Aufzeichnungen aus Leipzig. Dokfilm Festival 57.

Verfasst Oktober 30, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Film

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DOK Leipzig 2014

 

#Akkreditierung

Im Museum der bildenden Künste das Akkreditierungspaket inklusive des roten Jutebeutels abholen und sich vornehmen, beim nächsten Mal für den Pass einen möglichst absurden Schnappschuss als visuellen Identifikationsbeweis zu wählen. Danach den Programmplan überfliegen und hastig einen Ablauf der nächsten Tage zu erstellen, der interessante Filme mit einem guten Zeitmanagement verbindet. Fünf Karten pro Tag dürfen geholt werden, fünf hole ich. Der Snowdenfilm ist da schon längst ausverkauft.

 

#Harvest (Frankreich, 2014)

Jährlich trifft sich ein bunter Haufen unterschiedlichster Typen zur Weinernte in Toulouse.

Bunt ist hier nicht viel, unterschiedlich wenig. Eher ein Haufen von nichts. Denn dem Film gelingt kaum etwas. Weder stellt er Spannung her, noch hat er Wissenswertes über die Weinernte zu berichten oder begeistert sich für ein besonderes ästhetisches Konzept. Lieber stellt er wahllos Gesprächsfetzen nebeneinander und glaubt, dadurch etwas über seine Figuren zu erzählen. So gibt #Harvest nur bruchstückhaft deren Geschichten preis, viel zu wenig allerdings, um ihnen damit näher kommen zu können. Am Ende geradezu mit null Erkenntnis den Wintergarten im Passagekino verlassen. Außer: Männer mit Zöpfen sollten niemals in Filmen mit Untertiteln in der Reihe vor einem sitzen dürfen

#Höfe am Brühl

Durch die Höfe am Brühl schlendern und endlich verstehen, warum dieser Ort der perfekte Schauplatz einer postapokalyptischen Konsumdystopie wäre: da ist also Leipzig, sogar die Innenstadt (an deren Historie mit gigantischen Banner gerade erinnert wird) und jemand beschließt dennoch, dass dieser öffentliche Raum nicht dessen Ansprüchen genügt, weshalb dieser Mensch, nennen wir ihn verallgemeinernd Investor, denkt, er müsse einen Ort schaffen will, der sich offenkundig feindlich gegen dieses Außen abschirmen sollte, einen Ort, in dem der Investor verfügen kann, welche Farben die Sitzbänke haben sollten und wie groß Papierkörbe maximal sein könnten. Ein Ort im Ort wird geschaffen, um maximale Kontrolle erlangen zu können. Und maximale Kontrolle bedeutet verständlicherweise maximalen Ertrag. All die gegrillte Biohähnchen und veganen Frozen-Yogurth-Toppings sind nur schwache Tröste dagegen. Dennoch etwas gekauft in diesen Höfen, was sich letztlich erstaunlich clean angefühlt hat.

 

#FEMMEfille (Deutschland 2014)

Der Weg des magersüchtigen Models Isabelle Caro in den Tod.

Dieses Bild von Isabelle Caro kennt vermutlich jeder. Vermutlich jeder wird dazu eine Meinung haben, vermutlich eine ähnliche. Caros Geschichte hören und sehen zu können, gibt viele Antworten und wirft glücklicherweise noch mehr Fragen auf. Lauter Widersprüche, die auch den Zuschauer direkt betreffen, weil er sich fragen muss, warum schaut er überhaupt in dieses Gesicht, in das all das Leiden eingezeichnet ist? Warum beobachtet er eine Frau, die gegen eine Krankheit kämpft, sich aber trotzdem ständig ausstellt und damit angreifbar macht?

wird fortgesetzt

(Bildnachweis: Dokfilm Leipzig)

Beisitzer der Demokratie.

Verfasst September 16, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Leben

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7:30 Uhr kommen die Beisitzer. Da liegt die Demokratie noch in einem silbernen Koffer: die dokumentensicheren Stifte, das Klebeband, Flachsband aus Naturfaser. Auf der Wahlliste sind noch keine Haken hinter Namen gesetzt, die Wahlzettel sind in einer Plastikbox verwahrt. Alles ist möglich und damit das so sein kann, ist jeder Augenblick einer Wahl genau geregelt.

Die meisten Beisitzer kennen sich von anderen Wahlen – Europa, Kommunal, Bundestag. Sie wissen, was zu tun ist. Verrücken die Tische. Klappen drei Wahlkabinen auf. Binden mit dem Flachsgarn Stifte daran fest. Hängen Muster der Wahlzettel aus. Der Vorstand ist zufrieden. So kann er die Einsatzfähigkeit seiner Wahlgruppe melden.

Schon 7:59 Uhr erscheint die erste Wählerin. Frühschicht. Eine Minute wird gewartet, denn erst um acht darf die Wahl beginnen. Sie zeigt ihre Wahlbenachrichtigung vor. Darauf steht eine Nummer. Diese wird in der Wahlliste gesucht. So wird der Name gefunden, das Geburtsdatum, die Adresse. Die Beisitzer vergleichen diese Daten mit dem Ausweis. Alles korrekt. Die erste Wählerin erhält einen Wahlschein, geht damit zur Kabine, setzt zwei Kreuze. Vielleicht auch zehn und macht so den Schein ungültig. Davon dürfen die Beisitzer aber nichts wissen.

Anschließend wird ihr die leere, offene Urne gezeigt. Sie bezeugt, dass bisher keine Wahlscheine darin liegen. Der stellvertretende Wahlvorstand verschließt die Urne und versiegelt sie. Die Wählerin wirft ihren Schein ein. Die erste Stimme dieses Tages.

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Kino. Der Autor als Gott, ein herzloses Wesen.

Verfasst September 3, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Film

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When Animals dream
So geht das also. Einen Film komplett als Metapher erzählen und dennoch nur selten in bedeutungsschwangeren Pathos verfallen. Die Parabel ist hier, dass sich ein junges Mädchen in eine Werwölfin verwandelt und dafür von ihrer Umwelt – ein gottverlassenes dänisches Fischerdorf – geächtet wird. Mit der Transformation von Körper und Geist ist sehr offensichtlich das Erwachsenwerden gemeint.

Ähnlich wie der grandiose, ebenfalls aus Skandinavien stammende »So finster die Nacht« werden Blut und Horror ebenso wie Worte nur sparsam und sehr überlegt eingesetzt. Viel wichtiger sind verrostete Kutterwände, Bottiche mit toten Fischköpfen, verwaschener Strandhafer und Haare auf Körpern. Details eben, wo andere die Totale auffahren. Hat zudem mit 84 Minuten genau die richtige Länge, um all die wunderbare Symbolik nicht überzustrapazieren.

Her

Alles, was man über Liebe, Verlust, Sehnsucht, Einsamkeit, die Zukunft und Schnauzbärte wissen muss. Man könnte Lobeshymnen singen auf die Ausstattung, das dezente Design, natürlich wie immer auf Joaquín Phoenix, auf Spike Jonze, die Fähigkeit, sich sehr gegenwärtiger Fragen durch eine leichte Überhöhung intelligent anzunehmen, auf das finale »Moon Song« von Karen O. Stattdessen lieber »Her« ein nächstes Mal sehen und staunen. Read the rest of this post »

Lesungstagebuch Henry Sy (7). Sitzplatzreservierungsanzeigedefekt.

Verfasst August 25, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Buch

Hamburg 2014

Datum: 22. August 2014

Anreise: Im Zug vorbei an im Abernteprozess befindlichen Feldern. Spreu stäubt, Spelzenstaubwolken hängen über grüngelben Mähdreschern.

Lesungsort: Filmraum, Hamburg Eimsbüttel. Ist sowohl Caférestaurant wie Veranstaltungsort und Filmausleihe. In der Auslage nicht die erfolgreichsten, sondern die besten Filme der letzten Jahre.

Sitzgelegenheiten: ausrangierte Kinoklappreihen mit rotem Polster

Qualität des gebeamten Bildes: HDMI

Musik: Vor der Lesung kein Reggae. Während der Lesung allein das Knistern verbrennender Fotos.

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Ein schöner Tag auf der Fanmeile.

Verfasst Juli 16, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Medien

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Es war ein schöner Tag, der 15. Juli. Wir fuhren in die coolste Stadt der Welt. Wir fuhren nach Berlin. Dort wussten sie, wie man Party machte. Deshalb fand dort auch die Party statt, auf der wir die Jungs feiern wollten.

Die Jungs kamen mit einem Flugzeug aus Brasilien. Auf dem Flugzeug stand »Siegerflieger«. Das war lustig, weil es sich reimte. Wir nahmen uns vor, zukünftig nur noch mit Lufthansa zu fliegen.

Vom Flugzeug stiegen die Jungs um in einen Bus. Der Bus war ein Mercedes. Mercedes hatte den vierten Stern, den die Jungs am Sonntag in Rio gewonnen hatten, zu ihrem Logo gemacht. Das fanden wir angemessen. Immerhin hatte Mercedes mit seinen Sponsorengeldern zu unserem Titelgewinn beigetragen. Wir nahmen uns vor, zukünftig nur noch Mercedes zu fahren.

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Du wirst Mario Götze sein.

Verfasst Juli 14, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Medien

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Du kannst es noch nicht wissen.

Gerade hast du die Flanke mit der Brust gestoppt. Gerade hast du den Ball auf deinen Fuß tropfen lassen und ihn dann, aus nahezu unmöglichem Winkel, ins Tor geschossen. Gerade eben ist das passiert. Du kannst nicht wissen, was das bedeuten wird.

Vielleicht wird Fußball in sechzig Jahren noch den gleichen Stellenwert wie heute haben. Falls ja, wirst du in sechzig Jahren immer diese zwei Sekunden sein – Flanke annehmen, Ball abtropfen lassen, ins Tor schieben. Zwei Sekunden für immer.

Von nun an wirst du der sein, der in der hundertdreizehnten Minute der »goldenen Generation« ihren verdienten Titel gewonnen hat. Sie werden dich in Gesprächsrunden einladen, zu Interviews, in Spielshows wirst du gehen, gefragt werden wirst zukünftig zu allem, was mit Fußball zu tun haben wird. Deinem Namen werden sie von nun an immer den Zusatz »Weltmeistertorschütze« anfügen.

Du wirst für Autos, Shampoo und Baumärkte werben und dabei immer eine Anspielung auf Flanke/abtropfen/Tor machen. Sie werden dich und dein Tor in unzählige Rückblicke auf die vermeintlich größten Momente dieses Landes schreiben und schneiden. Du wirst alt werden und du wirst immer zweiundzwanzig sein. Read the rest of this post »

Du bist … Norbert Lammert.

Verfasst Juli 3, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Medien

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Du bist der Zweite im Staat. Deine Aufgabe ist es, im Bundestag zur Ordnung zu rufen. Du stellst sicher, dass die vorgegebene Redezeit eingehalten wird. Du sitzt oberhalb der Redenden und greifst ein, wenn es dir angebracht scheint. Meistens ja nicht. Meistens hast du einen ruhigen Job.

Aber dann kommt einer. Der sagt: »Ich habe das doch richtig verstanden, Frau Bundeskanzlerin? Der Präsident Obama hat Ihnen gesagt, dass weder Sie noch Herr Gauck abgehört werden. Das sind die Ausnahmen. Zu anderen hat er Ihnen das nicht zugesichert.«

Und dann spricht er dich direkt an: »Das heißt, Herr Bundestagspräsident Professor Lammert, Sie werden nach wie vor abgehört.«

Du kennst ihn. Ihr habt eine gemeinsame Geschichte. Eine Menge Scharmützel liegen hinter euch. Amüsant und süffisant. Er gilt als schlagfertig, als humorvoll.

Du überlegst.

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