John Kornblum sitzt im dunklen Gasometer.

Verfasst April 7, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Medien

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Im Dunkeln

John Kornblum sitzt in einem senffarbenen Ledersessel im Berliner Gasometer. Es ist 22:46 Uhr. Soeben hat Günther Jauch das Studio verlassen. Mit ihm sind seine Gäste gegangen, die Zuschauer, die Kameraleute, die Kabelträger. Der letzte löscht das Licht. Kornblum, der ehemalige amerikanische Botschafter in Deutschland, bleibt allein im dunklen Gasometer zurück. Er sagt nichts, er denkt nichts, er macht nichts. Er sitzt einfach da. Montag wird. Die Regierung beschließt eine neue Abgabe. Dienstag wird. Ein Prominenter tritt fehl. Am Mittwoch suchen Günther Jauch und seine Redaktion ein Thema für die nächste Sendung. Donnerstag entscheiden sie sich für den Fehltritt. Freitag kauft Günther Jauch ein Gründerzeithaus in Potsdam. Samstag passiert ein Weltereignis. Sonntagmorgen macht die Redaktion das Weltereignis zum Thema. Sonntagabend läuft der Tatort aus Ludwigshafen. 21:46 Uhr gehen die Lichter im Berliner Gasometer an. In einem senffarbenen Ledersessel sitzt John Kornblum und wacht auf.

(via 1000 Zeichen)

I II III

Das Gegenteil von Henry Sy. Der Roman.

Verfasst März 25, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Buch

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Das Gegenteil von Henry Sy - Buch

»Das Gegenteil von Henry Sy« hat zwei Anfänge.

Die eine Geschichte beginnt am 9. Juni 1946. Sie erzählt von einem Leben zwischen den Welten, vom Reisen und Ankommen, vom gelben Haus am Fluss und dem Tagebuch der geheimen Gedanken, der ewig brennenden Glühlampe und Obsidian, von Huck, der Mondlandung, den Spießbürgern, dem einen Moment auf der Welle, die einen emportragen kann. Oder eben nicht.

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Lesungstagebuch Henry Sy (6). Das Geräusch von Kreide auf falschem Schiefer.

Verfasst März 17, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Leben

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Buchmesse, Leipzig, 13./14./15. März 2013

Die Buchmesse beginnt mit dem Geräusch einer mit Sanddornsaft gefüllten Braunglasflasche, die auf Steinkacheln zerspringt. Das Geräusch kommt unerwartet und heftig. Sanddornsaft läuft über die Kacheln, rinnt in die Fugen, schwemmt kleine, fiese Glassplitter mit sich. Griffe ich jetzt in die Sanddornpfütze, griffe ich in einen Splitter, der sich in meine Haut bohren und dann durch meinen Körper wandern würde, bis er eines Tages mein Herz erreicht hätte. Splitter im Herzen gilt es zu vermeiden. Dennoch rieche ich jetzt nach Sanddorn, dennoch wird mir in den kommenden Tagen jedes Mal der hiddenseeige Geruch von Sanddorn in die Nase steigen, jedes Mal, wenn sich etwas von Bedeutung ereignet.

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Von Bedeutung kann alles sein. Das Geräusch, mit dem sich Straßenbahntüren schließen. Das Geräusch, mit dem ein Fahrkartenkontrolleur nach meiner Fahrkarte fragt und das Geräusch, mit dem ich entgegen meiner Absicht, auf eine Kurzstreckenfahrkarte zu verzichten, doch eine Fahrkarte aus dem Automaten zog, Geldstücke in Schlitze, das Rattern im Inneren der Maschine, das Geräusch, mit dem die Karte in die Entnahmschale fällt. Read the rest of this post »

Oscar 2014. Das Selfie der Stars.

Verfasst März 4, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Film

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Nach dem roten Teppich

Nicht viel passiert auf der Oscarverleihung in diesem Jahr. Nach dem Totalausfall von Seth MacFarlane sollte die Verleihung 2014 möglichst unauffällig, risikolos und damit überraschungsarm ablaufen. Was geschehen sollte, geschah, die erwartbaren Filme wurden ausgezeichnet und die Dankesredenredner hielten sich vorbildlich an die 0:45 Minuten Redezeitvorgabe.

Interessanter schien diesmal die Rolle, die den Stars zugeteilt wurde. Denn es ist unwahrscheinlich, eine Oscarverleihung hauptsächlich mit der Erwartung zu schauen, dass dort tatsächlich der »beste« Film ausgezeichnet werden könnte. Oder die Verleihung in der Annahme schauen, das Kino als solches würde gefeiert werden. Spätestens, seitdem aus Zeit- und Quotengründen die Veranstaltung auf die Sekunde hin getaktet ist, beschränkt sich das Feiern von Kino in lieblosen Zusammenschnitten von Filmszenen, die überwiegend aus Blockbustern der letzten fünfzehn Jahren bestehen.

Nein. Oscar heißt doch, Stars zu schauen. Auf Twitter schreiben zu können: Botox! Mager! Fett! Haarteil! Kleid! Schuhe! Schwanger! Überbewertet! Hach! Cumberbatch! Scientologe! Kollektives Ausflippen! Urgh! Und 2014 musste das Anliegen sein, dem entrückten Star menschliche Züge zu verleihen, ihn gewissermaßen als potentiellen Follower zu zeichnen.

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Kino. Ein Ziegenbock von einem Film.

Verfasst Februar 17, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Leben

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American Hustle | The Wolf of Wall Street | Blue Is the Warmest Color | The Secret Life of Walter Mitty | 12 Years a Slave | Nebraska | Inside Llewyn Davis | Blue Jasmine

American Hustle

American Hustle ist kein schlechter Film, aber weit davon entfernt, einer der besten zu sein, auch des letzten Jahres. Und ehrlich gesagt, hat es mich bald gelangweilt, dieses permanente Ausstellen der Skurrilität, diese dicken Oberschenkel von Christian Bale, diese bis zum Bauchnabel geschlitzten Kleider von Amy Adams, diese Hans-Peter-Friedrich-Gedächtnisfrisur von Bradley Cooper, überhaupt diese ständigen Kostümwechsel, dieser Zeitgeist, der sich in den Frisuren und karierten Mänteln manifestieren soll.

Dann aber, vielleicht genau dann, als Bale und Adams in der Reinigung stehen, umkreist von in Plastiksäcken verstauten Kleidungsstücken, wird mir klar, dass es hier eben genau um das Verkleiden geht. Um das jemand-anders-sein, jemand-besseres-sein, reicher, mächtiger, schöner, erfolgreicher. Der ewige amerikanische Traum. Aus dem Nichts zu etwas kommen, allein durch persönlichen Einsatz. Keine Schicksalsergebenheit. Und plötzlich ergibt die Kostümierung, das Überdrehte, das Vorgeben, das Vorspielen, das Fassadenhafte der Geschichte und aller Figuren mehr Sinn, auch wenn die Figuren im Laufe der 130 Minuten zu viel reden und zu wenig sagen.

Klar, das Mixen von Genres ist immer auch irgendwie interessant. Eine Gaunerkomödie addiert mit dem Drama von Menschen, die alles aufs Spiel setzen, um der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Schade trotzdem, dass der Film kein Interesse hat, die Gaunergeschichte angemessen zu Ende zu führen, schade auch, dass Jennifer Lawrence nicht den gesamten Film über »Live and Let Die« singt und dazu putzt.

Und, als Nachtrag: Nach der Anfangsszene, in der sich Bale mit großer Hingabe ein Toupet auf die Halbglatze klebt, drehen sich zwei 13jährige in der Reihe vor mir ebenso entgeistert wie entsetzt um und fragen leicht angewidert, was das für ein Film sei. Gleich darauf stehen sie auf und laufen ins Kino 3, hin zu »Vaterfreuden«.

The Wolf of Wall Street

The Wolf of Wall Street ist ein ziemlich langweiliger Film, suhlt er sich doch drei Stunden lang ausschließlich in einer Emotion, der Maßlosigkeit. Oh, wie abgefahren, diese verrückten Drogenexzesse und die Cheerleader im Traderroom, diese Jachten und Villen, diese abgefuckten Motherfucker der Prasserei, diese Masters der Universen, gegen die sich Nero oder Sherman McCoy wie Schuljungen ausnehmen. Read the rest of this post »

Solche Leute.

Verfasst Februar 13, 2014 von 3toastbrot
Kategorien: Medien

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Symbolbild - Einer gegen alle

Eigentlich müsste man immer lachen, wenn solche Leute öffentlich »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen« sagen. Oder sagen: »So was darf man ja heutzutage nicht mehr sagen.« Dabei kommt nach Sätzen wie diesen nie etwas Gutes.

Nach »So was darf man ja heutzutage nicht mehr sagen« sagen solche Leute oft etwas wie »Ich bin kein Rassist, aber«. Oder »Ich toleriere Homosexuelle, aber«. Oder »Ich will keine Frauen diskriminieren, aber«. Das Aber ist die Atombombe solcher Leute. Solche Leute sagen niemals etwas wie: »Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass alle Menschen grundsätzlich die gleichen Rechte haben, sich frei zu entfalten.«

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Alben 2013. Schlagbohrhämmer in Zeitlupe.

Verfasst Dezember 19, 2013 von 3toastbrot
Kategorien: Musik

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Zweitausenddreizehn war ein seltsames Musikjahr, eines ohne Platte, deren ich mein Leben vom ersten bis zum letzten Ton anvertrauen würde. Deshalb anstatt einer sowieso unsinnigen Nummerierung die Nennung einiger Alben, die mich in den letzten zwölf Monaten begleitet haben.

Savages – Silence Yourself

Gegen-etwas-sein erfordert viel Kraft. Und wird diese Kraft in Musik umgesetzt, klingt das 2013 wie Savages. Für Savages und besonders deren Sängerin Jehnny Beth ist jeder Ton Kampf, jedes Wort Antihaltung. Dafür schont sie weder sich noch ihre Hörer. Postpunk, als wäre 1980 und Banshee von den Sioux auferstanden. Ein zorniges Schlagzeug, kalte Gitarren, der Bass kompromisslos – das ist nichts, was Freude bereitet. Oder was eine Band länger als zwei Alben aushalten kann, ohne zerrissen zu werden. Deshalb gilt es »Silence Yourself« hier und jetzt mit einem dunkeln Feuerwerk in eisiger Nacht zu feiern.

Girls In Hawaii – Everest

Debüt in Schleife gehört. Nachfolger komplett ignoriert. Drittes Album wieder in Schleife gehört. Auch ohne Wissen von der Tragödie nah dran an dem, was Eisgletscher in Täler stürzen und alles darunter begraben lässt. Elektronik da, wo sie notwendig ist, ansonsten ziehen Worte und Töne wie Gespenster vorbei.

Nadine Shah – Love Your Dum and Mad

Nein, Nadine Shah ist keine zweite PJ Harvey. Nadine Shah ist Nadine Shah und die ist zuerst einmal eine Stimme, die gräbt und gräbt und gräbt und was sie ans Licht bringt, ist etwas, nun, tief. Erden, voller Schlacke sind die Lieder, jedes ein eigenes Seil über dem Abgrund. Nichts, was man sofort ins Herz schließt, aber etwas, das ein Herz allmächlich packt und in Silberpapier einwickelt. Abgelegt dann entfaltet sich ein …  – und hier enden die Metaphern, hier beginnt der Augenblick, in dem du »Love Your Dum and Mad« hörst.

Kanye West – Yeezus

Kanye West hat diverse Komplexe. Peinlich ist, wenn er mit Ehefrau Motorrad fährt. Vermessen, wenn er sich als Messias inszeniert. Unangenehm bei den unappetitlichen Sexismen und Gangsterklischees. Aber immerhin bewahren ihn manche Komplexe davor, ähnlich wie Jay-Z stupide Musik nach Businessplan zu erstellen. Ab und an braucht es eben eine aus dem Rude gelaufene Selbstwahrnehmung, um all der Mittelmäßigkeit entgegen zu treten. Und wer ihn bei der Auswahl der Samples (»Gyöngyhajú Lány«, Nina Simone) beraten hat, der sollte im nächsten Jahr selbst auf Erlösertrip gehen dürfen.

Turbostaat – Stadt der Angst

Wieso auch anders, wenn man als Band längst dort ist, wo andere die Spitze vermuten? Deshalb zählt das Lied mehr als die Entwicklung. Und bei Turbostaat auch Liedtitel. »Fresendelf«, »Phobos Grunt«, »Pestperle«. Über »Sohnemann Heinz« habe ich das Wesentliche geschrieben. Was bleibt, ist Wut in kontrolliertem, zugänglichem, engagiertem Postpunkcorefeedbackgewitter.

my bloody valentine – mbv

Musik wie Schlagbohrhämmer in Zeitlupe. Gitarren dengeln, darüber spuken flirrende Stimmen, hypnotische Malströme entstehen – nichts ist anders als 1991. Und hier ist das gut so.

 Big Deal – June Gloom

Hallo britisches Duo, das mich mit einfachen Mitteln und maximalen Songs auf den letzten Metern des Jahres noch einmal kalt erwischt. Hätte mehr Hype verdient als all die öden Dreampoplangweiler, die sich stundenlang in öligen Sphärensounds suhlen. Einmal »Golden Light« dagegensetzt und Langweile bricht klirrend.

Prag – Premiere

Gesprochen habe ich Anfang des Jahres mit der Band Prag und erzählt, wie ich damals im Sommer 2012 die Akkorde von »Sophie Marceau« heraushörte, um auf der Gitarre spielen zu können, was mich so mitriss. Nicht erzählt habe ich von der Befürchtung, das Album dazu könnte eine maßlose Enttäuschung werden, eine schlagerlastige Bedeutungslosigkeit, die es sich in ihrer Komfortzone allzu niedlich einrichtet. Passiert glücklicherweise nur selten auf »Premiere«. Der Rest bleibt eine Autofahrt nach Tschechien und zurück und »Zeit« im Ohr.

Soviet, Soviet – Fate

Meine Lieblings »Die-klingen-wie-Interpol-die-wie-Joy-Divison-klingen«-Platte des Jahres.

Casper – Hinterland

Auf Twitter/Tumblr postete Casper ein Foto mit den Titelseiten der Intro | Vision | Spex | Juice | Spiegel Kultur ect. Jeweils zu sehen: Casper. Darunter stand: Musikindustrie durchgespielt. Das trifft das Jahr für Casper ganz gut. Rap, Singer/Songwriter, Indie (mit der Unterstützung von Get Well Soon) und jede Menge Beschreibungen von emotionalen Extremzuständen oder was man in einem bestimmten Alter als extrem wahrnimmt.

Agnes Obel – Aventine

Das Album, welches ich während des Schreibens am häufigsten gehört habe. Was das über die Musik, was das über mein Schreiben aussagt, weiß ich auch nicht. Vielleicht mehr dazu, wenn ich in zehn Jahren erneut höre und erneut lese.

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Moby – Innocents

Etwas zu kokett hatte Moby in einem Interview gefragt, wen wohl die 11. Platte eines 48jährigen Musikers interessieren würde. Und sicher, anders ist kaum etwas auf »Innocents«. Aber souverän. Und auch wenn »Feeling So Real« »mein« Moby-Song bleiben wird; »Dogs« ist nah dran.

Westbam – Götterstraße

Schon beim ersten Hören eingängiger als alles, was Helene Fischer jemals aufgenommen hat. Allerdings würde die nie mit Iggy Pop »One million Germans on dope« singen.

The Joy Formidable – Wolf’s Law

Rue Royale – Remedies Ahead

Nick Cave – Push The Sky Away

Emiliana Torrini – Tookah

Zola Jesus – Versions

Queens Of The Stone Age – Like Clockwork

Woodkid – The Golden Age

Die höchste Eisenbahn – Schau in den Lauf Hase

Anna Calvi – One Breath

Mire Kay – A Rising Tide Lifts All Boats

Herrenmagazin – Das Ergebnis wäre Stille

Pet Shop Boys – Electric

Tricky – False Idols

Love A – Irgendwie

Caspian – Hymn for the Greatest Generation

Yuck – Glow and Behold

Moderat – II

These New Puritans – Fields Of Reeds

Daughter – If You Leave

Low Vertical – We Are Giants

The Strokes – Comedown Machine

Fidlar – Fidlar

Apparat – Krieg und Frieden

Tocotronic – Wie wir leben wollen

Marnie Stern – The Chronicles of Marnia

M.I.A. – Matangi

No Ceremony – No Ceremony

London Grammar – If You Wait

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Lieder 2013

vergangene Jahreslisten

 


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