Der in Gold gegossene Moment

Diesen Donnerstag fuhr ein Truck zum Schiller-Goethe-Denkmal. Er hatte den WM Pokal von 2014 geladen. Der Deutsche Fußballbund hatte eine sogenannte »Ehrenrunde« organisiert und den Pokal, die »2014 FIFA World Cup Winner’s Trophy«, auf Deutschlandtour geschickt. Um den Pokal zu sehen, musste man sich ein grünes Bändchen holen und für fünfzehn bis fünfundvierzig Minuten in der sattprallen Sonne stehen. Dazu gab es Würstchen, Bier, Torwandschießen, Livemusik und zahlreiche Aufsteller, die rund um die WM in Brasilien informierten.

Eines dieser Schild fragte: »Wo warst Du in der 113. Minute?« In dieser Minute fiel ein Tor, das über Vize- und Weltmeisterschaft entschied. Ein eigentlich unmöglicher Moment: Flanke, Annahme mit Brust, Ablegen auf Fuß, Schuss, spitzer Winkel, dennoch am Torwart vorbei. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Zusammenspiel solch komplexer Aktionen zum Erfolg führt, ist gering. Doch es gelang.

Der Pokal ist dieser in Gold gegossene unwahrscheinliche Moment. Dieser Moment hat dieses Danach ermöglicht: Die Ehrenrunde, die Trucks, die Aufsteller, die Vitrine, die grünen Bändchen, die Livemusik, die Fanfotos, auf denen Mütter mit Töchtern stolz den Daumen recken, die Fotos, auf denen sonnenrotgebrannte Väter schwarz-rot-goldene Papierketten tragen.

Aufgrund dieses einen Moments ist dieser Donnerstag auf dem Theaterplatz in Weimar genau so, wie er ist.

Nicht ein Land ist Weltmeister. Zweiundzwanzig Sportler sind Weltmeister. Und sie werden Weltmeister gewesen sein. 2018 wird einer neuer Wettkampf stattfinden. Es wird wahrscheinlich einen neuen Sieger geben und dieser wird sich dann Weltmeister nennen können. Es wird einen neuen Besten geben. Der Spitzenplatz ist zeitweise.

In der Literatur muss das anders sein. Hier kann das Beste von Dauer sein. Auch wenn aus ökonomischen Gründen die Illusion vermittelt wird, es würde einen durch Verkaufszahlen legitimierten ständigen, oftmals wöchentlichen Wechsel des Besten geben, ist das beste Buch möglicherweise längst verfasst, der beste Satz bereits geschrieben. Vielleicht wird es niemals einen besseren Schriftsteller, eine bessere Schriftstellerin geben als … .

Selbst das ist ein Irrtum. Weil es in der Literatur das Beste nicht geben kann. Es ist nicht zu ermitteln, was das Beste, der Beste, die Beste ist. In der Literatur gibt es keine 113. Minute. Es gibt keine Turniere, keine Bändchen, keinen Truck, keine Winner’s Trophy.

Selbst wenn da das Doppelstandbild zweier Schriftsteller steht, der in Bronze gegossene Versuch, das Beste zu bestimmen.

———

Ehrenrunde

Advertisements

Sag etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s