Coronamonate. Oktober

23. Oktober | schambehaftete Genugtuungsfantasie

Jemand teilt ein Video, er ist ein von 108. Das Video setzt ein, als ein Mann, der später als Pastor einer Freikirche gekennzeichnet wird, sagt: »Wir stehen ja seit Beginn des Coronaterrors in einem dritten Weltkrieg.«

Er sage das im vollen Ernst, sagt der Pastor der Freikirche und führt aus, dass eine »globale Elite«, die »Hochfinanz«, alle Regierungen der Welt »auf welche Weise auch immer« in der Hand halte, um sie »zum Krieg gegen ihre eigenen Völker zu gebrauchen«. Dieser Dritte Weltkrieg gehe einher mit der Abschaffung fast aller Freiheitsrechte, »historisch in diesem Maße ebenfalls zumindest weltweit einmalig«. Der Mann – sein Video hundertachtmal geteilt – kommt zu dem Schluss: »Dieser Dritte Weltkrieg übertrifft an perfider Perversion alles, was die Menschheit bis heute gesehen hat.«

Jemand andere sagt, dass sie sich manchmal wünsche, dass jene, die von Coronaterror sprechen, die die Existenz des Virus bestreiten, dass sie sich vorstelle, dass diese Querdenker widerlegt werden von einer Covid19-Erkrankung, einen Zustand, der sie spüren lasse, was es bedeute, Atemnot zu haben, erschöpft zu sein, unfähig ohne die Hilfe von anderen zu sein, künstlich beatmet.

Sie sagt, sie schäme sich für diese Gedanken, dafür, dass sich dann ein kurzzeitiges Gefühl der Genugtuung einstelle. Sie sagt, sie wünsche niemanden Schlechtes, sie würde sich nur oft so hilflos fühlen angesichts des Querdenkens, dieses permanenten Feuerns von Unwissen, den wahnsinnigen Vergleichen. Sie stelle sich dann so etwas vor, in der Annahme, dass aus der Erkrankung ein Überdenken der eigenen Position stattfinde, setzt das Drastische gegen das Drastische, sagt, sie hoffe, niemand erkranke ernsthaft daran, aber die Vorstellung, die sei da, manchmal, immer öfter.

Ansonsten: Für 13 Millionen Pfund verkauft das Royal Opera House ein Gemälde, um mit dem Erlös den Verlust durch die Pandemie auszugleichen. Wegen steigender Infektionszahlen in Österreich rät Kanzler Kurz vom Friedhofsbesuch zu Allerheiligen ab. Neuinfektionshöchstzahlen in Frankreich, Italien, Portugal, nach Lockdown sinkende Zahlen in Israel und Australien. Dänemark schließt die Grenzen für deutsche Touristinnen. Der Präsident der Bundesärztekammer erklärt in einer Talkshow, dass er von der Wirksamkeit der Masken nicht überzeugt sei und spricht von einem »Vermummungsgebot«, woraufhin SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach entgegnet: »Aus meiner Sicht ein Rücktrittsgrund, wenn er das nicht sofort zurücknimmt.«
(Foto von Yvonne Andrä)

22. Oktober | Würfelvermeidung

Bilder helfen zu verstehen, wie die Pandemie funktioniert. Ein Artikel findet einen Vergleich im Würfeln: »Jedes Mal, wenn wir uns in eine Situation begeben, in der wir uns theoretisch anstecken können, würfeln wir … Wenn wir zu schlecht würfeln, haben wir uns angesteckt.«

Der Text beschreibt Möglichkeiten, wie sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen lässt, nicht schlecht zu würfeln. Das Tragen einer Maske reduziert die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung – der Würfel wird größer, ebenso wie beim Draußen sein. Wenn bei 1 die Ansteckung erfolgt, macht es einen Unterschied, ob mein Würfel 6 oder 20 Seiten hat. In geschlossenen Räumen, mit wenig Abstand, womöglich singend in einer Freikirche, lässt den Würfel wiederum schrumpfen.

Der Text, der sich zu lesen lohnt, um den Abfall und erneuten Anstieg der Infektionszahlen (heute: 11000) besser nachvollziehen zu können, sagt am Ende: die Wahrscheinlichkeit, eine 1 zu würfeln und sich damit anzustecken, wird geringer, je seltener ich würfele, je weniger ich mich also in Situationen begebe, in denen ich zum Würfeln gezwungen werde. Wenn ich nicht würfele, kann ich auch keine 1 würfeln. Das soll das Ziel der kommenden Monate sein: Keine 1 bekommen.

Ansonsten: Der Ärzteverband hält die von der Bundeskanzlerin entworfene Beispielrechnung zu Verdeutlichung exponentiellen Wachstums mit 19200 Neuinfektionen bis Weihnachten für realistisch. Der Bundesgesundheitsminister wird positiv auf das Coronavirus getestet. Um Quarantänesünder am Verlassen der Quarantäne zu hindern, werden im österreichischen Kuchl Betonwände errichtet. »Kissing the Coronavirus« ist eine erotische Kurznovelle: She was supposed to cure the Coronavirus. Instead… she fell in love with it.


21. Oktober | Fremdbestimmte Freizeit



»Für alle, die es wissen wollen / hier ist der Beweis / die Einführung der fremdbestimmten Freizeit / ist der Preis

Tocotronic, Hier ist der Beweis

In Österreich wird diskutiert, wie die nächsten Wochen aussehen könnten. Ein Hotelunternehmer schlägt vor, »Handel, Industrie, Gewerbe und öffentliche Infrastruktur offen zu halten, dafür aber ein komplettes Veranstaltungsverbot zu erlassen«, weil »damit könnte Österreich einerseits ein Signal an die Märkte, an das Ausland senden und seine Reputation stärken« und, als zweites weil, »Der Wegfall des deutschen Wintertourismus wäre für Österreichs Wirtschaft eine Katastrophe.« Dazu die Überlegungen, private Zusammenkünfte zu beschränken, Großraumbüros offenzuhalten.

In Deutschland kursiert der Ausschnitt aus einer Straßenumfrage, in dem ein 16-jähriges Mädchen sagt: »Ich war jetzt seit März nicht mehr feiern, vorher war ich dreimal die Woche unterwegs. Das ist traurig, ich brauche das eigentlich, darauf bin ich angewiesen, und darauf zu verzichten, geht mir echt ab.« Das Video wird mit dem Begleittext »First-World-Problem« geteilt, die Kritik an ihrer Aussage ist harsch.

Ist es legitim, beide Aussagen zusammenzubringen? Da der Wunsch von Teilen der Wirtschaft, das Private und das Vergnügen so weit wie möglich einzuschränken, damit das Gewerbe am Laufen gehalten werden kann. Dort das Formulieren eines Gefühls, das Verdeutlichen, dass ein Verzicht schmerzt. Dieser Verzicht kann für die meisten nicht elementar scheinen, eine 16jährige will Party feiern in der Pandemie, elementarer scheint, dass das Gewerbe läuft.

Ist das so? Ist Wirtschaft > die Sehnsucht einer Teenagerin? Muss das Großraumbüro gefüllt sein mit Menschen, der Keller mit dem schummrigen Licht dagegen gesperrt? Die ehrliche Antwort lautet: beides dürfte in einer Pandemie nicht sein, in der jeder geschlossene Raum ein Sarg sein kann. Eine zweite Antwort lautet: beides müsste sein. Das Gewerbe muss laufen und ein Teenager muss tanzen können.

Im Park sehe ich die, die mit Bluetoothboxen Schranz spielen, ich sehe sie seit März, rauchend auf den Tischtennisplatten, jeder umarmt jede, sie sitzen zusammen, hocken aufeinander, weil sie, sechszehnjährig, ansonsten in den Zimmern ihrer Elternhäusern hocken würde, jeder geschlossene Raum ein Sarg. Ich habe kein Verständnis, dass sie, die nicht zur Risikogruppe gehören, aber dennoch Oma und Opa treffen, eng zusammen auf den Parkbanklehnen sitzen, die Füße auf den Parkbänken und ich verstehe sie, ich verstehe, wie es wäre, das Vermissen.

Ich verstehe sie nicht, ich verstehe sie und doch sie mir näher als dieser Teil der Wirtschaft, der einen Lockdown zuallererst als Signal an die Märkte verstehen will. Ich verstehe nicht Österreich, wo weniger getestet werden soll, damit die Zahlen geringer sind, um den Wintertourismus zu gewährleisten, Ischgl 2021. Ich will den Hotelier nicht verstehen, der auf Sylt ein »Projekt« baut und darüber klagt, dass es in der Pandemie schwer sei, Arbeitskräfte zu bekommen. Die Arbeitskräfte von Sylt können sich Sylt nicht leisten, aber das Projekt wird gebaut. Was ist größerkleiner? Projekt >=< Pandemie? Wirtschaft >=< Freizeit? Großraumbüro >=< Keller? Erwerbstätigkeit >=< Sehnsucht? Neoliberalismus >=< Neonlicht?

Ansonsten: In verschiedenen Bundesländern setzen Gerichte die Beherbergungsverbote aus. Aufgrund der strikten Ausgangsbeschränkungen im Landkreis Berchtesgaden müssen hunderte Feriengäste abreisen. Laut einer Umfrage ist Gebrauch von Alkohol und Tabak während der Pandemie deutlich gestiegen. Auf der Berliner Museumsinsel werden 63 Ausstellungsstücke beschädigt, mehreren Hinweisen wird nachgegangen, u.a. auch zu Attila Hildmann, der mehrmals erklärt hatte, dass sich im Museum der »Thron des Satans« und das Zentrum der »globalen Satanisten-Szene und Corona-Verbrecher« befinde, »Hier machen sie nachts ihre Menschenopfer und schänden Kinder.«

20. Oktober | Zukunft

Heute in einem berechtigten Anfall von Optimismus einen Jahresplaner für 2021 gekauft.

Ansonsten: Die WHO rechnet mit einem Impfstart zur Jahresmitte 2021. Im Kreis Berchtesgadener Land wird ein Lockdown verhängt, das Verlassen des Hauses wird nur aus triftigem Grund (Arbeit, Einkauf, Bewegung) gestattet. Um Abstand zu wahren, versprüht ein 71-jähriger Jogger Pfefferspray gegen Jogger und Radfahrer. Das Bürgerkomitee Oberlausitz fährt mit einem Sarg durch die Innenstadt Zittaus und fragt: »Wo sind eure Toten? Ihr habt uns 25.000 Tote versprochen.«

19. Oktober | Die Enten der Echse. Lachen in der Pandemie

Ein Video zirkuliert. Es zeigt einen Bauchredner, der eine Echse die Pandemie nachspielen lässt. Die Echse holt nach und nach Badeenten auf den Tisch. Jede Ente steht für einen Aspekt der Pandemie: Ausbruch, Tod, Ischgl, Robert-Koch-Institut, Christian Drosten, die Bilder aus Bergamo, die zweite Welle etc. In sieben Minuten wird so das letzte halbe Jahr aufbereitet. Was geschieht, ist Humor.

Ich überlege, wann in der Pandemie ich über die Pandemie gelacht habe. Ich denke: Weniger als ich sollte. Letztes gelacht habe ich bei einem Foto, dass Annegret Kramp-Karrenbauer zeigt, die sagt: »Erst Naidoo und Wendler. Und jetzt auch noch unsere Nena…« Neben der CDU-Vorsitzenden steht Angela Merkel, checkt ihr Handy und sagt: »Aber keiner von meinen Puhdys, haha!«

Welche Formen von Lachen fallen mir noch ein: Ein Mann, der die Maske unter die Nase gezogen hat, steht vor einem Fliegengitter, das nur eine Hälfte des Fensters bedeckt und sagt: »Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn?« Die harmlosen Bilder, die Mona Lisa mit Mundschutz. Ich denke an Skurriles, wie die Teddybären, in der Achterbahn fahren. Die Karikaturen von Tichys Einblick, denen auch in ihrer Ästhetik eine besondere Form von Hässlichkeit innewohnen.

Ich denke an Memes. Auf der Suche danach stoße ich auf »Die 20 lustigsten Corona-Memes zum Weglachen«, der Text von März 2020, »Diese Corona-Memes helfen dir durch die Quarantäne« ist von April. Vor allem lache ich beim how it started how it’s going-Meme, beim Distracted Boyfriend-Meme, jeweils in der Coronaedition. Gute Memes sind mir näher als die klassischen Karikaturen, weil jedes Meme die Weiterentwicklung eines Sinns ist und die Zeit ohne Corona in sich trägt und fortschreibt und den Unterschied sichtbar macht, als es im Meme noch um Boomer/ Millennials ging.

Das Video mit der Echse will gegen den Strich gebürstet sein. Es will kein Blatt vor den Mund nehmen, es stellt Zusammenhänge her. Über manche Manierismen kann ich lachen, über vieles nicht, ab und an schmunzle ich, einiges finde ich unlustig, nicht weniges grottig. Irgendwann merke ich, dass es mir beim Schauen gar nicht so sehr ums Lachen geht, sondern dass ich vielmehr darauf achte, was mich zum Lachen bringt und was nicht und weshalb das so ist und ich mich frage, weshalb ich nicht einfach so über die Pandemie lachen kann.

Und noch etwas fällt auf: Die Echse wuchtet sehr viele Enten auf den Tisch, am Ende sind es über zwanzig. Zwanzig Personen und Begebenheiten, die für sich genommen schon komplex sind. Dadurch, dass sie in Verbindung gebracht werden zu anderen komplexen Enten, wird es noch komplexer. Sinn und Verbindung müssen decodiert werden.

Ein Beispiel: Die Bilder aus Bergamo. Zuallererst muss ich wissen, was damit gemeint ist. Die Bilder aus Bergamo sind die Bilder von den Armeefahrzeugen, die Särge wegfahren. Ich muss wissen, wofür dieses Bild steht. Es steht für Übersterblichkeit, für eine horrende Situation. Seit dem Bild sind sieben Monate vergangen. Ich muss mich erinnern, auch daran, wie ich damals dabei empfunden habe und wie andere das Bild interpretierten.

Die Echse präsentiert die Bilder von Bergamo als eine Gespensterbadeente. Die Bilder von Bergamo, sagt die Echse, sollen erschrecken, sie jagen Angst ein. Die Echse lässt alle anderen Enten vor der Bergamoente zurückweichen und panisch kreischen: »Huah, die Bilder aus Bergamo, alle weg, Wah, wir brauchen Lockdown, wir brauchen einen Podcast.«

Um das zu verstehen, muss ich wissen, was passiert ist. Ich muss wissen, wie die Bilder aus Bergamo verwendet wurden. Ich muss den zeitlichen Ablauf parat haben, den Lockdown einordnen und – als nächsten Schwierigkeitsgrad – die Bedeutung des Christian-Drosten-Podcasts bei der Meinungsbildung in Deutschland. Als nächstes wirft die Echse eine Polizeibadeente auf den Tisch und lässt diese rufen: »Ich bin die Polizei. Ich setze den Lockdown durch.«

Das alles geschieht in zehn Sekunden. Zehn Sekunden Übersterblichkeit, Medienkritik, Virologenpodcast, Staatsgewalt. Lauter Zusammenhänge, irgendwie kritisch, irgendwie polemisch, auf jeden Fall komplex und dennoch muss noch gelacht werden, was in diesen zehn Sekunden nicht geschieht, kein Publikumsgelächter. Erst als die Coronavirusbadeente fragt, ob sie zum Baumarkt gehen darf, wird wieder gelacht, ein Gag aus dem Alltag, ein Widerspruch.

Ansonsten: Weil Klopapiermangel droht, stellt die Firma Hakle deutschlandweit Klopapierautomaten auf. Bei einer Umfrage schlossen zwei Drittel der Befragten Hamsterkäufe aus. Weil in Polen Sportstätten nicht öffnen dürfen, hat sich ein Fitnesscenter zur »Kirche des gesunden Körpers« erklärt. Wegen der steigenden Zahl ist die Einrichtung eines Feldlazaretts im Nationalstadion in Warschau geplant.

18. Oktober | Simulation

Es gäbe die Möglichkeit, den Verlauf der Pandemie zu simulieren, dabei unterschiedliche Parameter einzustellen und zu schauen, wie sich was zueinander verhält und damit einen Blick in die Zukunft zu werfen, so, wie ich sie nach acht Monaten Corona erwarten könnte. Es gäbe diese Möglichkeit, ich entscheide mich, heute, an diesem 18. Oktober dagegen, will nicht über den nächsten Tag hinaus wissen, was geschieht.

Ansonsten: Die Bundeslandwirtschaftsministerin warnt vor Hamsterkäufen. Das Bundeswirtschaftsministerium will der Gastronomie mit Überbrückungshilfen, mit denen die Anschaffung von Außenzelten und Heizpilzen bezuschusst werden, über die Wintermonate helfen. Wegen der zu schnell steigenden Infektionszahlen stellt das slowenische Gesundheitsamt die Nachverfolgung von Positivkontakten ein.

17. Oktober | Die Insel

Während allerorten die Zahlen steigen (heute: 7830), gibt es eine Stadt, in der das nicht geschieht: Weimar. Nicht geschieht ist in diesem Fall noch untertrieben. In den letzten sieben Tagen gab es hier keine Neuinfektion. Und das, muss hinzugefügt werden, trotz eines Volksfestes mit 75000 Besucherinnen.

In den zwangsläufig erschienen Texten ist von einem »weißen Fleck« die Rede, einem »gallischen Dorf«. Erstaunt fragen die Texte: »Wie ist das möglich?« Antworten sind: ganz, ganz viel Glück. Strenge Regeln. Das Spielen von Musik war verboten. Eine »gewisse« Disziplin in der Gastronomiebranche, weil die Gastronomen ein »riesen Interesse daran … haben, dass das funktioniert.« Eine eigene Corona-Hotline, der Krisenstab und die Strukturen in der Stadtverwaltung wurden im Sommer bei den niedrigen Zahlen beibehalten. Bis jetzt, erklärt der Bürgermeister, zeigten sich die Bürger vernünftig.

Gestern noch dachte ich, dass ich als nächstes über die (erneute) Diskrepanz der auf mich einprasselnden Berichte der steigenden Zahlen und der fehlenden Wahrnehmung aus meinem direkten Umfeld schreiben müsste. Was woanders geschieht, geschieht mir nicht. Nun weiß ich, weshalb: Ich lebe auf einer Insel.

Ansonsten: In Großbritannien liefern Drohnen bald Coronatests und Schutzausrüstungen zwischen Kliniken aus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begibt sich nach der Infektion eines Personenschützers in Quarantäne. In NRW befinden sich momentan 70000 Menschen in Quarantäne. Pianist Igor Levit will im Fall eines erneuten Lockdowns keine livegestreamten Hauskonzert mehr geben.

16. Oktober | im Rückblick schlauer

Heute vor zwei Wochen wurde die Covid19-Erkrankung des amerikanischen Präsidenten bekannt. Entgegen der Erwartung aller hektischer Einträge auch hier hatte diese so gut wie keinen Einfluss auf etwas. Einige Tage Ausnahmezustand, Bekanntgabe weiterer Infizierter, dann die Rekonstruktion dessen, was gerade geschehen war (beim Verlassen des Krankenhauses trägt Trump ein Superman-Shirt unter seinem Hemd etc.), schließlich die Rückkehr als Geheilter und Gestärkter, weitere Rallyes, die Verkündung, dort alle Anwesenden (guys & beautiful women) küssen zu wollen. Einige weitere Prozentpunkte sind eingebüßt, legal scheint die Wahl nicht mehr zu gewinnen, Corona ein kleiner dramaturgischer Schlenker, der vor dem Finale einen letztlich im Sande verlaufenden Handlungsstrang präsentiert.

Ein Amtsarzt spricht über Berlin-Neukölln. Dort liegen die wöchentlich 180 Infektionen pro 100.000 Einwohner, 70 Prozent der Infektionen können nicht mehr zurückverfolgt werden, der Ausbruch sei zu einem Flächenbrand mit hunderten Glutnestern geworden, die politischen Entscheidungen würden mit dem Infektionsgeschehen nicht mehr mithalten können.

Weil die aktuell vertretenen Strategien hier wenig Wirkung haben, schlägt er eine andere Vorgehensweise vor, eine risikobasierte Pandemiebekämpfung. »Das würde heißen, dass wir empfehlen, dass Risikogruppen gesondert den öffentlichen Raum betreten und mit Schutzausrüstung ausgestattet werden. Zwei Stunden am Tag dürfen nur Risikogruppen in die Supermärkte. Eine solche Strategie würde auch bedeuten, dass spezielle Test- und Besuchsregeln für Altenheime, Pflegeheime und deren Mitarbeiter erlassen werden.« Im Prinzip schlägt aus pragmatischen Gründen vor, das Große und Ganze aufzugeben und den Schaden zu beschränken, eine Abwandlung der Great Barrington Erklärung.

Ich frage mich, wie im Rückblick diese Tage gelesen werden. Was jetzt passiert, ist, wovon im Mai Fachleute sprachen. Sie warnten, empfahlen, entwickelten Strategien. Jeder, der wissen wollte, konnte das in Erfahrung bringen. Dennoch sind die Zahlen, wie sie sind (heute über 7000, in Tschechien über 9000 Fälle, 60000 USA, etc).

Das, was gerade geschieht, wäre vermeidbar gewesen. Aber es geschieht, trotz der Warnungen, der Berechnungen, den Erfahrungen aus anderen Pandemien. Wie wird sich 2020 in fünf Jahren lesen, dann, wenn sich jemand den Mai anschaut und dann den Sommer und schließlich den Herbst, wird sich der Lesende sagen: Wie konnte das trotz allen Vorwissens geschehen? Die Karten lagen doch auf den Tisch, warum sind die Menschen sehend in diese Zahlen gelaufen?

Und was, wenn jemand in der nächsten Pandemie über diese Pandemie lesen wird? Dann wird er auch über Wissen verfügen. Wird es damit möglich sein, das Geschehen zu beeinflussen? Oder ist der Schwarm dazu verdammt, die gleichen Fehler wieder und wieder zu machen?

Denke ich an den Sommer, denke ich daran, dass ich von der zweiten Welle gehört hatte und dass ich mich dennoch sorgloser verhielt; öfter mit Menschen, weniger oft mit Maske, auch näher, es ist warm, ich bin draußen, die Zahlen stehen niedrig, mein Aerosolatem ist ausgedünnt, ich habe es mir verdient, ich will Reserve tanken für den Herbst. Letztlich, im kleinen Rückblick, habe ich alles richtig gemacht: Ich habe die gute Zeit so gut wie möglich genutzt, ohne dass daraus Negatives geschah.

Rechne ich mein Verhalten hoch, weiß ich: Es kann auch nur Glück gewesen sein.

Ansonsten: Ein Jodelfest im Schweizer Kanton Schwyz führt zu einem großen Anstieg von Infektionen. Weil die Infektionszahlen sinken, werden nach einem Monat in Israel die Maßnahmen gelockert. Das Robert Koch-Institut stuft Frankreich und die Niederlande als Risikogebiete ein. Der japanische Ministerpräsident Yoshihide Suga erklärt, dass die Olympischen Spiele 2021 auf jeden Fall stattfinden sollen.

15. Oktober | diesmal / es / schaffen

Den 14. Oktober noch einmal gelesen, den Text, geschrieben im Regen, im selben Wetter, das ein AfD-Bundestagsabgeordneter für ein Beleg des Nichtstattfindens der Klimakrise nimmt, und am Schluss hängengeblieben, dem Satzteil: Diesmal ist es nicht zu schaffen.

Ich frage mich, was ich damit meine. Was bedeutet diesmal, was es, was schaffen? Diesmal wird die Gegenwart meinen, damit den Herbst, vermutlich den Winter. Diesmal macht einen Gegensatz zu einer anderen Zeit auf, zu März und April.

Es ist das Angehen gegen das Virus. Wie kann die Ausbreitung verhindert, wie die Krankheitsverläufe gemildert, die Krankenhäuser vorbereitet werden. Welche notwendigen Informationen gibt es und wie werden sie so verbreitet, dass ihre Kernaussagen eine Mehrheit erreicht und dazu bewegt, das Angehen anzugehen.

Schaffen ist das uneindeutigste der drei Wörter. Sind neuntausend Tote ein Schaffen? Hat ein Land es geschafft, wenn es sich in Vergleich zu anderen Ländern setzt? Und wenn ja, zu welchen? Brasilien, Peru, Amerika? Japan, Südkorea? Ist schaffen, wenn die eindeutige Mehrheit der Bevölkerung die angeordneten Maßnahmen als akzeptabel betrachtet? Ist schaffen, wenn außerdem darüber diskutiert wird, wenn jede dafür und dagegen sprechen kann?

Und was meint schaffen in Bezug auf diesmal? Was soll im Herbst und Winter geschafft werden? Was ist das Ziel? Wieder nur neuntausend Tote? Freie Intensivstationen, die auch andere Operationen zulassen? Wieder eine Mehrheit, die die Maßnahmen trägt? Weiterhin Diskussionen? Weiterhin Mitgefühl, Solidarität, Vernunft?

Gestern die Pressekonferenz nach dem politischen Beraten und Entscheiden. Die Beteiligten wirken müde. Es wird deutlich, wie groß die Uneinigkeit ist, der Dissens darüber, wie stark das Angehen gegen das Virus eingreifen soll in das tägliche Leben, ein gutes halbes Jahr nach dem ersten Angehen, mit all dem Wissen um die Folgen und den Unmut, das Getriebensein.

Der Gipfel produziert einige Sätze: »Ich bin nicht zufrieden. Die Ergebnisse sind nicht hart genug, dass wir Unheil abwenden.« »Die Maske ein Instrument der Freiheit.« »Wir sind kurz davor, die Kontrolle zu verlieren.« »Dann sitzen wir in zwei Wochen eben wieder hier. Es reicht einfach nicht, was wir hier machen.« »Deswegen ist meine Unruhe mit dem heutigen Tag noch nicht weg.«

Heute sind es knapp 7000 Neuinfektionen, die höchste Zahl bisher. Eine Zahl, die sich nicht mit April vergleichen lässt, die sich zum Teil auch mit Rückstaus in den Labors erklären lässt, die dennoch steht und wie die Zahlen der letzten Tage, der europäischen Länder, in eine Richtung weist. Das, was heute getan und nicht getan wird, werden die Zahlen in zwei Wochen sein. »Heute entscheidet sich, wie wir Weihnachten feiern können.«, noch so ein Satz.

diesmal / es / schaffen. Ich weiß, was gemeint ist, ahne, was es bedeuten muss, damit schaffen möglich ist. Mir fehlt heute, an diesem Oktobertag, die Vorstellungskraft, wie beides zusammengehen könnte.

Ansonsten: Auf dem Coronagipfel mit den Ministerpräsidentinnen werden Maßnahmen beschlossen zu: Maskenpflicht, private Feiern, Kontaktbeschränkungen, Sperrstunde, die Gespräche über Beherbergungsverbote werden vertagt. Ab Samstag gelten zwischen 21.00 und 6.00 Uhr in neun französischen Städten Ausgangssperren. Laut WHO droht die Coronapandemie die bislang erzielten Erfolge im Kampf gegen Tuberkulose zunichte zu machen. Weil Einkaufscenter und Schulen keine Rentiere für Weihnachtsmannauftritte und Schlittenfahrten mieten wollen, bricht das Geschäft britischer Rentierbesitzer um 95% ein.

14. Oktober | Verheerende Traurigkeit

Vor drei Tagen schrieb ich über das Vergessen. Wenn ich darüber schreibe, dass ich vergessen habe, muss ich mich erinnern, dass es einmal etwas gab, dass ich wusste. Es ist Anfang März, es ist Mitte Oktober, ein seltsames Déjà-vu geschieht. Die Zahlen steigen, Maßnahmen werden diskutiert.

Und doch ist es anders. Heute das Gefühl, das es diesmal nicht zu schaffen ist. Die Argumente sind längst ausgetauscht, was gemacht werden müsste, bekannt. Die Gegner der Maßnahmen sind aufgestellt, die Befürworter ebenfalls. Beide müssen nicht mehr diskutieren. Beide wissen, dass es nicht um das Konkrete geht, um ein Abwägen. Es ist etwas Grundsätzliches, jedes Detail danach bewertert und auf die eigene Seite gezogen, nicht das Detail an sich gesehen.

Ich merke es an mir selbst: Ich bin erkaltet. Den Maskenlosen werfe ich tote Blicke zu. Ihr unermüdliches Posten verachte ich, ihre Graphen, ihre Zahlen, ihre Argumente sind Abgund. Ich weigere mich, eine Sekunde nur von ihrer Seite aus zu sehen, mich ihnen zu nähern, zumindest die Hand auszustrecken, zu sagen: Ja, es ist nicht gerade angenehm, eine Maske zu tragen. Sehe ich einen von ihnen, denke ich: Ein herzloser Mensch. Er will Böses. Er denkt nur an sich, nicht andere. Mein Urteil ist gefällt. Es steht. Ich stehe ihnen unversöhnlich gegenüber.

Damit auch den Grautönen. Die Fragen, die dieser Herbst anders aufwirft als es das Frühjahr tat, sehe ich unerbittlich. Ich bin nicht bereit für ein Für und Wider. Ich bin hart geworden. Ich sehe die heutige Zahl (5132), ich sehe die Kurven, ich sehe die Wellen der Spanische Grippe, ich sehe die Fronten, habe die längst gemachten Meinungen im Ohr, die hässlichen Stimmen, die längst wissen, wie sie zu klingen haben. Ich spüre das Kalte, eine verheerende Traurigkeit, die müde flüstert: Diesmal ist es nicht zu schaffen.

13. Oktober | Austritt aus dem Debattierklub

Aktuell werden mehrere Debatten geführt, die viel Raum einnehmen und von hoher Intensivität sind. Hohe Intensivität bedeutet: Man geht sich schnell persönlich an und man ist ausdrücklich als generisches Femininum gemeint.

Eine Debatte dreht sich um das Beherbergungsverbot. Auf politischer Ebene wird debattiert, Virologen debattieren, der ganze große Rest ebenfalls. Man ist sich uneins. Die Sache ist nicht eindeutig, der erwartete Erfolg nicht klar, die Folgen wären einschneidend. Dem Thema werden viele Worte gewidmet, es geht auch um Grundsätzliches; um Wirtschaft, persönliche Freiheiten, vor allem setzt die Debatte die Richtung, wie im Pandemieherbst und -Winter weiterverfahren wird, wie viel Beschränkung notwendig ist, wie tief das Wissen der Entscheider reicht, wie viel sicher sein muss, um einzuschränken.

Eine weitere Debatte handelt vom Feiern, darum, wie um die steigenden Infektionszahlen mit einer vermeintlichen Rücksichtslosigkeit Junger in Verbindung steht. Es geht um Eigenverantwortung, vielleicht auch um unterschiedliche Maßstäbe, die an verschiedene Lebensbereiche und Alter angelegt werden, um Party verbieten, aber Familienfeier erlauben, sicher geht es um einen Generationskonflikt und wer wovon betroffen ist. Die Auseinandersetzungen werden scharf geführt, man beleidigt oder ist beleidigt, die Debatte ist nicht zwangsläufig nur am Sachlichen orientiert.

Ich fühle mich zu müde, um in eine dieser Debatten einzusteigen. Debatte 1 ist komplex und meine Reserven am Beschäftigen mit Komplexen ist nach sieben Monaten recht aufgebraucht, ich will das Wenige lieber für anderes sparen. Der Urlaub Anderer ist nicht das Primäre, was mich momentan beschäftigt.

Auch für Debatte 2 bin ich zu müde, das viel zu hastige Herausfahren der Geschütze in der ewigen Schlacht von jung vs. alt. Klar, wenn Kindergärten wieder geschlossen werden, werde ich jeden, der gefeiert hat, abgrundtief verachten. Jeden Ü60-Kegelklub, der nach Kroatien zur Sause gefahren ist, ebenso, dann werden mich Urlaube wieder bewegen.

Und dann kommt heute Mail von jemanden, den ich sehr schätze, die Bitte, sich mit der sogenannten Die Great Barrington Erklärung auseinanderzusetzen. Die ist ein Schreiben, in dem, stark verkürzt, Wissenschaftlerinnen für die Strategie der Durchseuchung plädieren, »denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen … während diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besser geschützt werden.«

Am Ende der Erklärung stehen viele Namen, alle tragen ein Dr. im Namen. Ich überfliege die weitergeleitete Erklärung des Geschätzten und schließe sie dann, fürchte mich davor, darüber zu googeln, fürchte mich vor dem, was ich finden könnte, möchte keinesfalls in diesen Debattierklub eintreten.

Ansonsten: Ab morgen tritt in den Niederlanden ein teilweiser Lockdown in Kraft; Gaststätten schließen, grundsätzlich Maskenpflicht in Räumen, öffentliche Verkehrsmittel nur für notwendigen Fahrten. In den USA infiziert sich ein Mann innerhalb von 45 Tagen zwei Mal, die zweite Infektion verläuft schwerer. Laut einer Studie übernahmen während des Frühjahrslockdowns auch bei einer ähnlichen beruflichen Belastung mehrheitlich die Mütter die Kinderbetreuung. Eine dänische Studie besagt: Je empathischer man sei, desto wahrscheinlicher, dass man den Maßnahmen gegen die Ausbreitung folgt. Cristiano Ronaldo wird positiv auf Corona getestet.

12. Oktober | Schattentiere

Jemand postet ein Video. Darin erklärt der deutsche Gesundheitsminister, dass der Verlauf von Covid19 wesentlich milder sei als der von der Grippe. Unter das Video sind Kommentare gesetzt: »Und wieder einmal mehr hat er zugegeben das die ganzen Massnahmen reine Volksverarsche ist«, »Für wie dumm halten Sie, Herr Spahn die Bevölkerung eigentlich?«, »Mal wieder verplappert liebe spahnplatte« etc.

Das Video ist ein Stachel. Es triggert mich. Die, ohne Kontext getroffene, Aussage, Covid19 < Grippe, ist wichtigstes Instrumentarium der Coronamaßnahmenkritikerinnen. Wenn der Gesundheitsminister diese Annahme öffentlich bestätigt, wie kann ich dagegenhalten?

Ich überlege, es gut sein zu lassen. Das Video muss mich nicht beschäftigen. Aber es lässt mir keine Ruhe. Ich kann es nicht stehenlassen, nicht, ohne mehr darüber zu wissen, ohne den Kontext zu kennen. Ich recherchiere. Das zweite Suchergebnis liefert mir Kontext.

Das Video stammt vom 21. Januar 2020, aus einer Zeit, als es in Deutschland noch keinen nachgewiesenen Fall gibt. Das originale Video ist länger, es zeigt Kontext, zeigt die Zeit, als wenig bekannt war.

Das gepostete Video nimmt nur die Passage mit Covid19 < Grippe heraus. Es verzichtet auf jegliche Angaben zum Entstehungszeitpunkt, zu den Umständen, unter denen es entstand. Dieser im Oktober gepostete Videoausschnitt dient einem Zweck. Knapp tausend Mal erfüllt es seinen Zweck, knapp tausend Mal wird es geteilt, viel öfter gesehen, ohne Kontext gesehen, nur die Aussage Covid19 < Grippe vom deutschen Gesundheitsminister.

Ich poste den Verweis auf das Entstehungsdatum des Videos mit Link. Alles in allem kostet mich Schauen / Stachel / Recherche / Posten vielleicht fünf Minuten. Die fünf Minuten, denke ich während der fünf Minuten, müsstest du sinnvoller verbringen, weniger virtuell, wegen windmühlenbekämpfend, weniger getriggert, ich sollte ein schönes Kürbisrezept nachschlagen oder aus dem Fenster ins abendliche Straßenlaternenorange schauen.

Ich frage mich: Ist muffig, pedantisch, spießig, überflüssig, denuzierend, kleinkariert, so zu handeln? Oder ist es ein notwendiges Verhalten, letztlich eine einfache, weil effiziente Möglichkeit der Reaktion?

Später am Abend eine virtuelle Benachrichtigung. Der Poster hat das Video gelöscht. Kommentarlos zwar, aber gelöscht. Ich müsste lügen, würde ich verschweigen, dass zumindest einen Moment lang etwas weniger unzufriedene Schattentiere im Laternenschein flattern.

Ansonsten: Vier Mitglieder der päpstlichen Schweizergarde werden positiv getestet. In München darf nach 22.00 Uhr kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden. Momentan werden in Großbritannien mehr Patienten mit Covid19 im Krankenhaus behandelt als im Frühjahr. Im chinesischen Qingdao sollen innerhalb von fünf Tagen alle neun Millionen Bewohnerinnen getestet werden.

11. Oktober | Vergessen

Ich frage mich, was ich vergessen habe. Woran muss der Herbst mich erinnern?

An den Zytokinsturm? Das Gefühl des Ertrinkens bei der Lungenentzündung? Dass Covid19 weiterhin eine tödliche Krankheit ist? Dass die Arbeit der Pflege nicht selbstverständlich ist? Die leeren Intensivstationen Luxus sind und nicht gegeben? An Abstand halten? Dass eine Pandemie in kühlen Tagen eine andere ist als im Sommer? Drinnen anders ist draußen? Dass es exponentielles Wachstum gibt? Dass Kindergärten auch geschlossen sein können? Dass es kein Gewöhnen an eine Pandemie gibt? Dass doch täglich neue Verschiebung geschehen können, jenseits der Unterhaltung, welcher Prominente welchen Telegramchannel eröffnet hat, Veränderungen, die das Bekannte in Frage stellen?

Und was, wenn ich ich durch wir ersetzen müsste, so, wie in den Generationsbüchern, wo alle mitgemeint sind, obwohl sich so ein wir nur schwer konstruieren lässt? Woran müsste sich dieses diffuse wir erinnern, damit es einigermaßen durch diesen gerade beginnenden Herbst kommt, durch das nächste Kapitel der Pandemie, ein Weiterschlagen im Buch, ein Zurückblättern?

Ansonsten: Das französische Gesundheitsministerium entscheidet, dass Visiere Masken nicht ersetzen. Um sich vor Corona zu schützen, stellen Bauern in Kambodscha sogenannte Ting-Mong-Puppen vor ihre Häuser. NRW begrenzt Teilnehmerzahl für private Feiern auf 50 Personen. Weil ein Mann in einem Zwickauer Supermarkt zum Tragen der Maske aufgefordert wird, schlägt dieser mit einer Axt auf die Schutzverglasung im Kassenbereich ein. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident warnt davor, sich »von Alarmismus leiten« zu lassen. Stuttgart erbittet zur Verfolgung von Kontaktpersonen die Hilfe der Bundeswehr.

10. Oktober | Volksfest in der Pandemie

Jede Stadt, die etwas auf sich hält, veranstaltet ein Volksfest. Um eine in der Vergangenheit liegende Begebenheit werden dafür Grille, Lángosbuden, Bierzapfsäulen und eine Bühne, auf der die Zweitplatzierte einer seriösen Castingshow einen Auftritt haben wird, gruppiert. Ein Wochenende lang strömen daraufhin Menschen aus dem Umland in die Stadt.

In Weimar ist diese historische Begebenheit der Zwiebelmarkt. Zwiebelbäuerinnen verkaufen Zwiebeln, die zu bunten Zöpfen gestaltet sind. In guten Jahren kommen deshalb über dreihunderttausend Personen in die Stadt.

Jedes Jahr verweisen Angestammte auf die vergangenen Jahre, in denen es »besser« gewesen sei, weil weniger Spektakel und mehr historische Begebenheit. In diesem Pandemiejahr besteht der Markt fast ausschließlich aus dieser Begebenheit. Abgesehen von einigen wenigen Nahrungsständen sind als Händlerinnen nur die Zwiebelzopfverkäuferinnen zugelassen.

Das Stadtgebiet ist dafür in Zonen unterteilt. Ab einer Grenze muss die Maske getragen waren. Wachkräfte stehen an den Zonengrenzen, prüfen, weisen bei Verstößen so energisch darauf hin, dass klar ist: auf Diskussionen über die Maskenpflicht haben sie keinen Bock.

Manche der Besucher paffen neben den Wachen schnell noch die Zigarre auf, bevor sie rufen, dass sie jetzt die »Todeszone« betreten. Nach dem Anschlag in Berlin wurden die Zufahrtswege mit schweren Containern blockiert, um mögliche Amokfahrten zu verhindern. Diesmal sind die Zufahrtswege mit Hygieneinformationsschildern bestückt. In Zweigruppen sichern Wachen die Zwiebelmarktzone, dort, wo man gar nicht mal so eng beisammensteht und der Bürgermeister gibt der ZEIT ein Interview, in dem er erklärt, wie Weimar den Zustrom der Touristen handhabt: »Wir können nicht Menschen aussperren, nur weil sie mit Berliner Autokennzeichen herumfahren. Wir werden uns als Stadt nicht abschotten … Die größten Probleme sind die Privatfeiern. Aus unserem vor wenigen Wochen veranstalteten Töpfermarkt mit seinen 13.000 Besuchern ist dagegen nicht eine einzige Infektion hervorgegangen.«

Ich freue mich für die Zwiebelbäuerinnen, dass sie ihre Produkte verkaufen können und ahne, dass der Zwiebelmarkt 2020 wie ein möglicher Kompromiss zwischen angemessener Reaktion und dem Willen zum Festhalten an der Normalität aussehen könnte. Aber der Titel dieses Eintrags lautet trotzdem: Volksfest in der Pandemie. Aber trotzdem streifen Sicherheitskräfte durch die Stadt und verfügen über andere. Aber trotzdem ist die Stadt in Zonen unterteilt und ist das Betreten dieser Zonen an Bedingungen geknüpft. Aber trotzdem steigen die Infektionszahlen und gibt es ein Volksfest mit zehntausenden Besucherinnen. Wie könnte es anders sein, als da kein Unbehagen zu empfinden?

Ansonsten: Weiterhin steigende Infektionszahlen in den europäischen Ländern, in Frankreich 26.896 neue Infektionen in den letzten 24 Stunden. Winfried Kretschmann rät zum Verzicht auf den Herbsturlaub. Kanzler Kurz hält in den Wintertourismus in Österreich für sicher. In Österreich werden innerhalb eines Tages 1230 neue Infektionen registriert – so viele wie nie zuvor.

9. Oktober | Maskenvorfall (Plural)

Nachdem im Bundesstaat New York ein 80-Jähriger einen 65-jährigen auf dessen fehlenden Mund-Nasen-Schutz hinweist, stößt dieser ihn so heftig, dass der 80-Jährige an den Folgen des Sturzes verstirbt.

Wegen eines Streits um Masken greifen mehrere Männer eines Motorradvereins den Fahrer eines Buses im niederbayrischen Spiegelau an und verletzen ihn.

Als sich ein Passagier auf einem Flug in Arizona weigert, eine Schutzmaske zu tragen, mündet der Streit in einer Schlägerei.

Die Aufforderung, in einer Südtiroler Seilbahn eine Maske aufzusetzen, erwidert der Angesprochene Mann mit mehreren Fausthieben.

Ein Hinweis, den Mund-Nasenschutz richtig aufzusetzen, führt in einer S-Bahn in der Region Hannover zu einem Handgemenge, das mit Würgegriffen und Schlägen mit einem Handy auf den Kopf endet.

Nachdem Polizisten bei einer Kontrolle in einer Bamberger Kneipe sechzig Gäste auf engstem Raum ohne Maske antreffen, greifen die Gäste die Beamten an und übergießen sie mit Getränken.

Nachdem Polizisten zu einem Restaurant in Stralsund gerufen werden, in dem ein Kellner ohne Maske serviert, äußert dieser den Beamten gegenüber sein Unverständnis für die Maßnahmen der Landesregierung und versucht, sie mit der Faust zu schlagen.

Nachdem ein Mann in einem Zug nach St. Veit zwei Frauen, die die im Zug angebrachten Covid-Informationspickerln entfernen, daraufhin anspricht, mischen sich zwei unbekannte Männer ein und verletzen den Mann mit Faustschlägen und fügen ihm Kratz- und Schürfwunden im Oberkörperbereich zu.

Am Historischen Museum in Speyer weist ein Pärchen zwei Männer auf deren fehlenden Mundschutz hin, im Folgenden kommt es zu Handgreiflichkeiten und Beleidigungen, auch gegen einen unabhängigen 27jährigen Zeugen.

Als am Straßenbahnhaltepunkt der Europahalle Karlsruhe ein 16-Jähriger an Krücken ein junges Pärchen auf dessen fehlenden MNS hinweist, kommt es zu seinem Streit, in dem sich ein Fahrgast mischt, der daraufhin von dem Pärchen mit dem Tode bedroht wird.

Während eines Streits über die Maskenpflicht in der Eurobahn Hamm schlägt eine 48jährige mit einem Wanderstock auf einen 47jährigen Mann ein, der die Attacke mit einem Faustschlag erwidert.

In Folge eines Hinweises auf das Nichtragen einer Maske in der Wiener U3 wird ein 33jähriger Mann zusammengeschlagen und gegen den Kopf getreten.

Als ein 62-jähriger einen Mann beim Betreten eines Fotogeschäftes zum Tragen einer Maske auffordert, schubst der Kunde den Mann zu Boden.

Als ein Pärchen drei Männer in der Münchner U-Bahn drei Männer auf das Tragen von Masken aufmerksam macht, nehmen diese den Mann in den Schwitzkasten, schlagen ihn mit der Faust ins Gesicht und treten in seinen Rücken.

Im Zug nach Boizenburg wird eine Frau ohne Maske von zwei Maskenträgern angespuckt und am Kopf verletzt.

Nachdem in Innsbruck eine Busfahrerin einen Fahrgast per Durchsage ermahnt, die Maske aufzusetzen, durchbricht ein anderer Fahrgast die Absperrung zur Fahrerin, ruft, dass das Corona-Getue nur ein Täuschungsmanöver des Staates sei, verpasst der Frau massive Kopfstöße und teilt Faustschläge aus.

Ansonsten: Nachdem ein Streit um das Tragen einer Maske eskaliert und ein Beteiligter Pfefferspray einsetzt, müssen vierzig Fahrgäste in Augsburg die Straßenbahn verlassen. Weil ein Mann einen Mann auffordert, in einem Waschsalon in Paris eine Maske zu tragen, verlässt dieser den Salon, kehrt kurz darauf mit mehreren anderen Männern zurück, die den Mann mit Baseballschlägern zusammenschlagen. Nachdem ein 61-jähriger Karlsruher von der Filialleiterin eines ALDIs zum Tragen einer Maske aufgefordert wird, regt dieser sich so sehr darüber auf, dass er die Einkäufe zu Boden wirft, in seinen Peugeot 508 steigt und in den nächstgelegenen Graben fährt.

8. Oktober | Wellenannahme

Im Ansonsten taucht es kaum noch auf, weil ansonsten dort kaum noch Platz für anderes wäre als: die ständig steigenden Infektionszahlen aus den europäischen Ländern, Werte mit dem Präfix Höchst, Zahlen, die sich immer weiter in Richtung der Zahlen von März schieben.

Das Bild von der »zweiten Welle« war eines, das von Anfang an da war. Der Blick auf die Spanische Grippe mit den drei Wellen, der Blick auf den Sommer als Trenner, nach und nach die Verfeinerung der Prognosen, das diffuse Verbreiten des Virus, im Hintergrund ein allmähliches Streuen und dann, ein leises Anschwellen, das mehr und mehr an Fahrt gewinnt.

4000 Neuinfektionen werden in Deutschland im Verlauf von 24 Stunden gemeldet. Anders als zu Beginn der Pandemie weiß ich mittlerweile, dass diese Zahl interpretiert werden muss; an welchem Wochentag wird sie erhoben, wie viele Test werden gemacht, wie viele davon sind positiv, wie ist das in Vergleich gesetzt zu den Zahlen von vor einem Monat, was sagt die Infektionsrate, was die Erkrankung, die Zahlen über die Krankenhausbehandlung, die Intensivstationen.

Das habe ich im letzten halben Jahr gelernt: Zahlen nicht isoliert zu betrachten, sie einzubetten in einen Kontext, ein Kontext, der mir oft unbegreiflich ist bzw. wenn ich glaube, zu verstehen, erweitert sich der Kontext, ein neuer Faktor kommt ins Spiel und die Interpretation muss anders interpretiert werden.

Aber die Zahl steht dennoch: 4000. Die Zahlen stehen in Frankreich, Österreich, Schweiz, Israel, auch in Schweden. Überall ein Ansteigen, im Nachgang auch ein Steigen der daraus folgenden Zahlen. Ich weiß nicht, ob es formale Kriterien gibt, ab wann der Begriff der Zweiten Welle angebracht ist. Gefühlt ist es in diesen Tagen, in denen Sperrstunden verhängt und, Einreisebeschränkung ausgesprochen werden, die Maskenpflicht verschärft wird, Bars und Kinos geschlossen werden, in denen #StayAtHome und #Klopapier wieder als Hashtags auftauchen.

Es ist der Übergang zum Herbst. Wäre die Zweite Welle ein wirkliches Bild und stände ich am Strand, ich würde es sehen, das Anrollen. Was folgt aus diesem Blick? Erwarte ich eine ähnliche Situation wie im März; das monatelange Schließen von Kindergärten und Schulen, ein Verbot, Bücher auf Parkbänken zu lesen? Erwarte ich leere Mehlregale in Supermärkte und Strafzahlungen beim Besuch von Nachbarn?

Die Antwort ist: Nein, nicht so.

Ansonsten: Weil die Abrieglung Madrids die Grundrechte beschränke, kippt ein Gericht die Lockdownbeschränkungen. Nachdem Markus Söder die Coronaentwicklung in Berlin kritisierte, wirft ihm der SPD-Generalsekretär die Spaltung des Landes vor und bezeichnet den Ministerpräsidenten als Mini-Trump. Donald Trump bezeichnet seine Covid19-Erkrankung als »Gottes Segen«.

7. Oktober | div

Einiges, was in den letzten beiden Wochen liegenblieb.

(Modellrechnung) Auf einer Pressekonferenz sagt Angela Merkel »Ich habe einfach eine Modellrechnung gemacht« und leitet aus den bisherigen Werten und dem aktuellen Verlauf der Infektionen eine mögliche Entwicklung bis Jahresende ab.

Auch wenn ich weiß, dass die Rechnung auf einer Veranstaltung geschieht, die dafür gedacht, bestimmte Bilder zu produzieren und die Rechnung deshalb einem Zweck dient, auch wenn ich weiß, dass die Rechnung mit extremen Werten arbeitet und, aus mathematischer Sicht, zumindest zu diskutieren ist, wickelt mich dieser spröde Impuls in warme Decken ein, dieser Moment, in dem ein Staatsoberhaupt keine dramatische Musik einspielen lässt und keinen Gegner anschreit, sondern sagt: »Ich habe einfach eine Modellrechnung gemacht.«

(Hodencovid) Informationen über Unfruchtbarkeit als Folge einer Covid19-Erkrankung werden unter dem Hashtag #hodencovid besprochen. Als größere Medien dies aufgreifen, ist dem Text die Fußnote beigefügt: »Neben der medizinischen Bedeutung wird #hodencovid auch in Zusammenhang mit Menschen benutzt, die sich nicht an geltende Beschränkungen halten oder sich nachlässig verhalten. Zum Beispiel, indem sie ihre Nase über der Maske tragen – so als ob sie auch ihr Genital aus dem Schlüpfer hängen ließen.«

(Stoßlüften) Ein britischer Artikel staunt über eine spezielle deutsche Technik: das Lüften. Und wundert sich über die Fenster: »In Germany, windows are designed with sophisticated hinge technology that allows them to be opened in various directions to enable varying degrees of Lüften.«

(Chain Gang) Weiterhin twittert Herman Cain*, der sich im Sommer nach dem Besuch einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump mit dem Virus infizierte und wenige Wochen später daran starb, dass das Virus gar nicht so gefährlich sei.
* (Formerly run by Herman Cain, now supervised by his team and family. The mission continues.)

Ansonsten: Italien verhängt eine Maskenpflicht im Freien. Nach der Maskenpflicht im deutschen Bundestag verstoßen mehrere AfD-Abgeordnete demonstrativ dagegen. Israel verlängert die während des Lockdowns geltenden Einschränkungen für Demonstrationen. Aufgrund der steigenden Infektionszahlen gilt in Berlin ab Samstag eine Sperrstunde.

6. Oktober | lokal global unvermeidlich

lokal: Letzte Woche gab es in einer gastronomischen Einrichtung Weimars ein Spreader-Ereignis. Infolgedessen sind die Infektionszahlen gestiegen, Kindergärten und Schulen sind betroffen, Gruppen, Klassen sind in Quarantäne, in einer Schule ein Drittel der Lehrerschaft.

Im Kindergarten werden die Gruppen und das Haus schrittweise wieder geöffnet. Was schön für die Kinder ist, aber die Frage aufwirft: Was wäre geschehen, wenn das Ereignis auch Einfluss darauf gehabt hätte? Hätten alle achtzig Kinder, deren Eltern und Familien in Quarantäne gemusst, weil ein offenes Haus keine Trennung möglich macht, weil damit alle Kontakt zueinander hatten?

In dem betroffenen Kindergarten werden schnelle Tests durchgeführt, die Reaktion scheint eine angemessene und vernünftige zu sein. Dennoch die Ahnung, dass dies wieder geschehen wird, dass weitere solche Vorfälle unvermeidlich sind, dass es eines Tages einen Eintrag über die eigene Quarantäne geben könnte und das vielleicht mehrmals.

global: Der amerikanische Präsident entlässt sich aus dem Krankenhaus und fliegt, maximal inszeniert, mit Hubschrauber zurück ins Weiße Haus, wo er augenblicklich die Maske vom Gesicht nimmt und offensichtlich Probleme beim Atmen hat. Kurz davor hat er auf Twitter erklärt: »Feeling really good! … I feel better than I did 20 years ago!« und »Don’t be afraid of Covid. Don’t let it dominate your life.«

Um bei der immer unorigineller werdenden Metapher einer Serie zu bleiben: Die Bilder, die Wörter, die Fortschreibung der Coronageschichte Trumps, die nicht dem tatsächlich Passierten, sondern einzig dem Willen des Protagonisten folgt, fühlen sich wie ein vorletztes Kapitel an, wie die Folge vor dem unvermeidlichen Staffelfinale, vielleicht sogar vor dem Serienfinale an. Es ist ein müder Kampf gegen das Geschehen, die Mechanismen, mit denen Story und Figur am Leben gehalten werden, bekannt und abgedroschen.

Selbst die maximale Entwicklung nutzt sich nach vier Tagen ab. Die Wut über die Widersprüche zu dem, was in den USA geschehen ist (mir geht es besser, lasst euch das Leben nicht nehmen vom Virus, ich habe die bestmögliche Behandlung erhalten), die Wut über die Kälte, die Arroganz und Selbstbezogenheit eines Präsidenten, der das Virus allein auf sich projiziert, die in dem Satz »Don’t let it dominate your life« kulminiert, die (längst schon bekannte) Erkenntnis, dass der Präsident Krankheit als Schwäche versteht und zu Mitgefühl nicht fähig ist, ist größer als das Interesse am Unerwarteten, an der unterhaltenden Erzählung.

Ein weiterhin fassungsloses Beiwohnen, belustigt, erschrocken, sich-bestätigt-fühlen, weiterhin selten denkend an das Bob-Woodward-Buch, die 750$, die Melania-Tapes und den ganzen großen Rest.

Ansonsten: Ab heute gilt Maskenpflicht im Bundestag. Wegen einer technischen Panne (die Excel-Tabelle erreicht die maximale Spaltenanzahl) werden in Großbritannien knapp 16000 Infektionen nicht gemeldet. Nachdem Schleswig-Holstein vier Berliner Stadtbezirke zur Risikobereichen erklärte, zeigt sich das Land nun offen für bundesweit einheitliche Regelungen. Aufgrund des Anstiegs der Infektionszahlen sieht Ministerpräsident Söder Berlin am Rande der Nicht-mehr-Kontrollierbarkeit. Der Spiegel startet einen eigenen Newsticker für die Coronainfektion Donald Trumps.

5. Oktober | Kino als Drama

Da es in den letzten Tag kein Ansonsten abseits Amerika gab, sind hier zwei wichtige Meldungen nicht aufgetaucht. (1) Der von April auf November 2020 verschobene Start des neuen James-Bond-Films wird auf April 2021 verschoben. (2) Der zweitgrößte Kinobetreiber Cineworld schließt seine Säle in Großbritannien und Irland auf unbestimmte Zeit.

Beide Meldungen hängen miteinander zusammen. Der James-Bond-Film wird verschoben, weil die Kinos zu wenig Einnahmen erwirtschaften. Und die Kinos schließen, weil kaum noch neue Filme gestartet werden.

Im August fand ein Experiment statt. Während Tenet im Kino anlief, wurde Mulan auf dem Streamingkanal von Disney für 30$ angeboten. Beides sind große Produktionen, die viele hundert Millionen Dollar einspielen müssen, um zumindest nicht zu tief im Minus steckenzubleiben.

Beide Experimente sind, wenn auch nicht gescheitert, dann zumindest nicht aufgegangen. »Tenet« spielte bisher dreihundert Millionen Dollar ein, 1/3 der Summe, die er ähnlich gelagerte »Inception«. Von »Mulan« gibt es keine offiziellen Zahlen, aber Analysen lassen zumindest vermuten, dass der Film bei weitem nicht so häufig abgerufen wurde, wie erhofft.

Aktuell sind noch zwei große Filme in diesem Jahr fürs Kino angekündigt (Dune, Wonder Woman 1984). Alle anderen Produktionen dieser Art sind auf das kommende Jahr verschoben. Das bedeutet, dass Kinos, die auf Blockbuster angewiesen sind, mindestens sechs Monate mit einem sehr überschaubaren Angebot auskommen müssen. Die Schließung der Kinohäuser ist deshalb ein einleuchtender Schritt, der die Dynamik beschleunigt – weniger Häuser = mehr Verschiebungen.

Auch für die kleineren Kinos, die ohne das Marvel-Universum und The Fast and The Furious ihr Programm bestreiten, ist die Lage verheerend. Wie soll ein Kino erfolgreich laufen, wenn nur 1/3 der Plätze besetzt werden können? Es gehört nicht viel Fantasie zur Vorstellung, wie die Kinolandschaft im nächsten Jahr aussehen könnte. Was gerade geschieht, ist existenziell. Das Kino nach der Pandemie wird ein anderes sein als davor.

Letztens hörte ich eine Meinung dazu. (Programm)Kinos müssten wie Theater behandelt und so auch finanziell ausgestattet werden. Das Kino sollte nicht allein als Abspielstätte aktueller Filme verstanden werden. Ein gutes Kino ist ein kuratiertes Kino, ein Kino, das aus einer mittlerweile 130jährigen Filmgeschichte wählen kann, Filme aus allen Ländern, aus allen Zeiten aus allen Genres, diese Filme in Reihen thematisch zusammenstellen, Filme mit Diskussionen, Konzerten, Gesprächen zusammenzubringen, nicht in kurzer Zeit maximale Erträge erbringen müssen, sondern ausgewählte Veranstaltungen setzen.

Das ist im aktuellen Kinobetrieb mit der aktuellen Finanzierung nicht möglich. Ein Kinobetreiber muss ein Intendant sein, das Kino – neben dem regulären Publikumsbetrieb – so konzipiert sein. Das umzusetzen, würde den Einsatz von Geld bedeuten. Das Schließen nicht weniger Häuser. Es wäre ein massiver Einschnitt. Das, was ansonsten passiert, wird noch viel einschneidender sein.

Ansonsten: Ursula von der Leyen begibt sich in Quarantäne. Der japanische Designer Kenzō Takada stirbt an Covid19. Für Paris wird »Alarmstufe Rot« erklärt, alle Bars schließen wieder. Die Trump-Kampagne greift Joe Biden an, weil er keine Erfahrung aus erster Hand mit Covid19 hat. Vor dem Krankenhaus zeigt sich Donald Trump seinen Anhängern im Autokonvoi und twittert kurz darauf 16x in dreißig Minuten, laut seinen Ärzten wurden ihm Steroide verabreicht.

4. Oktober | Interaktion mit dem kranken Tyrannen

»Wie sprechen über Menschen, die jedes Sprechen, das von ihnen handelt, als Erfolg betrachten?«
Enis Maci, Eiscafé Europa

Es ist unmöglich, die Augen davon abzuwenden. Es ist ausgeschlossen, nicht daran zu denken, wie der amerikanische Präsident gerade in der Präsidentensuite des Walter-Reed-Krankenhauses von Ärzten umsorgt wird. Es geht gar nicht anders, als sich ausmalen, wie es weitergehen könnte in diesem Oktober, den Blick dabei auf Washington gerichtet.

Dabei ist es unwürdig. Das Schicksal eines Einzelnen gegen die Schicksale aller anderen, die tausenden Geschehnisse gegen das eine: Es wäre notwendig, sich überhaupt nicht damit zu beschäftigen, als eine Art Protest gegen die Getriebenheit des ständig Passierenden, das Irre, das Gestagte und Instrumentalisierte, dem ich ohnehin nur hilflos beiwohnen kann. Ich sollte auf meine geistige Gesundheit achten und mich ausklinken, lieber das neue Buch von Éric Vuillard lesen oder mich in den Park unter einen Kastanienregen begeben.

Aber – das ist nicht möglich. Was passiert ist: 2016 bezeichnet Ruth Bader Ginsburg Donald Trump als »Faker«. 2020 will Donald Trump, dass die Verkündungszeremonie der Nachfolge Ginsburg genauso aussieht wie damals bei Ginsburgs Ernennung. Diese Zeremonie wird zum Superspreader-Ereignis. Mehrere hochrangige Republikaner stecken sich an, so dass die Anhörung (und damit Ernennung) der neuen Richterin dadurch eventuell nicht stattfinden kann. Die Infektionszahlen des Weißen Hauses sind größer als in Neuseeland, Vietnam und Taiwan zusammen.

Entgegen der ersten Behauptung, dass es Trump gut gehe, wird er in ein Krankenhaus gebracht. Auf einer Pressekonferenz werden Widersprüche deutlich; offenbar musste dem Präsidenten Sauerstoff zugeführt werden. Einer der Ärzte macht eine Handbewegung, die gedeutet werden kann als: Etwas stimmt nicht. Zugleich wird offenbar, dass Trump viel früher als behauptet von seiner Infektion wusste und mit diesem Wissen ungeschützte Treffen hatte, dass seine ebenfalls wissenden Mitarbeiterinnen und Familienmitglieder auch solche Treffen hatten.

Warum ich das so ausführlich aufschreibe? Weil es eine Schnitzeljagd ist. Ziel der Jagd ist das Herausfinden des »wirklichen« Gesundheitszustandes des amerikanischen Präsidenten. Jedes Bild, jedes Video, jeder Tweet, jede Äußerung kann der Bestätigung des Zweifels dienen.

Nach einem für Trump ungewöhnlich langem Schweigen auf Twitter erscheint dort: »Doctors, Nurses and ALL at the GREAT Walter Reed Medical Center, and others from likewise incredible institutions who have joined them, are AMAZING!!!Tremendous progress has been made over the last 6 months in fighting this PLAGUE. With their help, I am feeling well!«

Der Tweet wird auseinandergenommen. Es wird gefragt, ob der Präsident die Zeilen selbst verfasste. Belege werden gesammelt, dass jemand aus dem Team schrieb und in die Botschaft Worte einfügte, die typisch sind für Trump (amazing, incredible, tremendous), als Beleg auch die scheinbar willkürliche Großschreibung.

Das Video von Trumps Gang zum Hubschrauber wird angeschaut – Ist das wirklich er? Oder ein Schauspieler? Die Videos, die nach dem Aufenthalt entstanden sind, werden auf den Prüfstand gestellt: Bilddaten auslesen, Reflexionen betrachten, Spieglungen überprüfen. Eine Handbewegung eines Arztes wird mit der Kommunikation von Tauchern verglichen. Immer der Blick: Was ist echt, was gefälscht, soll etwas verschleiert werden und wenn ja, was?

Dem Beizuwohnen ist mehr als das passive Anschauen einer ohnehin schon irren, nicht auszudenkenden Geschichte. Es ist mehr, weil ich aktiv werden kann. Ich interagiere mit dem kranken Tyrannen. Ich sammele Hinweise, zoome in Bilder hinein, untersuche Standbilder in Videos. Ich gleiche meine Beobachtungen mit anderen Laien ab. Es besteht die Möglichkeit, dass ich aus tausenden Kilometern Entfernung die Täuschung widerlege, dass ich den mächtigsten Mann der Welt zu Fall bringen könnte. Ich liege im Wettstreit mit ihm.

Was damit passiert, folgt der gleichen Dynamik wie Verschwörungstheorien. Ich wittere eine Lüge, ich habe den Ehrgeiz, sie offenzulegen. Das Spinnen von Theorien, das Ausmalen von Möglichkeiten, jeder Reflex auf noch so kleinste Unstimmigkeit bereitet Freude. Es ist Unterhaltung, Entertainment in der Pandemie.

Ansonsten: Laut einer Umfrage glauben zwei Drittel der Amerikanerinnen, dass die Infektion Trumps vermeidbar gewesen wäre, wenn er das Virus ernster genommen hätte. Laut selber Umfrage baut Joe Biden seinen Vorsprung aus. Joe Biden wird negativ getestet und plant, in Zukunft seine Testergebnisse öffentlich zu machen. Boris Johnson empfiehlt Donald Trump, den Rat der Ärzte zu folgen.

3. Oktober | PrayForTrump Schadenfreude

Der gestrige Eintrag war der Atemlosigkeit des Moments geschuldet, die Annahme, dieses schicksalsträchtige Jahr an einem besonders schicksalsträchtigen Tag am Kragen packen und damit irgendwie den Geschehnissen habhaft werden zu können. Es ist so, dass das erst einmal geschrieben werden musste, um das viele Durcheinander in einen Text abladen zu können und ohne den Ballast des ersten Eindrucks weitermachen zu können.

Mittlerweile haben sich einige der Annahmen und Vorstellungen schon erledigt, der Präsident hat ein kleines Video aufgenommen, in dem er versichert, wie gut es ihm gehe und er deshalb ins Krankenhaus überstellt werde. Dort wird ihm Remdesivir verabreichtet.

Darüber hinaus ist ein großes Thema Schadenfreude und Häme. Muss aus Anstand heraus dem Präsidenten alles Gute gewünscht werden? Was wirft es für ein Licht auf jene, die nicht den bestmöglichen Krankheitsverlauf erhoffen? Ist Schadenfreude angebracht, sind Witze erlaubt? Welcher Maßstab gilt für wen, wer geht high, wer low?

Ich weiß, als sich Jair Bolsonaro infizierte, hoffte ich. Ich dachte, wie gut es doch wäre, wenn die Infektion eine Art Katharsis in Gang setzen würde, wenn die Erkrankung zu einem Wendepunkt werden würde, zu einem Umdenken bei dem Patienten führen würde, zu einem Damaskuserlebnis.

Das geschah nicht. Es blieb, wie es war, der Mensch war schlecht und seine Politik verheerend. Die Infektion des Tyrannen war Katharsis. Aber nur für die anderen, jene, die Schadenfreude empfanden, nur für diesen kurzen Moment, als Läuterung möglich schien.

2. Oktober | Plot Twist Amerika II

In vielen Serien (und fast allen Arten von Geschichten) gibt es mehrere Handlungsstränge; Erzählungen, die nebeneinander laufen, die anfangs scheinbar nichts miteinander zu tun haben, es aber den Zuschauenden schnell klar wird, dass sich die verschiedenen vorwärtstreibenden Geschichten einmal schicksalshaft kreuzen werden.

Donald Trump hat bis zuletzt versucht, ein solches Kreuzen zu vermeiden und, als es längst geschehen war, dessen Bedeutung herunterzuspielen. Zugleich war dieser eine besondere Plot Twist für den Mann, der täglich viele Menschen trifft und demonstrativ auf jede Vorsicht verzichtet, erwartbar. Die Frage war nicht, ob, sondern wann sich der amerikanische Präsident mit SARS-CoV-2 infizieren würde.

Wann ist heute, was sind zwei Tweets, die darüber informieren, dass sich der Präsident und seine Frau infiziert haben, höchstwahrscheinlich angesteckt bei einer engen Beraterin.

Im amerikanischen Wahlkampf gibt es den Begriff der October-Surprise, eine Begebenheit, die in den letzten Wochen vor der Wahl geschieht, die Debatten bestimmt und den Wahlausgang stark beeinflusst. 2016 war die Surprise Hillary Clintons privater Mailserver. 2020 ist diese Surprise Trumps Infektion.

Es geht gar nicht anders: Was jetzt geschieht, ist chaotisch. Die Gedanken werden wild. Auf Twitter trenden Trump, Fake News, Schadenfreude. Genesungswünsche treffen ein. PrayForTrump. Gefragt wird: Wie sehr schadet ihm die Infektion politisch? Der Wahrheitsgehalt der Nachricht wird hinterfragt. Könnte es sein, dass die Infektion vorgetäuscht ist, weil sich der Präsident davon Vorteile verspricht, weil er, ähnlich wie in UK und Brasilien, Zugewinne seiner Popularität erwartet, weil er so weiteren Fernseh-Debatten entgehen möchte? Oder fällt man mit der Aussage Infektion=Fake News einem typischen Verschwörungsmechanismus anheim? Ist es nicht unwahrscheinlich, dass eine so komplexe Aktion wie die gefälschte Infektion des bekanntesten Menschen der Welt nicht nur durchgezogen, sondern auch geheim gehalten werden kann?

Bis zum Beweis/Gegenbeweis muss die Wahrheit erst einmal die getwitterte Wahrheit sein. Diese Wahrheit macht das ohnehin Ungewisse ungewisser. Zu den bisher erstellten Szenarien kommen weitere: Was, wenn die Erkrankung ohne / mit schweren / mit tödlichen Komplikationen verläuft? Zu welchem Zeitpunkt hat ein solcher Tod welche Auswirkung auf die Wahl? Wer könnte wann wie nachnominiert werden? Was, wenn der Aerosole von sich wegschreiende Trump während der Fernsehdebatte Joe Biden angesteckt hat?

Was geschehen könnte, ist irre, jeder noch so unwahrscheinlich erscheinende weitere Plot Twist erscheint möglich. In Gedanken schreibt jeder ein Drehbuch für die letzten Monate dieses Coronajahres.

So oder so: Das ist die Geschichte. Auch wenn der Präsident die nächsten Wochen vermeintlich passiv in der Quarantäne verbringen wird, ist er der aktive Teil davon. Die Erzählung Amerikas ist seine Erzählung. Es ist sein Thema, die anderen, möglichen Themen verschwinden dahinter. Das Ziel des Plots ist, über die Geschichte verfügen zu können.

2021 wird der Twist Plot, die unerwartete Wendung Historie sein. Jeder wird sie kennen, wird wissen, was aus der Infektion erwuchs, ob sie die folgenden Dinge in Gang setzte, ob sie folgenlos blieb. Jetzt gerade, an diesem 2. Oktober, ist vollkommen offen, was geschieht. Ein kleines Scharren stellt sich ein ob der Unerwartbarkeit, ein leichtes Kratzen wegen der weiteren Verläufe, ein seltsames Kitzeln, mittendrin zu sein und nichts zu wissen, wenn es scheint, als dass alles geschehen könnte.

Nate Silver, der berühmte Statistiker und Wahlforscher, der ansonsten allem mit Zahlen, Prognosen und Wahrscheinlichkeiten begegnet, schreibt heute auf Twitter: »Not sure what to say

Ansonsten: Nach Bekanntgabe des positiven Test Donald Trumps melden die Aktienmärkte Verluste. In Madrid tritt der zweite Lockdown in Kraft. Im Rahmen einer finnischen Schlafstudie gibt die Hälfte der Probanden an, während der Pandemie länger als davor zu schlafen, ein Viertel der Teilnehmer wird seither häufiger von Albträumen geplagt.

1. Oktober | Superspread

Ich lese einen Text. Der Text versucht eine Erklärung dafür zu finden, weshalb das Virus an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten besonders viele Tote forderte. Der Text sagt, dass die große Mehrheit der Infizierten das Virus nicht weitergeben: »…few as 10 to 20 percent of infected people may be responsible for as much as 80 to 90 percent of transmission, and that many people barely transmit it.«

Der Text kommt zu den 10-20% und damit zu den Superspreading-Ereignissen. Er beschreibt, unter welchen Bedingungen ein solcher Vorgang geschehen ist und auch zukünftig wahrscheinlich sein wird: in geschlossenen, wenig gelüfteten Räumen, in denen viele Menschen eng beieinander sind mit Aktivitäten, welche den Flug der Aerosole begünstigen; »weddings, churches, choirs, gyms, funerals, restaurants, and such—especially when there is loud talking or singing without masks.«

Im Laufe der Pandemie gab es immer wieder Texte, die mir Erkenntnisse vermittelten, die mir halfen, grundlegend zu verstehen, wie die Pandemie wirkt: Flatten The Curve, The Hammer and The Dance, die Sache mit den Aerosolen, die tatsächliche Funktionsweise von Masken, der Zytokinsturm.

Dieser Text ist ähnlich. Nicht unbedingt vermittelt er etwas Neues. Aber er fasst zusammen, was ist, und entwirft ein Bild, mit dem ich glaube, die Dynamik dieser Zeit besser zu verstehen. Mit dem Wissen aus diesem Text ist es leichter, sich fernzuhalten vom Gefährlichen, real und abstrakt in Gedanken.

Ich habe diesen Text gelesen, habe den Satz, dass zehn bis zwanzig Prozent der Infizierten für die übergroße Zahl von Übertragungen verantwortlich sind, im Ohr, habe das Bild der geschlossenen Räume vor Augen. Ich glaube, die Dynamik besser zu verstehen und denke einige Tage zurück.

Ein Mann, der einzige im Markt ohne Maske. Ich werfe ihm einen Blick zu, er soll Missfallen ausdrücken. Ich trete auf den rollenden Fahrsteig, der Mann tritt hinter mich. Der Maskenlose beginnt zu husten. Ohne nachzudenken, reflexartig und unmittelbar, laufe ich los, eile über den Rollsteig, bringe Abstand zwischen den Hustenden und mich. Ich fühle nicht, dass ich überreagiere habe, ich halte mein Verhalten für nachvollziehbar und vernünftig.

Auch nach Lesen des Textes, da ich nun weiß, dass er zu 10-20% gehören müsste, um mich wahrscheinlich anstecken zu können, kommt mir nichts daran falsch vor. Ich verstehe die Dynamik und ich verstehe mich auf dem Fahrsteig.

Ansonsten: Nach Auswertung von einer halben Million Medienartikel kommen Wissenschaftlerinnen zu dem Schluss, dass die Beiträge von Donald Trumps fast 38 Prozent aller von Fehlinformationen geleiteter Debatten ausgelöst haben. Neue Infektionshochs u.a. in Schweden, Polen und Italien. Über einem österreichischen Arzt, der Atteste zur Maskenbefreiung via Facebook angeboten und ausgestellt hatte, wird ein Berufsverbot verhängt. Bei Menschen mit dem sogenannten Neandertaler-Gen steigt die Wahrscheinlichkeit eines schweren Covid-Krankheitsverlaufs.

——————

September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | komplett

Sag etwas dazu

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s