Beisitzer der Demokratie.

7:30 Uhr kommen die Beisitzer. Da liegt die Demokratie noch in einem silbernen Koffer: die dokumentensicheren Stifte, das Klebeband, Flachsband aus Naturfaser. Auf der Wahlliste sind noch keine Haken hinter Namen gesetzt, die Wahlzettel sind in einer Plastikbox verwahrt. Alles ist möglich und damit das so sein kann, ist jeder Augenblick einer Wahl genau geregelt.

Die meisten Beisitzer kennen sich von anderen Wahlen – Europa, Kommunal, Bundestag. Sie wissen, was zu tun ist. Verrücken die Tische. Klappen drei Wahlkabinen auf. Binden mit dem Flachsgarn Stifte daran fest. Hängen Muster der Wahlzettel aus. Der Vorstand ist zufrieden. So kann er die Einsatzfähigkeit seiner Wahlgruppe melden.

Schon 7:59 Uhr erscheint die erste Wählerin. Frühschicht. Eine Minute wird gewartet, denn erst um acht darf die Wahl beginnen. Sie zeigt ihre Wahlbenachrichtigung vor. Darauf steht eine Nummer. Diese wird in der Wahlliste gesucht. So wird der Name gefunden, das Geburtsdatum, die Adresse. Die Beisitzer vergleichen diese Daten mit dem Ausweis. Alles korrekt. Die erste Wählerin erhält einen Wahlschein, geht damit zur Kabine, setzt zwei Kreuze. Vielleicht auch zehn und macht so den Schein ungültig. Davon dürfen die Beisitzer aber nichts wissen.

Anschließend wird ihr die leere, offene Urne gezeigt. Sie bezeugt, dass bisher keine Wahlscheine darin liegen. Der stellvertretende Wahlvorstand verschließt die Urne und versiegelt sie. Die Wählerin wirft ihren Schein ein. Die erste Stimme dieses Tages.

Am Vormittag sind im Raum vier Mitglieder der Wahlkommission. Zwei stellen die Personenangaben fest, eine teilt die Wahlzettel aus und einer sitzt an der Urne und verdeckt deren Einwurfschlitz mit einem Papier. Bei Bedarf zieht er es beiseite und macht danach einen Strich auf der Liste.

In den ersten Minuten kommen einige. Dann wird es weniger. Im Laufe des Tages wird sich ein Muster bilden: Wenn, dann erscheinen die Wählenden meist stoßweise. Ein leichter Stau entsteht, den sie aber in Gruppen geduldig abwarten.

Manche bringen Kinder mit. Die Beisitzer müssen entscheiden: Wie alt sind diese Kinder? Könnten sie verstehen, was ihre Eltern wählen und es danach weitererzählen? Damit wäre das Wahlgeheimnis verletzt. Also bitten die Beisitzer Eltern, ihre Kinder nicht in die Kabine zu lassen. Einige reagieren irritiert, sagen, dass sie den Kleinen doch die Demokratie beibringen wollten. Die Beisitzer verweisen auf Regeln. Die Eltern verstehen. Ihre Kinder fragen nach Gummibären.

Draußen im Flur sitzt in all der Zeit die Forschungsgruppe Wahlen. ARD und ZDF haben dieses Wahllokal ausgewählt, um Stimmen zu sammeln, mit deren Hilfe sie Punkt 18.00 Uhr die erste Hochrechnung erstellen können. Das ZDF fragt nach jeder dritten Stimme, ARD versucht jeden zu einem zweiten Wahlgang zu überreden. Neben der Parteienliste stehen auf dem Zettel zusätzliche Fragen: nach Alter, Berufsgruppe, Gewerkschaftsmitgliedschaft, der gewählten Partei der letzten Wahl. Niemand ist gezwungen, diese Informationen preiszugeben. Die meisten tun es.

Ansonsten vergeht die Zeit. Routine stellt sich ein. Begrüßen. An den ersten Tisch winken. Die Nummer von der Wahlbenachrichtigung erfassen. Namen in der Liste abhaken. Wahlzettel aushändigen. Papier vom Urnenschlitz ziehen. Bedanken. Verabschieden.

Zehn Uhr wird erstmals die Wahlbeteiligung durchgegeben, vierzehn Uhr ein zweites Mal. Die Beisitzer schauen auf Blumenstöcke. Zwei der Wahlberechtigten feiern heute Geburtstag. Sollten sie wählen gehen, bekämen sie einen der Blumenstöcke. Die Namen der Feiernden sind in der Liste besonders gekennzeichnet. Die Beisitzer wären bereit für das Besondere. An diesem Tag wird es nicht geschehen.

Wahlbeobachter erscheinen, prüfen, ob alles ordnungsgemäß verläuft. Das tut es. Niemand pöbelt, niemand wird politisch, niemand beschwert sich. Ältere Männer tragen Anzug und Krawatte. Jüngere kommen in Jogginghose. Andere schauen vor einer Radwanderung vorbei. Einige werfen ihre Wahlschein mit ironisch-pathetischer Pose in die Urne. Manche riechen stark nach Tabak. Pärchen halten Händchen. Eltern kommen mit Kindern. Alte Kinder mit gebrechlichen Eltern. Manche der Wählenden kennen die Beisitzer. Kurze Gespräche. Trinken. Essen. Mit der Forschungsgruppe schwatzen. Die Wahlinformationen studieren. Kreuze setzen. Grüßen. Nicken. Bedanken.

Mittag wird. Die Wahlgruppe wechselt. Zwei neue Beisitzerinnen erscheinen, dazu der Wahlvorstand, die Schriftführerin. Die Alten gehen und werden später zur Auszählung zurückkehren.

18.00 Uhr beginnt die Auszählung. Wer eine Minute vorher im Lokal ist, darf seine Stimme noch abgeben. Danach ist die Wahl vorbei. Der Vorstand löst das Siegel von der Urne. Die Beisitzer öffnen sie und kippen den Inhalt auf zusammengeschobene Tische. Viele hundert Stimmzettel durcheinander, ein Meer genormter Meinungsäußerungen.

Nun greift sich jeder der Beisitzer einen Stapel Zettel und ordnet. Auf einem Haufen alle Zettel, in denen Erst- und Zweistimme der selben Partei gehören. Auf einem nächsten die mit unterschiedlichen Stimmverteilungen.

Der Wähler muss sich schon anstrengen, will er eine ungültige Stimme abgeben. Sobald sein Wille sichtbar ist, wird seine Stimme auch gewertet. Gleich, ob er den Kreis durchstreicht, abhakt, ausmalt, einkreist, ob er das Informationsfeld markiert oder Äußerungen notiert hat – das Meiste zählt. Nur wenige Stimme sind ungültig.

Die Beisitzer ordnen nach Parteien. Schnell wird klar, wo sich die größten Haufen bilden. Gegengezählt wird, die Summe auf Zetteln notiert, damit alles seine Richtigkeit hat. Die Summen werden der Schriftführerin gemeldet.

Bleiben noch die Stimmzettel mit den Kreuzen bei unterschiedlichen Parteien. Erststimme, Zweitstimme, weitere Haufen, zählen, gegenzählen, kleine Zettel, Summen, weitere Summen, die Schriftführerin trägt ein. Alle Stimmen werden addiert und mit der auf der Strichliste verzeichneten Anzahl von abgegebenen Stimmen verglichen.

Wäre diese nicht identisch, müsste neu gezählt werden. Doch die Beisitzer haben gut gearbeitet. Alles ist korrekt. Die Zahlen stimmen. Nun kann der Vorstand sie der Zentrale melden.

Da haben ARD und ZDF längst die ersten Hochrechnungen hinaus ins Land geschickt. Sie werden bis auf wenige Prozente hinter dem Komma mit dem Endergebnis übereinstimmen. Doch davon wissen die Beisitzer noch nichts.

Noch müssen sie Dokumente unterzeichnen, die bestätigen, dass der Tag nach Vorschrift abgelaufen ist. Noch müssen sie die Stimmzettel in Plastikbeutel packen, die der Wahlvorstand versiegelt. Noch kriegen sie ein Erfrischungsgeld. Dann klappen die Beisitzer die Kabinen zusammen und verlassen das Wahllokal, gehen hinaus in den Abend, dem Ende einer alten Legislatur.

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