Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.

Lesungstagebuch: „Ausschau halten nach Tigern.“

Zwickau, Baumhaus/Gasometer, 30. Juni

Die Frage ist ja auch, wie sich Gruppen definieren. Durch Äußerlichkeiten zum Beispiel. Bunte Haare, ein Anarchie-A auf der Lederjacke, vielleicht mit Hund. Das muss alternativ, möglicherweise sogar Punk sein. Und wenn zum Beispiel ein Verein ein Gebäude finden will, in dem sich alternative Jugendliche treffen könnten, kann es durchaus passieren, dass dieser Verein für Außenstehende als verantwortlich für alle alternativ ausschauende Jugendliche der Stadt wahrgenommen wird, auch die, die bunte Haare haben und ein Anarchie-A auf der Lederjacke tragen. Und wenn alternative Jugendliche vor dem sanierten Rathaus sitzen und manche zum Beispiel gegen das Rathaus urinieren, dann ist das irgendwie auch so, als hätte der Verein gegen das Rathaus uriniert. Und wenn der Verein gerade mit dem Rathaus in Verhandlungen über ein Gebäude für alternative Jugendliche steht, dann kann es sein, dass plötzlich die Frage wichtig wird, wer wo wie dazugehört und wie sich Gruppenzugehörigkeit definiert und was der Verein zu seiner Verteidigung zu sagen hat.

Solche Fragen werden vom Verein jeden Donnerstag in der Volxküche diskutiert. Und seltsam. Direkt nebenan ist das Gasometer, ein Ort mit Bühne, auf der wir zwischen 1998 und 2007 schon mehrmals standen, da allerdings mit Instrumenten in den Händen. Heute ist in unseren Händen Papier und die Bühne ein Café, ein alternatives Jugendcafé, mit den üblichen Zubehör alternativer Jugendcafés – Billardtisch, Kicker, eine Möglichkeit, in aller Ruhe youtube-Videos anschauen zu können und eine Modelleisenbahn.

Vor dem Gebäude, da wo Rauchen erlaubt ist, findet vor der Lesung das Plenum statt. Die Stimmung ist gedrückt, weil aufgrund einer nicht vom Verein verschuldeten Aktion möglicherweise viel von dem auf dem Spiel steht, was sich der Verein über Jahre hinweg aufgebaut hat. Heute ist das letzte Treffen vor der Sommerpause; was danach kommt, ist unklar und so gibt es viele Ansichten, die alle besprochen werden müssen.

Außerdem gibt es Hunger. Deshalb findet nach dem Plenum stets ein gemeinsames Essen statt. Jemand kocht und jemand stellt Teller auf den Tisch und jemand bringt dampfende Schüsseln mit Nudeln und Spinat und alle schieben die Stühle zusammen und nehmen Platz. Üblicherweise wird nach der Mahlzeit noch etwas geboten – Liedermacher, Themenabende, Kinofilme. Heute sind wir das etwas. Martin und ich. Martin kenne ich schon mein halbes Leben. Ein halbes Leben lang haben wir zusammen Musik gemacht. Wenn es von jedem guten Augenblick ein Foto gäbe und man diese Fotos aneinanderlegen würde, würde das bis zur Sonne reichen. Vielleicht auch zurück.

Wir essen nicht von den Spinatnudeln, weil wir von den beiden wichtigsten Regeln für eine ästhetisch einwandfreie Lesung wissen: A – kein Wasser mit Kohlensäure trinken und B – keinen Spinat essen, solange man noch Zähne hat. Vielmehr braucht es nicht für eine gute Lesung. Ein großartiger Text ist meistens ganz hilfreich, aber da muss sich Martin sowieso die wenigsten Sorgen von allen machen. Dann sind die Spinatnudelnschüsseln leergeschaufelt und die Raucherpause ist zweimal verlängert. Man hängt mit vollem Magen auf den Couchen oder ist gleich am Tisch blieben. So auch wir. An der Frontseite zwei Stühle. Das ist in etwa so, als würde man in einer WG-Küche sitzen und nach dem Essen nicht miteinander sprechen, sondern einer sagt: „Ich würde euch jetzt einfach mal etwas vorlesen.“ Da wüsste ich gern, welche Texte dazu passen könnten.

Vielleicht ja Heiligendamm. Heiligendamm gehört nicht zum Buch, aber möglicherweise zu diesem Ort, weil es von zivilem Ungehorsam erzählt und einer Revolution, die aus einem bestimmten Grund doch nicht stattfindet. Der Grund heißt Liebe. Und da Heiligendamm nicht zum Buch gehört, halte ich Blätter in der Hand, was sich ungewohnt anfühlt, so, als wäre der Text noch nicht fertig. Dabei ist er das seit ziemlich genau vier Jahren. Ich lese also. Währenddessen klingeln Handys oder jemand hievt sich von der Couch hoch und geht zu jemandem am Tisch und flüstert in Ohren oder andere betreten das Café oder verlassen das Café. Eine Menge Geräusche, meine Stimme und danach Martins Stimme sind einige davon.

Und weil das weniger eine Lese- als eine Gesprächssituation ist, erzählt man einfach mehr. Martin von der Arge und Doom und den Schreien von Henry Rollins und natürlich den Feuerwehrhelmen auf den Bürgersteigen von Dresden. Es kommt zu Reaktionen, Fragen auch und dann löst sich die Tischrunde schon auf bzw. man sitzt zusammen und redet weiter. Wissen über die Ausbildungscamps der Clown Army wird ausgetauscht und wie sich Bedarfsgemeinschaften für das Sozialgericht definieren. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes. Man könnte Stunden darüber reden, aber da ist das Plenum, das gemeinsame Essen, das Lesen schon beendet. Zu unseren Füßen bellt ein Hund, cherry flavored Zigaretten mit weinroten Filtern werden verteilt und aus der offenen Bibliothek werden estnische Kinderbücher mitgenommen.

Gelesen: Heiligendamm, Schweineholger

Wissenswertes zu: Ausschau halten nach Tigern

Was noch geschah:

Lesereise (15). Leipzig. Ich will.
Lesereise (14). Krefeld. In der Schule. Schon mal anders als das meiste.
Lesereise (13). Hamburg. Tee mit Käse.
Lesereise (12). Frankfurt. Willst du glücklich sein? Oder normal?
Lesereise (11). Köln. Momente der Unvernunft an Orten in weiß.
Lesereise (10). Hamburg. In Zahlen.
Lesereise (9). Hamburg. Zu viel ist auch nur eine Frage der Menge.
Lesereise (8). Köln. Die wunderbare Welt von ausgedachten Glühwürmchen.
Lesereise (7). Zwickau. Die Liebe in Zeiten des Regelsatzes.
Lesereise (6). Freiburg. Eine Tonne Omega-3-Lachsölkapseln.
Lesereise (5). München. Mein Der Regler.
Lesereise (4). JVA. Gürtelschnalle ist okay, Klapptaschenmesser nicht.
Lesereise (3). Erfurt. Zweimal das Tiger-Spezial.
Lesereise (2). Hamburg. Krass ist ein Wort, das immer geht.
Lesereise (1). Leipzig. Lies doch einfach schneller.

Vielleich auch interessant: Lesungstagebuch „Der Schlaf und das Flüstern.“

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