Coronamonate. Februar 2021

24. Februar | Coronajahr

12 Monate Coronamonate, ein Coronajahr. Am 24. Februar beginne ich mit dem Notieren, damals unvorstellbar, dass ich ein Jahr daran sitzen werde. Heute, 130000 Wörter später, schreibe ich: Es gab nie ein anderes Ziel außer aufschreiben, wenn notwendig. Notwendig heißt jeden Abend. Als mir klar wird, dass Coronamonate nicht den Plural von zwei Monaten meint, wird das Ziel erweitert auf: bis Sommer weiterzumachen. Dann bis Jahresende. Dann ein Jahr vollzuschreiben. Das Jahr ist vorbei, die Pandemie noch lange nicht.

Ist es noch notwendig zu schreiben? Und selbst wenn: Was ist notwendiger für mich? Ich fühle mich ausgelaugt und erschöpft, leergeschrieben, leergedacht, leerempfunden. Ich nehme mir vor, von nun an tatsächlich weniger zu notieren, weniger Einträge die Woche, keinesfalls täglich. Das ständige Kreisen um das Eine, das anfangs so geholfen hat, zerrt an mir, drückt mich ständig in eine Ecke, lässt mich nicht heraus.

Ich wäre gern in der Lage, eine Art Resümee zu ziehen, rückblickend zu schauen und Erkenntnisse mich selbst und alles andere betreffend aus den Untiefen des Ansonsten zu ziehen. Was ist noch nicht geschrieben, was nicht geschehen? Dass ein Impfstoff verschmäht wird? Die Zahlen, die gerade heute »rund« werden? Eine weitere Welle, eine weitere Skepsis, eine weitere Maske auf dem Gehweg? Corona ist Bestandteil meiner Biografie, Bestandteil jeder Biografie. Die Monate, die Jahre werden bleiben, die Zeit angeheftet, stets mit mir tragend, auch geimpft wird sich das Virus niemals mehr abschütteln lassen.

Ich bin froh, mein Coronagedächtnis hier abgelegt zu haben. Der Ballast ist ausgelagert, von hier an kann ich weitergehen. Ich kann zurückschauen und alles anders betrachten, aber dann werde ich nicht mehr mittendrin sein, nicht mehr schwimmen. Ich werde an Land stehen und aus der Ferne ein Urteil fällen.

Ich laufe durch den Park. Von der Ilm weht kühle Luft, der Winter steigt aus dem Wasser. Von oben arbeitet die klimakatastrophenerprobte Februarsonne die Schneeberge ab. Auf den Wiesen längst mehr Grün als Weiß. Am Römischen Haus spielen Trompeten, bei der Ruine des Tempelherrenhauses schlagen Männer den Rhythmus von They Don’t Care About Us gegen Cajóns. Ich bleibe nicht stehen, ich höre nicht zu, ich laufe weiter, immer weiter, spüre nichts als den Wunsch, etwas Neues zu beginnen, etwas, das die Tage nicht füllt mit Corona.

Ansonsten: AstraZeneca plant, die zugesagte Impfstoff-Menge für das zweite Jahresquartal zu halbieren. Weiterhin verbleiben viele AstraZeneca-Impfdosen unverimpft. In England wird für das geplante Ende der Coronamaßnahmen am 21. Juni ein Feiertag gefordert. Der B117-Anteil in Deutschland liegt bei 30%, eine Steigerung von 10% im Vergleich zur letzten Woche. Zum Impfstart in Afghanistan wird zuerst eine Journalistin geimpft, die für ihre Berichterstattung über Corona bekannt ist. Attila Hildmann wird per Haftbefehl gesucht. Das Virus als Animation. 68000 Coronatote in Deutschland. Eine halbe Million Coronatote in den USA. Weltweit fast 2,5 Millionen Coronatote.

23. Februar | was notwendig ist

Endlich bekomme ich Antwort auf eine Frage, die ich mich beschäftigt, seitdem bekannt ist, welche Rolle Aerosole bei der Übertragung spielen: Wie viele Viren sind eigentlich für eine Ansteckung notwendig? Ich lese, dass »man zwischen 400 und 3000 Viren einatmen muss, damit eine Infektion starten kann.« Eine weitere Zahl: Bis zu 400000 Viren pro Minute werden ausgeatmet. Und: 75% der Infizierten atmen keine Viren aus. Und: »Wenn ich im Büro sitze und vier Stunden arbeite, dann habe ich ungefähr 100 Millionen Viren in den Raum gepustet.« Und: All diese Zahlen gelten für die alte Variante.

Ansonsten: In den meisten Bundesländern öffnen die Kindergärten und Grundschulen wieder. In mehreren Bundesländern soll Schul- und Kindergartenpersonal schnell eine Impfung mit dem Wirkstoff von AstraZeneca angeboten werden. Boris Johnson erklärt, dass bis Ende Juni alle Corona-Maßnahmen in Großbritannien beendet sein sollen.

22. Februar | Handlungsverläufe

Es wäre so viel schöner, wenn kurz vor dem Finale zu einem Jahr Coronamonate die Geschichte auf ein Ende zusteuern würde: die Handlungsbögen, ebenso wie die 2. Welle, allmählich auslaufend und vertrocknend, die wenige Zeit, die es bis zur Impfung braucht, lässt sich angesichts niedriggehaltener Zahlen bedenkenlos überbrücken, bis dahin ein vernünftiges und vorfreudiges Spazieren durch einen Frühling hinein in einen Sommer, der die Pandemie beenden wird.

Doch nichts endet, niemand spaziert. Stattdessen die Aussicht auf ein weitergehendes Nebeneinander sich widersprechender Ersetzungen: das Virus, das uns ein Jahr begleitet hat, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit, während eine aggressivere Variante davon die Zahlen steigen lassen wird. In dieses Steigen hinein erfolgen die Öffnungen, die Wünsche nach weiteren Öffnungen.

Weiterhin ein Fahren auf Sicht, obwohl die Kurven längst viel weiter in die Zukunft hineinragen. Die Risikogruppe bald geimpft (und ich kann nicht oft genug schreiben, was für ein Wunder, was für ein Triumph, schon nach einem Jahr Pandemie zweihundert Millionen Mal geimpft zu haben) und deshalb die Gefahr für alle anderen um so größer.

Die Impfzahlen, die nicht schlecht sind im Vergleich zu anderen Ländern, im Vergleich zu anderen Ländern aber jede Menge Zweifel am Vorwärtsgehen wecken. Ein Mangel an Impfstoffen und zugleich zehntausende Dosen verschmäht, weil viele lieber auf das »gute« Impfen warten. Impfen als einzige Möglichkeit, das Virus zu kontrollieren und zugleich die Bedrohung von Impfzentren, von Fehlinformationen, Agitationen.

Ich weiß nicht, wie dieses Nebeneinander auszuhalten sein wird, diese unterschiedlichen Stimmen und Situationen, welche Reibung entsteht, wohin die Energie fließen wird, wohin die Aufmerksamkeit, was mit der Kraft geschieht, die dabei freigesetzt wird, ob gemeinschaftlich noch eine Kraftanstrengung möglich sein wird, wie diese ausgesprochen werden sollte, wie ich und alle anderen angesprochen werden müssten, wie wir uns selbst ansprechen müssten.

Dabei liegt im Briefkasten das Flugblatt eines Professors, der gegen das Virus, dessen Existenz und Gefährlichkeit er ausdrücklich anerkennt, Vitamin D empfiehlt und keine Angst zu haben. Weil Ängste und Sorgen das Immunsystem schwächten und so dem Virus leichter Zugriff auf den Körper gewährten. Selbstverständlich habe ich das Flugblatt so wie die Spitzen der CDU ihre Hanau-Rassismus-Zettel zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Sonne scheint genug, so dass die Schlange vor dem 40-Sorten-Eiscafé wortwörtlich mehrere hundert Meter lang ist. Ohne Angst hätte ich nur wenige Worte geschrieben von diesen Coronamonaten.

Diese Coronamonate sind fast ein Jahr alt und die Geschichten gehen weiter, anders, ähnlich, nichts hört auf, obwohl es das ist, was jetzt stehen sollte: ein Ende.

Ansonsten: Fast zehn Millionen Menschen sehen »Heile Welt«, den ersten Tatort, der in der Coronawelt stattfindet. Die Macherinnen des Kinderbuchs »Conni macht Mut in Zeiten von Corona« erhalten Morddrohungen von Coronaleugnerinnen. Im Ostseebad Kühlungsborn löst die Polizei eine Line-Dance-Aufführung mit 50 Beteiligten auf. Der Landesgruppenchef der CSU spricht sich für nationale Alleingänge bei Versäumnissen der EU aus. Um die Impfbereitschaft anzukurbeln, öffnet in Tel Aviv eine Bar, in der man sich auch impfen lassen. Auch im israelischen IKEA kann man sich impfen lassen. Ein Friseur aus Bayreuth versteigert den ersten Termin nach dem Lockdown für 422 Euro (für einen guten Zweck). Russland lässt mit Cowiwac den dritten Impfstoff zu. Der katholische Präsident Tansanias erklärt, dass sein Land keine Impfstoffe brauche, weil Gott das Land beschützen werde.


21. Februar | aushalten

Ein ungeheurer Gedanke: Ich bin nicht gerettet, obwohl ich gerettet sein könnte. Es gibt einen Schutz vor dem, was seit einem Jahr alles bestimmt, ein Schutz, der mich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit vor dem Schlimmsten bewahren würde und es gibt keine redliche Möglichkeit, diesen Schutz in Anspruch zu nehmen.

Natürlich ist der Gedanke auszuhalten. 7,4 Milliarden halten ihn aus. Täglich ertragen ihn die Ungeimpften. Es gäbe Rettung. Für uns erst in Monaten.

Werner Herzog hat gesagt: »Schicke alle Hunde los, einer könnte mit Beute zurückkommen.« Was sind die Hunde? Wie erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit auf die Beute; einen glücklichen Zufall, ein verschmähtes AstraZeneca, einen Stromausfall, dem ein Kühlschrank voll mit Moderna zum Opfer fällt, ein übriggebliebenes Biontech? Steht mir diese Annahme überhaupt zu, dieses Denken?

Ich bin nicht gerettet, obwohl ich es sein könnte. Der Gedanke ist kaum auszuhalten.

Ansonsten: Weltweit sind über 200 Millionen Impfdosen verabreicht, etwa die Hälfte davon in den sieben führenden Industriestaaten. Mars 2020, der Rover, der momentan auf dem Mars fährt, führt eine Aluminiumplatte mit sich, um »an die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zu erinnern und die Beharrlichkeit der Mitarbeiterinnen im Gesundheitswesen auf der ganzen Welt zu würdigen«.

20. Februar | Tauen III

Gang durch die Stadt. Auf einem Balkon eine Wäschespinne, auf der ein Familiensatz FFP2 zum Trocknen hängt. Umarmungen. Viele Geschäfte haben geöffnet, sie verkaufen aus der Tür heraus. Die Temperaturen steigen in den zweistelligen Bereich. Die Sonne schmilzt die letzten Schneehaufen weg, darunter treten die weggeworfenen Operationsmasken zu Tage. In Flensburg wird eine Ausgangsbeschränkung verhängt, der R-Wert steigt über 1, die Uni-Hamburg gibt eine Studie frei, nach der das Virus aus einem Labor stammt, Karl Lauterbach kann nicht als Impfarzt arbeiten, weil das Impfzentrum bedroht wird. Mir fehlt die Vorstellungskraft, wie der März aussehen könnte, ein Beenden des Lockdowns, eine Verlängerung des Lockdowns, ein dritter Lockdown, nichts von alldem, alles.

Ansonsten: Wegen der Situation in Flensburg, schließt Dänemark mehrere Grenzübergänge. Eine Studie beschreibt, dass der Impfstoff von AstraZeneca besser wirkt, wenn die zweite Dosis um sechs Wochen verschoben wird. Der Reiseveranstalter Alltours beherbergt ab Herbst nur noch geimpfte Gäste. Weil die Daten eines britischen 32jährigen falsch aufgenommen werden und er bei 6 cm Körpergröße ein Body-Mass-Index von 28000 aufweist und deshalb in die Risikogruppe fällt, wird ihm ein Impftermin zugewiesen. In Florida verkleiden sich zwei junge Frauen als Seniorinnen, um eine Impfung zu erhalten; bei der ersten Dosis klappt das, bei der zweiten nicht.

19. Februar | Tauen II

Das Tauen hält an und ich frage mich, ob »Tauen« überhaupt als Metapher geeignet ist für diese Tage. Tauen ist ein Übergang zwischen zwei Zuständen, etwas Festes verflüssigt sich erst und verschwindet dann. Tauen legt etwas frei und mit Tauen ist ein Aufbruch verbunden, etwas Neues geschieht, Zuversicht kommt.

Passt dies in diese Phase der Pandemie? Befinden wir uns tatsächlich in einer Übergangszeit, verflüssigt diese Februarwoche die Lockdownstarre, was wird sehr bald verschwunden sein, wird es verschwunden sein? Was ist der nächste Zustand? Ist der nächste Teilabschnitt der Pandemie das dänemarknahe Flensburg, wo die Mutante die treibende Kraft ist, wo geschlossen und verhängt wird? Ist der nächste Zustand wie Ende Mai 2020? Was haben die seit Tagen nicht mehr fallenden, sondern stagnierenden Infektionszahlen zu bedeuten?

Die Eltern sind ratlos. Sie haben Respekt vor den Zahlen. Sie sprechen miteinander, wollen herausfinden, welche Kinder ab nächster Woche in den eingeschränkten Regelbetrieb geschickt werden. Ein geschicktes Kind könnte wie ein Dominostein das sorgsam gebaute und geschützte System der wenigen Kontakte zum Kollabieren bringen. Tut jemand den ersten Schritt, werden die anderen folgen müssen. Die Hälfte aller Kinder sind ohnehin schon seit Wochen in Notbetreuung. Warum sollte die andere Hälfte weiterhin verzichten, wenn das Bundesland mit dem höchsten Inzidenzwert öffnet?

Nein, Tauen ist keine Metapher für diese Tage. Eis vielleicht, das trügerische Sicherheit verspricht, oder ein Schlitten in Zeitlupe, dahin, wo es keinen Halt mehr gibt.

Ansonsten: In Frankreich liegt der Anteil von B117 bei allen Getesteten bei knapp vierzig Prozent. Laut einer Umfrage würde mehr als ein Drittel der Befragten sich nur mit dem Lieblingspräparat impfen lassen. Karl Lauterbach spricht sich mit dem Bayern-München-Trainer aus. Bei einer Impfverweigerung droht den Angestellten des Vatikans die Entlassung. Mehr als eine halbe Million Coronatote in der EU. In Sachsen bleiben tausende Impftermine ungenutzt. Die FDP und die BILD-Zeitung fordern eine öffentliche Impfung des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin. Ein Weimarer Unternehmen spendet der Stadt 5000 Schnelltests aus eigener Produktion, die bei der Öffnung der Kindergärten zum Einsatz kommen sollen. In Thüringen steigen die Infektionszahlen an. Thüringen verlängert den Lockdown bis Mitte März.

18. Februar | großes Tauen

Das große Tauen hat begonnen. Die Schneeauftürmungen sacken zusammen, wer läuft, läuft durch Wasser. Und ich merke, wie ich mich gerade kaum um Meinungsbildung zu den Coronathemen dieser Tage aufraffen kann.

Die Diskussion um Schnelltests, dass sie viel zu spät kommen, dass sie ein so notwendiges Mittel zur Begleitung der Lockerungen sein werden, dass der Gesundheitsminister die Einführung verschleppt, da das Funktionieren aller Tests nicht gewährleistet werden kann. Eine Äußerung Armin Laschets, der wieder einmal gegen die Wissenschaft poltert, und dass diese immer neue Grenzwerte erfindet, »um zu verhindern, dass Leben wieder stattfindet«. Der Artikel eines Mitglieds aus Laschets Expertenrat Corona, der Lebensschutz gegen »die Wirtschaft« stellt. Die überraschenden Grenzschließungen Deutschlands, die Lieferketten unterbrechen und diesmal tatsächlich für leere Regale in den Supermärkten sorgen könnten. Die Zahlen, die von einem 20% B117-Anteil bei den Neuinfektionen sprechen, eine Verdopplung pro Woche.

Ich frage mich, warum ich mich nicht näher damit beschäftige. Warum ich bei der Wirtschaftsaussage nicht getriggert werde, zumindest die offensichtlichen Widersprüche hinterfrage. Warum ich nicht wieder von B117 schreibe und den im Gegensatz dazu stehenden geplanten Lockerungen, nicht vom Primat der Wissenschaft schreibe oder Supermarktankedoten notiere. Vielleicht weil alles, was geschieht schon einmal geschehen ist in der Pandemie. Es schneite, jetzt taut es. Wenn ich laufe, laufe ich im Wasser.

Ansonsten: Nach einem Corona-Massenausbruch in einer Eiscremefabrik müssen 1000 Menschen in Quarantäne, nach einem Ausbruch in einer Physiopraxis 400. Weltweit geht die Zahl von Neuinfektionen zurück. Das Saarland beschließt ein Werbeverbot für bestimmte Produkte, um Anreize zum Aufsuchen von Geschäften zu unterbinden. Die Schließung der Museen in Großbritannien führt zu einer Zunahme von Schädlingen. Die Hälfte aller Israelis über 30 sind geimpft. Ein Großteil des Impfstoffs von AstraZeneca verbleibt in Berlin ungenutzt.

17. Februar | außer leicht

Es sind kleine Meldungen, keine Schlagzeilen, nichts fürs Ansonsten: Kurz nach Wiederöffnung schließen im dänischen Ishøj wegen mehreren B117-Infektionen die Schulen wieder. Kurz nach Wiedereröffnung schließen im italienischen Corzano wegen mehreren B117-Infektionen die Kindergärten und Schulen. Aus Israel wird ein Anstieg von Infektionen bei Jüngeren gemeldet. Im schwedischen Astrid-Lingren-Krankenhaus werden über zweihundert Kinder mit LongCovid-Symptomen behandelt; Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Konzentrations-Gedächtnisprobleme, Durchschnittsalter 11-13 Jahre. In Großbritannien wird von einem Anstieg von Covid-Folgeerkrankungen bei Kindern berichtet.

Mitte März überlegte ich in den Coronamonaten, ob das Verhalten aller ein anderes wäre, wenn das Virus andere Eigenschaften und Folgen hätte. Ich schrieb: »Und was, wenn der Virus besonders gefährlich für Kinder wäre? Wären dann die Spielplätze trotzdem voll? Wann wären Schulen und Kindergärten geschlossen worden?«

Seit einigen Tagen raunen sich die Eltern ein Datum zu: 22.2.2021. Dann sollen die Kindergärten und Grundschulen wieder öffnen. Die Eltern flüstern, weil sie es nicht wirklich glauben, es aber glauben wollen. Es könnte so sein. Das reicht schon fast.

Das wäre das Szenario: Das Virus als größere Gefahr als bisher. Das wäre das andere Szenario: In den fünften Monat des Kindergarten/Grundschulen-Lockdowns zu stolpern. Wie kann da eine Entscheidung fallen außer leicht?

Ansonsten: In Dänemark findet sich in der Hälfte der Positivtests B117. Nach Klagen über Nebenwirkungen nach dem Impfen mit AstraZeneca wird das Impfen an mehreren Orten vorerst ausgesetzt. Karl Lauterbach erklärt, sich mit AstraZeneca impfen zu lassen, um zu zeigen, dass der Impfstoff Vertrauen verdient. Nach seiner Kritik an Karl Lauterbach bietet der Trainer Bayern Münchens Lauterbach ein Gespräch an. Der Gesundheitsminister stellt kostenlose Schnelltests ab März in Aussicht.

16. Februar | Ausrufezeichen

Ich lese im gestrigen Ansonsten, dass im ersten Lockdown die Gesellschaft zusammengerückt sei, und im zweiten das Verhalten als »eher egoistisch und auseinanderdriftend« eingeschätzt wird. Ich lese in einem Interview mit dem Zittauer Bürgermeister, der Stadt, die besonders von der zweiten Welle betroffen war: »Damals, im Frühjahr, pflegten viele in der Stadt ihr soziales Netz. Es gab Videochallenges, Onlinemusikaufführungen, Fotowettbewerbe … Das war so eine Zeit, in der sich alle zusammenrissen und versuchten, da gemeinsam durchzukommen.«

Ich denke zurück, ich nicke. Im Rückblick erscheint es mir, dass im LD1 – neben der Ungewissheit, der Sorge, dem Bedrücktsein – mehr Platz für Experimente war, ein spielerischerer Umgang mit der Notsituation, ein Ausprobieren, auch eine Neugier herauszufinden, was sich dem Beschränkten abtrotzen lässt: Balkonkonzerte, Onlinelesungen/Konzerte als neue Form von Veranstaltungen, Kniffeln mit Freunden über Zoom, mehr Memes, mehr Singen, mehr Staunen.

Ich kann diese Aussage nicht belegen, das Gefühl nicht in Zahlen wiedergeben. Ich kann durch die Coronamonate scrollen und schauen, was ich für wichtig erachtet habe zu notieren, meine Erinnerung und meine Wahrnehmung als Beweisstücke anführen, beide sind trügerisch.

Heute, im LD2 schreibe ich viel öfter vom Durchkommen als vom Staunen. Die Notsituation war eine Ausnahmesituation. Doch weil sie es ein / halbes Jahr lang schon ist, kann sie keine Ausnahme mehr sein. Das Erstaunen hat sich verstetigt.

Das, was ich anfangs als ungewöhnlich, als abweichend zur vorherigen Realität wahrgenommen habe, ist notwendiger Alltag, muss längst integriert sein in meine Wirklichkeit, damit alles halbwegs funktioniert. Für das Originelle, was es darüber hinaus geben könnte, das, was unsinnig und nichtig ist und deshalb Spaß verspricht, habe ich wegen all der Pauschalisierungen, der Bitterkeit, des erschöpften Schielens auf die nächste Ministerpräsidentenkonferenz kaum Geduld.

Und Geduld werde ich brauchen. Ich weiß, dass ich mit Bitterkeit und Gereiztheit nicht durchkommen werde. Außer bei der Bewertung des Profifußballs komme ich nicht durch mit Pauschalisierungen: Die Politik hat versagt! Die Impfstrategie ist gescheitert! Die Schulen haben versagt! Alle denken das Virus, keiner an die Kinder! Alle Bürgermeister drängeln sich beim Impfen vor! Der Lockdown ist das Schlimmste, was geschehen konnte!

Wenn ich all die Ausrufezeichen in mein Leben lasse, werde ich bitter. Dann hätte das Virus ganz sicher gewonnen.

Ansonsten: Weil der Rosenmontagszug ausfällt, rollt stattdessen ein Puppenumzug im Kölner Karnevalsmuseum (und wird im TV übertragen). Nach Kritik an einer vorzeitigen Impfung tritt Perus Außenministerin zurück. Aufgrund der Einreisekontrollen bilden sich kilometerlange Staus an der deutsch-tschechischen Grenze. Bei einer Impfung im Saarland erscheinen die Hälfte der Angemeldeten nicht, weil mit AstraZeneca geimpft wird. Diskussion um die Aussage des sächsischen Ministerpräsidenten, dass es in diesem Jahr keinen Osterurlaub geben kann. Diskussion über Schnelltests. Nach einem Gerichtsurteil muss das Jobcenter einem Hartz-IV-Empfänger monatlich 129 Euro für FFP2-Masken zahlen. Weltweit 2,5 Millionen Coronatote.

15. Februar | Autosuggestion

Momentan verfüge ich über mehr Fotos als Worte dafür, was es zu erzählen gibt. Was gibt es denn zu erzählen? Wie oft kann ich erschöpft und zermürbt schreiben? Wie oft: Der Lockdown ist mittlerweile in seinem sechsten Monat und fühlt sich an wie in seinem sechsten Jahr?

Abgesehen von Frisörinnen lässt der aktuelle Zustand alle unzufrieden zurück. Für die einen wird zu wenig getan, die anderen taggen sich bei #allesoffen und verweisen noch mal selbstbewusst auf die niedrige Mortalitätsrate von Covid19 und in den Umfragen bleibt seit einem Jahr die stabile Mehrheit bei »die Maßnahmen sind genau richtig«. Jede zweite, die ich spreche, müsste zufrieden sein. Aber zufrieden ist niemand. Was keine hilfreiche Aussage ist, weil a, wer ist schon jemals zufrieden und b, Zufriedenheit nur einer von vielen Parametern in einer Pandemie sein kann.

Nach einem Tiefpunkt Mitte der letzten Woche befinde ich mich mittlerweile in einem Zustand erleichteter Zuversicht. Noch drei Wochen, dann ist der Lockdown und damit die Pandemie vorbei. Diese Autosuggestion funktioniert ganz gut bei Minusgraden, ist notwendig und blendet bereitwillig entscheidende Teile der Wirklichkeit aus. So schaue ich nur auf die Kurve mit dem »alten« Virenstamm, der in drei Wochen auf eine Inzidenz unter 35 gefallen sein wird, der »magischen Marke«. Dabei lasse ich gutgelaunt außer Acht, wo die Inzidenz am Ende des ersten Lockdowns lag, wo sie liegen müsste, um einigermaßen die Kontrolle behalten zu können.

Ich blende die Kurve mit der Mutante aus. Auch auf das Überschneiden der alten und der neuen Kurve schaue ich nicht, sondern setze darauf, dass dieser kurze Moment im März, wenn beide Zahlen freundlich scheinen, von Dauer sein wird. Ich setze darauf, dass doch alles ganz anders kommt, dass nach dem 7. März alles Notwendige öffnet und dennoch alle vernünftig bleiben und die Mutanten nicht ihre Mathematik umsetzen können, setze darauf, dass ab Juli Impfstoff für Priorgruppe 4 vorhanden sein wird und ab da Hundertausende am Tag geimpft werden und dass der Impfstoff halten wird gegen die Veränderungen.

Ich setze darauf, dass die geplanten Veranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen ab Mai stattfinden können, anders als jene Lesungen fürs Frühjahr, die längst abgesagt und auf »später« verschoben sind. Ich setze darauf, dass alles langsam wieder Fahrt aufnimmt und das Versäumte durch gutes Neues ersetzt werden wird.

Ich setze nicht darauf, dass bald nach Ostern ein dritter Lockdown notwendig wird, der diesmal wirklich von allen eingehalten werden muss und der kaum durchsetzbar sein wird, wegen der allgemeinen Erschöpfung, Gereiztheit, Unzufriedenheit. Ich setze darauf, dass die freudige Erleichterung anhält und nicht Häme als letztes Mittel gegen die Kurven bleibt. Ich setze auf Autosuggestion.

Ansonsten: Der Trainer Bayern Münchens erklärt auf einer Pressekonferenz, dass er die sogenannten Coronaexperten nicht mehr hören kann. Aus Vergeltung fordert die tschechische Protestbewegung »Chcipl Pes« (Der Hund ist verreckt) eine Schließung der Grenzen zu Deutschland, um tschechisches Gesundheitspersonal am Grenzübertritt zu hindern. Wegen Lieferproblemen aufgrund der Testpflicht an den Grenzen schließen mehrere Autofirmen ihre Fabriken. Eine Ampulle aus der ersten Charge des Impfstoffs wird im Bonner »Haus der Geschichte« ausgestellt. Laut einer Studie aus dem Saarland ist die Lebenszufriedenheit deutlich zurückgegangen, sind Sorgen, Stress und Depressivität gestiegen, anders als zu Beginn der Pandemie, als die Befragten erklärten, dass die Gesellschaft zusammenrücke, schätzten sie das Verhalten nun als »eher egoistisch und auseinanderdriftend« ein. Nach drei Infektionen wird ein Lockdown über die neuseeländische Stadt Auckland verhängt. Über Hass.

14. Februar | Coronamaßnahmenkritiker

An diesem Wochenende werde ich zum Coronamaßnahmenkritiker. Das Saarland verbietet Werbung für Produkte, die nicht dem täglichen Bedarf oder der Grundversorgung dienen. Um. Menschen. Keine. Anreize. Zu. Bieten. In. Geschäfte. Zu. Gehen. Wo. Zusätzliche. Kontakte. Entstehen. Könnten.
Um Saša Stanišić zu zitieren: AHAHHHHAHAAHAHAHAHAHAHHAHAHAHAHAHAahahahahaha HAHAHAHAHAHAHAHAHAHCHR chrAHAHAHHAHAHAHAHAHAHAHAhahahahah

Ansonsten: Alle Bundesländer sinken unter eine 7-Tages-Inzidenz von 100. Eine auf einer polnischen Nerzfarm entdeckte Mutante ist auf den Menschen übertragbar. Der Vorsitzende der EVP-Fraktion schlägt einen Exportstopp für den BioNtech-Impfstoff vor. Um die aufgestaute Ware verkaufen zu können, rechnen Modehändler nach Öffnung mit Preisnachlässen bis 90%. Der Fußballspieler Thomas Müller kehrt nach seinem positiven Coronatest aus Quatar zurück nach München und begibt sich in Quarantäne.

13. Februar | Impfdrängler

Erstaunt bin ich öfter, wie vielfältig der Themenbereich »Impfen« doch ist. Das hätte ich, bevor es einen Impfstoff gab und Impfen damit zu einem realen Erzählstrang innerhalb der Pandemie wurde, nicht erwartet; diese eigene Welt, die sich innerhalb der anderen Welt auftut, all die praktischen und moralischen Fragen, das Beiwohnen der konkreten Umsetzung, Milliarden Menschen zu impfen, die Geschichten, die sich dabei ergeben, die Widersprüche, die Versäumnisse, das Unlösbare, das Wissen, das ich dabei erlernen muss, jeden Tag ein Puzzlestück, weil es eben nicht so einfach ist: Impfstoff gefunden = Pandemie beendet.

Die eigentlich ganz simple Frage, was ein Impfstoff tut: Schützt er vor dem Tod, vor schweren Verläufen, vor der Krankheit, verhindert er, dass ich mich anstecke, dass ich andere anstecke? Wenn ich es genauer wissen will: Auf welche Weise funktioniert so ein Impfstoff überhaupt in meinem Körper? Was bedeuten die unterschiedlichen Herangehensweisen (mRNA, Vektor etc.)? Die Frage, was »Wirksamkeit« bei einem Impfstoff meint und wie die Prozentzahlen einzuordnen sind. Ob es »guten« und »schlechten« Impfstoff gibt, woran sich dieses Urteil bemisst, wie ich reagiere, wenn ich »schlechten« Impfstoff angeboten bekäme…

Die Information, dass das Finden des Impfstoffes mit sehr viel staatlicher finanzieller Unterstützung geschehen ist, der gesellschaftliche Gewinn für alle da ist (Schutz vor dem Virus), der finanzielle Gewinn aber an die Firmen geht. Ob es mit dieser Information (nicht der Markt hat das Finden des Impfstoffs geregelt, sondern die Gesellschaft) es nicht legitim ist zu fragen, ob mit dem Impfstoff Gewinne erzielt werden sollten oder ob den Firmen nicht eine angemessene Vergütung zustehen sollte, aber kein übergroßer Profit. Ob es in einer Situation der Impfstoffknappheit während einer Pandemie nicht angebracht wäre, die Patente so lange freizugeben, bis die Pandemie offiziell für beendet erklärt ist, damit so schnell wie möglich so viele Produzenten wie möglich so viel Impfstoff wie möglich herstellen können.

Ein Wort, das ich vor dem Eintreten in die Impfphase der Pandemie niemals erwartet hätte, ist »Impfdrängler« bzw. Impfdränglerin. Das meint Leute, die sich in der Impfreihenfolge aktiv vorschieben. Beispiele dafür gibt es seit Beginn der Impfungen. Die Bürgermeister aus Österreich, die sich wortwörtlich in den Altenheimen vordrängelten, die Landräte aus Sachsen-Anhalte, Freunde von Kommunalpolitikerinnen, Entscheidungsträger in gemeinnützigen Verbänden. Meist wird das Impfdrängeln in Verbindung mit politischen Entscheidern gebracht und die Beispiele, von denen die Rede ist, wirken entsprechend schäbig, charakterlos, unanständig, niederträchtig und unsozial, sind die Erklärungen für das vorzeitige Erhalten einer Impfdosis oft erbärmlich.

Nicht immer ist die Situation eindeutig anrüchig. Das macht es leider so schwer, pauschal zu urteilen, eine Art Impfshaming zu betreiben, jeden, der unter 80 ist, keiner Risikogruppe angehört oder nicht im Gesundheitswesen arbeitet, ein ehrloses Wesen zu unterstellen. Es gibt eben auch die zahlreichen Beispiele dafür, dass Impfdosen übrig waren und dann die anwesenden Feuerwehrleute diese ansonsten verfallenden Dosen erhielten. Es wäre auch Unsinn, wenn es anders gehandhabt worden wäre.

Ein Freund, der in einer Klinik arbeitet, erzählt von einer Liste, in die sich Nachrückende eintragen können, einen internen Link für »übrigbleibende« Dosen. Weil das Zeitfenster der Terminvergabe nur für kurze Zeit offen ist, muss dafür »aktualisieren« gedrückt werden, wie, als wollte man online eine Karte fürs Wacken kaufen, »wilder Westen« nennt der Freund das. Ein Text schreibt von Urlaubsimpfreisen, die für viel Geld angeboten werden; man fliegt in warme Länder (Dubai, Israel, Kuba) und lässt sich dort impfen, ein Shot am Anfang, ein Shot am Ende des Wellnesstrips.

Es ist wichtig, zu differenzieren und es gibt diese Reisen, es gibt diesen Westen, und ich bin froh, dass dieses Wort in der Welt ist, Impfdrängler, jemand, der mit 95% Wirksamkeit geschützt ist mit mRNA dank staatlicher Unterstützung, der es eigentlich noch nicht sein sollte, jemand, der sich in einen ewigen, die Pandemie überdauernden Lockdown der Schande, der Ehrlosigkeit versetzt hat.

Ansonsten: Der Gesundheitsminister erwägt Sanktionen gegen Impfvordrängler. In Israel wird beobachtet, dass nach einer Corona-Impfung Infizierte weniger ansteckend sind. Laut einer Berechnung haben Deutsche durch Covid19 mehr als 300000 Jahre Lebenszeit verloren. Angesichts sinkender Zahlen sieht das Robert-Koch-Institut Deutschland auf einem guten Weg. Eine Studie ergibt, dass handelsübliches Asthmaspray schwere Krankheitsverläufe bei Covid19 verhindert. Weil wegen eines Coronaausbruchs ein erneuter Lockdown für Melbourne verhängt wird, müssen die Zuschauer eines Tennisspieles der Australian Open das Spiel während des Spiels verlassen. Weimar erklärt das nächtliche Ausgehverbot für beendet.

12 02 2021 | Eiszapfen

Die veränderte Welt bleibt weiterhin ästhetisch. Aber sie wird auch gefährlicher. Von den Dachrinnen hängen metergroße Eiszapfen, ihre Spitzen auf die glücklich schlitternden Passanten gerichtet. Lauter Damoklesschwerter, lauter Metaphern. Auch eine Metapher: Der Teich ist mit Absperrband gesichert, damit niemand seine zu Eis gefrorene Wasserfläche betritt. Selbstverständlich liegt das Absperrband lose und übertreten im Schnee, sind auf der Eisfläche Menschen. Keine Metapher, sondern kostenlos: Vor der Herderkirche ist einer der Stände aufgebaut, an dem heute in Weimar bei Vorlage des Personalausweises Masken verteilt werden, 8000x FFP2, 23000x Operationsmasken.

Eine Studie der TU Berlin untersucht den R-Wert in verschiedenen Räumen, an welchen Orten unter welchen Umständen in welchen Größenordnungen wahrscheinlich Ansteckungen stattfinden. Hinten liegen Theater, Museen, Frisöre, vorn, ohne Maske, Oberschulen, Großraumbüros, Fitnessstudios. Damoklesschwerter.

Ansonsten: In den meisten Bundesländern werden Kindergärten und Grundschulen ab übernächster Woche wieder geöffnet. Mehrere Klageandrohungen gegen die Lockdownverlängerung, u.a. von Modehändlern, Einzelhändlern, der Veranstaltungswirtschaft. Aufgrund zahlreicher Nachfragen erklärt Israel, dass Touristen nicht geimpft werden.Um unbemerkt entkommen zu können, legt ein Covid19-Patient Feuer in einem spanischen Krankenhaus. Ein Weihwasser-Spender im Kölner Dom ermöglicht es den Gläubigen, coronasicher an Weihwasser zu gelangen.Für die Ausreisekontrolle aus Tirol werden 1200 Einsatzkräfte abgestellt. Die Bundeskanzlerin erklärt im Bundestag, dass das Vorgehen zu Beginn des Herbstes zu zögerlich gewesen sei. Der Fußballspieler Thomas Müller wird kurz vor Austragung des WM-Klubfinales positiv getestet und kann deshalb am Spiel nicht teilnehmen.


11. Februar | Flockdown Frustration

Ein weiterer Tag im Schnee. Die Seen sind gefroren, begehbare Wege in die Schneeberge geschlagen, Absperrbänder warnen vor Dachlawinen und tödlichen Eiszapfen, die gelben Stellen im schönen weißen Schnee mehren sich. Heute kann ich den gestern vermiedenen Satz schreiben. Der Lockdown wird bis Ende der ersten Märzwoche verlängert.

Und wieder ist alles Matsch: Ich bin froh darüber, weil es absurd wäre, bei den aktuellen Zahlen etwas zu lockern (heute schlug jemand vor, anstatt »lockern« »riskieren« zu verwenden). Gleichzeitig wird an dem seit Monaten beschrittenen zähen Mittelweg stur festgehalten. Es wird ein nächster Termin für ein Lockdownende benannt und zugleich wird dieses Ende an einen Inzidenzwert gekoppelt.

Diese Form des unentschiedenen Verkündens ist unglaublich frustrierend. Bei aller dringlicher Notwendigkeit des Zahlensenkens fehlt jede Form von Zuversicht, ministerpräsidentenkonferenzfarbener Schlack, der sich schmatzend alles einverleibt, was keinem bürokratischen Vorgang entspricht, ein grauer Kompromiss aus zäh und Weiterso, ein Gefangensein in einem einmal ausgeworfenen Netz, in dem sich nun die Gegenwart verheddert hat, oder, um im Bild dieser Tage zu bleiben, so, als ob man wieder und wieder in die einmal gemachten Fußspuren im Schnee tritt, immer denselben Weg beschreiten, panisch bemüht, nur keine neue Fährte auszulegen.

Diese grundsätzliche, irgendwie so schon erwartete Frustration möchte ich zum Anlass nehmen für die Aufzählung von Ähnlichem. Karl-Heinz Rummenige z.B., der Fußballprofis gern bevorzugt geimpft sähe, der Karl-Heinz Rummenige, der gerade für ein unwichtiges Turnier um die halbe Welt fliegt, der Karl-Heinz Rummenige aus jener Sportart, bei der internationale Spiele der Mutanten wegen nicht in Deutschland stattfinden dürfen, weshalb man nach Osteuropa ausweicht, der Sportart, dessen Profibereich den Umständen entsprechend alles ermöglicht wurde, der Sportart, bei dem die Profi sicher vieles sind, aber keine Risikogruppe, dieser Karl-Heinz Rummenige möchte bevorzugt impfen und da wünsche ich mir, dass der Profibereich für den Rest des Jahres mal mit dem Amateurbereich tauscht, so lange, bis alle geimpft sind, rein aus Solidarität.

Getriggert auch vom Schulkonzept, vorgestellt von der Bildungsministerin, Expertengremien, die nach zehn Monaten Pandemie Lüften, Masken und Abstand halten empfehlen. Ich weiß, dass dies eine verkürzte Darstellung ist, aber zugleich lese ich von Lehrerinnern, die kein Digitalunterricht mehr geben können, weil ihr privates Datenvolumen aufgebraucht ist und von der Schule keines bereitgestellt werden kann.

Ich will nicht glauben, dass für Schulen eine »Priorität« beschworen wird, aber nur, wenn es darum geht, was zuerst geöffnet werden darf und nicht, wie dieses Geöffnetsein aussieht. Dass man in zehn Monaten der Pandemie nicht wirklich begonnen hat, die Versäumnisse und zurückgehaltenen Förderungen nachzuholen, dass nicht im Bildungswesen Geldmassen bewegt werden, endlich, und ich weiß, auch dies ist vereinfacht und nicht fair, weil viele gute Leute Gutes tun und sich aufopfern.

Im Ganzen bleibt ein unglaublich zäher Wulst, eine träge, der Gegenwart Jahrzehnte hinterherhinkte Masse (so, wie damals die Musiklehrerin, die für uns »junge Leute« Musicals als modernste Form von Musik auf dem Plan hatte), ein System, das nicht einmal in so einer Ausnahmesituation zu Veränderungen fähig scheint, nicht einmal zu sehen scheint, dass diese notwendig sind.

Getriggert auf jeden Fall von Tirol, dem Land der Mutanten. Nicht nur, dass dort die Verantwortlichen nach zehn Monaten Pandemie nicht verstanden haben wollen, wie eine Pandemie verläuft, Tirol ist buchstäblich das Land, das für eine wesentliche Eskalation der Pandemie verantwortlich war. Mit diesem Wissen in dieser vollumfänglichen Arroganz aufzutreten, die so viel Schaden verursacht hat und verursachen wird, macht mich fassungslos.

Nicht getriggert, aber zumindest interessiert an der Diskussion um die Öffnung der Frisörsalons. Frisieren als Toppriorität, u.a. auch, weil so viel schwarz frisiert wird, was nicht coronasicher abläuft, mit der Öffnung soll zumindest dieses Sichere gewährleistet werden. Diese Öffnung ist wahlweise ein Votum des Volkes oder eine Kapitulation.

Auf ebenfalls interessierte Weise triggert mich die Geschichte des Unternehmers, der in Eigenregie einen funktionierenden Impfstoff gegen das Sars-CoV-2-Virus erfand. Der Unternehmer und studierte Mediziner, der sich mehrmals rassistisch und sexistisch äußerte und 2015 den Sturz Merkels forderte, ist Besitzer eines Kaufhauses in Görlitz, in dem Wes Anderson »Grand Budapest Hotel« drehte. Den Totimpfstoff hatte der Unternehmer bereits im Frühjahr 2020 an sich und seiner Familie probiert und mittlerweile an weiteren 60 Freiwilligen. Christian Drosten und Hendrik Streeck bestätigten die Wirksamkeit. Verklagt wird der Unternehmer der Tests wegen, in dem Verfahren wird er von Wolfgang Kubicki vertreten. Von allen seltsamen Geschichten, die in der Pandemie geschehen sind, ist das eine der seltsamsten.

Ansonsten: BioNtech beginnt mit der Impfstoffproduktion in Marburg. Ab Ende Februar soll es in Israel Impfausweise geben, »Grüne Ausweise«, mit denen bestimmte Örtlichkeiten wieder betreten werden dürfen. Pro Tag werden in Amerika 1,5 Millionen Menschen geimpft. In Deutschland sind über 2 Millionen Menschen geimpft. Weil in Jena bei -10° die Fernwärme ausfällt, werden die coronabedingten Kontaktbeschränkungen für die Betroffenen aufgehoben, es sei »zulässig, wenn Angehörige eines Haushalts sämtliche Angehörige eines von der Kälte bedrohten Haushalts aufnehmen«. Ein Mathematiker berechnet, dass alle derzeit existierenden Sars-CoV-2-Viren in eine Coladose passen würden. Brauer müssen Million Liter momentan unverkäuflichen Fassbiers wegschütten.

10. Februar | Flockdown II

Im Schnee gewesen. Anschließend keine Lust, den Satz zu schreiben »sickerte durch, dass der Lockdown voraussichtlich bis März verlängert wird«.

Ansonsten: Sachsen beschließt, ab Montag die Schulen wieder zu öffnen. Österreich beschließt, dass eine Ausreise aus Tirol für zehn Tage nur mit negativem Corona-Test erlaubt ist. Die politische Führung in Tirol bezeichnet die Maßnahmen als »Rülpser aus Wien«. Die Fachleute der WHO haben in China nicht klären können, auf welche Weise das Virus auf den Menschen übergegangen ist. Weltweit ist die Nachfrage nach dem russischen Impfstoff Sputnik V sehr groß. Laut einer Studie trugen die Antimaßnahmen-Demonstrationen im November zu einer starken Ausbreitung des Virus bei. Die 117jährige Ordensschwester André übersteht eine Corona-Infektion. Die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt unter 75.

9. Februar | Flockdown

Es ist wunderschön. Über Nacht bringt der große Polarwirbelsplit hüfthoch Neuschnee. Am nächsten Tag sind die SUVs bis zum Dach eingeschneit, ziehen Eltern ihre Kinder auf Schlitten über die nahezu autofreie Fahrbahn, wie überhaupt alle auf den Straßen laufen, mit Skiern geht es durch die Stadt, Schulen sind ausgesetzt, es wird empfohlen, wenn möglich, nicht zur Arbeit zur erscheinen. Über Nacht sieht die Welt nicht nur wie eine andere aus, man muss sich auch anders in ihr verhalten.

Wieder mal, müsste ich nach einem Jahr Pandemie schreiben, wieder einmal eine veränderte Welt. Aber diesmal ist die Veränderung nicht nur in den Newstickern, sondern vor jedem Fenster zu sehen, ist das Chaos, das einsetzt, ein gutes, eines mit roten Wangen und einer beherzt eingesetzten Anarchie des Möglichen. In diesem Ausnahmezustand fotografiert man, weil man sich daran erinnern möchte.

Gestern hat jemand den Begriff Flockdown für diese Welt gefunden – der Lockdown im Winter der Pandemie. Das, was der Lockdown nicht in vollem Umfang schafft, schaffen die Flocken: die Arbeit wird aufs Home Office verlegt, der Nahverkehr fällt aus, der Fernverkehr wird stark eingeschränkt, Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Die Cluster gefrieren bei minus zehn Grad, für die nächsten Tage soll dieser reproduktionszahlsenkende Zustand so bestehen bleiben. Wie schön wäre es, wenn sich in einer Woche eine Delle in den Kurven zeigte, ein Abfall der Zahlen, der Flockdowneffekt, der uns näher an die Inzidenz 10 bringt, der Polarwirbelsplit als Befürworter von No Covid?

Das wäre wunderschön, wenn nicht zeitgleich die Nachricht käme, dass der Impfstoff von AstraZeneca kaum gegen die südafrikanische Mutante wirkt, AstraZeneca, deren Impfstoff flächendeckend auf dem afrikanischen Kontinent eingesetzt werden sollte. Die Nachricht, dass Tirol, das Gebiet mit dem höchsten Anteil der südafrikanischen Mutante außerhalb Südafrikas, den Lockdown lockert. Wenn mittlerweile jeder schon mal einen Blick auf die Animationen mit der Verbreitungsgeschwindigkeit der britischen Variante in verschiedenen Ländern geworfen hat und insgeheim jeder in einem wachen Moment hochgerechnet und festgestellt hat, was das bedeuten könnte, wenn aus dem Flockdown das F wieder verschwindet.

Ansonsten: Bayern erwägt eine Grenzschließung zu Tirol. Am 8. Februar nehmen in NRW die Impfzentren ihren Betrieb auf. Laut einer Studie wirkt der BioNTech-Impfstoff gegen beide Mutanten. In Südkorea werden kostenlose Covid19-Tests für Haustiere ausgegeben. Weitere Fußballspiele werden der Mutante wegen in den osteuropäischen Raum verlegt. Unter den 25000 Zuschauerinnen beim Super Bowl befinden sich 7500 bereits Geimpfte aus dem Gesundheitswesen. Die Gesamtzahl der Coronatote in den USA steigt auf 463911. In Deutschland sinken weiterhin die Werte.

8. Februar | Fixed Where We Are

Eine Familie steht vor drei Mikrofonen. Auf die Melodie von »Total Eclipse of the Heart« singen zwei Erwachsene und vier Kinder über den Lockdown, ihren Lockdown.

Ich schaue das Video mehrmals, es berührt mich. Sechs sind zusammen, durch äußere Umstände gezwungen, auf engem Raum viel Zeit miteinander zu verbringen. Sie müssen das gemeinsam durchstehen und doch hat jede hat ihren eigenen Blick darauf. Die Mutter singt, dass es sich anfühle, als wäre sie der Room Service für die anderen. Die Mädchen singen, dass sie manchmal Angst haben. Die Jungen singen, dass sie niemand anderen treffen können. Die Kinder singen, dass sie längst alle roten Linien ihrer Eltern überschritten haben, dass sie grundlos Streit anzetteln, dass sie sich auf die Nerven gehen, dass sie größer werden, wachsen, ein Teil der Kindheit im Lockdown verbringen.

Die Familie ist ehrlich zueinander. Die Zeilen, die sie geschrieben haben, erzählen davon, was sie in den letzten Wochen und Monaten gefühlt haben. Es ist schwer, miteinander zu sein und das ständig. Und zugleich – sie singen. Sie haben sich etwas gesucht, das sie gemeinsam tun können. Sie haben gemeinsam einen Text geschrieben, gemeinsam geübt, gemeinsam einen Tanz einstudiert. Gemeinsam stehen sie dort und singen miteinander.

Das, was sie beschäftigt, sicher auch belastet, der ewige Alltag im Lockdown, das Verharren der Zeit, das Einfrieren der Tage, das Immergleiche, das zermürbt und anstrengt, bei dem jeder Funken ein Tropfen sein kann, der ein Fass zum Überlaufen bringt, das Zähe, das aufs Gemüt schlägt und zum Streit führt, zum Ärger aufeinander, all der Wahnsinn, den, wenn man ihm im Rückblick beschreiben sollte, nichtig, banal und klein wirken wird, der aber jetzt, Anfang/Mitte Februar, nach Wochen und Monaten im Lockdown, draußen die Pandemie, relevant ist und die ganze Welt ist, weil die ganze Welt stayathome ist, diesen widrigen Zustand haben sie in dieses Lied gepackt. Gemeinsam stehen sie vor drei Mikrofonen und singen »There is nothing we can do / we`re totally fixed where we are«

Wenn ich ein Bild suchen würde für Resilienz in der Pandemie, dann wäre es dieses Video.

Ansonsten: Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie fordert eine Öffnung der Autohäuser ab 15.2. Der Deutsche Städtetag fordert, dass Lehrerinnen und Erzieherinnen früher geimpft werden. Ministerpräsident Kretschmann bezeichnet den Lockdown light von November als Irrtum. Die Thüringer Regierung erarbeitet einen Stufenplan für mögliche Lockerungen vor, diese sind an sechs Inzidenzstufen gebunden.

Laut einer Studie schützt der Impfstoff von AstraZeneca nicht vor leichten und mittelschweren Erkrankungen bei der Südafrika-Mutation. Weil das Fußballspiel zwischen Liverpool und Leipzig wegen der Mutanten nicht in Leipzig stattfinden darf, fliegen die Mannschaften nach Budapest, um dort gegeneinander zu spielen. Der heftige Schneefall führt zu dem Neologismus Flockdown. Eine Privatperson aus Görlitz entwickelt einen funktionierenden Impfstoff gegen das Sars-CoV-2-Virus, weshalb die Staatsanwaltschaft Lübeck nun gegen ihn ermittelt.

7. Februar | Verhandeln

Ein Tag der extremen Nebeneinander. Saharastaub im Süden des Landes, im Norden Jahrhundertschneefall. Auf dem Theaterplatz zwei Demonstrationen. Erst »Wach auf! Die gefährlichste VERSUCHung seit es Impfungen gibt«, danach »Solidarisch durch die Krise«. Auch im Zeitempfinden heute eine extreme Gleichzeitigkeit: der gutmütig ahnungslose Februar 2020, dieser verklumpte und verklebte Februar, die mit wenig Zuversicht beladene naheste Zukunft, darüber hinaus die kommenden Monate, das Jahr.

Für die nächsten Wochen zeichnet sich eine Verlängerung des Lockdowns bis Februarende ab, vier Monate Lockdown dann im Ganzen. Die Notiz, dass, um den Durchhaltewillen zu stärken, kleine Maßnahmen für etwas »Aufhellung« sorgen sollen. Als Beispiel Lockerungen beim Blumenverkauf vor Valentinstag. Eine liebe Geste, deren Symbolik ins Gegenteil umschlägt, weil Blumenkaufen von den Dingen, die man gern wieder tun würde, nicht allzu weit oben rangiert, weil es höhnisch und hämisch erscheint, obwohl es doch auch nett gemeint sein könnte.

Ich lese einen Satz über den deutschen Mittelweg, der mit monatelangem Lockdown Light alle psychisch belastet und zugleich ausreichend Raum lässt für im Durchschnitt über 670 Tote am Tag, der Satz ist bitter gemeint, als Kritik. Dazu ein Interview mit der Virologin Melanie Brinkmann. Sie beschreibt darin ihre Sicht auf die Pandemie, die Maßnahmen, den kommenden Verlauf und vor allem ihre Erfahrungen bei der Beratung der politischen Entscheidungsträgerinnen. Einmal sagt sie: Geschacher. Man verhandelt über Inzidenzwerte, Wissenschaftler empfehlen 10, maximal 35, die Ministerpräsidenten sind sich uneins, die Politik einigt sich auf 50, obwohl es dafür keine wissenschaftliche Basis gibt.

Bei dem Wort »Geschacher« halte ich an. Aus ihrer Sicht, der Sicht der Wissenschaft, muss das so klingen. Einen »Basar« nennt sie das. Aus Sicht der Politik ist das anders. Von verschiedenen Seiten aus zu einem Kompromiss zu kommen, ist Politik.

Als ich das lese, denke ich an einen der berühmten Pandemie-Spruch: »Das Virus verhandelt nicht.« Aber Politik verhandelt. Ich denke an Luhmanns Systemtheorie. Dort sind es verschiedene gesellschaftliche Bereiche, die sich alle nach ihren eigenen Regeln organisieren. Treffen unterschiedliche Bereiche aufeinander, verursacht das Reibung. Die Systeme werden gestört, weil sich die verschiedene Regeln übereinanderlagern, erst geklärt werden muss, was in diesem Zusammenspiel der Bereiche gültig ist.

Hier sind es zwei Bereiche. Wissenschaft und Politik. Die Regel der Politik ist: Verhandeln. Nur: Die Basisreproduktionszahl lässt sich nicht verhandeln. Exponentielles Wachstum lässt sich nicht verhandeln. Verhandeln lässt sich, wie verschiedene Szenarien bewertet werden sollen. Dazu müssen diese Szenarien aber benannt und als mögliche Zukunft erachtet werden.

Dieses Fehlen der Gegenüberstellung der Folgen der Wege, die man gehen könnte, ist auch, was dem Instagramvideo neulich abging. Es genügt nicht zu sagen: Der Lockdown bringt Schaden und dieser Schaden sieht so aus. Dazu muss auch gesagt werden: Das Virus bringt Schaden und dieser Schaden sieht so aus. Ab da kann verhandelt werden. Und wenn man gemeinschaftlich zu dem Schluss kommt, dass der Schaden durch den Lockdown größer ist als der Schaden, den ein freilaufendes Virus verursacht, dann kann der Lockdown aufgehoben werden. Das Virus wird dann aber dennoch freilaufen.

Diese Rechnung gilt auch für B117 und B1351. Die Reproduktionszahlen stehen. Sie sind nicht verhandelbar. Es ist nicht verhandelbar, dass die Mutanten ansteckender sind und die dominierenden Varianten sein werden. Verhandelbar ist, was man mit diesem Wissen macht. Was daraus erfolgt.

Ein weiteres Bild kursiert. Ein Graph zeigt zwei Kurven der Infektionen. Eine Kurve sinkt, das bisherige Virus. Die andere Kurve steigt. Die Mutante. Anfang Februar ist sie kaum wahrzunehmen, unvorstellbar, dass aus dieser Zahl eine Bedrohung erwachsen könnte. Im Mai ist die Kurve zu einem steilen Berg gewachsen. Der berechnete Verlauf aus den bekannten Zahlen, ein Szenario.

Es ist wie eine Zeitreise, ein Jahr zurück: Im gutmütigen Februar beginnt eine Kurve anzusteigen, von deren Ursache viele glauben, sie wäre verhandelbar. Nur sind die Zahlen diesmal höher sind, ansteckender. Die Kurve ist wie eine neue Pandemie, die aus der alten erwächst. Verhandelbar ist dieses Szenario nicht. Verhandelbar ist, was wir mit diesem Wissen tun, ob wir schachern.

Ansonsten: In Colorado ermöglicht ein Umarmungszelt Umarmungen in einem Heim für betreutes Wohnen. In Sachsen-Anhalt wird diskutiert, weil Polizisten und Politiker abseits der Impfreihenfolge geimpft wurden. Als Termin für eine zentrale Gedenkfeier für die Toten der Pandemie wird der 18. April genannt.

6. Februar | Wo ist eigentlich die Grippe hin

Grippe und Influenza wurden laut offiziellen Stellen eingedämmt, weil die Menschen die Aha-Regeln so gut befolgen. Corona verbreitet sich so rasant, weil die Menschen die Aha-Regeln nicht befolgen. Beides passiert auf dem gleichen Planeten. Phänomenal.

Diese Zeilen lese ich unter einem maßnahmekritischen Beitrag. Ich stolpere darüber, ich hänge mich daran fest. Ein offensichtlicher Widerspruch wird formuliert, für den ich keine Erklärung habe. Die Zeilen nagen an mir. Ich will ihnen nicht recht geben, aber etwas entgegnen kann ich auch nicht. Ich muss annehmen, etwas stimmt nicht; etwas, das vieles in Frage stellen würde. Ich werde unruhig, ein Bhakdi-Zittern befällt mich. Zugleich habe ich Vertrauen. Aus der Erfahrung der letzten elf Monate habe ich gelernt, dass solche Widersprüche auftreten und dass es dafür Betrachtungen gibt, die helfen beim Verstehen.

Noch am selben Tag lese ich – ohne, dass ich danach gesucht hätte – einen Text, der eine Erklärung versucht: »The Pandemic Broke the Flu«. Der Text beschreibt, dass in den letzten Wochen und Monaten kaum Grippeviren nachgewiesen wurden, dass die Labore, die Virologinnen deshalb erstaunt und beunruhigt sind. Erklärungen werden gefunden: Gegen das Grippevirus gibt es bei allen Infizierten eine Grundimmunität, während Sars-CoV-2 für das Immunsystem neu ist. Die Pandemieregeln unterbinden die typischen Übertragungswege bei der Grippe effektiver als bei Sars-CoV-2, das Coronavirus ist ansteckender. Zusammengefasst: Sars-CoV-2 ist wesentlich erfolgreicher beim Verbreiten und verdrängt die typischen Viren der Wintersaison.

Die Beunruhigung ist: So wird es nicht bleiben. Die Grippesaison ist wichtig, weil es Laboren ermöglicht, mit den Informationen den Impfstoff für das nächste Jahr zu entwickeln. Durch eine Ansteckung kann das Immunsystem Antikörper bilden, die so nicht gebildet werden. Die Befürchtung ist, dass durch das Ausbleiben der Grippe die Grippe in der nächsten Saison umso heftiger wirken könnte.

Dann würden jene, die die Zeilen oben verbreiten, sich bestätigt fühlen in ihrem Bauchgefühl, weil sie zwar einen Widerspruch formulieren, damit aber stehenbleiben, nicht weiterfragen, nicht neugierig sind, nicht wissen wollen.

Und zugleich legt sich mein Zittern. Auch wenn es keine definitive Antwort gibt, gibt es ein Suchen danach, ein erstes Erklären, ein Nichtzufriedengeben.

Ansonsten: Die letzten lebenden dänischen Nerze sind getötet, womit wegen der Anfälligkeit für das Virus landesweit 15 Millionen Tiere gekeult wurden. In der Slowakei beträgt der Anteil von B117 an den Neuinfektionen über siebzig Prozent. In Polen öffnen ab kommender Woche wieder Kinos und Theater. Gegen die Stimmen der Republikaner wird im amerikanischen Senat das Corona-Hilfsprogramm gebilligt. Die Bundesregierung beschließt Corona-Hilfen für nicht festangestellte Schauspielerinnen. Um seine schwerkranke Frau vor einer Erkrankung zu schützen, entwendet ein Arzt eine Impfdosis und wird später dafür entlassen, die Frau wird die notwendige zweite Impfung erhalten. 13000 Neuinfektionen und 855 Coronatodesfälle in Deutschland.

5. Februar | Abschottung der Vernunft

Weil sich Tirol zu einem Hot Spot der Mutanten entwickelt hat, empfiehlt die Virologie Dorothee von Laer die Abriegelung des österreichischen Bundeslandes.

Wenn im Ansonsten der letzten Wochen Österreich auftauchte, dann oft in Verbindung mit Tirol: Hoteliers, die Urlaub in Südafrika machten, Impfstoffe an Privatkliniken, die Skiunfälle behandeln, Bürgermeister, die die Impfreihenfolge umgehen, Après-Ski in St. Anton, Razzia gegen Urlauber aus ganz Europa, die in Tirol Skifahren. In Tirol liegt Ischgl, das Ausgangspunkt der europäischen Virenverbreitung in der ersten Welle war.

Letztens habe ich einen Text gelesen, in dem sich jemand Gedanken macht, weshalb die Pandemie in Deutschland den bekannten Verlauf genommen hat: »Wenn sich die Menschen alle diszipliniert an die Regeln gehalten hätten, wären die Zahlen nicht so in die Höhe geschnellt … [Die Regierung Merkel] ist davon ausgegangen, dass alle – oder zumindest mehr – Menschen in Deutschland vernünftig sind … Womit sie auch nicht gerechnet hat ist, dass so viele Menschen ihre Strategie des „aufeinander Achtens“ und das Prinzip der Selbstverantwortung regelrecht sabotieren.«

Daran muss ich denken, als ich von einer möglichen Abschottung Tirols höre. Tirol, ausgerechnet Tirol. Was ist die Alternative zur Vernunft?

Ansonsten: Expertinnen empfehlen, dass auch bereits Covid19 Erkrankte geimpft werden. Die Patente für die Impfstoffe werden vorerst nicht freigegeben. Die EU-Kommissionspräsidentin erklärt, dass man von heute aus gesehen hätte »stärker parallel über die Herausforderungen der Massenproduktion nachdenken müssen«. Laut WHO schlägt sich die Pandemie dramatisch auf die Diagnose und Behandlung von Krebserkrankungen in Europa nieder. Intensivmedizinerinnen fordern eine Verlängerung des Lockdowns um zwei Wochen. Die Regierung beschließt einen weiteren Kindergeldbonus in Höhe von 150€. Nach einem Streit um die Gesichtsmaske wird in Erfurt ein Mann von einem Auto angefahren und mehrere Meter mitgeschleift. Wegen der Mutanten darf die Mannschaft des FC Liverpool nicht für ein Fußballspiel nach Leipzig reisen.

4. Februar | ein Video, zehn Millionen Mal geschaut

Eine Moderation spricht in einem auf Instagram hochgeladenen Video über die Pandemie. Sie möchte den Blick darauf lenken, was der Lockdown für Folgen hat, wie stark er die Menschen belastet. Sie spricht von der Situation der Kinder, von der Zunahme häuslicher Gewalt, der Zunahme von Depressionserkrankungen. Sie fragt, ob der Lockdown nicht mehr schade als er nutzt. Sie distanziert sich von Querdenkern, von Hildmann, von Wendler, von Verschwörungstheorien. Bis heute ist das Video zehn Millionen Mal abgerufen.

Videos wie diese tauchen in der Pandemie regelmäßig auf. Jemand, die keine Expertin ist und expliziert auch nicht als solche verstanden werden will, spricht über die Pandemie. Sie tritt als Privatperson auf und verfügt deshalb über eine besondere Form der Authentizität. Sie ist echt. Sie ist die Stimme, die nicht gehört wird. Deshalb wird sie oft geteilt.

Wenig später höre ich den neuen Update-Podcast. Auch dort sind Kinder das Thema. Der Experte erklärt, weshalb Kinder, anders als bei einer Influenza-Pandemie, bei Corona keine sogenannten Beschleuniger der Ausbreitung sind. Er sagt, dass es etwa 13 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland gebe und erklärt, dass es virologischer Sicht vertretbar sei, Schulen und Kindergärten zu öffnen, wenn dafür diese 13 Millionen Kontakte an anderer Stelle vermieden werden.

Und er sagt, dass aus virologischer Sicht erst einmal alles gesagt sei zum Thema Schulöffnungen, jetzt müssten die anderen Fachbereiche kommen und ihre Anmerkungen machen: »Also es ist genau richtig, wenn die Kinderärzte sagen, Infektionsepidemiologie hin oder her, aber wir sehen die Kinder und wir sehen, wie die leiden. Das hat auch medizinische Folgen, sowohl körperliche wie auch seelische Folgen. Und wir sind als Ärzte am Kindeswohl insgesamt interessiert. Die Pädagogen natürlich, die das von ihrer Seite reflektieren und die auch noch mal für den Schulbetrieb andere Lösung beitragen können, da ist dann irgendwann einfach der Virologe außen vor.« (ab Seite 8)

In dieser Art der Weltenerklärung fühle ich mich heimisch. Es ist eine geordnete Beschreibung der Situation, der aktuelle Istzustand wird erläutert, Veränderungen und Probleme werden benannt, in die Vergangenheit wird geschaut, Szenarien werden entwickelt, die Lösungsvorschläge enthalten, es werden die Grenzen des Machbaren aufgezeigt, die weißen Flecken im Wissen werden nicht verschwiegen, die Widersprüche. Das Berichtete ist nicht absolut. Es ist komplex, aber nachvollziehbar und wird immer wieder in Verbindung gebracht zum Alltag, zu einer praktischen Umsetzung. Dieses Erklären dient dem Verstehen, nicht dem Fühlen.

Das Video der Moderatorin erklärt auch. Aber dieses Erklären will nicht verstehen. Es wägt nicht ab, es zeigt nicht Für-und-Wider, es will nicht nüchtern sein. Dieses Video will mich überwältigen mit Fühlen, mit einem Angegriffensein, ist eine Fünfzehn-Minuten-Fassung des Simpsons-Meme »Denkt doch mal jemand an die Kinder«. Dagegen kann ich schwer sein. Jeder denkt an die Kinder. Jeder will, dass der Lockdown vorbei ist. Jeder will keine Zunahme häuslicher Gewalt und depressiver Gewalt.

Ich bin einverstanden mit diesem Wollen, natürlich, wie könnte es anders sein. Aber mehr erzählt mir dieses Video nicht. Es ist unvollständig, weil es verschweigt, was geschieht, wenn seine Forderung – die Beendigung des Lockdowns – umgesetzt wird. Was es bedeutet, wenn das Virus einmal durch die Bevölkerung läuft. Dieses Szenario spart die Moderatorin aus. Doch um entscheiden zu können, braucht es diese Information. Das Video ist unvollständig – und damit auch unredlich.

Ansonsten: Der Gesundheitsminister stellt eine Wahlmöglichkeit bei den Impfstoffen in Aussicht. In Großbritannien sind zehn Millionen Menschen geimpft. Der Ticketverkäufer Eventim schlägt vor, dass Konzertveranstalter die Teilnahme an Veranstaltungen von einer Impfung gegen Corona abhängig machen. Kleinere Veranstaltungen oder Restaurantbesuche könnten mithilfe von trainierten Spürhunden sicherer gegen das Virus gemacht werden.

Bei dem im Juni beschlossenen Hilfen erweist sich der Kindergeldbonus als wirkungsvoller als die Senkung der Mehrwertsteuer. Nachdem bei einem Hotelmitarbeiter eine Infektion festgestellt wird, müssen 500 Tennisspielerinnen für die Australian Open in Quarantäne verbleiben. Für Dienstag werden 9705 Neuinfektionen und 975 neue Todesfälle gemeldet.

3. Februar | Atmen im Park

Momentan gibt es nichts, dass ich neu fühlen müsste. Ich bin zwischen den Zeiten, stecke hüfttief im Treibsand des Lockdows, ein Zustand, der für Thüringen heute um eine Woche verlängert wurde. Anstatt Gereiztheit eine Art überdrehte Gleichgültigkeit, vorerst gehe ich verhältnismäßig gutgelaunt in Gespräche und Artikel über die Pandemie.

Gestern fand ein sogenannter Impfgipfel statt, ein Treffen von Entscheidungsträgern, dem keine Entscheidungen folgten, ein Termin, welcher der Repräsentation dient. Einziger Beschluss: Dem Impfstart in Deutschland darf nun offiziell das Wort »verkorkst« vorangestellt werden.

Natürlich ist alles komplexer. Man könnte daraufhin hinweisen, dass der geringeren Zahl der bestellten Impfdosen durch die EU bessere Preise und eine abgewendete Haftungspflicht gegenübersteht, es wurde verhandelt und am Ende standen diese Ergebnisse. Ich könnte fragen, ob das die Priorität sein sollte, ob das, was mich glücklich macht, eine abgewendete Haftungspflicht oder ein früherer Impftermin ist. Die Augen der Entscheiderinnen und Entscheider, die im letzten Jahr darüber entscheiden mussten, sind gerötet, die blasse Farbe ihrer zu wenig Schlaf bekommenden Haut überträgt sich auch auf die Argumentation.

Unabhängige Studien schreiben dem russischen Impfstoff Sputnik V eine Wirksamkeit von über neunzig Prozent zu. Über Sputnik V habe ich in den Coronamonaten skeptisch geschrieben, lässig, auch lästernd, habe auf die fehlenden Studien verwiesen. Ernst genommen habe ich den Impfstoff nicht. Sollten sich die Zahlen bestätigen, muss ich Abbitte leisten und freue mich, dass es einen weiteren wirkungsvollen Schutz vor dem Virus gibt.

Am Abend laufe ich durch den Park. Es ist dunkel und kalt. Während des Laufens fällt mir auf, dass ich atme. Ich atme aus und meine Aerosole visualisieren sich in Dampfwölkchen. Interessiert betrachte ich diese Ausbreitung meines Atmens, sie verflüchtigt sich wesentlich später als gedacht. Weil ich allein im Park bin, spreche ich, ich singe, ich huste, um zu sehen, wie weit die unterschiedlichen Laute treiben. Mir wird klar, dass aller Abstand, den ich in den letzten Wochen zu denen hielt, die ich draußen traf und sprach, innerhalb dieser Wolkenbewegung lag.

Dieser Erkenntnis könnte wichtig sein, denke ich, die Lichter des Bauhaus-Museums spiegeln sich auf den Eisschollen im Teich. Später lese ich von den E484K-Mutanten, einer Genveränderung der Virenstämme aus Südafrika und Brasilien, die nun in der britischen Corona-Variante auftreten, jeweils unabhängig voneinander entwickelt, was den Schluss zulassen könnte, dass dies die Evolution von SARS-CoV-2 darstellen könnte, eine natürliche Weiterentwicklung, ansteckender und, wie neue Ergebnisse zumindest andeuten, auch tödlicher.

Ansonsten: Thüringen verlängert den Lockdown bis zum 19. Februar. In Nürnberg streiken Schülerinnen gegen die Präsenzpflicht am Unterricht. Zum Anglizismus des Jahres wird »Lockdown« gewählt, »überzeugt hat die Jury … seine schnelle Integration in den Wortschatz des Deutschen«. In Berlin wird eine Maskenpflicht für alle Mitfahrerinnen in einem Auto beschlossen. Die Kanzlerin bittet die Bürger »noch eine Weile durchzuhalten«. In Köln sind zehn Prozent aller Infektionen auf die Mutanten zurückzuführen, im Großraum Paris liegt das Auftreten von B117 bei zwanzig Prozent.

700 Millionen Menschen sollen in diesem Jahr mit Sputnik V geimpft werden. Weil er vergisst, dass er eine Schutzmaske trägt, schlägt die Bissattacke eines Reisenden gegen eine Fahrkartenkontrolleurin in Hessen fehl. Der hundertjährige Tom Moore, der im letzten Jahr in einem Spendenlauf mit Rollator 32 Millionen Pfund für den Nationalen Gesundheitsdienst gesammelt hatte und dafür von der Queen zum Ritter geschlagen wurde, stirbt nach einer Covid19-Erkrankung.

2. Februar | endlich Erkältung

Ein Video mutmaßt über das Ende der Pandemie: SARS-CoV-2 könnte als jährlich wiederkehrende Erkältung enden, dann, wenn die meisten geimpft sind oder sich schon infizierten, dann, wenn das Immunsystem das Virus kennt und eine Erkrankung deshalb mild verlaufen wird. Die ohne Antikörper werden (Klein)Kinder sein, bei Kindern ist der Verlauf ohnehin milde, und wenn sich herausstellen sollte, dass das anders ist, erhalten die Kleinkinder bei der U4 eine SARS-CoV-2-Impfung, so wie gegen Pneumokokken oder Diphtherie.

In diesem Szenario wird sich SARS-CoV-2 einreihen in die Schlange der besiegten Viren. SARS-CoV-2 wird keine Gefahr mehr darstellen, keine Sorgen verursachen. SARS-CoV-2 wird eines von vielen sein und die Kinder werden später als Erwachsene nur schwer nachvollziehen können, warum dieses SARS-CoV-2 für zwei Jahre die Welt lahmlegte.

Die Herleitung zu dieser Vorstellung eines domestizierten SARS-CoV-2 ist nachvollziehbar, die Gründe, weshalb das Virus heute noch eine so große Gefahr darstellt, in einem Jahr schon nicht mehr, sind gut zu verstehen. Über die Logik, mit der Bedrohungen einmal im Sand verlaufen, habe ich vorher nie nachgedacht und jetzt, da es vor meinen Augen geschieht, erscheint mir dieser Verlauf beeindruckend schlüssig.

Bevor das Video dieses Ende zeichnet, beschreibt es den Weg dahin und die Fehlannahmen, die diesen Weg erschweren und verlängern könnten. Das Video erklärt den R-Wert und weshalb es nicht damit getan ist, die Risikogruppen zu impfen, unter welchen Bedingungen welche Teile der Bevölkerung geimpft sein müssen, damit SARS-CoV-2 einmal als Erkältung, vielleicht harmloser als die Grippe, endet.

Dass dieser Weg nicht vorgezeichnet ist, machen verschiedene Vorstöße aus den letzten Tagen deutlich. Vorgestoßen wird durch Überlegungen, Vorschläge, Forderungen zu Lockerungen. Die Zahlen sinken beharrlich, bei 11000 Neuinfektionen liegt der 7-Tages-Durchschnittswert. Eine Zahl, die vom Dezember und Januar aus gesehen Anlass zu Freude gibt, vom März 2020 aus gesehen, als die Horrorzahl bei 6000 lag, erscheint es seltsam, über ein Rückfahren der Maßnahmen zu sprechen.

Im Maße, wie die Zahlen sinken, steigen die Rufe nach Lockerungen. Ich wünschte, dieser zermürbende Coronawinter wäre schnell vorbei und noch mehr wünsche ich mir das Szenario von SARS-CoV-2 als Erkältung.

Ansonsten: In Österreich wird beschlossen, ab nächste Woche die Maßnahmen zu lockern. Bei polnischen Nerzen wird Covid19 festgestellt. Die Bundesregierung rechnet mit 300 Millionen Impfdosen bis Jahresende, genug für jeden Impfwilligen. In Israel werden die Impfungen in Alters- und Pflegeheimen abgeschlossen, in Großbritannien alle Erstimpfungen in Altersheimen. Wegen der Fälschung von Impfstoffen mit Kochsalzlösung werden in China 80 Verdächtige festgenommen. Im Südthüringer Landkreis Schmalkalden-Meiningen ziehen hundert Närrinnen bei einem illegalen Lichtmess-Umzug kostümiert durch den Ort. 120 treffen sich in Weimar zu einem Coronaspaziergang.

1. Februar | Übersterblichkeit

Seit einigen Tagen sind Zahlen zur Übersterblichkeit verfügbar, Zahlen, die Auskunft geben, ob 2020 mehr Menschen als in den Jahren zuvor starben, Zahlen schließlich, die, je nach Blick auf die Pandemie, beweisen, dass das Virus gefährlich ist oder nicht.

Es müsste eindeutig sein: einfach eine absolute Zahl neben eine andere legen. Bei näherer Beschäftigung stellt sich alles etwas komplexer dar. Ja, die absolute Zahl ist größer als in den Jahren zuvor. Nein, eine deutliche Übersterblichkeit kann deshalb nicht festgestellt werden, interpretieren einige Texte. Eine Übersterblichkeit ist vorhanden, steht in anderen geschrieben.

Verschiedene Faktoren werden genannt: Der Anteil Älterer an den Toten. Die Anzahl Älterer im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Eine Hitzewelle im Sommer. Eine ausbleibende Grippewelle. Eine Übersterblichkeit im März/April. Danach eine Untersterblichkeit. Ab Mitte Oktober eine Übersterblichkeit. In Sachsen in einigen Wochen eine Übersterblichkeit von über 40%. Eine allgemeine Untersterblichkeit von Jüngeren. Der Vergleich mit den vergangenen Jahren, in dem ein Jahr besonders hohe Zahlen aufwies, was deshalb die Statistik beeinflusst. Der Blick in andere Länder. Dazu erklären die Statistikerinnen, dass noch nicht alle Zahlen vorhanden sind, ab Jahresmitte werde damit gerechnet, erst dann lasse sich der Einfluss von Covid19 auf die Todeszahlen wissenschaftlich fundiert nachweisen.

Es sind Zahlen, aus denen sich so alles herauslesen lässt. Wer will, schaut auf die geringe Anzahl von Grippetoten und verrechnet diese siegesgewiss mit den Coronatoten. Wer will, der rechnet die Todeszahlen aus Sachsen, die höher sind als die Coronatoten, gegen und sieht sich in den verheerenden Auswirkungen des Lockdowns bestätigt. Wer will, greift sich Monate heraus und sieht dort eine Untersterblichkeit. Wer will, schaut auf den ständig steigenden Altersschnitt und muss zu dem Schluss kommen, dass die hohe Todeszahl wenig überraschend ist und nichts mit dem Virus zu tun hat.

Ich wünschte, es würde diese Zahl geben, die mit einem Mal alle Spekulationen, alles Querdenken beendet würde, eine Zahl, nach der Sucharit Bhakdi Abbitte leisten müsste, eine Zahl, die ich in allen Diskussionen wie einen Feuerschweif tragen könnte.

Stattdessen lege ich den zeitlichen Ablauf des Coronajahres, den Wechsel zwischen Infektionshöchstwerten und Lockdowns über die Sterblichkeitszahlen und sehe nach, wie die Linien verlaufen, murmele »No Glory in Prevention«, habe in der Pandemie gelernt, dass eine Pandemie komplex und vielschichtig ist, dass sich die Zahlen darin zum Teil zu widersprechen scheinen, dass eine Zahl immer Teil ihrer Umgebung ist, dass dieses Verstehen elementar ist für jeden Feuerschweif.

Ansonsten: Zur Eindämmung der Virusverbreitung schließt Portugal seine Grenzen. Um den überlasteten Krankenhäusern zu helfen, werden mit der Bundeswehr mehrere Notfallteams nach Portugal entsendet. Nachdem der Sicherheitsmann eines Quarantänehotels positiv getestet wird, wird die Millionenstadt Perth in einen Lockdown versetzt. Weil in einem Krankenhaus in Seattle ein Kühlschrank defekt ist und die Impfdosen schnell verabreicht werden müssen, werden 1600 Menschen außerplanmäßig geimpft.

In Wien treffen sich 5000 zu einem nicht genehmigten »Corona-Spaziergang«. Der hundertjährige Tom Moore, der im letzten Jahr in einem Spendenlauf mit Rollator 32 Millionen Pfund für den Nationalen Gesundheitsdienst gesammelt hatte und dafür von der Queen zum Ritter geschlagen wurde, erkrankt schwer an Covid19. Zum dritten Mal lehnt die Bürgerschaft in Hamburg es ab, Obdachlose in wegen des Lockdowns leerstehenden Hotelzimmern unterzubringen, bisher sind in diesem Winter elf Obdachlose in der Stadt erfroren.

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