrund der menschlichen Existenz zu tun oder die klärende Kindheitsgeschichte wird in den nächsten Bücher erzählt, sondern damit, dass man Lisbeth gern mal als Opfer zeigt, gern auch nackt. Mindestens genauso ärgerlich wie die großen Plotlöcher. Aber weil nur Meckern auch nicht richtig ist, an dieser Stelle die Empfehlung von „1974“ (und den Rest der Yorkshire-Ripper-Saga) von David Peace. Ein spannender Krimi, der mit drastischen Bildern arbeitet, der sich in Abgründe hineinwagt und diese nicht nur als Vorwand nutzt, um sich halbseiden daran zu ergötzen.
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