Elysium. Neill Blomkamp hat gute Absichten.

Symbolbild Paradies

Südafrika, vor drei Jahren

Produzent: Du, Neill Blomkamp, wir mochten »District 9« total gern. Gesellschaftskritisch, visuell originell, trotzdem konventionell genug, um die Zuschauer nicht zu verstören.

Neil: Das freut mich.

Produzent: Wir würden gern was Neues mit dir machen. Hast du schon eine Idee?

Neil: Klar.

Produzent: Dann lass mal hören.

Neil: Ich würde gern einen Science-Fiction-Film machen…

Produzent: Super. Genauso hatten wir uns das vorgestellt.

Neil: … aber so im ursprünglichen Sinn.

Produzent: Eine Alieninvasion?

Neil: Nein. Eine Utopie. Eine Geschichte spielt in der Zukunft, erzählt aber etwas über Probleme der Gegenwart.

Produzent: Hm. Probleme. Außerirdische greifen an.

Neil: Nein. Mir geht es um die klaffende Schere zwischen Reich und Arm.

Produzent: Das ist wirklich ein Problem. Vielleicht möchtest du »Iron Man 4« machen. Da geht es um einen Milliardär.

Neil: Ich dachte eher: Die Reichen leben in einem im Orbit schwebenden Paradies, die Armen auf einer höllenhafte Erde.

Produzent: Achso. Eine Metapher. Die ist schön simpel. Die versteht der Zuschauer auf Anhieb.

Neil: Und dann…

Produzent: Ich weiß, ich weiß. Mir fällt sofort was dazu ein. Da ist der Held. Der lebt auf der Erde, total arm und mittellos. Der war früher Verbrecher, hat aber das Herz am rechten Fleck. Und der geht in den Orbit und öffnet ihn für alle und am Ende gibt es keine Reichen und Armen mehr, sondern nur noch Menschen.

Neil: Äh. Ja. So ungefähr.

Produzent: Das ist ja total super. Wie wäre es denn, wenn der Held das nicht einfach so macht, sondern … sondern … wie Jesus ist. Oder Harry Potter.

Neil: Harry Potter?

Produzent: Ja. Vorbestimmt, Großes zu tun. So ein Erlösertyp [spricht mit bedeutungsschwangerer Stimme:] Dir ist es vorhergesagt, den Lauf der Welt zu ändern.

Neil: Das kennt man. Das gefällt mir.

Produzent: Das kann ihm ja schon seit frühester Kindheit vorbestimmt sein.

Neil: Vielleicht von einer Nonne. Das ist doch metaphysisch.

Produzent: Was ist mit einem Mädchen? Ein Mädchen gehört doch dazu. Da könnte es doch auch eine Bestimmung geben.

Neil: Als Kind?

Produzent: Genau. Damit beginnen wir. Dazu spielen wir einen klagenden Gesang ein, der lädt das mit Bedeutung auf.

Neil: Aber das Mädchen…

Produzent: … das muss total süß sein. So schutzbedürftig. Am besten eins mit Rehaugen. Die schon selbstbewusst ist, wenn es aber drauf ankommt, da muss der Mann sie retten.

Neil: Ja, der Mann muss immer die Frau retten. Sonst ist es kein Film.

Produzent: Ja, und die Frau könnte auch eine Tochter haben. Auch eine mit Rehaugen. Damit jeder versteht, wie wichtig es für den Mann ist, sie zu retten. Wenn du das Mädchen rettest, rettest du die Welt.

Neil: Krebs.

Produzent: Krebs?

Neil: Ja. Krebs. Das Kind hat Krebs. Ein rehäugiges Krebskind, das beschützt werden muss.

Produzent: Eine rehäugige Kindheitsliebe und ein rehäugiges Krebskind, für die der Mann sich in den Kugelhagel wirft. Ich heule jetzt schon.

Neil: Ich auch.

Produzent: Aber wie treffen die sich wieder, nachdem die sich aus den Augen verloren haben?

Neil: Irgendwie. Wenn es halt für die Geschichte passt. Würde ich immer so machen: Wenn es für die Geschichte passt, passiert auch das, was passieren muss, damit die Geschichte weitergehen kann.

Symbolbild Hölle

Produzent: Hast du dir denn schon Gedanken gemacht, wie die Welt in der Zukunft aussieht?

Neil: Ja. Das Paradies ist im Orbit, das nennen wir nach etwas aus der griechischen Mythologie…

Produzent: Hades … nein warte … Elysion. Nein, warte. Elysium.

Neil: Klasse.

Produzent: Und wie ist dieses Elysium so? Kommt da jeder rein?

Neil: Na, man kann einfach so hineinfliegen und landen. Ich stelle mir da eine Szene vor, die erinnert an, an … wie wenn Mexikaner nach Amerika über die Grenze nach Texas kommen. So als Metapher.

Produzent: Übertreibe es nicht mit den Metaphern. Das irritiert nur.

Neil: Keine Angst. Tiefer als die reine Metapher wird es nicht gehen.

Produzent: Wenn es im Weltraum spielt, brauchen wir auch Explosionen. Wird das Elysium denn verteidigt?

Neil: Nein. Wenn man Eindringlinge abschießen will, macht man das von der Erde aus.

Produzent: Klingt logisch.

Neil: Und am Ende wird das System einfach rebootet. Jemand schreibt einen Computercode und dann gibt es einen Neustart, für das ganze Paradies, so in fünf Sekunden steht das dann allen offen.

Produzent: Allen? Passen überhaupt alle Menschen ins Elysium?

Neil: Erstmal kommen die Kranken. Weil die sich dort in einer Maschine in Sekundenschnelle heilen lassen können.

Produzent: Wenn das der große Unterschied vom Paradies zur Erdenhölle ist, warum stellen die solche Maschinen nicht auf die Erde?

Neil: Ist doch egal.

Produzent: Und wenn der Neustart allen Menschen den »legal«-Status für Elysium zugesteht, warum machen die Reichen das dann nicht ebenso schnell rückgängig?

Neil: Ist doch egal.

Produzent: Wie wird der Held eigentlich zum Superheld?

Neil: Der wird verstrahlt, als er in einen Strahlenraum geht, um eine Palette zu verrücken, welche die Tür versperrt.

Produzent: Sichert er sich da nicht vorher ab?

Neil: Ist doch egal. Danach kriegt er so biomechanische Implantate und Eisenstäbe an den Körper geschraubt.

Produzent: Hat das eine Bedeutung für die Geschichte?

Neil: Nein. Sieht aber geil aus.

Produzent: [wird plötzlich ernst] Das klingt alles nach ganz schön hanebüchenem Unsinn.

Neil: [unsicher] Ich … nun …

Produzent: [lacht] Also genau das Richtige für uns.

Neil: Und das Beste: Wir geben vor, wir hätten etwas richtig Bedeutsames zu erzählen.

Produzent: [mit tiefer Stimme] Die Schere zwischen Reich und Arm.

Neil: Genau.

Produzent: Und die Leute gehen dann aus dem Kino und glauben, sie hätten eine fundamentale Erkenntnis gewonnen.

Neil: [mit tiefer Stimme] Reich und Arm.

Produzent: Ja. Gegen Reiche ist doch jeder.

Neil: Anspruch trifft Action.

Produzent: Und das Krebskind wird gerettet.

Neil: Das rehäugige Krebskind.

Produzent: Vom Mann.

Neil: Vom Erlöser.

Produzent: Dem es vorbestimmt war, die Welt zu retten.

Neil: Seit seiner Kindheit.

Produzent: Lieber Neill Blomkamp, ich habe ein echt gutes Gefühl bei der Sache.

Ein Gedanke zu “Elysium. Neill Blomkamp hat gute Absichten.

  1. Schön, dass sich Blomkamp gar nicht erst auf die Diskussion um Außerirdische einlässt, sondern es ihm wirklich nur um die futuristische Darstellung der aktuellen Gesellschaft geht. Danke für die Veröffentlichung dieses Interviews.

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